3.1.3 Die rätselhafte Einheit des Bewusstseins und die Einzigartigkeit der Person 45
3.1.4 Die Freiheit des Denkens 47
3.1.5 Der unüberwindbare Unterschied zwischen dem phänomenalen und dem
theoretischen Wissen. 48
3.1.6 Werte und die entscheidende Rolle der Welt 3 50
3.2 Argumente gegen den interaktionistischen Dualismus 52
3.2.1 Kausale Geschlossenheit der physischen Welt und Unmöglichkeit der
Wechselwirkung zwischen Materie und Geist 52
3.2.2 Das Problem der Bewusstlosigkeit. 54
3.2.2.1 Auswirkungen von Hirnschädigungen auf das Erleben und Verhalten 55
3.2.2.2 Persönlichkeitsveränderung von Phineas Gage. 56
3.2.2.3 Emotionale Grundlage von Entscheidungen und dem freien Willen. 57
3.2.3 Denkstörungen und Psychosen. 58
4. Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärungen in der Leib-Seele-Debatte 60
4.1 Die Frage nach dem „Wie“ 60
4.2 „Bewusstlose“ Naturwissenschaft. 62
4.3 Können wir die ganze Welt erkennen? 64
5. Schlusswort 66
Literaturverzeichnis. 68
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1. Einleitung
Der Dualismus als eine philosophische Position geht von der Annahme aus, dass es zwei verschiedene Substanzen oder besser gesagt zwei verschiedene Entitäten gibt: Materie und Geist. Zur Materie gehören z.B. unser Planet, Berge, Flüsse, Lebewesen, verschiedene menschliche Artefakte usw. Zum Geist oder geistigen Phänomenen gehören alle unsere Empfindungen, Emotionen, unterschiedliche psychische Zustände. Die materielle Welt ist subjektiv wahrnehmbar, intersubjektiv überprüfbar und letztendlich objektiv gegeben. Sie ist jedem von Außen bekannt. Die geistige Welt hat ihren Ursprung im Inneren jedes Subjekts, sie ist von vorne rein subjektiv und kann nur auf diese Weise erlebt werden. Zum Glück können diese Erlebnisse mittels Sprache zwischen verschiedenen Subjekten ausgetauscht und, so weit es geht, verglichen werden. Dadurch bekommen sie einen intersubjektiven Status. Was aber geistige Phänomene von materiellen Objekten generell unterscheidet ist ihre Unüberprüfbarkeit. Wir können behaupten, eine gewisse Kiste ist 40 cm lang, 20 cm breit, 30 cm hoch und wiegt 2,5 Kilo. Diese Behauptung kann von mehreren Subjekten überprüft werden, indem man diese Kiste mit anerkannten Werkzeugen misst und wiegt. Wenn aber jemand behauptet, er habe starke Schmerzen oder er sei sehr glücklich, können wir mit keinem Werkzeug messen, wie stark die Schmerzen tatsächlich sind oder wie sehr derjenige glücklich ist. Diese Empfindungen und Erlebnisse sind nur diesem einen Menschen, der von ihnen berichtet, zugänglich und bekannt. Da uns allen in gewisser Weise die Bewusstseinzustände „Schmerzen haben“ oder „glücklich sein“ bekannt sind, können wir uns vorstellen, was dieser Mensch empfindet und wie er sich fühlt. Und das tun wir, indem wir uns an unsere eigene Empfindungen erinnern und diese auf die betroffene Person projizieren. „Ich hatte doch starke Schmerzen und ich weiß, wie es sich anfühlt“ oder „ich war damals im siebten Himmel vor Glück und ich weiß, was für ein Gefühl das ist“ - so ähnlich dürften die Gedanken sein. Materielle Gegenstände können wir nicht nur beschreiben, sondern auch in den meisten Fällen anfassen oder mit den anderen Sinnen erfassen. Jeder kann die oben erwähnte Kiste hochheben, um zu erleben, wie es sich anfühlt, 2,5 Kilo in den Händen zu halten. Aber keiner ist in der Lage, sich für einen Augenblick die Schmerzempfindungen oder das Glücksgefühl eines anderen zu borgen, um zu testen, wie man sich damit fühlt. Das Psychische jeder Person ist privat und kann nur auf deren Wunsch den anderen mitgeteilt oder auch verschwiegen werden. Natürlich kann uns viel der Gesichtsausdruck des jeweiligen Menschen verraten, doch wir wissen auch, dass wir lügen oder unser Körper so gut beherrschen können, dass den anderen mit den neutralen Gesichtszügen nichts mitgeteilt wird.
Der Mensch ist also eine geistig-körperliche Einheit. Um uns selbst zu bezeichnen, benutzen wir das Wort „Ich“. Ich bin derjenige, der einen Körper hat, aber auch derjenige, der denkt, fühlt und entscheidet. Im alltäglichen Leben vertreten wir unbewusst den Dualismus. Unser Handeln ist durch unser Wollen und unsere Überzeugungen und Entscheidungen bestimmt. Wenn auf die Frage „Warum hast du dies und das gemacht?“ die Antwort kommt „Weil ich es so wollte“, fragen wir gewöhnlich nicht weiter nach. Die Überzeugung, dass ICH die Entscheidungen treffe, was zu tun und was zu unterlassen ist, ist fest in uns verankert. Ohne diese Gewissheit könnte jegliche Gesellschaft nicht funktionieren und die Begriffe wie „Verantwortung“, „Versprechen“, „Treue“, „Eid“ usw. wären sinnlos. Denn wenn ich etwas verspreche, treffe ich die Entscheidung, auf eine bestimmte Weise zu handeln, und bin dann für dieses Versprechen verantwortlich. Deswegen ist auch jedem Menschen klar, dass er allein die Quelle, der Ausgangspunkt seiner Taten ist. Wir sind überzeugt, dass wir frei sind. Diese Freiheit überschreitet manchmal die moralischen Normen einer Gesellschaft und dafür gibt es Ge-richtsverhandlungen. Sobald es feststeht, wer das Verbrechen begangen hat, sucht man nach
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keinen weiteren Ursachen der Tat. Es mögen tausend Gründe vorliegen, warum und weshalb ein Verbrechen begangen wurde. Es mögen besonders „ungünstige“ Mondphasen oder Sternenkonstellationen sein, es mögen verschiedene sozio-ökonomische oder sogar kulturelle Faktoren sein. Doch letztendlich die Entscheidung zur Tat wird ausschließlich von der Person getroffen. Und aus diesem Grund wird die jeweilige Person bestraft, weil man fest davon überzeugt ist, dass die Quelle der Kausalkette in dieser Person ihren Ursprung hat. Der freie Wille ist eins der Rätsel des Bewusstseins. Wenn das Bewusstsein durch die Funktionen des Gehirns realisiert ist, wie ist es dann möglich, dass wir frei sind? Oder ist Freiheit nur eine Illusion? Wir mögen die Freiheit unserer Handlungen bezweifeln, doch wie können wir die Freiheit unseres Denkens bestreiten?
Wie handelt aber der Mensch? Wie kommt es dazu, dass er seine Glieder bewegen kann? Wie kommt eine Bewegung zustande? Aus dem Anatomieunterricht wissen wir, dass der Mensch über ein Zentralnervensystem verfügt, durch das alle seine Bewegungen ermöglicht werden. Die Nervenbahnen sind im ganzen Körper verteilt und letztendlich mit dem wichtigsten Organ verbunden - dem Gehirn. Das Gehirn ist wie ein strategisches Zentrum, in das alle Informationen durch die Sinne reingelangen und aus dem alle Befehle zum Bewegen irgendeins Gliedes gesendet werden. Wenn wir also verstehen wollen, wie und wieso der Mensch handelt, müssen wir die Ursachen im Gehirn suchen.
Die moderne Hirnforschung ist stets bemüht, auf diese Fragen Antworten zu geben. Es ist aber keine leichte Aufgabe. Das Gehirn ist das komplexeste Organ und sogar das komplexeste überhaupt, was uns im Universum bekannt ist. Es verfügt über schätzungsweise 100 Milliarden bis einer Billion Neuronen, die sich in Netzwerke von ungeheuerer Komplexität zusammenschließen. Schätzungsweise übersteigt die Anzahl aller möglichen Neuronenverbindungen im Gehirn die Anzahl der Atome im Universum. Außerdem ist es kein statisches, sondern ein dynamisches System, das sich ständig ändert. Die Neuronennetzwerke, die lange Zeit nicht benutzt werden, werden schwächer und zerfallen letztendlich, die frei gewordenen Synapsen der Neuronen schließen sich den neuen Netzwerken an, Neuronen werden so für andere Aufgaben herangezogen. Eins ist aber gewiss - das Gehirn muss intakt bleiben und richtig funktionieren, damit wir Bewusstsein haben und etwas erleben. Diese enge Bindung lässt vermuten, dass das Bewusstsein auf der Basis des Gehirns entsteht und wahrscheinlich nur auf dieser Basis möglich ist. Um einen gewissen Grad an Bewusstsein zu erreichen, braucht man ein entsprechend komplexes Gehirn.
Mit bildgebenden Verfahren kann festgestellt werden, welche Bereiche des Gehirns aktiv sind, wenn die untersuchte Person etwas sieht, hört, riecht, abtastet, im Kopf rechnet oder sich etwas vorstellt. Es gibt verschiedene Methoden, um die Gehirnprozesse zu beobachten. Mit der Positronen-Emissions-Tomographie kann man die Durchblutung der Hirnregionen messen. Die Stärke der Durchblutung hängt direkt mit der Aktivität der Neuronen zusammen. Wenn eine Person z.B. ein schönes Gemälde betrachtet, stellt man die erhöhte Neuronenaktivität im Sehzentrum des Gehirns fest. Ein anderes Verfahren ist die Magnetenzephalographie. Hier werden die Veränderungen des Magnetfeldes an der Kopfoberfläche gemessen. Dieses Magnetfeld wird durch die aktiven Ströme der Nervenzellen verursacht. Auch in diesem Fall kann man genau beobachten, welche Bereiche im Gehirn besonders aktiv werden, wenn die Testperson verschiedene mentale Zustände hat. Es gibt noch einige weitere bildgebende Verfahren, sie sind für uns aber von geringerem Interesse, da es dabei nur um technische Besonderheiten geht. Was aber alle diese Verfahren gemeinsam haben und wozu sie alle letztendlich dienen, ist die Möglichkeit, einen Blick in die Hirnprozesse zu werfen. Die Hirnforschung möchte wissen, was genau in unseren Gehirnen passiert, wenn wir diese und jene Bewusstseinzustände haben, wenn wir fühlen, wenn wir denken.
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Die wichtigste Frage - auf welche wunderbare Weise aus der Hirnaktivitäten Bewusstsein entsteht - bleibt bis heute unbeantwortet. Wir erleben uns als eine Einheit, als „Ich“, das sieht, aber auch gleichzeitig riecht, Druck spürt, angenehmes Gefühl hat und spazieren geht. Im Gehirn gibt es verschiedene Bereiche, die verschiedene Umweltreize verarbeiten. Videoin-formationen werden getrennt von Audioinformationen behandelt, Gerüche getrennt von Tasteindrücken. Doch nirgendwo im Gehirn könnte man bisher einen Bereich finden, in dem alle diese verarbeitete Informationen zusammenlaufen. Es gibt kein Zentrum, kein „Ich“ im Gehirn. Entweder bin ich das Gehirn bzw. seine Funktionalität oder ich bin etwas anderes, was man mit keinen naturwissenschaftlichen Methoden erfassen kann. Die Entstehung und die Wesenheit des Bewusstseins bleibt nach wie vor ein Rätsel.
Die Hirnprozesse, die unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken begleiten oder ermöglichen haben einen qualitativen Unterschied zu den Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken selbst. Die Forschung kann uns Beschreibungen und Bilder der Neuronenaktivität liefern, die gemessen werden, wenn man z.B. eine schöne Melodie hört. Sie kann aber mit diesen Bildern nicht sagen, wie es ist, diese Musik zu hören. Wir können einem Gehörlosen die farbige Bilder der Hirnaktivität, die bei einem Musikliebhaber während des Zuhörens aufgezeichnet wurden, zeigen; wir können ihm auch die Noten dieses Musikstückes demonstrieren. Aber wird der Mensch, der nie in seinem Leben erfahren hat, wie es ist, zu hören, verstehen, was Musik eigentlich ist? Eher nicht. Er mag viel über die technisch-beschreibende Seite der Klänge wissen, doch die Bewusstseinzustände, in denen man Musik wahrnimmt, sind im völlig unzugänglich. Die Erlebnisqualitäten oder Qualia sind nur aus der Ersten-Person-Perspektive zugänglich. Nur ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ich eine bestimmte Melodie höre, Fahrrad fahre oder Blumen rieche. Die Naturwissenschaft liefert uns die Weltbeschreibung aus der Dritten-Person-Perspektive. Bei der Hirnforschung hat man viel über die materiellen Grundlagen der Bewusstseinzustände gelernt, jedoch gar nichts über die Zustände selbst. Die Neuronenprozesse sind materiell, die Bewusstseinzustände nicht. Wie wir sehen, entziehen sich Qualia der naturwissenschaftlichen Beschreibung.
Der Glaube, man könnte eines Tages alles in der Welt mit Hilfe der Naturwissenschaft erklären, ist sehr populär in Kreisen der anerkannten und führenden Wissenschaftlern. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch über solch präzise und auflösungsreiche Messtechniken verfügt, dass er die kleinsten Bausteine der Welt erforschen und die entsprechende „Theorie von Allem“ entwickeln kann. Alles, was es im Universum gibt, hat seinen Ursprung in der Materie und ist auch entsprechend nur eine besondere Gegebenheit dieser Materie, die durch Naturgesetze geformt wird. Diese Position ist sehr streng und einfach. Alles muss gemessen und beobachtet werden können. Falls irgendetwas nicht gemessen werden kann, muss man warten, bis man über die entsprechenden Messinstrumente verfügt. Ist ein Phänomen prinzipiell unmessbar, wird es entweder als unwissenschaftlich ignoriert oder es wird nach den materiellen Ursachen des Phänomens gesucht. Der Ausgangspunk der Forschung bestimmt die Herangehensweise.
Das Phänomen des Bewusstseins ist uns unmittelbar gegeben. Es existieren zur Zeit viele Theorien über das Wesen des erlebenden „Ich“. John Eccles hat eine dualistische Theorie entwickelt, in der er zu zeigen versucht, wie Geist als Programmierer die Maschine Gehirn bedient. Seine Überlegungen sind nicht rein wissenschaftlicher Natur, sondern philosophischwissenschaftlich oder sogar religiös-wissenschaftlich. Wegen der Mischung aus Philosophie und Wissenschaft wurde er stark kritisiert. Ob diese Kritik rechtfertigt ist oder nicht, hängt natürlich von der Weltanschauung des jeweiligen Kritikers ab. Im späteren Verlauf dieser Arbeit versuchen wir uns näher mit einigen Kritikpunkten auseinander zu setzen.
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Bevor wir aber mit Eccles anfangen, werfen wir einen Blick in die Geschichte der dualistischen Philosophie. Unsere Interesse ist zuerst Platon und dann Descartes gewidmet.
1.1 Platons Argumente für die Unsterblichkeit der Seele
Auch in der antiken Welt waren viele Denker davon überzeugt, dass der Mensch einerseits einen Körper und andererseits eine Seele hat. Diese zwei Substanzen sind zwar auf irgendeine Weise miteinander verbunden, ihrem Wesen nach aber verschieden. Die Seele wurde als etwas Immaterielles vorgestellt, das das eigentliche Mensch-Sein ausmachte. Im Phaidon lassen sich 4 Argumente Platons für die Unsterblichkeit der Seele finden: 1. Der Zyklus von Entstehen und Vergehen. Zu jedem Prozeß, der von A zu B - dem Gegenteil von A - führt, muß es einen entgegengesetzten Prozeß geben, der von B wieder zu A führtzum Sterben also den Prozeß des Wiederauflebens. Sterben bedeutet aber nichts anderes als die Trennung der Seele vom Körper; also muß das Wiederaufleben darin bestehen, daß die Seele wieder in den Körper eintritt. Die Seelen der Menschen müssen sich daher nach dem Tode irgendwo aufhalten, damit sie von dort wieder in einen Körper zurückkehren können. 2. Erinnerung. Die Seele muß schon vor der Geburt existiert haben, da wir über Wissen verfügen, das wir nur vor der Geburt (durch Schau der Ideen) erworben haben können. 3. Verwandtschaft. Die Seele strebt nach der Erkenntnis der Ideen, der Körper dagegen konzentriert sich auf die Welt der vergänglichen empirischen Dinge. Es gibt also eine Verwandtschaft, und d.h. auch eine Schicksalsverwandtschaft, zwischen Körper und vergänglicher Welt einerseits und Seele und Ideenwelt andererseits. Also ist Körper vergänglich und die Seele (wie die Ideen) unvergänglich.
4. Die Seele als Lebensprinzip. So wie das Feuer allem, dem es innewohnt, Wärme verleiht, so verleiht die Seele allem, wovon sie Besitz ergreift, Leben. Wenn etwas allen Gegenständen, denen es innewohnt, Anteil an der Idee F vermittelt und deren Teilhabe an der entgegengesetzten Idee F’ verhindert, dann kann dieses Vermittelnde selbst erst recht die Idee F’ nicht in sich aufnehmen. Also ist die Seele unsterblich. (Beckermann, 1999, S. 28) Zu 1: Platon ist davon überzeugt, dass solche Prozesse für alle Dinge existieren. Gegensätze wie das Schöne und das Hässliche, das Ungerechte und das Gerechte, das Kleine und das Grosse entstehen auseinander. Wenn etwas größer wird, dann bewegt sich dieses etwas von dem Kleinen(A) zum Grossen(B). Wenn es noch größer sein soll, dann muss es sich noch weiter von dem Kleinen entfernen und näher zum Grossen heranrücken. Das ist die Bewegung von A nach B. Wenn aber etwas kleiner wird, bewegt es sich in die entgegengesetzte Richtung, also von B nach A. So sind auch das Leben und der Tod zu betrachten - zwei Gegensätze, die einander ausschließen und auseinander entstehen.
Vielleicht hat Platon nicht genügend Beispiele in Betracht gezogen, denn offensichtlich gibt es einige Dinge in der Welt, die keinen entgegengesetzten Prozess haben. Wer älter wird, kann unmöglich junger werden; wenn ein Wort gesprochen ist, kann es nicht zurückgenommen werden. Das Schöne muss nicht notwendigerweise aus dem Hässlichen entstehen und das Grosse nicht aus dem Kleinen (vgl. Beckermann, S. 22). Deswegen muss das Leben nicht unbedingt aus dem Tod entstehen, obwohl der letzte aus dem ersten hervorgeht. Zu 2: Hier demonstriert Platon, dass wir über einige Begriffe verfügen, die wir nie aus der Erfahrung gewonnen haben könnten. Der Begriff des Gleichen z.B. kann seiner Ansicht nach unmöglich aus der wahrnehmbarer Welt der Dinge kommen. Denn zwei Gegenstände mögen einem gleich, dem anderen ungleich erscheinen. In gewisser Weise sind alle Gegenstände ein
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wenig ungleich. Und doch ist uns die Idee der Gleichheit vertraut. Das Gleiche an sich könnten wir nur vor der Geburt erworben haben, als unsere Seele das Reich der Ideen schaute oder ein Teil dieses Reiches war.
Es ist schon möglich, dass wir das Gleiche an sich nie aus der Erfahrung erkennen können. Aber diese Idee, dieses Erkennungsmuster könnte uns angeboren sein. Es könnte, wenn man im Sinne des Funktionalismus spricht, eine Grundfunktion des Gehirns sein. Wenn man evo-lutionstheoretisch argumentiert, könnte diese Funktion durch die natürliche Auslese entstanden sein, da, in irgendwelcher Weise, das Erkennen der gleichen Dinge Vorteil im Überlebenskampf verschafft haben sollte. Andererseits wäre es möglich, dass wir imstande sind, diese Begriffe analytisch zu bilden. Wenn ein neues Phänomen erfahren wird, in diesem Falle zwei Gegenstände, die ich nach und nach mit all meinen Sinnen erfasse und feststelle, dass ich keine Eigenschaft finden kann, die ein Gegenstand hat und der andere nicht, könnte es möglich sein, dass ich in diesem Moment diese phänomenale Erfahrung und schließlich mein Urteil über diese zwei Gegenstände als „Gleichheit“ bezeichne und dadurch einen neuen Begriff bilde. Also auch aus dieser These folgt nicht, dass wir über ein Wissen der Ideen vor der Geburt verfügen.
Zu 3: Mit der Seele ist eigentlich die komplette psychische Welt des Menschen gemeint. Empfindungen, Gefühle und vor allem das Denken gehören dazu. Von der Geburt an strebt der Mensch nach Erkenntnis. Er ist das einzige Lebewesen, das sich für den Aufbau der Welt interessiert und nach dem Sinn des Lebens sucht. Die Seele ist stets bemüht, die Ideen zu schauen. Wie schon erwähnt, nur durch die Verwandtschaft der Seele mit dem Ideenreich können wir das Schöne an sich, das Gleiche an sich usw. erkennen. Das alles ist unsichtbar und nach Platon unveränderlich und ewig. Also muss auch die unsichtbare Seele unvergänglich und unsterblich sein, so wie die Ideen. Die materielle Welt ändert sich ständig. Nichts bleibt so, wie es einmal war. So auch der Körper des Menschen, der älter wird und seine Form verändert, bis er nach dem Tod zerfällt und schließlich verschwindet. Die Ideen sind einheitlich und qualitativ, es gibt nur das eine Schöne, das eine Gute usw. Sie sind unteilbar. Die materiellen Dinge sind zusammengesetzt, quantitativ und teilbar. Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen der Welt der Ideen und der Welt der Materie. Nach dem Tod verlässt die Seele ihr Körper-Gefängnis und kehrt zum Ideenreich und somit zur wahren Erkenntnis zurück.
Diese These scheint viel stärker zu sein, als die beiden ersten. Falls wir doch nicht imstande sind, die Ideen zu bilden, ist die Verwandtschaft der Seele mit der höheren geistigen Welt vorauszusetzen.
Zu 4: Am Beispiel der Zahlen zeigt Platon, dass nicht nur Gegensätze sich ausschließen, sondern auch einige Ideen. Er nimmt die Idee der ungeraden Zahlen, die mit der Idee der geraden Zahlen unvereinbar ist. Niemals könnte es sein, dass die Drei eine gerade Zahl wird, so wie die Vier eine ungerade. Also kann die Drei auf keinen Fall die Eigenschaft „gerade“ annehmen. Von dieser Überlegung ausgehend betrachtet Platon die Seele als eine Eigenschaft des Lebens, als Lebensprinzip. Alles, was beseelt ist, ist notwendig lebendig. Alles, was nicht lebendig ist, hat auch mit der Seele nichts zu tun. So auch der Tod kann unmöglich die Seele betreffen, da diese Ideen einander ausschließen. Deswegen muss die Seele unsterblich sein, sie kann an der Idee des Todes nicht teilhaben.
Hier könnte man natürlich fragen, ob es noch sinnvoll ist, über die Unsterblichkeit der Seele zu reden. Wenn wir voraussetzen, dass es die Seele als irgendeine immaterielle Substanz gibt, dann ist es seltsam von ihrem Tod zu reden. Aus der Erfahrung wissen wir, dass es wohl materielle Lebewesen sind, die eines Tages sterben, die quasi die Eigenschaft „lebendig“ aufge-
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ben und die Eigenschaft „tot“ annehmen. Wenn die Seele mit dem Leben gleichzusetzen ist, dann ist es selbstverständlich, dass sie mit dem Tod unvereinbar ist. Das Leben an sich ist nicht tot und der Tod an sich ist nicht lebendig. Das sind eben Ideen. Nur Lebewesen können entweder tot oder lebendig sein. Mit diesem Argument hat Platon nur gezeigt, dass abstrakte Entitäten keine Eigenschaften der konkreten Entitäten annehmen können. Wichtig ist, dass die Existenz der Seele für Platon und seine Mitdenker außer Zweifel steht. Die Welt ist in Geist und Materie gespaltet. Der Geist beherrscht die Materie und ist in seinem Denken frei. Er kann nicht sterben oder vergehen, da er nicht zur materiellen Welt gehört.
1.2 Descartes Argumente für die Existenz der Seele
Einen grundliegenden Gedanken zur Leib-Seele-Debatte lieferte René Descartes, der alle seine Erfahrungen in Zweifel stellte. Er fing vom Anfang an, von sich selbst und fragte, was er eigentlich sei. Ihm war klar, dass er einen Körper hat und durch seine Sinne die ganze Welt wahrnimmt. Doch aus der Erfahrung wusste er, dass seine Sinneseindrücke ihn manchmal getäuscht haben. Er wusste auch, dass er in vielen Träumen sich sicher war, dies und jenes zu sehen, zu spüren, zu hören, und dass er Träume für Realität hielt. Von diesem Gedanken ausgehend, fragte er sich, ob es nicht sein könnte, dass er in allen seinen Erfahrungen getäuscht wird. Es könnte sein, er habe überhaupt keinen Körper und die ganze Welt um ihn herum sei auch nur eine Illusion. Nur eins war gewiss - er ist derjenige, der getäuscht wird. Alles könnte er bezweifeln, außer der Tatsache, dass er zweifelt. Also kommt Descartes zu dem Schluss, er ist ein denkendes, zweifelndes Etwas. Und das macht sein Wesen aus. Falls aber die Welt doch real ist und existiert, muss man hier zwei verschiedene Substanzen unterscheiden: res cogitans (das denkende Ich, die Seele) und res extensa (materielle, ausgedehnte Welt, Körper). Die Seele ist immateriell, denkend und nicht ausgedehnt; die Körper sind materiell, nicht denkend und ausgedehnt. Sobald Descartes diesen Unterschied feststellt, vermutet er, dass es für ihn auch möglich wäre, ganz ohne Körper zu existieren. Er argumentiert folgendermaßen:
„Und obwohl ich vielleicht - oder sogar gewiß, wie ich später darlegen werde - einen Körper habe, der mit mir sehr eng verbunden ist, so ist doch, da ich auf der einen Seite eine klare und deutliche Idee von mir selbst habe, insofern ich nur ein denkendes, nicht ausgedehntes Ding bin, und auf der anderen Seite eine deutliche Idee vom Körper, insofern dieser nur ein ausgedehntes nicht denkendes Ding ist, so ist, sage ich, gewiß, daß ich von meinem Körper wirklich verschieden bin und ohne ihn existieren kann“ (Descartes, Meditationen, S. 214).
Ohne Körper zu existieren heißt nicht, in der Welt der physischen Gegenstände zu existieren. Mit dieser Überlegung spaltet Descartes das Universum in zwei Welten: die Welt des Geistes und die Welt der Materie. Beide Welten können unabhängig voneinander existieren. „Ich“ kann allein mit der Eigenschaft des Denkens, ohne ausgedehnt zu sein, existieren. Jeder Körper kann allein mit der Eigenschaft der Ausdehnung existieren, ohne zu denken. Wie funktioniert aber die Zusammenwirkung zwischen Körper und Geist? Können sie aufein-ander wirken? Nach Descartes ist der menschliche Körper eine Art Maschine, die einerseits vom Geist gesteuert wird und andererseits dem Geist Mitteilungen von der Außenwelt schickt. Mittels Nervenbahnen gelangen Signale ins Gehirn, von diesem werden dann auch Befehle zum Bewegen der einzelnen Glieder ausgesandt. Der Geist bekommt die Eindrücke
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nur vom Gehirn und hat auch nur dort seine Wirkung. Wo genau findet nun diese Wechselwirkung statt? Descartes vermutete, dass dies in der Zirbeldrüse geschah. Das ist das einzige Teil des Hirns, das nicht doppelt vorhanden ist. Hier sollen sich alle Eindrücke von verschiedenen Sinnesorganen zu einem Bild zusammensetzen.
Natürlich gab es zu Descartes Zeiten noch keine Erkenntnisse über die Funktionen dieser Drüse. Heute ist es bekannt, dass sie unsere Schaf- und Wachperioden und unsere Stimmung steuert. Sie ist auch für die Messung und die Zeitsteuerung des Körpers verantwortlich (Vgl. Goller, 2003, S. 86). Wie wir sehen, war die Vermutung Descartes falsch. Es gibt kein Zentrum im Gehirn, wo alle Eindrücke zum Gesamtbild zusammengefügt werden. Vielleicht reicht das Gehirn alleine, um alle Phänomene des Bewusstseins zu erklären, ohne einen immateriellen Geist vorauszusetzen? Descartes verneint diese Frage und bringt in seinem Werk Discours de la Méthode zwei weitere Argumente für die Existenz der immateriellen Seele. Er macht einen Gedankenexperiment und stellt sich vor, man könnte prinzipiell so gute Maschinen bauen, dass sie verschiedene Lebewesen in ihren Tätigkeiten perfekt nachahmen. Dann fragt er sich, ob es für uns möglich wäre, diese Maschinen zuerst von echten Tieren zu unterscheiden. Descartes sieht hier keine Möglichkeit. Aber im Falle einer Maschine, die einen Menschen nachahmt sieht er zwei Methoden, um herauszufinden, ob es sich um einen Menschen oder eine mechanische Kopie handelt. Denn nämlich nur Menschen sind imstande zu sprechen. Mit dieser Funktion ist nicht nur ein bloßes akustisches Hervorbringen von Worten gemeint, denn dies können einige Papageiarten sehr gut, sondern die Fähigkeit, Worte auf verschiedene Weise in Sätze zu kombinieren, die auch Sinn ergeben. Das kann nur der Mensch und kein Tier oder Maschine. Man kann also kein physikalisches System bauen, es ist ja auch kein solches System überhaupt möglich, das diese intellektuelle Leistung hervorbringen kann. Menschen haben Gedanken, die sie mithilfe der Worte ausdrücken. Maschinen haben keine Gedanken, die können nur bestimmte Funktionen ausüben, modern gesagt - sie können nur bestimmte Anweisungen des Programms ausführen, die ein Mensch programmiert hat.
Das zweite Argument ist unser intelligentes Handeln und der Intellekt allgemein. Nach Descartes können sowohl Tiere als auch Maschinen nur bestimmte Aufgaben lösen. Tiere folgen ihrem Instinkt und überlegen nicht, wie sie dieselbe Sache besser erledigen könnten. Die moderne Tierforschung kann aber doch die Anzeichen von Intelligenz bei höheren Tieren (Menschenaffen, Delfine, Elefanten und sogar Papageien) feststellen. Diese sind sehr wohl imstande, Lösungen für neue Probleme zu finden. Natürlich sind ihre intellektuellen Leistungen weit von den menschlichen entfernt. Anders sieht es bei Maschinen aus. Maschinen sind nur für bestimmte Zwecke und Problemlösungen gebaut und sind nicht imstande, eine unbekannte, eine neue Aufgabe zu bewältigen. Heutzutage ist man noch weit davon entfernt, einen Sprachcomputer zu programmieren, der nur annähernd die sprachliche Fähigkeit des Menschen erreichen könnte. Descartes zeigt mit diesem Argument, dass Intelligenz prinzipiell nicht physisch realisierbar ist. Die Allgemeinheit steht hier im Wege. Wie kann ein physisches System ein Problem an sich erkennen, wie kann es Sinn erkennen? Wie kann Denken materiell realisiert sein? Descartes ist auch in diesem Fall gezwungen, die Existenz einer nichtphysischen Substanz - der Seele - anzunehmen. Und da er schon vorher gezeigt hat, dass nichts gewisser sein kann als die Existenz des eigenen Geistes, glaubt er auch hier die Existenz der Seele bewiesen zu haben.
Natürlich kann man auch hier Einwände bringen. Erstens hat Descartes nur gezeigt, dass es noch nicht erklärbar ist, wie Intelligenz aus den Funktionen des Gehirns entstehen kann. Vielleicht kann uns die Naturwissenschaft eines Tages die Beweise liefern, dass alle Leistungen
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und Phänomene des Bewusstsein durch physische Abläufe im Gehirn realisiert werden. Die Annahme einer immaterieller Substanz, die man mit keinen Mitteln empirisch nachweisen kann, sei doch überflüssig und erkläre im Endeffekt nichts weiter. Zweitens kann es sein, dass bestimmte Eigenschaften eines physikalischen Systems erst nach einem gewissen Grad der Komplexität auftauchen und ermöglicht werden. Hier spricht man von Emergenz. Das heißtman kann diese Eigenschaften nicht aus den Teilen des Systems erklären. Wenn wir die Emergenz-Theorie auf das menschliche Gehirn anwenden, dann besagt sie, dass Bewusstsein eine emergente Eigenschaft des Gehirns ist, die aus bestimmten komplexen Verbindungen und Aktivitäten der Neuronen entsteht. Aus einzelnen Neuronen ist es nicht erklärbar. Erst ein bestimmtes Zusammenwirken, ein bestimmtes Aktivitätsmuster der Nervenzellen bringt Bewusstsein zustande. Natürlich konnte Descartes von dieser Theorie nichts wissen, da sie erst im 19. Jahrhundert formuliert wurde. Aber auch diese Theorie ist eben nur eine Theorie. Die Frage, ob Bewusstsein eine emergente Eigenschaft des Gehirns ist, bleibt bisher unbeantwortet.
René Descartes lieferte mit seinen Überlegungen die wichtigen Grundlagen der Wechselwir-kungstheorie von Körper und Geist und beeinflusste damit spätere Diskussionen des Leib-Seele-Problems.
1.3 Drei Thesen des Leib-Seele-Problems
Das Leib-Seele-Problem kann man in drei Thesen zusammenfassen(vgl. Bieri, 1993, S.5): [1] Mentales ist nicht Physikalisches. [2] Mentales ist im Bereich des Physikalischen kausal wirksam. [3] Der Bereich des Physikalischen ist kausal geschlossen.
Diese drei Thesen können nicht gleichzeitig wahr sein. Man kann nur jeweils zwei Sätze mit-einander kombinieren. Der dritte wird dann logisch ausgeschlossen. Satz [1] entspricht dem ontologischen Dualismus. Es existieren zwei voneinander unabhängige Entitäten - Geist und Materie. Satz [2] enthält die Aussage, dass es für Geist möglich ist, auf Materie kausal zu wirken. Diese Wirkung nennt man auch mentale Verursachung. Aus unserem alltäglichen Leben wissen wir, dass unsere Wünsche, Absichten und Entschlüsse sich als Ursachen unseres Handelns ergeben. Wenn wir etwas tun, dann nur deswegen, weil wir es wollen, wünschen oder in manchen Fällen müssen. Dabei spielen nicht nur unsere Willensentschlüsse eine Rolle, sondern auch soziale, ethische und religiöse Normen unserer Gesellschaft. Auch Emotionen beeinflussen unser Verhalten. Wir springen und lachen vor Glück, senken unseren Kopf und verziehen unser Gesicht bei Trauer oder zittern vor Angst. Viele mentale Zustände lassen sich aus der Körperhaltung des anderen Menschen erraten. Andererseits findet auch die Rückwirkung statt. Wenn ein Körperteil verletzt wird, spüren wir Schmerzen. Einnahme von Nahrung bewirkt das Sättigungsgefühl. Satz [3] behauptet, dass es nur materielle Ursachen geben kann. Der Bereich des Physikalischen ist kausal geschlossen, das ganze Universum ist komplett durch physikalische Naturgesetze erklärbar. Alle, wirklich alle Prozesse können und müssen in diesem Sinne erklärt werden. Für jede physikalische Wirkung muss eine physikalische Ursache existieren. Falls ein Phänomen auf diese Weise nicht erklärt werden kann, dann ist es ein Hinweis für den mangelhaften Stand der naturwissenschaftlichen Forschung. Letztendlich gibt es keine Lücken in der physikalischen Welt, durch welche der Geist wirksam werden könnte. Mentales ist kausal wirkungslos. Wenn der Bereich des Physikalischen kausal geschlossen ist, dann ist Mentales im Endeffekt auch physisch. Bewusstsein ist ein Phäno-
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men, das durch Gehirnvorgänge entsteht, welche rein materieller Natur sind. Mentales basiert auf dem Physikalischen und ist ohne Materie unmöglich. Der Glaube an die Allmacht der physikalischen Theorien ist heute dominierend in der wissenschaftlichen Welt. Alles, was existiert, kann naturwissenschaftlich erforscht werden. Der Mensch muss dann auch aus den kausalen Gesetzen der materiellen Welt vollständig erklärt werden. Betrachten wir nun verschiedene Kombinationsmöglichkeiten der drei Thesen. Wenn jeweils zwei Sätze kombiniert werden und wahr sein sollen, dann ist der restliche Satz automatisch falsch. Seien z.B. Sätze [1] und [3] wahr, dann ist Satz [2] falsch. Wenn Mentales nicht physisches ist und der Bereich des Physikalischen kausal geschlossen ist, dann kann Mentales nicht auf das Physikalische einwirken. Sätze [1] und [2] ergeben die Position der Wechselwirkungs-theorie. Diese Theorie vertritt John C. Eccles. Seine Annahmen werden wir später ausführlich betrachten. Sätze [1] und [3] entsprechen dem psychophysischen Parallelismus und dem Epiphänomenalismus. Sätze [2] und [3] vertreten die materialistische Identitätstheorie, der eliminative Materialismus und der Funktionalismus. Die genaue Beschreibung dieser Theorien kann man in der entsprechenden Fachliteratur finden (z.B. Zoglauer, 1998).
1.4 3-Welten-Theorie von Karl R. Popper
Da die Wechselwirkungstheorie von Eccles sehr eng mit der 3-Welten-Theorie von Popper zusammenhängt, müssen wir diese näher betrachten.
Popper teilt das Universum in drei Welten. Zu Welt 1 gehören alle physikalischen Gegenstände (alle materiellen Körper) und Zustände (Prozesse, Kräfte, Kraftfelder). Da diese Kräfte in den Wechselwirkungen der materiellen Körpern beobachtbar sind, werden sie für wirklich gehalten, obwohl ihre Wirklichkeit nur angenommen ist. Auf diese Weise vermutet Popper, dass es auch psychische Zustände gibt. Sie sind wirklich, weil sie mit unseren Körpern in Wechselwirkung stehen. Am Beispiel der Zahnschmerzen können wir einen Zustand beobachten, der sowohl physisch als auch psychisch ist. Die Karies ist ein physikochemischer Vorgang im Zahn, der empirisch nachweisbar ist und zu physischen Veränderungen des Zahnes führt. Die Schmerzen sind psychischer Natur, sie werden nur von dem Betroffenen selbst empfunden. Die Schmerzempfindung bewirkt die Bewegung von unserem Körper, etwa wenn wir uns entscheiden, zum Zahnarzt zu gehen. Hat man keine Schmerzen und bemerkt man die Karies nicht, so wird die Möglichkeit des Arztbesuches nicht verwirklicht. Obwohl psychische Zustände nicht materiell sind, sind sie dennoch „real“ oder „wirklich“, da sie kausale Wirkungen auf Körperbewegungen haben. Zu Welt 2 gehören alle psychischen Zustände (Emotionen, Empfindungen, Wünsche, bewusste und unbewusste Zustände). Nun könnte man sagen, für eine dualistische Interpretation der Welt würde dies genügen. Wir haben einerseits Materie und ihre Zustände als Welt 1 und andererseits Geist und seine Zustände als Welt 2. Doch es gibt noch etwas. Die Inhalte des Denkens und die Erzeugnisse des menschlichen Geistes (Sprache, Theorien, Musik usw.). Diese Welt nennt Popper Welt 3: „Mit Welt 3 meine ich die Welt der Erzeugnisse des menschlichen Geistes, wie Erzählungen, erklärende Mythen, Werkzeuge, wissenschaftliche Theorien (wahre wie falsche), wissenschaftliche Probleme, soziale Einrichtungen und Kunstwerke. Die Gegenstände der Welt 3 sind von uns selbst geschaffen, obwohl sie nicht immer Ergebnisse planvollen Schaffens einzelner Menschen sind. Viele Gegenstände der Welt 3 existieren in der Form materieller Körper und gehören in gewisser Hinsicht sowohl zu Welt 1 wie zu Welt 3. Beispiele sind Skulpturen, Gemälde und Bücher wissenschaftlicher oder literarischer Art. Ein Buch ist ein physisches Ding und gehört daher zu Welt 1; was es aber zu einem bedeutsamen Erzeugnis menschlichen Denkens macht, ist sein Inhalt: das, was in
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den verschiedenen Auflagen und Ausgaben unverändert bleibt. Dieser Gehalt gehört zu Welt 3“ (Popper, 2005, S. 64).
Wie wir an diesem Beispiel sehen, ist der Inhalt eines Buches das, was ein Buch ausmacht. Größe, Farbe, Schriftart sind zwar wesentliche Eigenschaften eines Buches in Welt 1, aber sie haben keinerlei Auswirkungen auf den Gegenstand der Welt 3 - den Inhalt. Also sind die Gegenstände der Welt 3 unkörperlicher Natur.
Nehmen wir die Wechselwirkungstheorie als Beispiel. Bevor diese formuliert wurde, war jemand offensichtlich auf ein Problem gestoßen. Das Leib-Seele-Problem. Dieses Problem manifestierte sich aus der Beobachtung, dass Menschen sowohl körperliche als auch mentale Eigenschaften haben. Physikalisches und Mentales unterscheiden sich aber gravierend. Wie kann es sein, dass aus Materie Geist entsteht? Wie kann es sein, dass etwas immaterielles wie Geist auf den materiellen Körper einwirken kann? Und so weiter in diesem Sinne. Diese Fragen entstehen in Welt 2 und sobald sie irgendeinem anderen Subjekt mitgeteilt werden, gehören sie somit der Welt 3. Den Versuch, irgendein Problem zu verstehen, bezeichnet Popper als ein Versuch der Welt 2, einen Gegenstand der Welt 3 zu erfassen. Sobald man verstanden hat, wo das Problem liegt, versucht man eine plausible Erklärung zu finden. So entseht ein neuer Gegenstand der Welt 3 - eine Theorie. Theorien sind Produkte menschlichen Geistes, sie besitzen aber auch eine gewisse Autonomie. Im Rahmen einer Theorie können später neue Probleme/Konsequenzen entdeckt werden, die am Anfang vom Autor gar nicht erkannt/gesehen wurden. Popper meint, dass Theorien, sobald sie zu Gegenständen der Welt 3 werden, ihr Eigenleben zu führen beginnen. Dies können wir am Beispiel eines Zahlensystems sehen. Nach Popper ist es eher eine menschliche Konstruktion oder Erfindung als eine Entdeckung. Was aber später entdeckt wurde, sind z.B. gerade und ungerade Zahlen, Primzahlen usw. Diese bestimmte Zahlengruppen bezeichnet Popper als unbeabsichtigte Konsequenzen beim Aufbau des Systems, die logisch daraus folgen. Und das ist bei jeder wissenschaftlichen Theorie der Fall. Die Aufgabe der Wissenschaft bestehe darin, die bedeutsamen Konsequenzen einer neuen Theorie zu entdecken und sie im Lichte vorhandener Theorien zu diskutieren. Die Probleme werden eher entdeckt als erfunden, obwohl manche Probleme durchaus als erfunden gelten können. Zum Beispiel das Problem der größten Primzahl oder das Drei-Körper-Problem der Newtonschen Dynamik (vgl. Popper, 2005, S. 66).
Das Erfassen eines Objektes der Welt 3 soll als ein aktiver Vorgang verstanden werden. Gegenstände dieser Welt werden von Menschen gemacht und modifiziert. Um ein Problem zu verstehen, muss man zuerst einige Lösungen, die dazu eingefallen sind, ausprobieren und feststellen, dass sie falsch sind. Diesen Prozess nennt Popper die Widerentdeckung der Schwierigkeit. Verstehen bedeutet hier also das Zerlegen eines Welt3-Gegenstandes in seine logische Bestandteile.
Alle drei Welten wirken aufeinander. Dabei können die Welten 1 und 3 nur auf Welt 2 direkt einwirken. Wenn in der Natur ein neues Phänomen beobachtet wird, so wirkt Welt 1 auf Welt 2. Um dieses Phänomen zu erklären, entwirft Bewusstsein (Welt 2) eine Theorie, die durch eine Veröffentlichung zum Gegenstand der Welt 3 wird. Welt 1 wirkt auf diese Weise indirekt auf Welt 3. Später wird vielleicht festgestellt, dass diese Theorie lückenhaft ist und einige Aspekte des Phänomens nicht erklären kann. Dann wird sie modifiziert und es werden einige neue Experimente durchgeführt. So wirkt auch Welt 3 indirekt auf Welt 1. Die Vermittlungsrolle hier spielt immer Welt 2.
Gegenstände der Welt 3 sind abstrakt und wirklich. Sie sind mächtige Werkzeuge zur Veränderung von Welt 1. Dies ist aber nur durch das Eingreifen des Menschen möglich. Welt 2 soll
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deswegen als aktiv (produktiv und kritisch) betrachtet werden. Diese Aktivität ist besonders wichtig beim Erlernen einer Sprache. Die allgemeine Neugier und das Bedürfnis, eine Sprache zu lernen, ist uns angeboren. Der Prozess des Erlernens ist aber nicht gengesteuert. Er wird durch Kultur, also durch Welt 3, beeinflusst und geleitet. Der Mensch ist ein werkzeugherstellendes Lebewesen, aber keines dieser Werkzeuge ist genetisch determiniert. Sprache kann als einziges Werkzeug betrachtet werden, das genetische Grundlagen hat. Sie ist nicht materiell und erscheint in verschiedensten physikalischen Formen - Lauten und Schriften (vgl. Popper, 2005, S. 74-76).
Mit diesen Überlegungen will Popper zeigen, dass wir die Wirklichkeit der Welt 3 voraussetzen müssen, wenn wir das Wesen des Menschen vollkommen erklären wollen. Denn ein Mensch besteht nicht nur aus seinem materiellen Körper, ein Mensch ist auch eine Person. Und eine Person hat ihre Weltanschauung, ihre Kultur und Erziehung, ihr Wertesystem. Das Erbe der Welt 3 beeinflusst und steuert die Entwicklung einer Person. Sprache spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Welt 3 ist der Ort der Intersubjektivität. Denn wenn 2 Subjekte kommunizieren, benutzen sie dabei irgendeine ihnen bekannte Sprache. Doch Sprache ist nur ein Werkzeug, wie oben schon erwähnt wurde. Der Sinn der Unterhaltung liegt in der Besprechung/Beschreibung bestimmter Gegebenheiten, Zustände oder Vorgänge im Universum. Dazu ist aber noch Wissen über den Zusammenhang, über das ganze System nötig. Dieses Wissen ist ein Bestandteil der Welt 3, eine Voraussetzung der sinnvollen Kommunikation. Um zu verstehen, was der andere sagt, müssen wir in der Lage sein, die abstrakten Gegenstände der Welt 3 zu erfassen. Ein Subjekt der Welt 2 formuliert Gegenstände der Welt 3 und erst auf diese Weise wird es dem anderen Subjekt möglich, sie zu „begreifen“. Einen direkten Weg gibt es nicht. Wir müssen unsere Ideen, unsere Gedanken erst einmal in Worte und Sätze formulieren, bevor sie den anderen mitgeteilt werden können. Welt 3 ist somit ein globales Informationsfeld, welches die menschliche Kommunikation ermöglicht und einen Menschen zu einem Menschen im wahrsten Sinne des Wortes macht.
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2. Der interaktionistische Dualismus von John C. Eccles
Der Hirnforscher und Nobelpreisträger John C. Eccles beschäftigte sich sein Leben lang mit dem Geist-Gehirn-Problem. Gemeinsam mit dem Philosophen Karl R. Popper schrieb er das Buch „Das Ich und sein Gehirn“, das in deutscher Sprache 1982 erschien. In diesem Werk entwickelte er eine neue Theorie über die Wechselwirkung zwischen Geist und Gehirn. Diese Wechselwirkung vermutete er im Liaison-Hirn (die Großhirnrinde der dominanten Hemisphäre). Die Entdeckung der abgegrenzten Gruppen von bis zu 10000 Neuronen, die in 6 Schichten vertikal aufgebaut sind und die Eccles als Moduln bezeichnet, ließ ihn eine Hypothese aufstellen, dass die Interaktion zwischen selbstbewusstem Geist und Gehirn mittels dieser Moduln stattfinden könnte. Der Geist könnte einerseits je nach seinen Interessen bestimmte Moduln „abtasten“ und sich somit eine bewusste ganzheitliche Erfahrung aufbauen, andererseits könnte er auf Moduln einwirken und auf diese Weise die Gehirnvorgänge hervorrufen oder verändern. Die ausführliche Beschreibung dieser Theorie wird im Abschnitt 2.2 erfolgen. Später entwickelte Eccles eine neue Theorie, die auf der Interpretation der Quantenmechanik basiert. Die Wechselwirkung zwischen Geist und Gehirn besteht laut dieser Theorie in der Veränderung des Wahrscheinlichkeitsfeldes der Neurotransmitterausschüttung aus präsynaptischen Vesikeln. Da das Erhaltungsgesetz der Wellenfunktion nur in der Erhaltung der Wahrscheinlichkeit besteht, sind unterschiedliche Endzustände möglich, ohne dass zusätzliche Energie dafür gebraucht wird. Mit dieser Theorie, die im Abschnitt 2.3 betrachtet wird, versuchte Eccles zu zeigen, wie die Wechselwirkung zwischen Geist und Gehirn ablaufen könnte, ohne den Energieerhaltungssatz der Physik zu verletzen. Dieser Satz wurde oft als Kritik der dualistischen Theorien benutzt, da man annahm, dass der Geist durch sein kausales Eingreifen eine Änderung der Gesamtenergie eines physischen Systems bewirken müsste. Es ist aber laut diesen Satzes unmöglich, innerhalb eines geschlossenen Systems Energie zu erzeugen oder zu vernichten. Eccles hat dieses Problem gelöst, indem er Energie vom Spiel ausgeschlossen hat.
Mit seinem Werk versucht Eccles auch, den Materialismus herauszufordern. Der Erfolg der materialistischen Weltanschauung in der Naturwissenschaft bewirkt oft die Vernachlässigung oder sogar Nichtbeachtung anderer Blickwinkel. Den Glauben, dass alle Rätsel des Universums letztendlich durch Physik erklärt werden können, möchte Eccles bezweifeln. Seiner Ansicht nach gibt es viele Phänomene des Bewusstseins, die nicht auf Welt 1 reduziert werden können. Auch die Existenz der abstrakten Gegenstände der Welt 3, die einen enormen und entscheidenden Einfluss auf das menschliche Denken und Handeln (Welt 2) und somit auch auf Welt 1 der materiellen Gegenstände haben, verlieren ihren Sinn und ihre Essenz, wenn sie auf Welt 1 reduziert werden.
Die Erfahrung, dass wir es selbst sind, die denken, Entscheidungen treffen und Einfluss auf unsere Handlungen haben, ist uns unmittelbar gegeben. Wenn das alles nur Illusion ist und die Welt vollständig durch die Gesetze der Physik erklärt werden kann, wieso haben wir dann verschiedene Meinungen und können uns nicht einigen? Wie können überhaupt neue Theorien entstehen, wenn unser Denken durch Gehirnprozesse determiniert ist? Wir alle befinden uns in einem Universum, aber wir interpretieren die Sinnesdaten jeder auf seine Weise. Und wenn nur eine dieser Interpretationen wahr ist, dann sind alle anderen Gehirne mit anderen Interpretationen „defekt“. Aber uns ist auch bekannt, dass ein Mensch im Laufe seines biologischen Lebens die Weltanschauung ändern kann, z.B. durch den Einfluss von einem anderen Menschen. Also es ist prinzipiell möglich, ein „defektes“ Gehirn zu „reparieren“ oder auch ein „richtig“ funktionierendes „kaputt“ zu machen. Aus welchem Grund gibt es überhaupt „defekte“ Gehirne, wenn sie durch natürliche Auslese schon längst eliminiert sein müssten?
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Ich sehe nur einen Ausweg - ich muss die Freiheit des Denkens annehmen. Nur diese Freiheit verleiht unseren Aussagen und Behauptungen Sinn, nur sie ermöglicht uns, die Welt frei zu interpretieren, etwas zu glauben oder auch nicht zu glauben. Ob diese Freiheit in materiellen Gehirnvorgängen realisiert sein kann, ist eine große Frage. Eccles kann es nicht glauben, deswegen postuliert er den selbstbewussten Geist, der das Gehirn steuert. Dieser Geist ist in seinen Wirkungen auf die Materie begrenzt, nämlich nur auf bestimmte Hirnregionen, aber in seinen Interpretationen, Ansichten, Absichten und in seinem Denken ist er frei. Eccles war religiös und glaubte an Gott und an die Weiterexistenz des Geistes nach dem Tod des Körpers. Durch Gott wird die Freiheit der Seele ermöglicht. Natürlich sind es metaphysische Annahmen, die mit keinen Mitteln naturwissenschaftlich überprüft oder bewiesen werden können. Bisher konnte der Materialismus nicht alle Menschen überzeugen, deswegen gibt es auch andere Theorien mit spekulativen Annahmen, die neben der Materie noch andere Gegebenheiten postulieren. Das menschliche Denken durchbricht die Grenzen der Sinneswelt und bedient sich der Unendlichkeit seiner Phantasie.
2.1 Die Großhirnrinde und ihr moduläres Konzept
Beide Theorien von Eccles enthalten viele Aussagen über den Aufbau und die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Um mit diesen Begriffen klar zu werden, müssen wir die Merkmale der Großhirnrinde kennen lernen.
Die Grundeinheiten des Nervensystems sind Neurone (Nervenzellen), die schon erwähnt worden sind, und ihre Kontaktstellen, über welche sie Verknüpfungen zu anderen Neuronen aufbauen, heißen Synapsen. Werden Synapsen eines Typs erregt, so gibt das Neuron Impulse in Form von elektrischen Nachrichten ab. Die Erregung eines anderen Typs führt zur Hemmung des Neurons und verhindert die Impulsentladung. Jedes Neuron verfügt über Hunderte oder sogar Tausende Synapsen und sendet nur dann, wenn die Synapsenerregung wesentlich stärker als die Hemmung ist. Die Impulse sind fast der einzige Weg, Informationen im Zentralnervensystem schnell zu übertragen.
Die Großhirnrinde ist in Säulen oder Moduln aufgebaut, die vertikal zur Oberfläche verlaufen und etwa 3 mm lang sind. Der Durchmesser variiert von 0,1 bis 0,5 mm. Diese Moduln werden als getrennte funktionelle und anatomische Einheiten angesehen. Sie sind miteinander verbunden und üben oft inhibitorische Tätigkeiten auf in der Nähe liegenden Säulen aus. Sehr wichtig erscheint auch die Vermutung, dass die beiden oberen Rindenschichten anders als die tieferliegenden aufgebaut sind, weil sie eine feinkörnigere Struktur besitzen und weniger starke und mehr diffuse Synapsenaktionen auf die Pyramidenzellen (Hauptzellen) der Säule ausüben.
Die Moduln werden als Kräfteeinheiten geschätzt, da sie mit Hilfe ihrer internen Verbindungen Energie aufbauen und auf diese Weise Impulse in ihren Pyramidenzellen anregen, die irgendwo im Zentralnervensystem ihre Wirkung haben. Auf der anderen Seite versuchen benachbarte Moduln durch ihre inhibitorischen Neuronen einander zu unterdrücken. Man kann es wie einen Kampf um die Vorherrschaft betrachten. Ein Modul enthält ungefähr bis zu 10000 Neuronen und diese ungeheure Komplexität ist das Ergebnis der Konflikte mit anderen Moduln. Jede solche Einheit kann auf Hunderte andere Säulen wirken und selbst von genau so vielen beeinflusst werden. Insgesamt befinden sich in der Großhirnrinde etwa 2 Millionen Moduln, die ständig aktiv sind. Die Komplexität des Wirkens dieses gesamten Netzwerkes ist für uns unvorstellbar (vgl. Eccles, 2005, S. 283-284).
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Abb. 2.1.1: Dreidimensionale Konstruktion, die kortikale Neuronen verschiedener Arten zeigt. Es gibt zwei Pyramidenzellen in der Schicht V und drei in der Schicht III, eine von ihnen ist im Detail in einer Säule rechts sichtbar (Szentágothai, 1975).
Jedes Modul ist eine komplexe Organisation vieler spezifischer Zelltypen, die in 6 Schichten vertikal angeordnet sind. Die Schichten werden von oben nach unten nummeriert. Oben ist Schicht 1 und unten Schicht 6 (Abb. 2.1.1). Eccles verweist auf die Studien von Szentágothai, der sich lange mit den modulären Strukturen des Gehirns beschäftigte und einige essenzielle Eigenschaften der Säulen entdeckte. Er nahm an, dass die Moduln eine Art Mikroschaltkreise sind, ähnlich den Schaltkreisen der Elektronik. Es gibt Eingangskanäle, komplexe neuronale Wechselwirkung im Modul und Ausgangskanäle, die meistens von den Axonen der Pyramidenzellen gebildet werden. Szentágothai findet fünf grundlegende Gemeinsamkeiten:
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(1) Ein weitgehend uniformes Schichtungsprinzip, (2) einen relativ uniformen Hauptzelltyp: die Pyramidenzellen, (3) bestimmte charakteristische Typen von Interneuronen oder Golgi-Zellen Typ 2, (4) eine wesentliche Ähnlichkeit in der Organisation von Input-Kanälen: Assoziationsfasern, Kommissurenfasern, spezifische und nicht- (oder weniger) spezifische subkortikale Afferenzen und (5) eine wesentliche Ähnlichkeit in der Organisation von Output-Linien, hauptsächlich den Axonen von Pyramiden-Neuronen. Dies gibt uns die Zuversicht, daß trotz offensichtlicher Unterschiede in der Feinstruktur und noch mehr in den Verknüpfungen mit anderen Regionen des Zentralnervensystems (ZNS) bestimmte „Einheiten“ von neokortikalem Gewebe auf dem gleichen fundamentalen Prinzip aufgebaut sein könnten, das heißt sie könnten als Einrichtungen zur Verarbeitung neuraler Informationen im wesentlichen ähnlich sein (Eccles, 2005, S. 294-295).
Diese Vermutung ist für die Theorie von Eccles sehr wichtig, da er sich die Wechselwirkung zwischen Geist und Gehirn als Informationsfluss vorstellt. Das moduläre Konzept scheint für diese Annahme eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Der Aufbau der Moduln erweist zwei Leistungsebenen: die starken synaptischen Verknüpfungen in den Schichten 3, 4, und 5, in denen sich Pyramidenzellen befinden und wo die spezifischen afferenten Fasern ihren hauptsächlichen synaptischen Einfluss ausüben; und die feineren und weniger wirksamen synaptischen Verknüpfungen in den Schichten 1 und 2, welche angeblich die Erregung von Pyramidenzellen langsam variieren. In diesen ersten Schichten vermutet Eccles den Ort der Wechselwirkung zwischen selbstbewusstem Geist und Gehirn.
Es wird auch vermutet, dass die Arbeitsweise des Nervensystems im Konflikt besteht. Jedes Modul versucht die anderen zu überwinden und Energie auf ihren Kosten aufzubauen. Es gibt keine unkontrollierten Exzitationen und es besteht eine ständige Kraftwechselwirkung von Exzitazion und Inhibition. Für diese unvorstellbare dynamische Komplexität des ganzen Netzwerkes der Moduln gibt es keine vergleichbare Beispiele.
2.2 Die Liaison-Hirn-Theorie
2.2.1 Allgemeine Überlegungen und Thesen
Anhand der Untersuchungen der Großhirnrinde und der Entdeckung der Moduln entwickelt Eccles eine spezielle dualistisch-interaktionistische Erklärung für den selbstbewussten Geist und menschliche Gehirne. Die Wechselwirkung wird nur an bestimmten Orten des Hirns vermutet, nämlich an Liaison-Zentren. Die philosophische Basis dieser Interaktion ist die 3-Welten-Theorie von Popper, die hier schon behandelt wurde. Eccles schlägt vor, dass es Interaktionen zwischen den Welten 1 und 2, und zwischen den Welten 2 und 3 über die Vermittlung von Welt 1 gibt. Gegenstände der Welt 3 werden in Form von Gegenständen der Welt 1 kodiert. Um Zugang zu Welt 1 zu haben, muss der Beobachter geeignete Rezeptoren haben, durch welche Informationen zum Gehirn projiziert werden. Die Welt des Bewusstseins (Welt 2) kann auch Veränderungen in Welt 1 bewirken. Zuerst werden bestimmte Gehirnprozesse hervorgerufen, die schließlich die Muskelanspannung regulieren. Die trialistisch-interaktionalistische Hypothese lautet dann: Welt 1 ↔ Welt 2 und Welt 3 ↔ Welt 1 ↔ Welt 2. Welt 2 → Welt 1 stellt das Problem des willkürlichen Handelns und Welt 1 → Welt 2 das Problem der bewussten Wahrnehmung dar. Dennoch muss erwähnt werden, dass es auch eine direkte Interaktion von Welt 2 und Welt 3 gibt, wenn man etwa über ein Problem nachdenkt oder eine neue Hypothese entwickelt.
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Die Gehirn-Geist Interaktion wird schematisch folgendermaßen definiert (Eccles 1982, S.433):
Welt 2
Kluft
Welt 1
Das Diagramm stellt die Geist-Gehirn-Wechselwirkung dar. Welt 2 enthält 3 Komponenten: den äußeren Sinn, den inneren Sinn und das Ego oder Selbst. Die Pfeile zeigen die Wirkungsrichtungen. Das Liaison-Hirn ist das Bindeglied zwischen Welt 1 und Welt 2. Die vielen vertikalen Linien sollen die säulenförmige Anordnung dieses Hirns darstellen. Der äußere Sinn beinhaltet alle Sinneseindrücke, die von der Außenwelt durch die Sinnesorgane ins Gehirn gelangen. Der innere Sinn stellt die Vielfalt kognitiver Erfahrungen dar. Im Zentrum der Welt 2 steht das Selbst, das die Basis der personalen Identität und Kontinuität ist. Bei der Entwicklung der starken dualistischen Hypothese stütz sich Eccles auf folgende Beweise (obwohl nicht alle Punke wirklich als Beweise akzeptiert werden können): (1) Die Erfahrungen des selbstbewussten Geistes haben einen einheitlichen Charakter. Je nach seinen Interessen konzentriert sich das Ich auf bestimmte Sachen oder Sachverhalte. Es findet sozusagen eine Auswahl von vielen Gegebenheiten, die vorhanden sind. Diese Fokussierung nennt man auch Aufmerksamkeit. Die Auswahl eines Phänomens und die Konzentration auf dieses sind willkürlich. Der Geist baut aus vielen Informationen, die ins Gehirn von der Außenwelt gelangen, ein komplettes phänomenales Bild zusammen. Es können aber einige Aspekte der Erfahrung bewusst von diesem Bild ausgeschlossen werden. Man kann die Augen schließen und nur zuhören oder umgekehrt die Ohren zumachen und nur schauen. Man kann sogar schauen, aber nicht zuschauen, und hören, aber nicht zuhören. Entscheidend ist, ob die Aufmerksamkeit im Spiel ist.
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(2) Die Beziehung neuraler Prozesse zu den Erfahrungen des selbstbewussten Geistes ist eine Beziehung der Interaktion, die bis zu einem gewissen Grad Korrespondenz ergibt, jedoch nicht Identität. Die Identitätstheorie wird als ein Spezialfall des Parallelismus angesehen. Sie behauptet, dass psychische Vorgänge in Wirklichkeit physische Vorgänge sind. Also muss für jedes psychische Phänomen ein entsprechender physischer Gehirnvorgang existieren. Nehmen wir an, wir betrachten einen Stuhl. Für eine Sekunde schließen wir die Augen und öffnen sie wieder. Wir stellen fest, dass der Stuhl sich nicht geändert hat. Es ist derselbe Stuhl. Offensichtlich sind die Gehirnvorgänge, die uns diese Sicht ermöglichen, gleich. Aber wir haben zwei Wahrnehmungen des Stuhls, einmal vor (Gehirnvorgang A) und einmal nach (Gehirn-vorgang B) der Schließung der Augen. Wir unterscheiden wohl, dass es sich um zwei verschiedene Wahrnehmungen handelt, die phänomenal gleich sind. Es ist ein Urteil, eine Interpretation, ein aktiver Vergleich. Wir wissen, dass diese Wahrnehmungen sich zeitlich unterscheiden. Also muss jeder Gehirnvorgang eine Zeitkomponente besitzen, damit er seine eindeutige Identität, seine eindeutige Einzigartigkeit erhalten kann. Nur dann können Gehirnvorgänge, die gleiche phänomenologische Inhalte liefern, wirklich unterschieden werden. Kann uns die Hirnforschung solche Beweise liefern? Sind Gehirnvorgänge A und B wirklich verschieden?
(3) Zwischen neuralen Ereignissen und den selbstbewussten Erfahrungen kann manchmal eine zeitliche Abweichung nachgewiesen werden. Dies wurde z.B. durch einige Experimente von B.Libet [1973] gezeigt. Z.B. wenn einer Person ein kurzer Stromstoss auf die Haut der Hand verabreicht wurde, bestand eine Zeitverzögerung bis zu 0,5 Sekunden, bis die Versuchsperson die Stimulation empfinden konnte. Die Zeit der Übertragung des Reizes von der Hautoberfläche der Hand zur Großhirnrinde betrug nur 0,015 Sekunden. Die Restzeit wurde für den Aufbau kortikaler Aktivität benötigt, die dann die Wahrnehmung des Reizes ermöglichte. Erstaunlich ist, dass diese Verzögerung für die Person selbst nicht zu bemerken war. Es schien so, als wäre der Wahrnehmungs-Prozess vordatiert, sodass die Versuchsperson den genauen Zeitpunkt des Reizbeginnes angeben konnte (präziser ausgedruckt, wäre es der Zeitpunkt, in dem die Impulse die Großhirnrinde erreichen). Es wird vermutet, dass der selbstbewusste Geist diese Zeitkorrekturen vornimmt, um eine korrekte Wahrnehmung der Abfolge der Geschehnisse zu gewährleisten. Ein weiteres Beispiel ist die Verlangsamung der erlebten Zeit in akuten Notfällen. Eccles erzählt von einem selbsterlebten Ereignis, in dem er knapp einem Autounfall entkommen war. Die Zeit schien für ihn kein Ende zu nehmen. Obwohl in Wirklichkeit alles nur ein paar Sekunden dauerte, konnte er alles genau beobachten und viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Je nach dem Stand der Dinge konnte er die Situation neu interpretieren und alle möglichen Konsequenzen daraus erblicken. Hier lautet die Hypothese, dass der selbstbewusste Geist die subjektive Wahrnehmung der Zeit verlangsamt und somit das Treffen lebenswichtiger Entscheidungen ermöglicht. (4) Selbstbewusster Geist kann wirksam auf Hirnereignisse einwirken. Das kann man bei willkürlichen motorischen Aktionen beobachten oder wenn wir uns erinnern, im Kopf rechnen oder lernen. In vielen Experimenten, von denen Libet [1973] berichtet, wurden Versuchspersonen gebeten, eine einfache motorische Tätigkeit je nach Laune und Lust und in frei gewählten Zeitintervallen zu wiederholen. Elektrische Potentiale der Großhirnrinde wurden an der Schädeloberflache mit spezieller Messtechnik registriert. Die Ergebnisse zeigten, dass sich ein Bereitschaftspotential etwa 0,8 Sekunden aufzubauen beginnt, bevor die Bewegung ausgeführt wird. Dies wird jedoch nicht deterministisch interpretiert, sondern es wird vermutet, dass diese Zeit für die Vorbereitung des komplexen neuronalen Prozesses gebraucht wird, der die motorische Tätigkeit ermöglicht. Die Initialisierung kommt durch den selbstbewussten Geist zustande, der anschließend die bewusste Erfahrung vordatiert, um die zeitliche Verzögerung vor dem Bewusstsein zu verstecken.
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Ähnliches geschieht bei verschiedenen mentalen Tätigkeiten, wenn man rechnet, sich erinnert oder lernt. Bestimmte Hirnregionen, die für jeweilige Aufgaben zuständig sind, verändern ihre Aktivität je nachdem, womit die Versuchsperson beschäftigt ist.
2.2.2 Die Interaktion zwischen Welt 1 und Welt 2
Die Hypothese der Interaktion lässt sich mit folgenden Annahmen beschreiben: Es wird ständig eine Auswahl der Hirnaktivitäten der aktiven Liaison-Zentren der dominanten Großhirnhemisphäre vom selbstbewussten Geist getroffen. Je nach seinen Interessen selektiert der Geist aus der Vielzahl von diesen neuralen Prozessen die benötigten raumzeitlichen Muster und setzt daraus eine einheitliche Erfahrung zusammen. Außerdem ist der selbstbewusste Geist in der Lage, Hirnaktivitäten in den neuralen Zentren zu modifizieren. Dabei spielt er eine überlegende und kontrollierende Rolle. Sehr wichtig scheint die Annahme, dass die Einheit der Erfahrung nicht durch die Hirnprozesse, sondern durch den selbstbewussten Geist vermittelt wird. Diese Annahme wird durch das bisherige Scheitern, eine neurophysiologische Theorie zu entwickeln, die die Zusammensetzung vieler Hirnereignisse zu einer Einheit der bewussten Erfahrung erklären könnte, gestärkt. Weiterhin wird angenommen, dass diese Einheit sich nicht aus der Synthese den neuraler Prozesse, sondern aus dem integrierenden Charakter des selbstbewussten Geistes ergibt. Durch die multiple Abtast- und Sondierungsvorrichtung des Geistes, der aus den ungeheuren Aktivitätsmustern der Großhirnrinde herausliest und selektiert, kann die relative Einfachheit unserer bewussten Erfahrung ermöglicht werden. Gemäß dem Interesse und der Aufmerksamkeit werden bestimmte Moduln „abgetastet“ und die abgelesenen Informationen zu einer Einheit des Bewusstseins zusammengesetzt. Die Hirnaktivitäten werden nicht nur abgelesen, sondern auch modifiziert. Dies könnte z.B. bei der Verfolgung einer Gedankenlinie geschehen. Der selbstbewusste Geist ist aktiv damit beschäftigt, in speziellen Zonen des Gehirns zu suchen und auszuwählen, auf die Art kann er die dynamischen neuralen Aktivitäten lenken und verändern.
Weiter wird vermutet, dass der selbstbewusste Geist nicht fordernd, sondern eher versuchend und subtil auf das Gehirn einwirkt. Das kann man an Willkürbewegungen beobachten. Der Geist beeinflusst die motorischen Pyramidenzellen nicht direkt, er arbeitet entfernt und langsam über einem ausgedehnten Rinderbereich, sodass vom Beginn der Fertigstellung des Bereitschaftspotentials bis zur tatsächlichen Ausführung der Bewegung 0,8 Sekunden vergehen. Vermutlich wird diese Zeit benötigt, um die erforderlichen raumzeitlichen Muster im Gehirn aufzubauen. Während des Aufbaus können diese durch den selbstbewussten Geist modifiziert werden. Laut Untersuchungen von Libet [1973] findet die bewusste Entscheidung, ob die Bewegung ausgeführt wird oder nicht, etwa 0,15 Sekunden vor dem Zeitpunkt der möglichen Bewegung statt. Aber das Ich besitzt nicht nur ein einfaches Veto-Recht, es ist aktiv im Aufbauprozess beteiligt. Am Beispiel einer Körperbewegung wäre es nicht nur die Entscheidung, ob die Bewegung stattfindet, sondern auch die Entscheidung wie die Bewegung ausgeführt wird.
Welche neurale Ereignisse können an welcher Stelle im Gehirn für die Interaktion mit dem selbstbewussten Geist in Frage kommen? Wie oben bereits erklärt, muss die Arbeitsweise der Neurone der Großhirnrinde in anatomischen Einheiten, die Eccles Moduln nennt, vorgestellt werden. Die Interaktion des Geistes mit einzelnen Nervenzellen wäre undenkbar, da diese Einheiten als Individuen viel zu unzuverlässig und ineffektiv wären. Deswegen muss die Operationsweise des Gehirns als eine musterförmige Anordnung zusammenwirkender neuraler Einheiten (Moduln) vorgestellt werden. Nur auf diese Weise kann Zuverlässigkeit und Effektivität ermöglicht werden. Weiterhin kann vermutet werden, dass die Moduln eine transzen-
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dente Eigenschaft der Offenheit gegenüber der Welt 2 haben. Diese Eigenschaft ist nur auf die Moduln des Liaison-Hirns beschränkt und besteht auch nur dann, wenn die Moduln in richtiger Aktivitätsstufe sind. Nur wenn ein Modul „offen“ oder „halboffen“ ist, kann die Interaktion zwischen Welt 1 und Welt 2 stattfinden. Mit Hilfe der Impulsentladungen über die Assoziationsfasern der bereits offenen Moduln kann der selbstbewusste Geist andere Moduln öffnen oder auch schließen. Da jeder Modul mit Hunderten anderer verbunden ist, breiten sich diese Impulse in alle möglichen Richtungen aus. Dabei entstehen ungeheure raum-zeitliche Erregungsmuster modulärer Interaktion, die sich jeder Vorstellung entziehen.
Es ist also für den selbstbewussten Geist möglich, jeden Modul des Liaison-Hirns abzutasten und anhand dieser Informationen von Augenblick zu Augenblick eine bewusste Erfahrung aufzubauen. Es müssen nicht alle offenen Moduln sein, die für den Zusammenbau des einheitlichen Erlebnisses benötigt werden. Der selbstbewusste Geist selektiert aus der Vielfalt der modulären Ereignisse nur die, die im aktuellen Zeitpunkt seiner Interessen gewidmet sind. Wie bereits beschrieben, können einige Sinneseindrücke aus der bewussten Erfahrung ausgeschlossen werden, sodass man bei einigen Tätigkeiten, die viel Konzentration und Hirnleistung benötigen, kleinere Details der Umwelt gar nicht wahrnimmt. Bei heftigen Gefechten, wo es um Leben und Tod geht, ist es z.B. der Fall, dass kleine Verletzungen gar nicht registriert werden und man erst danach, wenn man sich wieder beruhigt hat, Schmerzen zu spüren beginnt. Das heißt also, dass nur die Informationen vom selbstbewussten Geist ausgewählt werden, die in dem aktuellen Moment am wichtigsten sind. Auch Korrekturen der Wahrnehmungsverzögerungen wie bei den zeitlichen Anpassungen der Hautempfindungen, die oben beschrieben wurden, haben eine enorme Wichtigkeit für die richtige Darstellung der Ereignisse der Außenwelt. Diese Fähigkeit wird auch dem selbstbewussten Geist zugeschrieben. Die Wirkung des selbstbewussten Geistes ist keine direkte und schlagartige, sie gleicht mehr einer geringfügigen Auslenkung. Eine sanfte Veränderung oder Abweichung ist alles, was für die Modulation und Kontrolle der Entladungen von Pyramidenzellen nötig ist. Diese Wirkung wird in den oberen Schichten 1 und 2 der Großhirnrinde vermutet. Im Vergleich zu den stärkeren Synapsenmechanismen der Schichten 3, 4 und 5 ist der selbstbewusste Geist viel schwächer und wirkt durch eine Art Auslenkung auf die moduläre Aktivität.
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Das Liaison-Hirn umfasst einen großen Teil der dominanten Hemisphäre, besonders die Sprachfelder, die polymodalen Felder und einen großen Abschnitt des Präfrontallappens. Die aktuelle Kontaktstelle des selbstbewussten Geistes, also die offenen Moduln, die augenblicklich für das Ich von Interesse sind, ist im Vergleich zu der großen Oberfläche sehr klein und besitzt eher einen punktförmigen Charakter. Die Verknüpfung von Welt 1 und Welt 2 ist nicht anatomisch oder physisch, sie ist rein funktionell. Wie dies genau geschieht und auf welche Weise der selbstbewusste Geist in die Moduln eindringt, daraus Informationen herausliest und Veränderungen deren Funktionalität hervorruft, bleibt spekulativ und rätselhaft. Da Moduln miteinander komplex verbunden sind und sich in beiden Hemisphären befinden, und weil die beiden Hemisphären miteinander verbunden sind, können wir vermuten, dass der selbstbewusste Geist indirekt auf die „geschlossenen“ Moduln der rechten Hemisphäre einwirken kann. Eine Vielzahl von Assoziations- und Kommissurenverknüpfungen innerhalb einer Hemisphäre als auch die Verbindung der beiden Hemisphären über das Corpus callosum ermöglichen die Kommunikation der Moduln der linken Hemisphäre mit der Moduln der rechten.
2.2.3 Kommunikation mit der dominanten Gehirnhemisphäre
Die Annahme, dass der selbstbewusste Geist nur auf die Moduln der dominanten Hemisphäre direkt einwirkt oder mit ihnen kommuniziert, stützt sich auf die Untersuchungen der Patienten, bei denen das Corpus callosum (die Verbindung der beiden Hemisphären) durchtrennt wurde. Eccles betont:
„Die außerordentliche Entdeckung bei den Untersuchungen an diesen Patienten ist die Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit der dominanten Hemisphäre im Hinblick auf bewußtes Erleben.(...) Die Einheit des Selbstbewußtseins oder die geistige Einheitlichkeit, die der Patient vor der Operation erlebte, blieb erhalten, doch auf Kosten der Unbewußtheit all der Geschehnisse in der untergeordneten rechten Hemisphäre“ (Eccles, 2005, S. 383).
Die rechte subdominante Hemisphäre ist für die linken Gliedmaßen des Körpers verantwortlich. So werden z.B. Bewegungen der linken Hand durch die rechte Gehirnhälfte programmiert. Nach der Trennung der beiden Hemisphären stellte sich in einigen Experimenten heraus, dass Patienten die Bewegungen der linken Körperhälfte nicht bewusst waren. Mit Erstaunen beobachteten sie wie ihre linke Hand sich bewegte, ohne zu wissen, warum dies geschah. Es zeigte sich, dass die rechte Hemisphäre eine gewisse Autonomie besitzt und in der Lage ist, viele spezialisierte intellektuelle Aufgaben zu leisten. Das Erstaunliche ist, dass alle diese Leistungen den Patienten nicht bewusst waren. Wenn z.B. nur der linken Körperseite (das rechte Auge war verdeckt) Ausschnitte einer Comicstory gezeigt wurden, die chronologisch sortiert werden mussten, leistete die linke Hand diese Aufgabe richtig, doch die untersuchte Person berichtete weder von visuellen Erfahrungen noch von der Bewegungen der linken Hand. Im Gegensatz zur rechten Hemisphäre, waren alle Leistungen der linken dominanten Hemisphäre bewusst erfahren worden. Diese Tatsache lässt vermuten, dass die bewusste Erfahrung und die dominante Gehirnhälfte in engem Zusammenhang stehen. Die Untersuchungen der getrennten Hemisphären liefern viele Anhaltspunke für ihre spezifischen Funktionen bei der normalen Verbundenheit. So kontrolliert die dominante Hemisphäre das Sprechen, Schreiben und Rechnen. Sie ist aggressiver und präziser in Kontrolle der Motorik. Sie ist der Ort der Kommunikation mit dem selbstbewussten Geist. Die Untersuchungen
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zeigen jedoch, dass die rechte untergeordnete Hemisphäre ein eigenes System darstellt, das Wahrnehmung hat, denkt und fühlt, sich erinnert, urteilt und will. Eccles formuliert eine Hypothese, die besagt, dass Aktivitäten der untergeordneten Hemisphäre erst nach der Übertragung zur dominanten Hemisphäre bewusst erfahren werden. Die untergeordnete Hemisphäre ist auf eine gewisse Weise bewusst, aber nicht selbstbewusst. Das Selbstbewusstsein muss eine exklusive Eigenschaft des Geistes sein.
Was passiert aber, wenn eine der beiden Hemisphären entfernt wird? Besonders von Interesse wäre der Fall der Entfernung der dominanten Hemisphäre. Bleibt die Person noch selbstbewusst? Die Entfernung der subdominanten Hemisphäre führt zur Halbseitenlähmung des Körpers. Die betroffene Person ist dann nicht imstande, die Gliedmaßen der linken Körperseite zu bewegen. Alle anderen Symptome gleichen den Symptomen der Patienten mit Hirndurchtrennung. Nach der Entfernung der dominanten Hemisphäre müsste man dann erwarten, dass die betroffene Person ihr Selbstbewusstsein verliert. Es scheint aber so, dass das nicht der Fall ist. Eine Art Restselbstbewusstsein bleibt vorhanden und Patienten verfügen über sehr primitive sprachliche Fähigkeiten. Tests, soweit sie bei diesen fast vollständig aphasischen Fällen möglich sind, lassen erkennen, dass die „subdominante“ Hemisphäre Sprachfunktionen übernommen hat und so wenigstens teilweise „dominant“ geworden ist. Zusammenfassend sagt Eccles über die sprachlichen Fähigkeiten der subdominanten Hemisphäre folgendes: „Nach der Kommissurotomie scheint die rechte Hemisphäre stumm zu sein und nach der Entfernung der linken Hemisphäre ist die isolierte Hemisphäre schwergradig aphasisch. In beiden Fällen besitzt die rechte Hemisphäre jedoch ein beträchtliches Sprachverständnis, besonders im sprachlichen Umgang mit Bildern. Die rechte Hemisphäre kann auch kurze verbale Anweisungen , jedoch nicht über einen Umfang von drei Worten hinaus, begreifen, und es geht ihr die semantische Fähigkeit ab, Sätze zu vervollständigen“ (Eccles, 2005, S. 402).
Leider sagt Eccles nichts darüber, wie das Restselbstbewusstsein sich bemerkbar macht und wie der selbstbewusste Geist mit der neuen „dominanten“ Hemisphäre interagiert. Er vermutet eine gewisse Plastizität „offener“ Moduln. Aus der Plastizität des Gehirn in den frühen Lebensjahren, die weiter unten erwähnt wird, leitet er die Möglichkeit ab, dass in der Kindheit Moduln beider Hemisphären gegenüber Welt 2 „offen“ sind. Im späteren Verlauf des Lebens und der Entwicklung des Gehirns spezialisieren sich die beiden Hemisphären auf ihre Funktionen und die Plastizität wird immer geringer. Eccles stellt folgende Fragen: Kommt es zur Regression der „offenen“ Moduln der rechten Hemisphäre, nachdem die linke Hemisphäre ihre Dominanz übernommen hat? Ist die Abtastoperation des selbstbewussten Geistes auf „offene“ Moduln beschränkt? Verlieren die „offenen“ Moduln der subdominanten Hemisphäre ihre Eigenschaft nach dem Trauma der Kommissurotomie?
Eine mögliche Lösung für die Art der Interaktion des selbstbewussten Geistes mit der rechten Gehirnhemisphäre schlägt Popper im Dialog VI des o. g. Buches vor. Seine Hypothese lautet: Das Liaison-Hirn ist keineswegs physisch festgelegt, die Kontaktstellen ergeben sich allein aus der Wahl des selbstbewussten Geistes. Bei einem gesunden und vollständigen Gehirn scheint es so zu sein, dass die dominante Hemisphäre für die Interaktion mit dem Geist am meisten geeignet ist. Erst nach der Entfernung der dominanten Hemisphäre ist der selbstbewusste Geist gezwungen, eine neue Verbindungszone zu suchen. Auf diese Weise kontaktiert er mit den Moduln der verbliebenen Hemisphäre. Aber wie kommt es dazu, dass diese Moduln sich jetzt „öffnen“? Eccles erwähnt, dass die beiden Gehirnhälften auch nach der Kommissurotomie in gewisser Weise in Kontakt bleiben. Dies geschieht über die niederen Zentren des Gehirns. Beide Hemisphären haben nach wie vor die gleichen Schlaf-Wach-Zyklen, Haltung und automatische Bewegungen des Körpers bleiben normal. Patienten sind in der Lage zu gehen, zu schwimmen usw., da die Hirnzentren, die das leiten, auf der subkortikalen Ebene
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verbunden sind und durch die Trennung des Corpus callosum nicht gespaltet werden. Eine weitere Hypothese wäre, dass die Moduln der einzig verbliebenen rechten Hemisphäre sich erst „öffnen“, nachdem keine Informationen von der dominanten Hemisphäre mehr empfangen werden. Erst nachdem es der subdominanten Hemisphäre „klar“ ist, dass die dominante Hemisphäre nicht mehr funktionsfähig ist, übernimmt sie die Führungsrolle und „öffnet“ ihre Moduln, um eine Interaktion mit dem selbstbewussten Geist zu ermöglichen. Dieser sucht seinerseits die neue Kontaktstelle, indem er alle möglichen Bereiche des Gehirns „abtastet“. Aus diesen Überlegungen kann man schließen, dass der selbstbewusste Geist viel lieber mit der dominanten Hemisphäre, in der sprachliche und mathematische Fähigkeiten angesiedelt sind, interagiert, als mit der subdominanten, fast stummen Hemisphäre. Es wäre doch viel praktischer, wenn der selbstbewusste Geist mit den beiden Hemisphären gleichzeitig interagieren würde, dann hätte die Trennung der Hemisphären keine Folgen. „Wieso ist es so und nicht anders?“ ist wahrscheinlich die häufigste Frage des Menschen und in den meisten Fällen bleibt nur Spekulation übrig.
2.2.4 Funktionen der Hemisphären
Anhand verschiedener Untersuchungen lassen sich spezifische Leistungen der dominanten und subdominanten Hemisphäre so darstellen (übernommen von Eccles 1982, S 423):
Die dominante Hemisphäre kann addieren, subtrahieren, multiplizieren und andere computerähnliche Tätigkeiten ausführen. Sie ist auch für Sprache und Begriffsbildung zuständig. Die subdominante Hemisphäre ist für räumliche Wahrnehmung spezialisiert und hat einen stark entwickelten Sinn für Bilder, Muster und Musik. Diese hemisphärische Spezialisierung ist nur beim Menschen festzustellen. Vermutlich hat die Entstehung der Sprache dazu beigetragen, dass es zur Trennung der Funktionen gekommen ist. Wahrscheinlich war es im Laufe der Evolution sinnvoll und erfolgsverleihend, dass eine Hemisphäre sich auf sprachliche, analyti-
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sche, rechnerische und gedankliche Aufgaben spezialisierte. Entsprechend spezialisierte sich die andere Hemisphäre auf synthetische, holistische, bildliche und räumliche Aufgaben. Die Vermutung, die Trennung der hemisphärischen Funktionen sei unwiderruflich genetisch determiniert, erwies sich als falsch. Bei Kindern unter sechs Jahren sind beide Hemisphären für die sprachliche Entwicklung zuständig. Erst danach wird die Sprachkontrolle schrittweise von der dominanten Hemisphäre übernommen. Die Untersuchungen von Milner [1964] haben gezeigt, dass das Gehirn in früheren Lebensjahren eine enorme Plastizität besitzt. Wurden einem Patienten in seiner Kindheit große Teile der normalen Sprachfelder oder sogar komplette Sprachfelder entfernt, so zeigte sich in späteren Untersuchungen, dass ein Transfer der Sprachfunktionen in die subdominante Hemisphäre stattgefunden hat.
2.2.5 Verschiedene Formen von Bewusstlosigkeit
Die alltägliche Erfahrung von Bewusstlosigkeit ist jedem von uns bekannt. Jede Nacht verlieren wir das Bewusstsein und morgens gelangen wir es wieder. Das Gehirn bleibt aber die ganze Zeit aktiv. Wenn man die Aktivität der Neuronen während des Schlafs einer Person beobachtet, zeigen sich 2 verschiedene Phasen, die sich mehrmals im Verlauf des gesamten Zeitabschnittes abwechseln. Im Tiefschlaf kann die neuronale Aktivität eher als ungeordnet und spontan betrachtet werden. Vermutlich kann der selbstbewusste Geist während dieser Phase keine Informationen von Moduln erhalten. Sie sind der Welt 2 völlig verschlossen. Und da der Geist nichts herauslesen kann, kann er keine bewusste Erfahrung herstellen. Dies ändert sich, wenn die zweite Phase der neuralen Aktivität auftritt. Sie wird als REM-Phase (rapid eye movenent) oder paradoxer Schlaf bezeichnet. Während des paradoxen Schlafes ändern sich die Aktivitätsmuster der Neurone. Sie werden organisierter. In dieser Phase träumt der Mensch. Man wird zu einer Spielfigur, zu einer Marionette im Verlauf der Schlafgeschichte. Das bemerken wir aber erst, wenn wir aufwachen und uns an den Traum erinnern können. Eccles benutzt diese Erfahrung, um den Parallelismus zu kritisieren. Hier sieht er einen klaren Unterschied zwischen der Traumwelt und der realen Welt. Die Welt des Parallelismus wäre eine Traumwelt, in der das Bewusstsein die Rolle eines passiven Betrachters annimmt. Die objektive reale Welt, in der wir uns frei erfahren, kann seiner Ansicht nach nicht mit der Welt der Träume identisch sein.
In der REM-Phase öffnen sich die Moduln und der selbstbewusste Geist kann wieder Informationen vom Gehirn erhalten. Wir sind nicht mehr bewusstlos, wir erleben etwas. Interessant ist, dass wenn eine Person wenige Minuten nach der REM-Phase geweckt wird, kann sie sich nicht an den Traum erinnern. Wird sie jedoch während dieser Phase geweckt, kann das Traumerlebnis erinnert werden. Warum wir überhaupt träumen und wozu das gut sein soll, ist ungewiss. Viele Träume beinhalten Geschehnisse des vergangenen Tages, oft werden sie aber verzerrt dargestellt oder in einen ungewöhnlichen Zusammenhang mit anderen Erlebnissen gebracht. Und manchmal sind Träume so absurd, dass man überhaupt nicht nachvollziehen kann, wie sie zustande kommen. Dazu gibt es verschiedene Theorien, die wir hier nicht be-handeln möchten.
Die Hypothese von Eccles lautet, dass der selbstbewusste Geist immer aktiv ist und versucht, aus den Moduln herauszulesen. Er tastet das Gehirn immer wieder ab, sucht offene Moduln, um mit ihnen zu interagieren. Es gelingt ihm nur in den REM-Phasen, während des Tief-
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schlafs kann er nichts lesen. Also kann vermutet werden, dass die Moduln erst bei geordneter Aktivität offen gegenüber der Welt 2 werden.
Eccles erwähnt noch weitere Gehirnzustände, bei denen kein Bewusstsein vorhanden ist. Das sind einmal Zustände der verminderten neuronalen Aktivität in tiefer Anästhesie und in den verschiedenen Arten von Koma. Im tiefen Koma hören die neuronalen Entladungen sogar komplett auf. Zweitens werden epileptische Anfälle genannt. Bei einer gewissen Stufe der abnormen Gehirnaktivität kann man noch bewusst bleiben. Übersteigt diese 50% der Großhirnrinde, verliert man das Bewusstsein. Nach dem Anfall erholt sich das Gehirn wieder, einige Zeit bleibt es noch gestört und die betroffene Person hat keine Erinnerung an das, was sie erlebt. In beiden Fällen, so wird vermutet, tastet der selbstbewusste Geist ohne Wirkung ab. Auch der Todesfall wird erwähnt. Hier bleiben nur die Fragen, wie lange der Geist noch versucht, abzulesen, und was danach geschieht.
2.2.6 Bewusstes Gedächtnis
Die Fähigkeit, sich an Erlebnisse, eigene Tätigkeiten und Willensentschlüsse zu erinnern, ist für das menschliche Leben unabdingbar. Ohne diese Fähigkeit gäbe es keine Kultur, keine Sprache, kein Lernen und keine bewusst erfahrene Welt. Wir stellen die Fragen: Welche Gehirnprozesse sind für das Ablegen und Wiedergewinnen aller möglichen Arten der Informationen zuständig? Wie können wir uns an etwas erinnern?
Eccles vertritt die Hypothese, dass die strukturelle Basis des Gedächtnisses durch Veränderung der Verknüpfungen von Neuronen realisiert ist. Der selbstbewusste Geist spielt dabei eine große und entscheidende Rolle. Langzeiterinnerungen müssen in irgendeiner Weise in den neuronalen Netzwerken des Gehirns kodiert sein. Es wird vermutet, dass die Modifikation von Synapsen in diesem Fall eine Schlüsselrolle spielt. Werden Synapsen wiederholt mit schwachen elektrischen Reizen stimuliert, so zeigt sich eine starke Steigerung der exzitatorischen postsynaptischen Potentiale (EPSPs), die Impulsentladungen verursachen. Viele Synapsentypen besitzen die Fähigkeit, sich während intensiver Aktivierung operational aufzubauen. Wiederholte Reize (20/Sek. und 15 Sek. lang), die jede 30 Minuten 5 Mal verabreicht werden, bewirken eine Potenzierung, die über 3 Stunden lang erhalten bleibt. Der Hippokampus spielt vermutlich die entscheidende Rolle im Prozess des Niederlegens von Gedächtnisspuren. Patienten, bei denen der Hippokampus teilweise oder komplett entfernt wurde, konnten sich nur an wenige Sekunden vorher erinnern. Sobald ihre Aufmerksamkeit abgelenkt wurde, wussten sie nicht mehr, was sie vorher gemacht haben. Diese Tatsache lässt vermuten, dass der Hippokampus ein Bindeglied zwischen dem Kurz- und Langzeitgedächtnis ist. Die Spine-Synapsen auf den Dendriten der Körnerzellen des Hippokampus erweisen eine starke Modifizierbarkeit und eine andauernde Potenzierung. Sie sind sehr plastisch und passen sich je nach der Aktivität an. Bei verstärkter Benutzung vergrößern sie sich übermäßig und können sich sogar verzweigen, um mehr Verknüpfungen zu bilden. Bei Nicht-Benutzung verkümmern sie. Weiterhin wird vermutet, dass die Aktivierung eines speziellen Synapsentyps Informationen für die Entwicklung weiterer Synapsen auf dem gleichen Dendriten liefert. Das auf diese Weise entstandene Netzwerk bewirkt die Entstehung eines bestimmten Raum-Zeit-Musters von Impulsen. Je mehr dieses Muster abgespielt wird, desto stärker und effektiver werden die Verbindungen zwischen Neuronen. So tendieren ähnliche sensorische Inputs,
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dieselben neuronalen Wege durchzulaufen und dieselben Antworten aufzurufen. Das wäre eine „Koppelungstheorie des Lernens“, wie sie Eccles bezeichnet. Drei Grundthesen zur Rolle des Hippokampus für das Gedächtnis lauten wie folgt: „(1) Beim Wiedergewinnen der Erinnerung an ein Ereignis, das nicht im Kurzzeitgedächtnisprozeß fortwährend wiederholt wird, ist der selbstbewußte Geist von einer Konsolidierung oder einem Speicherprozeß abhängig, der durch Hippokampus-Aktivität zustande gebracht wird. (2) der Hippokampus selbst ist nicht Ort der Speicherung. (3) Wir vermuten, daß die Beteiligung des Hippokampus an dem Konsolidierungsprozeß von neuronalen Bahnen abhängig ist, die von den Moduln der Assoziationsrinde zum Hippokampus und von dort zurück zum Präfrontallappen übermitteln“ (Eccles, 2005, S. 471).
Der Hippokampus ist das Instrument für das Niederlegen der Gedächtnisspuren. Der linke bzw. der Hippokampus der dominanten Gehirnhemisphäre ist für das Speichern verbaler Erinnerungen zuständig, der rechte Hippokampus beschäftigt sich mit bildlichen und räumlichen Informationen.
Der selbstbewusste Geist beeinflusst den Prozess der Speicherung, indem er durch seine Aufmerksamkeit bestimmte Sachen beachtet und andere außer Acht lässt. Wir erinnern uns nicht an Sachen, die uns nicht interessiert haben und welche wir nicht beachtet haben. Die Interaktion zwischen den Moduln des Liaison-Hirns und dem Hippokampus geschieht vermutlich auf zwei Wegen. Erstens bewirkt der selbstbewusste Geist durch Behaltung der modulären Aktivität die dauernde Verstärkung der Schaltkreise im Hippokampus. Zweitens werden entsprechende Moduln vom Geist „festgehalten“ oder ständig interaktiv benutzt, damit sie dem Geist Informationen liefern und, wenn nötig, auch modifiziert werden können. Natürlich kann der selbstbewusste Geist nur auf „offene“ Moduln einwirken, aber indirekt werden auch „geschlossene“ Moduln ins Spiel einbezogen. Diese sind bei der Gedächtnisspeicherung nicht unwichtig. Die Kommissurotomie-Patienten zeigen eine Beeinträchtigung des verbalen Gedächtnisses der dominanten Großhirnhemisphäre. Eccles verweist auf Untersuchungen von Sperry, der behauptet: „Jeder Speicherungs-, Kodierungs- oder Wiederabrufprozeß, der normalerweise auf der Integration symbolischer Funktionen in der linken Hemisphäre mit Raumwahrnehmungsmechanismen in der rechten Hemisphäre beruht, würde durch Kommissurotomie ebenfalls unterbrochen“(vgl. Eccles, 2005, S. 478). Die „geschlossenen“ Moduln beteiligen sich vermutlich indirekt im Speicherungs- und Widerabrufsprozess der Erinnerungen.
Eccles schlägt vor, das Gedächtnis in zwei unterschiedliche Arten aufzuteilen: 1) Hirnspeicherungsgedächtnis und 2) Erkennungsgedächtnis. Wenn wir uns erinnern, dann holen wir zuerst Informationen aus dem Speicher. Dann werden diese Informationen durch den selbstbewussten Geist kritisch geprüft und mögen als falsch beurteilt werden. Diese Aktionsweise kann sich mehrere Male wiederholen, bis die gewünschten Informationen als richtig erkannt werden. Anscheinend ist es eine Art Herausforderung für den selbstbewussten Geist, den richtigen Zugang zu Moduln zu finden und so die gewünschte Erinnerung zurückzurufen. Unklar bleibt, wie und womit verglichen wird, um zu urteilen, ob die Erinnerung richtig oder falsch ist.
Abschließend kann man sagen, dass der selbstbewusste Geist aktiv bei Speicherungs- und Wiederabrufprozessen des Gedächtnisses beteiligt ist. Er hat sogar den Vorrang. Gespeichert wird nur das, was wichtig oder interessant erscheint. Erinnert wird durch einen bewussten Willensakt des Geistes und die gewonnene Erinnerung wird dabei kritisch überprüft. Natürlich gibt es auch spontane assoziative Erinnerungen, doch solch ein Gedankenfluss kann je-
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derzeit vom selbstbewussten Geist unterbrochen und untersucht werden. Der selbstbewusste Geist behält eine kontrollierende und verwaltende Stellung bei Gedächtnisprozessen.
2.2.7 Zusammenfassung der Liaison-Hirn-Theorie
Die Liaison-Hirn-Theorie ist eine Theorie des interaktionistischen Dualismus. Dabei betont Eccles, dass er lieber nicht von zwei Substanzen oder Entitäten - Materie und Geist spricht, sondern von zwei Welten - Welt 1 und Welt 2 im Sinne der Theorie von Popper. Welt 2 kann nur erlebt werden, sie ist mit keinen wissenschaftlichen Instrumenten und Messgeräten objektiv überprüfbar. Was wir auf der naturwissenschaftlichen Ebene untersuchen können, ist die Kontaktstelle zwischen diesen zwei Welten - das Gehirn. Deswegen bleiben alle Aussagen über Welt 2 rein spekulativ und philosophisch. Eccles ist gezwungen, die quantitative materielle Welt zu verlassen und eine zusätzliche qualitative geistige Welt zu postulieren, weil ihm viele Aspekte des Seins, die „vollständig“ auf der Ebene der Welt 1 erklärt werden, nicht genügen. Das Phänomenale der Erfahrung, die Einheit des selbstbewussten Ich, Denken, Phantasie und die Freiheit des Willens können nach Eccles nicht auf Welt 1 reduziert werden. Als Kontaktstelle wird das Liaison-Hirn der dominanten Großhirnhemisphäre vorgeschlagen. Die moduläre Anordnung der Neuronengruppen lässt ihre wichtige und zentrale Rolle in der Interaktion zwischen Welt 1 und Welt 2 vermuten. Der selbstbewusste Geist ist ständig bemüht, die Moduln des Gehirns abzutasten, um für Welt 2 „offene“ Moduln zu finden. Informationen, die mittels dieser Aktion herausgelesen werden, werden vom selbstbewussten Geist zu einer einheitlichen Erfahrung zusammengesetzt. Falls es keine „offenen“ Moduln gibt, wie im Falle der Bewusstlosigkeit, kann nichts gelesen werden und folglich gibt es dann keine Erfahrung. Weil Moduln untereinander verknüpft sind und aufeinander Wirkungen ausüben können, kann der selbstbewusste Geist indirekt auch „geschlossene“ Moduln beeinflussen und von ihnen Informationen erhalten.
Eccles behauptet, dass seine Theorie zumindest alle Aspekte des Geist-Gehirn-Problems anspricht und auf ihre Weise erklärt. So werden z.B. Funktionen des Gedächtnisses, Phänomene der Illusion und der kreativen Vorstellung verständlich. „Doch das Wichtigste ist, daß sie [die Theorie] der menschlichen Person das Empfinden für Wunder, für Mysterien und für Wert zurückgibt“ (Vgl. Eccles, 2005, S. 451). Ähnlich der cartesianischen Vorstellung vermutet auch Eccles, dass der selbstbewusste Geist keine räumlichen Eigenschaften besitzt. Deswegen ist es auch sinnlos nach dessen Lokalisation im Gehirn zu fragen, so wie es auch sinnlos ist, nach den räumlichen Eigenschaften der Gefühle oder der abstrakten Entitäten wie Zahlen zu suchen. Andererseits scheint Welt 2 eine zeitliche Eigenschaft zu haben. Die erlebte Zeit kann sich in akuten Notfällen verlangsamen, wie oben schon erwähnt wurde, oder sie kann auch vordatiert werden, wie es Libet [1973] in seinen Experimenten herausstellte. Die innere Zeit des Geistes überschreitet die objektive Uhrzeit, indem man sich an frühere Geschehnisse erinnert oder zukünftige Ereignisse erwartet oder vorhersagt. Beide Zeiten sind im normalen Bewusstseinzustand synchronisiert, damit man auch sinnvoll und erfolgreich mit der Welt 1 interagieren kann. Eccles gibt zu, dass diese Hypothesen und dabei entstehende Fragen noch viel Forschung erfordern.
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2.3 Die quantenmechanische Theorie
2.3.1 Einleitung
In seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte Eccles eine weitere Theorie über das Geist-Gehirn-Problem, die er selbst als Krönung seiner wissenschaftlich-philosophischer Arbeit bezeichnete. Da die Liaison-Hirn-Theorie nicht erklären konnte, wie es dem Geist möglich sein sollte, auf Materie einzuwirken, ohne den Energieerhaltungssatz der Physik zu verletzen, entwickelte Eccles eine viel feinere Theorie, die sich auf der Quantenphysik basierte. Mit Hilfe des Quantenphysikers Friedrich Beck gelang es dem Gehirnforscher zu zeigen, wie die Interaktion zwischen Welt 1 und Welt 2 verlaufen könnte, ohne Erhaltungsgesetze der Physik zu verletzen.
Mit der Entwicklung der Messtechnik gingen Forscher immer weiter in das Innere der Welt hinein, in das Mikroskopische. Erstaunlicherweise musste man zugeben, dass Vorgänge oder beobachtete Phänomene in diesem Bereich mit den klassischen physikalischen Gesetzen nicht mehr sinnvoll beschreiben werden konnten oder sogar in Widerspruch zu diesen Gesetzen standen. Daher musste eine neue physikalische Theorie entwickelt werden, die als Quantenmechanik bezeichnet wurde. Sie befasst sich mit dem Verhalten der Materie im atomaren und sogar im subatomaren Bereich. Quanten sind theoretische Konstrukte dieser Theorie, die als Elementarteilchen vorgestellt werden und durch welche viele Phänomene der Wechselwirkungen erfolgreich erklärt werden können. Unabdingbar und sehr wichtig ist die Rolle der Messung. In der klassischen Physik sind Objekte recht groß, sodass die Messung keine Veränderungen am Objekt selbst bewirkt. Die Messung im mikroskopischen Bereich jedoch stört das System, Elementarteilen des Messgeräts üben Wirkung auf Elementarteilchen aus, die gemessen werden. Deswegen kann nicht gesagt werden, wie tatsächlich die Beschaffenheit der Dinge vor der Messung war. Die Quantenmechanik kann nur angeben, mit welcher Wahrscheinlichkeit dieses oder jenes Resultat zu erwarten ist. Diese Unbestimmtheit macht die Quantenmechanik so eigenartig. Alle Zustände eines bestimmten quantenmechanischen Systems bilden ein Wahrscheinlichkeitsfeld, das die Wahrscheinlichkeit jedes einzelnen möglichen Zustandes (oder des Ergebnisses der Messung) enthält. Also prinzipiell kann man nur vorhersagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit welche Messergebnisse zu erwarten sind. Dieser Aspekt ist für die Theorie von Eccles sehr wichtig.
Die Idee besteht darin, dass man das Gehirn nicht mehr als klassisches physikalisches System, sondern als quantenmechanisches System betrachtet. Da die kleinen Teichen, die an Bouton-Exozytose teilnehmen, sehr winzig sind und womöglich aus noch kleineren Bausteinen bestehen, kann angenommen werden, dass sie nur noch mit Hilfe der Quantenphysik beschrieben werden können. Es kann nur vorhergesagt werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit bei der Erregung eines Neurons mit einem exzitatorischen Impuls eine Transmitterausschüttung stattfindet. Experimentell wurde festgestellt, dass diese Wahrscheinlichkeit viel weniger als 1 ist. Mittelwerte liegen im Bereich zwischen 0,2 bis 0,35. Das heißt, die Exozytose findet nur bei jedem 3 oder 4 Impuls statt, der Impuls alleine genügt nicht. Eccles vermutet, dass der selbstbewusste Geist die Wahrscheinlichkeit der Exozytose verändern kann. Dabei wird keine zusätzliche Energie gebraucht, weil es kein Prozess der klassischen Physik, sondern ein Quantenprozess ist. Auf diese Weise reguliert der Geist die Funktionalität der Neuronennetzwerke und ermöglicht die Wirkung mentaler Absichten auf die Materie.
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2.3.2 Der Aufbau und die Funktionsweise einer chemischen Synapse im Zentralnervensystem der Wirbeltiere
Im Gegensatz zu der Liaison-Hirn-Theorie, die moduläre Ansammlungen von Nervenzellen zusammengefasst als Grundeinheiten der interaktionistischen Kommunikation zwischen Welt 1 und Welt 2 betrachtete, geht die quantenmechanische Theorie noch weiter ins Mikroskopische hinein und beschreibt Aktivitäten im Inneren der Neurone.
Von besonderer Wichtigkeit ist der Aufbau der Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, weil diese die grundlegende Übertragung von Signalen im Gehirn gewährleisten. Eine chemische Synapse ist die Kontaktstelle zweier Boutons (Synapsenköpfchen), die durch den synaptischen Spalt getrennt sind, im Gegensatz zu gekoppelten elektrischen Synapsen. Bei chemischen Synapsen werden elektrische Signale in chemische Signale umgewandelt und verarbeitet. Das Axon mit seinem Bouton gehören zu dem präsynaptischen Teil. Aus diesem Teil werden Neurotransmitter freigesetzt und von dem postsynaptischen Teil empfangen, das aus dem Dendriten und seinem Bouton besteht. Die Übertragung findet nur in eine Richtung statt - vom präsynaptischen zum postsynaptischen Bouton (siehe Abb. 2.3.1). Das präsynaptische Bouton enthält kleine Bläschen mit den Molekülen des Neurotransmitters, die während der Exozytose freigesetzt werden. Diese Bläschen werden synaptische Vesikeln genannt. Die Transmittermoleküle werden in der Zelle produziert und füllen die Vesikeln auf. Die Vesikeln bewegen sich zur präsynaptischen Membran und docken sich an speziellen Vesikel-Anfügungsstellen an (siehe Abb. 2.3.2). Das präsynaptische Bouton enthält bis zu 2000 Vesikeln. Die Anfügungsstellen bilden eine parakristalline Struktur, sodass angedockte Vesikeln, die eine Exozytose erwarten, ein Vesikelgitter bilden. Es wird sehr selten mehr als ein Vesikel pro Exozytose freigesetzt. Die Wahrscheinlichkeit der Freisetzung von Transmittern nach der Erregung der Zelle kann Werte zwischen 0,05 und 0,5 annehmen.
Abb. 2.3.1 Darstellung einer chemischen Synapse. Die Vesikeln wandern zur präsynaptischen Membran und setzen Botenstoffmoleküle in den synaptischen Spalt frei. Auf der postsynaptischen Membran werden diese Moleküle von den Rezeptoren aufgefangen. (Bildquelle: Goll/Schwörbel, 1982). Wenn ein Impuls über das Axon eintritt, ändert sich das Membranpotential im präsynaptischen Teil, sodass es zur Öffnung bestimmter spannungsabhängiger Ca + -Kanäle kommt. Durch diese Öffnungen strömen die Ca 2+ -Ionen aus dem synaptischen Spalt in das präsynapti-
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sche Bouton ein. Die Ca 2+ -Ionen werden wieder schnell aus der Zelle ausgetrieben, doch die intrazelluläre Ca + -Konzentration wird dabei geändert. Diese Änderung bewirkt Andockung der Vesikeln an die Membran, aber nur mit der oben angegebenen Wahrscheinlichkeit kommt es schließlich zur Verschmelzung mit der Membran und zur Freisetzung der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt. Dies kann Einstrom von Na + -Ionen in den postsynaptischen Teil bewirken, dann spricht man von einer erregenden (exzitatorischen) Synapse. Oder es kann zum Ausstrom von K + -Ionen aus dem postsynapzischen Bouton kommen, dann spricht man von einer hemmenden (inhibitorischen) Synapse.
Sehr selten wird also mehr als ein Vesikel bei einem erregenden Impuls freigesetzt, obwohl sich eine große Anzahl (40 oder mehr) der Vesikeln in der Feuerzone in diesem Moment befindet. Eccles glaubt, dass „das präsynaptische Vesikelgitter ein subtiles dynamisches Gebilde darstellt, das die Aufgabe hat, die Abgabe synaptischer Vesikeln zu begrenzen, die durch einen präsynaptischen Impuls ausgelöst wird. Es bestimmt dank seiner Funktion die Wahrscheinlichkeit der Freisetzung von Vesikeln aus seiner Gesamtstruktur und damit aus dem Bouton“(Eccles, 1996, S. 107-108).
Laut der Hypothese der Interaktion von Geist und Gehirn, wird dieses Vesikelgitter über ein quantenmechanisches Wahrscheinlichkeitsfeld manipuliert. Der Geist ändert die Wahrscheinlichkeit der Exozytose je nach der Situation und seinen Wünschen und Möglichkeiten, sodass entweder ein Vesikel in den synaptischen Spalt freigesetzt wird oder es wird auf das nächste Signal abgewartet.
Abb. 2.3.2 (a) Schema der Säugersynapse im Zentralnervensystem. Die aktive Zone (AZ) besteht aus präsynaptischen Membranverdichtungen, die sich mit synaptischen Vesikeln (SV) abwechseln. PA = Partikelanordnung der postsynaptischen Membran. Beachten Sie die SV in hexagonalen Reihen, wie man sie gut in dem Nebenbild links oben sehen kann, und die Vesikel-Anfügungs-Stellen (VAS) im rechten Nebenbild. (b) Exozytose-Stadien mit Freisetzung von Transmittern in den synaptischen Spalt (Eccles, 1996, 161).
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2.3.3 Wie mentale Ereignisse neuronale Ereignisse hervorrufen
Die Grundbausteine einer Synapse sind anscheinend klein genug, um quantenmechanischen Gesetzen zu unterliegen. Jede Möglichkeit der physikalischen Veränderung in der Synapse hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Eccles verweist auf die Aussagen von Margenau [1984], der behauptet, dass bei solchen mikroskopischen Veränderungen nur sehr wenig Energie gebraucht wird, die nach dem jeweiligen Prozess wieder zurückerstattet wird. Dies kann durch das Absinken von einer hohen zu einer niedrigen Konzentration der Transmittermoleküle, die bei der Exozytose freigesetzt werden, geschehen. Der Quantenphysiker Gell-Mann spricht auch davon, dass bei einigen quantenmechanischen Vorgängen die Gesamtenergie gleich bleibt.
„Sollten Sie jedoch ein paar Grundkenntnisse in der Quantenmechanik besitzen, dann werden Sie wahrscheinlich wissen, daß die Energieerhaltung nicht für begrenzte Zeitintervalle, sondern nur über längere Zeiträume gelten muß. Diese Eigenschaft der Quantenmechanik kann als Manifestation der auf Energie und Zeit angewandten Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation betrachtet werden“ (Gell-Mann, 1994, S. 259-260).
Der Geist verletzt keine Energieerhaltungssätze der Physik in seiner Interaktion mit dem Gehirn, er sollte als ein nicht-materielles Feld betrachtet werden, analog zum Wahrscheinlichkeitsfeld der Quantenmechanik. Er ist jedoch nicht mit einfacheren nicht-materiellen Feldern zu vergleichen, bei denen Materie erforderlich ist (z.B. hydrodynamische Strömung oder Akustik). Der Geist muss auch keinen präzisen Ort im Raum einnehmen (Vgl. Eccles, 1996, S. 117-118).
Mentale Ereignisse üben keinesfalls irgendwelche erregende Aktivitäten an einer Synapse aus, sie verändern nur die Wahrscheinlichkeit der Exozytose, die durch einen Impuls über das Axon ausgelöst wird. Das präsynaptische Vesikelgitter scheint dafür ein geeignetes Instrument zu sein, dessen Funktionalität durch quantenmechanische Gesetze beschrieben werden kann.
Es stellt sich die Frage, ob die Masse der Vesikeln zu groß ist, um von der Heisenbergschen Unschärferelation 1 betroffen zu sein. Die Unschärfegleichung lautet: Δx Δv ≥ k/m, wobei k = 1,06 x 10 -27 erg s (Plancksche Konstante geteilt durch 2π). Ein synaptischer Vesikel hat die Masse (m) 3 x 10 -17 g und einen Durchmesser von 40 nm. Die präsynaptische Membran ist etwa 5 nm dick. Nehmen wir die Unschärfe der Position Δx als 1 nm, dann ergibt sich die Unschärfe der Geschwindigkeit Δv als 3,5 nm in 1 ms. Die Emissionszeit beträgt weniger als eine Millisekunde, also ist der Ergebnis nicht weit von der richtigen Größe entfernt. Die Unschärfe der Geschwindigkeit müsste ungefähr doppelt so groß sein, damit die Emission in der angegebenen Zeit erfolgen könnte. Eccles betont, dass diese Berechnung von der freien Bewegung des Vesikels ausgeht. Das ist aber nicht der Fall. Der Vesikel ist nämlich in das präsynaptische Vesikelgitter eingebettet, also muss seine Unschärfe der Position minimal sein. In diesem Fall wird Δv größer, sodass
1 Die Heisenbergsche Unschärferelation ist die Aussage der Quantenmechanik, dass der Ort und der Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig bestimmt werden können. Je genauer der Ort gemessen wird, desto ungenauere Aussagen können über den Impuls gemacht werden, und umgekehrt.
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es prinzipiell für den Vesikel möglich wird, sich durch die Membran in weniger als einer Mil-lisekunde zu bewegen.
Die Berechnungen auf der Grundlage der Heisenbergschen Unschärferelation demonstrieren die Möglichkeit der Veränderung der Wahrscheinlichkeit von der Emission eines Vesikels durch ein mentales Ereignis. Doch dieser Effekt ist viel zu klein, um neuronale Aktivität des Gehirns zu verändern. Eccles vermutet, dass das Wahrscheinlichkeitsfeld nicht nur auf die Synapsen eines Neurons, sondern auf mehrere Neurone mit ähnlichen Funktionen verteilt ist. Auf diese Weise können mehrere Bereiche im Gehirn beeinflusst werden, sodass es schließlich zu einer Veränderung der neuronalen Aktivität kommen kann.
Am Beispiel eines Experimentes von Roland [1980] versucht Eccles seine postulierte mentale Wirkung auf die Hirnereignisse zu beweisen. Mit Hilfe der bildgebenden Verfahren wurde die regionale Hirndurchblutung im supplementären motorischen Feld einer Versuchsperson gemessen. Zuerst führte die Person eine Zeit lang geübte komplexe Fingerbewegungen aus. Natürlich wurde dabei eine erhöhte Durchblutung der Hirnregionen, die für die Bewegung von Fingern zuständig sind, festgestellt. Im zweiten Teil des Experiments führte die Versuchsperson dieselben Bewegungen im Geiste aus. Das heißt, die Bewegungen waren nur vorgestellt. Keine Gliedmaßen wurden bewegt, die Augen und die Ohren waren geschlossen. Auch in diesem Fall wurde eine erhöhte Durchblutung im supplementären motorischen Feld gemessen und nirgendwo sonst. Diese Hirnaktivität war nur durch den mentalen Vorsatz der Versuchsperson initialisiert.
Noch ein Hinweis auf die Wirkung mentaler Ereignisse auf die neuronale Aktivität wurde in einem Experiment von Roland [1981] ersichtlich. Die Versuchsperson konzentrierte sich auf einen Finger, der angeblich leicht berührt werden sollte. Die Berührung fand aber nicht statt. In der Erwartungszeit wurde eine erhöhte Durchblutung des Fingerberührungsbereichs im postzentralen Gyrus der Hirnrinde registriert. Diese neuronale Aktivität muss aufgrund der mentalen Aufmerksamkeit entstanden sein.
2.3.4 Die Grundeinheit der Hirnrinde: das Dendron
Wie wir schon wissen, ist die Großhirnrinde in Schichten von spezifischen Zelltypen aufgebaut. Von Pyramidenzellen aufsteigende Dendriten schließen sich auf dem Weg zur Schicht 1 zu kleinen Bündeln. Ein Bündel enthält ungefähr 70 bis 100 Dendriten, die in der Schicht 1 in den apikalen Büscheln enden. Diese Bündeln sind in allen Bereichen des Kortex und bei allen Säugetieren beobachtet worden. Es wird vermutet, dass sie die anatomischen Grundeinheiten der Hirnrinde sind.
Über die Funktion dieser Einheiten, wie es Eccles betont, gibt es keine befriedigende Hypothese. Sie könnten Wahrnehmungseinheiten sein. Wenn es so ist, dann muss man für sie einen Namen finden. Weil sie sich aus Dendriten zusammensetzen, schlägt Eccles den Namen Dendron vor.
Der synaptische Eingang eines Dendrons würde über die Dornsynapsen erfolgen, derer Anzahl bei einem großen Dendriten ungefähr 2000 Stück beträgt. Bei 70 bis 100 Dendriten in einem Dendron wären es insgesamt mehr als 100 000 Dornsynapsen.
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Der synaptische Ausgang ist erstaunlich hoch. Die Axone der Pyramidenzellen sind zum großen Teil mit modularer Übermittlung auf die beiden Großhirnhemisphären verteilt. Ein Dendron enthält ca. 200 Neuronen. Ein Quadratmillimeter der Hirnrinde erweist etwa 200 Dendronen, sodass es insgesamt rund 40 Millionen Dendronen im Kortex gibt.
2.3.5 Die Grundeinheit des Mentalen: das Psychon
Wenn Dendronen Grundeinheiten der Hirnrinde sind und mit Wahrnehmung zusammenhängen, muss es auch etwas derartiges auf der mentalen Seite geben. Denn irgendwie müssen Informationen, die mittels Dendriten übermittelt werden, in die Welt 2 gelangen und auch einen Weg vom Mentalen zurück zur Welt 1 finden. Als Bindeglied zwischen den beiden Welten wird das Psychon vorgeschlagen. Ein Psychon stellt eine elementare mentale Einheit dar, aus denen alle mentalen Ereignisse und Erfahrungen zusammengesetzt sind. Weiterhin wird vermutet, dass jedes Psychon auf eindeutige Weise reziprok mit seinem Dendron ver-bunden ist. Die Psychonen sind keine Hilfswege zu Erfahrungen von Welt 2, sie sind die Erfahrungen in all ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit (Vgl. Eccles, 1996, S. 156). Jedes Psychon besitzt seinen eigenen psychischen Charakter und umfasst das ganze Dendron. Möglicherweise gibt es eine Vielzahl von eng verwandten Psychonen, die in entsprechender Weise mit ähnlichen Dendronen verbunden sind. Vermutlich gibt es Tausende Arten von Psychonen, von denen jedes zu einer Dendron-Art passt. Da wir vorher ausgerechnet haben, dass es insgesamt etwa 40 Millionen Dendronen im Kortex gibt, muss es auch so viele Psychonen geben. Darüber hinaus könnte es einige Psychon-Arten geben, die nur untereinander und mit keinen Dendronen verbunden sind.
Abb. 2.3.3: Drei Dendronen, die von Psychonen umgeben sind. Man sieht die aufsteigenden Dendriten, die in Schicht IV beginnen und in Büscheln in Schicht I enden. Durch geschlossene Quadrate, offene Quadrate und geschlossene Kreise sollen die verschiedenen charakteristischen mentalen Eigenschaften der Psychonen dargestellt werden. „Jedes Dendron ist mit einem Psychon verbunden, das seine eigene charakteristische Erfahrung darstellt“ (Eccles, 1996, S. 203).
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Jedes Dendron-Psychon-Paar einer bestimmten Art wiest seine eigene psychische Eigenschaft auf. Z.B. nimmt ein Paar grünes Licht wahr, das andere ist für Berührungswahrnehmung zuständig und das andere wiederum für den Vorsatz einer bestimmten motorischen Tätigkeit. Weil bei der einheitlichen Wahrnehmung nicht einzelne Dendronen, sondern Tausende davon aktiviert werden, erleben wir das komplette Bild der Außenwelt, das aus den Grunderlebnissen - Psychonen - zusammengesetzt wird.
Die postulierte Verbindung zwischen Psychonen und Dendronen könnte als eine neue Interpretation der materialistischen Identitätstheorie gedeutet werden. Eccles distanziert sich ausdrücklich davon, indem er den Psychonen eine unabhängige Existenz zuspricht. Welt 2 kann auch ohne Welt1 existieren, sie kann aber ohne ein genug kompliziertes Gehirn und dementsprechende Sinnesorgane nichts von der Welt 1 erfahren.
Wie schon erwähnt, umfasst ein Psychon das ganze Dendron. Auf diese Weise können bis zu 100 000 Synapsen, die zu dem Dendron gehören, aktiviert werden. Ein mentaler Vorsatz einer Bewegung kann auf jedes präsynaptische Vesikelgitter des Dendrons wirken, indem die Wahrscheinlichkeit der Exozytose durch das Psychon erhöht wird. So können Tausende für die motorische Bewegung benötigten Dendronen initialisiert werden und ihre Wirkung ausüben.
2.3.6 Wie neuronale Aktivität bewusste Wahrnehmungen hervorrufen könnte
Mit der Wirkung des Mentalen auf das Physische haben wir uns auseinandergesetzt und die Vorgehensweise ist im Rahmen dieser Theorie klar definiert. Das Mentale ändert die Wahrscheinlichkeit der synaptischen Exozytose, bestimmte neuronale Areale werden aktiviert und es kommt zur gewünschten Wirkung. Wie sieht es aber mit der Wirkung in die andere Richtung, von Welt 1 zu Welt 2, aus? Wie können aktivierte Dendronen der Rotempfindung zur spezifischen visuellen Erfahrung der roten Farbe führen?
Wahrnehmung hängt von einer gerichteten Aufmerksamkeit ab. Z.B. im Falle einer Tastempfindung werden bestimmte Dendronen, die mit entsprechenden Psychonen verbunden sind, aktiviert. Dabei vermehren sich in einem Dendron solche Vesikel, die für eine Exozytose zur Verfügung stehen und gemäß dem Wahrscheinlichkeitsfeld der Quantenphysik ausgewählt sind. Jede solche Exozytose wird der Welt 2 als „Erfolg“ gemeldet und die Übertragung dieses Signals ins Mentale führt zur bewussten Wahrnehmung. Eccles beschreibt diese Aktion folgendermaßen:
1. Hindergrundaktivierung durch Aufmerksamkeit auf den Tastbereich. 2. Sinnesreiz auf das Tastnervensystem. 3. Aktivierung der Dendronen des Tastsystems im Neokortex.
4. Vermehrte Exozytose von den präsynaptischen Vesikelgittern der Pyramidenzellen dieser Dendronen. Dies führt zu einer gesteigerten Möglichkeit zur selektiven Exozytose für das zu-geordnete Psychon, in Einklang mit einem quantenphysikalischen Wahrscheinlichkeitsfeld. 5. Die Steigerung in der vesikulären Auswahl durch das Psychon für Berührungen führt unmittelbar zu der Erfahrung einer Tastempfindung in Welt 2 und signalisiert dem Psychon, daß die Übertragung und Integration in Welt 2 ein „Erfolg“ war (Eccles, 1996, S. 165). Jedes Mal, wenn ein Vesikel vom Psychon für die Exozytose ausgewählt wird, wird ein „Mikro-Erfolg“ in der Welt 2 registriert. Vermutlich können zum gleichen Zeitpunkt sehr viele Vesikels eines Dendrons ausgewählt werden, sodass ein verstärktes Erfolg-Signal in die men-
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tale Welt übertragen wird. Dies wiederum kann zu den Erfolgsreaktionen der benachbarten Psychonen führen, was zur Vervollständigung der Wahrnehmung beitragen kann. Wenn wir annehmen, dass alle Säuger Bewusstsein haben und ihre Aktivitäten in gewisser Weise kontrollieren können, dann stellt die Wechselwirkung zwischen Dendron und Psychon eine Voraussetzung für das mentale Leben dar. Das menschliche Selbstbewusstsein ist aber eine außerordentliche Fähigkeit des Mentalen, die eine von Dendronen unabhängige Existenz der Psychonen in der Welt des Selbst ermöglicht.
2.3.7 Evolutionärer Ursprung des Bewusstseins
Wenn das Bewusstsein im Laufe der Evolution entstanden ist, dann muss es einen Vorteil im Kampf ums Überleben verschafft haben. Ein Tier, das seine Sinnesdaten als eine einheitliche Erfahrung erlebt, kann sich besser in seiner Umwelt orientieren und ist imstande, sich schneller an die Veränderungen der Umgebung anzupassen. Durch das Lernen, das unmittelbar mit dem Gedächtnis zusammenhängt, ist es dem Tier möglich, sich neue Verhaltensweisen anzueignen, die z.B. bessere Jagdtechniken implizieren.
Eccles erweitert diese darwinistische Hypothese mit der Annahme, dass die Evolution der Säuger, um die zunehmend komplexeren Sinnesdaten effektiv zu verarbeiten, Dendronen her-vorbrachte. Diese Dendronen besaßen die Fähigkeit, in eine Wechselbeziehung mit Psychonen zu treten, die ebenfalls entstanden waren. Auf diese Weise kam die mentale Welt ins Dasein, die den Säugern bewusste qualitative Erfahrungen vermittelte. Dabei bleibt es ungewiss, ob die geistige Welt schon vorher existierte. Erst mit der Entwicklung der Dendronen mit ihren synaptischen Vesikeln konnte Welt 1 bewusst erfahren werden. Die Wirkung des Mentalen auf das Gehirn mittels der Wahrscheinlichkeitsveränderung eines Quantenprozesses, besonders bei willkürlichen Bewegungen, scheint jedoch wenig präzise und nicht schnell genug zu sein. Man sollte aber die Tatsache im Auge behalten, dass dies nur die Veranlassung der motorischen Tätigkeit betrifft. Sobald dieser Prozess initialisiert ist, verläuft er unter Kontrolle der neuronalen Schaltkreise des Gehirns, die in der herkömmlichen Neurowissenschaft der motorischen Kontrolle bekannt sind (Vgl. Eccles, 2005, S.207). Das Gehirn der Wirbeltiere war geistlos, deterministisch und der Gesetzen der klassischen Physik unterworfen. Mit der Entstehung des Neokortex, der für die Welt 2 sich öffnete, kamen bewusste Erfahrungen ins Leben, die am Anfang noch primitiv und flüchtig waren (Eccles, 1992). Erst die Evolution der Hominiden brachte höhere Ebenen des Bewusstseins hervor, die Existenz des „Ich“ und der Welt 3 beinhalten. Die lebenslange Erfahrung des menschlichen Selbst muss nach Eccles als Wunder jenseits der darwinistischen Evolution betrachtet werden.
2.3.8 Ein quantenmechanisches Modell der Exozytose
Beim Aufbau eines exzitatorischen postsynaptischen Potentials (EPSP) im Soma gibt es nur ein Element, das durch Quantenvorgänge beschrieben werden könnte. Eine Exozytose, die durch einen Nervenimpuls ausgelöst wird, findet nur mit einer Wahrscheinlichkeit statt, die viel weniger als 1 beträgt. Dies kann entweder thermodynamisch oder quantenmechanisch
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erklärt werden. Nach Meinung vieler Autoren (Eccles, 1990; Squires, 1988; Stapp, 1991; Hameroff, 1996) kann die bewusste Tätigkeit des Gehirns mit Hilfe der Beschreibungen der klassischen Physik kaum verstanden werden. Auch durch thermische Fluktuationen kann keine befriedigende Erklärung für die mehr oder weniger konstante Wahrscheinlichkeit der Exozytose geliefert werden (Walmsley, Edwards und Tracey, 1987; Sayer, Friedlander und Redman, 1990; Sayer, Redman und Andersen, 1989; Redman, 1990).
Weil das Gesamt-EPSP die Summe vieler lokalen EPSPs an den Dornsynapsen ist, genügt uns die Beschreibung der Exozytose an einem einzelnen Bouton. Während der Exozytose wird ein Kanal im präsynaptischen Vesikelgitter (PVG) geöffnet und der Inhalt des jeweiligen ausgewählten Vesikels in den synaptischen Spalt freigesetzt. Dabei handelt es sich offensichtlich um einen klassischen membran-mechanischen Prozess. Der Ablauf der Exozytose hängt anscheinend von einem „Trigger“-Mechanismus ab, der Quantenübergänge zwischen metastabilen 2 molekularen Zuständen beinhaltet (Vgl. Eccles, 1996, S. 226). Dieser „Trigger“-Mechanismus muss nun so vorgestellt werden, dass er die Vesikeln im PVG für die Exozytose vorbereitet.
„Zu diesem Zweck machen wir uns das folgende Konzept zu eigen: Vorbereitung zur Exozytose bedeutet, daß das parakristalline PVG in einen metastabilen Zustand versetzt wird, in dem sich die Exozytose vollziehen kann. Den Auslösermechanismus stellen wir uns sodann als die Bewegung eines Quasi-Teilchens 3 mit einem Freiheitsgrad entlang einer kollektiven Koordinate und über eine Aktivierungs-Barriere hinweg vor. Diese Bewegung erfolgt aufgrund eines quantenmechanischen Tunnelprozesses 4 durch die Barriere (ähnlich wie beim radioaktiven Zerfall)“ (Eccles, 1996, S. 226). Wir stehen vor der Frage, ob dieses Mikro-System sich im Rahmen der klassischen Physik oder der Quantenphysik verhält. F. Beck, der für Eccles die benötigten quantenmechanischen Berechnungen 5 zur Beschreibung des Prozesses der Exozytose durchgeführt hat, kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen quantenmechanischen Trigger handeln muss. Weiterhin gibt es dabei nur zwei Möglichkeiten: die Exozytose findet statt oder sie findet nicht statt. Dafür stehen zwei Wahrscheinlichkeiten: p1 und p2. Das einzige Erhaltungsgesetz lautet: p1 + p2 = 1
Der Prozess im Bouton kann sich nach der Erregung durch einen Nervenimpuls für beide der Möglichkeiten entscheiden, ohne jegliche Vor-Determiniertheit. Dieser akausale Prozess wird als „Reduktion der Wellenfunktion“ bezeichnet.
Da uns bekannt ist, dass bei der Exozytose nur ein einzelner Vesikel freigesetzt wird, muss angenommen werden, dass dieser Prozess in sehr kurzer Zeit erfolgt und das PVG sich nach der Exozytose wieder in einen stabilen Zustand versetzt, bei dem keine Ausschüttung der Transmittermoleküle in den synaptischen Spalt möglich ist. Beck kommt zum Ergebnis, dass der Trigger-Prozess sich im Femtosekundenbereich ereignet. Die parakristalline Struktur des PVG muss eine Eigenschaft besitzen, die Wechselwirkungen zwischen den für die Exozytose
2 Ein metastabiler Zustand ist nur gegen kleine Änderungen stabil, verliert aber seine Stabilität bei größeren Änderungen.
3 Dabei handelt es sich nicht um ein tatsächliches Teichen, sondern um ein Zustand des Systems oder um eine elementare Anregung. Diese können aber durchaus mit Teilcheneigenschaften beschrieben werden.
4 Bei dem quantenmechanischen Tunneleffekt ist es einem Teichen möglich, seine Potentialbarriere zu überwinden, obwohl es nach den Vorstellungen der klassischen Physik für dieses Teichen unmöglich ist.
5 Für Interessenten: Die mathematischen Beschreibungen der Vorgänge befinden sich im Abschnitt 9.4, Eccles, 1996.
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in Bereitschaft stehenden Vesikeln ermöglicht, sodass nach der Freisetzung eines der ungefähr 40 Vesikels ein Blockierungsprozess weitere Exozytosen verhindert. Die Berechnungen der Wahrscheinlichkeit der Exozytose bei N Vesikeln haben gezeigt, dass diese Wahrscheinlichkeit nicht von der Anzahl der Vesikeln im PVG abhängt. Die Vesikeln haben also gleiche Chancen, ausgewählt zu werden, um die benötigten Transmittermoleküle in den synaptischen Spalt freizusetzen.
2.3.9 Veränderung der Wahrscheinlichkeit einer Exozytose durch das Wollen
Die Vorgänge im Bouton während der Exozytose unterliegen offensichtlich den quantenmechanischen Gesetzen. Als nächstes muss also betrachtet werden, wie ein mentaler Vorsatz die Wahrscheinlichkeit einer Exozytose erhöhen kann. Die Auswahl eines Vesikels ist eine Selektion von Ereignissen, die während der Exozytose stattfinden können. Alle diese Ereignisse besitzen eine gewisse Wahrscheinlichkeit der Verwirklichung. Eccles betont, dass dieser Akt des Wählens in Beziehung zu Wigners [1967] Selektionsvorgang des Bewusstseins steht und sich jenseits der gewöhnlichen Quantenmechanik befindet. Der Auswahlmechanismus erhöht die Wahrscheinlichkeit der Exozytose und erzeugt dadurch vergrößerte EPSPs. Da es sich dabei um eine Quantenselektion handelt, ist es möglich, aus den gleichen Anfangsbedingungen verschiedene Endzustände zu bekommen, ohne Verletzung der Erhaltungsgesetze der klassischen Physik.
Wie schon erwähnt, wurde durch eine Reihe von Experimenten (Roland, 1980, 1981; Libet , 1990) gezeigt, dass ein mentaler Vorsatz neuronale Aktivität hervorrufen kann. Die Hypothese lautet, dass der selbstbewusste Geist durch eine momentane Erhöhung der Wahrscheinlichkeit der Exozytose auf die neurale Aktivität der Synapse seine Wirkung hat. Der Mechanismus der mentalen Wirkung kann natürlich durch wissenschaftliche Methoden nicht beschrieben werden und muss postuliert bleiben.
Darüber hinaus schlägt Eccles vor, das Bereitschaftspotential, das der willkürlichen Bewegung um etwa 1 Sekunde vorausgeht, als Scheinproblem zu betrachten. Es sei nämlich durch die Aufzeichnungstechnik künstlich erzeugt worden. Das Bereitschaftspotential entsteht durch die kumulative Mitteilung der Hindergrundwellen, die aber keine Einleitung der Bewegung durch das Gehirn bedeuten sollen. Eccles stützt seine Aussage auf den Untersuchungen von Libet, die gezeigt haben, dass das bewusste Wollen um etwa 200 ms der tatsächlichen Bewegung vorausgeht. Das Bereitschaftspotential bedeutet eine „technische“ Vorbereitung der benötigten Gehirnvorgänge, der selbstbewusste Geist entscheidet aber, ob die Bewegung ausgeführt wird oder nicht.
Da Exozytose anscheinend der wichtigste Vorgang in der interzellularer Kommunikation ist, ist durch das quantenmechanische Modell des Trigger-Mechanismus die Wirkung des selbstbewussten Geistes auf die neuronale Aktivität der Hirnrinde ermöglicht. Die Erhöhung der Wahrscheinlichkeiten erfolgt in einem ganzen Dendron, sodass viele Wahrscheinlichkeitsamplituden miteinander gekoppelt werden und somit eine kohärente Wirkung hervorbringen.
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2.3.10 Zusammenfassung der quantenmechanischen Theorie
Mit Hilfe der Quantenmechanik lieferte Eccles eine mögliche Lösung eines der größten Probleme des interaktionistischen Dualismus. Der Energieerhaltungssatz, der dem Geist Hände gebunden hielt, musste im Rahmen der neuen Theorie nicht verletzt werden. Als ein nichtmaterielles Feld spielt der Geist die Rolle eines Kontrolleurs, der die Gehirn-Maschinerie durch bewusste Kontrolle bedient. Der prinzipielle Indeterminismus der Quantenvorgänge ermöglicht verschiedene Endzustände mit gleichen Anfangsbedingungen. Im Gegensatz zu der klassischen Physik, in der man das Verhalten des untersuchten Systems aus den physikalischen Gesetzen genau vorhersagen kann, bleibt man in der Quantenmechanik im Bereich der Prognosen. Hier können nur Wahrscheinlichkeiten eines Ereignisses angegeben werden, eine Ursache kann somit mehrere verschiedene Wirkungen haben. Die Aufgabe des Geistes besteht in der Veränderung der Wahrscheinlichkeit einer Exozytose, um ausgewählte Vesikeln mit bestimmten Transmittermolekülen freizusetzen und auf diese Weise die gewünschte neuronale Wirkung hervorzurufen.
Die bindende Rolle in der Interaktion zwischen Welt 1 und Welt 2 spielen Dendronen und Psychonen. Auf eine wunderbare Weise ist jedes Dendron mit seinem Psychon verbunden. Zusammen bilden sie eine materiell-geistige Einheit, die je nach dem Psychonen-Typ verschiedene fundamentale Erlebnisse in die Welt des Mentalen übermitteln kann. Ein Psychon umfasst sein ganzes Dendron und alle Exozytosen, die sich aufgrund der eingehenden Impulse ereignen, werden vom Psychon registriert und auf diese Weise „erfahren“, weil Psychonen die Erfahrungen von Welt 2 sind. Manche Psychonen sind vermutlich nur mit den anderen Psychonen verbunden, die können also unabhängig von Welt 1 existieren. Natürlich bleiben sie ein theoretisches Konstrukt, da die Welt des Mentalen mit keinen naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden kann. Sie kann nur erfahren werden oder auch indirekt, durch Aussagen von Personen, einigermaßen untersucht werden (dabei muss noch beachtet werden, dass die Aussagen, auf denen die Untersuchungen basieren, wahr sein müssen). Eccles postuliert die Grundbausteine des Mentalen, da er auf diese Weise die funktionellen Grundeinheiten der Hirnrinde (Dendronen) mit der Welt 2 sinnvoll verknüpfen will. Wenn das Bewusstsein im Prozess der Evolution entstanden ist, dann musste auch etwas im Gehirn der Säuger entstanden sein, das die Wechselwirkung zwischen Welt 1 und Welt 2 ermöglicht hat. Nach Eccles waren es nämlich Dendronen, die mit ihrer Vielzahl von Synapsen die Interaktion mit Psychonen möglich machten. Die Vermutung, dass Dendronen materielle Einheiten darstellen, die für Wahrnehmungen zuständig sind, ließ Eccles entsprechende mentale Einheiten postulieren, die mit den Dendronen gekoppelt sind. Ob dieses Konstrukt für die Theorie notwendig ist und ob sie damit nur noch unnötig komplizierter wird, ist eine berechtigte Frage. Man hätte nämlich auch nur mit dem Begriff des Geistes auskommen können, wie es in der Liaison-Hirn-Theorie der Fall war. Der Versuch von Eccles bestand darin, dass er auch die Vielfalt, die Einzigartigkeit und die Einheit der bewussten Erfahrung zu erklären versuchte.
Der wichtigste Punkt ist und bleibt der folgende: Es konnte gezeigt werden, wie mentale Absichten auf die Gehirntätigkeit Einfluss ausüben könnten, ohne dabei die Erhaltungsgesetze der Physik zu verletzen. In diesem Sinne kann die quantenmechanische Theorie der Wechselwirkung als ein hervorragender Beitrag zur Lösung des Geist-Gehirn-Problems bezeichnet werden.
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2.4 Kritische Bemerkungen zu den beiden Theorien von Eccles
Nachdem wir die Aussagen der beiden Theorien kennen gelernt haben, können wir nun auch einige Aspekte kritisch betrachten. Meiner Meinung nach gibt es Behauptungen von Eccles, die nicht so offensichtlich sind, wie er sie darstellt.
1) Der Beweis der mentalen Einwirkung auf Hirnereignisse bedeutet noch lange keine ontologische Verschiedenheit von Geist und Gehirn. Es ist ja nur eine Interpretation. Beim Denken wird eine erhöhte Durchblutung an bestimmten Hirnregionen gemessen, doch daraus wissen wir nur, dass bestimmte Bereiche für bestimmte mentale Funktionen im Gehirn zuständig sind. Ein Identitätstheoretiker könnte mit dieser Tatsache genauso gut seine Behauptungen stützen. Er würde es in die andere Richtung drehen und behaupten, dass die neuronale Aktivität das Denken hervorruft oder besser gesagt, dass die Vorgänge im Gehirn mit dem Prozess des Denkens identisch sind. Natürlich interpretiert Eccles diese Experimente auf seine dualistische Weise, weil er für seine Theorie handfeste Beweise braucht. Doch letztendlich kann man die Resultate der Untersuchungen mit jeder beliebigen Theorie über Leib-Seele-Problem in Einklang bringen.
2) Die Kommunikation des selbstbewussten Geistes ausschließlich mit der dominanten Hemisphäre ist ziemlich eigenartig. Aus welchem Grund sind die Moduln der subdominanten Hemisphäre gegenüber der Welt 2 geschlossen? In der Sprache der quantenmechanischen Theorie heißt es, dass es dem Geist unmöglich ist, die Wahrscheinlichkeiten der Exozytosen in den Synapsen der rechten Hemisphäre zu erhöhen. Nach der Kommissurotomie bekommt der selbstbewusste Geist gar nichts von der Aktivitäten der rechten Hirnhälfte mit. Das bedeutet, dass es keine Übertragung von der Welt 1 in die Welt 2 stattfindet. Aus diesem Grund muss man annehmen, dass nur die Dendronen der dominanten Hemisphäre mit den Psychonen verbunden sind. Bei einem gesunden Gehirn müssen also Signale der rechten Hemisphäre in die linke über das Corpus callosum übermittelt werden, die anschließend über Dendronen zu Psychonen gelangen. Um den linken Arm zu heben, müssen bestimmte neuronale Kreise in der dominanten Hemisphäre aktiviert werden, die das Signal an die rechte Hemisphäre zu den Hirnbereichen, die die Bewegung des linken Armes veranlassen, weiterleiten. Um der Bewegung bewusst zu werden, muss eine Rückmeldung von der rechten Hirnhälfte kommen, die anschließend in die mentale Welt überliefert wird. Aus welchen Merkmalen kann man erkennen, ob ein Modul/Dendron „offen“ oder „geschlossen“ ist? Wenn es keine anatomischen Verschiedenheiten zwischen diesen Grundbausteinen des Gehirns in den beiden Hirnhälften gibt, dann muss sich die Eigenschaft des Offenseins auf der mentalen Seite befinden. Irgendwie muss doch der Zugang zu einigen Moduln/Dendronen für den Geist gesperrt werden. Kann man einen materiellen Unterschied im Aufbau oder in der Funktionalität der offenen und der geschlossenen Moduln feststellen?
3) Sehr kritisch wird es bei Bewusstlosigkeit. Im tiefen Schlaf haben wir keine Träume, die Gehirnvorgänge sind eher ungeordnet und chaotisch. In diesem Zustand scheinen alle gegenüber der Welt 2 offenen Stellen geschlossen zu sein. Der selbstbewusste Geist kann nichts herauslesen und deswegen auch nichts erleben. Er ist sich nicht bewusst, dass er überhaupt existiert. Das Bewusstsein scheint von der geordneten Hirnaktivität abhängig zu sein. Der Mechanismus der Öffnung/Schießung der Moduln ist nach wie vor unklar. Während des paradoxen Schlafes träumen wir und erleben etwas. Der Geist ist seiner selbst wieder bewusst. Man kann denken und handeln.
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Wenn die mentale Welt unabhängig von der materiellen Welt existieren kann, wie es Eccles behauptet, wieso kann dann der selbstbewusste Geist während des Tiefschlafes nichts erleben? Wieso kann er nicht wenigstens denken? Wenn es einige Psychonen gibt, die nur mit den anderen Psychonen in Verbindung stehen, dann müssten doch einige Erlebnisse vorhanden sein? Die mentale Welt ist anscheinend von der geordneten neuronalen Aktivität abhängig. Wenn das Denken Wörter erfordert, die offensichtlich irgendwo im Gehirn abgespeichert sind, dann kann man noch verstehen, wieso diese Tätigkeit dem Geist während des Tiefschlafes nicht möglich ist. Doch wenn Psychonen Erlebnisse an sich sind, warum kann der Geist nichts erleben? Man kann natürlich annehmen, dass der Geist sich während seiner Gebundenheit an das Gehirn in so einem Modus befindet, dass er ohne festgelegte Gehirnaktivitäten nichts erleben darf. Dafür brauchen wir aber noch eine zusätzliche Ontologie, die Beschreibungen liefern würde, wieso die Erlebnisse an sich manchmal nicht erlebt werden. Wir können uns jeden möglichen komplizierten Aufbau des Geistes ausdenken, ohne jene Möglichkeit, ihn zu überprüfen oder wenigstens zu erfahren. Die mentale Welt erlebt etwas nur auf der Basis geordneter Hirnaktivität.
4) Die Übertragung eines Signals aus der materiellen in die mentale Welt stellt auch ein Problem dar. Die von Eccles vorgeschlagene Hypothese erklärt wenig. Wenn der Geist z.B. eine motorische Tätigkeit veranlassen will, dann ändert er die Wahrscheinlichkeit der Exozytose in Synapsen bestimmter Dendronen. Wenn aber ein Reizsignal ein bestimmtes Neuron erreicht, wie veranlasst der Geist, dass es von ihm „gefühlt“ wird? Eccles sagt, dass jede Exozytose als „Erfolg“ dem Geist mitgeteilt wird. Da die Wahrnehmung von gerichteter Aufmerksamkeit abhängt, muss die Exozytose, die „Erfolg“ melden soll, auch vom selbstbewussten Geist veranlasst werden. Es heißt also, man kann nur dann ein Sinnesreiz wahrnehmen, wenn man es gezielt möchte. Wenn der Geist etwas von der Welt 1 erfahren will, muss er ständig die Wahrscheinlichkeiten der Exozytosen in bestimmten Synapsen erhöhen. Ist es tatsächlich so? Wenn wir z.B. einen lauten Knall unerwartet hören, haben wir ihn doch nicht erwartet und können uns sogar erschrecken. Bedeutet diese Tatsache, dass Wahrscheinlichkeiten der Exozytose bei einigen Synapsen vom Geist während des Wachseins immer 100% betragen? Wie kann man sich die Übertragung vom Materiellen ins Mentale vorstellen?
5) Der postulierte Zusammenhang zwischen Dendronen und Psychonen ist rein spekulativer Natur. Wie ist es Psychonen möglich, sich an die materiellen Dendronen zu „klammern“ und etwas von der Welt 1 zu erfahren? Da das Wahrscheinlichkeitsfeld nicht materiell ist, ist es noch verständlich, wie eine Exozytose veranlasst wird. Doch wie wird der „Erfolg“ eines materiellen Vorgangs der Exozytose vom Geist registriert? Dafür braucht man ein neues theoretisches Konstrukt, also praktisch noch ein nicht-materielles Feld, ein Ergebnisfeld, das vom Geist abgelesen werden könnte. Die Übertragung in die mentale Welt ist nach wie vor geheimnisvoll.
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3. Dualismus: Pro und Contra
3.1 Argumente für den Dualismus
In diesem Abschnitt möchte ich einige Argumente, die meiner Ansicht nach sehr gut den Dualismus stützen, vorbringen. Natürlich können diese Gedankenexperimente nur dann ernst genommen werden, wenn man die Erfahrungen aus der Ersten-Person-Perspektive nicht bestreitet. Falls man doch alle phänomenale Gehalte als unwissenschaftlich einstuft, dann braucht man gar nicht weiter zu lesen. Denn alle Argumente beinhalten die unmittelbare Gegebenheit des Bewusstseins, das als Grundvoraussetzung der Erkenntnis gelten soll. Man muss doch zugeben, dass keine Theorie ohne ihren Urheber, das Ich, entstehen kann. Um argumentieren zu können, muss man zuvor die Idee oder den Sinn der jeweiligen Aussage verstehen können, was ohne eine bewusste Erfahrung nicht vorzustellen ist. Das Argument des Chinesischen Zimmers von John Searle, wie wir später sehen werden, demonstriert deutlich, dass kein physikalisches funktionales System, egal wie komplex es ist, zu der phänomenalen Ebene gelangen kann, auf der es sich zu erfahren und etwas zu verstehen beginnt. Wissen ist in erster Linie eigenes phänomenales Wissen. Ich weiß wie es ist, ich zu sein und rote Farbe zu sehen. Erst auf der Basis dieses Wissens ist das theoretische Wissen, das uns die Naturwissenschaft liefert, möglich. Die physikalische Beschreibung reicht nicht aus, um das Wissen über „wie es ist, etwas zu sehen, zu fühlen, zu denken“ zu liefern. Darum geht es im Argument des unvollständigen Wissens. Weiterhin werden die Einheitlichkeit des Bewusstseins und die Einzigartigkeit jeder menschlichen Person betrachtet, die bis jetzt durch keine naturwissenschaftliche Theorie hinreichend erklärt werden konnten. Außerdem werden Argumente für die Freiheit des Denkens vorgelegt. Anschließend versuche ich zu zeigen, dass die Welt 3 die entscheidende Rolle im Leben des Menschen spielt.
3.1.1 Das Argument des unvollständigen Wissens 6
Der Kerngedanke dieses Arguments besteht darin, dass physikalische Beschreibungen der Gehirnvorgänge uns keine Informationen über den phänomenalen Gehalt, der mit diesen Vorgängen verknüpft ist oder aus diesen hervorgeht, liefern können. Es scheint unmöglich, von der physikalischen Beschreibung aus der Dritten-Person-Perspektive auf die phänomenalen Erfahrungen der Ersten-Person-Perspektive zu schließen. Man kann feststellen, dass jemand etwas denkt oder fühlt, aber was genau derjenige denkt oder fühlt, bleibt ungewiss. Die Physik kann keine Erklärung liefern, wie es für mich ist, jetzt und hier diesen Schmerz zu haben. Eine objektive Beschreibung der Welt enthält keine subjektiven Erfahrungen. Gibt es noch Platz für Subjekte in der Welt, die vollständig physikalisch ist? Oder müssen Subjekte auf Objekte reduzierbar sein? Phänomenale Erfahrungen und phänomenales Wissen sind einzigartig und privat, sie können mit den naturwissenschaftlichen Methoden nicht untersucht, überprüft und beschrieben werden. Die einzige Möglichkeit, etwas von der inneren Welt des andern Menschen zu erfahren, besteht in der Mitteilung. Und weil wir selbst denkende und fühlende Wesen sind, können wir die phänomenalen Erfahrungen des Anderen mit unseren eigenen Erfahrungen vergleichen. Nur so kann die Erste-Person-Perspektive der anderen Menschen untersucht werden.
6 Das Argument wurde von Thomas Nagel (1993) formuliert.
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Die Unvollständigkeit des Wissens soll mit dem folgenden Beispiel demonstriert werden. Nehmen wir an, ein Mensch, der taub geboren wurde, der also noch nie in seinem Leben ein Geräusch gehört hat, hat mit Hilfe der Fachliteratur alles über Musik gelernt. Er weiß alles über Töne, er weiß, wie Noten aufgeschrieben werden, also er kennt sich bestens in der Mu-siktheorie aus. Außerdem weiß er alles über physikalische Vorgänge, die sich während der Musikwiedergabe ereignen. Er kennt sogar Schwingungsfrequenzen aller Töne. Nun stellen wir uns vor, eine medizinische Operation ermöglicht ihm das Hören. Ab diesem Zeitpunkt weiß dieser Mensch, wie es ist, Musik zu hören. Er hat offensichtlich etwas Neues dazu gelernt. Das phänomenale Wissen über Musik war ihm bis zu dem „magischen“ Zeitpunkt nicht zugänglich, obwohl er durch die physikalischen und musiktheoretischen Beschreibungen alles über dieses Phänomen gewusst hat, aber eben aus der Dritten-Person-Perspektive. Aus der Ersten-Person-Perspektive hat er über Musik nichts gewusst. Daher kann die Behauptung aufgestellt werden, dass von einem physikalischen Wissen nicht auf ein phänomenales Wissen geschlossen werden kann. Musik übermittelt Gefühle, sie schafft Atmosphäre. Man kann sie analysieren und mittels Noten aufschreiben. Aber diese Beschreibung kann nie ein Wissen über die phänomenale Erfahrung der Musik liefern. Thomas Zoglauer hat diesen Gedanken sehr schön zusammengefasst:
„Das Argument des unvollständigen Wissens zeigt eine prinzipielle Grenze unserer Erkenntnisfähigkeit auf. Wir mögen mit Hilfe der Naturwissenschaft vieles erklären können: den Aufbau der Materie, die Entstehung des Lebens, vielleicht auch die Entstehung des Universums, aber wir werden wohl niemals verstehen können, wie unser eigener Geist funktioniert. Wir können nicht das erklären, was als Bedingung dieses Unternehmens von Anfang an als gegeben und unhinterfragbar vorausgesetzt wurde, nämlich unser eigenes Bewußtsein. Bei jeder dieser Bemühungen entsteht eine fatale Selbstbezüglichkeit. Aus der Logik wissen wir, daß solche Selbstbezüglichkeiten stets in einer Antinomie enden. Das Rätsel des Bewußtseins ist daher wie ein blinder Fleck, der in der Erkenntnis des Menschen eine Lücke hinterläßt“ (Zoglauer, 1998, S. 188).
Die phänomenale Welt des Bewusstseins (Welt 2) kann nicht mit den Formeln der Physik beschrieben werden. Daher ist eine vollständige physikalische Beschreibung des Universums unmöglich. Wenn der Materialismus das Bewusstsein als Scheinproblem darstellt, dann eliminiert er sich selbst, denn ohne Bewusstsein gibt es gar keine Theorien, es gibt überhaupt nichts mehr.
3.1.2 Das Argument des Chinesischen Zimmers
John Searle stellte 1980 ein Gedankenexperiment vor, das die funktionalistische Theorien des Bewusstseins absurd erscheinen ließ. Der Funktionalismus behauptet, dass das menschliche Gehirn analog zu einem Computer verstanden werden soll. Neuronen können dabei als Hardware und ihre Verschaltungen und ihre Kommunikation miteinender als Software gesehen werden. Searle zeigt, dass diese Auffassung falsch ist. Computer sind komplexe Maschinen, die strenge Anweisungen (Programme) verfolgen, etwas ausrechnen und Resultate liefern. Aber sie können lediglich nicht verstehen, was sie da eigentlich tun. Es ist durchaus vorstellbar, dass ein Computerprogramm vollständig die chinesische Sprache simulieren kann, sodass man den Eindruck bekommt, man unterhalte sich mit einem Menschen, der Chinesisch kann. Aber diese Tatsache bedeutet noch lange nicht, dass der Computer wirklich Chinesisch versteht.
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Das Argument sieht folgendermaßen aus. Stellen wir uns vor, ein Mann, der kein Wort Chinesisch versteht, sitzt in einem verschlossenen Zimmer. In dieses Zimmer werden von Zeit zu Zeit Zetteln mit chinesischen Schriftsymbolen hineingeschoben. Im Zimmer befinden sich viele Körbe mit Karten chinesischer Schriftzeichen. Der Mann kann nur Deutsch und zum Glück befindet sich in diesem Zimmer auch ein Buch in deutscher Sprache, der klare Anweisungen in folgender Form enthält: „Nimm ein Kritzel-Kratzel-Zeichen aus Korb 1 und lege es neben ein Schnörkel-Schnarkel-Zeichen aus Korb 2“ (Searle 1986, S. 31). Mit Hilfe dieser Regeln kann der Mann auf alle Fragen, die ihm eingereicht werden, antworten, ohne dabei zu verstehen, was gefragt wird und was geantwortet wird. Von Außen sieht es aber so aus, als ob sich irgendjemand im Zimmer befindet, der wirklich Chinesisch versteht. Searle hat somit eine Analogie zum Computer aufgebaut: Das Zimmer stellt die Hardware dar, die Körbe sind Speichereinheiten, das Buch ist das Programm und der Mann ist der Pro-zessor. Obwohl er alle Regeln der chinesischen Grammatik befolgt und richtig auf alle Fragen antwortet, versteht er nach wie vor kein Wort Chinesisch. Searle zeigt damit, dass ein Computer nur eine Syntax, aber keine Semantik besitzen kann. Ja sogar eine Syntax besitzt ein Computer nicht. Diese wird mittels Programme ermöglicht. Alle Programme lassen sich auf simple Folgen von Nullen und Einsen zurückführen. Ein Prozessor arbeitet ausschließlich auf der Basis binärer Mathematik, die mittels einfacher flip-flop-Schalter realisiert ist. Das Einzige, was ein Computer kann, ist entweder schalten oder nicht schalten. Nirgendwo in diesem Prozess kann ein Verstehen entstehen, weil das Verstehen Bewusstsein voraussetzt. Hier möchte ich eine Behauptung wagen, dass Verstehen eng mit dem Phänomenalen zusammenhängt. Etwas zu verstehen heißt, den Sachverhalt aus der Ersten-Person-Perspektive zu erkennen. Die Bedeutung eines Wortes können wir nur dann verstehen, wenn wir eine phänomenale Erfahrung von dieser Bedeutung haben. Natürlich können die Bedeutungen vieler Wörter durch die Benutzung uns schon bekannter Wörter erklärt werden. Es gibt aber auch fundamentale semantische Inhalte wie beim Wort „grün“, die durch andere Wörter nicht beschrieben werden können. Sie müssen erfahren werden. Ein Kind lernt seine Muttersprache, indem es phänomenale Gehalte seines Bewusstsein analysiert. Die Bedeutung des Wortes „heiß“ wird ihm erst im dem Augenblick klar, als es die Hitze eines Gegenstandes fühlt. Ab diesem Moment besitzt es die phänomenale Erfahrung der Hitze und erst jetzt versteht es, was das Wort „heiß“ bedeutet. Nur die Erste-Person-Perspektive ermöglicht das Erkennen und das Verstehen von fundamentalen phänomenalen Gehalten, weil diese Gehalte aus dieser Perspektive uns unmittelbar gegeben sind. Wir sind in der Lage, phänomenale Zustände zu vergleichen und zu urteilen, ob wir so einen ähnlichen Zustand schon hatten oder nicht. Wir können einer komplett neuen Erfahrung ein neues Wort zuweisen, das diese Erfahrung bezeichnen soll. Eine Sprache ist eigentlich ein Mittel, das das Beschreiben und das Festhalten von phänomenalen Inhalten ermöglicht. Wörter sind Zeichen, wie es schon Augustinus zu seiner Zeit erkannt hat. Die Sachen selbst, die mit Hilfe der Wörter bezeichnet werden, sind eben phänomenale Inhalte des Bewusstseins. Nur derjenige, der Bewusstsein hat, kann etwas verstehen, nur so kann demjenigen etwas bewusst werden.
Denken ist keine bloße Manipulation von Zeichen, wie es funktionalistische Theorien behaupten, Denken ist eine Manipulation von phänomenalen/mentalen Gehalten, die Bedeutungen haben.
Klaus Fischer weist auf einen Grundirrtum der Maschinentheorie des Bewusstseins hin: „Für den Computer sind alle Ebenen außer ersten, physikalischen, irrelevant. In seinen Schaltkreisen gibt es keine Logik, keine Symbole und keine Bedeutungen, sondern nur elektronische Bauteile und elektrische Ströme. Der Prozessor weiß ebenso wenig, was er tut, wie eine alte mechanische Rechenmaschine mit ihren Hebeln, Rädern und Kurbeln wußte, daß sie Zahlen addiert. Daran würde sich auch
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nichts ändern, wenn man den Rechner mit einer Kamera koppeln und ihn beweglich machen würde. Er würde die Bedeutungen der in seinen Schaltkreisen entstehenden physikalischen Strukturen genausowenig kennen, wie ein Bilderlexikon die Bedeutungen der in ihm aufgelisteten Worte kennt - obwohl neben jedem Wort eine Darstellung oder ein Foto des abgebildeten Gegenstandes platziert ist. Der sehende und bewegliche Roboter ist sozusagen ein digitalisiertes Bilderlexikon auf Rädern: er hätte noch immer keine interne Semantik, obwohl er, wenn er perfekt konstruiert ist, wie die Spielautomaten der Brüder Jaquet-Droz oder wie das Chinesische Zimmer von John Searle vielleicht so agieren könnte, als hätte er eine. Nur vom Standpunkt des äußeren Betrachters, der die Abbildungsfunktion der physikalischen Prozesse im Rechner auf die Syntax seiner Programme und auf ihre intendierten Bedeutungen kennt, verfügt dieser über semantische Modelle der Außenwelt“ (Fischer, 2003, S. 45-46).
Computer simulieren eben verschiedene Sachverhalte, die ihnen an sich unzugänglich sind. Erst durch einen Beobachter, durch einen Interpreten werden die vom Computer dargestellten Informationen gedeutet. Erst dann werden ihnen semantische Inhalte zugeschrieben. Bedeutungen gibt es nur im Bewusstsein. Computer stellen schöne Bilder am Bildschirm dar, aber sie haben keine phänomenalen Erfahrungen von diesen Bildern. Der Mensch, der den Bildschirm anschaut, hat diese Erfahrung. Es ist nach wie vor völlig unverständlich, wie ein Computer von der physikalischen zu der phänomenalen Ebene gelangen könnte. Es ist nach wie vor unklar, wie aus bestimmten physikalischen Funktionen im Gehirn ein „Ich“ entstehen kann, das fühlt, denkt, meint, Wünsche und Vorstellungen hat, Behauptungen aufstellt und Urteile bildet. Das „Ich“, das im Denken nicht nur seine Körpergrenzen, sondern auch Raum und Zeit überschreitet.
Sich zu erfahren, ist ein phänomenales Wissen aus der Ersten-Person-Perspektive, das nicht mit dem Wissen aus der Dritten-Person-Perspektive gleichzusetzen ist. Wenn ein Computer 2 + 3 = 5 rechnet, dann hat er weder eine Vorstellung von „2“ noch eine Vorstellung von „3“. Genauso weinig kennt er die Bedeutung von „+“ und „=“. Obwohl sowohl ein Computer als auch ein Mensch im diesem Fall zu dem gleichen Ergebnis kommen, waren es zwei ganz verschiedene Vorgänge: einerseits eine vom Programm festgelegte Prozessoraktion, andererseits eine mentale Leistung voll Bedeutungen und mit der unmittelbaren Gewissheit, dass ich derjenige bin, der rechnet. Daher ist es nur schwer vorstellbar, wie Bewusstsein funktionell realisiert werden kann.
3.1.3 Die rätselhafte Einheit des Bewusstseins und die Einzigartigkeit der Person
Wenn das Bewusstsein aus der Gehirntätigkeit hervorgeht, dann müsste doch irgendwo im Gehirn ein Zentrum existieren, in dem alle Sinnesreize zusammenlaufen und auf diese Weise ein komplettes Bild der Erfahrung herstellen. Aber so ein Zentrum konnte die Hirnforschung bis jetzt nicht ausfindig machen. Sinnesreize werden in verschiedenen Bereichen des Hirns verarbeitet, aber nicht weitergeleitet. Visuelle Informationen werden in einem Bereich, akustische Informationen in einem anderen Bereich, olfaktorische Informationen wiederum in einem anderen Bereich verarbeitet. Doch trotzdem haben wir eine einheitliche Erfahrung von der Welt. Es existiert keine Stelle im Gehirn, die mit dem „Ich“ identifiziert werden könnte. Es sei denn, das Ich wäre mit dem ganzen Gehirn identisch. Wenn es aber so ist, wieso sind viele Hirnvorgänge uns unbewusst? Warum sind wir manchmal bewusstlos? Ist das Ich mit der entsprechenden geordneten Hirntätigkeit identisch? Wie entsteht es? Wie schon erwähnt worden ist, können mentale Ereignisse Gehirnvorgänge beeinflussen, seien es Tätigkeiten wie im Kopf rechnen, sich eine Vorstellung machen oder sich auf etwas
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aufmerksam machen. Obwohl in diesen Fällen jeweils verschiedene Bereiche des Hirns aktiv sind, bleibt es immer das selbe Ich, das rechnet, sich etwas vorstellt oder seine Aufmerksamkeit auf etwas richtet. Eccles sagt dazu folgendes:
„Die kortikalen Leistungen bei Aufmerksamkeit und Denken führen zu einer unerwarteten Antwort: Bewußtsein wird dort im Gehirn erfahren, wo man es durch Aufmerksamkeit erweckt, die auf ausgewählte Bereiche der Hirnrinde wirkt und sie erregt“ (Eccles, 1996, S. 225). Das heißt, Bewusstsein geht aus keinem Hirnvorgang hervor, es wird sich selbst bewusst, indem es durch Aufmerksamkeit auf bestimmte Hirnbereiche wirkt. Das Ich ist scheinbar ein Sammler, das Informationen aus dem ganzen Gehirn herausliest und diese zu der einheitlichen Erfahrung zusammensetzt. Man könnte sogar das Zusammensetzen weglassen, wahrscheinlich genügt schon die Aufmerksamkeit. Da die Natur des Selbst einheitlich ist, werden alle Informationen, sobald sie vom Ich abgelesen werden, zum Eigentum der einheitlichen Erfahrung.
Die andere Problematik besteht darin, dass obwohl wir uns unser ganzes Leben lang verändern, unsere Identität dieselbe bleibt. Der Körper eines Menschen ändert sich ständig, inklusive Gehirn. Das menschliche Gehirn ist ein plastisches, dynamisches Netzwerk von Neuronen, das ständig modifiziert wird. Täglich lernen wir etwas Neues. Das können sowohl körperliche als auch mentale Tätigkeiten sein. Wir lesen Zeitungen und Bücher, schauen TV-Nachrichten an, hören Mitmenschen zu, verstehen etwas und vergessen etwas. Wir ändern unsere Meinungen, Ansichten, unsere Weltanschauung. Alles ändert sich, nur das Eine bleibt immer gleich: unser Selbst. Wir sind von der Geburt an bis zum Tode dieselbe Person, dasselbe Ich. Eccles sieht nur eine einzige Möglichkeit, diese fortdauernde Identität zu erklären: „Da materialistische Lösungen darin versagen, unsere erfahrene Einzigartigkeit zu erklären, bin ich gezwungen, die Einzigartigkeit des Selbst oder der Seele auf eine übernatürliche, spirituelle Schöpfung zurückzuführen. Es ist die Gewißheit des inneren Kerns einer einzigartigen Individualität, die keine andere Lösung als eine „göttliche Schöpfung“ zuläßt. Ich gestehe ein, daß keine andere Erklärung haltbar ist; weder die genetische Einzigartigkeit mit ihrer phantastischen und unmöglichen Lotterie noch abweichende Umwelten, anhand derer unsere Einzigartigkeit nicht bestimmt, sonder nur modifiziert wird“ (Eccles, 1996, S. 261-262).
Mit der Lotterie meint Eccles eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit seiner eigenen Einzigartigkeit. Die Wahrscheinlichkeit der genetischen Zusammensetzung, die das Gehirn von Eccles geschaffen hat, beträgt nämlich 1 zu 10 10000 (Vgl. Eccles, 1985, S. 225). Nach Eccles spricht dies eindeutig gegen seine Existenz. Aus diesem Grund lehnt er die Theorie, dass die Einzigartigkeit der menschlichen Psyche in der Einmaligkeit der genetischen Zusammensetzung besteht, ab. Hier muss man erwähnen, dass eine nachträgliche Wahrscheinlichkeit nichts mit der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit zu tun hat. Für mich ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich für die nächste Lottoziehung 6 richtige Zahlen errate. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeine Zahlenfolge gezogen wird ist gleich 1. Später kann dieser Zahlenfolge ihre Einzigartigkeit zugeschrieben werden, die wahrscheinlich in den nächsten 50 Jahren nicht wieder vorkommt. Genauso ist es bei Eccles. Seine Einzigartigkeit ist nachträglich von ihm selbst festgestellt worden. Vor seiner Geburt war es nämlich sehr wahrscheinlich, dass ein einzigartiger Mensch geboren wird, dessen genetische Zusammensetzung keinem von lebenden und je gelebten Menschen gleich ist. Erst nach der Geburt von J.C. Eccles kann man mit Sicherheit sagen, dass mit der Wahrscheinlichkeit 1 zu 10 10000 noch ein Kind geboren wird, das die gleiche genetische Erbanlage wie Eccles hat. Somit spricht nichts gegen die Existenz von Eccles, sondern Vieles spricht dagegen, dass sein einmaliges genetisches Erbgut wiederholt wird.
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Entscheidend ist die Feststellung, dass die Einzigartigkeit der Psyche doch nicht auf der einmaligen Erbanlage gründet. Trotzt der genetischen Identität von eineiigen Zwillingen sind es zwei verschiedene Persönlichkeiten. Obwohl sie meistens auch in gleichen Umweltbedingungen aufwachsen, besitzen sie verschiedene Charakterzüge und definitiv verschiedene Erfahrungen von sich selbst. Sie haben verschiedene Meinungen, Ansichten und Wünsche. Daher kann ihre jeweilige einmalige Identität nicht durch genetisches Erbgut oder durch die Einflusse der Umwelt begründet werden. Sonst wären sie eine Person mit zwei Körpern. Eccles glaubt, dass die einzigartige Seele irgendwann zwischen Befruchtung und Geburt vom Gott dem Fötus verliehen wird. Natürlich ist diese Hypothese rein spekulativ und nicht überprüfbar, aber Eccles sieht keine alternative Erklärung, die die Einheit des Bewusstseins und die Einmaligkeit der menschlichen Person untermauern würde.
3.1.4 Die Freiheit des Denkens
Die Freiheit des Denkens ist etwas Rätselhaftes. Wie ist diese Freiheit im Rahmen der Gesetze der Physik überhaupt denkbar? Man muss klar unterscheiden, dass es sich hier nicht um die Willensfreiheit handelt. Unser Handeln und unsere Entscheidungen sind im gewissen Sinne begrenzt. Wenn wir uns entscheiden, so oder so zu handeln, dann haben wir meistens eine endliche Auswahl von Alternativen. Diese Auswahl ist erstens tatsächlich durch die Naturgesetze und zweitens durch die jeweilige Lebenssituation begrenzt. Aber im Denken gibt es keine Grenzen! Alles ist denkbar. Wie kann diese wunderbare Gegebenheit des Menschen im materiellen Gehirn realisiert sein?
Wenn man Denken als Informationsfluss zwischen Neuronen definiert, dann gibt es zwar eine unüberschaubare Vielzahl von möglichen Kombinationen von solchen neuronalen Aktivitätsmustern, aber im Prinzip ist diese Anzahl endlich und somit begrenzt. Dies widerspricht aber dem Begriff der Freiheit. Frei zu sein im absoluten Sinne, bedeutet durch nichts beschränkt zu sein. Wie könnte der Gedanke der Freiheit noch Sinn haben, wenn Denken nicht frei wäre? Wie ich schon erwähnt habe, ist Denken kein bloßes Manipulieren von Symbolen, sondern ein Erwägen von Bedeutungen. Diese Bedeutungsebene ist nicht in den Symbolen der Sprache oder in den neuronalen Aktivitätsmustern enthalten. Sie ist ein Teil der Welt 3. Wenn wir denken, dann machen wir Gebrauch von den Gegenständen und den Zusammenhängen dieser Welt. Falls jemand plötzlich eine Idee hat, dann ist sie noch nicht in Symbolen der Sprache formuliert. Der Sinn der Idee ist schon da, aber erst mit dem Erwägen oder mit der Mitteilung wird diese Idee in Wörter oder sonstige Zeichen übersetzt. Dies können wir merken, wenn wir ein Gespräch führen. Bevor wir etwas zu sagen beginnen, wissen wir was wir sagen werden, aber wissen noch nicht, wie wir es sagen werden. Die Gedanken werden in Worte und Sätze unmittelbar vor dem Aussprechen formuliert. Wenn der propositionale Gehalt des Gedankens in mehreren Sätzen ausgedruckt wird, dann wissen wir selbst noch nicht, wie der nächste Satz von uns konstruiert wird, während wir den aktuellen aussprechen. Denken ist das, was formuliert, manipuliert und Bedeutungen kennt. Es ist keine Funktion, es definiert Funktionen. Wäre es durch Funktionen im Gehirn realisiert, dann müssten alle Funktionen Sinn haben. Wie ist es zu erklären, wenn auf die Frage „Wie spät ist es?“ man mit dem Satz „Der Mond ist rot“ antwortet? Im Sinne des Funktionalismus müsste irgendeine Funktion im Gehirn fehlerhaft sein. Die Antwort auf die Frage ist nicht nur falsch, sondern überhaupt sinnlos. Oder es müssten einige Funktionen existieren, die gezielt falsche oder sinnlose Outputs liefern. Aber wie sollen diese Funktionen definiert sein? Keine Funktion kann feststellen,
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ob die eingegangene Information Sinn hat oder nicht. Eine Funktion stellt überhaupt nichts fest, sie empfängt Information, verarbeitet sie nach den festgelegten Regeln und gibt sie wieder zurück. Etwas festgestellt wird nur von Menschen. Andererseits muss noch irgendwie definiert werden, wann und unter welchen Umständen die eingehende Information mit den „richtigen“ Funktionen bearbeitet wird, und wann und in welchen Fällen mit den „falschen“. Hier ist die Rede vom freien Willen, der diese Entscheidungen im menschlichen Leben trifft. Wie ist es überhaupt möglich, dass ich auf die Anforderung „Nennen Sie eine Zahl zwischen 1 und 10“ nicht nur mit einer Zahl aus diesem Bereich antworten kann, sondern auch mit einer Zahl aus dem beliebigen Bereich oder mit allem, was überhaupt denkbar ist. Ich kann sogar gar nichts antworten und schweigen. Und das nur aus einem einzigen Grund: weil ich es so will.
Die Freiheit des Denkens kann auf keinen Gesetzen beruhen, denn sonst wäre sie durch diese Gesetze beschränkt und somit nicht frei. Im Denken werden alle Grenzen durchbrochen, wir verlassen unser Universum und konstruieren in unserer Phantasie alle möglichen und unmöglichen Welten. Wir machen Zeitreisen, indem wir uns die Zukunft oder die Vergangenheit vorstellen. Wir spekulieren, was passiert wäre, wenn es so und so gewesen wäre, oder wir machen Prognosen, was passieren wird, wenn es jetzt so und so ist. Wir haben verschiedene Meinungen zu gleichen Gegebenheiten in der Welt, weil unsere Analysen vom freien Denken entworfen sind. Wenn Denken nicht frei wäre, dann könnten wir nur eine Meinung zu etwas haben. Sie wäre das Resultat der determinierten Analyse. Wir konnten den Sinn der anderen Meinungen zu derselben Sache nicht verstehen, weil uns dazu die entsprechenden Funktionen des Denkens fehlen würden. Um andere Meinungen zu verstehen, bräuchten wir eine Analyse der Analysen und diese müsste universell sein. Weder physikalische Vorgänge noch Funktionen irgendeiner Programmiersprache sind universell. Sie sind auf etwas Bestimmtes festgelegt. Denken ist frei, weil es universell ist, neue Probleme verstehen und lösen kann und prinzipiell nicht festgelegt oder vorhersagbar ist.
3.1.5 Der unüberwindbare Unterschied zwischen dem phänomenalen und dem theoretischen Wissen
Anhand der optischen Täuschungen kann man deutlich demonstrieren, dass wir manchmal visuelle Sachverhalte subjektiv so wahrnehmen, wie sie in objektiver Wirklichkeit gar nicht bestehen. Kurz gesagt: wir haben in solchen Fällen Illusionen.
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Das folgende Beispiel soll dies verdeutlichen (Bildquelle: Popper, 2005, S.92):
Die schrägverlaufende Linie AF in Abb. 1 wird im Punkt G halbiert, weil AB, CD und EF parallel sind und gleiche Abstände zueinander haben. Aus diesem Verhältnis entsteht die Gleichung AG = GF. Das alles kann mit Nachmessungen überprüft werden. Nun betrachten wir die Abb. 2. Wir wissen, dass AG = GF ist. Sieht es aber so aus? Jeder oder fast jeder würde zugeben, dass es so aussieht, als wäre AG > GF. In diesem Fall sehen wir, dass trotzt unseres theoretischen Wissens über die Gleichheit der AF und GF unser subjektives phänomenales Wissen zu dem theoretischen im Widerspruch steht. Wir können uns beim besten Willen nicht von dieser Täuschung lösen.
Mit dieser Tatsache argumentiert Popper gegen den radikalen Materialismus, der bewusste Erlebnisse bestreitet. Die Illusion kommt zustande, weil wir die Abb. 2 nicht mehr als 2dimensionales Bild, sondern als ein 3-dimensionales Bild wahrnehmen. Obwohl uns die In-formation vorliegt, dass AG = GF, können wir keine Korrekturen im phänomenalen Bild vornehmen. Theoretisches Wissen ist durch Beschreibungen gegeben und modifizierbar. Phänomenales Wissen ist unmittelbar gegeben und nicht modifizierbar. An diesem Beispiel werden diese zwei unterschiedlichen Arten vom Wissen deutlich. Man kann natürlich behaupten, dass das phänomenale Wissen kein Wissen, sondern nur eine Erscheinung sei. Es scheint mir nur so, als ob AG > GF, in Wirklichkeit sind aber diese beiden Abstände gleich. Aber man muss sich im Klaren sein, dass theoretisches Wissen nur auf der Basis des Phänomenalen möglich ist. Wenn ich die Abstände mit einem Linear nachmesse, dann handelt es sich auch um eine phänomenale Wahrnehmung. Es ist eine Beschaffenheit der Interpretation der visuellen In-formationen, dass alle Daten räumlich, d.h. in bezug auf die 3-Dimensionalität verarbeitet werden. Es ist die Frage, ob das räumliche Bild schon vom Gehirn oder erst durch das Ich aufgebaut wird. Eccles ist der Meinung, dass Tiefenwahrnehmung eine gelernte Reaktion ist, die in der Kindheit entwickelt wird und jahrelange Erfahrung voraussetzt (Vgl. Eccles, 1982, Kap.7). Seiner Ansicht nach ist es das selbstbewusste Ich, das aus der visuellen Daten immer ein sinnvolles Bild aufzubauen versucht. Aus der evolutionstheoretischer Sicht spielte das
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räumliche Wahrnehmen im Kampf ums Überleben eine entscheidende Rolle, sodass sich die Lebewesen, derer Gehirne auf solche Wahrnehmung spezialisiert waren, durchgesetzt haben. Wie auch beim Argument des unvollständigen Wissens kommen wir zu den Fazit: Theoretisches Wissen impliziert nicht phänomenales Wissen und phänomenales Wissen ist nicht auf das theoretische reduzierbar.
Ein anderes Beispiel demonstriert die Möglichkeiten der willkürlichen bewussten Wahrnehmung. Es hängt von der gerichteten Aufmerksamkeit ab, die in der Theorien von Eccles eine wichtige Rolle spielt. Betrachten wir nun die unten angegebene Figur (Bildquelle: Popper, 2005, S. 133).
Je nach Lust und Laune kann man entweder die ganze Figur, weißes Kreuz, schwarzes Kreuz oder ein beliebiges Dreieck betrachten. Die interessante Bemerkung ist, dass wir die beiden Kreuze nicht gleichzeitig sehen können. Versuchen wir das, so schaltet unsere Aufmerksamkeit hin und her, sodass wir entweder das weiße oder das schwarze Kreuz sehen. Dieser Wechsel kann sowohl willkürlich, als auch unwillkürlich stattfinden. Ich kann also prinzipiell entscheiden, was ich sehen will. Wechselt sich die Gestaltwahrnehmung unwillkürlich, so kann man daraus folgern, dass unsere Wahrnehmung von den Gehirnprozessen abhängig ist. Wir sind passive Betrachter und die Auswahl der Gestalt wird vom Gehirn getroffen. Wählen wir aber selbst aus, welches Kreuz wir sehen möchten, so kann daraus gefolgert werden, dass wir selbst es sind, die die Auswahl treffen. Natürlich bedeutet das nicht, dass das Selbst vom Gehirn substanziell verschieden ist, es macht aber die Tatsache offensichtlich, dass das Selbst durch die Aufmerksamkeit und den freien Willen auf die Gehirnprozesse einwirken kann.
3.1.6 Werte und die entscheidende Rolle der Welt 3
Das menschliche Leben ist stets von Werten begleitet. Jeder von uns besitzt eine Werteskala, mit der er alle Sachen und Ereignisse einschätzt. Werte sind die Grundlage unserer Entscheidungen. Wenn wir uns entscheiden, dies oder jenes zu tun, dann geschieht es im Rahmen der Erwägung von Werten. Diejenige Handlungsalternative, die für uns am wertvollsten ist, wird ausgewählt. Das Leben an sich besteht aus Werten und wenn sie aus irgendeinem Grund nicht mehr da sind, wenn sie durch irgendwelche Ereignisse einem Menschen beraubt werden, dann scheint diesem Menschen das Leben nicht nur wertlos, sondern auch sinnlos. Ein gutes Beispiel so einer Wertlosigkeit ist der Roman Jonny got his gun (dt.: Süss und ehrenvoll) von Dalton Trumbo. Die Geschichte handelt von einem jungen Mann, der freiwillig in den Ersten Weltkrieg zieht. Dort wird er von einer Granate getroffen, die ihn schwer ver-wundet. Seine Arme und Beine werden amputiert, sein Gesicht gibt es nicht mehr. Aber sein
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Gehirn ist in Ordnung. Er kann auch mit keinen Sinnesorganen, außer der Haut, etwas wahrnehmen. Die einzige Möglichkeit, die ihm bleibt, mit der Umwelt zu kommunizieren, ist das Kopfnicken. Per Morsecode bittet er damit, ihn zu töten. Wir können vermuten, dass Jonny allen Werten des menschlichen Lebens beraubt wurde. Er ist nicht frei, sich zu bewegen, er ist von jeglicher Kommunikation mit der Außenwelt ausgeschlossen. Es bleiben überhaupt keine Werte, die ihn am Leben halten könnten. Sein Leben ist sinnlos. Unglücklicherweise kann er es nicht selbst beenden.
Werte sind Gegenstände der Welt 3. Wie schon erwähnt wurde, sind diese Gegenstände Konstrukte des menschlichen Geistes. Einige Werte werden durch Erziehung in der Kindheit er-worben. Sie haben ihr Ursprung in der jeweiligen Kultur und Tradition. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, übernimmt er die meisten Werte, die in seinem gesellschaftlichen Umfeld gelten, denn sonst könnte er von dieser Gesellschaft ausgeschlossen werden. Aufgrund der kulturellen Evolution oder sogar Revolution können einige Werte an Bedeutung verlieren und es können neue Werte entstehen. Es ist eigentlich von keiner großen Relevanz, dass Werte sich verändern oder dass neue Werte entstehen, wichtig ist, dass das Leben eines Menschen von Werten bestimmt wird. Nehmen wir Freiheit als Beispiel. Während viele Philosophen sich mit der Frage beschäftigen, ob es Freiheit gibt oder nicht gibt und ob es nur eine Illusion ist, verloren unzählige Menschen im Verlauf der Geschichte ihr Leben im Kampf um die Freiheit. So hoch war sie eingeschätzt, so viel Wirkung hatte sie auf die Handlungen dieser Menschen, dass sie bereit waren, dafür zu sterben.
Wenn die Welt vollständig materiell ist, wo ist dann da noch Platz für Werte? Ja überhaupt für Gegenstände der Welt 3? Sogar materialistische Theorien sind abstrakte Konstrukte der Welt 3, für sie gibt es keinen Platz in der Welt 1. Die 3-Welten-Theorie von Popper liefert eine Beschreibung der Wirklichkeit, die wahrscheinlich am vollständigsten ist. Wenn wir alle Phänomene und Zusammenhänge im Universum verstehen wollen, dann müssen wir versuchen, solche Theorien zu entwickeln, die alle Aspekte des Seins beschreiben. Die Physik beschreibt mehr oder weniger erfolgreich die Welt 1, doch sie scheitert beim Versuch, Bewusstsein und seine abstrakte Konstrukte zu beschreiben. Wenn das Ich aus der Gehirntätigkeit hervorgeht, dann muss es auch materieller Natur sein. Aber beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass ich und meine Hirnprozesse das Gleiche sind. Wie und auf welche Weise kann uns die Physik die Beschreibung der Ersten-Person-Perspektive liefern? Wie kann diese Perspektive überhaupt entstehen? Die Physik kann sich selbst nicht beschreiben. Wie kann es dazu kommen, dass physikalische Gesetze Formeln von sich selbst aufstellen? Bewusstsein ist die Voraussetzung und die Quelle der Physik und nicht umgekehrt. Abstrakte Gegenstände der Welt 3 können nur von der Welt des Selbst erfasst oder konstruiert werden. Physikalische Beschreibungen sind nur für die Welt der Materie relevant, verlieren aber ihren Sinn, wenn es um die Welten 2 und 3 geht. Der Satz „Ich genieße den Sonnenuntergang“ ist in physikalischer Sprache sinnlos. Die vollständige Beschreibung der Gehirnvorgänge während dieses phänomenalen Zustandes würde weder „ich“ noch „genieße“ erklären. Genauso wenig „Sonnenuntergang“.
Menschen sind mehr als nur physikalische Ansammlungen von Materie. Menschen sind Personen mit Gedanken, Wünschen und Überzeugungen. Wir sind soziale Wesen, die Kultur, Tradition und Weltanschauung haben. Wenn wir über Personen sprechen, dann meinen wir eher all die Eigenschaften von denen, die nicht materiell sind. Wir reden von Handlungen, Aussagen und Überzeugungen des jeweiligen Menschen. Personen sind aus dieser Sicht auch Bestandteile der Welt 3. Auch wenn Popper und Eccles nicht mehr leben, sind sie dennoch nach wie vor Personen, die weiterhin in der Welt 3 existieren. Es sind Theorien von diesen Menschen, die wir im Rahmen dieser Arbeit betrachtet haben. Diese Theorien haben das Ent-
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stehen dieses Textes beeinflusst. Welt 3 spielt die entscheidende Rolle im Leben des Menschen. Wahrheit, Schönheit, Glück und Sinn sind Gegenstände der Welt 3 und nach diesen Gegenständen ist das menschliche Leben gerichtet.
Der interaktionistische Dualismus im Rahmen der 3-Welten-Theorie versucht alle Aspekte des Seins zu beschreiben, ohne etwas außer Acht zu lassen. Natürlich sind materialistische Theorien einfacher und müssen die kaum vorstellbare und kaum erklärbare Wechselwirkung zwischen Welt 1 und Welt 2 nicht beschreiben. Aber im Rahmen der Materie und der Naturgesetze sind weder Werte noch Personen enthalten. Subjekte der Welt 2 und Gegenstände der Welt 3 verlieren ihren Sinn, wenn sie auf Bestandteile der Welt 1 reduziert werden. Jede materialistische Theorie verliert ihren Sinn und ihre Existenz, wenn sie auf die Welt der Materie zurückgeführt wird. Der Materialismus kann sich selbst nicht erklären, weil er dafür die Beschreibung der Naturgesetze vorlegen muss, die dazu geführt haben, dass er entstanden ist. Es müssten dann Naturgesetze existieren, die sich selbst erkennen und beschreiben. Das heißt, die Naturgesetze müssen die Ursache ihrer selbst sein! Sobald ein Materialist etwas erklärt, muss er gleich eine Erklärung für seine Erklärung vorbereiten, damit alles eine Ursache hat. Somit bewegt er sich ins Unendliche, ohne dass er zur letzten Ursache seines Denkens kommt. Es sei denn, er gibt zu, dass sein Denken nicht durch Naturgesetze bestimmt ist. Wie ich schon sagte, kommen wir ohne Freiheit des Denkens nicht aus der materialistischen Falle heraus. Wenn wir die Welt beschreiben, dann distanzieren wir uns von ihr, wir überschreiten die Grenzen des Universums in unserem Denken. Wir selbst sind die Ursache unseres Denkens.
3.2 Argumente gegen den interaktionistischen Dualismus
In diesem Abschnitt versuche ich die am meisten bekannten und populären Thesen gegen den interaktionistischen Dualismus zu erläutern. Das erste Argument basiert auf der Annahme der kausalen Geschlossenheit der physischen Welt. Nach diesem Prinzip müssen alle Ereignisse der Welt 1 physikalische Ursachen haben. Wenn das Mentale vom Physischen ontologisch verschieden ist, dann kann es nicht auf das Physische einwirken, denn sonst wäre das oben erwähnte Prinzip verletzt. Im Rahmen dieses Arguments wird auch die postulierte Wechselwirkung zwischen Welt 1 und Welt 2 kritisch betrachtet. Weiterhin wird das Phänomen der Bewusstlosigkeit als Indiz dafür gesehen, dass das bewusste Erleben nur auf der Basis der komplexen Hirntätigkeiten entstehen kann. Im nächsten Abschnitt werden Beispiele verschiedener Hirnschädigungen vorgestellt, die starke Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten der menschlichen Person haben. Anschließend betrachten wir einige Arten von psychischen Störungen, die die Freiheit des Denkens und die Einheit der Person in Frage stellen.
3.2.1 Kausale Geschlossenheit der physischen Welt und Unmöglichkeit der Wechselwirkung zwischen Materie und Geist
Im alltäglichen Leben sind wir gewohnt, alle Ereignisse, die wir beobachten oder selbst verursachen, in kausalen Sätzen zu beschreiben. Dieses Ursache-Wirkung-Schema hat sich sehr gut bewährt und liefert uns Erklärungen über Geschehnisse in der Welt, mit denen wir prinzipiell zufrieden sind. Durch die Naturgesetze, die von Physikern entdeckt und beschrieben wurden, können wir zum Verständnis vieler Prozesse der materiellen Welt gelangen. Wenn wir etwa fragen „Warum ist der Apfel vom Baum gefallen?“, dann antwortet uns die Physik „Weil alle materielle Körper der Gravitationskraft unterworfen sind und sich gegenseitig anziehen“. Die
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Gravitationskraft und die riesige Masse der Erde im Vergleich zu der kleinen Masse des Apfels ist die Ursache dafür, dass der Apfel gefallen und nicht in den Himmel geflogen ist. In der ganzen Geschichte der Naturwissenschaft hat man unzählige Beispiele des Ursache-Wirkung-Schema beobachtet. Es hat sich herausgestellt, dass für jedes Ereignis in der materiellen Welt eine Ursache existieren muss. Alle Ursachen, die gefunden waren, waren materieller Natur. Falls man die Ursache für irgendein Ereignis nicht finden konnte, dann folgerte man daraus, dass es weitere Naturgesetze geben muss, die für dieses Geschehnis verantwortlich sind, aber noch nicht entdeckt sind. Auch diese Herangehensweise wurde im Verlauf der Geschichte der Naturwissenschaft bestätigt. Für viele Prozesse der Natur, die früher nicht erklärt werden konnten, fand man später natürliche, d.h. rein physikalische Ursachen. Dachte man früher, Blitze wären vom zornigen Gott heruntergeschleudert, so erkannte man später, dass es sich dabei um ein natürliches Phänomen der Elektrizität handelt, das keine übernatürliche Natur hat.
Das Prinzip der kausalen Geschlossenheit der materiellen Welt besagt: Für jede materielle Wirkung muss notwendig eine materielle Ursache existieren. Alle Kausalketten, die ein physikalisches Glied haben, liegen ganz im Bereich des Physikalischen und lassen sich rein physikalisch beschreiben. Dieses Prinzip hat sich in der geschichtlichen Entwicklung der Naturwissenschaft bewährt. Wenn wir also als Ursache uns selbst angeben, dann müssen wir nach diesem Prinzip ausschließlich physikalisch sein. Das heißt, unser Bewusstsein basiert auf dem physischen Gehirn und geht aus dessen Vorgängen, die den Naturgesetzen unterworfen sind, hervor. Unser „Ich“ und Qualia, die wir unmittelbar erleben, sind höchstens emergente Eigenschaften des hochkomplexen physikalischen Systems. Falls es jedoch die geistige Welt gibt, die ontologisch von der physikalischen Welt verschieden ist, dann ist sie in der Welt 1 kausal wirkungslos, da sie zum Bereich des Physikalischen nicht gehört. Heinz-Dieter Heckmann ist von dieser Behauptung ganz fest überzeugt:
„Wenn intentionale Partikulare nicht mit physischen Partikularen identisch sind und wenn intentionale Attribute nicht mit physischen Attributen zusammenfallen, kurzum, wenn Geist und Intentionalität nicht zum ontologischen Inventar der materiellen Welt gehören, dann können sie auch innerhalb derselben keine kausale Kraft entfalten“ (Heckmann, 1994, S. 292). Auf Materie können nur materielle Kräfte in Form von Naturgesetzen einwirken. Geistige Kräfte sind hilflos, da der Bereich des Physikalischen kausal geschlossen ist. Es gibt schlicht und einfach keine Schlüpflöcher in der Welt 1, durch welche Geist eingreifen und physikalische Ereignisse bewirken könnte. Heckmann, der die Existenz der Welt 2 nicht bestreitet, sieht nur einen Ausweg aus diesem Problem: die Anerkennung der Wahrheit des Epiphänomenalismus.
Die Ursache der Bewegung des materiellen menschlichen Körpers sind die materiellen Vorgänge im Gehirn. Verfolgen wir eine Kausalkette, die z.B. mit einer Armbewegung endet, zurück, so gelangen wir zu bestimmten Arealen des Gehirns, die für diese Bewegung zuständig sind. Als Ursache werden Hirnprozesse in diesen Bereichen angegeben. Hier stoßen wir an die Erkenntnisgrenze der Naturwissenschaft. Es mag ja sein, dass diese Prozesse vom Geist veranlasst werden, wir können dies aber mit keinen Werkzeugen empirisch überprüfen. Er ist für Methoden der Naturwissenschaft unzugänglich. Wenn es so ist, warum müssen wir so etwas wie Geist überhaupt in unsere Theorien einbeziehen? Das wäre eine unnötige Adhoc-Hypothese, die nicht überprüfbar ist und Theorien komplizierter macht. Aus der Geschichte der Naturwissenschaft wissen wir aber, dass sich die Theorien, die am einfachsten waren und mit weniger Annahmen auskommen konnten, bewährt haben. Muss die postulierte
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Welt des Geistes wegen der unnötigen und unwissenschaftlichen Last nicht einfach aus der Erklärungen gestrichen werden?
Wenn Eccles mehr oder weniger die Möglichkeit der Wirkung des Geistes auf die Hirnprozesse zeigen konnte, bleibt die umgekehrte Wirkung - Welt 1→Welt 2 - viel problematischer. Auf welche rätselhafte Weise werden materielle Vorgänge im Gehirn in phänomenale Erfahrungen der geistigen Welt umgewandelt? Wie kann dieser Mechanismus überhaupt vorgestellt werden? Geht man von dem Prinzip der kausalen Geschlossenheit der physikalischen Welt aus, dann ist so eine Übertragung zwischen den Welten unmöglich. Nichts kann Welt 1 verlassen und nichts kann in sie eindringen. Hier stoßen wir wieder an eine Erkenntnisgrenze. Hier bleibt nur reine Spekulation. Die postulierten Psychonen, die mit Dendronen „verbunden“ sind, bieten noch eine Ad-hoc-Hypothese, die wiederum nicht überprüfbar ist und eigentlich nichts erklärt (zumindest im Sinne der Naturwissenschaft). Um keine Pseudowissenschaft zu betreiben, müssen wir im Bereich des Physikalischen bleiben. Das schwerwiegende Argument gegen die Wechselwirkungstheorie ist der Vorwurf der Verletzung des Energieerhaltungssatzes der Physik. Hans Goller kritisiert Eccles Theorie aus diesem Blickwinkel mit folgenden Sätzen:
„In der materiellen Welt setzen Ursache und Wirkung eine Art Energietransport voraus: die Übertragung von Bewegungsenergie, von elektrischer Energie oder die Wirkung der Schwerkraft. Bloßes Bewusstsein allein kann keine dieser Arten von Energie abgeben. Wie kann es Veränderungen bei irgendetwas verursachen? Wie steckt Bewusstsein die Hand aus und berührt etwas? Was vermittelt die ihm zugeschriebenen kausalen Kräfte?“ (Goller, 2003, S.98).
Ob die quantenmechanische Interpretation der Synapsenvorgänge dieser Kritik entgegenhalten kann, ist eine berechtigte Frage. Selbst die größten und die bekanntesten Quantenphysiker sprechen gerne davon, dass eigentlich keiner die Quantenphysik verstehen kann. Wie plausibel ist dann die Theorie, die auf den „verschmierten“ und unverständlichen Vorgängen der Quanten basiert?
Der interaktionistische Dualismus scheint eine Theorie zu sein, die den naturwissenschaftlichen Rahmen sprengt und unüberprüfbare, exotische Annahmen postuliert. Die Wechselwirkung zwischen Geist und Materie kann mit keinen Mitteln nachgewiesen werden. Kurz gesagt, wir können nicht feststellen, ob der interaktionistische Dualismus wahr oder falsch ist. Das liegt jenseits unserer Erkenntnis. Somit bleibt diese Theorie wahrscheinlich für immer im Bereich des Glaubens.
3.2.2 Das Problem der Bewusstlosigkeit
Unsere Wahrnehmung, unsere Erfahrung von sich selbst weist zeitliche Lücken auf. Die wohl jedem bekannte Form der Bewusstlosigkeit ist der Tiefschlaf. Obwohl in dieser Phase unser Gehirn aktiv bleibt, erleben wir nichts. Keine Raumzeit, keine Qualia, kein Denken. Prinzipiell kann man sagen: in diesen Zeitabschnitten gibt es uns nicht. Das Ich verliert sich selbst, es ist seiner eigenen Existenz nicht mehr bewusst. Manche Forscher, die die Aktivitäten des Gehirns in Phasen des Tiefschlafes mit Hilfe des Elektroenzephalogramms (EGG) beobachten, sprechen von ungeordneter Hirntätigkeit. Erst in einer REM-Phase erwacht unser „Ich“ wieder, wir können etwas erleben, weil wir träumen. Diese Aktivität des Gehirns scheint ge-ordnet zu sein, man erkennt sie an raschen Wellen niedriger Amplitude im EEG und an
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schnellen Augenbewegungen der schlafenden Person. Die Phasen der Bewusstlosigkeit und des paradoxen Schlafes wechseln sich während des gesamten Schlafes mehrmals ab. Wird eine Person im der Tiefschlafphase geweckt, so kann sie von keinen Erlebnissen berichten, sie kann nicht sagen, wie lange sie geschlafen hat. Wird jedoch ein Mensch in der REM-Phase geweckt, so berichtet er meistens von Träumen, die er gesehen hat und in denen er als ein „Ich“ mitgewirkt hat, er kann auch eine geschätzte Dauer des Traums angeben. Aus diesen Tatsachen wird ersichtlich, dass bewusste Erfahrungen von bestimmten Hirntätigkeiten abhängig sind. Eccles spricht von der Geschlossenheit der Moduln/Dendronen in der Tiefschlafperiode. Psychonen können nichts herauslesen, also erlebt der selbstbewusste Geist nichts. Doch hier gibt es eine Lücke in Eccles Theorie. Das Selbstbewusstsein des Geistes, also seine grundlegende Beschaffenheit, verschwindet im Tiefschlaf. Es bleibt nur der Geist, der von seiner Existenz gar nichts weiß. Er existiert nicht mehr. Thomas Metzinger weist in diesem Kontext auf die biologische Grundlage des Selbstbewusstseins:
„Menschliche Gehirne erzeugen Subjektivität nicht permanent, sondern in Episoden. Die wichtige Erkenntnis, daß wir nur episodisch als die psychologischen Subjekte des Wachzustandes existieren, ist vielleicht ein starker Hinweis darauf, daß diese evolutionsgeschichtlich neue Eigenschaft nur unter Bedingungen einer maximalen funktionalen Komplexität aufrechterhalten werden kann. Die Episodizität subjektiver Zustände wird von anti-naturalistischen Theorien des Geistes gerne unterschlagen. Das ist verständlich, denn die Tatsache, daß natürliche Repräsentationssysteme wie Tiere oder Menschen sich nur intermittierend in phänomenale Systeme verwandeln, verweist deutlich auf die biologischen Wurzeln von Selbstbewußtsein“ (Metzinger, 1993, S. 34). Das Ich und die Erfahrung aus der Ersten-Person-Perspektive werden nach Metzinger von den Funktionen des menschlichen Gehirns realisiert. Im Tiefschlaf dagegen werden andere Funktionen ausgeführt, die z.B. für Hintergrundinformationsverarbeitung zuständig sind, bei der das erlebende Subjekt nicht nötig, ja sogar vielleicht störend ist. Deswegen sind die Funktionen, die das Ich errechnen oder simulieren, abgeschaltet. Das selbstbewusste „Ich“ ist nach der Theorie des Funktionalismus nichts anderes als eine Simulation des Akteurs in einem komplexen Informationsverarbeitungssystem. Werden wir von diesem System nicht errechnet, so gibt es uns nicht.
Andere Formen von Bewusstlosigkeit sind Anästhesie und Koma. Im Wesentlichen gibt es keine großen Unterschiede zu der Tiefschlafphase. Auch in diesen Fällen können wir feststellen, dass die Hirnprozesse, die mit den Erfahrungen des selbstbewussten Ich zusammenhängen, nicht aktiv sind. Etwas erleben können wir nur dann, wenn eine bestimmte Hirntätigkeit vorhanden ist. Aus dieser Tatsache kann man folgern, dass unser „Ich“ eine biologische Grundlage hat und wahrscheinlich aus den Prozessen des Gehirns hervorgeht.
3.2.2.1 Auswirkungen von Hirnschädigungen auf das Erleben und Verhalten
In diesem Abschnitt werden einige Beispiele der Hirnschädigungen vorgestellt, die zu gravierenden Veränderungen der menschlichen Person führen. Anhand der Schädigungen verschiedener Bereiche des Hirns und daraus folgenden Funktionsausfällen kann man ermitteln, welche Areale des Gehirns für welche Funktionen zuständig sind. Zuerst betrachten wir den Fall, in dem eine schwere Verletzung des vorderen Hirnteils zu einer Persönlichkeitsveränderung führte. Diese Tatsache kann erfolgreich gegen die dualistische Behauptung von der Einmaligkeit und Einzigkeit der menschlichen Person angewendet werden. Im zweiten Fall geht es um die emotionale Grundlage für das Entscheiden und das Wollen.
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3.2.2.2 Persönlichkeitsveränderung von Phineas Gage
In dieser Geschichte geht es um einen Arbeiter namens Phineas Gage, der bei einer Eisenbahngesellschaft beschäftigt war. Eines Tages bereitete er die Sprengung eines Felsens vor. Seine Aufgabe bestand darin, zuerst Sprengstoff in das tiefe Bohrloch zu stopfen und es anschließend mit Sand zu füllen. Da er während dieser Tätigkeit von einem Mitarbeiter abgelenkt wurde, vergas er den Sand und begann, den Sprengstoff direkt mit einer Eisenstange zu bearbeiten. Es kam zu einer Explosion, bei der die Eisenstange den vorderen Teil seines Schädels traf, das Gehirn durchbohrte und aus dem Schädeldach herauskam. Wie durch ein Wunder überlebte Gage diesen Unfall und lebte danach noch 12 Jahre (Vgl. Goller, 2003, S. 45).
Zwei Monate nach dem Unfall konnte dieser Mensch ohne Probleme sehen, hören, fühlen und seine Gliedmaßen kontrollieren. Aus dieser Sicht hat sich, außer dass er jetzt auf dem linken Auge erblindet war, nichts geändert. Die Veränderungen betrafen seine Stimmung und Persönlichkeit. Vor dem Unfall war er ein verantwortungsvoller, zuverlässiger Arbeiter, der seine Aufgaben präzise erledigt hat. Danach war er respektlos, launisch und asozial. Er flüchte gehässig und tat Dinge, die er früher nie getan hatte. Man könnte sagen, er verwarf alle sozialen und moralischen Regeln, an denen er vor dem Unfall gehalten hatte. Seine Charakterzüge veränderten sich so stark, dass seine Familienmitglieder, Freunde und Bekannte ihn nicht wiedererkennen konnten. Es schien so, als ob ihn seine Zukunft überhaupt nicht mehr interessierte. Er traf Entscheidungen, die gegen seine eigenen Interessen waren. Im Falle von Phineas Gage können wir deutlich erkennen, dass es Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und den bestimmten Funktionen des Gehirns gibt.
„Besonders auffällig ist das Missverhältnis zwischen dem Verfall seines Charakters und der scheinbaren Unversehrtheit seiner geistigen Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache und Intelligenz. Damals glaubten die Fachleute zwar an die Lokalisierung der Sinneswahrnehmungen, der Sprache und der Bewegungen, aber nicht daran, dass so etwas Komplexes wie Persönlichkeit von bestimmten Hirnregionen abhängig sein könnte. (...)
Der Fall Gage dokumentiert, dass bestimmte Hirnbereiche für spezifisch menschliche Fähigkeiten wie Planen, Entscheiden und Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen unentbehrlich sind“ (Goller, 2003, S. 46).
Wie hängt die oben erwähnte Hirnverletzung mit der Persönlichkeit von Gage zusammen? Werden die Fähigkeiten wie vernünftiges Planen, Entscheiden und Wollen, die der Dualismus der Welt 2 zuschreibt, in Wirklichkeit vom Gehirn erzeugt? Was ist mit der Einzigartigkeit der Person mit dem Namen Phineas Gage, die vor dem Unfall bestand, passiert? Ist es nun eine und dieselbe Person oder trat nach dem Unfall eine andere einzigartige Person auf? Konnte Gage sich nicht an moralische Grundsätze erinnern oder verstand er diese Grundsätze nicht mehr? Ist das Erkennen vom Guten, Wahren und Schönen von bestimmten Hirnregionen abhängig? Kann man noch von der Willensfreiheit im Falle Gage sprechen oder waren seine Handlungen und Entschlüsse durch die Hirnverletzung determiniert?
Somit steht die Einmaligkeit der menschlichen Psyche, die Eccles als eine göttliche Gabe postuliert, in Frage. Wie ist es möglich, dass die Verletzung der Maschine (des Gehirns), die der selbstbewusste Geist bedient, zur Veränderung der Charaktereigenschaften führt, die in dieser Maschine nicht enthalten sind? Ist die Auswirkung der Übertragung Welt 1→Welt 2 so entscheidend, dass sie gravierende Veränderungen in der Welt 2 bewirkt? Die Einmaligkeit der menschlichen Person im Hinblick auf den Fall von Gage ist wahrscheinlich nicht durch die Einmaligkeit der Seele untermauert.
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3.2.2.3 Emotionale Grundlage von Entscheidungen und dem freien Willen
Entscheidungen, die wir täglich mehrmals treffen, hängen unabdingbar mit Emotionen zusammen. Meistens haben wir eine Auswahl von Alternativen, die verschiedene Auswege aus der jeweiligen Situation bitten, mit der wir konfrontiert sind. Die Überlegung, wie man handeln muss, ist die Erwägung von Werten verschiedener Möglichkeiten. Das, was uns am wertvollsten ist, wird ausgewählt. Dabei besitzt jeder Mensch sein individuelles Wertesystem, mit dessen Hilfe Entscheidungsmöglichkeiten eingeschätzt werden. Man kann sagen, dass Werte und Emotionen eng miteinander zusammenhängen. Das, was für mich Wert hat, ist mit positiven Emotionen verbunden. Alles andere weckt in mir entweder gar keine Erregungen oder nur negative. Ohne emotionale Grundlage wäre das Treffen von Entscheidungen ein Zu-fallsgenerator, jede Alternative wäre gleichgültig.
Nun betrachten wir einen weiteren Fall von Hirnschädigung. Einem Mann namens Elliot wurde ein Tumor, der sowohl im linken als auch im rechten Bereich des Stirnlappens lokalisiert war, entfernt. Nach der Operation veränderte sich Elliots Persönlichkeit. Zwar haben sich seine motorischen Fähigkeiten, sein Sprachkönnen, seine Intelligenz und sein Denken nicht verändert, er könnte aber keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen. Jedes mal, wenn er mit zwei oder mehreren Alternativen konfrontiert war, vertiefte er sich in kleinste Nebensächlichkeiten, die eigentlich für die Entscheidung gar nicht wichtig oder relevant waren. Man bemerkte, dass er emotional neutral war und von sich selbst distanziert und aus der Dritten-Person-Perspektive berichtete. Man kann sagen, Elliot war gefühllos. Dies hinderte ihn daran, vernünftige Entscheidungen zu treffen, da alle Alternativen ihm gleichgültig erschienen. Er verlor die Fähigkeit, verschiedenen Handlungsmöglichkeiten Werte zuzuordnen. Als ihm eines Tages von seinen Ärzten zwei Termine für den nächsten Besuch zur Auswahl vorgeschlagen waren, vertiefte sich Elliot in eine sorgfältige Kosten-Nutzen-Analyse. Eine halbe Stunde lang nannte er Gründe für und gegen die beiden Alternativen. Er berücksichtigte mögliche Wetterlagen zu den genannten Zeitpunkten, andere Termine, die zeitlich in der Nähe lagen, verschiedene Verabredungen, die er vor diesen beiden Terminen hatte. Aber letztendlich konnte er sich für keine der beiden Alternativen entscheiden. Als ihm dann gesagt wurde, dass er zum zweiten Termin erscheinen sollte, sagte er ohne Aufregung und ganz ruhig „In Ordnung“ und ging (Vgl. Goller, 2003, S. 53).
Am Beispiel von Elliot sehen wir, wie wichtig Emotionen und Werte für unsere Entscheidungen sind. Nun können wir wieder dem Dualismus Fragen stellen. Wenn Werte Bestandteil der Welt 3 sind und nur vom selbstbewussten Geist erfasst werden können, warum verschwanden sie im Fall Elliots? Wieso ist Welt 2 auf die Hirnbereiche im Stirnlappen angewiesen, um Werte erfassen zu können? Sind Werte physisch im Gehirn abgespeichert oder waren die entfernten Bereiche des Gehirns für die Erzeugung von Emotionen und Werten zuständig? Oder sind diese Bereiche für die Übersetzung der Gehirnprozesse in Emotionen verantwortlich? Es scheint so zu sein, dass Gefühle nur dann da sind, wenn sich bestimmte Vorgänge im Gehirn ereignen. Ist es denn nicht so, dass Emotionen aus diesen Vorgängen hervorgehen? Der Geist ist auf die Tätigkeiten des Gehirns angewiesen, um überhaupt etwas erfahren zu können. Eigentlich sollte man nach der dualistischen Interpretation behaupten, dass Werte den Sachverhalten der physikalischen Welt vom Geist zugeschrieben werden. Es scheint jedoch so zu sein, dass Werte eher erfahren werden. Wenn der Geist das ist, was fühlt und entscheidet, wieso verliert er diese Fähigkeiten wegen der Schädigung bestimmter Hirnbereiche? Es gibt auch Fälle von Hirnschädigungen, die den Kern des Dualismus - den freien Willen erheblich beeinträchtigen. Neurophysiologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Gyrus cinguli anterior eine wichtige Rolle beim Wollen spielt. Schädigungen von dieser
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Hirnregion verursachen einen Zustand der Bewegungs- und Sprachlosigkeit, der als akinetischer Mutismus genannt wird. Menschen, die sich in diesem Zustand befinden, können eigentlich sprechen und sich bewegen, machen es aber nicht. Meistens liegen sie bewegungslos auf einem Bett und starren mit leerem Gesichtsausdruck vor sich hin. Obwohl es genügend äußere Reize gibt, reagieren sie auf diese nicht. Auch auf innere Reize wie z.B. Gedanken gibt es keinerlei Reaktionen. Manchmal aber gibt es Fälle, in denen solche Menschen von diesem Zustand erwachen, und zur Freude der Wissenschaftler von ihren früheren Erfahrungen berichten können. Damasio (2000, S. 126-129) berichtet von so einem Fall. Als eine Frau, die sich in dem oben erwähnten Zustand halbes Jahr lang befand, erwacht hat und Fragen beant-worten konnte, erfuhr man von ihr, dass ihr Bewusstsein während dieser langen Phase wie leer gewesen war. Die Frau konnte sich an bestimmte Erlebnisse nicht mehr erinnern. Sie hatte keine Angst, sie hatte keinen Wunsch verspürt, mit jemanden zu sprechen. Es war kein Leiden, denn nichts bewegte sie zu irgendeiner Tätigkeit. Wie sie selbst berichtete, verstand sie sehr gut, was um sie herum passierte, aber sie wollte einfach nichts tun oder sagen. Es gab einfach keine Motivation für sie, tätig zu werden.
Kann man in bezug auf diese Tatsachen sagen, dass diese Frau ihren Willen verloren hat? Der freie Wille, der eigentlich die Basis des Dualismus darstellt, scheint jedoch nicht so frei zu sein. Er ist vielmehr von Emotionen abhängig. Gibt es keine emotionalen Anregungen, so gibt es auch keinen Willen. Die Frau wusste nicht, warum sie sich bewegen oder sprechen sollte. Ihr Wertesystem war anscheinend verschwunden. Wie wir schon festgestellt haben, fällt es einem Menschen schwer, sich zu entscheiden, wenn alle Alternativen gleichgültig oder bedeutungslos erscheinen. Wieder kommen wir zum Ergebnis, dass der Geist seine Fähigkeiten infolge der Hirnverletzungen verliert. Konstituiert er sich doch aus den Funktionen des Gehirns?
3.2.3 Denkstörungen und Psychosen
Nach der interaktionistisch-dualistischen Theorie von Eccles gehört der Geist nicht zu der materiellen Welt und ist wahrscheinlich von Gott kreiert. Wenn Gott allmächtig und allwissend ist, wenn er die Liebe und das Gute ist, dann müsste seine Schöpfung - der selbstbewusste Geist - perfekt und von jeder Störung befreit sein. Trotzt dieses philosophischen Argumentes sind uns unzählige Fälle von verschiedenen Denkstörungen und Geisteskrankheiten bekannt. Interessant scheint die Tatsache zu sein, dass in meisten solchen Fällen das Gehirn der jeweiligen von der Krankheit betroffenen Person physiologisch völlig in Ordnung ist. Das heißt, dass man keine Tumore oder irgendwelche Hirnschädigungen empirisch feststellen kann. Dies führt zu dem Schluss, das Mentale und nicht das Physische müsste auf irgendeine Weise beeinträchtigt oder beschädigt sein.
Es sind verschiedene Arten von Denkstörungen bekannt, die die postulierte Freiheit und Einheit des Denkens in Frage stellen. Z.B. Gedankenabreißen, bei dem kein Satz zu Ende gedacht werden kann, der Gedankenfluss bleibt mitten im Satz stehen. Von der Schizophasie betroffene Personen bilden zwar grammatikalisch richtige Sätze, sie erscheinen aber einem gesunden Menschenverstand völlig sinnlos. Oft sind es nicht einmal vollständige Sätze, sondern nur einzelne Wörter oder Wortfetzen, die keinen inhaltlichen oder logischen Zusammenhang haben. In Fällen von Ideenflut kommt es zu einer drastischen Erhöhung der Denkgeschwindigkeit, die betroffene Person kann nicht bei einem Gedanken bleiben, wechselt ständig die Themen, da der Assoziationsfluss gelockert ist. Perseveration führt dazu, dass derselbe Gedanke immer wieder gedacht werden muss, er wiederholt sich wie in einer Schleife.
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Anhand dieser Beispiele können wir sehen, wie die Freiheit des Denkens erheblich beschränkt werden kann. Was hindert den Geist, einen Gedanken zu Ende zu bringen? Warum erkennt er keinen Sinn mehr und äußert sich in völlig bedeutungslosen Sätzen? Wie kann etwas Immaterielles und Einheitliches eines Tages „defekt“ werden? Es sind ja nur bestimmte Fähigkeiten des Geistes beeinflusst, also kann man vermuten, dass die geistige Einheit aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist. Oder ist die Ursache doch irgendwo im Gehirn versteckt, die wir noch nicht kennen? Aber wenn es so ist, dann sind solche Eigenschaften des Geistes wie Freiheit, Einheit, Qualia, Sinn und Intellekt eigentlich die Eigenschaften des Gehirns. Ideenflut und Perseveration demonstrieren uns, dass das denkende Ich nicht mehr in der Lage ist, selbst zu denken. Die Gedanken werden ihm praktisch aufgezwungen. Der Geist wird entweder von Ideen und Assoziationen bombardiert, sodass er nicht mehr fähig ist, die Intensität des Gedankenflusses zu verringern und nur einem Gedanken zu folgen, oder er ist in einem einzelnen Gedankenzirkel gefangen, aus dem er sich nicht befreien kann. In beiden Fällen verschwindet die grundlegende Eigenschaft des Geistes: die Freiheit des Denkens, von der der Dualismus spricht.
In Fällen von Schizophrenie scheint die postulierte Einheit des Bewusstseins zersplittert zu sein. Die betroffenen Menschen interpretieren ihre eigenen Gedanken so, als seien es Gedanken anderer Personen. Sie hören Stimmen fremder Menschen oder sehen sogar diese Menschen, die in Wirklichkeit nicht da sind. Auf irgendwelche Weise ist die innere psychische Welt eines Schizophrenie-Kranken aufgeteilt. Gedanken und Vorstellungen werden ins Äußere projiziert und nicht mehr als eigene Konstrukte wahrgenommen. Die „fremden“ Stimmen werden oft unerwartet und mitten in Sätzen, die der Erkrankte gerade äußert, gehört. Es scheint so, als wären mehrere Geister in einer Person enthalten, die parallel denken und mit-einander um die Vorherrschaft kämpfen. Die Stimmen sind oft beleidigend und befehlend. Viele von dieser Krankheit betroffenen Menschen behaupten, ihre Gedanken seien von Außerirdischen oder von irgendwelchen ihnen heimlich implantierten Computerchips kontrolliert und gesteuert. Wir können sagen, dass die geistige Einheit dieser Menschen nicht mehr besteht. Thomas Metzinger spricht sogar von den extremen Fällen, in denen sich das selbstbewusste Denken ganz auflösen kann:
„Je nachdem wie stark die Störung ist, kann sie von einer noch subjektiv erlebbaren (mental modellierten) und sprachlich kommunizierbaren geistigen Verwirrtheit bis hin zur völligen Desorientiertheit reichen. Ist eine solche Desorientiertheit nicht nur funktional sondern auch phänomenal maximal ausgeprägt, dann kann man sagen, daß solche Personen keine geistigen Subjekte im Sinne von selbstbewußten Denkern mehr sind“ (Metzinger, 1993, S. 181).
Warum kann res cogitans, das nach Descartes nicht teilbar ist, doch aufgeteilt werden? Was passiert mit der Freiheit des Denkens und der Einheit der bewussten Erfahrung? Ist diese Zersplitterung nur eine Illusion? Wie gelingt es dann dem Geist, sich in seiner Vorstellung zu teilen und diese Teile als fremd zu interpretieren, wenn er doch unteilbar ist? Wie wird dem Denken seine Freiheit beraubt? Wie kann der Geist den Sinn der Gedanken verlieren? Wie kann der Geist denken, ohne es bewusst zu erfahren (wenn wir an die Stimmen denken, die aus dem Nichts plötzlich auftauchen)? Das sind die Fragen, auf die der Dualismus vernünftige Antworten liefern muss. Die grundlegenden Eigenschaften des Geistes - die Freiheit und die Einheit des Denkens - scheinen doch bedingt und nicht unabhängig zu sein.
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4. Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärungen in der Leib-Seele-Debatte
In diesem Kapitel versuche ich zu zeigen, dass naturwissenschaftliche Methoden, die zu einer objektiven Erkenntnis der Wirklichkeit führen sollen, in der Erforschung des Bewusstseins auf ihre Grenzen stoßen. Jede Erkenntnis hat ihren Ursprung im Bewusstsein und kann nur dort „existieren“. Das Problematische in der Bewusstseins- und Hirnforschung liegt darin, dass das Ich sich selbst zu erkennen versucht. Wenn ich etwas Neues über mich erfahre, dann ändere ich in diesem Moment mich selbst. Meine Weltanschauung, Interessen, Vorlieben, Ideale usw. - das alles kann sich aufgrund einer neuen Erkenntnis oder eines intensiven Erlebnisses ändern. Manchmal behaupten wir, dass wir uns selbst nicht verstehen oder unsere Taten nicht erklären können. Manchmal müssen wir uns selbst überwinden, mit uns selbst kämpfen, uns selbst überzeugen und uns selbst beruhigen. Das Ich scheint flüchtig und ungreifbar zu sein, es ist nirgendwo und zugleich überall. Es ist die Voraussetzung jeder Erkenntnis, doch der Versuch, sich selbst zu erkennen, bringt nur die Gewissheit, dass ich mit jedem solchen Versuch die Grenzen meines eigenen Ich überschreite und mich selbst aus der Distanz zu beobachten versuche. Aber kann ich mich in der Selbsterkenntnis tatsächlich aus der Dritten-Person-Perspektive erkunden? Das scheint nicht der Fall zu sein. Ich kann gewiss meine Charaktereigenschaften, meine Vorlieben oder meine Phobien in Betracht ziehen, aber ich kann mein eigenes Bewusstsein nicht verlassen, um es wie ein Objekt zu untersuchen, denn dazu wäre ja wieder ein Bewusstsein nötig.
Das Ich ist das, was aus der Ersten-Person-Perspektive erkennt, und es kann nur auf diese Weise etwas erfahren. Einen direkten Zugang zu den Erlebnissen eines anderen Menschen gibt es nicht. Diese Erlebnisse können uns nur mittels der Sprache mitgeteilt werden, die wir dann mit unseren eigenen Erlebnissen vergleichen können. Die Naturwissenschaft liefert uns Beschreibungen aus der Dritten-Person-Perspektive, die aber die Erste-Person-Perspektive niemals erreichen können. Die Frage, wie es ist, ein X zu sein, kann nur ein X beantworten. Wir können phänomenale Zustände eines Menschen untersuchen, indem uns dieser Mensch von seinen Erlebnissen berichtet. Der jeweilige Wissenschaftler, da er selbst auch ein Mensch ist, kann diese Erlebnisse mit seinen eigenen vergleichen, um sich ein phänomenales Bild davon zu machen, wie der andere etwas empfindet oder wie er sich gerade fühlt. Aber über die Art und Weise, wie Tiere die Welt wahrnehmen, können wir so gut wie gar nichts wissen. Wir können nur ihre Verhaltensreaktionen auf bestimmte Umwelteinflusse beobachten, um daraus auf ihre Bewusstseinszustände, falls sie welche haben, zu schließen. Das phänomenale Wissen dieser Tiere ist für uns unzugänglich, da sie uns leider nichts von ihren Erlebnissen berichten können. Selbst wenn sie es könnten, könnte ein Mensch nicht verstehen, wie es für eine Katze ist, eine Maus zu fressen. Womit sollte man dies noch vergleichen? Das phänomenale Bild einer Katze oder einer Fledermaus ist wahrscheinlich völlig anders, als das eines Menschen. Der Naturwissenschaft bleiben nur Vermutungen, die nicht überprüfbar sind. Sie stoßt hier an ihre Erkenntnisgrenzen.
4.1 Die Frage nach dem „Wie“
Wir haben schon festgestellt, dass wir so gut wie gar nichts über die phänomenale Welt anderer Spezies wissen können. Aber kann man mit Sicherheit behaupten, dass andere Menschen die Welt genauso wahrnehmen wie ich? Diese Frage klingt erst mal etwas verwirrend. Wie könnte es anders sein? Wir sind biologisch gleiche Wesen, derer Gehirne auf gleiche Weise aufgebaut sind. Unsere Sinnesorgane weisen identische Strukturen und Funktionsweisen auf.
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Also müssten auch die Sinneseindrücke identisch sein. Dies kann man aber mit hundertprozentiger Sicherheit nicht behaupten.
Nehmen wir Farben als Beispiel der visuellen Erfahrung. Farben sind Eindrucksqualitäten der verschiedenen Wellenlängen des Lichts. Wenn wir etwa sagen „Dieses Auto ist rot“, dann kann man dies objektiv bestätigen, indem man die Wellenlänge des von diesem Auto reflektierten Lichts misst. Beträgt diese 600-700 Nanometern, so kann man gewiss sagen, dass dieses Auto tatsächlich rot ist. Jeder Mensch, sobald sein Sehvermögen nicht auf irgendwelche Weise beeinträchtigt ist, kann ohne die Wellenlänge zu messen, sagen, welche Farbe das zu betrachtende Objekt hat. Die Farbwahrnehmung „rot“ ist also das wahrgenommene Licht einer bestimmten Wellenlänge. Ein Kind lernt den sprachlichen Farbausdruck „rot“, indem es etwa fragt „Welche Farbe ist das?“. Es hat also ein phänomenales Erlebnis des Roten und wenn seine Frage beantwortet ist, wird nun dieses Erlebnis mit dem Zeichen „rot“ verknüpft. Sowohl das Kind als auch der Erwachsene, der die Frage beantwortet hat, haben eine bestimmte phänomenale Erfahrung, die sie mit dem Wort „rot“ bezeichnen. Nun aber kommt die entscheidende Frage: Ist mein Rot genauso rot wie das Rot des Kindes? Wir können uns die Situation vorstellen, in der die Farbwahrnehmung des Kindes so konstituiert ist, dass es Rot wie Blau und Blau wie Rot empfindet. Das heißt, es sieht etwas, was ich als „rot“ bezeichne so, wie ich etwas sehe, was ich mit „blau“ bezeichne. Obwohl wir verschiedene phänomenale Erlebnisse der gleichen Wellenlänge haben, behaupten wir beide, dass dieses Auto, das wir sehen, rot ist. Für mich ist es unmöglich zu überprüfen, wie der andere Mensch Farben wahrnimmt. Ich kann nur sicher sein, dass er die gleiche Wellenlänge als eine Farbe, die wir beide mit „rot“ bezeichnen, wahrgenommen hat. Seine phänomenale Erste-Person-Perspektive bleibt mir unzugänglich. Sie ist privat.
Die Welt entsteht in unserem Kopf, in unserem Bewusstsein. Wir können herausfinden, welche Reize „da draußen“ welche Empfindungen in uns hervorrufen, aber wie diese Empfindungen sind, kann nur ich sagen. Ich kann nur von meinen Empfindungen wissen, wie sie sind. Die Wahrnehmung eines anderen Menschen kann ich nicht haben, ich kann sie nicht etwa für einen Augenblick ausleihen.
Ein anderes Beispiel demonstriert die Wesensverschiedenheit der Lichtwellen aus der Ersten-und der Dritten-Person-Perspektive. Dazu ein Zitat von Hoimar v. Ditfurth: „Es hatte eben geheißen, daß wir nicht fähig sind, elektromagnetische Wellen außerhalb des schmalen Bandes des optisch sichtbaren „Lichts“ unmittelbar wahrzunehmen. Das stimmt nicht ganz, wenn man es genau nimmt. Die Ausnahme macht die ganze Angelegenheit aber nur noch verwirrender. Denn an einer etwas anderen, etwas langwelligeren Stelle des gleichen Spektrums, und zwar etwa zwischen einem tausendstel und einem ganzen Millimeter Wellenlänge, können wir dieselben Wellen wieder registrieren. Allerdings sprechen auf sie nicht unsere Augen, sondern Sinnesrezeptoren in unserer Haut an. Wir sehen diese Wellen nicht, fühlen sie aber. Wir nehmen sie als Wärmestrahlung wahr. Man muß sich klarmachen, was das bedeutet: Alle elektromagnetischen Wellen sind wesensgleich. Immer die vollkommen gleiche Art der Strahlung. Der einzige Unterschied besteht in der Wellenlänge. Je nach der spezifischen Anpassungsform unserer Sinneszellen erleben wir bestimmte Frequenzen dieser Wellen dann als Licht oder verschiedene Farben - oder aber als strahlende Wärme“ (Ditfurth, 1981, S. 156).
Die gleiche Art der Strahlung ruft in uns verschiedene Sinneseindrücke hervor. Zwei Menschen, die sich in einem Raum befinden, können Wärme jeweils anders empfinden. Eine Person könnte die Lufttemperatur in diesem Raum niedriger einschätzen als die andere. Der eine von den beiden Menschen könnte behaupten, ihm sei es kalt, der andere dagegen würde sagen, dass er die Temperatur als angenehm und nicht zu niedrig empfindet. Die Naturwissen-
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schaft liefert uns das Wissen über die gemessene Temperatur des Raumes, aber kein Wissen darüber, wie der jeweilige Mensch in diesem Raum diese Temperatur empfindet. Diese Frage kann nur aus der Ersten-Person-Perspektive beantwortet werden.
Bewusstsein zu haben, heißt zu wissen, wie etwas ist. Dieses „Wie“ ist uns von Anfang an unmittelbar gegeben, das ist die Grundvoraussetzung und die Basis jeglicher Erkenntnis. Qualia können nicht auf die Naturgesetze reduziert werden, es genügt nicht zu beschreiben, welche Vorgänge sich im Gehirn ereignen, da diese Beschreibung uns nicht das Wesentliche erklärt: Die Qualität der Erfahrung. Eine objektive Beschreibung aus der Dritten-Person-Perspektive sagt uns überhaupt nichts von den phänomenalen Erlebnissen aus der Ersten-Person-Perspektive. Der Versuch, Psychisches physikalisch zu erklären, ist ein Kategorienfehler, wie es Heinz-Dieter Heckmann betont:
„Unsere partikularen intentionalen Einstellungen sind allerdings nicht buchstäblich in uns, so wie neuronale Impulse und Stoffwechselvorgänge buchstäblich in uns sind. Wenn man in das Innere unseres Schädels hineinschauen könnte, dann würde man dort keine Gedanken und Entschlüsse sehen und beobachten, diese Entitäten lassen sich „cerebroskopisch“ nicht so erfassen, wie sich Vorgänge im Magen gastroskopisch erfassen lassen; intentionale Partikulare sind keine „konkreten“ Ereignisse und Zustände, die im Inneren unseres Kopfes lokalisiert sind, sie sind „abstrakte“ Entitäten, vergleichbar mit gedachten (nicht bloß erdachten) Linien und Punkten wie beispielsweise dem Äquator oder dem Schwerpunkt der Erde. Wer sich in der Wüste Sahara darüber beschwert, daß er den Äquator nicht sehen kann, weil sich im Sand keine konkrete Spur von ihm nachweisen läßt, der hat einen Kategorienfehler begangen und etwas Sinnwidriges erwartet, genauso wie auch derjenige einen Kategorienfehler begangen hat, der meint, die Zahl 1 dadurch ausgelöscht zu haben, daß er ein entsprechendes Zahlzeichen von einer Tafel gewischt hat. Und jemand, der intentionale Partikulare und die durch sie konstituierten geistigen und abstrakten Rationalitätsmuster mit konkreten Naturzuständen und Naturprozessen identifizieren will, der begeht ebenfalls einen Kategorienfehler. Geist läßt sich genausowenig naturalisieren wie sich Zahlen „numeralisieren“ (mit Zahlzeichen identifizieren) lassen“ (Heckmann, 1994, S. 286-287).
Die moderne Hirnforschung kann uns sagen, welche Gehirnvorgänge mit welchen Bewusstseinzuständen zusammenhängen, sie kann uns aber nicht sagen, wie und auf welche Weise diese Zustände entstehen. Man kann anhand von bestimmten Prozessen in bestimmten Arealen des Gehirns, die man mit bildgebenden Verfahren beobachtet, feststellen, dass eine Person gerade denkt, aber nicht herausfinden, was sie gerade denkt. Vielleicht ist es eine für die Naturwissenschaft unüberwindbare Grenze, die niemals durchbrochen oder überschritten werden kann. Das Rätsel des Bewusstseins bleibt immer noch ungelöst.
4.2 „Bewusstlose“ Naturwissenschaft
Die naturwissenschaftliche Forschung befasst sich mit der Materie, ihren Zusammenhängen und den Gesetzen, die das Verhalten der materiellen Systeme bestimmen. Der Rahmen dieser Forschung ist ausschließlich auf diesen Bereich - den Bereich der Welt 1 - beschränkt. Untersucht werden soll nur das, was sich objektiv untersuchen und später überprüfen lässt. Alles andere soll entweder als Scheinproblem ignoriert oder aus der Perspektive des materialistischen Monismus erklärt werden. Dieses Paradigma hat sich in der rasanten Entwicklung der Naturwissenschaft als erfolgreich erwiesen. In den Erklärungen der Naturprozesse haben sich nur solche Theorien bewährt, die am einfachsten formuliert waren und mit wenigen Annahmen auskamen.
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Dieses Schema funktionierte problemlos bis man zur Erforschung der lebenden Systeme, die Bewusstsein zu haben schienen, gekommen ist. Wenn man Tieren anfangs noch Mentales einfach absprach, könnte man es bei sich selbst viel schwieriger tun. Der Versuch, sein eigenes Bewusstsein mit dem Ockhamschen Rasiermesser abzuschneiden, ist nur bei wenigen Wissenschaftlern gelungen, viele bleiben dagegen skeptisch oder gar verzweifelt, ob man diese populäre Methode auf das Bewusstsein anwenden könnte. Also musste dieses mentale Phänomen irgendwie in den Rahmen des Materialismus passen. So bildete Bewusstsein eine neue Kategorie in der Naturwissenschaft: Die Kategorie der (emergenten) Eigenschaften der Materie. Von diesem Augenblick an gab es nicht nur Materie, sondern es gab noch unter bestimmten Umständen der komplexen Organisation der Materialteilchen neue Eigenschaften, die plötzlich und unerwartet ins Dasein auftraten. Nun waren Naturwissenschaftler vor der Aufgabe gestellt, Mentales mit den Naturgesetzen zu begründen und zu erklären. An diesem Punkt erreichte das wissenschaftliche Paradigma ihre Grenzen. Das menschliche Selbstbewusstsein musste sich selbst begründen.
Ich möchte an dieser Stelle auf eine wichtige Tatsache und auf einen grundlegenden Fehler der materialistischen Erforschung des Bewusstseins hinweisen. Zunächst müssen wir uns klar machen, wie überhaupt Wissenschaft entsteht. Was steht am Anfang jeder Erkenntnis über die Welt? Was ist die Voraussetzung des Wissens? Um etwas zu wissen, etwas zu erfahren, etwas zu denken ist ein Bewusstsein notwendig. Wenn ein lebendes System sich unbewusst verhält und nach Programmen oder Naturgesetzen agiert, dann weiß es von nichts und kann auch nichts erkennen. Erst wenn ein Lebewesen Bewusstsein hat, hat es eine Erfahrung von der Außenwelt. Erst wenn ein Lebewesen Selbstbewusstsein hat und denken kann, kann es sich selbst Fragen über die Zusammenhänge und seinen Platz in der Welt stellen. Als Newton unter dem berühmten Baum saß und der berühmte Apfel auf ihn herunterfiel, war zwar das Herunterfallen des Apfels durch die Gravitationskraft bestimmt, aber der Gedanke Newtons war offensichtlich durch keinen der Naturgesetze entstanden. Newton war mit Sicherheit nicht der erste Mensch, der dieses Naturgeschehen beobachtet hat, aber der erste, der erkannte, dass es sich dabei um eine universelle Kraft handelt, die auch den Mond auf der Umlaufbahn der Erde hält. Der berühmte Wissenschaftler entwarf eine Theorie über die materielle Welt, aber diese Theorie gehörte nicht zu dieser Welt.
Theorien sind Konstrukte des menschlichen Geistes, die in der Welt 2 entstehen und dann in die Welt 3 wandeln. Naturwissenschaft beschreibt die Welt 1, aber sie selbst gehört nicht zu dieser Welt. Der grundlegende Fehler der materialistischen Erklärungen des Bewusstseins liegt darin, dass sie sich selbst damit nicht erklären. Wenn Bewusstsein aus der Materie her-vorgeht, wenn es eine besondere Eigenschaft komplexer Systeme ist, dann müssen auch alle Denkinhalte, alle Behauptungen, alle Fragen, Interpretationen und Glaubensinhalte durch materialistische Naturgesetze erklärt werden. Sobald eine Theorie, eine Hypothese, eine Vermutung gedacht oder geäußert wird, muss mit Notwendigkeit eine Erklärung dafür angegeben werden, warum diese Denkinhalte zustande kommen. Aber was macht man hier genau? Man begründet Theorien mit weiteren Theorien, man erklärt Denkinhalte mit anderen Denkinhalten. Kurz gesagt: Man dreht sich im Kreis und kann aus ihm nicht ausbrechen. Wie ich schon erwähnt habe, muss das Denken frei und die Ursache seiner selbst sein. Sonst kommt man mit immer weiteren Erklärungen nie zu Ende. Was Naturwissenschaftler oft vergessen ist die Tatsache, dass sie selbst Menschen sind und Bewusstsein haben, und dass sie beim Erschaffen einer Theorie die Welt aus einer Distanz betrachten, die Grenzen der materiellen Gegebenheiten überschreitet. Sie beschreiben alles so, als wären sie selbst nicht da. Die Hirnforschung kann nur Gehirnaktivitäten während bestimmter geistigen Vorgänge beobachten. Dabei ist sie auf die Aussagen der untersuchten Person angewiesen. Die Aussagen
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müssen aber wahr sein, das heißt, die Testperson darf nicht lügen. Natürlich nehmen wir an, dass in diesen Experimenten alle Teilnehmer fest entschlossen sind, die Wahrheit zu erkennen. Also sind Fälle der Falschaussagen so gut wie ausgeschlossen. Nehmen wir weiter an, dass Hirnforscher wichtige Zusammenhänge zwischen den neuronalen Aktivitäten und den bestimmten geistigen Zuständen beobachtet haben. Nun werden diese Forscher eine Theorie entwerfen, die diese Zusammenhänge zu erklären versucht. Eine Reihe interessanter Fragen wäre: Was passiert in den Gehirnen von diesen Wissenschaftlern, wenn sie über die beobachteten Gehirnvorgänge nachdenken? Welche neuronalen Aktivitäten rufen Gedanken über sich selbst hervor? Was genau hat sich im Gehirn der untersuchten Person und in den Gehirnen der Forscher verändert? Wie gelingt es einem Gehirn, falls Bewusstsein nichts weiter als Gehirnaktivität ist, sich selbst zu untersuchen und Theorien über sich selbst zu entwickeln? Und die wichtigste Frage: Warum tun es diese Forscher überhaupt? Leider vergessen viele Naturwissenschaftler, wenn sie materialistische Theorien des Bewusstseins entwickeln, dass sie selbst ein Gehirn haben, das während der Verfassung dieser Theorien aktiv ist, und dass diese neuronalen Aktivitäten außer Acht gelassen werden. Eben in dieser Tätigkeit scheint ihr Bewusstsein sich von ihrem Gehirn losgelöst zu haben, um es aus der Distanz zu beschreiben. Wissenschaft wird betrieben, um die Wahrheit zu erkennen. Hier muss die Naturwissenschaft anfangen, sie soll zuerst begründen, warum sie überhaupt existiert, und erst dann alles andere zu erklären versuchen. Kann eine materialistische Theorie des Geistes sich selbst im Rahmen dieser Theorie erklären? Sie ist ja aus den Aktivitäten des Geistes entstanden, also wenn sie alle Phänomene des Geistes vollständig zu erklären versucht, dann muss sie auch eine Erklärung für sich selbst enthalten. Außerdem muss sie begründen, warum es andere Theorien des Geistes gibt und wie aus den Naturgesetzen etwas entstehen kann, das zweifelt, glaubt und sich irrt.
Geist ist etwas, das sich den Methoden der Naturwissenschaft entzieht. Außerdem ist der Geist auch der Schöpfer dieser Methoden. Wenn die Erkennung der Welt noch mehr oder weniger erfolgreich verläuft, ähnelt nun der Versuch, sich selbst zu erkennen, dem Versuch einer Katze, sich selbst am Schwanz zu beißen. Sie wird sich im Kreise drehen, bis sie erschöpft aufgibt, ohne Erfolg zu haben. Wir werden wohl dasselbe tun, bevor wir nicht erkennen, dass wir uns genauso ewig im Kreise drehen werden, wenn wir uns entschließen, den Geist ausschließlich naturwissenschaftlich zu erklären.
4.3 Können wir die ganze Welt erkennen?
Seit der Veröffentlichung der Relativitäts- und der Quantentheorie änderte die Physik unsere Vorstellung von der eigentlichen Wirklichkeit der materiellen Welt. Der bewusste Beobachter von Naturvorgängen war plötzlich nicht mehr der, der alles distanziert unter die Lupe genommen hat, sondern der, der mit jeder Beobachtung sich in das beobachtete System einmischte. Raum und Zeit verloren ihre absolute Bedeutung und Vorgänge im Mikrokosmos ließen sich ohne Störung der Messung nicht beobachten. Wir erkannten, dass die Welt viel komplizierter ist als sie uns in unserer unmittelbaren Wahrnehmung erscheint. Alte Theorien, die lange Zeit eine erfolgreiche Beschreibung der Welt lieferten, mussten aufgegeben werden, da sie viele neu entdeckte Phänomene der Natur nicht mehr erklären konnten. Die Wirklichkeit bleibt anscheinend immer dieselbe, aber unsere Deutung der Realität änderte sich durch neue Erkenntnisse immer wieder. Das ganze menschliche Leben ist eigentlich eine ständige Theorienbildung. Sobald es neue Erfahrungen gibt, die nicht in den Rahmen unserer
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Weltanschauung passen, sind wir gezwungen, sie zu überdenken und, falls nötig, eine neue zu erschaffen.
Die Stringtheorie der modernen Physik versucht die Wirklichkeit so zu beschreiben, dass man die vier physikalischen Grundkräfte zu einer einzigen Urkraft vereint. Dabei sollen auch die Relativitäts- und die Quantentheorie miteinander kombiniert werden. Dafür benötigt die Stringtheorie insgesamt neun Raumdimensionen. Der Punkt ist, dass unsere Wahrnehmung nur drei Raumdimensionen erfassen kann, die anderen sechs bleiben für uns unerkennbar. Was aber wir nicht mit unseren Sinnen erkennen können, können wir mit Hilfe der Mathematik und der Logik wunderbar berechnen. Die Welt wird sozusagen um sechs weitere „abstrakte“ Raumdimensionen erweitert, um die Geschehnisse in den beobachteten drei Raum- und einer Zeitdimension zu untermauern. Diese abstrakte Erweiterung wird niemals überprüfbar sein, aber trotzdem wird sie als eine Möglichkeit angenommen. Man stellt sich folgendes vor: „Anstelle eines jeden Punktes im gewöhnlichen dreidimensionalen Raum denkt man sich also eine winzige, sechsdimensionale Hyperkugel oder eine hauchdünne sechsdimensionale Schleife, die kreisartige, aber auch andere Gestallt besitzen kann. Sie wird „Superstring“, kurz „String“ oder „Saite“ genannt, und ist wirklich als Träger von Schwingungen vorstellbar. Sie hat die unvorstellbar geringe Länge von 10 -33 cm. Ihre Schwingungen, eine Art stehender Wellen, entsprechen dem Wellencharakter, den Materie im Sinne der Quantenphysik hat. Aber die Vorstellungen sind jetzt detaillierter. Die verschiedenen Teichen und Kräfte sind verschiedene Schwingungsformen der Strings, die den Oberschwingungen in der Musik ähnlich sind. Strings sind zwar auch keine Metalldrähte oder Schweinedärme, also bestehen nicht aus Materie, denn Materie soll ja mit ihrer Hilfe beschrieben werden. Sie sind in einer nicht näher bekannten Weise strukturierter Raum, ein Gewebe zarter Saiten, die ständig schwingen, eine Art „Harmonie der Sphären“. Materie ist Musik, gespielt auf den Strings, die den Raum konstituieren“ (Ewald, 1998, S. 117).
Wie wir sehen, ist es nun auch in der Physik üblich, metaphysische Annahmen in eine Theorie einzuführen, um beobachtbare physische Vorgänge zu begründen. Erstens sind die zusätzlichen sechs Raumdimensionen auf keine Weise beobachtbar, zweitens sind Strings immateriell und drittens ist die Mathematik, mit der man das alles ausrechnen kann, auch immateriell. Nun stelle ich die berechtigte Frage: Aus welchem Grund ist die Stringtheorie wissenschaftlich und die dualistische Wechselwirkungstheorie unwissenschaftlich? In beiden Fällen gibt es unüberprüfbare Annahmen und beide Theorien können die Wirkung des Immateriellen auf das Materielle nicht nachweisen. Entweder sind beide Theorien wissenschaftlich oder sie sind es nicht. Ich kann hier beim besten Willen keinen Unterschied feststellen. Viele Naturwissenschaftler erkennen einfach nicht, dass sie beim Verfassen ihrer Theorien den Bereich der naturwissenschaftlichen Methoden längst verlassen haben und eigentlich Philosophie betreiben.
Manche Autoren, die sich mit dem Leib-Seele-Problem beschäftigen, sind der Meinung, dass unser Erkenntnisvermögen nicht ausreichen würde, um die Beziehung zwischen Geist und Gehirn zu verstehen. So vermutet McGinn, dass unsere Situation der Situation der sogenannten „Flächenländer“ ähneln würde. Flächenländer sind zweidimensionale Geschöpfe, die in einer entsprechenden flachen Welt leben. Sie nehmen ihre Welt zweidimensional wahr und können auf keine Weise etwas von weiteren Raumdimensionen erfahren. Wir als dreidimensionale Wesen wissen, dass die Flächenländer nicht die ganze Realität wahrnehmen. McGinn meint, dass wir uns in derselben Lage befinden und noch eine oder gar mehrere Dimensionen des Raumes nicht wahrnehmen. Dabei betont er, dass er nicht sagen kann, welche Dimension das sei, und ob man überhaupt von „Dimension“ sprechen kann (Vgl. McGinn, 2001, S. 157f.). Entscheidend ist, dass unser Erkenntnisvermögen nicht ausreicht, um die ganze Realität zu erkunden.
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Das menschliche Gehirn ist das komplexeste System, das uns bis jetzt im ganzen Universum bekannt ist. Um seine Funktionsweise vollständig zu verstehen, bräuchten wir wahrscheinlich ein viel komplexeres System. Andererseits, wenn unser Gehirn einfacher wäre, wären wir nicht intelligent genug, um es zu verstehen (Vgl. Goller, 2003, S. 146). Das Bewusstsein ist die Voraussetzung jeder Forschung, sich selbst objektiv zu erkennen gelingt ihm allerdings nicht. Wie schon erwähnt wurde, gibt es eine unüberwindbare Grenze zwischen den Ersten-und der Dritten-Person-Perspektive. Objektive Beschreibungen der Hirnvorgänge liefern uns kein Wissen über phänomenale Zustände und in verschiedenen Bewusstseinzuständen haben wir kein Wissen darüber, was dabei in unserem Kopf neurophysiologisch vorgeht. Offensichtlich können wir die Welt nicht vollständig erkennen und begreifen. Wer weiß, wie viele verborgene Raumdimensionen es noch gibt und welche Wirkung sie auf die wahrnehmbare Welt haben. Der Geist kann sich selbst erfahren und über sich selbst nachdenken, aber seine Wesenheit kann er nicht begreifen. Es gibt einfach keine Methoden, um den Geist irgendwie „fassbar“ zu machen. Sei er eine besondere Funktion des Gehirns oder eine immaterielle Entität, dies können wir einfach nicht objektiv feststellen. Unsere Sinnesorgane sind so konstituiert, dass wir nur drei Raumdimensionen wahrnehmen können. Das sind die Grenzen der visuellen Erkennbarkeit der Welt. Erst im Denken und in abstrakten Vorstellungen können wir diese Grenzen überschreiten und ins Unendliche gelangen. Aber diese imaginären Reisen sind und bleiben subjektiv. Wahrscheinlich hat die Suche nach dem Geist denselben Charakter wie die Suche nach den weiteren Raumdimensionen. Sie liegen außerhalb der Erkenntnis. Der Geist ist der Ausgangspunkt des Erkennens, so wie die Zahl 1 der Ausgangpunkt der Mathematik ist. Die beiden sind wahrscheinlich die Grundeinheiten dieser Welt, die keine weitere Erklärung haben.
5. Schlusswort
Die Frage nach der Wesenheit des Geistes ist die Frage nach der Ontologie des Geistes. Alle Theorien haben letztendlich ein gemeinsames Ziel: Die Antwort auf diese Frage zu geben. Dass diese Welt nicht ausschließlich materiell ist und auch eine geistige Seite hat, wundert immer noch manche hartnäckige Materialisten. Ihr Kausalprinzip hat sich gut in der Beschreibung der Vorgänge der physischen Welt bewährt, reicht aber offensichtlich nicht aus, um die Voraussetzung jeder Erklärung und Erkenntnis - den Geist - zu begründen. Manche Physiker haben eine Vision, eines Tages eine „Theorie von Allem“ zu entwerfen, die die ganze Welt vollständig beschreiben würde. Mit Hilfe dieser Theorie würde man für jede Wirkung eine Ursache angeben können. Das heißt, auch die Entstehung dieser Theorie muss mit ihr selbst begründet werden. Wenn sie also die Ursache ihrer selbst ist, wieso gibt es sie bisher nicht? Wie schon gesagt, der Grundirrtum mancher Theoretiker liegt darin, dass sie oft vergessen, dass sie die Schöpfer und die Ursachen ihrer Theorien sind. John C. Eccles war einerseits von der immateriellen Wesenheit des Geistes und andererseits von der Objektivität der materiellen Welt überzeugt, sodass er den Dualismus als Grundlage für seine Theorien auswählte. Sein Ziel war, zu zeigen, wie die Wechselwirkung zwischen Materie und Geist funktionieren könnte. Dabei war der naturwissenschaftliche Rahmen nicht mehr ausreichend, sodass er sich der Philosophie bedienen musste. Die Natur des Geistes scheint völlig verschieden von der Natur der Materie zu sein. Eccles kann viele Phänomene des Geistigen wie Einzigartigkeit, Freiheit, Selbstbewusstsein, Gefühle usw. nicht aus der Sicht der Naturwissenschaft erklären, ihre Ursachen sieht er in der göttlichen Natur. Er ist auch der Meinung, dass die Seele unvergänglich ist. Sie gibt es vor der Geburt und nach dem Tod. Die Naturwissenschaft reicht nicht aus, um eine brauchbare Theorie des Geistes zu ent-
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wickeln. Dafür benötigt man Philosophie. Vielleicht war das einer der Hauptgründe für die Entstehung der Theorien von Eccles.
Ist das Leib-Seele-Problem überhaupt lösbar? Materialistische Theorien erreichen die Erste-Person-Perspektive nicht und können ihr eigenes Entstehen nicht begründen. Idealistische Theorien erreichen die Dritte-Person-Perspektive nicht und können die Objektivität der materiellen Welt nicht begründen. Dualistische Theorien erreichen zwar beide Perspektiven, können aber, wenn es um interaktionistische Theorien geht, keine Wechselwirkung zwischen Geist und Materie nachweisen, oder können ihr eigenes Entstehen und den Zweck des Geistes nicht erklären, wenn es um anti-interaktionistische Theorien geht (z.B. Epiphänomenalismus). Die Frage nach dem eigenen Bewusstsein wird vom eigenen Bewusstsein gestellt. Man kann eigentlich keine Ursache des Denkens außer dem Denken selbst angeben. Denn jede solche Angabe kommt wieder aus dem Denken und muss wieder begründet werden. Auf diesem Wege kommt man zu einem infiniten Regress. Ein Theoretiker muss wohl zugeben können, dass seine Theorien ihr Ursprung in seinem Denken haben. Das ist die einzige Ursache, eine Erstursache. Der Geist ist etwas, das einfach nicht erklärt oder begründet werden kann. Er ist das, was erklärt und begründet. Das Wunder des Bewusstseins bleibt wahrscheinlich für immer ein Wunder.
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