Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit, die im Rahmen des Seminars „Deutschlandbilder - Italienbilder“ entstand, soll das Sizilienbild in Vitaliano Brancatis Roman Don Giovanni in Sicilia untersucht werden. Konkret thematisiert Brancati das Liebesverhalten sizilianischer Männer, welches insbesondere von Passivität gekennzeichnet ist.
Der 1942 in Italien erschienene satirische Roman, der nur auf den ersten Blick wie ein Werk, das ausschließlich der Unterhaltung dient, wirkt, soll außerdem hinsichtlich seiner gesellschafts- und zeitkritischen Aspekte untersucht werden.
Zitate aus dem Roman stammen immer aus der folgenden Ausgabe: Sciascia, Leonardo (a cura di): Vitaliano Brancati. Opere. 1932-1946. Milano: Bompiani, 1987.
2
1. Giovanni und die Frauen
Giovanni Percolla, der Protagonist des Romans, ist ein 40-jähriger Mann, der zusammen mit seinen drei Schwestern in Catania lebt. Der Gedanke an „le donne“ ist das, was sein Leben und das seiner catanesischen Freunde tief greifend bestimmt. Wenn Giovanni sich zur Siesta in sein Bett begibt, träumt er von den Frauen. Neben dem Phantasieren haben die Gespräche mit den Freunden über Frauen eine große Bedeutung. Auf der Straße schaut man ihnen nach und ruft „Uhuuu“. Die Lust dieser Männer besteht nicht in der erotischen Handlung, sondern in der Vorstellung dieser. Dies wird z. B. deutlich, wenn beschrieben wird, wie der Zuhälter Don Procopio die Männer zu den Prostituierten führt und über diese zu erzählen weiß: „Un piacere mondiale! Passò il guaio sei giorni fa! Quindici anni!...” (460) Jedoch: In verità, non era mai accaduto che don Procopio non venisse rotolato dalle scale, in cima alle quali era salito insieme con un gruppo di cavallitti; mai che una delle sue quindicenni non avesso almeno trent’anni. I giovanotti lo sapevano, ma l’eloquenza di don Procopio era potentissima in una città come Catania ove i discorsi sulle donne davano un maggior piacere che le donne stesse. (Ebd.)
Was die Phantasien der jungen Männer für Auswüchse treiben können, macht folgende Textstelle deutlich:
Ecco un autobus che rimane fermo per tre minuti, a causa di due carrette che si erano impigliate le ruote. Sul predellino, una sedicenne alta, bruna, si accarezza il collo con la mano destra e getta nella strada uno sguardo sfavillante. I tre amici si mettono subito nel punto della strada in cui cade lo sguardo della ragazza, come si fa con certi ritratti; e, godendo quivi di una scialba e falsa attenzione da parte di lei, sprofondano i loro occhi nei suoi, sorridono, si grattano la fronte, fan cenni con la bocca e con gli orecchi. Già l’amano, la chiamano a bassa voce con un vezzeggiativo, in un baleno vivono tutta una vita con lei: viaggi, notti insonni, amabili litigi, serate estive in terrazzo, bagni di mare con lanci di sabbia e spruzzi d’acqua. La loro fantasia non dimentica nulla: essi sentono il terribile e soave lamento con cui ella, nella camera accanto, li rende padri di bimbo perfetto. (469)
Zwar ist Giovanni in seiner Phantasie ein Frauenverführer, doch hat er zunächst gar kein Interesse daran, eine reale Beziehung mit einer Frau einzugehen. Der Gedanke, er müsse jede Nacht das Bett mit einer Frau teilen, lässt ihm sogar Angstschweiß auf die Stirn treten. (478) Nachdem er sich aber in Ninetta verliebt hat und sich ihr nähern will, wird deutlich, dass er kaum in der Lage ist, eine Frau anzusprechen: “Giovanni rimase fermo come un sasso: Il sangue gli era salito negli occhi…“ (498) Ein Gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich: „No, in verità, nemmeno con le tenaglie si sarebbe strappato una parola dalla bocca, alla presenza di lei!” (520)
3
Auch wenn die Freunde Giovannis von sich behaupten, viele Erfahrungen in Liebesdingen zu haben, entspricht dies nicht der Realität.
D’altronde, se la loro esperienza del piacere era enorme, quella delle donne era poverissima. Spogliato delle bugie, di quello che essi narravano come accaduto a un qualche altro, il loro passato di don Giovanni si poteva raccontarlo in dieci minuti. (477)
Giovanni ist also gar kein Don Juan im Sinne des traditionell verwendeten Motivs des Frauenverführers. Er ist es in seiner Phantasie, doch in der Realität scheitert er daran, eine Frau zu erobern. Sciascia bezeichnet diese veränderte Funktion des Don-Juan-Motivs als dongiovannismo siciliano 1 , andere Literaturwissenschaftler wie z. B. Helmut Meter verwenden den Begriff gallismo. Diesen definiert er wie folgt: „Es handelt sich um die Tradition des passiven Liebhabers, des Mannes, der vor den Frauen erotisch kapituliert oder nicht einmal die Mittel und Wege findet, sein erotisches Interesse zu zeigen.“ 2 Sciascia vergleicht die ursprüngliches Form des Don Juans mit der bei Brancati verwendeten: Der traditionelle Don Giovanni sei, so Macchia, „un genio della pratica“ 3 , der dongiovannismo siciliano sei „un rito d’offerta più che una pratica di conquista, un giuoco di immaginazione più che d’azione.” 4 Welche Bedeutung die Verwendung des Motivs des dongiovannismo siciliano bzw. des gallismo bezogen auf Brancatis Kritik an der Gesellschaft hat, soll im zweiten Teil der Arbeit vertieft werden.
Das Vergnügen Giovannis und seiner Freunde besteht also nicht im tatsächlichen erotischen Erleben, sondern im Phantasieren und Sprechen über die Frauen. Es spielt dabei keine Rolle, ob etwas wirklich erlebt wurde, oder nicht. Zwischen den Träumen und dem tatsächlichen Leben besteht eine große Diskrepanz. Dabei sind die Träume für Giovanni realer und befriedigender, was besonders im letzten Kapitel deutlich wird: „Rivide le signore lombarde; ma al paragone di come le aveva viste, sembrava che proprio allora fossero ricordi dilavati e ora invece donne vere. E che Donne!...“ (589) Als er ihnen im wahren Leben begegnete, machten sie ihm Angst, nun fragt er sich: „Come aveva potuto resistere?“ (Ebd.)
1 Ambroise, Claude (a cura di): Leonardo Sciascia. Opere. 1956-1971. Milano: Bompiani, 4 1990, S. 1122.
2 Meter, Helmut: „Brancatis Don Giovanni in Sicilia und die Tradition des passiven Liebhabers im neueren italienischen Roman“, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 225 (1988), S. 101.
3 Giovanni Macchia zitiert bei Ambroise (1990), S. 1123.
4 Ambroise (1990), S. 1122.
4
2. Sizilianische Untätigkeit und Norditalienische Geschäftigkeit
Eine der möglichen Lesarten des Romans Don Giovanni in Sicilia sei jene als eine „kräftige Satire auf die sizilianische Gesellschaft und Mentalität.“ 5 Dies soll im Folgenden näher betrachtet werden.
Es wird deutlich, dass Brancati die Catanesen verspottet, indem er das Stilmittel der Übertreibung wählt. So sagt der Erzähler über einen Freund Giovannis: „Un uomo non può, nello stesso tempo, agire e ricordare: Panarini ha preferito ricordare, e il solco più profondo, che abbia finora lasciato sul passaggio sulla terra, lo si trova nel sofà.” (508) Die Meinung des Erzählers über die Catanesen lautet, dass sie faul seien und es liebten zu schlafen. So weckt der Vergnügungspark, der für einige Tage/Wochen in Catania aufgebaut wird, die Bürger auf: „Alcune trombe argentine, squillando fra i salici e gli alberi di pepe, fecero alzare il viso ai pigri cittadini.“ (520) Eine der Leuchtreklamen im Vergnügungspark lautet: “… e infine, quasi a ricordare il chiodo, la rèclame del Serenol: ‘Prendete il Serenol e dormirete!’” (521)
Wenn er auch vorwiegend subtil Kritik übt, wird Brancati an zwei Stellen sehr direkt: „I catanesi hanno la brutta abitudine di parlare a voce alta…“ (548) und “dobbiamo ancora una volta notare che i bravi catanesi hanno la brutta abitudine di parlare a voce alta.“ (550) Auf der Reise nach Sizilien lästert Giovanni mit seiner Frau über die Sizilianer: „Che gente! Arabi, tristi, maldicenti, pigri!“ (581) Giovanni verrät Ninetta sogar einige catanesische „Männergeheimnisse“: „Se ci stai attenta, vedrai che nessuno di miei amici ti guarderà negli occhi! Han paura di turbarsi, perché tutti credono di avere il sangue caldo!” (581) Indem Brancati seine Figuren über die Sizilianer herziehen lässt, macht er sich selbst über sie lustig. Weiter lässt sich Giovanni über die sizilianischen Sitten aus: “…è sguaiato il parlare con la bocca aperta, emettendo un lamento per ogni vocale...“ (584) und wieder scheint Brancatis Spott durch.
In der nachfolgenden Beschreibung des Bildes, das sich Giovanni und Ninetta bietet, wenn sie in Catania ankommen, wird deutlich, dass Brancati nicht nur Spott und Ironie für Sizilien üb-
5 Meter(1988), S. 112.
5
Arbeit zitieren:
Ute Drechsler, 2009, Sizilienbild und Gesellschaftskritik in Vitaliano Brancatis Roman "Don Giovanni in Sicilia ", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Ute Drechsler hat einen neuen Text hochgeladen
Männlichkeiten im Rechtsextrem...
Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller
W Mozart
'Figaro', 'Don Giovanni' und 'Così fan tutte'. Da Pontes Libretti und ...
Ein Beitrag zur Literaturgesch...
Jürgen von Stackelberg
Don Giovanni, Ouvertüre KV 527
Arr. Für Streichquartett. Part...
W. A. Mozart, Christian Beyer
0 Kommentare