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Am 10. Mai 2005 wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, auch unter dem Namen Holocaust-Mahnmal bekannt, vom damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse in einer feierlichen Veranstaltung eingeweiht. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten knapp 17 Jahre vergehen. Jener Zeitraum war geprägt von zahlreichen Diskussionen, Skandalen und Kontroversen um Notwendigkeit, Nutzen, Gestaltung und Bau des Denkmals. Dies allein, so mancher Kommentar, habe Deutschland und der deutschen Gesellschaft mehr gebracht als die letztendliche Errichtung. Gemeint ist hier die Bewusstwerdung von Standpunkten eines Einzelnen im Bezug auf das grausame Erbe, welches wir als Deutsche von unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verant-wortet bekommen haben. Gerade die ''Walser-Bubis-Debatte'' erregte, auch international, ein enormes Aufsehen, was ohne ein zu errichtendes Holocaust-Mahnmal nicht zu-stande gekommen wäre. Doch es sollte nicht soweit gegangen werden und das Denkmal als vielleicht sogar überflüssig zu bezeichnen, denn das ist es in keiner Weise. Im Folgenden soll die Berichterstattung der größten und wichtigsten Berliner Tageszeitungen um die Eröffnung des Denkmals herum betrachtet werden - Der Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost, Berliner Kurier und B.Z. - , um eine mögliche innerstädtische Debatte herauszustellen. Wie reflektierten die Kommentatoren die Einweihung und welche Kritik wurde genannt? Wie haben die Menschen nach der Übergabe an die Öffentlichkeit das Denkmal angenommen und wie sind sie ihm begegnet? Mit welchen Erwartungen gehen die Menschen zu und in dieses Denkmal und können diese Erwartungen überhaupt befriedigt werden? Ist es möglicherweise überhaupt sinnvoll, solch ein Mahnmal so zu gestalten, dass es Ansprüche und Erwartungen mit Leichtigkeit und auf den ersten Blick erfüllt? Darum soll es nun im Weiteren gehen.
Wolfgang Thierse sprach in seiner Eröffnungsrede davon, dass der Holocaust die „Grenze unseres Verstehens“ berühre und dieses Denkmal in seiner Form dazu passe, da es eben an dieser Grenze agiere. „Es ist der Ausdruck für die Schwierigkeit, eine künstlerische Form zu finden, die dem Unfassbaren, der Monstrosität der nationalsozialistischen Verbrechen, dem Genozid an den europäischen Juden überhaupt irgend angemessen sein könnte“, so Thierse weiter. Da uns die Zeitzeugen bald nicht mehr zur Verfügung stehen, „müssen in Zukunft Museen, muss die Kunst vermitteln.“ Die Ein- drücke, die das Denkmal in ihm hervorrufen würden, seien „Vereinsamung, Bedrängnis,
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Bedrohung“. Für ihn ist dieses Denkmal angemessen in seiner vorhandenen Form, da „eine bauliche Symbolisierung für die Unfasslichkeit des Verbrechens.“ Hier ist anzumerken, dass sich Herr Thierse intensiv seit 1999 - ab diesem Zeitpunkt war er Vorsitzender im Kuratorium der Mahnmals-Stiftung - mit dem Denkmal beschäftigt hatte und er so durch diese Funktion ausreichend Zeit hatte, Eindrücke, Gedanken und Emotionen zu reflektieren, im Gegensatz zu 'Otto Normalbürger'.
Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, äußerte in seiner Rede zur Einweihung Lob wie auch Kritik. Für ihn sei das Denkmal „künstlerisch beeindruckend“, doch komme es ihm so vor, als ob „das Gedenken an die Ermordeten [...] den Betrachterinnen und Betrachtern die Konfrontation mit Fragen nach Schuld und Verantwortung [erspart].“ Er begrüßte daher den Ort der Information, doch geht davon aus, dass „nur ein Teil der Besucherinnen und Besucher [sich] die Mühe machen, die auf dem Stelenfeld gesammelten Eindrücke durch zusätzliche Fakten zu vertiefen.“ Für Spiegel funktioniert das Denkmal anscheinend nicht, da er von einer „unvollständig gebliebene[n] Aussage des Denkmals“ spricht. Natürlich muss er aufgrund seiner Funktion als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland die ganze Sache viel kritischer sehen als jeder deutsche Politiker, doch geht er, im Gegensatz zu Wolfgang Thierse, kaum weiter auf das Denkmal ein, noch spricht er von Gefühlen und/ oder Emotionen, mit einer Ausnahme: Abschließend hofft er, dass das Denkmal „Herz und Gewissen jeder Besucherin und jedes Besuchers erreicht.“ Es wird deutlich, dass Paul Spiegel nicht zufrieden mit dem Mahnmal ist. Dies liege auch daran, dass es sich nicht um einen authentischen Ort handele, so Spiegel. Diese sind für ihn die wirklich wichtigen Orte, denn „nirgendwo sind wir den Verstorbenen näher und nirgendwo lässt sich ein unmittelbarer, umfassender Zugang zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten finden wie an den authentischen Orten.“ Aber muss ein Holocaust-Mahnmal unbedingt gleichzeitig ein authentischer Ort sein, um zu 'funktionieren'? Per definitionem existieren heutzutage sowieso keine authentischen Orte, bezogen auf die Zeit des Nationalsozialismus, mehr, allerhöchstens 'historische Orte'. In gewisser Weise, betrachtet man das Umfeld des Denkmals zu Zeiten des 3. Reiches, befindet es sich an mehreren historischen Orten, bzw. Entscheidungszentren des NS-Apparates: In unmittelbarer Nähe be-fanden sich zu dieser Zeit zahlreiche Ministerien, davon die meisten in der Wilhelmstra- ße, in welcher Hitler, Speer, Göring, Goebbels, Heß, Himmler und Heydrich alle ihren
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Dienstsitz besaßen.
Bekanntermaßen hinterließ das Denkmal - und hinterlässt noch immer - nicht nur europaweit eine große Bewunderung für die deutsche Gesellschaft und Politik, wie diese kritisch mit ihrem grauenvollen Geschichtserbe umgeht. Selbstverständlich sind solche Reaktionen in einer solchen Breite bei einer Eröffnung noch lange nicht absehbar. Noach Flug, Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, sieht das Mahnmal aber, im Gegensatz zu Spiegel, positiv: „Für mich ist das Holocaust-Mahnmal ein Symbol dafür, dass sich viel geändert hat in Deutschland. Dafür, dass es heute ein neues, liberales, demokratisches und freies Land ist. Ein Land, in dessen Zentrum die Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden einen Platz hat.“ Das Denkmal sandte dann ja auch tatsächlich dieses Signal aus. Schon am 13. Mai berichtete der Tagesspiegel von europaweiter Anerkennung der Presse. So nannte beispielsweise die Wiener Presse die Wahl des Bauplatzes in der Nähe des ehemaligen Führerbunkers eine „triumphale Geste der Nachwelt“ und auch Zeitungen in den USA wie die Chicago Tribune sprachen davon, dass „Deutschland der Welt eine schlichte, aber dramatische Geste öffentlicher Buße“ 1 Und schon am 8.5. schrieb Roger Boyes von der Londoner Times: entboten habe.
„Langsam, ganz langsam, entwickle ich einen Stolz auf die Deutschen, meine Gastgeber: sie haben einen herausragenden Versuch unternommen, sich selbst zu begreifen und damit dem Rest Europas gezeigt, wie man mit seinen ruhelosen Geistern umgehen 2 kann.“
In der Berliner Presse schlugen zur Eröffnung negative wie auch sehr positive Töne an: Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel nannte das Denkmal eine „Utopie des Friedens“, was durchaus positive gemeint war, aber weiter: „enigmatisches Bauwerk“, 3 Arno Widmann „Stadtskulptur“, „fiktiver Ort“, „Paradox“ und „Touristenattraktion“. schrieb in der Berliner Zeitung, dass das Denkmal „unsere Gefühle mobilisieren [will]“, nicht den Anspruch habe, „uns schlauer zu machen“, aber: „Es wäre nur gut, man wüss- 4 Und:„Die Offen-te wofür und wogegen unsere Gefühle in Bewegung gesetzt werden“.
1 Schulz, Bernhard: „Buße und Versöhnung. Respekt, aber auch Kritik: das Holocaust-Mahnmal im Spiegel der internationalen Presse“, in: Der Tagesspiegel, 13.5.2005, http://www.tagesspiegel.de/kul-tur/art772,2048550, letzter Zugriff am 10.3.2009.
2 Boyes, Roger: „Ruhelose Geister. Sie versuchen sich selbst zu begreifen - wie ein britischer Journalist die Erinnerungskultur der Deutschen sieht“, in: Der Tagesspiegel, 8.5.2005, http://www.tagesspiegel.-de/politik/art771,1980927, letzter Zugriff am 10.3.2009. 3 Schaper, Rüdiger: „Mitten im Leben“, in: Der Tagesspiegel, 11.5.2005, http://www.tagesspiegel.de/politik/art771,2021658, letzter Zugriff am 10.3.2009. 4 Widmann, Arno: „Schön wär's“, in: Berliner Zeitung, 11.5.2005, http://www.berlinonline.de/berliner-
Arbeit zitieren:
Julian Wittmann, 2009, Kann ein Kunstwerk als Denkmal für das gewaltige Verbrechen des Holocaust 'funktionieren'?, München, GRIN Verlag GmbH
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