Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Piagets grundlegende Konzepte zur geistigen Entwicklung 3
Die vier Stadien der geistigen Entwicklung 5
Implikationen von Piagets Theorie für die Erziehungswissenschaft 6
Piagets Verdienst und Kritik an seiner Theorie 7
Literaturverzeichnis 9
I. Einleitung
Jean Piaget (1896-1980) liefert bis heute die umfassendste Theorie der kognitiven Entwicklung. Ausgehend von der Entwicklung des kindlichen Denkens suchte Piaget nach allgemeinen geistigen Konstruktionsprozessen. Zentrale Fragen seiner empirisch fundierten Theorie sind: Wie entsteht Erkenntnis immer wieder von Neuem? In welchem Alter halten Menschen welche Annahmen für wahr?
Piaget widerlegte die These, alle Erkenntnis und alles Verhalten beruhe auf angeborenen Fähigkeiten, bzw. Trieben und Instinkten (siehe Freud). Er bestritt jedoch auch Umwelteinflüsse als alleinige Ursache für Entwicklung (siehe Behaviorismus). Piagets Fokus liegt auf der durch das Individuum selbst initiierten Interaktion mit der Umwelt. Gesellschaftliche Prägung spielt bei ihm eine geringe Rolle, seine Theorie soll ja aber auch keine Sozialisationstheorie sein, sondern eine, die sich mit der Entwicklung des Denkens beschäftigt. Im Gegensatz zum Behaviorismus, der Entwicklung im Sinne von Verhaltensänderungen auf die Konditionierung durch bestimme Umweltreize zurückführt, sieht Piaget das menschliche Gehirn nicht als „Black Box“ an, sondern stellt es in den Mittelpunkt menschlicher Entwicklung. Menschen sind bei Piaget mehr als komplizierte mechanische Apparate, die auf äußere Reize in festgelegter Weise reagieren. Sie sind von Geburt an Wesen, die aus sich selbst heraus motiviert sind, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen und die sich durch die Erfahrungen mit der Umwelt weiterentwickeln.
II. Piagets grundlegende Konzepte zur geistigen Entwicklung
Als Reaktion auf Erfahrungen mit seiner Umwelt erschafft der Mensch ständig Wissen über diese, wir haben es also mit einem Konstruktionsprozess zu tun. Umwelterscheinungen werden nicht eins zu eins abgebildet, sondern mental repräsentiert. Des Weiteren geht Piaget von hoch abstrakten, übergeordneten Strukturen des Denkens an, welche die kognitiven Leistungen und Beschränkungen eines Individuums auf unterschiedlichen Stufen bestimmen. Intelligenz
Intelligenz kann bei Piaget als schrittweiser Erwerb kognitiver Strukturen beim Kind bezeichnet werden, die ihm einen effektiveren Austausch mit seiner Umgebung ermöglichen. Intelligenz ist an Interaktion mit der Umwelt gekoppelt, Erkenntnis bleibt dem passiven Beobachter verschlossen, so Piaget. Piaget interessiert sich nicht für individuelle Intelligenzunterschiede, sondern für die geistigen Prozesse, die allen gemeinsam sind. Obwohl er weiß, dass Emotionen das Denken beeinflussen, vernachlässigt er deren Einfluss. Intelligenz erscheint bei Piaget im Wesentlichen als Inhalt, Struktur und Funktion. Inhalt des Denkens
Durch Piagets Theorie wurde klar, dass Kinder nicht einfach „dümmere“ Miniaturausgaben von Erwachsenen sind, sondern es beträchtliche Unterschiede im Inhalt des Denkens von Erwachsenen und Kindern gibt. Warum Denkinhalte altersabhängig sind, ergibt sich aus den Strukturen und Prozesse, die den Inhalten zu Grunde liegen. Erblich angelegte Strukturen
Zu den vererbten Strukturen gehören neben physiologischen Eigenheiten, wie dem Aufbau des Nervensystems, automatische Verhaltensreaktionen. Darunter fallen angeborene Reflexe, z.B. der lebensnotwendige Saugreflex oder das Schreien bei Unbehagen. Reflexe helfen dem Organismus bei der Interaktion mit der Umwelt. Durch Erfahrung werden die Reflexe des Säuglings modifiziert und gehen in neue, psychologische Strukturen über. Die psychologischen Strukturen bilden die Grundlage der geistigen Aktivität.
Die Reifung physischer Strukturen korreliert mit der Reifung psychischer Strukturen. So werden die Beinmuskeln stärker, das Kind beginnt zu krabbeln und kann so den Kreis seiner Erfahrungen, die seine Entwicklung fördern, erweitern. Invariante Funktionen: die Tendenzen der Anpassung und Organisation Allen Spezies wohnen laut Piaget zwei grundsätzliche Tendenzen, sog. „invariante Funktionen“, inne: Anpassung (Adaption) und Organisation.
Organisation bedeutet, dass eine Person bei der Interaktion mit der Umwelt darum bemüht
ist, ihre psychologischen Strukturen in zusammenhängende Systeme zu integrieren. Der Säugling z.B. vereinigt nach einer gewissen Zeit die einzigen ihm zur Verfügung stehenden Verhaltensstrukturen, nämlich Gegenstände anzuschauen und sie zu greifen. Er kann dann also gleichzeitig greifen und betrachten, hat die beiden voneinander unabhängigen Strukturen in einer Struktur höherer Ordnung organisiert.
Anpassung kann durch die komplementären Begriffe Assimilation und Akkommodation beschrieben werden. Assimilation bedeutet, dass Informationen in vorhandene Strukturen eingefügt werden und die Umwelt nach Maßgabe dieser Strukturen behandelt werden kann. Akkommodation bezeichnet den Prozess, in dem die vorhandenen Strukturen als Reaktion auf neue Erfahrungen angepasst werden.
Organisation und Anpassung führen in unterschiedlichen Altersstufen zu den stadientypischen Formen der psychologischen Strukturen. Psychologische Strukturen
Ein Schema ist das Muster, nach dem sich ein Reflex oder eine Verhaltensweise vollzieht.
Es ist nicht an Zeit und Ort gebunden, sondern weist einen übergeordneten Zusammenhang auf. Ein Schema trägt in sich das Bedürfnis aktiviert und geübt zu werden (Assimilation). Erfahrungen werden immer in Bezug zu vorhandenen Schemata und Begriffen interpretiert, jede Art des Erkennens ist eine Assimilation an bestehende Schemata. Die Mehrzahl der Schemata ist nicht angeboren, sondern begründen sich auf der aktiven Erfahrung, die ein Kind macht. Mit zunehmender Übung passen sich die Schemata den wechselnden Situationen an (Akkommodation). Schemata sind auch in sich flexibel, ein und das selbe Schema - z.B. Aufheben eines Gegenstandes - kann auf unterschiedliche Art und Weise angewendet werden - Stecknadel aufheben vs. Bleikugel. Im Gegensatz zum jüngeren Kind vollziehen sich die Schemata des älteren Kindes auch intellektuell. Es kann in verhältnismäßig abstrakter Art und Weise nachdenken, kann mentale Operationen ausführen. Interne Repräsentationen können mental manipulieren wer-
den, der Jugendliche ist zur sog. Reversibilität fähig.
Äquilibration
Vom kognitiven Gleichgewicht hängen stimmige Erkenntnisse und kohärentes Handeln ab. Bei Diskrepanzen zwischen einer Erfahrung und den Verstehensstrukturen, in die sie assimiliert wird, befindet sich das Individuum in einem Stadium des Disäquilibriums, das es überwinden will. Es entwickelt durch Akkommodation ein differenzierteres Verständnis, das die Schwächen der bisherigen Struktur überwindet. Das Individuum befindet sich wieder im Äquilibrium. Die veränderten Strukturen führen aber nicht nur zum Gleichgewichtszu-stand, der Lösungen bringt. Die neuen Erkenntnisse werfen auch neue Ungleichgewichte auf. Durch unzählige Äquilibrationsprozesse wird nach und nach das Verständnis von der Umwelt erweitert. Soziale Vermittlung
Die große Leistung von Piagets Theorie ist, dass er ständig die Eigenleistung der Kinder im Entwicklungsprozess betont. Kinder sind von Geburt an geistig wie auch körperlich aus sich selbst heraus aktiv und motiviert zu lernen. Sie sind weder ständig auf die Anleitung Erwachsener noch auf Belohnungsanreize angewiesen. Es bedarf jedoch der sozialen
Arbeit zitieren:
Carolin Duss, 2010, Piagets Theorie der geistigen Entwicklung, München, GRIN Verlag GmbH
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