Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. “The West and the Rest Huntingtons Zweiteilung auf einen Blick 3
1. Die ausschlaggebende Bruchlinie der Makroebene 3
2. Die drei relevanten Streitfragen 5
III. Methodische Defizite 8
IV. Der Westen gegen den Rest zwischen Anspruch und Wirklichkeit 10
1. Der Westen - ein völlig homogener Akteur? 10
1.1 Kulturelle Dynamik 10
1.2 Wertedifferenzen und europäisches Selbstbewusstsein 11
2. Der konfuzianische Akteur 14
2.1 China und sein außenpolitisches Umfeld 14
2.2 Der Westen und China 16
3. Die islamische Gefahr 19
4. Gibt es eine konfuzianisch-islamsiche Koalition? 21
V. Schlussfolgerungen 22
VI. Anhang 23
VII. Literaurverzeichnis 27
I. Einleitung
Mit seinem in der amerikanischen Außenpolitikbibel „Foreign Affairs“ erschienenen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“ und dem später veröffentlichten Buch „The Clash of Civilizations“ 1 hat Samuel P. Huntington eine große sicherheitspolitische Diskussion eröffnet. Sein Werk war der erste Versuch, die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges in ein Konfliktschema zu zwängen. Wenn es Huntingtons Absicht war, im Zuge der Diskussion in aller Munde zu sein, so hat er dies sicherlich geschafft. Nicht geschafft hat er, ein anwendbares Schema zu entwickeln, das heutige und zukünftige Konfliktszenarien erklären kann; zumindest wenn man seinen Kritikern Glauben schenkt.
Erste Verwirrungen in Deutschland entstanden durch die problematische Übersetzung des Buches, da die anglikanischen Begriffe „civilization“ und „culture“ nicht ihrem deutschen Pendant „Zivilisation“ und „Kultur“ entsprechen. Mit Umschreibungen wie Hochkultur, Zivilisation, Kulturkreise, usw. wurde der Schlüsselbegriff des Werkes „civilization“ nicht immer glücklich übersetzt. 2 Die Übersetzungsprobleme sind jedoch nicht primär ursächlich für die kontroverse Diskussion, die der „Kampf der Kulturen“ entfacht hat. Vielmehr erwies sich die Theorie selbst als Stein des Anstoßes.
Ziel dieses Aufsatzes ist es, eine der Kernthesen der Kulturknall-Theorie, die Dichotomie des „Westens gegen den Rest“, auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Dieses Kapitel bildet das Herzstück und ist somit von besonderer Bedeutung für die Bewertung der Theorie als Ganzes. Einleitend werde ich die Huntington’sche Argumentation im Kapitel „Der Westen gegen den Rest“ vorstellen. Dabei wird die bedeutendste zivilisatorische Bruchlinie skizziert und die drei relevanten Streitfragen dargestellt. Unter der Unterschrift „Methodische Defizite“ beleuchte ich Huntingtons unzulängliches Forschungsvorgehen näher. Die größte Bedeutung wird im Folgenden der Falsifikation von Einzelaussagen beigemessen, die der Validitätsprüfung des ganzen Kapitels dient. Insbesondere soll geklärt werden, ob die neuen „Schreckgespenster“ der westlichen Welt, der Islam und der „Konfuzianismus“ (was immer das sein mag) zurecht zu den neuen Feinden des Westens erklärt wurden.
Besondere Beachtung finden im Rahmen dieses Aufsatzes die Kritikansätze von Harald Müller, Leiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), der sich zumindest in Deutschland als hartnäckiger Kritiker Huntingtons profiliert hat.
1 Bemerkenswert ist, dass im Titel des drei Jahre später veröffentlichten Buches das Fragezeichen verschwunden ist.
2 vgl. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 14.
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II. “The West and the Rest” Huntingtons Zweiteilung auf einen Blick
1. Die ausschlaggebende Bruchlinie der Makroebene
Im vierten Kapitel seines Buches unterscheidet Huntington Streitfragen und Konflikte auf der Mikroebene von solchen auf der Makroebene. Der Islam ist auf der Mikroebene durch seine „blutigen Grenzen“ der dominante Akteur, wohingegen die Dichotomie des Westens gegen den Rest auf der Makroebene den Kampf der Kulturen dominieren wird. Nach der Huntington’schen Auffassung ist die Verteilung des globalen Einflusses ein Nullsummenspiel, in dem der Westen mit seinem Kernstaat USA in jüngster Zeit mehr und mehr an Anteilen verliert. Der entstehende Konflikt zwischen dem Rest der Welt und dem westlichen Kulturhegemon wird verstärkt durch dessen ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, das zu einem beträchtlichen Teil durch den Sieg der „freien Welt“ im Kalten Krieg entstanden ist. Westlicher Universalismus und Kulturimperialismus sind die Schlagworte des Widerstandes, der sich in den -mit liberaler Demokratie, freien Märkten, Menschenrechten, Individualismus und Rechtstaatlichkeit- zu bekehrenden Kulturkreisen regt. 3 Die westliche Kultur ist mit einer auf Seiten des Rests prädominaten Koalition zwischen dem Islam und dem konfuzianischen China konfrontiert, die sich anschickt, einen Gegenpol zur Hegemonie des Westens zu bilden. 4 Die Staaten Lateinamerikas und Afrikas befinden sich in einem speziellen Einflussbereich des Westens:
Lateinamerika ist inzwischen soweit domestiziert, dass sich Huntington nicht sicher ist, ob hier noch eine eigene Kultur vorliegt, oder ob das christlich-westliche System bereits adaptiert worden ist. Desweiteren ist diese Region -und vor allem auch Afrika- in einer wirtschaftlichen Dependenzposition, so dass in den Beziehungen zu diesen Gebieten keine großen Konfliktlinien zu erwarten sind.
Andere wichtigen Regionalmächte wie z.B. Russland 5 , Japan und Indien sind nach der dichotomen Theorie Pendlerstaaten, die von den beiden Polen hin und her gerissen werden, sich aber in der entscheidenden Zeit zu einem der beiden Zentren hin orientieren werden. Thematisch gründet die Konfrontation auf der unterschiedlichen Auffassung bezüglich dreier Streitfragen. Differenzen im Bereich der Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen und dem Versuch Demokratie und Menschenrechte westlicher Prägung in andere Länder zu
3 vgl. Samuel Huntington, 1996, S. 294-296.
4 vgl. Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations?, in: Foreign Affairs, No. 2/1993, S. 41.
5 In der modernen amerikanischen Politikwissenschaft wird Russland als Haupterbe der Sowjetunion üblicherweise nur noch als Regionalmacht eingestuft (vgl. hierzu auch: Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Frankfurt 1999.)
2
transplantieren sowie die für den Westen ungünstigen demographischen Veränderungen
führen zu der besagten Konstellation. 6 Im Folgenden werden die Kernpunkte dieser
Streitfragen kurz dargelegt.
Schaubild 1 7
6 vgl. Samuel Huntington, 1996, S. 294-296.
7 Quelle: Eigene Darstellung
Informationen entnommen aus: Samuel Huntington, 1996, S.293 - 294.
3
2. Die drei relevanten Streitfragen
Die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen als erste der drei Streitfragen ist im interkulturellen Konfliktgeschehen von größter Wichtigkeit, da der quantitative Vorteil des Westens in diesem Bereich einen zentralen Bestandteil seiner Hegemoniestellung ausmacht. Aufgrund der zeit- und kostenintensiven Entwicklung von konventionellen Waffenpotentialen wird der Westen und insbesondere die USA hier ihre Vormachtstellung kurz- und mittelfristig nicht verlieren. Die mit den Vereinigten Staaten konkurrierenden Nationen verfolgen demnach das Ziel, die egalisierenden Nuklearkapazitäten zu erlangen oder die eigenen Bestände an atomaren Waffen aufzustocken. Dieser rüstungspolitische Paradigmenwechsel wurde in der Folge des Golfkriegs ersichtlich: Hätte der Irak mit seiner Invasion in Kuwait gewartet, bis er in Besitz von Atomwaffen gewesen wäre, so hätten die USA und ihre westlichen Alliierten diesen Krieg sicherlich nicht in der geschehenen Art und Weise führen können, und der Irak wäre wohl heute im Besitz der kuwaitischen Ölfelder. Ein hoher indischer Militär leitete daraufhin die klare Regel ab: Führe nicht Krieg mit den USA, wenn du keine Kernwaffen hast. 8 Diese Stellungnahme beschreibt anschaulich die veränderte Funktion von Nuklearwaffen in der Welt nach dem Kalten Krieg. Sie dienen Staaten und kulturellen Allianzen, um sich gegen den militärischen Einfluss der USA zu immunisieren. Der fortschreitende Machtverlust des Westens soll durch eine weltweit limitierte Verbreitung eingedämmt oder zumindest verlangsamt werden.
Um eine extensive Verbreitung ist der Westen im Bereich der Demokratie und Menschenrechte bemüht. Euphorisch vom Sieg im Kalten Krieg, wurde die Eindämmungspolitik gegenüber dem Kommunismus verworfen und die Förderung des weltweiten Sieges der Demokratie ganz oben auf den außenpolitischen Zielekatalog gesetzt. 9 Gegen den christlichen Werteimperialismus wendete sich vor allem die asiatisch-islamische Koalition : Die Terminologien „islamische Resurgenz“ und „asiatische Affirmation“ avancierten zu den Leitbegriffen des Widerstandes.
Das „Ende der Geschichte“ in der Form einer demokratischen Welt wurde und wird durch den schon beschriebenen relativen Machtverlust und die dadurch bedingte Verringerung der politischen Druckmittel verhindert. Zwei Gründe sind für die westliche Hilflosigkeit maßgebend:
8 Samuel Huntington, 1996, S. 297.
9 Francis Fukuyamas “End of History” ist ein Beispiel für die euphorische und siegessichere Stimmung des Westens am Anfang der 90-er Jahre, die er persönlich bis heute nicht verloren hat (vgl. „Francis Fukuyama“ auf der Quellen-CD).
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Zum einen wollen die Unternehmen im eigenen Land ihre Handels- sowie Investitionsaktivitäten auf die Wachstumsregionen ausweiten und setzen somit ihre jeweilige Landesregierung unter Druck, die Wirtschaftsbeziehungen nicht zu belasten. Zum anderen beschreibt Huntington eine Solidarität der asiatisch-islamischen Länder untereinander, die in gegenseitiger Hilfeleistung bezüglich der Probleme mit dem Westen zum Tragen kommt.
Das eigentliche Ziel der Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten ist momentan nicht im gewollten Umfang durchsetzbar, woraufhin nach Huntingtons Ansicht eine konfliktreiche Streitfrage zwischen dem Westen und seinem asiatisch-islamischen Opponenten prognostiziert werden kann. 10
Samuel Huntingtons dritte und letzte große interkulturelle Konfliktlinie betrifft aus europäischer Betrachtung die muslimischen und aus Sicht der USA die hispanischen Einwanderer. Vergleichbar mit dem Prozess einer feindlichen Übernahme in der Wirtschaft, erfolgt die Verschiebung der Bevölkerungsanteile langsam und schrittweise, bis schließlich die originäre Heimkultur enteignet wird.
Ernsthaft wahrgenommen wurde diese Gefahr erst mit einem einwanderungspolitischen Paradigmenwechsel Ende der 80er Jahre. Die einst immigrationsfreundliche Politik der USA und Europas wurde durch eine deutlich restriktivere substituiert. Äußerlicher Anlass der Neuorientierung waren zum einen die vornehmlich in Europa immer defizitärer werdenden Sozialsysteme und zum anderen eine erschwerte Arbeitsmarktsituation mit einer gestiegenen Arbeitslosigkeit und der gängigen Begründung, dass die Einwanderer ursächlich für die eigene Erwerbslosigkeit seien.
Europa läuft Gefahr, seine westliche Substanz durch eine islamischen Immigrationswelle vor allem aus den Ländern Nordafrikas und der Türkei zu verlieren. Die Versuche, die Türken in Deutschland und die Algerier in Frankreich zu integrieren, sind Musterbeispiele, um den drohenden Substanzverlust zu verdeutlichen. Die politischen Folgen sind deutlich an verschiedenen Kommunal- und Landeswahlergebnissen abzulesen: Die Republikaner in Deutschland, die Nationale Front in Frankreich, die Freiheitlichen in Österreich, der Flämische Block und die Nationale Front in Belgien und weitere europäische Parteien des rechten Spektrums erregten mit teilweise enormen Stimmenzuwächsen Aufsehen, indem sie die Ängste der Bevölkerung vor Einwanderung schürten und daraus Profit schlugen. Aber auch in der Politik der großen europäischen Volksparteien hat ein merklicher Protektionismus Einzug erhalten.
10 vgl. Samuel Huntington, 1996, S. 303 - 316.
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Henning Meyer, 2000, Der Westen gegen den Rest - Huntingtons Dichotomie auf dem Prüfstand, Munich, GRIN Publishing GmbH
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