Einleitung
Johann Gottfried Herder hat in seinem Aufsatz „Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst Verschiednem, das daraus folget.“ ein umfassendes Bild von der gemeinsamen Entstehung deutscher und englischer Sprache und Literatur gezeichnet und ausdrückliche Kritik an der Entwicklung der deutschen Dichtkunst geübt. Er bemängelt die fehlende Nationalität in der deutschen Dichtung und vergleicht diese mit der englischen, die er den Deutschen als Vorbild voranstellt: „Wie wär uns Deutschen das Studium dieser Sprache, Literatur und Poesie nützlich! - (…) Wie weit stehen wir, in Anlässen der Art, den Engländern nach!“ 1
In dieser Arbeit soll nun erläutert werden, wie genau dieses britische Vorbild aussieht. Zuerst will ich, wie Herder in seinem Aufsatz, bei den Anfängen der deutschen und englischen Sprache und Literatur beginnen, deren Gemeinsamkeiten aufzeigen, sowie ihre unterschiedliche Entwicklung darstellen. Im zweiten Schritt soll Herders Kritik an der deutschen Dichtkunst sowie die Gegenüberstellung zur von ihm hoch gelobten englischen Dichtung herausgearbeitet werden. Der letzte Teil dieser Arbeit ist Herders Lösungsvorschlag zum Problem der mangelnden Nationalität in der deutschen Literatur gewidmet.
1. Die Verwandtschaft deutscher und englischer Sprache und Literatur
Ganz zu Anfang seines Aufsatzes erläutert Herder knapp zusammenfassend die germanischen Einflüsse in England, beginnend bei den Angelsachsen. Dabei setzt er beim Leser eine gewisse historische Kenntnis voraus. Er meint, „daß die Angelsachsen ursprünglich Deutsche waren, mithin der Stamm der Nation an Sprache und Denkart deutsch ward“ 2 und spricht davon, dass „beide Nationen in diesen Grundadern der Dichtung sich bis auf Wendungen, Reime, Lieblingssilbenmaße und Vorstellungsarten so ähnlich“ seien, „wie ein jeder
1 Herder, J.G.: Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst Verschiednem,
das daraus folget, S. 522
2 a.a.O.
2
wissen muß, der Rittererzählungen, Balladen, Märchen beider Völker kennet“ 3 . Die Angelsachsen waren ursprünglich in der Tat ein germanisches Mischvolk aus Angeln, Sachsen und Jüten, die im 5. Jahrhundert das keltische Britannien eroberten.
Herder beginnt seine historischen Ausführungen also ungefähr im 5. Jahrhundert, spricht die Däneneinfälle im 8. Jahrhundert an, wobei er die Dänen als „nördlichere Deutsche, noch desselben Völkerstammes“ 4 bezeichnet und berichtet dann von einem „Ueberguß der Normänner, die ganz England umkehrten“ 5 . Hier beginnt Herder ungenau zu werden. Mit „Normännern“ könnte er die Normannen oder auch Wikinger, die etwa ab dem Jahr 789 in England einfielen 6 , meinen. Diese stammten aus dem Norden, um nicht zu sagen auch aus Dänemark, wobei hier also die zuvor angesprochenen Dänen zu den Normannen gezählt werden können. Andererseits könnten hier auch die französischen Normannen gemeint sein, die im Jahr 1066 England eroberten, was wesentlich wahrscheinlicher ist, da Herder von „nordischer, deutscher Denkart in drey Völkern, Zeitläuften und Graden der Kultur“ 7 spricht. Auch bei der Benennung der Briten, „mit denen sie sich mengten“, bleibt Herder nicht eindeutig, verwendet die Bezeichnung „Briten“ und „Engländer“ teilweise synonym 8 , während er anfangs ausschließlich von den alten Briten spricht, also von den Walisern und Schotten.
Auf eben erläuterte Weise stellt Herder also zuerst eine Verbindung der deutschen Sprache und Denkart mit der englischen her, um sein weiteres Vorgehen zu legitimieren, die britischen Dichter als Vorbild für die Deutschen zu erklären und kommt damit zu folgendem Schluss: „Der ungeheure Schatz der angelsächsischen Sprache in England ist also mit unser“ 9
3 Herder, J.G.: Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst Verschiednem,
das daraus folget, S. 526
4 ebd., S. 522
5 a. a. O.
6 vgl. Krieger, Karl-Friedrich: Geschichte Englands von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert, S. 56
7 vgl. Herder, J.G.: Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst
Verschiednem, das daraus folget, S. 522
8 ebd. vgl. S. 525 letzter, S. 527 erster Absatz
9 ebd., S. 522
3
2. Kritik an der deutschen Dichtung
Herder bemängelt in seinem Aufsatz durchweg die mangelnde Nationalität der deutschen Dichtung. Hierzu muss erläutert werden, wie bei Herder das Verhältnis von Nationalität und Dichtung zu verstehen ist. Mit Nationalität der Dichtung meint Herder zuerst, dass diese sich aus dem „Glauben und Geschmack des Volks, aus Resten alter Zeiten gebildet haben“ 10 muss, das heißt, dass eine nationale Dichtung sich über lange Zeit hinweg entwickelt hat und die Meinungen und Stimmungen des Volkes widerspiegelte. Er führt zur Verdeutlichung seiner Meinung die „unpolizierten Völker“ 11 an, welche sich, ihr Leben und Handeln, ihre Wissenschaft, ihre Religion, ihre Geschichte und ihren Geist, in ihren Gesängen darstellen: „Da malen sich alle, da erscheinen alle, wie sie sind“ 12 .
Genau dies ist bei der deutschen Dichtung nach Herder nicht der Fall. Die „Stimme des Volks“ 13 ist hier nicht genutzt und geschätzt worden und die deutsche Dichtung hat auch unter dem Volk kein Publikum, da sie allein den humanistischen Gelehrten vorbehalten ist.
Des Weiteren kritisiert Herder, dass die deutsche Dichtung nicht nur nicht vom Volk beeinflusst ist, sondern gänzlich durch andere Nationen 14 , in diesem Fall durch die Franzosen, worauf ich in Punkt 3.2 noch zurückkommen werde. Die Dichtkunst wachse bei den Deutschen seit dem „vorigen Jahrhunderte“ 15 a priori, bemängelt Herder und spricht damit die Literaturreform im 17. Jahrhundert durch Martin Opitz an, „die letzten Züge von Nationalgeist“ 16 seien nun auch zerstört. Er meint, „daß der Teil von Literatur, der sich aufs Volk beziehet, volksmäßig sein muß, oder er ist klassische Luftblase“ 17 . Die deutsche Dichtung sei nur geschrieben für „Stubengelehrte“ und „ekle Rezensente, aus deren Munde und Magen wir's denn zurückempfangen“. Genau diese Art der Dichtung sei für das Volk aber völlig unverständlich und damit fehlt ihr die von Herder geforderte Nationalität.
10 Herder, J.G.: Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst Verschiednem,
das daraus folget, S. 528
11 ebd., S. 532
12 a. a. O.
13 ebd., S. 528
14 a. a. O.: „Wir arme Deutsche sind von jeher bestimmt gewesen, nie unser zu bleiben“
15 ebd., S. 529
16 a. a. O.
17 a. a. O.
4
Arbeit zitieren:
Jessica Rohrbach, 2006, Über das Vorbild britischer Dichter in Johann Gottfried Herders „Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, nebst Verschiednem, das daraus folget.“, München, GRIN Verlag GmbH
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