Inhaltsverzeichnis ii
INHALTSVERZEICHNIS
Abbildungsverzeichnis iv
Vorwort zur Schreibweise in der vorliegenden Arbeit und Selbstpositionierung 1
1 EINLEITUNG 4
1.1 Problemstellung und Zielsetzung 4
1.2 Gliederung. 5
1.3 Stand der Whiteness-Literatur 6
2 THEORIE DER CRITICAL WHITENESS STUDIES 8
2.1 Historischer Kontext und Entwicklung der Critical Whiteness Studies. 8
2.2 Definitionen von Whiteness. 10
2.3 Whiteness in der Literatur 14
2.4 Whiteness im (Hollywood-)Film. 16
3 VERGLEICHENDE ANALYSE VON WHITENESS IN DER LITERATUR UND IM
FILM AM BEISPIEL VON LOSING ISAIAH 20
3.1 Auswahl des Untersuchungsgegenstandes und Kurzbeschreibung 20
3.2 Metakategorien von Whiteness im Roman und Film Losing Isaiah 22
3.2.1 Gesellschaftliche Aspekte von Whiteness in Losing Isaiah. 23
3.2.1.1 Beruf und Wohlstand 23
3.2.1.1.1 Kapitalismus als Negativkriterium im Roman. 24
3.2.1.1.2 Khailas Preis für Whiteness im Film 31
3.2.1.2 Bildung und Intellekt. 38
3.2.1.2.1 Mensch-Tierdichotomie im Roman. 39
3.2.1.2.2 Khailas Erweiterte Kompetenzen im Film 45
3.2.1.3 Heim als Zuflucht 49
3.2.1.3.1 Weißes Netzwerk Manhattan im Roman 49
3.2.1.3.2 Mangel an Rückzugsmöglichkeiten im Film. 54
3.2.2 Religiöse Aspekte von Whiteness in Losing Isaiah 55
3.2.2.1 Familie und Mutterschaft als christliche Grundwerte 59
Inhaltsverzeichnis iii
3.2.2.1.1 Widersprüchliche Darstellung Margarets im Roman. 60
3.2.2.1.2 Khailas Stigmatisierung im Film 67
3.2.2.2 Allmachtsfantasien eines Weißen Messias 71
3.2.2.2.1 Weiße Errettungen im Roman 72
3.2.2.2.2 Hinterfragung des Weißen Messias im Film 75
3.2.3 Erzieherische Aspekte von Whiteness in Losing Isaiah. 77
3.2.3.1 Trennungstrauma oder kulturelle Entfremdung im Roman. 78
3.2.3.2 Zerreißen der heilen Familie im Film. 83
3.2.4 Vergleichende Betrachtung der Enden von Roman und Film. 88
4 SCHLUSSBETRACHTUNGEN 93
4.1 Fazit. 93
4.2 Ausblick 95
LITERATUR 98
FILME UND SERIEN 104
Anhang
Figureninventar im Roman Losing Isaiah
Figureninventar im Film Losing Isaiah
Filmdaten von Losing Isaiah
Sequenzprotokoll des Films Losing Isaiah
Wei ße Privilegienliste von Peggy McIntosh
Salomos Urteil
Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1: Khaila tanzend bei der Arbeit
Abb. 2: Khaila vor dem Prozess
Abb. 3: Khaila während des Prozesses
Abb. 4: Khaila am ersten Prozesstag
Abb. 5: Margaret am ersten Prozesstag
Abb. 6: Khaila während der dritten Prozessszene
Abb. 7: Margaret während der dritten Prozessszene.
Abb. 8: Khaila während der Urteilsverkündung.
Abb 9: Margaret nach der Urteilsverkündung
Vorwort und Selbstpositionierung
Vorwort zur Schreibweise in der vorliegenden Arbeit und Selbstpositionierung
Bevor die inhaltlichen Erörterungen zum Thema folgen, sollen an dieser Stelle einige Bemerkungen zur Schreibweise in der vorliegenden Arbeit gemacht und eine Selbstpositionierung versucht werden. Selbst unter den HauptvertreterInnen 1 der Critical Whiteness Studies ist in der Literatur keine konsistente Schreibweise auszumachen. Diese Arbeit folgt deshalb dem Beispiel der AutorInnen 2 , welche ihre Ausdrucksweise erläutern, weil die behandelten thematischen Grundlagen politische Implikationen aufweisen. Ich vertrete ebenfalls die Meinung, dass die Ausein-andersetzung mit den Critical Whiteness Studies konsequenterweise ein bewusstes Formulieren erfordert, da durch die Benennung bestimmter Begriffe die Haltung der AutorInnen zum Ausdruck gebracht wird. Ein vorangehender Hinweis soll vor allem vermeiden, durch unhinterfragte Nennung kritischer Begriffe rassistische Theorien zu reproduzieren.
Die Bezeichnung von Menschen als „Schwarz“ oder „Weiß“ und die damit verbundene Klassifizierung von Individuen erscheint mir grundsätzlich problematisch, denn ab welcher „natürlichen“ Hautschattierung hat man als „Schwarz“ oder „Weiß“ zu gelten? Eine außerhalb des Whiteness-Kontextes vorherrschende, an biologischen Merkmalen festgemachte Kategorisierung vernachlässigt den Aspekt der mit den Haut„farben“ einhergehenden Zuschreibungen durch die Gesellschaft. Einige AutorInnen 3 bevorzugen aus diesem Grund eine Großschreibung der Adjektive „Schwarz“ und „Weiß“, um deren Konstruktcharakter hervorzuheben. Ich werde mich in der vorliegenden Arbeit dieser Methode anschließen, um so meine Ablehnung gegenüber einer Farbzuschreibung erkennbar zu machen. Das Thema dieser Arbeit sowie die soziale Wirklichkeit erzwingen jedoch den Gebrauch rassifizierender Begriffe in der Auseinandersetzung mit ihnen. „Rasse“ 4 als eine Kate-
1 JeglicheSubjektbezeichnungen sind in dieser Arbeit grundsätzlich geschlechtsneutral zu verstehen.
2 Zum Beispiel: Beer (2002); Rommelspacher (1998); Schäfer-Wünsche (2004); Wollrad (2005).
3 Zum Beispiel: Wollrad (2005); Arndt (o.J.); Jungwirth, in: Hetzfeldt et al. (Hg.) (2004).
4 Die Wurzeln einer „rassischen“ Klassifikation des Menschen lassen sich auf das naturwissen-
schaftliche Verständnis des 18. und 19. Jahrhunderts zurückführen, das sich an der damaligen Zoologie orientierte und in dem physische Merkmale wie Haare, Statur, „Hautfarbe“ und dergleichen für eine Einteilung nach „Rassen“ festgelegt wurden. Vgl. Wander et al., in: Nakayama/Martin (Hg.) (1999), S. 15. Weitere historische Überblicke diverser Rassentheorien könnten hier erläutert werden. Darauf soll jedoch in dieser Arbeit nicht gesondert eingegangen werden, da die Auseinandersetzung damit eine vollkommen eigene Arbeit darstellen könnte und den Rahmen dieser Ausar- beitung übersteigen würde. Dabei soll die in der Realität noch immer vorhandene Klassifizierung
Vorwort und Selbstpositionierung
gorie wird hier als ein soziales Konstrukt angesehen, welches der Gesellschafts-ordnung in untereinander konkurrierenden Gruppen dient und das keinerlei Aussagekraft über das Wesen von Personen oder Menschengruppen besitzt. 5 Bei Begriffen wie „Rasse“ oder kolonialrassistischen Begriffen, deren Verwendung keinesfalls frei von gewaltvollen Zuschreibungen ist, soll durch Anführungszeichen der Status der Künstlichkeit hervorgehoben und eine Distanzierung davon deutlich gemacht werden. Gleiches gilt für einzelne Worte, von denen ich mich inhaltlich distanzieren und sie infrage stellen möchte, wie beispielsweise „normal“ oder „anders“.
Die Übersetzung des englischen Begriffs Whiteness müsste korrekterweise im Deutschen Weißheit lauten, welche durch die doppelte Bedeutung des phonetisch identischen Wortes Weisheit missverständlich und ungenau wird. Whiteness wird deshalb in dieser Ausarbeitung mit Weißsein synonym und der englische Begriff bevorzugt verwendet, zumal der spätere Untersuchungsgegenstand aus dem angloamerikanischen Raum stammt und sich diese Arbeit vor allem mit der dort vorherrschenden Whiteness befasst. 6
Ferner werde ich die Begriffe AfroamerikanerInnen bzw. Schwarze sowie Nicht-Weiße Menschen verwenden, wobei selbstverständlich nicht negativ impliziert werden soll, ihnen fehle die Eigenschaft des Weißseins 7 und sie wären deshalb in irgendeiner Weise unvollständig.
Eine Positionierung der schreibenden Person wird im Kontext der Critical Whiteness Studies zur Notwendigkeit, da ein Merkmal von Whiteness ihre scheinbare
nach „Rassen“ nicht übergangen werden, obwohl sie als rassistische und unhaltbare Konstruktion längst abgeschafft gehört. Doch zum Verständnis des Themas muss sie als Grundlage für historische Prozesse noch präsent bleiben. „Rasse“ als Begriff ist heute im deutschen Kontext aufgrund der Rassentheorien und der Vernichtungspolitik während der Zeit des Nationalsozialismus’ tabuisiert. Der englische Begriff race hingegen bezieht sich in heutigen Texten oftmals nicht (nur) auf biologische Merkmale, sondern vielmehr auf gesellschaftliche, soziale, kulturelle oder politische Dimensionen. Vgl. Amesberger/Halbmayr (2005), S. 135f. Tischleder (2001) und Arndt (2005) entscheiden sich deshalb ganz für die Verwendung des englischen Begriffs. Wollrad (2005) hingegen befürchtet dadurch eine Verharmlosung und benutzt weiterhin das deutsche Wort „Rasse“, auch deshalb, weil sie speziell über Whiteness in Deutschland schreibt. Race/„Rasse“ als Kategorie, ihre Entstehung und daraus resultierender Rassismus in den USA wird in vielen Literaturen beschrieben, zum Beispiel in: Wander et al., in: Nakayama/Martin (Hg.) (1999), S. 15ff; Demny (2001); Ferber (1999); Daniels (1997); Brown (2003); Shipler (1997).
5 Vgl. Kage (2004), S. 152; Mahoney, in: Delgado/Stefancic (Hg.) (1997), S. 325.
6 Vgl. Wollrad (2005), S. 21; Walgenbach (2005), S. 18. Der vermehrte Gebrauch von Anglizismen liegt in dem Thema der Critical Whiteness Studies begründet, da einige Begriffe in ihrer möglichen Übersetzung in das Deutsche meines Erachtens an Bedeutung verlieren können und im Englischen eine andere Dimension enthalten, wie in dem bereits erwähnten Beispiel von race und „Rasse“.
7 Vgl. Dyer (2006), S. 11.
Vorwort und Selbstpositionierung
Neutralität ist und die daraus entstehende Verschleierungstendenz Weißer Privilegien als eine Folge der Unsichtbarkeit angesehen werden kann, der es entgegenzuwirken gilt. Diese konsequente Forderung einzuhalten und einer klaren Selbstpositionierung Rechnung zu tragen, fällt mir als Verfasserin dieser Arbeit schwer und begründet sich in einer differierenden Selbst- und Fremdwahrnehmung. Als Deutsche mit deutsch-thailändischen Elternteilen habe ich das von mir unbewusst empfundene Weißsein mit all seinen Vorteilen kaum hinterfragt, das „exotische Anderssein“ wurde in den seltenen Momenten als positive Abhebung zur Umgebung innerhalb meines Deutschseins wahrgenommen. Durch die Beschäftigung mit den Critical Whiteness Studies hat sich mein Erfahrungshorizont jedoch dahingehend erweitert, dass ein nicht eindeutig Weißes Äußeres oftmals auch als nicht Deutsch gesehen wird und ich in der Öffentlichkeit von mir fremden Personen offensichtlich anders eingeordnet werde als von mir selbst. Für Astrid Albrecht-Heide ist ihr eigenes Weißsein ein gewählter Status:
„Weißsein ist […] keine Aussage über meine körperliche Existenz. Es ist zuallererst eine Aussage über meinen gewählten sozialen und kulturellen Status als Weiße. […] Grundlegend für meine Sicht ist der Gedanke, dass ‚wir‘ nicht quasi ‚schicksalhaft‘ oder marionettenmäßig eingebunden sind, sondern aktiv an ‚unseren‘ Positionierun- 8 gen beteiligt sind.“
Dies bedeutet, dass die Selbsteinschätzung durchaus von einer Fremdwahrnehmung abweichen kann, da Whiteness eben nicht allein an äußeren Merkmalen festzumachen und von vielen Aspekten abhängig ist. Ich entscheide mich zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes deshalb nach meinem ursprünglichen Empfinden für die Position der Weißen, privilegierten Autorin, die eine Arbeit über Whiteness in einem universitären, Weißen Kontext verfasst. Nach Eske Wollrad stellt Whiteness keinen endgültigen Status dar 9 , weshalb mit dieser Entscheidung ein möglicher zukünftiger Positionswechsel nicht ausgeschlossen werden kann.
8 Albrecht-Heide in: Eggers et al. (Hg.) (2005), S. 444.
9 Warum Whiteness erworben und verloren werden kann und keinen unverlierbaren Status besitzt, wird in Kapitel 2.2 auf S. 11 in dieser Arbeit beschrieben.
Problemstellung und Zielsetzung
1 EINLEITUNG
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
Im gesellschaftlichen Gefüge unterliegt der einzelne Mensch zahlreichen Klassifizierungen nach untereinander verschränkten Kategorien wie etwa „Rasse“, Klasse oder Geschlecht. 10 Eine dominierende Machtposition innerhalb dieser Gesellschaftsstrukturen nehmen dabei Weiße Menschen ein, deren Whiteness einen gewaltvollen Einfluss auf das Leben Nicht-Weißer Menschen hat. Die Untersuchung dieser Hegemonie Weißer Dominanz und den daraus resultierenden Privilegien der Weißen Bevölkerungsgruppe, ist das Hauptanliegen der sogenannten ‚Critical Whiteness Studies‘. Sie beschäftigen sich mit dem Ursprung und den Mechanismen der Bevorzugung Weißer Menschen, setzten sich mit Weißen Identitäten auseinander und versuchen, heute noch gültige rassistische Konstruktionen aufzubrechen.
Das Vorherrschen Weißer Allmacht zeigt sich auch immer wieder in medialen Erzeugnissen, in denen Whiteness oftmals reproduziert und nur selten kritisch reflektiert wird. Medienkulturelle Produkte tragen zur Identitätsbildung bei und formen die Vorstellungen des Einzelnen von Individualität, seine Auffassungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Klasse, Ethnizität, „Rasse“, Nationalität und Sexualität. Medien liefern Vorgaben, was als gut oder schlecht, als moralisch vertretbar oder kriminell anzusehen ist. Sie bieten Symbole und Mythen an, durch die Individuen sich selbst in den sie umgebenden Kulturkreis einordnen können und zeigen auf, wer machtlos ist oder Macht besitzt und in der Position ist, diese auszuüben. 11 Im Extremfall wird das wirkliche Leben durch die Medienrealität abgelöst und das eigene Denken und Handeln maßgeblich durch sie beeinflusst. 12 Hieraus leitet sich die These ab, dass Medien mittels ihrer emotionalen Ansprache in den Meinungsbildungsprozess eingreifen und eine große Wirkungsmacht auf den einzelnen Menschen haben können.
In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern die beiden Medien Literatur und Film von einer dominanten Weißen Sichtweise ge-
10 AndereKategorien und Gewaltachsen wie Sexismus, Antisemitismus, Benachteiligungen auf-grund von Behinderungen etc. könnten genauso gleichberechtigt untersucht werden, würden aber den Umfang dieser Arbeit übersteigen. Hier ist vor allem die Verschränkung von Whiteness mit der Kategorie Klasse relevant, wie in Kapitel 3.2.1 ab S. 24 in dieser Arbeit dargelegt werden soll.
11 Vgl. Kellner, in: Dines/Humez (Hg.) (1998), S. 5.
12 Vgl. Bosshart, in: Frizzoni/Tomkowiak (Hg.) (2006), S. 20f; Hickethier (1993), S. 11.
Gliederung
prägt sind. Durch ihre besondere Eigenschaft der Unsichtbarkeit ist es notwendig, Whiteness als ein Konstrukt auch im medialen Kontext sichtbar zu machen und ihre Reproduktion aufzudecken. Die folgende Analyse will exemplarisch aufzeigen, dass unsere Lebensansichten von gesellschaftlich erlernten Weißen Normen beeinflusst sind und durch Medieninhalte immer wieder bestätigt und erneuert werden. Zu diesem Zweck soll vor dem theoretischen Hintergrund der Critical Whiteness Studies eine Analyse des Romans und gleichnamigen Films Losing Isaiah 13 durchgeführt werden.
Für den ausgewählten Untersuchungsgegenstand spricht die vermeintlich kritische Darstellung eines Adoptionsfalls, der in ein Schwarz-Weißes Drama eingebettet ist. Dabei scheint die Geschichte den Anspruch zu haben, Leser und Publikum zu unterhalten, bei gleichzeitiger Sensibilisierung für das Thema unterschiedlicher „Hautfarben“. Das Analysepotential von Losing Isaiah liegt außerdem in der ausgeprägt dichotomen Darstellung der Figuren, die die relationale Eigenschaft von Whiteness deutlich widerspiegeln. Weiße und Schwarze Menschen scheinen in dem Werk weder gleichrangig angelegt noch familiär vereinbar zu sein. Anliegen dieser Arbeit ist es, hegemoniales Weißsein als durchgängigen Standard in Losing Isaiah aufzudecken. Warum ist Whiteness für den ungeübten Rezipienten so schwer zu entlarven und zu hinterfragen? Auf welchen unterschiedlichen Ebenen kann Whiteness als ein machtvolles Motiv zugunsten Weißer Menschen wirken? Die Antworten auf diese Fragen sollen in der vorliegenden Untersuchung herausgearbeitet und an Einzelaspekten belegt werden.
1.2 Gliederung
Zunächst soll ein kurzer Überblick über die Whiteness-Literatur gegeben werden, bevor sich der erste Abschnitt der Arbeit mit der Theorie 14 der Critical Whiteness
13 Margolis (1993). Der deutschsprachige Titel des Romans und Films lautet Die andere Mutter. Im Folgenden wird der Untersuchungsgegenstand nach dem Originaltitel des Films (Losing Isaiah) benannt, an dem sich auch die englische Romanausgabe orientiert, obwohl deren ursprünglicher Titel The Other Mother war. Aus dem Primärtext und dem Film wird in der Regel englisch zitiert, um die Analyse sprachlich so präzise wie möglich zu halten.
14 Es wurde sich in dieser Ausarbeitung gegen einen theoretischen Teil zu den Besonderheiten der Medientransformation und Literaturverfilmung entschieden, weil es hier nicht um die Untersuchung des Werkbegriffs, die Literaturverfilmung als Kunstform oder die Frage einer stoffgerechten Adaption gehen soll. Unterschiede in Roman und Film werden allein auf Whiteness hin geprüft. Vorhandene unterschiedliche Ausprägungen können zwar von den verschiedenen Medien abhängen, so zum Beispiel in ausführlicheren Textpassagen im Roman, die im Film aufgrund der begrenzten
Stand der Whiteness-Literatur
Studies befasst, um den Analysegegenstand in einen wissenschaftlichen Kontext einzuordnen. Hierzu werden eine historische Einordnung und eine Definition von Whiteness für diese Arbeit vorgenommen. Anschließend folgt eine Übersicht der Merkmale von Whiteness in der Literatur und im (Hollywood-)Film. Für den darauffolgenden Analyse- und Hauptteil der Arbeit, dem Nachweis von reproduzierter Whiteness in Losing Isaiah, wird ein Vergleich des Romans mit dem Film vorgenommen. Zu diesem Zweck werden zunächst Metakategorien von Whiteness herausgearbeitet. Diese teilen sich in gesellschaftliche, religiöse und erzieherische Aspekte und werden im zweiten Schritt für die Analyse durch Unterkate-gorien verfeinert. Für einen übersichtlichen Vergleich wird jeweils zunächst der Roman und anschließend der Film auf einen Aspekt hin untersucht. Die vergleichende Betrachtung der unterschiedlichen Ausgänge von Roman und Film bildet das Ende der Untersuchung.
In der Analyse wird keine klassische Roman- und Filmanalyse vorgenommen, die das behandelte Buch auf rein erzähltheoretischer Ebene oder den Film nach formal-ästhetischen Merkmalen untersuchen würde. Sowohl die Besonderheiten des Textes als auch die filmästhetischen Mittel kommen nur dann zur Sprache, wenn sie für die Untersuchung relevant und auf Whiteness bezogen auffällig sind.
1.3 Stand der Whiteness-Literatur
Seit Whiteness in einem wissenschaftlichen Kontext diskutiert wird 15 , sind zahlreiche Publikationen zu unterschiedlichen Fragestellungen von Whiteness erschienen. Deshalb sollen nachfolgend nur einzelne und für diese Arbeit wesentliche Autoren und Werke kurz vorgestellt werden, beginnend mit Toni Morrisons essayistischem Text Im Dunkeln spielen - Weiße Kultur und literarische Imagination 16 . Die auf Vorlesungen der Autorin beruhenden Essays leisten einen wichtigen Beitrag über die Literaturwissenschaft hinaus, weil Morrison gängige Klischees und Zuschreibungen innerhalb klassischer Texte amerikanischer Weißer Autoren aufzeigt und damit sehr früh einen vielzitierten Beitrag innerhalb der Whiteness-Diskussion geleistet hat. Ihre Anliegen sind dabei die Wandlung vom Schwarzen Objekt zum Schwarzen Subjekt und das Betreiben von Whiteness Studies für die
Abspielzeit verkürzt sind, doch diese sind nicht für die grundlegende Aussage relevant, sodass eine Bezugnahme zur Literaturverfilmung vernachlässigt werden kann.
15 Für eine historische Einordnung siehe Kapitel 2.1 ab S. 8 in dieser Arbeit.
16 Morrison (1994).
Stand der Whiteness-Literatur
Literatur. Darauf bezogen ist ihr eigener Beitrag allein schon deshalb erwähnenswert, weil er als einer der ersten benannte, dass die Darstellung Schwarzer Menschen als Objekte in den Texten häufig der Selbstversicherung einer Weißen Au-toren- und Leserschaft dient und Schwarze Menschen als Leser gar nicht angesprochen werden. Dabei deckt Morrison nicht nur Rassismus auf, sondern prägt auch den Begriff des amerikanischen Afrikanismus, der die Hervorhebung Weißer Gestalten und ihrer (guten) Eigenschaften durch das Herabsetzen eines Schwarzen „Anderen“ beschreibt 17 .
Eine umfassende Untersuchung, vor allem auf Filme sowie bildliche Darstellungen bezogen, hat der Filmtheoretiker Richard Dyer mit seinem Werk White 18 geliefert, das hier neben Morrisons Text als Grundlage angesehen wird. Nach Dyer ist Whiteness unter anderem religiös und von einer christlichen Symbolik geprägt. Auch Bärbel Tischleder stellt ihre Untersuchungen am Kino Hollywoods an und beobachtet an vielen Filmen das gleiche Phänomen wie Morrison es in Weißer amerikanischer Literatur aufgedeckt hat: Die Darstellung des Schwarzen Körpers ist konstruiert und dient lediglich der Selbstvergewisserung des Weißen 19 . Mehrere filmanalytisch relevante Sammelbände sind von Daniel Bernardi herausgegeben worden, in denen historische Filme genauso wie neuere Produktionen 20 auf Rassismus, Stereotype und Whiteness hin untersucht werden. Gwendolyn Audrey Foster konzentriert sich in ihrer Monografie Performing Whiteness - Postmodern Re/Constructions in the Cinema 21 ganz auf die Darstellung Weißer Figuren im Kino und schafft dabei unter anderem Kategorien des guten und schlechten Weißen (Körpers) im Kinofilm. Hernán Veras und Andrew M. Gordons Werk Screen Savi-ors - Hollywood Fictions of Whiteness 22 ist deshalb bemerkenswert, weil es an mehreren Filmen das Phänomen des „messianic white self“ 23 aufzeigt: Das Vor-handensein einer Weißen Retterfigur, mit deren Hilfe Nicht-Weiße vor dem Untergang bewahrt und in die Weiße Welt erhoben werden. Die Verschränkung von Whiteness mit verschiedenen anderen Kategorien wie Rassismus, Kultur und Religion untersucht Eske Wollrad aus feministischer Perspektive in ihrem Werk
17 Vgl. ebd., S. 81.
18 Dyer (2006).
19 Vgl. Tischleder (2001), S. 111.
20 Zum Beispiel der historische Film von D. W. Griffith The Birth of a Nation (nähere Erläuterungen zu diesem Film siehe Kapitel 2.4 auf S. 18 in dieser Arbeit) oder Peter Jacksons Lord of the Rings als neuere Produktion.
21 Foster (2003).
22 Vera/Gordon (2003).
23 Zum Typus des Weißen Messias als Retter siehe Kapitel 3.2.2.2 ab S. 71 in dieser Arbeit.
Historischer Kontext und Entwicklung der Critical Whiteness Studies
Weißsein im Widerspruch 24 , das vor allem für die Whiteness-Theorie in Deutsch-land maßgeblich ist.
Daneben sind noch zahlreiche andere AktivistInnen und WissenschaftlerInnen, wie zum Beispiel bell hooks, Susan Arndt oder Ruth Frankenberg zu nennen, welche sich umfassend mit der Thematik der Critical Whiteness Studies auseinandersetzen.
Die zahlreichen Beiträge können als Indiz dafür gewertet werden, dass ein starkes Bedürfnis vorliegt, Weiße Vorherrschaft zu thematisieren, kritisch zu reflektieren und in einen Gesamtkontext zu bringen. Die in dieser Arbeit zitierten Publikationen können deshalb nur eine Auswahl darstellen.
2 THEORIE DER CRITICAL WHITENESS STUDIES
2.1 Historischer Kontext und Entwicklung der Critical Whiteness Studies Die Entstehung der Critical Whiteness Studies zeigt auf, dass eine Weiße Vormachtstellung nicht haltbar und in die Krise geraten ist. 25 Die Erkenntnis, dass erst die Benennung eine Auseinandersetzung mit diesem Thema möglich macht, ist eine Schwierigkeit im Umgang mit Whiteness und vielleicht ein Grund, warum dieses Forschungsfeld noch nicht hinreichend im Alltag von Weißen Menschen wahrgenommen und entsprechend darauf reagiert wird. Als Theoriegegenstand Weißer ForscherInnen in einem größeren Bewusstseinszusammenhang sind die Critical Whiteness Studies noch relativ jung: Erst seit Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Whiteness in einem Weißen akademischen Zusammenhang
kritisch untersucht und konnte sich bis heute stark weiterentwickeln. Mittlerweile haben sich Weiße in zahlreichen Wissenschaftsbereichen, wie zum Beispiel den Literatur-, Sozial und Kommunikationswissenschaften oder in Verschränkung mit anderen Theorien, wie den Gender Studies 26 , mit Whiteness auseinandergesetzt. 27 Diese Debatten gehen jedoch selten über einen akademischen Kontext hinaus. 28
24 Wollrad (2005).
25 Vgl. ebd., S. 124.
26 Zu Whiteness bzw. race im Zusammenhang mit Gender und feministischen Studien siehe zum Beispiel: Bhavnani (Hg.) (2001).
27 Vgl. Johnson, in: Nakayama/Martin (Hg.) (1999), S. 3.
28 Vgl. Arndt, in: Eggers et al. (Hg.) (2005), S. 345.
Historischer Kontext und Entwicklung der Critical Whiteness Studies
Weißsein als ein Privileg im sozialen Macht- und Herrschaftsgefüge ist jedoch schon länger diskutiert worden. Nach bell hooks kann Whiteness bereits auf die Zeit des europäischen Kolonialismus’ und Sklavenhandels zurückgeführt werden, auch wenn keine Analysen in einem wissenschaftlichen Kontext vorgenommen oder schriftlich festgehalten wurden. Nicht-Weiße Sklaven und Hausangestellte sicherten ihr Überleben unter anderem dadurch, dass sie ihre Beobachtungen bezüglich der Weißen Herrschaft, zunächst mündlich, untereinander austauschten. 29 Später wurde dieses spezielle Wissen durch die slave narratives weitergetragen, bevor es spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. 30 So zum Beispiel von dem Soziologen W. E. B. DuBois, dessen Texte 31 schließlich grundlegend für die Schwarze Bürgerrechtsbewegung wurden, oder später von Frantz Fanon in dessen antikolonialistischem Hauptwerk Die Verdammten dieser Erde 32 . Viele afroamerikanische SchriftstellerInnen haben Whiteness und die damit einhergehende Unterdrückung Schwarzer Menschen durch Weiße zudem in zahlreichen Romanen verarbeitet. 33 Im Kontext der Black Power Bewegung, der Black und der Postcolonial Studies Mitte der sechziger Jahre in den USA 34 , entstand die Forschungsdisziplin der ‚Critical Whiteness Studies‘ sowie der Begriff Whiteness, mit dem Ziel, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu analysieren und anzugreifen. 35 Anschließend folgten ehemalige europäische Kolonialgesellschaften, allen voran Großbritannien, und begannen sich mit Whiteness auseinanderzusetzen. 36 Im feministischen Zusammenhang wurde von Schwarzen Feministinnen 37 nachgewiesen und kritisiert, dass die benannte ‚Frau an sich‘ in feministischen Kontexten vornehmlich Weiße Mit-telstandsfrauen meinte und die Interessen Schwarzer Frauen somit aus der Diskussion ausgeschlossen waren. Diese berechtigte Kritik hat den Whiteness-Diskurs bereichert und weiter ausdifferenziert. Außerdem zeigt sie die Schwierig-
29 Vgl.hooks, in: Frankenberg (Hg.) (1997), S. 165.
30 Vgl. Wollrad (2005), S. 33.
31 Zum Beispiel: The Souls of Black Folk (1903). Die genannten Beispielliteraturen werden im Text nicht mit Vollbelegen versehen, sondern sind dem Literaturverzeichnis dieser Arbeit zu entnehmen.
32 Fanon (1961).
33 Zum Beispiel: James Baldwin, Zora Neale Hurston, Nella Larsen, Toni Morrison, Alice Walker, Margaret Walker oder Richard Wright, um nur einige zu nennen.
34 Für eine speziell Schwarz-Weiße Abhandlung der Geschichte der USA und eine aktuelle Be-standsaufnahme von Politik und Demografie sowie soziologischen Betrachtungen siehe zum Beispiel: Thernstrom (1997).
35 Vgl. Reitsamer/Schmeiser (2005).
36 Vgl. Arndt, in: Eggers et al. (Hg.) (2005), S. 345.
37 Zum Beispiel hooks, in: Bhavnani (Hg.) (2001), S. 33ff.
Definitionen von Whiteness
keit auf, Positionen hierarchisch einordnen zu wollen: Eine Frau ist nicht zuerst als solche und dann erst als Schwarze unterdrückt, sondern stellt als Schwarze Frau eine Einheit dar, deren Belange nur begrenzt von Weißen Frauen innerhalb einer Feminismusdebatte pauschal verhandelt werden können. 38 Deshalb liegt dieser Arbeit die Überzeugung zugrunde, dass Kategorien wie beispielsweise Whiteness, Gender oder Klasse im Gesellschaftsgefüge gleichberechtigt nebeneinander stehen.
2.2 Definitionen von Whiteness
Whiteness entzieht sich für gewöhnlich im Weißen Alltag ihrer Benennung und die grundlegenden Charakteristika von Whiteness unterliegen einer ungewohnten Betrachtungsweise, die von Weißen Menschen die Bereitschaft erfordern, das eigene Individuum mit all seinen Eigenschaften und Fähigkeiten zu hinterfragen. Denn nach Peggy McIntosh ist Whiteness damit verknüpft, unverdiente Vorteile und Privilegien zu genießen, die man zufällig mitbekommt, weil man als Weiße/r geboren wurde. Die Annahme, dass jedes Handeln und erreichte Ziel der eigenen Individualität zuzuschreiben ist, spricht McIntosh Weißen Menschen ab und argumentiert mit ihrem bekannt gewordenen ‚Rucksack‘ an Weißen Privilegien, auf den sie sich jeden Tag verlassen können, dessen sie sich jedoch nicht bewusst sein müssen: „White privilege is like an invisible weightless knapsack of special provisions, assurances, tools, maps, guides, codebooks, passports, visas, clothes, compass, emergency gear and blank cheques.“ 39 Diese Privilegien sind die Grundausstattung, die einem Weißen Menschen bei Geburt mit auf den Weg gegeben wird und derer er sich selbst erst bewusst werden muss. Eine Bewusstmachung lässt sich jedoch vermeiden, wie Garvey und Ignatiev schreiben: „The white race is a club that enrolls certain people at birth, without their consent, and brings them up ac-cording to its rules. For the most part, its members go through life accepting the privileges of membership but without reflecting the costs.“ 40 Der Vergleich ist treffend, denn wer hinterfragt schon eine exklusive Mitgliedschaft oder würde diese absichtlich herausfordern und dadurch einen Ausschluss riskieren? Eine der ungeschriebenen Regeln lautet Schweigen über die Existenz eines solchen ‚Clubs‘,
38 Vgl. Wollrad, in: Eggers et al. (Hg.) (2005), S. 417.
39 McIntosh, in: Delgado/Stefancic (Hg.) (1997), S. 291.
40 Garvey/Ignatiev, in: Hill (Hg.) (1997), S. 346f.
Definitionen von Whiteness
um dessen Vorteile weiterhin genießen zu können, und eine weitere Regel das Verleugnen dieser Vorteile: „Als Strategie eingesetzt, bewirkt die Leugnung der eigenen herrschenden Position sowie die Aberkennung des Leids von rassistisch Beherrschten die Aufrechterhaltung der eigenen Machtposition.“ 41 Diese Erhaltung der Weißen Vormachtstellung und ihr gleichzeitiges Bestreiten liegen in der ständigen Angst vor ihrem Verlust begründet. Nach Wollrad stellt Whiteness mit all ihren Eigenschaften entsprechend keinen gesicherten Status dar, keinen Zustand, in dem man sich unverrückbar befinden kann: Nach ihrer These hat Weißsein einen Konstruktcharakter, nach dem niemand als Weiße/r geboren, sondern dazu gemacht wird 42 , womit ihre Aussage der von Garvey und Ignatiev gegenübersteht. Die Herstellung des Weißen Subjekts wird durch einen Prozess geprägt, der häufig ein psychisch gewaltsamer ist. 43 Somit bedeutet Weißsein nichts, das als dauerhaftes Privileg gesichert werden kann, da es keinen unverlierbaren Besitz darstellt. 44
Faktoren wie Klasse, Geschlecht, Religion und Nation haben ebenfalls einen wesentlichen Einfluss darauf, wie in einem bestimmten Kontext Weißsein definiert wird. 45 Dieses gerät zu einem wünschenswerten Konstrukt, das erworben werden kann und dabei nie sicher vor Verlust ist: „Weißsein bezeichnet ein System rassistischer Hegemonie, eine Position strukturell verankerter Privilegien, einen Modus von Erfahrungen, eine spezifische und wandelbare Identität, die zugesprochen, erkämpft und verloren werden kann.“ 46 Weißsein wird also zu einem kostbaren aber gefährdeten Besitz, welcher der Verteidigung bedarf. 47 Dies erfordert zweierlei Preise: Einen Preis als Anerkennung, den man für die eigene Whiteness bekommt und einen Preis als Opfer, den man zur Erhaltung der Whiteness bezahlen muss, wie zum Beispiel Anpassung an bestimmte Normen und Regeln, die nicht überschritten werden dürfen sowie Einhaltung von erwarteten Verhaltensmus- 41 Jungwirth,in: Hertzfeldt et al. (Hg.) (2004), S. 86.
42 Als Beispiel der ‚Weißwerdung‘ werden häufig die Irischen Einwanderer in den USA angeführt, welche zunächst keine Whiteness besaßen und sich diese unter anderem durch das Herabsetzen Schwarzer Menschen ‚verdienten‘. Zur Vertiefung dieses historischen Prozesses siehe Ignatiev (1995); Allen (1998) oder Scherl (2005) als zweites ‚Weißwerdungs‘-Beispiel über Elvis Presley. Der umgekehrte und gefürchtete Prozess, nämlich der Verlust von Whiteness und ein Ausschluss aus dem Weißen Kollektiv durch den (sexuellen) Kontakt mit Nicht-Weißen, wurden während der Kolonialzeit unter dem Begriff der „Verkafferung“ zusammengefasst, Vgl. Walgenbach, in: Eggers et al. (Hg.) (2005), S. 382; Wollrad (2003), Abs. 7-9; Arndt, in: Eggers et al. (Hg.) (2005), S. 351.
43 Vgl. Wollrad (2005), S. 82f.
44 Vgl. ebd., S. 25, 27, 41, 53, 95, 127.
45 Vgl. ebd., S. 54.
46 Vgl. ebd., S. 21.
47 Vgl. Wollrad (2003), Abs. 10.
Definitionen von Whiteness
tern. 48 Der Preis, den man für Whiteness entrichten muss, ist also häufig Verlust, zum Beispiel von geliebten Menschen, die nicht der Weißen Norm entsprechen und auf deren Gesellschaft man zugunsten der eigenen Zugehörigkeit zum Weißen Kollektiv verzichtet. Wollrad formuliert treffend, was das Wesen von Whiteness, das als so besitzenswürdig empfunden wird, ausmacht:
„Whiteness ist normal, durchschnittlich, alltäglich und - zumindest diskursiv - unsichtbar. Seine Präsenz artikuliert sich über Abwesenheit: Whiteness kann immer dann vorausgesetzt werden, wenn es nicht benannt wird. Die Bezeichnung ist überflüssig, denn jeder Mensch ist Weiß, es sei denn, er wird explizit und nachdrücklich als nicht-Weiß ausgewiesen. Whiteness hat vermeintlich keinen spezifischen Inhalt, es markiert eine Leerstelle und kann - wenn überhaupt - nur negativ über das definiert werden, 49 was es nicht [sic!] ist: nicht deviant, nicht exotisch, nicht bemerkenswert.“ Weißsein als eine Norm, die als „natürlich“ gilt, nicht aber bewusst wahrgenommen oder hinterfragt wird, scheint das Weiße Selbstverständnis zu bestimmen. Darin werden, wie Wollrad beschreibt, nur die „Anderen“, welche nicht Weiß, nicht unauffällig, nicht angepasst an die unsichtbare Masse sind, beobachtet und zu Objekten gemacht. Weiße sind dabei schauende und beschreibende Subjekte, denen vor allem die „Andersartigkeit“ Nicht-Weißer Menschen bewusst ist und auf welche sich ihre Aufmerksamkeit mittels des Weißen Blicks richtet. „Weißsein impliziert das Recht, alle Nicht-Weißen zu Objekten zu machen […]. Weißsein suggeriert, dass nur bestimmte Menschen ein Recht auf Schutz ihrer Würde haben.“ 50 Weiße Menschen haben damit eine vorherrschaftliche Stellung inne, die ihnen gesellschaftliche Macht und zahlreiche Privilegien materieller und immaterieller Art verleiht. 51 Richard Dyer spitzt dieses „Normalsein“ in seiner Behauptung zu, dass Weiße Menschen keiner „Rasse“ zuzuordnen sind, wie es bei Nicht-Weißen für gewöhnlich vorgenommen wird, sodass sie das Menschsein an sich repräsentieren: „At the level of racial representation, in other words, whites are not of a certain race, they're just the human race.“ 52 Es gibt demnach nichts Machtvolleres, als aus einer unsichtbaren Norm heraus für die Menschheit im Allgemeinen sprechen zu können:
„As long as race is something only applied to non-white peoples, as long as white people are not racially seen and named, they/we function as a human norm. Other people are raced, we are just people. There is no more powerful position than of being ‘just’ human. The claim to power is the claim to speak for the commonality of human-
48 Vgl.Wollrad (2005), S. 82f. 49 Ebd., S. 31f.
50 Ebd., S. 52.
51 Vgl. ebd., S. 41, 87.
52 Dyer (2006), S. 3.
Definitionen von Whiteness
ity. Raced people can't do that - they can only speak for their race. But non-raced 53 people can, for they do not represent the interests of a race.“ Dieses Privileg, als Weißer Mensch nicht für eine bestimmte Gruppe von Menschen oder seine „Rasse“ sprechen zu müssen, hat auch McIntosh in ihrer Privilegienliste aufgezählt. In dieser Liste von vierundfünfzig Punkten führt sie auf, was für sie als Weiße Person im Alltag selbstverständlich, aber durch die Normalität an sich schon privilegiert ist. 54
Whiteness liegt ein rassistisch strukturiertes Gesellschaftsverständnis zugrunde, in dessen Hierarchie Weiße Menschen eine übermächtige Position im Herrschaftsgefüge vertreten und deren Hauptprivileg die Wahlmöglichkeit ist, sich mit Rassismus auseinandersetzen zu können, dies aber nicht zu müssen. Nicht-Weiße Menschen haben diese Wahl nicht, sondern müssen rassistische Erlebnisse als Teil ihres Erfahrungshorizontes begreifen und sind „[…] ihr Leben lang mit Weißsein und Weißer Gewalt konfrontiert.“ 55 Mithilfe der Critical Whiteness Studies soll eine beobachtende Position eingenommen und dabei der Objekt-/ Subjektstatus umgekehrt werden. Dyer fordert deshalb: „[…] whiteness needs to be made strange.“ 56 und verlangt eine kritische Selbstbetrachtung ohne Weißen Narzissmus. 57 Sich als Weißer Mensch innerhalb eines Weißen Kollektivs zu positionieren und sich als ein Teil des Klassifizierungssystems zu verstehen, um anschließend die eigenen und als solche erkannten Privilegien freiwillig aufzugeben, ist ein umstrittenes Ziel der Critical Whiteness Studies und Walgenbach bemerkt dazu: „Weiße Privilegien sind […] in der gesellschaftlichen Struktur verankert. Deshalb ist es für Weiße Personen auch schwierig, sich außerhalb dieses Privilegiensystems zu positionieren. Die Abschaffung des Rassismus liegt nicht in der persönlichen Entscheidung einzelner Individuen.“ 58 Auch nach Wollrad kann der Einzelne sich schwer der strukturellen Dimension von Rassismus entziehen und aus dem Weißen ‚Club‘ austreten, weil verkannt wird, dass es keine Vorhaben des Individuums sind, Antirassist zu sein oder Rassismus für sich allein verlernen zu können. Denn jede Person ist und bleibt in Prozesse und Strukturen eingebunden, die nur in Gruppenarbeit angegriffen werden können, wozu wiederum ein theoretischer
53 Dyer (2006), S. 1f.
54 McIntoshs vollständige Auflistung der Privilegien befindet sich im Anhang dieser Arbeit.
55 Wollrad (2005), S. 176.
56 Dyer (2006), S. 10.
57 Vgl. ebd.
58 Walgenbach (2005), S. 42.
Whiteness in der Literatur
Rahmen vonnöten ist, innerhalb dessen man handeln und etwas bewirken kann. 59 Von Nicht-Weißen Menschen wird auch die Motivationsfrage kritisch betrachtet, warum man sich als Weißer Mensch überhaupt mit Whiteness auseinandersetzt. Dies scheint zunächst nicht nachvollziehbar, da Weiße im Dominanzverhältnis von allen Vorteilen profitieren und in der Beschäftigung mit Whiteness leicht in eine Position von Selbstlosigkeit geraten. Das damit einhergehende Weiße Selbstbild von sich als selbstlosem Menschen, der sich für das Wohlergehen anderer einsetzt, wird zusätzlich durch eine Erwartungshaltung ergänzt, nach der einem die „Anderen“ anschließend zu Dank verpflichtet sind. 60 Von Seiten Nicht-Weißer Menschen besteht zudem ein berechtigtes Misstrauen gegenüber der Annahme Weißer Menschen, diese könnten sich mit Whiteness befassen wie mit jedem anderen Thema auch, losgelöst von ihren eigenen privilegierten Erfahrungen als Weiße/r. 61 Jungwirth, die das Problem der Verortung einer Weißen, über Whiteness schreibenden Person ebenfalls sieht, bemerkt deshalb: „Eine kritische Aus-einandersetzung mit Weiß-Sein erfordert allerdings, dass Weiße, die die Herstellung von Weiß-Sein untersuchen […] ihre soziale Position ausweisen, d.h. sich in dem Herrschaftsverhältnis, das sie untersuchen, als positioniert begreifen.“ 62 Daraus ergibt sich eine Handlungsabfolge im Umgang mit Whiteness, die sich vereinfacht aus drei Stufen ableiten lässt: Bewusstmachung der eigenen bevorzugten Machtposition, Selbstpositionierung innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges im Weißen Kollektiv und anschließende freiwillige Selbstaufgabe der Privilegien und Vorteile.
2.3 Whiteness in der Literatur
Morrisons bereits vorgestellte Essaysammlung gilt bis heute als Grundlage, an der sich literaturtheoretische Whiteness-Analysen orientieren. Für Morrison ist die Literatur eine Komplizin des Rassismus’, wobei sie sich nicht anmaßen will, andere AutorInnen als RassistInnen zu bezeichnen. Dennoch sieht sie in der Sprache ein Medium, das Rassismus oft unbewusst verbreitet und häufig nicht zur gegenseitigen Verständigung beitragen kann, weil in den Formulierungen Weißer Schriftsteller Schwarzsein als Konstrukt Weißer Vorstellungen klischeehaft dargestellt wird.
59 Vgl. Wollrad (2005), S. 25.
60 Vgl. ebd., S. 182f.
61 Vgl. ebd., S. 51, 176.
62 Jungwirth, in: Hetzfeldt et al. (Hg.) (2004), S. 78.
Whiteness in der Literatur
Die Sprache als Instrument der Literatur ist für Morrison deshalb ein mächtiges Medium: „[…] denn als schwarze Schriftstellerin kämpfe ich mit einer und durch eine Sprache, die versteckte Anzeichen rassischer Überlegenheit, kultureller Hegemonie und abfälliges Ausgrenzen von Menschen in ihrer Sprache […] machtvoll beschwören und noch verstärken kann.“ 63 Ein Umgang mit Sprache, die frei von Rassismen ist, wird nach Morrison demnach zu einer Fertigkeit, die sorgfältig immer wieder durchdacht werden muss. Ihrer Aussage lässt sich zudem entnehmen, dass sie sich selbst nicht von der Gefahr ausschließt, eine rassialisierte Sprache zu gebrauchen. Zu Morrisons Zitat bemerkt Giroux folgendes und hebt dabei noch einmal deutlich hervor, welche gewaltvolle Wirkungsmacht Wörter haben können: „The involvement of the literary text in the political meaning of whiteness creates a relationship between literature and violence, literature and oppression, literature and evil. There is no escaping the fact that what Toni Morrison calls a ‘racially inflected language’ will bear all the marks - in its very aesthetic texture - of a worldly power that 64 has been employed to denigrate and brutalize, enslave and exterminate.“ Literatur unter dem Gesichtspunkt der Whiteness-Theorie betrachtet kann also literarisch anspruchsvoll und gleichzeitig mit unterdrückenden, zerstörerischen Elementen angereichert sein.
Da Morrison in ihren Essays klassische Texte untersucht, wäre eine zeitlich angepasste und weiterführende Whiteness-Analyse gegenwärtiger AutorInnen, wie beispielsweise Henning Mankell oder John M. Coetzee, interessant. Denn besonders diesen beiden (Weißen) Schriftstellern ist aufgrund ihrer Biografie eine kritische Betrachtungsweise und ein sensibler Sprachumgang zuzutrauen. Auch die jüngst durch den Nobelpreis ausgezeichnete Autorin Doris Lessing hat durch ihr geehrtes Werk wieder an Aktualität gewonnen, das einer differenzierten Betrachtung wert wäre. Eine weitere autoren- und werkübergreifende Untersuchung zu Whiteness in der Literatur, die mit Morrisons Text oder den zahlreichen Sammelbänden zu Whiteness im Film vergleichbar wäre, ist mir jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bekannt. 65
Fest steht, dass trotz zurückgehender Leserzahlen die Untersuchung literarischer Texte nach gewaltvollen Zuschreibungen und Weiß genormten Formulierungen weiterhin bedeutsam bleibt, weil Sprache instrumentalisierbar ist und Menschen beeinflussen kann. Auch Hall sieht in der „[…] Sprache das wichtigste Medium, in
63 Morrison (1994), S. 13. 64 Giroux, in: Hill (Hg.) (1997), S. 333.
65 Zu Einzelanalysen von Whiteness in der Literatur mit speziellen Fragestellungen siehe zum Bei- spiel: Curry (2000).
Whiteness im (Hollywood-)Film
dem die verschiedenen ideologischen Diskurse ausgearbeitet werden.“ 66 Deshalb ist ein Hinterfragen der Sprache in jedem literarisch wichtigen Werk notwendig, um die ideologischen Diskurse auf Whiteness zu prüfen und aufzudecken, dass Blackness häufig nur als „Kontrastfolie“ 67 dient, „um Whiteness zu affirmieren“, 68 so wie Morrison es auch mit dem amerikanischen Afrikanismus beschreibt. Nach Walgenbach handelt es sich dabei um eine Selbstrepräsentation des dominanten Weißen Kollektivs, das sich selbst viel zu häufig als positiv wahrgenommene Eigenschaften zuerkennt: „Die Konnotationen, mit denen Whiteness in literarischen und cineastischen Produktionen belegt wird, sind in unserer westlichen Gesellschaft dabei meist positiv besetzt: rein, rational, zivilisiert, respektabel etc.“ 69 Diese Konnotationen überwiegen nach wie vor in einem Großteil der heutigen Literatur, sodass Morrisons Forderung nach einem Perspektivenwechsel noch immer unerfüllt ist: „Mein Projekt ist ein Bemühen darum, den kritischen Blick vom rassischen Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zu den Bedienten.“ 70 Dieser Wandel vom Objekt zum bedienten Subjekt hat sich in Teilen der (unterhaltenden) Literatur noch nicht vollzogen, wie in der später folgenden Analyse aufgezeigt werden soll.
2.4 Whiteness im (Hollywood-)Film
Was vorangehend für die literarische Ebene herausgearbeitet wurde, gilt für den Film in verstärktem Maße: Whiteness wird nahezu durchgehend reproduziert und ist nach Wollrad „eine der effizientesten Lügen, die die Moderne hervorgebracht hat.“ 71 Um die Fiktion von Whiteness zu erhalten, „werden ideologische Maschinerien eingesetzt, die Weißsein als Signatur für alles Gute, Göttliche, für Fortschritt, Zivilisation und Ordnung in gesellschaftlichen Wahrnehmungs- und Interpretationssystemen verankern.“ 72 Für Wollrad ist solch eine Maschinerie die Populärkultur, zu der der Film, insbesondere der Hollywoodfilm, zählt, weil er für ein Massenpublikum produziert wird und damit ein bedeutsames Medium darstellt, das
66 Hall, in: Räthzel (Hg.) (2000), S. 151.
67 Walgenbach (2005), S. 28.
68 Ebd.
69 Ebd.
70 Morrison (1994), S. 125.
71 Wollrad (2005), S. 159.
72 Ebd.
Whiteness im (Hollywood-)Film
rassifizierte, hegemoniale Konstrukte vermittelt. 73 Auffallend ist hier das Wiederauftauchen der positiv konnotierten Selbstdarstellung des Weißen Kollektivs, die ersatzweise in dem Guten, Göttlichen und Fortschrittlichen wiedergefunden werden kann und die im Film als Norm beibehalten wird, wie auch Foster schreibt: „Whiteness as a construct depends on myths and distortions. What better place than the cinema to define, create, and maintain such myths and distortions?“ 74 Doch es bleibt eine der großen Lügen des Kinos, dass die Welt vor allem von attraktiven, Weißen Menschen mit heldenhafter Tendenz bevölkert ist. 75 Foster entlarvt diese Darstellungsweise als eine Verzerrung der Wirklichkeit, als das Aufrechterhalten eines Weißen Mythos’ mithilfe des Kinos. Denn sowohl zahlreiche Filme wie auch Fernsehserien 76 nehmen rassische Zuschreibungen in der Präsentation Schwarzer und Weißer Menschen vor, so zum Beispiel in den Charakteristika der Figuren bis hin zur Ausleuchtung der Schauspieler. Dies liegt filmhistorisch in der Geschichte des Hollywoodkinos begründet, das in seiner frühen Zeit ein Medium für Weiße war, „[…] ein Ort der kollektiven Imagination, der von seinen Gründervätern dazu gedacht war, den Glauben an den American Dream nach eigener Definition global zu verbreiten.“ 77 Dies führte dazu, dass Minderheiten im Hollywoodfilm in bestimmten stereotypen Rollen gezeigt wurden, beispielsweise als „[…] ‚blutdürstige Krieger‘, ‚primitive Wilde‘, Hausmädchen, Köche und Butler“ 78 , auf deren vermeintlich typische Verhaltensweisen sie reduziert waren. Durch die Verweigerung des „mächtigsten Mediums“ 79 , wie Bialasiewicz das Hollywoodkino nennt, diesen Gruppen eine eigene Geschichte, Persönlichkeit, Ambitionen und Selbstverwirklichung in der filmischen Darstellung zuzugestehen, wurden sie als gesellschaftliche Kraft unsichtbar gemacht. 80 Filme wie The Littlest Rebell, Gone with the Wind, Raintree County oder Glory präsentieren das Weiße
73 Vgl. ebd.
74 Foster (2003), S. 93.
75 Vgl. ebd, S. 138.
76 Weiter kann in dieser Arbeit nicht auf das ebenfalls umfangreiche Thema der Analyse von Fernsehserien eingegangen werden, weil sich daran eine eigenständige Untersuchung anschließen könnte, (zum Beispiel der US-Amerikanischen Serien 24, Desperate Housewives oder Grey’s Anatomy). Für die kurze Analyse der Fernsehserie Sex and the City siehe: Schulze (2005). Alle in dieser Arbeit genannten Beispielfilme und -serien sind unter der Angabe von Originaltitel, Regisseur, Erscheinungsjahr und Erscheinungsland alphabetisch nach Titeln in einer Film- und Serienliste aufgeführt, die an das Literaturverzeichnis anschließt. Sie sind deshalb im Text nicht mit Vollbelegen versehen.
77 Bialasiewicz (1998), S. 15.
78 Ebd.
79 Ebd.
80 Vgl. ebd.
Whiteness im (Hollywood-)Film
Amerika als eine Nation geborener Anführer. Das durch den Bürgerkrieg angeschlagene Weiße Selbstbewusstsein wurde wieder hergestellt, indem Schwarze benutzt und in den Filmen extrem stereotyp dargestellt wurden und die Weißen, neben der Mystifizierung des amerikanischen Südens, letztendlich immer als überlegen hervorgingen. 81 Als erster amerikanischer Spielfilm gilt David W. Griffiths The Birth of a Nation, der auf dem Roman The Clansman: A Historical Romance of the Ku Klux Klan 82 von Thomas Dixon basiert, der den Klu-Klux-Klan verherrlicht und Lynchmorde an Schwarzen als etwas Edles darstellt. Sowohl Buch als auch Film sind filmhistorisch nicht als persönliche Fixierungen der Schaffenden zu verstehen, sondern als Produkt ihrer Zeit. 83 Laut Tischleder ist The Birth of a Nation
„[…] eine signifikante Manifestation amerikanischer Mythenbildung […]. Die Toms, Bucks, Mammies und Coons sind keine Neuschöpfungen, sondern Reproduktionen schwarzer Stereotypen, die schon lange vor dem Aufkommen des Films die Vaudevilles, Minstrel-Shows oder die Literatur, allgemeiner: die weiße Imagination bevölker- 84 ten.“
Der Film ist deshalb nach Tischleder besonders prägnant für die Imagination und Inszenierung Schwarzer Körper durch das Weiße Amerika. 85 Inhaltlich von seinen Kritikern als rassistisches Machwerk angeprangert, war das dreistündige Epos technisch und stilistisch ein unübertreffliches Meisterwerk seiner Zeit, mit dem ein Grundstein für die künftigen visuellen und narrativen Strukturen Hollywoods gelegt wurde. Mit der Erstaufführung begann aber auch die Marginalisierung von Schwarzen im Film. 86 The Birth of a Nation ist als „master text“ 87 zu lesen, der alle folgenden Darstellungen von Schwarzen negativ beeinflusst hat: Lehrbuchartig hat er festgeschrieben, in welchen niederen Bereichen, wie zum Beispiel der Küche, Schwarze Menschen im Film anzusiedeln sind und kriminalisiert sie auf der Lein-wand, sodass Nicht-Weiße Menschen im Film häufig als gesellschaftliches Problem dargestellt werden. 88
Dieses racial stereotyping ist ein grundsätzliches Merkmal des Hollywoodfilms. Dessen immer wiederkehrende Muster sorgen für einen hohen Wiedererkennungswert, bieten dem (Weißen) Publikum Identifikationsmöglichkeiten und erzie-
81 Vgl.Vera/Gordon (2003), S. 16ff.
82 Dixon (1904).
83 Vgl. Bialasiewicz (1998), S. 16f. 84 Tischleder (2001), S. 112.
85 Vgl. ebd.
86 Vgl. Bialasiewicz (1998), S. 16.
87 Tischleder (2001), S. 111; Diawara (1993), S. 3.
88 Vgl. Diawara (1993), S. 3.
Whiteness im (Hollywood-)Film
len anhand bewährter Genres Kassenerfolge. Problematisch an diesen Hollywood-Stereotypen Nicht-Weißer Menschen ist ihre Eigendynamik, die sie über diese Muster hinaus entfaltet und deren Langlebigkeit entscheidend zur Marginalisierung dieser Gruppen beigetragen hat. 89 Snead hat die Stereotypisierung Schwarzer Menschen im klassischen Hollywoodfilm in drei Methoden zusammengefasst: Erstens durch Mystifizierung 90 , wobei gesellschaftlich bestehende Mythen mit den Mitteln des Films auf der Leinwand verstärkt wurden; zweitens durch Markierung 91 , die dazu diente, Schwarze gegenüber Weißen verstärkt zu kontrastieren und drittens durch das narrative Element der Auslassung 92 . Dabei wurden Schwarze innerhalb der filmischen Handlung aus gesellschaftlichen Positionen ausgegrenzt und ihre historische Erfahrung unterschlagen bzw. verzerrt dargestellt. 93 Nach Bialasiewicz hat das Zusammenspiel dieser Methoden die Verdrängung Schwarzer Menschen an den Rand der Leinwand bewirkt, sodass sie lediglich in einer Beziehung zu den Weißen Protagonisten existieren können und sich in festen Rollenklischees bewegen, „die die Darstellung vollständiger und ausgereifter Charaktere nicht zulassen. Dies führt zu dem von Filmwissenschaftlern häufig konstatierten lack of humanity, dem Fehlen natürlicher menschlicher Züge.“ 94 Obwohl rassische Differenzkriterien heute im Film allgemein schwieriger zu bestimmen sind, können zahlreiche Zuschreibungen ausgemacht werden 95 , denn noch immer unterrichten Filme den Zuschauer über das Leben „Anderer“, in das man sonst keinen Einblick hätte, und spiegeln in ihrer Lehrhaftigkeit nicht nur etwas von der realen Welt wider, sondern sind ein entscheidender Teil davon. So kann sich das Publikum im Medium Film selbst beobachten. 96 Doch es bleibt wei-
89 Bialasiewicz(1998), S. 8.
90 Zum Beispiel der Mythos von der „Primitivität“ Schwarzer Menschen, oftmals dargestellt durch den brutal black buck, welcher zum Inbegriff der Bedrohung der Weißen „Rasse“ wird. Von diesem Mythos der ungezügelten Sexualität Schwarzer Männer geht eine Macht aus, die es von Weißer Seite zu kontrollieren gilt. Demgegenüber steht der Mythos Schwarzer Menschen als Bewahrer des Systems, dargestellt durch den Typus des treuen Dieners Uncle Tom, der seine gesellschaftliche Position als Sklave und Dienstbote bedingungslos akzeptiert und sich seiner Weißen Herrschaft gegenüber loyal und aufopferungsvoll verhält. Vgl. Ebd., S. 8, 23f.
91 Zum Beispiel durch Weiße Schauspieler mit blackface Makeup, welche ein groteskes Bild Schwarzer Menschen abgaben, im Gegensatz zu den heldenhaft in Szene gesetzten Weißen Darstellern. Daneben stellen schlechte Ausleuchtung Schwarzer Gesichter und Dialekt weitere Markierungen dar. Vgl. Ebd.
92 Zum Beispiel in The Birth of a Nation: Im Film bleibt die Geschichte der Sklaverei unerwähnt, die Weiße Täterschaft wird verschleiert und Weißes Handeln verherrlicht. Vgl. Snead, in: Ders. et al. (Hg.) (1994), S. 42f.
93 Snead, in: Ders. et al. (Hg.) (1994), S. 4ff.
94 Bialasiewicz (1998), S. 9.
95 Vgl. Tischleder (2001), S. 116.
96 Vgl. Vera/Gordon (2003), S. 9; Bernardi, in: Ders. (Hg.) (2008), S. xvi.
Auswahl des Untersuchungsgegenstandes und Kurzbeschreibung
terhin das Vorrecht Weißer Zuschauer, dass in nahezu allen Filmen, Videospielen und im Fernsehen Weiße Figuren im Mittelpunkt stehen. Wenn vom ‚Mainstream-Kino‘ die Rede ist, bedeutet dies deshalb Weißes Kino. Die Ausnahmen davon sind so gering, dass Hollywood als eine Weiße Filmmaschinerie anzusehen ist. 97 Dieser zu widerstehen und die scheinbare Realität zu hinterfragen, bedeutet, die Weißen Ideologien selbst anzuzweifeln: „Hence, we do not escape reality when watching cinema uncritically; we perpetuate real ideologies when we think of cinema as ‘only the movies.’ To question cinema […] is to resist ideology.“ 98 Whiteness als unsichtbare Hegemonie im Film muss deshalb herausgefordert werden, da sie Rezipienten in ihrem Verhalten und in ihrer Fantasie beeinflusst.
3 VERGLEICHENDE ANALYSE VON WHITENESS IN DER LITERATUR UND IM
FILM AM BEISPIEL VON LOSING ISAIAH
3.1 Auswahl des Untersuchungsgegenstandes und Kurzbeschreibung
Die Auswahl des Analysegegenstandes für die Untersuchung von Whiteness in einem Buch oder Film sollte primär von den Weißen Figuren abhängen. Anderenfalls würde sich hegemoniales Weißsein bereits reproduzieren, indem sich der beobachtende Blick erneut auf die „Anderen“, die Nicht-Weißen richten würde. Losing Isaiah besitzt meiner Meinung nach deshalb das Transferpotential, Whiteness in den Unterhaltungsmedien Buch und Film nachzuweisen, weil Weißsein und Schwarzsein als unvereinbare Gegensätze verhandelt werden. Mit Wollrad argumentiert, begründet sich die Wahl auch dadurch, dass Weißsein eine „relatio- nale“ 99 Kategorieist: „Es gewinnt nur Gestalt im Gegenüber zu den pluralen und in sich homogenisierten Konstruktionen so genannter ‚Nicht-Weißer‘, wobei Schwarzsein seinen äußersten Gegensatz bildet.“ 100 Auch Tischleder schreibt, dass Whiteness von einem Gegenpol abhängig ist: „Dabei ist Weiß nicht isoliert wahrnehmbar, sondern - als sichtbare sowie als symbolische/soziale Kategorieauf den Kontrast zum Nicht-Weißen angewiesen.“ 101 Der gegenüberstellende Ver-
97 Vgl.Foster (2003), S. 143f.
98 Bernardi, in: Ders. (Hg.) (2008), S. xvi.
99 Wollrad (2005), S. 127.
100 Ebd.
101 Tischleder (2001), S. 122.
Auswahl des Untersuchungsgegenstandes und Kurzbeschreibung
gleich zweier Konstruktionen könnte kaum deutlicher ausfallen als in Losing Isaiah in den Figuren der beiden Mütter. In der Diskussion über die Identitätsbildung eines Kindes vor einem ethnischen Hintergrund reproduzieren der Roman und der Film Whiteness auf unterschiedlichen Ebenen. Dies drückt sich in den zahlreichen Eigenschaften aus, die Whiteness beinhaltet: Unsichtbarkeit, Normhaftigkeit oder Dominanz auf Seiten der Weißen Figuren sind nur einige Aspekte von Whiteness, die auszumachen sind. Wollrad betont weiter, dass Weißsein kein Eigenleben hat, denn „[…] es konstituiert sich erst und ausschließlich in Relation zu anderen Achsen von Macht wie Geschlecht, Klasse, Lebensform etc. […]. Somit ist Weißsein weder ein Abstraktum, das unabhängig von diesen Komponenten existiert, noch ist es kohärent.“ 102 Klasse als eine weitere Machtachse in Verschränkung mit Whiteness kann ebenfalls in Losing Isaiah aufgedeckt werden. Der Roman Losing Isaiah, geschrieben von dem Weißen Schriftsteller Seth J. Margolis, erschien erstmals im Jahr 1993 in Großbritannien und kann dem Genre der Unterhaltungsliteratur zugeordnet werden. Das emotional aufbereitete Drama ist eine Adoptionsgeschichte, in deren Mittelpunkt der Kampf zweier Frauen steht, die sich beide als die rechtmäßigen Mütter des Kindes Isaiah ansehen. Isaiahs leibliche Mutter Selma 103 bekommt schließlich, nach einem von ihr angestrengten Gerichtsprozess, den Sohn zugesprochen. Die beiden Frauen bleiben bis zum Ende der Handlung Antagonistinnen und stehen sich einzig in ihrer Liebe zu Isaiah nahe. Obwohl das Thema der Adoption und die Frage nach der rechtmäßigen Mutter inhaltlich für ein Drama ausgereicht hätten, präsentiert der Autor die Geschichte zusätzlich vor einem ‚racial background‘, indem er die leibliche Mutter (Selma) als Schwarze und die Adoptivmutter (Margaret) als Weiße Frau beschreibt. Dem Roman wird von mir unterstellt, dass er sich an eine Weiße Leserschaft richtet und diese automatisch als Weiß angenommen wird. Nach Morrisons Analysen 104 kommt dies häufig in Texten Weißer Autoren vor. Sie deckt auf, dass sich Schwarze häufig weder mit den Texten Weißer Autoren identifizieren könnten, noch sich darin wiederentdecken würden.
102 Wollrad (2005), S. 127.
103 Die Namen der Figuren wurden für das Drehbuch geändert und sind deshalb in dem Roman und Film unterschiedlich. In der Analyse werden entsprechend dem untersuchten Medium die jeweiligen von den Autoren vorgegebenen Namen verwendet (beispielsweise Selma Richards im Roman und Khaila Richards im Film). Eine tabellarische Auflistung aller Roman- und Filmfiguren befindet sich in Form eines zweigeteilten Figureninventars im Anhang dieser Arbeit.
104 Vgl. Morrison (1994). Zu weiteren Einzelheiten innerhalb Morrisons Analysen siehe Kapitel 1.3 auf S. 6f und Kapitel 2.3 ab S. 14 in dieser Arbeit.
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Therese Hochhuth, 2008, Whiteness in der Literatur und im Kino der Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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