Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit soll das Verhältnis des Schriftstellers Michail A. Bulgakov zum Diktator Jossif V. Stalin untersucht werden. Hierzu wird zunächst die kulturpolitische Situation in der Zeit von 1917 (nach Ende der Revolution) bis 1940 (Bulgakovs Todesjahr) betrachtet.
Danach soll die Person Stalin und der Stalinismus in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt sowie sein Weg an die Macht kurz besprochen werden.
Im dritten Kapitel Bulgakov vorgestellt werden. Dabei wird auf sein Elternhaus und seinen Werdegang eingegangen werden.
Im vierten Teil, dem Hauptteil, wird es um die Zeugnisse der Beziehung zwischen Bulgakov und Stalin gehen. Dabei wird der Schwerpunkt natürlicherweise auf der Sicht Bulgakovs auf Stalin liegen, da es wenig Material zu Stalins Meinung über Bulgakov gibt. Im letzten Kapitel wird versucht, das Verhalten Stalins an Hand der vorangegangen Analyse und mit Hilfe von Sekundärliteratur zu bewerten.
Die Frage, die in der Hausarbeit beantwortet werden soll, ist folgende: Was dachte Bulgakov über den Diktator, der einem Gott ähnlich über sein Leben verfügen konnte und wie lässt es sich erklären, dass Stalin sich zunächst persönlich des Schicksals Bulgakovs annahm, dann das Interesse an ihm verlor, es aber zu keiner Verhaftung kam?
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1. Die Entwicklung der Kulturpolitik
Peter Gryzibek unterteilt in seinem Artikel „Die frühe sowjetische Kulturpolitik“ diese in drei Phasen: Die erste von 1917-1925 bezeichnet er als die „Entwicklung der literarischen Tradition“, die zweite von 1926-1934 als „Aufbau der Parteikontrolle“ und die dritte Phase von 1934-41 als „absolute Parteihegemonie“. 1 Damit ist schon ein grober Überblick über die Entwicklung der Kulturpolitik der für mich relevanten Zeit von 1921 bis 1940 gegeben. An dieser Einteilung und diesen Bezeichnungen wird deutlich, dass eine immer stärkere Einschränkung der Literatur erfolgte und die Zensur immer stärker in den Vordergrund trat. Alle unmittelbar nach der Revolution erlassenen Dekrete und Verordnungen und sonstigen Maßnahmen zeigen, dass die Partei alle an der Meinungsbildung beteiligten Institutionen kontrollieren wollte. Der Literatur kam von Anfang an eine bedeutende Funktion im Prozess der Bildungsvermittlung und Beeinflussung der Bevölkerung zu. 2 Die erste wichtige Maßnahme war das "Dekret über den Staatsverlag" vom Dezember 1917, dessen Ziel es war, die Klassiker in Staatseigentum zu überführen, um einerseits die Klassiker den Massen billig zugänglich zu machen, andererseits Privatverlagen das Wasser abzugraben. Im Jahr 1918 wurde die gesamte oppositionelle Presse verboten und die Einführung einer Vorzensur beschlossen. Im Juni 1922 wurde als neue Zensurbehörde die Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Literatur und der Verlage (Glavnoe upravlenie literatury i izdatel’stv, abgekürzt GLAVLIT) geschaffen. Da der Zweck der Literatur, das sozialistische System zu sichern und die Interessen der Werktätigen zu vertreten, immer der Meinungs- und Pressefreiheit übergeordnet blieben, war es stets die Aufgabe der Glavlit, die Einhaltung des staatlich vorgegeben Rahmens zu überprüfen. 3
Ab 1917/18 gab es eine große Vielfalt an literarischen Gruppen: Pereval, die Futuristen, die sich ab 1923 ‚Linke Literaturfront’ nannten und die proletarischen Gruppen. Im Jahre 1924 kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Schriftstellergruppen. Ein Beschluss des bolschewistischen Zentralkomitee (ZK) im Jahr 1925 ermöglichte einen freien Wettbewerb unter den zur Sowjetmacht loyalen Schriftstellergruppen. 4
1 Http://www-gewi.uni-graz.at/slaw/studium/ring_vo/scripts/pg_kultpol.pdf.
2 Eimermacher, Karl: Dokumente zur sowjetischen Literaturpolitik 1917-1932. Mit einer Analyse von Karl
Eimermacher. Stuttgart: Kohlhammer, 1972, S. 15.
3 Torke, Hans-Joachim (Hrsg.): Historisches Lexikon der Sowjetunion. 1917/22 bis 1991. München: Beck, 1993,
S. 376.
4 Eimermacher (1972), S. 15.
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1925 gründete sich aus den proletarischen Gruppen die RAPP (Rossijskaja associacija proletarskich pisatelej), die die sowjetische Literaturpolitik in den Jahren 1928 bis 1931 entscheidend mitbestimmte, denn sie sah sich nicht als „willenloses Instrument der Politik.“ 5 In den Jahren 1931 und 1932 wurden alle literarischen Gruppen liquidiert, auch die RAPP wird im April 1932 durch das ZK der KPdSU aufgelöst. Damit hatte die Vielfalt ein Ende. Stattdessen wurde beschlossen, einen Einheitsschriftstellerverband zu gründen. Dieser sollte alle sowjetischen Schriftsteller vereinen, die die Sowjetregierung unterstützten und am sowjetischen Aufbau mithalfen. Diese zunächst nur formelle Fesselung wurde später zur inhaltlichen.
Mit dem ersten Allunions-Kongress sowjetischer Schriftsteller wurde der sozialistische Realismus Programm und die Gleichschaltung der Literatur war besiegelt. Was man brauchte, war keine neue Ästhetik, sondern Fügsamkeit und ideologischen Ansporn. 6 Damit wurde die organisatorische und kunsttheoretische Vereinheitlichung der sowjetischen Literatur in die Wege geleitet.
2. Der Sozialistische Realismus
Nachdem Stalin 1929 die Alleinherrschaft angetreten hatte, gaben er und seine Gefolgsleute die Form der Kunst vor. An die Stelle der authentischen trat nun die befohlene Gestaltung. 7 Auf dem Ersten Allunions-Kongress sowjetischer Schriftsteller in Moskau im Jahr 1934 wurde die Doktrin des Sozialistischen Realismus vorgetragen. Er sollte die für die sowjetische Literatur verbindliche Methode werden. Es wurde verkündet, dass die Literatur einen sozialpädagogischen Auftrag habe, die Themen der Werke sollten folgende sein: Das Leben der Arbeiterklasse und Bauernschaft, der Kampf für den Sozialismus, Patriotismus und Herrscherkult. ‚Realismus’ bedeutete aber nicht, dass die Werke die Realität, so wie sie ist, widerspiegeln sollten, sondern so, wie die Partei vorschrieb, dass die Realität auszusehen hatte. Das Konzept des sozialistischen Realismus stützte sich auf das Diktum Stalins, das die Schriftsteller als ‚Ingenieure der Seele’ bezeichnete, ihren sozialpädagogischen Auftrag festlegte und sie mit technischen Ingenieuren gleichsetzte, die den sozialistischen Aufbau bewirkten. Der sozialistische Realismus verlangte von der Literatur, dass diese parteilich, volksverbunden, massengemäß und verständlich war. Wer den Direktiven auswich oder gegen den Strom
5 Hildermeier, Manfred: Geschichte der Sowjetunion 1917 - 1991. Entstehung und Niedergang des ersten
sozialistischen Staates. München: Beck, 1998, S. 567.
6 Ebd. S. 563 ff.
7 Ebd. S. 564.
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schwamm, hatte nicht nur mit Missachtung, sondern auch mit Ausschluss, Druckverbot, bald auch Deportation und Zwangsarbeit zu rechnen. Dabei bestimmten die Funktionäre, was wert und was unwert war. Damit regierten die staatlichen Zwecke über die schönen Künste, die zu „schematischer Serienproduktion herabsanken“. 8
3. Der Weg Stalins an die Macht
Den Weg Stalins an die Macht bezeichnet Ludwig, der Stalin 1931 begegnete und seinen Charakter untersucht hat, als einen „langsamen, aber durchdachten Aufstieg bis zur absoluten Kontrolle der Schlüsselstellungen“ 9 . Stalin war lange Zeit eine „Kraft, die im Geheimen wirkt“, denn bis zur Revolution 1917 blieb er relativ unbeachtet. 10 In den ersten Jahren nach der Revolution, als Lenin Trockij zu seinem engsten Mitarbeiter machte, wurde Trockij zum größten Rivalen Stalins. Er besaß ganz andere Eigenschaften als jener. Dieser hatte eine große Rednergabe, war sehr gebildet und belesen, hatte längere Zeit im Ausland gelebt, wohingegen Stalin nur kurze Reisen unternommen hatte und vorwiegend marxistische Literatur gelesen hatte. Während Trockij Elan und Überzeugungskraft besaß, hatte Stalin Ausdauer und befahl. Stalin empfand laut Ludwig große Eifersucht und Misstrauen gegenüber Trockij. 11
1922 wurde Stalin Generalsekretär. Ein Jahr vor seinem Tod 1923 hatte Lenin vorgeschlagen, Stalin seines Amtes zu entheben, da dieser für dieses Amt „zu roh“ sei. 12 Dies verhinderte Stalin durch eine gezielte Propaganda, die ihn im ganzen Land populär machte. Es folgte ein heimlicher Kampf gegen Trockij, den er zuerst entmachtete, dann im Jahr 1929 verbannte, ihn später in die Türkei auswies und ihn dann 1940 im Ausland töten ließ. Ludwig meint, dieser Kampf sei mit „Unerbittlicher Folgerichtigkeit, Kaltblütigkeit und Gefühllosigkeit“ 13 durchgeführt worden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stalin, geleitet durch Neid und Machthunger, seine Gegner der Reihe nach ausschaltete. Er gewann sie nicht, sondern unterwarf und entmachtete
8 Ebd. S. 568.
9 Flegel, Pavel: Sprachliche und psychologische Aspekte der Charaktererschließung und Charaktererfassung.
Marburg: Tectum, 2001, S. 49.
10 Zitiert nach Flegel (2001), S. 49
11 Zitiert nach Flegel (2001), S. 51.
12 Ebd. S. 51.
13 Ebd. S. 52.
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Arbeit zitieren:
Ute Drechsler, 2007, M. Bulgakov und J. Stalin - Der Schriftsteller und der Diktator, München, GRIN Verlag GmbH
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