1. Einführung in die Welt der Maya
Kaum eine Kultur ist umwoben mit solch exotischem Zauber wie die der Maya. Aber nur Bruchstücke dieser Welt sind enträtselt und gedeutet worden. Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen und sie befindet sich im Wettlauf mit der Zeit. Denn viele Reliquien, die Aufschluss über eine Kultur geben könnten, die in ihrer Blütezeit zu einer der höchst entwickelsten des amerikanischen Kontinents zählte, fallen in die Hände von Plünderern und Kunsträubern. Diese Beweisstücke einer beinahe fünftausend Jahre alten Kultur erzielen im internationalen Kunsthandel Höchstpreise. Die meisten Artefakte bleiben verschollen und so tappt die Wissenschaft häufig noch im Dunkeln. Auch die Frage nach der Religion der Maya birgt immer noch Rätsel. Kulturelle und räumliche Veränderungen sowie politischer Wandel verhinderten eine homogenen Staatenbildung und somit auch eine dogmatisch fixierte Religion. Doch der Glaube, sowie die Frage nach dem Jenseits und dem Phänomen des Todes spielten eine zentrale Rolle in den Kultvorstellungen, der Kosmologie und der Mythologie der Maya. Die Grundzüge eben dieser Glaubenswelt, welche als ein fester Bestandteil in die soziale Ordnung der Maya integriert war, möchte ich in der vorliegenden Arbeit beschreiben. Hierbei beziehe ich mich vor allem auf die Zeit der klassischen und postklassischen Periode, werde aber am Ende auch einen kurzen Einblick auf die Situation der heutigen Mayavölker geben.
2. Geographischer und geschichtlicher Kontext
Das Gebiet der Maya umfasste die heutigen südmexikanischen Bundesstaaten Chiapas, Tabasco, Campeche, Yucatán, Quintana Roo, wie auch die Staaten Belize, Guatemala, El Salvador und Teile Honduras und war mit einer Fläche von ca. 360 000 km² etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland heute.
Je nach politischen, ökonomischen aber auch ökologischen Umständen verlagerte sich der kulturelle Schwerpunkt in drei Regionen: dem fruchtbaren pazifischen Küstenstreifen, dem tektonisch aktiven Hochland mit Bergen bis zu 4 400 Metern Höhe, sowie dem von tropischen Regenwald geprägten Tiefland. Mit der „Umstrukturierung von [einer] nomadische[n] zu [einer] halbnomadische[n] Lebensweise“ 1 ab Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus (Präklassik) etablierten sich die ersten dörflichen Gemeinschaften der Mayavölker an der pazifischen Küste. Durch die Intensivierung der landwirtschaftlichen Bebauungsmethoden und der Domestikation von Nutzpflanzen, vor allem des Maises - eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Maya - sowie der Spezialisierung der Arbeitskräfte und den hiermit verbundenen kulturellen Errungenschaften 2 , wurden die „soziale[n] Differenzierungen immer komplexer“ 3 .
1 Vincke, Karin: Tod und Jenseits im präkolumbianischen Maya. 1997, S. 23.
2 Vgl. Hansen, Richard: In: Grube, Nikolai (Hg.): Maya. Gottkönige im Regenwald. 2006, S. 55.
3 Grube, Nikolai (Hg.): Maya. Gottkönige im Regenwald. 2006, S. 14.
-1-
Die wirtschaftliche und politische Macht manifestierte sich in einem hierarchisch gegliederten Staatenwesen, das von Fürsten-, bzw. Königsdynastien gelenkt wurde. Vermutlich durch klimatische Veränderungen 4 wurden viele präklassische Städte aufgegeben. Andere aufblühende Stadtstaaten wie Tikal und Calakmul, sowie Palenque gewannen ab dem dritten Jahrhundert (Klassik) an militärischer und politischer Macht.
Im Laufe der postklassischen Periode verlagerte sich der politische Schwerpunkt mit der mächtigen Metropole Chichen Itza auf den Norden Yucatáns. An der Spitze der meist konkurrierenden Stadtstaaten standen 'gottgleiche' Könige, denen sich ein Volk aus Bauern, Krieger und Sklaven unterwarf. 5 Kriege, Verheiratungen und Diplomatie banden hunderte von kleineren Städte an die mächtigeren und machte sie zu „loyalen Vasallen“ 6 . Trotz der kulturellen Komplexität und militärischen Vormachtstellung dieser mächtigen Stadtstaaten zerbrach die Zivilisation der Maya schon lange vor der Invasion der Spanier. Der exakte Zusammenhang des Untergangs dieser mystischen Kultur ist nicht geklärt, aber es wird vermutet, dass innere Faktoren wie politische Zersplitterungen oder Aufstände 7 , gesellschaftliche Veränderungen 8 und das Herauskristallisieren eigenständiger kleiner Staaten, einen „konzentrierte[n] Verfall“ 9 der Königsdynastien hervorrief.
Als Gegensatz zu den autoritären und totalitären Monarchien etablierte sich auch wie in der 'Liga von Mayapan' eine Art Räte-Politik 10 , die von kollektive Entscheidungskraft und Rotation von politischen Ämtern geprägt war. Die Gesellschaft war nun nicht mehr streng nach Abstammungslinien gegliedert; die einzelnen Schichten wurden durchlässiger und sozialer Aufstieg möglich. Durch den kulturellen Umbruch separierten und dezentralisierten sich die Völker der Maya. Mit diesen Veränderungen vollzog sich auch ein Wandel in der Glaubenswelt.
Die Invasion der Spanier im 16. Jh. stellte eine neue Zäsur in der Entwicklungsgeschichte der Maya dar. Während dieser Zeit dezimierte sich die Zahl der Maya einerseits durch eingeschlepte Krankheiten aus der 'alten Welt', anderseits begangen viele Maya Suizid, um ihrem bevor-stehenden Schicksal zu entgehen. Die „Vernichtung ihrer autochtonen Güter und Werte“ 11 , der Indices der Maya - Sammlungen der Normen und Werte, Traditionen und Bräuche einer Jahrtausende alten Kultur, welche Informationen ritueller, religiöser und astronomischer Natur beinhalteten - wurden im Zuge der 'Christianisierung' und der Inquisition durch die
4 Wohl durch den Ausbruch des Vulkans Ilanpango im heutigen El Salvador um 250.v. Chr.
5 Vgl. Grube, Nikolai (Hg.): Maya. Gottkönige im Regenwald. 2006, S. 15.
6 Martin, Simon/ Grube, Nikolai Grube, Nikolai (Hg.): Maya. Gottkönige im Regenwald. 2006, S. 149.
7 Vgl. Riese, Berthold: Maya. 1995, S. 108.
8 z.B. starkes Wachsen der Bevölkerung und damit verbundenen Nahrungsmangel / Hungersnöte
9 Riese, Berthold: Maya. 1995, S. 108.
10 Vgl. Grube 2006: S. 350 ff..
11 Vincke, Karin: Tod und Jenseits im präkolumbianischen Maya. 1997, S. 9.
-2-
Konquistadoren konsequent vernichtet 12 . Durch Massaker, Plünderungen, Versklavungen, Folter und auch Zwangsumsiedlungen wurde eine ganze Region 'entvölkert'. Doch unter dem Deckmantel des Katholizismus überdauerte ein Teil der ursprünglichen Kultur der Maya die spanische Kolonialzeit. Heutzutage werden die alten Riten vermehrt wieder praktiziert. Dennoch ist ein Großteil der Kultur „weitgehend undokumentiert dem Vergessen anheim gefallen" 13 . Der Versuch der Rekonstruktion wird nur Teil dessen sein, was "die glanzvolle Kultur der Maya einst ausmachte" 14 .
3. Kosmographie- der Aufbau der Welt.
Der Kosmos ist 15 in dem Denken der Maya stufenförmig aufgebaut. 16 Er unterteilt sich in 13 Schichten der Oberwelt und neun Schichten der Unterwelt 17 , welche von „spezialisierten Schutzgöttern bewohnt“ 18 werden und denen wie auch allen anderen Göttern der Maya unterschiedlichste Attribute zugewiesen sind. 19 Die 'Seiten der Welt' sind in die vier Himmelsrichtungen oder auch Winde ausgerichtet, denen jeweils eine spezifische Farbe zugeordnet ist. 20 Die Organisation des Kosmos obliegt in der Vorstellung der Maya der Leitung eines höchsten Gottes, „der sich [allerdings] in die Tiefe des Himmels zurückzog und die Regierung von Himmel und Erde seinem [...] 'Amtsvertreter' " 21 - dem regierenden Alleinherrscher nämlichanvertraute. Dieser stellt zugleich den Mittelpunkt des Kosmos dar und hat als primäre Aufgabe, die irdische und kosmische Ordnung aufrechtzuerhalten. Als Achse der Welt gilt der Ceiba-baum, welcher Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verbindet 22 ; denn dessen Äste tragen- der Mythologie der Maya zufolge- den Himmel; dessen Wurzeln langen bis in das Reich der Toten, der Unterwelt Mitaal. Diese lokalisieren die Maya im Westen, auf Grund des Untergehens der Sonne und dem damit verbundenen Glauben, dass mit dem Eintreten der Nacht die Götter der Unterwelt als Himmelskörper emporsteigen.
12 Erhalten sind allein drei Codices (Dresdner, Pariser, Madrider), mythische und geschichtliche Überlieferungen aus
13 Riese 1995, S. 129.
14 Ebd.
15 Anmerkung der Autorin: bewusste Verwendung des historischen Präsens, da gerade in der Vorstellung der
16 Vgl. Vincke 1997, S. 54.
17 Vgl. Rätsch, Christian (Hg.): Chactun- Die Götter der Maya. 1986, S. 133.
18 Ebd., S. 133.
19 Vgl. Ebd., S. 61 ff.
20 Osten (rot), Süden (gelb), Westen (schwarz), Norden (weiß)
21 Arnold, Paul: Das Totenbuch der Maya. 1979, S. 65.
22 Vgl. Traube, Karl: In: Grube 2006, S. 275.
-3-
Höhlen und so genannte Cenotes 23 werden als Eingänge in die Unterwelt, aber auch als Aufenthaltsorte der Toten gedeutet. Die Dimension der Zeit ist in die Ordnung der Welt mit einbezogen. Diese wie auch das Leben der Menschen, aber auch das der Götter unterliegt dem Konzept der zyklischer Wiedergeburt. Denn auch die Existenz der Götter ist geprägt „von den gleichen Abläufen und Konflikten, von Freundschaften und Intrigen, Freuden und Schmerzen“ 24 - so der Glaube. Um die „irdische Welt mit göttlicher Ordnung in Einklang zu bringen“ 25 , richtet sich auch der Bau von Siedlungen, Gräbern, Plätzen, Pyramiden nach diesem räumlichen Ordnungsprinzip. Die Wichtigkeit der Kosmographie auf das gesellschaftliche Zusammenleben kann man anhand von zum Teil recht gut erhaltenen Stelen 26 rekonstruieren. Diese erzählen die Geschichte der Welt und geben auch Auskunft über Riten, Religion und das soziale Leben der Maya.
4. Gesellschaftsstruktur, Politik und Dynastie
Der Aufbau der Welt wurde auch auf das Gesellschaftsgefüge übertragen: Mit „göttlicher Macht ausgestattet [stand] an der Spitze der hierarchisch[...] [gegliederten] Gesellschaftspyramide“ 27 der Herrscher, dessen Stellung innerhalb des theokratischen Systems erblich tradiert wurde. Diesem Absolut war der komplette Hofstaat unterworfen. Zwischen den Gesellschaftsschichten, deren unterste Stellung vor allem Bauern, Handwerker, aber auch Sklaven einnahmen, herrschte eine große Diskrepanz. Sonderstellungen und Privilegien kamen einigen Wenigen der Elite, Angehörigen und Verwandten des Königs, dem Adel, aber auch einigen unmittelbaren Angestellten des Hofes zu Gute. Administrative und zeremonielle Zentren waren die Paläste des Königs. Dort koordinierten Beamte, z.B. die Schreiber der Tributlisten, Lagerverwalter und militärische Befehlshaber das wirtschaftliche Leben. Auf Grund der starken kriegerischen Präsenz der Maya lässt sich vermuten, dass die Herrscher der mächtigen Staaten über eine organisierte militärische Einheit, einer Art Kriegerkaste oder eine Berufsarmee, verfügten. 28 In Zeiten vehementer Kriegsführung wurden auch 'einfache Bauern' als Krieger eingesetzt, welche den größten Teil der Bevölkerung ausmachten und das Wirtschaftssystem, das auf der Landwirtschaft basierte, aufrecht erhielten. Da sie wie alle anderen Menschen im Staate auch im Machtbereich des Herrschers lebten, wurden von ihnen Tribute in Form von Nahrungsmitteln und absolute Gehorsamkeit abverlangt.
23 mit Wasser gefüllte Dolinen in Yucatán. Der Untergrund der Halbinsel ist stark kalkhaltig und verkarstet.
24 Traube, Karl: In: Grube 2006, S. 268.
25 Wagner, Elisabeth: In: Grube 2006, S. 291.
26 Inschrift-, Grab- oder auch Grenzstein
27 Fahsen, Federico: In: Grube 2006, S. 87.
28 Vgl. Martin, Simon: In: Grube 2006, S. 185. Sowie vgl. Hansen, Richard: In: Grube 2006, S. 63.
-4-
Im Gegenzug dazu verpflichtete sich der Herrscher, ihnen im Fall eines Krieges Schutz zu gewähren, sie in schwierigen Lebenslagen zu beraten und bei den Göttern Fürsprache für sie zu halten. 29
4.1 Göttliche Könige - k'uhul ajaw
Die Herrscher der Maya galten als Mittler zwischen den Menschen und Göttern. Bei Thronbesteigung mussten sie sich verpflichten, als Fürsprecher der Gemeinschaft vor die Götter zu treten und gleichzeitig deren Botschaften den Menschen nahe zu bringen. Die Inthronisation wurde mit pompösen Zeremonien zelebriert, bei denen der Thronfolger einen Namen verliehen bekam, der sich „auf Götter und deren Tätigkeiten, auf Gegenstände mit besonderer sakraler Bedeutung oder Tiere, die eine wichtige Rolle als Manifestation oder Assistenten von Göttern spielten“ 30 , bezog. Die Attribute der Macht wurden nach dem Tod eines Herrschers im Idealfall an seinen erstgeborenen Sohn, bei dessen Tod an einen dessen Brüder, transferiert. Beim Fehlen eines männlichen Erbens konnte die erstgeborene Tochter das Amt der Gotteskönigin einnehmen. 31 Die Insignien der Macht -materieller aber auch spiritueller Art- konnten den Thronfolgern schon im Kindesalter übertragen werden. Diese symbolisierten vor allem „ihren besonderen Status“ 32 .
Schon im Alter von fünf Jahren mussten die potentiellen Thronfolger ihre ersten rituellen Handlungen- meist in Form von Blutopfern vollziehen. Um ihre Vormachtstellung im Staat zu demonstrieren, vollzogen die Könige öffentliche Rituale und tänzerische Inszenierungen. Das eigentliche Erkennungsmerkmal der Könige war Kopfschmuck aus bunten Federn wie Götter- oder Tiermasken: ein Gegenstand von größter symbolischer Bedeutung, von dem geglaubt wurde, dass er als „Zeichen der Königswürde beseelt und lebendig sei“ 33 . Die Könige verkörperten für die Maya auch den „Fruchtbarkeit und Reichtum bringenden Maisgott“ 34 , welcher die Menschen geschaffen hatte 35 .
Der Kreislauf des königlichen Lebens wurde oft metaphorisch mit dem Zyklus der Maispflanze verglichen. Der Tod des Königs entsprach dem Abstieg des Maisgottes in die Unterwelt. Seine Geburt dem Aufstieg.
29 Vgl. Harrison: In: Grube 2006, S. 76.
30 Martin/ Grube: In: Grube 2006, S. 151.
31 Vgl. Ebd.. Vgl. hierzu auch Punkt 4.2
32 Grube 2006, S. 96.
33 Ebd., S. 97.
34 Ebd., S. 155.
35 Noch heute nennen sich die Mayas Maismenschen, da für sie der Mais der Ursprung alles Lebens ist. Die ersten
Arbeit zitieren:
M.A. Constanze Lemmerich, 2007, Gesellschaftsstruktur, Architektur, Religion und Kultvorstellungen der Maya, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die katholische Kirche und Freimaurerei im 20. Jahrhundert
Eine kritische Bilanz
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Seminararbeit, 23 Seiten
Friedrich Nietzsche - seine Position zur Organisation der Gesellschaft...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Der Begriff des Krieges in Thomas Hobbes "Leviathan" und Car...
Oder Kriegszustand bei Thomas ...
Seminararbeit, 42 Seiten
Kapitalismus als Religionsersatz - eine kritische Gesellschaftsanalyse...
Unterrichtsentwurf, 44 Seiten
Taktik und Taktiktraining im Fußball
Aufbau, Organisation, Spielfor...
Sport - Bewegungs- und Trainingslehre
Bachelorarbeit, 40 Seiten
Erfahrungen der Militär- und K...
Soziologie - Krieg und Frieden, Militär
Wissenschaftliche Studie, 11 Seiten
Zu J.-P. Vernants "Die Entstehung des griechischen Denkens"
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Rezension / Literaturbericht, 4 Seiten
Constanze Lemmerich hat einen neuen Text hochgeladen
Mexiko heute. Politik, Wirtschaft, Kultur
Walther L. Bernecker, Marianne Braig, Karl Hölz, Klaus Zimmermann
Reise in die mexikanische Mega...
Ana Álvarez, Fionn Petch, Valentina Rojas Loa, Christian von Wissel
0 Kommentare