Einleitung
In dieser Hausarbeit soll hinterfragt werden, welche Besonderheiten das russische Internet, bedingt durch die Entstehungsgeschichte und die aktuelle politische, soziale und wirtschaftliche Lage in Russland, aufweist. Um dies zu untersuchen, wird zunächst in einem geschichtlichen Abriss beleuchtet, wie das Internet in Russland entstand. Danach soll es um die Versuche der staatlichen Einflussnahme auf das Internet gehen. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Inhalte der russischen Internetlandschaft gelegt werden. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob es bestimmte Nutzungsweisen des Internet in Russland gibt, die man als länderspezifisch und mentalistätsbedingt bezeichnen kann. Im zweiten Drittel der Arbeit wird es darum gehen, mit welchen Metaphern das Internet in Russland belegt ist und wie es in die russische Kultur integriert wird und wurde. „Typisch russisch“ heißt es auch im abschließenden Kapitel, das sich mit einem „speziell russischen“ Volksvergnügen beschäftigt.
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1. Geschichte des russischen Internet
Die Entwicklung des Internet in Russland erfolgte unter erschwerten Bedingungen: Mit der Cocom-Initiative erließen die westlichen Verbündeten 1949 ein Import-Embargo in die Länder des Warschauer Paktes, das zum Ziel hatte, die ökonomische und militärische Entwicklung des Ostblocks zu schwächen. Dieses politisch motivierte Embargo schloss u. a. auch Güter der Informationstechnologie ein und war insofern erfolgreich, da die Sowjetunion nicht in der Lage war, diesen Wettbewerbsrückstand aufzuholen. 1 In den 80er Jahren gab es Versuche von Seiten des Staates, akademische Computernetzwerke aufzubauen, die jedoch am Desinteresse ihrer potentiellen Nutzer scheiterten. Der Grund dafür lag wohl darin, dass sowjetische Wissenschaftler eine stärkere staatliche Kontrolle ihrer Arbeit befürchteten. 2
Mit dem Zusammenbruch der SU 1991 war der russische Staat vor große politische und wirtschaftliche Probleme gestellt und maß der Entwicklung neuer
Telekommunikationstechnologien keine große Bedeutung bei. Das Internet konnte sich so weitgehend unabhängig vom Staat entwickeln. Dies hatte einerseits zur Folge, dass sich das Internet frei entfalten konnte und zu einem Ort des Meinungspluralismus wurde, andererseits entwickelte es sich aber auch im Vergleich zu den westeuropäischen Ländern viel langsamer, da die staatliche Förderung fehlte. Aus diesem Grund erlangten Förderprogramme ausländischer Stiftungen eine große Bedeutung. So wurde zum Beispiel die Initiative GlasNet, die 1990 ihren Anfang nahm, von der amerikanischen Association for Progressive Communications gefördert. GlasNet baute ein nichtkommerzielles Computernetzwerk auf, das vor allem gemeinnützigen Gruppen wie Menschenrechtlern und Umweltschützern einen kostenlosen Internetzugang ermöglichen sollte. 3
Erst ab Ende der 90er Jahre begann der russische Staat, sich für das Internet zu interessieren, vor allem, weil er das Potential des Internets als Massenmedium und in seiner gesellschaftlichen Bedeutung erkannt hatte. Jedoch bezog sich dieses Interesse eher auf die Kontrolle und Regulierung als auf eine Förderung. 4
Im Jahr 2002 begann Russland mit einem Förderprogramm, das den Namen Elektronnaja Rossija trägt und „Russlands Entwicklung zu einer Informationsgesellschaft vorantreiben und
1 http://parapluie.de/archiv/pakt/runet.
2 Brunmeier, Viktoria: Das Internet in Russland. Eine Untersuchung zum spannungsreichen Verhältnis von Politik und Runet. München: Fischer, 2005, S. 36.
3 Ebd. S. 38 ff.
4 Ebd. S. 39.
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das Land in die Weltwirtschaft integrieren soll.“ 5 Es kam allerdings etwas verspätet, denn dort, wo Russland seine Zukunft sah, waren viele andere Länder schon längst angekommen. Brunmeier beziffert die Rückständigkeit Russlands auf dem IT-Sektor mit einem 63. Platz auf einer Rangliste von 102 Ländern in einer internationalen Studie aus dem Jahr 2003. 6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Besondere am russischen Internet darin besteht, dass es bis heute, verglichen mit Europa und den USA, noch nicht sehr verbreitet ist: 2007 lag die Zahl der Internetnutzer in Russland bei rund 23 % der erwachsenen Bevölkerung. Insbesondere in ländlichen Regionen mangelt es an der Technik -Hochgeschwindigkeitsleitungen gibt es kaum.
Im Vergleich zu den westlichen Ländern ist das russische Internet also ein recht junges Medium und weist zunächst noch keinen Unterschied zum „westlichen“ Internet in den Anfangsjahren auf. Ähnlich wie im Westen war das russische Internet in seiner Anfangszeit ein Inbegriff für freie Selbstentfaltung und Kreativität und wurde mit Metaphern versehen wie der eines Meeres der Urzeiten, das noch „rein und unbesiedelt“ 7 sei. Eine weitere Gemeinsamkeit ist darin zu sehen, dass es nun ebenfalls dem Druck der Kommerzialisierung ausgeliefert ist, auch wenn diese sich zögerlicher vollzieht als im Westen. Doch der große Unterschied ist, dass sich nun im 21. Jahrhundert die politische Lage in Russland wieder verschärft und der Staat versucht, alle Medien zu kontrollieren. 8 Ein Beispiel für die Versuche des Staates, regulierend auf das Internet Einfluss zu nehmen, soll im folgenden Kapitel näher untersucht werden.
2. Zensur - Versuche staatlicher Einflussnahme auf das Internet
Der Moskauer Oberbürgermeister Jurij Lužkov beschrieb in einem Artikel in der russischen Zeitung Iswestija im Mai 2005 das weltweite Internet als einen Ort, an dem sich Marodeure und Piraten tummelten. Der Internet-Alltag sei geprägt von Pornografie, Menschenhandel, Terrorismus, Gewaltverherrlichung, Hacker-Angriffen und Copyright-Missbräuchen. Das Internet sei eine Bedrohung für die Gesellschaft und den Einzelnen. Lužkov bezeichnet das Internet als Massenvernichtungswaffe und fordert eine staatliche Regulierung.
5 Ebd. S. 71.
6 Ebd. S. 71 f.
7 http://parapluie.de/archiv/pakt/runet.
8 Ebd.
4
Seine Vorschläge sehen folgendermaßen aus: Er meint, die „Verantwortung der Online-Journalisten und Operatoren für die Objektivität der gelieferten Information“ müsse gestärkt werden und die Manipulation von Daten und Inhalten sowie die Produktion von Doppelgängerseiten müsse streng bestraft werden. Ein weiterer Vorschlag sieht vor, Websites als Massenmedien bei den Providern verpflichtend zu registrieren. Dabei betont Lužkov, dass er keine Zensur des Internet anstrebe, im Gegenteil, er wolle das Internet für die Menschheit bewahren. 9
Laut Schmidt gehöre es zum Alltag der Internetgemeinde, dass neue Gesetzesvorschläge, die eine Reglementierung des Internet vorsehen, die russische Internetgemeinschaft erschütterten. 10 Zuletzt konnte man im Februar 2008 die Meldung im Internet lesen „Russland plant verschärfte Internet-Zensur“. 11 Dmitri Ivanov, Mitarbeiter des russischen Internetportals Yandex.ru, meint, dass es schon viele solcher Gesetzesentwürfe gab und es werde auch noch viele geben. In der Mehrzahl handele es sich dabei um Gesetzesprojekte, die keinen greifbaren Status besäßen und schnell wieder in Vergessenheit gerieten. 12 Auch Brunmeier titelt in ihrer Publikation Das Internet in Russland: „Die aktuelle Debatte um ein Internet-Gesetz: Viel Lärm um nichts?“ und bezieht sich dabei auf die Diskussionen um eine neue Gesetzgebung im Jahr 2004. Sie stellt fest, dass man das Internet nicht kontrollieren könne, „ohne den Boden der Rechtstaatlichkeit und der Demokratie zu verlassen.“ 13 Sie zitiert den Netzjournalisten Anton Nosik: „Die Verabschiedung eines Gesetzes, das Russland aus der internationalen Rechtspraxis ausschließt und in einen juristischen Raum mit China und Nordkorea hineinkatapultiert, ist eine sehr schlechte PR.“ 14 Nosik schließe zudem nicht aus, dass die Debatten nur geführt werden, damit sich führende Politiker dagegen wenden könne, um als demokratisch und pro-westlich zu gelten. 15
Doch das Internet ist nach wie vor ein zensurfreier Ort. Ivanov argumentiert, dass Zensur dort entstehe, wo es sich lohne, etwas zu zensieren. Da aber nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung Zugang zum Internet habe, sei dessen Einfluss, verglichen mit dem Staatsfernsehen, sehr gering. 16
9 http://www.izvestia.ru/tech/article105251.
10 http://www.ruhr-uni-bochum.de/russ-cyb/library/texts/de/schmidt_luschkow.htm.
11 z. B. bei http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=080204032.
12 http://www.ruhr-uni-bochum.de/russ-cyb/survey/interviews/de/iwanow.htm.
13 Brunmeier 2005, S. 65.
14 Zitiert nach Brunmeier 2005, S. 65.
15 Ebd. S. 66 f.
16 http://www.ruhr-uni-bochum.de/russ-cyb/survey/interviews/de/iwanow.htm.
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Arbeit zitieren:
Ute Drechsler, 2009, Das russische Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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