Einleitung
Der Film Il gattopardo von Luchino Visconti wurde 1963 gedreht und basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Das zentrale Thema dieses Films ist das Risorgimento. Es wird aus der Perspektive des Fürsten Fabrizio erzählt, der das Oberhaupt der Fürstenfamilie von Salina ist. Angesichts der Veränderungen, die das Risorgimento mit sich bringt, realisiert er den Untergang seiner Klasse. Der Film spielt in der Zeit von Mai 1860 bis November 1862.
In dieser Hausarbeit soll untersucht werden, wie das Risorgimento in Il gattopardo dargestellt wird. Diese Untersuchung soll so erfolgen, dass die wichtigsten Charaktere analysiert und damit ihre spezifischen Perspektiven auf das Risorgimento erfasst werden. Außerdem werden einzelne wichtige Szenen aus dem Film herausgenommen und auf ihren Risorgimento-Bezug hin untersucht. Die zentrale Fragestellung ist, ob sich in Sizilien etwas an der sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Lage verbessert hat, oder nicht. Worauf in der Hausarbeit nicht eingegangen wird, ist die Lage der Kirche und der Klöster in der Zeit des Risorgimento. Die in der Arbeit wiedergegebenen Filmzitate stammen entweder aus „Der Leopard“ von Luchino Visconti (erschienen bei Süddeutsche Zeitung Cinemathek, München 2005) oder aus dem in „Il film ‘Il gattopardo’ e la regia di Luchino Visconti“ enthaltenen Drehbuch (a cura di Suso Cecchi d’Amico, Rocca San Casciano: Cappelli, 1963). Es bestehen teilweise Unterschiede zwischen dem Drehbuchtext und dem im Film gesprochen Text. Wann immer es die Sprechgeschwindigkeit zuließ, habe ich wörtlich aus dem Film zitiert, andernfalls aus dem Drehbuch.
1. Der tote Soldat im Garten
Der Film beginnt damit, dass die Fürstenfamilie bei ihrem Rosenkranzgebet gestört wird, weil von draußen Lärm zu hören ist. Der Grund für diesen Lärm ist: Im Garten des Anwesens der Corberas ist ein toter bourbonischer Soldat gefunden worden. Kurz danach bringt ein Diener dem Fürsten einen Brief von seinem Schwager. Diesem liegt ein Zeitungsartikel bei, der meldet, dass am 11.05.1860 die Truppen Garibaldis in Marsala gelandet seien. Der Tote im Garten stellt bildhaft das Eindringen der politischen Umbrüche in das Privatleben der Fürstenfamilie dar. Besonders eindringlich wird die Störung des Familienlebens dadurch, da sie bei etwas so Intimen wie dem gemeinsamen Gebet unterbrochen wird. Den Aufruhr, der nun im Haus entsteht und der durch den hysterischen Anfall der Fürstin noch verstärkt
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wird, kann man als einen Vorboten für die nun bald folgenden Veränderungen verstehen. Unterstrichen wird dies durch die Aussage Pater Pirrones: „È la rivoluzione“ (Kap. 2).
2. Der Fürst
Fabrizio Corbera di Salina, der gattopardo als den er sich selbst begreift, ist eine Autoritätsperson. Er liebt seinen Neffen Tancredi sehr. Dies wird deutlich wenn Pater Pirrone auf der Fahrt nach Palermo zum Fürsten sagt, Tancredi müsse vorsichtig sein, mit wem er sich treffe und mit wem er befreundet sei. Der Fürst erwidert daraufhin ärgerlich: “La colpa, padre, non è affatto di don Tancredi, ma solamente dei tempi. Oggi un giovane di buona famiglia non è libero nemmeno di fare una partita a carte senza inciampare in amicizie compromettenti e pericolose.” (Kap. 3)
Auch die Art, in der er im vierten Filmkapitel mit Tancredi spricht, macht deutlich, dass er ihn sehr mag und seine Vorhaben unterstützt. Zunächst reagiert er wütend und empört darauf, dass Tancredi sich den Garibaldinern anschließen will, doch dann erkennt er Tancredis Argumentation an und gibt ihm sogar Geld, bevor Tancredi sich verabschiedet, um an den Kämpfen teilzunehmen.
Was der Fürst über die revolutionären Ereignisse denkt, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Er hofft, dass alles so bleibt, wie es ist. Er möchte nicht, dass die Dinge sich ändern, aber gleichzeitig weiß er, dass mit der Revolution die Aristokratie untergehen wird. Nach der Volksabstimmung legt der Fürst Don Ciccio seine Meinung wie folgt dar und erklärt, warum er für die Angliederung an Italien gestimmt hat und dies auch jenen, die ihn um Rat gefragt haben, empfohlen hat: „…l’unico e urgente rimedio all’anarchia era questo plebiscito. Credetemi, per tutti noi è questo il male minore… […] Qualche piccola cosa doveva pure cambiare … perché tutto restasse com’era.” (S. 88 f.)
Für den Fürsten ist also vor allem eine „Schadensbegrenzung“ wichtig. Nun stellt sich die Frage, ob er es denn nicht unterstützen würde, dass die Armut und das Elend in Sizilien ein Ende haben. Doch bezüglich Veränderungen in Sizilien hat Don Fabrizio eine ganz eigene Theorie. Diese erklärt er Chevalley, einem Vertreter der neuen Regierung, der aus Turin gekommen ist, um dem Fürsten einen Senatorensitz im Parlament des geeinten Italiens anzubieten: Don Fabrizio schlägt dieses Angebot mit folgenden Worten aus: „Sono un rappresentante della vecchia classe, e appartengo ad una generazione disgraziata, a cavallo fra i vecchi tempi e i nuovi che si trova a disagio in tutti e due.” (S. 121 f.) Stattdessen schlägt er Chevalley Calogero Sedara als Senatoren vor. Chevalley antwortet, wenn Leute ohne Skrupel wie Sedara an die Macht kämen, würde sich nie etwas ändern in Sizilien. Es würde sich
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sowieso nie etwas zum Besseren verändern in Sizilien, entgegnet der Fürst und erklärt dies mit dem Wesen Siziliens und der Sizilianer: Seit 2500 Jahren seien verschiedene Kulturen von außen gekommen, nie hätten die Sizilianer selbst den Ton angeben können und nun seien sie müde und leer. Weiter sagt der Fürst, dass die Sizilianer schlafen wollten und dass sie jeden hassen würden, der sie weckte, selbst wenn er die schönsten Geschenke brächte. (Kap. 22) Zudem zweifle er an, „che il nuovo regno abbia molti regali per noi nel bagaglio.” (Ebd.) Chevalley versucht alle Argumente auszuschlagen und meint, die Sizilianer wollten doch, dass die Verhältnisse sich verbesserten. Doch der Fürst erwidert: „Voi avete ragione in tutto, tranne quando dite i siciliani certo vorranno migliorare. Non vorranno mai migliorare perché si considerano perfetti“ (ebd.).
Bei der Abreise Chevalleys verleiht der Fürst dieser Aussage noch einmal Nachdruck: „Noi fummo i Gattopardi, i Leoni; chi ci sostituirà saranno gli sciacalli e le pecore; e tutti quanti, gattopardi, leoni, sciacalli e pecore continueranno a credersi il sale della terra.“ (Kap. 24.) Damit meint der Fürst, dass das, was alle Sizilianer miteinander verbinde, der Gedanke sei, sich für volkommen zu halten und auf Grund dieser Eitelkeit würde es keine Veränderung geben. Chevalley hingegen bleibt optimistisch.
Mit diesen Theorien versucht der Fürst vor den anderen und vor sich selbst zu rechtfertigen, warum er möchte, dass alles so bleibt, wie es ist und warum er keine Veränderung wagen will. Offensichtlich resigniert der Fürst und gibt sich seinem Schicksal hin. Das Todesmotiv, das den Film durchzieht, soll nicht eingehend untersucht, sondern nur erwähnt werden: Es steht zum einen für den Tod des Fürsten, der sich mit fortschreitendem Alter mit diesem Thema konfrontiert sieht, zum anderen steht es aber auch für den „Tod“ der Aristokratie, für den Untergang einer sozialen Klasse.
Bei dem kurz nach der Ankunft in Donnafugata stattfindenden Gottesdienst (Kap. 9) wird die Fürstenfamilie in einer Kamerafahrt wie leblose, von Staub bedeckte Puppen gezeigt, als würden sie schon seit Ewigkeiten in dem Chorgestühl sitzen und seien schon längst gestorben. Diese kurze Sequenz kann man als eine Antizipation des Untergangs der Aristokratie verstehen.
Auf dem Ball rückt der eigene Tod für den Fürsten in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit, beispielsweise durch das Nachsinnen über das Bild „Tod des Gerechten“ von Greuze in der Bibliothek des Gastgebers (Kap. 29). Den Höhepunkt dieser Bewusstwerdung seines herannahenden Todes bildet das Ende des Filmes: Der Fürst begegnet einem Priester, der für die letzte Ölung zum Haus eines Sterbenden läuft. In seiner Frage an einen Stern: “Quando ti deciderai a darmi un appuntamento meno effimero, lontano da tutto, nella tua regione di
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perenne certezza?” (Kap. 35), schwingt Todessehnsucht mit, die höchste Steigerungsform der Resignation.
3. Tancredi
Tancredi ist der Neffe und Mündel des Fürsten. Er gehört dem alten und hoch angesehenen, jedoch verarmten Adelsgeschlecht der Falconeri an.
Zunächst erscheint es eher wie jugendliche Abenteuerlust, als er seinem Onkel eröffnet, dass er mit den Garibaldinern kämpfen wird. „Si preparano grandi cose ed io non voglio restare a casa“, sagt Tancredi (Kap. 4); der Fürst reagiert darauf sehr zornig: “Sei pazzo, metterti con quelli. Sono … mafiosi!” (Ebd.) Doch Tancredi erklärt ihm, was er im Sinn hat und wie er die Dinge sieht: “Se non ci siamo anche noi, quelli ti combinano la repubblica … Se vogliamo che tutto rimanga com’è, bisogna che tutto cambi“ (ebd.). In anderen Worten ausgedrückt meint Tancredi, dass durch seine Teilnahme an den Kämpfen bzw. die Teilnahme der Aristokraten im Allgemeinen, das Schlimmste verhindert werden könne. In Kapitel 11 bezeichnet der Fürst Tancredi als einen „ambizioso“, der die rutschigen Stufen der neuen Gesellschaft erklimmen wird. Dass er dafür Geld braucht, ist dem Fürsten bewusst. Auch Tancredi weiß das, daher kommt es ihm sehr gelegen, dass er die sehr schöne und sehr reiche, jedoch bürgerliche Angelica kennen lernt und sich mit ihr verlobt. Es wird deutlich, dass Tancredi ein Opportunist ist, der nach dem besten Nutzen für sich sucht: Nachdem er in die offizielle italienische Armee gewechselt ist, redet er plötzlich schlecht über die Anhänger Garibaldis, mit denen er kurz vorher noch gemeinsam gekämpft hatte: Im November 1860, nach dem offiziellen Ende der Revolution in Sizilien, kehren Tancredi und sein Freund Cavriaghi als Soldaten der Armee des geeinten Italiens zurück. Der Fürst wundert sich: „Insomma voi altri garibaldini non portate più la camicia rossa?” (Kap. 18) Tancredi antwortet:
Ma che Garibaldi e garibaldini. Lo siamo stati, ora basta. Cavriaghi ed io, grazie al cielo, siamo ufficiali dell’esercito regolare di Sua Maestà il re d’Italia. Quando l’esercito di Garibaldi si sciolse si poteva scegliere: o ritornare a casa o restare nelle armate reali. Lui, io, come tanti altri abbiamo deciso di entrare nell’esercito vero. Con quelli lì, non si poteva stare. Cavriaghi stimmt ihm zu: “Mamma mia che gentaglia! […] Adesso siamo ufficiali sul serio!“ (Ebd.)
Tancredi betrachtet die Garibaldiner nach seinem Übertritt in die königliche Armee, als minderwertig, das Heer des geeinten Italiens hingegen bezeichnet er als die „wahre Armee“. Cavriaghi unterstreicht dies, indem er die Anhänger Garibaldis als gentaglia bezeichnet und
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Arbeit zitieren:
Ute Drechsler, 2008, Die Darstellung des Risorgimento in Luchino Viscontis "Il gattopardo", München, GRIN Verlag GmbH
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