Einleitung
In dieser Arbeit geht es um den Antisemitismus in Russland. Es sollen die verschiedenen Funktionen des Antisemitismus zusammengetragen werden. Hierfür ist es zunächst notwendig einzugrenzen, was genau unter Antisemitismus zu verstehen ist und wie er sich von Diskriminierung abgrenzt. Dies wird im ersten Teil der Arbeit geschehen. Im zweiten Teil soll untersucht werden, welche Funktionen des Antisemitismus Hannah Arendt in ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft beschreibt und inwiefern sich diese auf Russland beziehen lassen. Im dritten Teil sollen mögliche Funktionen des Antisemitismus in Russland benannt werden. Dabei soll stets die Frage impliziert sein, warum es gerade die Juden traf. Arendt weist darauf hin, wie schwierig es sei, den Antisemitismus zu erklären und dass viele „hingeworfene“ Thesen eher dazu geführt hätten, die ganze Sache wieder zu vergessen und dabei auch zu vergessen, dass der gesunde Menschenverstand nicht ausreiche, um die Ereignisse erklären zu können.
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1. Begriffsdefinition Antisemitismus - Schwierigkeiten mit dem Begriff Antisemitismus
Zu Beginn stellt sich die Frage nach der Definition des Begriffes Antisemitismus. Dies ist kein leichtes Unterfangen, denn der Begriff erfuhr einige Bedeutungswandlungen und bekam im Laufe der Zeit verschiedene Konnotationen. Auch heute noch existieren verschiedene Definitionen.
Das erste Mal tauchte das Wort „Antisemitismus“ in der „Allgemeinen Zeitung des Deutschen Judentums“ im Jahre 1879 auf, in der das Erscheinen eines „antisemitischen Wochenblattes“ durch Wilhelm Marr angekündigt wurde. Schon drei Jahre nach der ersten Verwendung des Begriffes erscheint eine Definition im Großen Brockhaus, in welcher ein Antisemit als Judenhasser und Gegner des Judentums und als „einer, der die Eigenschaften, Erscheinung und Absichten des Semitismus bekämpfe“, definiert wird. 1 Laut Cuffari existieren heute sowohl eng-, als auch weitgefasste Definitionen, die Antisemitismus entweder als Sammelbezeichnung für verschiedene Erscheinungsformen des Judenhasses (weit gefasste Definition) sehen oder solche (enggefasste), die die Juden als Rasse begriffen, die „minderwertig“ und „zersetzend“ sei. 2 Es stellt sich die Frage, ob man den Begriff ‚Antisemitismus’ für einen historischen Zeitabschnitt benutzen kann, in welchem dieser Begriff noch gar nicht existierte. Des weiteren wäre es wichtig zu überdenken, ob man den Begriff Antisemitismus synonym für Judenhass, Judendiskriminierung und Judenhetze (denn all das impliziert ‚Antisemitismus“ ja) gebrauchen kann, wo er doch, durch die Judenvernichtung im Dritten Reich eine eindeutig rassistische Komponente besitzt, die man beim „Antisemitismus“ in Russland nicht findet. In dieser Arbeit soll der Begriff Antisemitismus, in der allgemein gefassten Bedeutung, die „alle judenfeindlichen Äußerungen, Strömungen und Bewegungen in der Geschichte“ 3 umfasst, gebraucht werden.
Außerdem erscheint es wichtig, zwischen Antisemitismus und Diskriminierung zu unterscheiden. Man kann nicht von Antisemitismus sprechen, wenn sich politische Maßnahmen gar nicht speziell gegen Juden, sondern auch gegen andere Minderheiten richteten. Antisemitismus impliziert einen speziell gegen die Juden gerichteten Hass, während Diskriminierung (laut Duden „Herabsetzung“ oder „Herabwürdigung“ oder „unterschiedliche
1 Cuffari, Anton: Judenfeindschaft in Antike und Altem Testament. Terminologische, historische und
theologische Untersuchungen. Hamburg: Philo, 2007, S. 24 ff.
2 Cuffari (2007), S. 30
3 Cuffari (2007), S. 32.Rürup/Nipperdey
3
Behandlung“) 4 sich auch gegen andere Minderheiten richten kann. Als Beispiel seien hier die inorodcy (Fremdstämmige) genannt (zu denen auch die Juden zählten), welche eine andere Behandlung als die russischen Bürger erfuhren. Außerdem geht Diskriminierung, bzw. eine diskriminierende Gesetzgebung von der Regierung aus, während der Antisemitismus sowohl von der Regierung ausgehen kann (wie es ca. ab 1881 auch geschieht), als auch von verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
2. Warum gerade die Juden? Erklärungsversuche in Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“
In ihrem Buch diskutiert Arendt im ersten Kapitel verschiedene Erklärungsmöglichkeiten, die Historiker vorlegten, um die Frage zu beantworten, warum eigentlich gerade den Juden die bekannten schrecklichen Dinge passiert sind und warum ausgerechnet sie zu Opfern wurden.
2.1. Die Juden als Sündenböcke - Ventiltheorie
Wenn sich Historiker mit der jüdischen Geschichte auseinander setzten, dann umgingen sie, so Arendt, oft die Frage nach der Mitverantwortlichkeit der Juden an ihrem Schicksal, indem sie sagten, die Juden waren schuldlose Opfer, sie fungierten als bloße Ventile und Sündenböcke, die die Schuld ohne eigenen Anteil am Geschehenen zugeschoben bekommen hätten. Diese Theorie geht also von der völligen Schuldlosigkeit und Beziehungslosigkeit der Opfer mit dem (politischen) Geschehen aus. Jedoch würde Geschichte, so Arendt weiter, immer von verschiedenen Gruppen gemacht und es gäbe immer geschichtliche Hintergründe, wenn einer bestimmten Gruppe eine bestimmte Rolle zugewiesen werde. Es stehe also jede Gruppe in einer Beziehung zur geschichtlichen und politischen Welt, daher sei jede Gruppe auch mitverantwortlich für das, was passiere, auch wenn ihr großes Unrecht geschehe. 5 Zu sagen, den Juden ist das passiert, weil sie Sündenböcke waren, d. h. sie hätten keine Mitverantwortlichkeit am historischen Geschehen, ist also unzureichend, da sie die Frage, warum es gerade die Juden traf, umgeht.
Daher soll im Folgenden auch immer versucht werden, die Frage zu beantworten, warum gerade die Juden Opfer von Diskriminierungen, Hetzen, Pogromen und Hass wurden.
4 Duden S. 313
5 Arendt, S. 29 f.
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2.2. Die Theorie vom ewigen Antisemitismus
Die nächste Theorie, die Arendt wiedergibt, versucht, im Gegensatz zur vorhergehenden, eine Antwort auf die Frage, warum gerade die Juden, zu geben. Diese Antwort lautet, dass es einen ewigen Antisemitismus gäbe, was ja an der Geschichte der Juden, zu der auch immer Judenfeindschaft gehörte, zu erkennen wäre. Damit geht diese Theorie davon aus, dass Antisemitismus eine normale menschliche Reaktion und Judenmord eine normale Betätigung sei. Dies liefere zum einen für die Täter ein Alibi für ihre Verbrechen, zum anderen sei diese These aber auch nützlich für die Juden selbst, denn wenn es einen ewigen Antisemitismus gäbe, sei auch die Existenz des jüdischen Volkes gesichert. Arendt erläutert das wie folgt: Durch die immer stärker werdende Assimilation der Juden an ihre Umgebung und dem damit verbundenen fortschreitenden Vergessen der Sprache, der Kultur und der Religion, sei die Existenz des jüdischen Volkes bedroht gewesen. Dieser Verfall des Judentums ließ sich mit Hilfe des Antisemitismus stoppen, man konnte den Judenhass also benutzen, um das Judentum zu konservieren und das jüdische Volk vor dem Verschwinden zu bewahren. Arendt drückt es kurz so aus: „Je ewiger der Antisemitismus, umso sicherer die ewige Existenz des Volkes.“ Für die Juden ist „ewiger Antisemitismus“ eine Erklärung, die der Konservierung ihrer Kultur dient. Die Annahme, es gäbe einen ewigen Antisemitismus, resultiere, so Arendt, aus einer allgemeinen Abgeneigtheit, die Judenfrage so zu betrachten, wie es anderen Gegenständen geschichtlicher Forschung entspricht und damit die Mitverantwortung der Juden zu diskutieren. Ewigen Antisemitismus als Grund für den Judenhass zu nennen, ist also unzulänglich und zudem gefährlich, weil damit Tätern eine Rechtfertigung für weitere Verbrechen gegeben werden könnte. Damit klärt auch dieser Ansatz nicht, wie es zu dem starken Antisemitismus im 20. Jahrhundert kam. 6 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es auf die Frage, ‚warum gerade die Juden?’ nicht die eine gültige Antwort geben kann. Man muss immer das historische Ereignis selbst betrachten und den historischen Kontext einbeziehen, um einen Erklärungsversuch zu starten. Aber auch dann wird es nicht nur einen Grund geben können, sondern eine Reihe von Kausalzusammenhängen. Eine solche ‚echte’ Erklärung für die möglichen Ursachen des Antisemitismus, die Hannah Arendt gibt, soll im nächsten Kapitel wiedergegeben werden.
6 Arendt, S. 31 f.
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Arbeit zitieren:
Ute Drechsler, 2008, Judendiskriminierung und Antisemitismus im Russischen Reich bis 1917 – Funktionen und Gründe, München, GRIN Verlag GmbH
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