Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
Abbildungsverzeichnis 3
Tabellenverzeichnis 4
Abk ürzungsverzeichnis 5
1. Einleitung. 7
2. Die Entwicklung einer europäischen Energiegemeinschaft 9
2.1 Ausgangssituation der Energiewirtschaft in Deutschland und
Frankreich nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg 9
2.2 Energiepolitik als Initialzünder einer europäischen Integration 13
2.3 Phase der Krisenbewältigung und Rückzug auf nationalstaatliche
Ebenen 15
3. Deutschland und Frankreich im Energiezeitalter des 21.
Jahrhunderts 24
3.1 Versorgungssicherheit 25
3.1.1 Konjunkturpolitische Dimension schwankender Energiepreise 28
3.1.2 Rückkehr des Ressourcennationalismus 30
3.2 Wettbewerbsfähigkeit 35
3.2.1 Energiekosten- / ausgaben ausgewählter Verbrauchergruppen 36
3.2.2 Das deutsche Strompreisniveau im europäischen Vergleich 43
3.3 Nachhaltigkeit 46
4. Handlungsfelder und Instrumente für ein energiepolitisches
Zusammenwachsen in Europa. 49
4.1 Verwirklichung eines europäischen Energiebinnen- markts 50
4.1.1 Beispiel Erzeugermarkt 52
4.1.2 Beispiel Netzzugang 54
4.2 Die umweltpolitische Dimension einer integrierten Energiepolitik 61
4.2.1 Verpflichtung der EU im Rahmen des Kyoto-Protokolls 61
4.2.2 Das Energie- und Klimaschutzpaket der Kommission 63
5. Resümee 69
Literaturverzeichnis 71
2
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Energiemix in Frankreich, 1973...........................................................16
Abbildung 2: Deutsche Kernkraftwerke in Betrieb....................................................23
Abbildung 3: Frankreich: Grad der Energieunabhängigkeit .....................................26
Abbildung 4: Regionale Verteilug der Reserven konventioneller fossiler
Energieträger, 2007, in Mrd. Barrel bzw. Kubikmeter .........................27
Abbildung 5: Strompreise der privaten Haushalte in Deutschland, 1998 - 2008, in €
pro MWh .............................................................................................41
Abbildung 6: Strompreise für Industriekunden inkl. aller jeweiligen staatlichen
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Minderung oder Begrenzung des Emissionsanstiegs in 62
Tabelle 2: Nationale Gesamtziele für den Anteil von Energie aus erneuerbaren
Quellen am Endenergieverbrauch im Jahr 2020 68
4
Abkürzungsverzeichnis
Abs. Absatz Abschn. Abschnitt AG Aktiengesellschaft AKW Atomkraftwerk b Barrel BMU Bundesministerium für Umwelt BRD Bundesrepublik Deutschland CDF Charbonnages de France CEA Commissariat à l’énergie atomique CRS Compagnies républicaines de sécurité DDR Deutsche Demokratische Republik EAG Europäische Atomgemeinschaft EDF Electricité de France EEA Einheitliche Europäische Akte EEG Erneuerbare Energiengesetz EEX European Energy Exchange EG Europäischen Gemeinschaft EGKS Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl EnWG Energiewirtschaftsgesetz ER Europäischer Rat ETS Emission Trade Scheme EU Europäische Union Euratom Europäische Atombehörde EWG Europäische Wirtschaftsgemeinschaft GDF Gaz de France GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung IEA Internationale Energieagentur ISO Independent System Operator i. V. m. in Verbindung mit
5
KAV Konzessionsabgabenverordnung KRK Klimarahmenkonvention kWh Kilowattstunde MWe MegaWatt electrical MWh Megawattstunde NEGP Nordeuropäische Gaspipeline NGO Non-Governmental Organization NIOC National Iranian Oil Company NOC National Oil Company Nr. Nummer OPEC Organization of Petroleum Exportig Countries o. V. ohne Verfasser StromStG Stromsteuergesetz S. Satz sog. so genannte TWh Terawattstunde
6
1. Einleitung
Vor dem Hintergrund massiver Herausforderungen haben Fragen der Energie- und Klimapolitik in den letzten Jahren einen enormen Bedeutungsgewinn erfahren. Während die energiewirtschaftliche Lage durch einen zunehmend schärfer werdenden globalen Wettkampf um die weltweit begrenzten Energieressourcen gekennzeichnet ist, verheißen auch die Szenarien zur Klimaentwicklung keine positiven Zukunftsaussichten. Die Energieprobleme sind in jeder Hinsicht global geworden 1 . In Medien und Politik setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch „dass die drängenden energiepolitischen Heraus-forderungen nicht mehr Erfolg versprechend auf nationalstaatlicher Ebene bewältigt werden könnten“ 2 . Im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses, der nach und nach alle Politikfelder vereinnahmen sollte, rückte eine gemeinsame europäische Energie- und Klimapolitik zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses.
Das Anliegen dieser Abschlussarbeit ist eine umfassende Analyse des europäischen Integrationsprozesses in der Energiepolitik. Dabei wird insbesondere die Entwicklungsgeschichte dieses Politikfeldes näher beleuchtet, das sich bis heute im Spannungsverhältnis von Gemeinschaft und Mitgliedstaaten befindet. Beispielhaft für diese Entwicklung soll das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, den beiden Gründerstaaten der Europäischen Union (EU), dienen.
Da die Energiewirtschaft und -politik eines Landes im Zusammenhang mit dem jeweiligen Wirtschaftssystem einem besseren Verständnis dient, zeichnet Kapitel 2 zunächst die historische Entwicklung der deutschen und französischen Wirtschaftspolitik nach. Während sich die Wirtschaftspolitik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg grundsätzlich „am Leitbild einer wettbewerbsbestimmten Marktwirtschaft“ 3 orientierte, beschritt Frankreich 1 den Weg der sog. „planification“ (franz. Planung), der eine gewisse zentrale
1 Bukold, Steffen, 2009, S. 1
2 Geden, Oliver; Fischer, Severin, 2008, S. 9
3 Bohnen, Ulrich, 1983, S. 3
7
Lenkung der einzelnen Sektoren beinhaltete 4 . Es wird deutlich, welche herausragende Bedeutung dem Energiesektor mit der Schaffung der gemeinschaftlichen Organe „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) und „Europäische Atomgemeinschaft“ (EAG) für den Beginn der Europäischen Gemeinschaft zukommt. Das Kapitel führt jedoch auch die Differenzen zwischen französischer und deutscher Energiepolitik vor Augen, die zu Beginn der 1970er Jahre eine Phase des Rückzugs auf nationalstaatliche Ebenen einläutete. Insbesondere vor dem Hintergrund des Atomenergieausbaus wird der Zusammenhang zwischen Energiepolitik und politischen System als Einflussfaktor deutlich.
Energiepolitik ist ein sehr umfassendes Politikfeld. Energiepolitik bedeutet zugleich Außen-, Wirtschafts-, Umwelt- und Standortpolitik. Um die Ambivalenz dieses Politikfeldes zu verdeutlichen, und um vor Augen zu führen welchen grundlegenden energie- und klimapolitischen Problemstellungen die EU gegenübersteht, widmet sich Kapitel 3 den zentralen Herausforderungen der Energie- und Klimapolitik. Dabei erfolgt eine Differenzierung dahingehend, als die gegenwärtigen und zukünftigen Problemstellungen, denen sich eine europäische Energie- und Klimapolitik zu stellen hat, über das „Idealdreieck der Energiepolitik“ 5 aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit abgebildet wird.
Um schließlich den Status Quo in der EU- Energie- und Klimapolitik beurteilen und eine Prognose wagen zu können, werden in Kapitel 4 aktuelle politikfeldspezifische Handlungsfelder und Instrumente der EU vorgestellt.
4 Vgl. Uterwedde, Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 54
5 Bukold, Steffen, 2009, S. 1
8
2. Die Entwicklung einer europäischen Energiege-meinschaft
In den politischen und medialen Debatten der vergangenen Jahre wurde der Ruf nach „mehr Europa“ in der Energie- und Klimapolitik angesichts der großen Zukunftsherausforderungen immer lauter. Deutschland und Frankreich fokussierten sich in Ihren EU- Ratspräsidentschaften 2007 und 2008 auf eine zunehmende Europäisierung der Energie- und Klimapolitik. Angesichts der erheblichen Unterschiede innerhalb der europäischen Union sowohl hinsichtlich der nationalen Präferenzen als auch in Anbetracht der geopolitischen Zwänge erschien das Ziel einer gemeinsamen Energiepolitik lange Zeit entrückt. Dabei stand nach 1945 ganz am Anfang der europäischen Integration die Idee einer europäischen Energiegemeinschaft die bis zum heutigen Tag von zahlreichen Einbrüchen aber auch wichtigen Erfolgen gekennzeichnet ist.
2.1 Ausgangssituation der Energiewirtschaft in Deutschland und Frankreich nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg
Die Europäische Integration und mit ihr die Vertiefung in der Energiepolitik muss als fortlaufender Prozess wahrgenommen werden, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seinen Anfang nahm 6 . Im Nachkriegseuropa lag das besiegte Deutschland wirtschaftlich am Boden und Frankreich litt, nach jahrelanger „Besatzung, Plünderung, Invasion und Nicht- Investition“ 7 in sogar noch stärkerem Maße als die besiegten totalitären Mächte 8 . Frankreichs wirtschaftspolitische Passivität nach dem Ersten Weltkrieg führte zu „Enttäuschungen und Fehlschlägen“ 9 , deren Folgen sich bis weit nach der
6 Vgl. Geden, Oliver; Fischer, Severin, 2008, S. 23
7 Fohlen, Claude, 1986, S.115
8 Fohlen, Claude, 1986, S.115
9 Fohlen, Claude, 1986, S.107
9
Weltwirtschaftskrise von 1929 hinein zeigen sollten: in den 1930 er Jahren stagnierte die französische Wirtschaft weitgehend, während sich die Wirtschaft in Großbritannien und den vereinigten Staaten - die stärker als Frankreich in den Welthandel eingebunden waren - erholte. Deutschland hingegen durchlebte nach Jahren der Inflation (Nov.1918 bis Nov. 1923) eine „Zwischenphase von Stabilität und Wohlstand (bis Okt. 1929)“ 10 . Nach Jahren der Depression - infolge der Weltwirtschaftskrise - ergriffen die Nationalsozialisten die Macht, deren Erfolge bei der Schaffung von Arbeitsplätzen (von 6 Millionen Arbeitslosen in 1933 auf Vollbeschäftigung in 1936) und der Erhöhung der Binnennachfrage in den kommenden Jahren augenscheinlich werden sollten.
So unterschiedlich sich die wirtschaftliche und politische Situation der beiden Länder zunächst nach dem Ersten Weltkrieg und später nach der Weltwirtschaftskrise entwickelte, so konträr verliefen auch die (wirtschafts- ) politischen Weichenstellungen in Deutschland und Frankreich nach 1945. Diese blieben nicht ohne Auswirkungen auf die darauf folgenden energiepolitischen Entwicklungen in beiden Ländern. In der Bundesrepublik sollte im Jahre 1948 im Zuge der Neuordnung des Geldwesens auch die allgemeine Wirtschaftsordnung reformiert werden. Unter dem damaligen Wirt-schaftsdirektor der sog. „Bi- Zone“ (Zweizonenverwaltung der britischen und amerikanischen Besatzungszonen) Ludwig Erhardt 11 wurde die noch von der Kriegszeit stammende Planwirtschaft schlagartig auf eine Marktwirtschaft umgestellt 12 . Demgegenüber hat sich in Frankreich ein „anderes politisches Verständnis der Wirtschaft“ 13 durchgesetzt. Frankreich hatte gegenüber den anderen Siegermächten, aber auch gegenüber vielen besiegten totalitären Mächten einen wirtschaftlichen Entwicklungsrückstand, der sich nicht allein auf die Kriegsschäden des Zweiten Weltkriegs zurückführen lässt, sondern vielmehr seine Ursache in der seit Mitte des 19. Jahrhunderts „schleppenden
10 Hardach, Karl, 1986, S.53
11 Ludwig Erhard, 1897 - 1977, gilt als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft und des
„deutschen Wirtschaftswunders“ und war von 1963-1966 Bundeskanzler (Vgl. Bofinger, Pe-
ter, 2003, S. 179)
12 Vgl. Bofinger, Peter, 2003, S. 179
13 Uterwedde, Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 52
10
Industrialisierung“ 14 hat. Deren Folge war eine seither geringe Wirtschafts-und Bevölkerungsdynamik 15 Frankreichs. Durch die 1946 eingeführte „planification“ (franz. Planung) sollte die zur nationalen Aufgabe erklärte Modernisierung Frankreichs nicht dem „kurzsichtigen Markt“ 16 überlassen werden. Vielmehr wurde die französische „Nachkriegsmodernisierung“ zentralstaatlicher Verantwortung übertragen.
Die „planification“ zielte ab 1947 darauf ab, die Marshallplan- Hilfen 17 auf die für den Wiederaufbau zentralen „Engpasssektoren“ 18 zu konzentrieren. Die wichtigsten Sektoren der Wirtschaft sollten „[…] dem Einfluss privater Interessen durch Verstaatlichung […]“ entzogen und die „[…] Lebensbedingungen […]“ 19 verbessert werden. Was dies für die französische Energiewirtschaft bedeutete ließ der damals an der Spitze der französischen Übergangsregierung stehende General Charles de Gaulle in einer Ansprache am 2.März.1945 folgendermaßen verlauten: „Es ist Aufgabe des Staates, die Energieversorgung in ihren wichtigsten Formen […] selbst zu übernehmen“. Als erster Sektor wurde im Mai 1946 die Energiewirtschaft verstaatlicht 20 : mehr als 800 private Unternehmen aus dem Bereich der Elektrizität wurden zum Konzern EDF (Electricité de France), fast 600 private Unternehmen der Gas Branche zur GDF (Gaz de France) und der Kohlesektor zur CDF (Charbonnages de France) zu sog. öffentlichen Industrie- und Wirtschaftseinrichtungen zusammengeschlossen. Im Erdölsektor existierte eine „mächtige nationale Ölfirma, die Compagnie Francaise des Pétroles (TOTAL) 21 . Auch der noch jungen französische Nuklearindustrie galt mit der Gründung des Com- 14 Uterwedde,Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 53
15 Ende des 18. Jahrhunderts hatte Frankreich noch die größte Bevölkerung Europas. Bis zu
Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Frankreichs Bevölkerungszahl bei weitem von der
Deutschlands, Russlands oder Großbritanniens und sogar der Italiens übertroffen (Fohlen,
Claude, 1986, S.101)
16 Uterwedde, Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 53
17 Europäisches Wiederaufbauprogramm (European Recovery Program, ERP). Nach seinem
Initiator, dem US Außenminister George Marshall, wurde es auch „Marshall Plan“ genannt.
Dieser sollte dem fortschreitenden Verfall der europäischen Wirtschaft und der damit einher-
gehenden politischen Destabilisierung ein Ende setzen und die Voraussetzungen für einen
Wirtschaftsaufschwung schaffen, der zugleich der amerikanischen Wirtschaft zugute kam.
18 Uterwedde, Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 54
19 Fohlen, Claude, 1986, S.116
20 Vgl. Fohlen, Claude, 1986, S.116
21 Vgl. Percebois, Jacques, http://www.dgap.org/midcom-serveattachmentguid-
1ddc2058a611198c20511dd9336c33ac8b5bdbfbdbf/dgapanalyse_2008_09_percebois.pdf,
S. 6
11
missariat à l’énergie atomique (CEA) im Oktober 1945 bereits früh besonderes staatliches Augenmerk 22 . Im Gegensatz zur Planung der sozialistischen Staaten jedoch, war die französische „planification“ flexibler, da sie für die Produktion zwar Leitlinien enthalten, sie aber nicht kontrollieren sollte 23 . Der erste Plan jedoch, nach dem zu jener Zeit bedeutenden Wirtschaftspolitiker Jean Monnet 24 , auch als Monnet Plan bekannt, sah für die Jahre 1947 bis 1950 insofern Zielgrößen vor, als eine Steigerung der Industrie- und Agrarproduktion um 25 % gegenüber 1929 erreicht werden sollte 25 : um dieses Ziel zu erreichen mussten unter anderem die Schlüsselindustrien Kohle und Elektrizität in höchsten Maße gefördert und modernisiert werden. Die Kohle war zu dieser Zeit in ganz Europa der dominante Energieträger, der in den ersten Nachkriegsjahren den größten Teil des Primärenergieverbrauchs ausmachte. Neben der Kohle diente die Wasserkraft als wesentlicher Energieträger: in einem umfassenden Programm wurden von der EDF Wasserkraftwerke an Rhein und Rhone ausgebaut und neu errichtet. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt waren die Bemühungen der EDF in Bezug auf den Ausbau der Wasserkraft sogar noch stärker als das spätere Atomstromprogramm 26 . Vor allem also nationale Ressourcen stellten nach dem Krieg in Frankreich die Hauptpfeiler der Energiewirtschaft dar. Auch im Nachkriegs-deutschland bedeutete Energiepolitik zu dieser Zeit vor allem eines: Kohlepolitik. Die Kohle war sowohl für die Industrie und den Verkehrs- und Trans-portsektor als auch für die privaten Haushalte der wichtigste Rohstoff 27 . Mit dem Ruhrgebiet verfügte Deutschland über Europas größtes Kohlerevier, von dem ein Großteil der Schachtanlagen zur Steinkohleförderung auch noch
22 Vgl. Willms, Johannes: Frankreich, 2009, S. 132
23 Fohlen, Claude, 1986, S.116
24 Jean Monnet, bedeutender französischer Unternehmer und Politiker; zählte zu den zentra-
len Architekten und Förderern des europäischen Gedankens zur Gründung der späteren
Europäischen Union. Davor vollzog er eine beeindruckende Wirtschaftskarriere, ehe er Plä-
ne zum Zusammenschluss der westeuropäischen Schwerindustrie verwirklichte. 1955 wurde
Jean Monnet Mitbegründer und Vorsitzender des „Aktionskomitees für die Vereinigten Staa-
ten von Europa“. Durch die Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft wurde er 1976
zum bis dahin einzigen Ehrenbürger Europas ernannte.
25 Fohlen, Claude, 1986, S.118
26 Vgl. Percebois, Jacques, http://www.dgap.org/midcom-serveattachmentguid-
1ddc2058a611198c20511dd9336c33ac8b5bdbfbdbf/dgapanalyse_2008_09_percebois.pdf,
S. 6
27 Vgl. Berger, Thomas; Müller; Karl- Heinz, 1983, S. 43 f.
12
intakt war 28 . Dennoch kann von einer ausreichenden Versorgung mit dem Rohstoff Kohle nicht die Rede sein. Für die Entwicklung des deutschen Wiederaufbaus und die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung kam erschwerend hinzu, dass ein nicht geringer Anteil der in Deutschland geförderten Kohle als Reparationen an die Alliierten abgeführt werden musste. Trotz immenser Anstrengungen und umfassender Lenkungsimpulse (Schwerstarbeiterzulagen, Lohnerhöhungen, Prämiensystem) die Kohleförderung zu steigern bildete die Kohle das „Wirtschaftsproblem Nummer eins“ 29 im Deutschland und Frankreich.
2.2 Energiepolitik als Initialzünder einer europäischen Integration
Der französische Wirtschaftspolitiker Jean Monnet erkannte bereits kurz nach Kriegsende, dass es zu einer dauerhaften Sicherung des Friedens in Europa, einem Gleichgewicht bei den zwei Grundstoffen bedürfe, die für die vormalige Kriegsmittelproduktion essentiell waren: Kohle und Stahl. Die Beseitigung dieses historischen Ungleichgewichts war damit für den ersten Schritt hin zu einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa ausschlaggebend 30 . Die auf Monnet zurückgehenden Überlegungen, die Produktion von Kohle und Stahl in Deutschland und Frankreich (sowie in weiteren beitrittswilligen Staaten) zusammenzuführen, wurden 1951 im Vertrag über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), nach dem damaligen französischen Außenminister auch als Schuman- Plan bekannt, manifestiert. Neben dem politischen Ziel, der „Sicherung des Friedens in Europa“ 31 , indem man ein Gleichgewicht bei den Rohstoffen Kohle und Stahl schafft, sollte auch eine „einseitige Kartellierung dieser Produktionszweige in
28 Vgl. RWE AG, http://www.rwe.com/web/cms/de/257730/rwe/rwe-konzern/ueber-rwe/rwe-
geschichte/im-wandel-energiepolitik/
29 Vgl. Berger, Thomas; Müller; Karl- Heinz, 1983, S. 43 f
30 Vgl. Geden, Oliver; Fischer, Severin, 2008, S.23 - 24; Fohlen, Claude, 1986, S.124; Euro-
parecht, Einführung, 1999, S. 11
31 Geden, Oliver; Fischer, Severin, 2008, S.23
13
Deutschland“ 32 verhindert werden. Da mit der Gründung der EGKS ein gemeinsamer Markt für Kohle entstand und ein Stück nationaler Souveränität auf eine übergeordnete Behörde übertragen wurde, nämlich die Kontrolle über einen Rohstoff, kann man dies als einen ersten ambitionierten Versuch ansehen, Energiepolitik […] gemeinschaftlich zu gestalten“ 33 . Darüber hinaus befand sich mit der CDF in Frankreich zwar der Rohstoff Kohle - im Zuge der „planification“ - sehr stark unter staatlicher Kontrolle, die Stahlindustrie war jedoch weitgehend privatisiert. In diesem Zusammenhang kann man die EGKS sogar als den Versuch eines noch weitreichenderen Projektes ansehen, nämlich den gemeinsamen Markt von 1957 34 . Dieser Montanunion - wie die EGKS auch genannt wird - gehörten nach 1957 neben Frankreich und Deutschland auch Italien sowie die Benelux-Länder (Luxemburg, Belgien und die Niederlande) an. Nach schwierigen Verhandlungen über die Ausgestaltung einer weiteren europäischen Integration kam es 1957 unter der Federführung des belgischen Außenministers Paul Henri Spaak zur Unterzeichnung der Römischen Verträge: die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (EAG bzw. Euratom) waren gegründet. Auf dem Weg zu einem gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum war es das erste Ziel der EWG, eine Zollunion innerhalb der Gemeinschaft zu errichten. Dies bedeutete den „Abbau aller Mengenbeschränkungen und Binnenzölle und letztlich die Einführung eines freien Warenverkehrs“ 35 . Die Zustimmung Frankreichs zu dieser Liberalisierung der Märkte war von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung, wie die darauf folgenden Jahrzehnte zeigen werden. Die französische Volkswirtschaft, die bis zu diesem Zeitraum durch „streng protektionistische Zölle“ 36 vom „Wind des europäischen Marktes“ geschützt war, wurde zum ersten Mal dazu gezwungen, „staatlichen Dirigismus zugunsten marktkonformer Steuerungsmittel abzubauen“ 37 . Dies bedeutete, das französische Produktionssystem gegenüber Ländern mit einer langen Industrietradition wie Deutschland (dessen indus-
32 Fohlen,Claude, 1986, S.124
33 Geden, Oliver; Fischer, Severin, 2008, S.24
34 Vgl.Fohlen, Claude, 1986, S.124
35 Fohlen, Claude, 1986, S.124
36 Fohlen, Claude, 1986, S.124
37 Uterwedde, Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 55
14
trieller Aufschwung zur gleichen Zeit in vollem Gange war) wettbewerbsfähiger zu gestalten. Das bis dahin „staatsfixierte“ 38 französische Wirtschafts-und Sozialmodell wurde daraufhin von einer Veränderungsdynamik erfasst, die sich zunächst in einer raschen Verlagerung der Beschäftigung vom Ag-rarsektor hin zur Industrie auswirkte 39 . Der Prozess der Industrialisierung schien sich nun auch in Frankreich zu beschleunigen. Die Umgestaltung der Industrie war zunächst in Bereich der Energieversorgung zu bemerken, denn das „schwarze Gold“ - die Kohle - wurde in den 1960er Jahren in Frankreich wie in Deutschland zunehmend von der Elektrizität und dem stetig an Bedeutung gewinnenden Erdöl und Erdgas verdrängt. 1967 betrug der Anteil der Kohle an der europäischen Primärenergieversorgung nur noch 35%.
2.3 Phase der Krisenbewältigung und Rückzug auf nationalstaatliche Ebenen
Bereits in den 1960er Jahren verloren die europäischen Errungenschaften EGKS und EAG zunehmend an Bedeutung. Der Energiesektor richtete sich in immer stärkerem Maße an Erdöl als wichtigsten Energieträger aus. So verdrängte das Erdöl zunehmend die Kohle als wichtigsten Energierohstoff. Noch 1950 trug die Kohle 60% zur Deckung des Primärenergiebedarfs in Frankreich bei. Dieser Anteil verringerte sich bis 1962 auf 43% und betrug 1973 nur noch 16% („Charbon“) des französischen Primärenergiebedarfs.
38 Uterwedde, Henrik, http://www.dfi.de/de/pdf/uterwedde/orientierungen.pdf, S. 55
39 Vgl. Fohlen, Claude, 1986, S.126
15
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Andreas Frech, 2009, Der Europäische Integrationsprozess in der Energiepolitik am Beispiel der EU-Mitgliedstaaten Deutschland und Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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