ABSTRACT
Die gegenständliche Arbeit befasst sich mit der Fragestellung inwieweit Zeit begrifflich festgemacht werden kann, welche Konnotationen der Zeitbegriff im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat, und, ob und in welcher Art und Weise Medien zur Vertaktung der Gesellschaft, zu einer vermuteten Beschleunigung und Zeit-Globalisierung beigetragen haben. Bringen Medien Zeit-Gewinn als Folge des technologischen Fortschritts oder brauchen wir Zeit- und Selbstmanagementtechniken um der Zeit-Falle zu entkommen? Literatur aus den Bereichen Physik, Psychologie, Philosophie, Soziologie, Neurobiologie, Religion, Wirtschaftswissenschaften stellen unterschiedliche Erkenntnisse bereit, münden aber meines Erachtens in dem Schluss, Zeit ist mit Beschleunigung verbunden, so wie Welt mit Entwicklung, Evolution verbunden ist. Wir müssen uns einen neuen „panoramatischen Blick“ zulegen, wie einst die Benutzer der Eisenbahn um reüssieren zu können, was die junge Generation m.E. für sich schon einigermaßen in Anspruch nehmen kann.
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INHALT
1| EINLEITUNG 7
2| MEDIEN - EINE HINFÜHRUNG 13
3| WAS IST ZEIT? 18
3|1 Was in einer Sekunde passiert 20
3|2 Das Phänomen Zeit von sechs
Standpunkten aus betrachtet 22
3|2|1 NAIVER STANDPUNKT 22
3|2|2 PHYSIKALISCHER STANDPUNKT 24
3|2|3 PHILOSOPHISCHER STANDPUNKT 26
3|2|4 RELIGIÖSER STANDPUNKT - ZEIT IN DER BIBEL 28
3|2|5 PHYSIOLOGISCHER UND
NEUROBIOLOGISCHER STANDPUNKT 29
3|2|5|1 Gibt es so etwas wie eine innere Uhr? 30
3|2|5|2 Elementare Zeitphänomene 31
3|2|5|2|1 Gleichzeitigkeitsschwelle 32
3|2|5|2|2 Ordnungsschwelle 32
3|2|5|2|3 Drei-Sekunden-Phänomen 32
3|2|5|2|4 Dauer 34
3|2|6 SOZIOLOGISCHER STANDPUNKT 35
3|3 Vorstellungen von Zeit in Gesellschaften 37
3|3|1 OCCASIONALES ZEITBEWUSSTSEIN 37
3|3|2 ZYKLISCHES ZEITBEWUSSTSEIN 38
3|3|3 LINEARES ZEITBEWUSSTSEIN MIT GESCHLOSSENER ZUKUNFT 38
3|3|4 LINEARES ZEITBEWUSSTSEIN MIT OFFENER ZUKUNFT 39
4
INHALT
4| ZEIT-(BE)RECHNUNGEN 40
4|1 Zeit-(be)rechnungen vor dem 16. Jahrhundert
(Gregorianische Kalenderreform) 43
4|2 Zeit-(be)rechnungen ab dem 16. Jahrhundert
(Galileo Galilei und das Pendel) 51
5| INDIVIDUELLE ZEITPERSPEKTIVEN 57
5|1 Zeit bestimmen 58
5|2 Zeit und Charakter 63
5|3 Lebenstempo 65
5|4 Tempo 71
5|5 Synchronisation - Desynchronisation 75
5|6 Beschleunigung versus Entschleunigung 76
5|6|1 NATÜRLICHE GESCHWINDIGKEITSGRENZEN 77
5|6|2 ENTSCHLEUNIGUNGSINSELN 79
5|6|3 VERLANGSAMUNG ALS DYSFUNKTIONALE NEBENFOLGE 80
5|6|4 INTENTIONALE ENTSCHLEUNIGUNGSFORMEN 82
5|6|5 KULTURELLE UND STRUKTURELLE ERSTARRUNG 84
6| INDIVIDUALZEIT - MEDIENZEIT 86
6|1 Zeitliches Verfasstsein von Medien 90
6|2 Beschleunigung durch Medien? 94
5
INHALT
6|2|1 UNBESCHLEUNIGTE PHASE 95
6|2|2 PHASEN DER BESCHLEUNIGUNG 96
6|2|2|1 Von der Räderuhr bis zur Dampfmaschine 96
6|2|2|2 Von der Dampfmaschine bis zum IPad bis zu 103
6|2|2|3 Medienentwicklung und deren Auswirkungen 110
7| DAS GEGENWART-PROBLEM 120
7|1 Was ist Gegenwart? 120
7|2 Gegenwartsschrumpfung 122
7|3 Zeit-Falle Gegenwart? 128
7|4 Zeitmanagementseminare als Lösung von Zeitnot? 133
7|5 Mensch - Apparate - Zeit 136
7|6 Medienentwicklung der Zukunft -
neue Beschleunigung? 140
7|7 Medien und Zeit - eine unheilvolle Paarung? 143
8| LITERATUR: 148
8|1 Primärliteratur 148
8|2 Web-Literatur: 153
9| ABBILDUNGSVERZEICHNIS 156
6
1| EINLEITUNG
Nur die Entwicklungen der letzten 50 Jahre, eine Zeitspanne, die die Generation 50+, wie sie im Medienbereich gerne bezeichnet wird, aktiv miterlebt und mitgestaltet hat, geschweige denn die letzten 100 oder gar 200 Jahre waren auf wissenschaftlichem, technischem, i.B. medientechnologischem und sozialem Gebiet gewaltig, die Auswirkungen auf die Gesellschaft enorm: Die vorindustrielle Gesellschaft wurde zur Industriegesellschaft und diese zur globalisierten Informationsgesellschaft, die wohl auch gleichzeitig eine ‚Tempogesellschaft’ ist. Der international renommierte Zeitforscher Karlheinz Geißler schreibt:
„Wir sind Hochgeschwindigkeitsmenschen geworden. Wir kommunizieren mit Lichtgeschwindigkeit, hetzen durch den Alltag und entschuldigen uns dafür mit der Formel: ‚Tut mir Leid, keine Zeit!’ Die Zeit läuft uns davon, während die Zukunft immer rascher auf uns zurast. [. . .] Obwohl wir keine Zeit mehr haben, brauchen wir immer mehr Zeit, um über den Zeitdruck zu klagen, zu reden oder ihn mit Hilfe von Ratgebern [. . .] zu bekämpfen.“ 1
Immer mehr - immer schneller … zunächst sind da die medientechnologischen Errungenschaften: Immer mehr, immer schnellere Transportsysteme für Güter, Personen und auch Informationen,
neue und schnellere Möglichkeiten, die Güter in Massenproduktion herzustellen wie etwa mit Hilfe von Fließbändern und Maschinen, die selbst wieder Maschinen produzieren, immer mehr, immer schnellere und immer weitreichendere Kommunikationsmöglichkeiten, kulminierend in der globalen Vernetzung des Internet, welches schließlich auch zu einer allgemeinen Globalisierung von Welt führte. Zeit wird indirekt immer mehr zu einem gesellschaftlichen Thema, globale Zeit, Objektzeit, aber grundlegend: Zeit des Einzelnen, Subjektzeit, in einer globalen Welt. Öffentliche Diskussionen über zeitgebundene Phänomene wie Stress, ‚Jetlag’ und ähnliches sind an der Tagesordnung, vom Zeitbegriff abgeleitete Konzepte wie Effizienz oder Leistung bestimmen den Diskurs. Die Auseinandersetzung mit Zeit und dem Umgang mit derselben gehört offensichtlich wesentlich mit zum ‚Zeitgeist’ einer beschleunigten Tempogesellschaft.
Die massiven medien-technologischen Veränderungen bei der Überführung von einer vorindustriellen zu einer Informationsgesellschaft gingen auch mit einer dramatischen Veränderung sozialer Rahmenbedingungen einher, von denen einige relevant für die zeitliche Umstrukturierung des individuellen Alltags waren. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Reduktion der Wochenarbeitszeit von weit über 60 Stunden im 19. Jahrhundert auf mittlerweile durchschnittlich unter 40 Stunden bei gleichzeitiger Einführung von flexiblen Arbeitszeiten. Das Zeitverhalten, der Umgang mit Zeit hat sich auch anderweitig verändert: Die flächendeckende Einführung billiger künstlicher Beleuchtungssysteme Anfang des 20. Jahrhunderts erlaubte eine Loslösung des Tages- und Arbeitsrhythmus von Sonnen- | 8
aufgang und -untergang und ermöglichte unter anderem die systematische Schichtarbeit in Fabriken. Veränderungen in der Tages-und Wochenstrukturierung blieben nicht ohne weitere Konsequenzen für die individuelle Zeitgestaltung und Zeitorganisation der Menschen; so änderte sich u.a. auch das Schlafverhalten dahingehend, dass noch vor etwa 100 Jahren die Menschen um durchschnittlich 2 Stunden pro Nacht länger schliefen. 2 Die durch weniger Schlaf und Arbeit frei werdende Zeit führte zur Entstehung von ‚Frei-Zeit’, verbunden mit den immer vielfältiger werdenden Möglichkeiten der Zeitverbringung und der Lebensgestaltung. Folglich entstanden neue Phänomene, z.B. die Notwendigkeit des sogen. ‚Zeitmanagements’ - der optimalen sinnvollen Nutzung der verfügbaren Zeit. Jüngste medientechnologische Innovationen wie Funknetze, Telebanking und Onlineshoppen rund um die Uhr verstärken zusätzlich den Trend zu weniger gebundener Zeit und hin zu mehr Mobilität.
Auch die Arbeitswelt ist zwiegespalten - auf der einen Seite werden Überstunden gemacht, auf der anderen Seite steht Massenarbeitslosigkeit, Arbeitszeitreduzierung und die ‚Neuentdeckung der Langsamkeit’. Die Varianz der Lebensstile hat enorm zugenommen. Beschleunigung erfordert Synchronisation und kämpft gleichzeitig auf Grund derer mit Desynchronisation.
Es gibt viele Lebensentwürfe und immer mehr Möglichkeiten der Lebensgestaltung, dennoch müssen ständig wichtige Entscheidungen
unter Unsicherheit, d.h. auf vermeintlich unvollständiger Informati-onsgrundlage getroffen werden. Ein Resultat dieser ungeheuren Komplexität und Vielfalt der Optionen ist ein enormer Entscheidungsdruck. Unsicherheit ist ein Leitmotiv der Tempogesellschaft, die auch eine Gesellschaft der Rastlosigkeit und Unstetigkeit ist.
Man könnte annehmen, dass Veränderungen in der Zeitorganisation und im Zeitverhalten - zusammen mit der veränderten medientechnologischen Reizsituation manifestiert in Flugreisen, Internet, Autos, schnellen Produktionsabläufen, etc. - durchaus zu einem veränderten Zeiterleben geführt haben. Es ist möglich, dass die Sozialisation zeitrelevante biologische Konstanten verändert, dass es sich beim veränderten Zeiterleben nur um eine passive Reflektion einer veränderten gesellschaftlichen Reizsituation handelt, es ist aber auch möglich, dass sich das Zeiterleben überhaupt nicht verändert hat und wir einer kollektiven kognitiven Illusion unterliegen.
Gegenwärtig lässt sich die wissenschaftliche Diskussion über Ursachen und dementsprechend über die Bedeutung und Richtung der zukünftigen Veränderungen von Zeitvorstellungen in drei Hauptrichtungen zusammenfassen: 3
Ökologische These: Die in den industrialisierten Gesellschaften
Postmodernisierungsthese: Der Eintritt in die Postmoderne hat
Globalisierungsthese: Nationale Gesellschaften besitzen weiter-
Bei allen entstehenden Zeitkriegen 4 und -konflikten, verbreitet sich das Bewusstsein, dass Zeitumgang eine nicht natürlich gegebene, sondern soziale, kulturell geformte Praktik ist. Das abweichende Verhalten bezüglich der Zeit wird folglich nicht nur durch abweichende Haltung der Person, sondern auch durch kulturelle Unterschiede erklärt.
2| MEDIEN - EINE HINFÜHRUNG
Medien und Kultur stehen in Wechselbeziehung: Kommunikationsmedien überliefern Werte und Normen einer Kultur, Kultur liefert Medieninhalte. Durch den massiven Einsatz und großen Stellenwert, welche die Kommunikationsmedien heute einnehmen, können Kultur und Medium nicht voneinander getrennt werden. Durch die globale Vernetzung können Normen und Werte nicht mehr auf einen bestimmten Teil der Erde beschränkt werden. Es entwickeln sich Kulturen der jeweiligen Mediennutzer.
Die Auseinandersetzung mit Medien wird durch die Tatsache erschwert, dass es trotz intensiver Debatte und zahlreicher Definitionsversuche in den letzten Jahren keinen Konsens bezüglich des Medienbegriffs gibt. Dies lässt sich in erster Linie darauf zurückführen, dass der Terminus ‚Medium’ in grundverschiedenen Diskursen auftaucht, von der Informationstheorie über die Sozialwissenschaften bis hin zu den Kulturwissenschaften.
Elementarer Medienbegriff:
Medien als Vermittler, z.B. die Urelemente Wasser, Feuer, Erde, Luft; das Medium als übersinnliche Kraft im Sinne der Parapsychologie; in gewissem Sinne auch McLuhans Medienbegriff: Medien als technische Erweiterung und Verstärkung der menschlichen Kräfte und Sinne
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Technischer bzw. technologischer Medienbegriff: mit welchen technischen Mitteln wird kommuniziert -Mediengeschichte als Technikgeschichte; Unterscheidung zwischen primären, sekundären, tertiären und quartiären Medien, d.h. welche Technik ist auf Sender- und Empfänger-Seite erforderlich
Soziologischer Medienbegriff: Medien als Massenmedien, Untersuchung der Auswirkungen von Medien auf soziale Prozesse, z.B. Meinungsbildung, Freizeitverhalten; in gewissem Sinne auch Faulstichs Medienkulturgeschichte und auch Postmans Medienökologie
Systemischer Medienbegriff:
symbolische Medien als Möglichkeiten der Kommunikation, des Austauschs zwischen gesellschaftlichen Systemen, z.B. Parsons: Geld und Macht als Medien
Einen systemischen Medienbegriff pflegt auch die soziologische Sys-temtheorie, die die Gesellschaft selbst als autopoetisches (d.h. als auf sich selbst bezügliches und sich selbst erzeugendes) System begreift. In ihm gilt Kommunikation als zentrale Währung, odernoch radikaler - sie macht selbst die Kooperative aus, weil sie die Unterscheidung zwischen System und Umwelt, zwischen Selbst- und Fremdreferenz ermöglicht. 5
Mediendefinition nach Winkler verlaufend über sechs Basisthesen: 6
1. ‚Kommunikation’ - Medien sind Maschinen der gesellschaftlichen Vernetzung; 2. Symbolischer Charakter - von anderen Mechanismen gesellschaftlicher Vernetzung - z. B. dem Warentausch, Arbeitsteilung, Politik, Sex oder Gewalt - unterscheiden die Medien sich durch ihren symbolischen Charakter; 3. Technik - Medien sind immer technische Medien; 4. ‚Form’ und ‚Inhalt’ - Medien stülpen Kommuniziertem eine Form über;
5. Medien überwinden Raum und Zeit - die Überwindung geographischer Distanzen (Telekommunikation) ist für Medien ebenso typisch wie die Überwindung der Zeit, Aspekt von Speicherung und Traditionsbildung; 6. Medien sind unsichtbar - je selbstverständlicher wir Medien benutzen, desto mehr haben sie die Tendenz zu verschwinden; Mediennutzung ist weitgehend unbewusst.
Der Medientheorie von Harold Adam Innis liegt folgende Hauptidee zugrunde: Gesellschaften sind schon seit ältester Zeit von bestimmten Medien dominiert. Zu verschiedenen Zeiten lassen sich unterschiedliche Medien identifizieren, welche jeweils dominant waren, wie zum Beispiel Stein, Papyrus, Pergament oder Papier. Jedes Medium prägt durch seine Beschaffenheit in einer bestimmten Art und
Weise die Information die es übermittelt. In diesem Zusammenhang führt Innis den Begriff der Tendenz ein. Medien haben außerdem eine Tendenz, welche die Organisation und die Kontrolle der Information beeinflusst, so dass …
„…je nach seinen Eigenschaften [...] solch ein Medium sich entweder besser für die zeitliche als für die räumliche Wissensverbreitung eignen [kann], besonders wenn es schwer, dauerhaft oder schwer zu transportieren ist, oder aber umgekehrt eher für die räumliche als für die zeitliche Wissensverbreitung taugt, besonders wenn es leicht und gut zu transportieren ist.“ 7
Laut Innis ist nicht die Beschaffenheit des Mediums in erster Linie für sein Charakteristikum (raumbindend oder zeitbindend) ausschlaggebend, sondern vielmehr die Art und Weise, wie das Medium eingesetzt wird. Generell unterscheidet Innis zwei Arten der Kommunikation, welche in einer Gesellschaft anzutreffen sind.
Da Botschaften, Menschen und Waren mit gleicher Geschwindigkeit reisten, fiel die Organisation des Transportwesens mit der der Nachrichtenübermittlung weitgehend zusammen. Erst mit der Telegraphie löst sich dieser Konnex auf.
Werner Sesnik stellt eine große Konfusion fest, wenn es um die Definition des Wortes ‚Medien’ geht. Sesniks prägnante Formulierung lautet:
„Ein Medium ist ein institutionalisiertes System um einen organisierten Kommunikationskanal von spezifischem Leistungsvermögen mit gesellschaftlicher Dominanz.“ 8
Grundsätzlich lassen sich Umrisse zweier Medienbegriffe herausarbeiten:
Medien als Vermittler von Kommunikation bzw. Medien als Erweiterung oder Ersatz von Körperteilen und Körperfunktionen welche ihrerseits auf den Körper zurückwirken.
Hier wäre Paul Virilios Ansatz zu verorten, für den technische Medien unterschiedliche Geschwindigkeitsordnungen produzieren, welche die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit zuerst verändern, dann verhindern und schließlich ersetzen, wie er es ausdrückt. Im Zusammenhang mit dem Zeitbegriff und diesem innewohnend der Begriff der Beschleunigung, empfiehlt sich Virilios Medienbegriff für diese Arbeit vorrangig.
3| WAS IST ZEIT?
Zeit ist etwas, das ziemlich selbstverständlich scheint, bis man über sie nachzudenken beginnt. Erste Sätze der Gestalt ‚Unsere Zeit ist linear gedacht und bedeutet Prozess.’, formulieren sich schnell. Zeit können wir weder riechen, fühlen, noch sehen. Aber wenn wir uns damit beschäftigen, kommen wir unaufhaltsam zu dem Entschluss, dass sie existent sein muss.
„Das Rätsel Zeit fasziniert die Menschen seit jeher. Die ersten schriftlichen Zeugnisse verraten Verwirrung und Angst über das Wesen der Zeit. […] Die herkömmliche Darstellung der Zeit überlässt uns hilflos einem Chaos aus Rätsel und Widersprüchen.“ 10
10
Nicht nur das Wesen der Zeit bereitet den Denkern Kopfzerbrechen, auch ihre Herkunft erweist sich als Problem. Warum ist etwas so Grundlegendes wie Zeit so wenig verstehbar und so schwer zu erklären? Der Psychologe John Cohen meinte:
„Wir haben es hier mit einem tiefen Mysterium zu tun, im besten Sinne des Wortes - es liegt einerseits im Herzen menschlicher Erfahrung und andererseits in der Natur der Dinge.“ 11
3|1 Was in einer Sekunde passiert 12
In einer Sekunde …
… werden 24 500 Tassen Kaffee getrunken … kommen weltweit drei Kinder zur Welt … zählt die Atomuhr bis 9 192 631 770 … führt der Höchstleistungsrechner in Garching bei München 26 Billionen Rechenoperationen durchdafür bräuchte ein Mensch 6 Millionen Jahre! … gelangen rund 800 Tonnen Treibhausgase in die Luft … werden weltweit rund 37 Millionen Euro für Rüstungsgüter ausgegeben … legt das Licht 300 000 Kilometer zurück … werden rund 150 000 Liter Öl gefördert … werden 4,5 Autos gebaut … gibt eine menschliche Nervenzelle 200 Impulse ab … werden weltweit rund 174 000 Zigaretten angezündet … wird im Internet ein neues Weblog eingerichtet … dringen bis zu 16 verschiedene Informationen in unser Bewusstsein
… muss eine Rakete 11,4 Kilometer zurücklegen, um die Anziehungskraft der Erde zu überwinden … nehmen Kameras für extreme Zeitlupe 10 000 Bilder auf … werden 33 Minuten Video auf ‚YouTube’ gestellt
Gary Hayes hat eine ziemlich eindrucksvolle Übersicht entwickelt, was in ‚Real Time’ alles im Bereich der Social Media passiert: neue Blog-Posts, Tweets, YouTube-Views, Google-Searches u.v.m. Die Ansicht kann in Sekunden, Tagen, Monaten und Jahren eingestellt werden. Dabei stützt Hayes sich auf die Daten der jeweiligen Anbieter und fasst diese in einer Animation zusammen. 13
3|2 Das Phänomen Zeit von sechs Standpunkten
aus betrachtet:
3|2|1 naiver Standpunkt
Zeit als etwas Naturgegebenes.
Zeithorizonte, also die Ausweitung des gegenwärtigen Handelns um die Vergangenheits- und Zukunftsperspektive, sind unerlässlich für Handlungsorientierungen; sie entziehen sich jedoch der individuellen Verfügbarkeit, da Zeit jedem einzelnen gleichsam als etwas ‚Naturgegebenes’ gegenübertritt. 14
„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.“ 15
Zeit hat einige markante Eigenschaften:
Zeit ist nicht speicherbar: In unseren Computern können wir riesige Datenmengen speichern, die zu einem späteren Zeitpunkt beliebig abrufbar sind. Bei der Zeit geht das nicht. Ungenützte Zeit ist unwiederbringlich verloren.
15
Zeit ist nicht verleihbar: Mehl und Milch können wir uns von der Nachbarin borgen und irgendwann zurückbringen; mit der Zeit geht das nicht.
Jeder Tag hat die gleiche Zeit: Der Tag des amerikanischen Präsidenten und der meiner Nachbarin hat genauso 24 Stunden wie mein Tag. Da gibt es keinen Unterschied. Zeit ist nicht zu überspringen: Manche möchten ein Stück der Zeitachse überspringen oder eine Pause einlegen. Dazu haben sich Utopisten ihre Gedanken gemacht - Zeitreise, Kälteschlaf, Einfrieren, …
Anton Zeilinger, dem 1997 die Teleportation von Quantenzuständen gelungen ist, meint, dass die Quantenmechanik die Überbrückung von Raum ohne jeden Zeitverlust - also in gewisser Weise überlichtschnell - kennt. Er geht soweit, dass er sagt, Raum und Zeit wären mentale Konstruktionen, die man nicht einmal so akzeptieren müsste. Zeitreisen sind möglich nur ein wenig anders. 16
Zeit ist fortschreitend - am Vergehen der Zeit kommt nie-mand vorbei.
Die Ereignisse in unserer Welt geschehen unter Zeitverbrauch: Jeder physikalische Vorgang und alle Abläufe benötigen eine bestimmte Zeit zu ihrer Verrichtung.
3|2|2 physikalischer Standpunkt
Der japanische Philosoph Masanao Toda:
„Niemand kann anscheinend behaupten zu wissen, was Zeit ist. Dennoch gibt es diesen mutigen Menschenschlag, die Physiker, die diesen schwer fassbaren Begriff zu einem der Grundsteine ihrer Theorie machten.“ 17
Zeit ist eine fundamentale, messbare Größe, die zusammen mit dem Raum ein Kontinuum bildet. Auf der ganzen Welt können wir derzeit aufgrund genormter, geeichter Uhren Zeit messen, sie ist somit objektiv vergleichbar. Ein pragmatischer Ansatz, der jedoch die Frage provoziert: Gab es Zeit vor der Erfindung der Uhr? Physik und Technik zerhacken die Zeit in Milli-, Mikro- Nano-, Pico-, Femto-, Atto-Sekunden und weiter, so weit, bis es aus quantenmechanischen Gründen sinnlos erscheint, über kürzere Zeiträume zu reden.
Der Physiker Stephen Hawking legte dar, dass wir heute die Zeit genauer messen können als die Länge, weshalb auch die Länge am genauesten durch Zeiteinheiten definiert wird: Zeitabstand und Länge sind Basisgrößen, die zugehörigen Basiseinheiten (Referenzmaße) sind die Sekunde (s) und der Meter (m).
Definition der beiden Basiseinheiten: 18 1s = das Zeitintervall, in dem die Cäsium-Atomuhr 19 9192631770 mal schwingt;
1m = die Strecke, die Licht im Vakuum in 1/299792458 Sekunde zurücklegt.
„Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.“ 20
Computer ‚illusionieren’ uns mit der Zeitmessung in Nanose-kunden, also Milliardstelsekunden, oder um es anders auszudrücken, in dieser Zeit legt Licht ca. 30 Zentimeter zurück!
Joseph Weizenbaum meinte in einem Interview im Berliner Tagesspiegel 1999:
„Die Möglichkeit, Nachrichten, die uns überwältigen, zu interpretieren, sind wegen des neuen Charakters der Zeit sehr reduziert. Und obwohl man heute Mikro- und Nano-sekunden messen kann, was vor 50 Jahren noch unvor-
19
20
stellbar war, kann man beispielsweise erst jetzt, 50 Jahre danach, über die NS-Zeit reden.“ 21
Nanosekunden sind aber durchaus wichtig, wenn es um die Positionsbestimmung mit Hilfe von GPS 22 geht - Aus der sehr genauen, auf wenige Nanosekunden messbaren Laufzeitdifferenz der Signale mehrerer Satelliten, wird der geografische Ort dann rechnerisch ermittelt.
3|2|3 philosophischer Standpunkt
Erwin Schrödinger, Nobelpreisträgers für Physik von 1933, führt zu einem Aspekt der Zeit, der über die Physik hinausgeht. Zeit geht uns Menschen als Person an. Schrödinger formulierte: „Denn die Zeit ist wahrlich unser gestrengester Herr, indem sie […] das Dasein eines jeden von uns in enge Grenzen zwängt.“ 23
Philosophisches Denken hat zu allen Zeiten begleitet, dass es über (die) Zeit reflektiert. Diese Reflexionen stehen ganz am Anfang der Philosophie und sie dauern in der Gegenwart an. Doch schon in der vorphilosophischen, noch mythologischen Phase des Weltverständnisses wird mit Zeit und Zeitvorstellungen umgegangen, aber nicht abstrakt, sondern immer einge-
21
22
23
bettet in symbolische Handlungen, Riten, Kulte, Sitten und Gebräuche. Auch das Alltagsleben der vorwissenschaftlichen Zeit ist geprägt von Zeitvorstellungen mannigfaltiger Art. Zeit, so steht fest, ist seit den Anfängen bis in die Gegenwart ein Grundfaktor des Lebens.
Schon in der Antike haben sich Philosophen wie Platon oder Aristoteles mit dem Begriff der Zeit befasst; so ist für Aristoteles der Zeitbegriff untrennbar an Veränderungen gebunden, Zeit ist das Maß jeder Bewegung und kann nur durch diese ‚gemessen’ werden. Auch sprach er davon, dass sich Zeit in unendlich viele Zeitintervalle einteilen ließe, somit einen lückenlosen Zusammenhang, ein Kontinuum bilde. Aristoteles eröffnet seine Untersuchungen zum Gegenstand der Zeit mit der fundamentalen Zweifelsfrage, „ob sie [die Zeit] zum Seienden gehört oder zum Nichtseienden“ 24 , d.h., ob ihre Existenz zunächst überhaupt bestätigt werden kann. Sein größtes Problem war der schwierig zu bestimmende Charakter des ‚Jetzt’.
Buchheim bezeichnet es [das Jetzt] als einen „ständig verschwindende[n] Moment“ 25 , der den Übergang von Vergangenem zum Zukünftigen kontinuiert. Der Paragraph 4 der ‚Transzendentalen Ästhetik’ aus Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’ ist unterteilt in fünf Abschnitte. Kants Abhandlung verfolgt das Ziel, unsere Sinnlichkeit als eine
25
durch Raum und Zeit bestimmte zu enttarnen; er will beweisen, dass dies die einzige Form ist, durch die wir Dinge wahrnehmen, das heißt anschauen können. 26 Nur auf diesem Weg kann der Mensch zu Erkenntnis gelangen. Nach Ansicht von Immanuel Kant gibt es zwei reine Formen der Erkenntnis apri-ori - Raum und Zeit.
Raum und Zeit seien keine Begriffe des Denkens, sondern haben Anschauungscharakter. Zeit sei kein Begriff, sondern eine notwendige Vorstellung, die der Wahrnehmung zugrunde liegt. Der innere Sinn der Zeit sei hierbei dem äußeren Sinn des Raumes übergeordnet, denn alles Räumliche müsse zeitlich angeschaut werden. Die Zeit ist nichts, hat nur empirische, aber keine absolute Realität und ist lediglich subjektive Bedingung unserer Anschauung. 27
3|2|4 religiöser Standpunkt - Zeit in der Bibel
Wenn die Bibel von Zeit spricht, dann werden dabei zwei verschiedene griechische Begriffe verwendet: Chronos und Kairos. Mit Chronos ist die physikalisch messbare Zeit gemeint, die Zeit der Menschen, sie unterliegt strengen physikalischen Gesetzen, unter anderem den ständigen Fortschreiten und der Unumkehrbarkeit.
27
Kairos, die Zeit Gottes, hat ein ganz anderes Wesen als unser Chronos. Sie unterliegt nicht den Einschränkungen von Raum und Zeit. Gottes Uhr misst nicht nach Sekunden, Stunden und Tagen. In Gottes Zeit existieren die Begriffe von Vergangenheit und Zukunft nicht.
3|2|5 physiologischer und
neurobiologischer Standpunkt
Es gibt keine absolute Zeit, das bedeutet aber nicht, dass es keine objektive Zeit gibt, denn aufgrund dessen, dass es Raumrelationen zwischen Dingen gibt, braucht es Zeit, um diese zu überbrücken. Zeit an und für sich ist also kein Objekt, sondern „…ein Attribut physikalischer Konstellationen.“ 28
Wir alle haben die Erfahrung gemacht, dass ein grundlegender Unterschied zwischen der objektiv messbaren Zeit und dem subjektiven Zeitempfinden besteht, etwa wenn wir beim Zahnarzt sitzen oder einen spannenden Film im Kino ansehenbeide Male verstreicht objektiv gesehen dieselbe messbare Zeit, subjektiv wird das Zeitempfinden klar differieren.
Zwei grundlegende Aspekte subjektiver Zeit können daher voneinander getrennt werden: Zeit als Ordnungsprinzip der Wahrnehmung subjektives Zeitempfinden
3|2|5| 1 Gibt es so etwas wie eine innere Uhr?
Nach Beobachtungen und Experimenten (Rohrbacher, Scheppach, Aveni) gibt es in der Tier- und Pflanzenwelt verschiedene innere Uhren, die sich auf zwei Stunden, auf 24 Stunden, auf ein Jahr und sogar auf 17 Jahre 29 beziehen. Neben genetischen Programmierungen gibt es auch ankonditionierte Zeitprogramme.
Ähnliches entstand auch beim Menschen durch den Tag-Nacht Wechsel, wobei die physiologischen Uhren beim Menschen eher weniger festgelegt und unzuverlässiger sind. 30
3|2|5| 2 elementare Zeitphänomene
Die Neurobiologie gibt Aufschluss über die Entstehung und das Wesen unseres Zeitempfindens. Da der Mensch offenbar keinen ‚Zeitsinn’ besitzt, jedoch trotzdem (auch ohne Zuhilfenahme von Uhren) Zeiten messen und vergleichen kann, stellt sich die Frage, wie dies möglich ist.
Der Neurophysiologe Ernst Pöppel führt elementare Zeitphänomene auf neurophysiologische Eigenschaften des Wahrnehmungsapparates zurück. Als zu beobachtende „elementare Zeitphänomene“ betrachtet Pöppel 31
Gleichzeitigkeit Ungleichzeitig Aufeinanderfolge (früher - später) Gegenwartsdauer (Drei-Sekunden-Phänomen) Dauer
31
Arbeit zitieren:
MAS, MSc, MSc, MSc Karin Gratiana Wurm, 2010, Phänomen Zeit - Medien als Zeittreiber?, München, GRIN Verlag GmbH
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