Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Macht als Strategie im Kampf um Wissen und Wahrheit 4
3 Hyperrealität des Krieges und Implosion der Macht 7
4 Das Wesen der Kriegsmaschine 9
5 Schlussbetrachtung 12
6 Literaturverzeichnis 13
7 Selbständigkeitserklärung 15
2
1 Einleitung
Der Krieg 2 ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig: Meldungen über Terror und Bürgerkriege, über Tod und Zerstörung beherrschen die Medien; Konkurrenz und Machtkämpfe konstituieren unser alltägliches, soziales Umfeld; und auch in der Politik kämpfen Parteien um das Wohlwollen der Öffentlichkeit. Marco Althaus schreibt: „Politik ist Krieg mit anderen Mitteln. Politik ist ein Krieg um Positionen. […] Die Waffen der Politik sind Symbole für Furcht und Hoffnung“ (Althaus 2001:7). Seinen martialischen Formulierungen zufolge ist Politikmanagement eine Art Kriegshandwerk und eine Wahlkampagne ein kommunikativer Feldzug. Die Verwendung solcher Metaphorik verdeutlicht, wie sehr das menschliche Denken und Handeln von Konflikt und Aggression geprägt ist. Doch inwiefern kann Krieg nur als Aberration vom ‚Normalzustand’ gesehen werden? Ist er nicht vielmehr das zentrale Element unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens? Wie kann man das Politische als konfliktgeladene Repräsentation eines Kriegszustandes, eines permanenten Ausnahmezustands denken? Innerhalb der Politikwissenschaft rückt ein Konflikt- und Dissensverständnis des Politischen immer mehr in den Vordergrund, während liberale, kommunitaristische oder deliberative Denkmodelle an Bedeutung verlieren (Bröckling 2010:14). Dieses Essay wird das Konfliktverständnis von Politik im Rahmen einer Diskussion der Theorien von drei französischen Philosophen betrachten; dabei soll die Methode selbst eine der Konfrontation sein: Michel Foucault, Jean Baudrillard sowie Gilles Deleuze und ihre jeweiligen Überlegungen bezüglich der Frage, wie man das Politische als Kampf, gar als Krieg, denken kann, werden darin Platz finden und, ähnlich eines Streitgespräches, ihre Parallelen, Diskontinuitäten, Standpunkte und Strategien aufzeigen. Die Wahl der drei erfolgte aufgrund ihres Spannungsverhältnisses zueinander: In
1 Hermann Hesse: Der Steppenwolf. Berlin: Aufbau-Verlag, 1990, S. 148
2 Die Begriffe Krieg, Kampf und Konflikt werden je nach wissenschaftlichem Kontext divers diskutiert und
definiert. Konflikt nach Messmer (2003: 42) ist ubiquitär, sozial endemisch, unbestimmt und gerät damit zum
abstrakten Sammelbegriff. Kampf und Krieg bilden wiederum Konflikte, die mit bewaffneter Gewalt
ausgetragen werden. Im den Theorien Foucaults, Baudrillards und Deleuzes werden diese Begriffe jedoch in
einem anderen Sinnzusammenhang verwendet, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
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vielfältigen Veröffentlichungen haben sich Foucault, Baudrillard als auch Deleuze gegenseitig kritisiert, theoretische Fragmente des jeweils anderen übernommen, Ideen weiterentwickelt oder verworfen. Das Verhältnis zwischen ihnen war, als eine Folge der Aushandlung und Verwandlung ihrer Differenzen, durchaus von Produktivität geprägt, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
2 Macht als Strategie im Kampf um Wissen und Macht
Der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984) erklärte in einem Interview sein methodologisches Vorgehen folgendermaßen:
Auf was man sich meiner Meinung nach beziehen muß, ist nicht das große Modell der Sprache und Zeichen, sondern das des Krieges und der Schlacht. Die Geschichtlichkeit, die uns mitreißt und determiniert, ist eine kriegerische; sie gehört nicht zur Ordnung der Sprache. Machtverhältnis, nicht Sinnverhältnis. Die Geschichte hat keinen ‚Sinn’, was nicht heißen soll, daß sie absurd oder inkohärent ist. Im Gegenteil, sie ist intelligibel und muß bis in ihr kleinstes Detail hinein analysierbar sein: jedoch entsprechend der Intelligibilität der Kämpfe, der Strategien und der Taktiken. (Foucault 1978:29)
Für Foucault bildet der Krieg eines der Hauptwerkzeuge zur Analyse einer Macht, die er nicht als Eigentum, sondern als Strategie auffasst, deren Herrschaftswirkungen „nicht einer ‚Aneignung’ zugeschrieben werden, sondern Dispositionen, Manövern, Taktiken, Funktionsweisen“ (Foucault 1994:38). Die Macht im Sinne Foucaults ist „etwas, was sich entfaltet; nicht so sehr das erworbene oder bewahrte ‚Privileg’ der herrschenden Klasse, sondern vielmehr die Gesamtwirkung ihrer strategischen Positionen - eine, welche durch die Position der Beherrschten offenbart und gelegentlich erneuert wird“ (ebd.). Foucault zeichnet damit ein ganz anderes Bild als die traditionelle Geschichtsschreibung, ein Bild von „zahllose[n] Konfrontationspunkt[n] und Unruheherde[n], in denen Konflikte, Kämpfe und zumindest vorübergehende Umkehrung der
3 Clausewitz 2009:22; Alliez/Negri 2008:138; Foucault 2001:63
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Machtverhältnisse drohen“ (ebd.:39). Diese Macht ist nicht homogen, sondern definiert sich über die Singularitäten, durch die sie hindurch geht; Machtzustände sind immer lokal, instabil, polymorph und allgegenwärtig (Foucault 1983:144); Machttechniken schließlich lassen sich nicht nur auf Repression reduzieren, sondern sind durchaus produktiv, sofern sie sich an die Produktion von Diskursen und Wissen knüpfen (ebd.:22f.) 4 . Gewalt, Repression oder Ideologie sind demnach nicht notwendigerweise die Mittel, durch jene Macht operiert, diese bilden „nicht den Widerstreit der Kräfte, sondern sind lediglich der im Kampf aufgewirbelte Staub“ (Deleuze 1992:45). Foucault zeigt, dass unser scheinbar harmonisches gesellschaftliches Zusammenleben keineswegs ein Friedenszustand ist, genauso wenig wie die Macht kein erworbenes Eigentum einer herrschender Klasse ist: Vielmehr befinden wir uns in einer Art permanenten Kriegszustand, in dem die Macht als Strategie angewandt wird. Es stellt sich die Frage, um was wir überhaupt kämpfen. Die Antwort verrät schon der Titel des ersten Bandes der berühmten Trilogie Foucaults: Der Wille zum Wissen. In diesem Werk wird deutlich, wie die Produktion von Wissen und Diskursen an Machtverhältnisse geknüpft sind:
Die Diskurse ebenso wenig wie das Schweigen sind ein für allemal der Macht unterworfen oder gegen sie gerichtet. Es handelt sich um ein komplexes und wechselhaftes Spiel, in dem der Diskurs gleichzeitig Machtinstrument und -effekt sein kann, aber auch Hindernis, Gegenlager, Widerstandspunkt und Ausgangspunkt für eine entgegengesetzte Strategie. Der Diskurs befördert und produziert Macht. (Foucault 1983:122)
Innerhalb der Macht als Strategie des Krieges fungieren Diskurse demnach als taktische Elemente, die ein Wechselverhältnis zwischen Macht und Wissen produzieren. Das Gesellschaftsmodell, das Foucault vorschlägt, ist ein strategisches oder ein kriegerisches,
weil es einer der grundlegendsten Züge der abendländischen Gesellschaften ist, daß die Kräfteverhältnisse, die lange Zeit im Krieg, in allen Formen des Krieges, ihren Hauptausdruck gefunden haben, sich nach und nach in der Ordnung der politischen Macht eingerichtet haben. (ebd.:124)
Das strategische Modell soll das juridische Modell ablösen, da das Gesetz nicht mit Befriedung gleichgesetzt werden kann, da der Krieg in allen Machtmechanismen, auch wenn sie institutionalisiert oder geregelt sind, weiter wütet (Foucault 2001:67). Ein Diskurs ist demnach immer etwas, worum und womit man kämpft. Gleichzeitig ist er den Begrenzungen seiner Macht unterworfen. Foucault beschreibt unter anderem den Willen zur
4 Gilles Deleuze fasst in Foucault die Überlegungen zur Macht sehr treffend zusammen: „Daher entwickeln sich
die großen Thesen Foucaults über die Macht […] in drei Rubriken: die Macht ist ihrem Wesen nach nicht
repressiv […]; sie wird eher ausgeübt als besessen […]; sie verläuft genauso durch die Beherrschten wie durch
die Herrschenden […]. Ein tiefsitzender Nietzscheanismus.“ (Deleuze 1992:100)
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Arbeit zitieren:
Julia Leser, 2010, Permanenter Ausnahmezustand, München, GRIN Verlag GmbH
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