A Die gegenwärtige Situation der Schwarzen in den USA
Wer Zeitungen der westlichen Welt liest, wird nach objektiven Informationen aus den USA zum Thema Rassismus lange suchen. Das Amerika, das den Bürgern anderer Länder präsentiert wird, ist das einer freiheitlichen Nation, die hervorragende technische Erfolge aufzuweisen hat. So zeigt sich der jetzige Präsident mit den ihm nach dem Watergate-Skandal verbliebenen Anhängern und erweckt den Anschein, als stünde das ganze amerikanische Volk geschlossen hinter ihm. Schließlich kämpften die Amerikaner erst in Vietnam gegen den Kommunismus und für die Demokratie. Wie halten es die Regierenden mit der Demokratie, wenn es um die Veränderung des kapitalistischen Systems geht? Dazu der ehemalige Vizepräsident der USA, Agnew. 1
„Soll das Establishment dieses Landes sich händeringend vor einer winzigen Gruppe von eigenbrötlerischen Spinnern und Versagern (misfits) im Staub herumwälzen, wo diese Subjekte doch nur unser freiheitliches System in Verruf bringen wollen, da sie selbst im Konkurrenzkampf untauglich und erfolglos sind? „
Innerhalb des amerikanischen Systems scheint die soziale Komponente zurückzustehen. So werden z.B. Galauniformen für die Polizeigarde angeschafft, während gleichzeitig das Milchprogramm für Schulkinder eingestellt wird. 2 Wenn die Massenmedien etwas objektiver berichten würden, so ergäbe sich eine vom amerikanischen Traum weit entfernte Vorstellung, die u.a. mit der Ausbeutung der Farbigen zu begründen ist.
Martin Walser zeigt, wie eine bürgerliche deutsche Zeitung berichtet. 3 Der Direktor von Sing-Sing und seine Todeskandidaten werden auf einem Foto
1 Lettau, Reinhard, Täglicher Faschismus, S. 125
2 ebenda S. 175
3 siehe bei Davis, Angela, Materialien zur Rassenjustiz, S. 390
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abgebildet. Dem Leser wird vermittelt, wie gut es den Gefangenen geht, Fernsehraum u.a., und es ist zu erkennen, dass die Gefangenen gut gekleidet sind. Was unerwähnt bleibt, ist die Tatsache, dass der Gefängnisdirektor weiß ist, während die Gefangenen alle schwarz sind. Kurznachrichten wie der Artikel der Bild-Zeitung vom 7.11.1969, der Bobby Seale, einen der Führer der Black Panther Partei auf einer Abbildung mit sog. „Schimpfbremse“ zeigt, sind nicht dazu geeignet, den deutschen Leser über die Rassenbeziehungen in den USA zu informieren. Bobby Seale war wegen Verschwörung zur Begehung von Morden verhaftet worden, man sprach ihn am 25. Mai 1971 von allen Anklagen frei. Zuvor hatte ein Gericht in Chicago gegen Seale verhandelt. Da sein Anwalt im Spital lag, forderte Seale einen Anwalt eigener Wahl oder die Selbstverteidigung. 4
„Seiner Proteste wegen wurde er im Gerichtssaal brutal geknebelt, gefesselt und geschlagen. „
Ohne Verurteilung wegen der ihm zur Last gelegten Taten saß Bobby Seale mehrere Jahre im Gefängnis, praktisch wegen Ungebühr vor Gericht. In dem Artikel der Bild-Zeitung ist von Bobby Seales Fall gar keine Rede, nur die Schimpfwörter, die er vor Gericht gebraucht hatte, werden ausführlich genannt. 5 So bleibt die deutsche Allgemeinheit in dem Glauben, dass die Afroamerikaner nicht unterdrückt werden, sondern integriert sind. Die Rassenbeziehungen bleiben für den unkritischen Beobachter trotz der Unruhen der Sechziger Jahre hinter dem vorgeschobenen Amerikabild zurück.
Die Sklaverei ist ja abgeschafft, könnte man meinen. Der Teufelskreis, in dem sich die meisten Afroamerikaner heute noch befinden, wird von den Massenmedien nicht aufgezeigt. Er beginnt schon für das schwarze Schulkind trotz der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA, die
4 siehe bei Davis, Angela, Materialien zur Rassenjustiz, S. 150-151
5 Amendt, Gerhard, Black Power, S. 85
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die Rassentrennung 1954 legal aufhob. 6 Damit wurde zwar die Plessy-Entscheidung von 1896, die die „Separate-but-Equal-Doktrin“ des Obersten Gerichtshofes begründete, widerrufen, in der Realität änderte sich aber wenig. Hauptgründe dafür sind der andauernde Widerstand des Südens, gegen den die NAACP mit Gerichtsverfahren ankämpfte und die de facto Segregation, die durch die getrennten Wohngebiete der schwarzen und der weißen Bevölkerung, die Ghettos, entsteht. Eine Methode der Desegregation (der Aufhebung der Rassentrennung) was das „freedom-of-choice“-Verfahren. Die Eltern konnten bei dieser Methode ihre Kinder freiwillig an einer weißen Schule eintragen lassen. Es ist zu vermuten, dass viele Kinder trotz dieser Möglichkeit doch in schwarze Schulen geschickt wurden, da sie auf einer überwiegend von weißen Kindern besuchten Schule immer der Hänselei durch diese ausgesetzt gewesen wären. Eine wirkungsvollere Methode, die vorgeschriebene Desegregation einer bestimmten Anzahl von Klassen pro Schuljahr, stieß auf die massierten Weigerungen der Weißen im Süden. Seit Nixon regiert, wird der Integrationsprozeß verlangsamt. Der Oberste Gerichtshof entschied jedoch: 7
„Aufgrund wiederholter und ausdrücklicher Erkenntnisse dieses Gerichts steht jeder Schuldistrikt unter der Rechtspflicht, zweifache Schulsysteme sofort aufzuheben und von nun an künftig nur noch einheitliche Schulen zu unterhalten.“
Trotzdem gehen zwei Drittel der Schwarzen im Süden in segregierte Schulen.
Da die Bevölkerung der Schwarzen schneller wächst, als die der weißen, fragt es sich, ob es überhaupt einmal möglich sein wird, alle schwarzen Kinder zu integrieren. Es bleibt also in der Praxis bei getrennten Schulen, vor allem in den Ghettos. Am Wohl der Kinder uninteressierte Direktoren
6 Rüster, Bernd, Rassenbeziehungen in den USA. S.126 ff.
7 ebenda, S. 147
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führen diese Schulen, mangelhaft ausgebildete Lehrer zwingen den Kindern der Schwarzen den „american way of life“ auf und lehren sie, sich den Weißen unterzuordnen. Das betroffene Kind erfährt so seine niedere Stellung in der Gesellschaft und verliert den im Ghetto ohnehin geringen Anreiz zu lernen völlig.
Diese Benachteiligung der Schwarzen wirkt sich auch im Beruf aus. Das zeigt schon der Vergleich zwischen dem Durchschnittseinkommen eines Schwarzen und dem eines Weißen. Das durchschnittliche Einkommen eines Schwarzen betrug 1969 6191 Dollar zu 9794 Dollar, die ein Weißer durchschnittlich verdiente. 8 Noch deutlicher zu sehen ist der Unterschied im Einkommensniveau, wenn das Durchschnittseinkommen nach Ausbildungsstufen gestaffelt wird. Ein Schwarzer, der die High School nach 1-3 Jahren verlässt, bekommt mit 5327 Dollar weniger als ein Weißer, der die Volksschule noch nicht einmal 8 Jahre besuchte und der nun 5509 Dollar verdient. 40% der schwarzen Kinder leben daher in Armut. 9 Zum vergleichsweise niedrigeren Verdienst kommt noch hinzu, dass Schwarze häufig die schwierigsten Arbeiten verrichten müssen. Außerdem stehen sie dem Rassismus der Gewerkschaften und der Betriebsleitungen machtlos gegenüber. 10 So bekommen die Schwarzen die Folgen der jeweiligen Konjunkturlage und die strukturellen Veränderungen wie die Verlagerung der Industrie in die Vororte und die Automation doppelt zu spüren.
Besonders Jugendliche leiden unter Arbeitslosigkeit, bei den schwarzen waren 1970 29% arbeitslos. Die vergleichbare Zahl für Weiße liegt bei 13,5%. 11 Viele schwarze Familien brauchen daher die Hilfe von Fürsorgeprogrammen. Aber diese Programme kurieren nur die Symptome und nicht die Ursachen oder zerstören sogar Familien, indem sie nur
8 ebenda, S. 194
9 ebenda, S. 197 f.
10 Amendt, Gerhard, Black Power, S. 129 ff.
11 Rüster, Bernd, Rassenbeziehungen in den USA, S. 190
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helfen, wenn der Vater arbeitet. Arbeitslose Väter sind daher gezwungen, die Familie zu verlassen, wenn sie überhaupt zu Geld kommen soll. Im schwarzen Ghetto gibt es daher unverhältnismäßig viele Familien ohne Väter. Das begünstigt die durch die Sklaverei entstandene
Vormachtstellung der Frau in der schwarzen Familie noch mehr. Daraus ergeben sich ernsthafte Probleme in den Beziehungen zwischen den schwarzen Männern und Frauen. Viele Faktoren wirken so auf die Bewohner der schwarzen Ghettos in den USA ein, z.B. die unhygienischen Wohnverhältnisse, die mangelhafte medizinische Betreuung, die sich in der Lebenserwartung der Schwarzen niederschlägt, die Wucherpreise, die weiße Ghettohändler für minderwertige Waren verlangen, die überhöhten Mieten, die auch an Weiße bezahlt werden, der Polizeiterror und nicht zuletzt die amerikanische Justiz. Das amerikanische System stempelt politisch Andersdenkende zu Kriminellen, verhängt z.B. in Kalifornien zeitlich unbegrenzte Freiheitsstrafen und schützt die Schwarzen in den Ghettos nicht vor Verbrechen. 12 Das kann natürlich nur eine unvollständige Wiedergabe der Zustände in den Ghettos sein, allein über die amerikanischen Gefängnisse gibt es unzählige Bücher als Material. Der schwarze Ghettobewohner ist also unweigerlich in einem Teufelskreis gefangen: weil er schwarz ist, ist er arm und die Gesellschaft der Weißen hängt ihm angeblich für Schwarze typische Eigenschaften an, sie sieht sich in ihrer Haltung gegenüber der schwarzen Minderheit gerechtfertigt und bestätigt.
Ein Schwarzer aus einem Ghetto hat erhebliche Schwierigkeiten, sein Leben außerhalb des Ghettos zu führen. Aber bekannte Führer der Schwarzen kommen aus dem Ghetto, vielleicht weil hier die Unterdrückung am intensivsten spürbar ist. So hatte z.B. Eldridge Cleaver auch nur zwei Möglichkeiten, um aufzusteigen: er konnte entweder
12 Davis, Angela, Materialien zur Rassenjustiz, S. 88ff.
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Arbeit zitieren:
Wolfgang Dreyer, 1974, Die Emanzipation der Afroamerikaner durch ein sozialistisches System, München, GRIN Verlag GmbH
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