Widmung
Diese Arbeit ist meiner Frau Elena Leisner und meinen Kindern Noah und Dahlia gewidmet. Für die vielen Stunden des Verzichts und der tollen Unterstützung, ohne
meinen Mentoren Herrn Prof. Dr. Volker Caysa und Herrn Prof. Dr. Georg Meggle, aber auch Carola Dinnbier für den fachlichen Rat. Christine Bergmann-Fiebrich und Volker Bergmann sei hiermit ebenso für ihre Hilfe bei der Überarbeitung gedankt.
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0. Inhalt
1. Einleitung 04
2. Zum Begriff der Gesundheit 06
2.1 Gesundheit als Schweigen des Körpers 09
2.2 Gesundheit als mehrdimensionales Paradigma 12
2.3 Der Krankheitsbegriff 15
2.3.1 Die naturalistische Sichtweise. 17
2.3.2 Psyche als nicht-naturalistisch greifbares Phänomen 21
2.3.3 Krankheit als Abweichung von einer Norm. 24
2.3.3.1 Individuelle Norm 26
2.3.3.2 Intersubjektive, kollektive oder objektive Norm 27
2.3.3.3 Ideal und Statistik. 29
2.3.3.4 Natur als Norm. 30
2.3.3.5 Genetische Norm. 31
2.3.3.6 Fazit zum Krankheitsbegriff 32
2.4 Abschließende Betrachtung zur Gesundheit und Krankheit 33
3. Enhancement 36
3.1 Begriffsklärung 38
3.2 Arten von Enhancement 41
3.2.1 Körperliches Enhancement 43
3.2.1.1 Schönheitschirurgie. 44
3.2.1.2 Doping im Sport. 46
3.2.2 Neuro-Enhancement 48
3.2.2.1 Aufhellung der Grundstimmung 50
3.2.2.2 Erweiterung kognitiver Fähigkeiten. 51
3.2.2.3 Transhumane Erweiterungen 53
3.2.3 Enhancement am Nachwuchs 54
3.3 Enhancement als Problem 60
4. Zusammenfassung. 66
5. Quellen 71
2
Kurzwörter
ADS Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung ALS Amyotrophe Lateralsklerose BPS Bio-psycho-sozial-kulturelles Paradigma DGÄPC Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie DRZE Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften DSM-IV Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen GÄCD Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland e.V. ICD-10 Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme IOC Internationales Olympisches Komitee LSD Lysergsäurediethylamid PID Präimplantationsdiagnostik PND Pränataldiagnostik rTMS Repetitive Magnetstimulation SGB Strafgesetzbuch THST Tiefenhirnstimulation TMS Transkranielle Magnetstimulation WADA Welt-Antidoping-Agentur WHO Weltgesundheitsorganisation
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1. Einleitung
Ist Enhancement, also eine Handlung, welche einen menschlichen Körper verbessern will, gesund? Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst näher beleuchtet werden, was überhaupt gesund-sein bedeutet. Ist es gesund, sich gesund zu ernähren? Ist es gesund, Sport zu treiben? Ist es gesund, glücklich zu sein? Ist es gesund, maßvoll zu leben? Ist es gesund, krank zu sein?
Die ersten Fragen zielen dabei ohne Widerspruch auf die Maximierung unserer Leistungsfähigkeit sowie der Lebenserwartung, aber was ist mit der letzten Frage? Ist es ein Widerspruch, krank und gesund zu sein? Schließt sich beides gegenseitig aus oder kann man auch krank gesund sein, also seine Leistungsfähigkeit und Lebenserwartung durch „Krankheiten“ erhöhen? Jeder weiß, dass die Stärkung des Immunsystems Vorteile mit sich bringt, die unsere Lebensdauer und -qualität steigern können und dennoch sind Krankheiten unliebsame Begleiter. Was aber ist mit Depressionen oder Schlafstörungen, was mit Schmerzen? Sind dies Phänomene, die unseren Körper „trainieren“? Was ist mit Krebs, AIDS, Alzheimer oder Erbkrankheiten? Sind diese Krankheiten auch gesund und trainieren unseren Körper?
Bevor also davon geredet werden kann, ob Enhancements gesund sein können, muss zunächst einmal Gesundheit und damit im Zusammenhang stehend Krankheit differenziert werden, denn wie gezeigt wurde, wird vieles als gesund oder krank benannt, ohne dass dabei ein Unterschied gemacht wird, welche Auswirkungen es haben kann. Eine Krankheit ist eben eine Krankheit und Gesundheit, nun, was ist eigentlich Gesundheit? Wenn man etwas tun kann, um der Gesundheit beizutragen, dann müsste man folglich auch gesund sein, wenn man dies nicht tut. Wenn man hingegen eine Krankheit hat, so dürfte man nicht mehr gesund sein, sondern eben krank. Wenn aber eine Krankheit der Gesundheit beitragen kann, dann gibt es also auch „gesunde“ Krankheiten, oder sind dies eher „Gesundheiten“, als Krankheiten?
Dieses verwirrende Beispiel soll deutlich machen, dass wir uns in unserer Lebenspraxis kaum Gedanken über Begriffe wie Gesundheit oder Krankheit machen. In der aktuellen Debatte über Enhancements am Menschen wird versucht, eine
4
Verbesserung individueller Eigenschaften von einer Behandlung oder auch Therapie abzugrenzen und damit wiederum zu bestimmen, wann etwas Enhancement ist und wann nicht. 1 Wenn also klar sein soll, was Enhancement ist und ob dabei etwas erlaubt sein soll, dann muss auch klar sein, ob etwas Therapie, Behandlung oder eine Verbesserung darstellt und somit was gesund ist und was krank. Ziel dieser Arbeit soll es sein, herauszufinden, ob Verbesserungen am Menschen gesund sein können, uns gesund erhalten oder vielleicht auch gesund machen, denn dann wären Enhancements vielleicht Behandlungen und somit wiederum keine Enhancements. Neben der Frage, was Gesundheit und Krankheit ist, wird sich daher im zweiten Teil der Arbeit genauer mit der begrifflichen Bestimmung und den Arten von Enhancement beschäftigt. Die Relevanz der Fragestellung dieser Arbeit ergibt sich dabei aus dem derzeitigen gesellschaftlichen Trend, dass immer mehr Verbesserungen am Menschen durchgeführt werden, oft mit dem Verweis darauf, dass es sich bei der „Behandlung“ der „Behandelten“ um eine Art Heilung handelte. So ist von Faltentherapie 2 , von Winterdepressionstherapie 3 , sogar von Sexualtherapie bei Frauen mit geringerer Libido 4 die Rede. Sind wir also alle irgendwie krank und müssen geheilt werden?
Als angehender Lehrer stellt sich für mich in diesem Zusammenhang die Frage, wie man auf solche Trends reagieren soll, wenn dadurch junge Schülerinnen und Schüler über ihre körperlich/ geistige Unterschiedlichkeit klagen, bei denen sie nun glauben diese durch die moderne Medizin und Schönheitschirurgie einebnen zu können, anstatt sie zu akzeptieren. Die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt kann dabei helfen, dass der gesellschaftliche Schwindel enttarnt wird, doch muss vorher herausgefunden werden, ob dieser vorliegt, wenn Verbesserungen als etwas Gesundes dargestellt werden.
Es wird daher zunächst der Gesundheitsbegriff und der damit zusammenhängende Krankheitsbegriff näher betrachtet. Daran soll dann anschließend untersucht werden, was Enhancement, also Verbesserung ist und wo diese „Enhancements“ zu finden
1 u.a. Gottschalk-Mazouz/ Zurhorst, 2008; Lenk 2006; Schöne-Seifert/ Talbot, 2009.
2 vgl. Merz GmbH: http://www.merz.de/beauty/falten/ (27.01.10)
3 vgl. Netdoktor.de GmbH:
http://www.netdoktor.de/Krankheiten/Depression/Therapie/Winterdepression-Therapie-8496.html
(27.01.10)
4 vgl. CiM: http://www.sexuelle-stoerungen-der-frau.de/ (27.01.2010)
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sind, um schließlich den Versuch einer Antwort auf die Frage zu wagen, ob Enhancements gesund sind.
2. Zum Begriff der Gesundheit
Was ist gesund? Würde man diese Frage der breiten Bevölkerung stellen, so kämen vermutlich zahlreiche Antworten zutage. Sicherlich würde so manch einer sagen, dass gesund sei, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben, Ausgleiche zum Alltag zu schaffen, maßvoll zu leben und das Rauchen aufzugeben. Man würde die Möglichkeit haben, Diskussionen über Nordic Walking, Bionahrungsmittel, Stressfaktoren, Umwelteinflüsse und viele andere Themen zu führen. Vielleicht gelänge es sogar einen Konsens zu bilden, wie man müsse, damit man stets gesund bleibe. Dies alles könnte man tun und doch wüsste man nichts darüber, was denn nun Gesundheit ist.
Der Begriff der Gesundheit liegt wie kaum ein anderer Begriff in unserer Gesellschaft im Dunkel von Mutmaßungen, Glaubenssätzen und inflationärem Gebrauch. Handelt es sich um die Gesundheit des Körpers? Ist das Ziel, so lange wie möglich zu leben? Oder geht es gar darum, die Lebensqualität zu erhöhen, dass es einem schlicht gut geht? Und sind das dann auch zwingender Weise Bestandteile der Gesundheit oder eigentlich vielmehr Ziele einer individuellen Lebenspraxis? Gesundheit als Summe von Gesundem zu denken, ist zirkulär und bringt keine brauchbaren Ergebnisse. Tatsächlich wünscht man aber jedes Jahr zu den einschlägigen Festen den Menschen, die einem nahe stehen, Glück, Gesundheit und meistens auch materiellen Wohlstand. Diese Phrasen sind keineswegs inhaltsleer und jeder Mensch verbindet etwas mit dem Begriff Gesundheit. Doch was ist es, was man da eigentlich zum Ausdruck bringen will? Ist der Inhalt dieses Begriffs rein von interindividuellen Unterschieden geprägt und höchstens in der Medizin stichhaltig? Spätestens an dem Punkt, wo sich der Mensch selbst die Gesundheit wünscht, wird sie etwas fassbarer. An dem Punkt nämlich, wo er wähnt, sie nicht zu besitzen. Dieser Zustand ist die Krankheit.
Bereits Nietzsche war der Auffassung, dass es keine Gesundheit an sich gibt und diese auch keinesfalls von Krankheit getrennt werden darf. 5 Der Zusammenhang von
5 vgl. Caysa, 2000. In: Ottmann, 2000, S. 243.
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Krankheit und Gesundheit scheint dabei zunächst gegensätzlicher Natur zu sein, denn die bisherige Lebenspraxis hat gezeigt, dass es Menschen gibt, die gesund sind, ebenso, wie es Menschen gibt, die krank sind. Man müsste also die Bevölkerung der Erde in diese beiden Teile kategorisieren können, doch stößt dieses Vorhaben bereits im Ansatz auf ein Problem. Nach welchen Kriterien nämlich will man dabei diese Unterteilung vornehmen? Man müsste jede nur erdenkliche Krankheit benennen und klassifizieren können, müsste alle Gebrechen, auch die der Alterserscheinungen, einem Krankheitsterminus unterordnen, damit nicht am Ende jemand behaupten könnte, nicht gesund zu sein, ohne krank zu sein. So abwegig, wie dies scheint und so wenig nützlich dies bei der Suche nach einem Gesundheitsbegriff ist, so hingebungsvoll wird diese Dichotomisierung dennoch in der medizinischen Forschung praktiziert. 6 „Die Behauptung, dass ein Mensch entweder gesund oder krank sei, ist ein Exportartikel westlicher Industriestaaten.“ 7 Dabei sollte vor allem in der medizinischen Forschung Klarheit darüber herrschen, wie man Gesundheit und Krankheit definiert, damit Grenzen und Unterscheidungen formuliert werden können, mit denen ein Mensch als gesund oder krank angesehen werden kann und klar wird, wo diese Unterscheidung keinen Sinn macht. Aus einer Krankheit leitet sich nämlich in aller Regel ein Handlungszwang für das betroffene Individuum und die Gesellschaft ab, welcher zur Ausbesserung zwingt. 8 Dabei führt eine dichotome Praxis in die Irre, denn es wäre sicherlich möglich, eine Krankheit zu heilen oder zu verhindern, nicht aber gesund zu werden, wenn man nicht weiß, was das denn nun genau ist, die Gesundheit.
Zu welch grotesken Ergebnissen dabei eine ungenaue Vorstellung von Gesundheit und Krankheit führen kann, zeigen die immer wieder aufsehenerregenden Studien,
6 vgl. Blech, 2003.
7 Bergdolt, 1999, S. 13.: zit. n. Zurhorst, 2008, S. 11.
8 Zur Solidarität und Eigenverantwortlichkeit siehe: SGB V §1
„Die Krankenversicherung als Solidargemeinschaft hat die Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten
zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu bessern. Die Versicherten sind für
ihre Gesundheit mitverantwortlich; sie sollen durch eine gesundheitsbewußte Lebensführung, durch
frühzeitige Beteiligung an gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen sowie durch aktive Mitwirkung an
Krankenbehandlung und Rehabilitation dazu beitragen, den Eintritt von Krankheit und Behinderung
zu vermeiden oder ihre Folgen zu überwinden. Die Krankenkassen haben den Versicherten dabei
durch Aufklärung, Beratung und Leistungen zu helfen und auf gesunde Lebensverhältnisse
hinzuwirken.“
Dies gilt ebenso für Beamte siehe: Niedersächsisches Oberverwaltungsgericht:
http://www.dbovg.niedersachsen.de/Entscheidung.asp?Ind=0580020050006083+A (18.12.09)
„Hinzu kommt, dass zumindest der aktive Beamte nicht frei entscheiden darf, ob er - beispielsweise
um Kosten zu sparen - eine behandlungsbedürftige Erkrankung behandeln lässt. Wenn auch die Pflicht
zur Gesunderhaltung und zur Wiederherstellung der Gesundheit lediglich im Soldatengesetz (vgl. § 17
Abs. 4 SG) ausdrücklich normiert ist, folgt sie im Beamtenrecht nach allgemeiner Auffassung […]“
7
welche in den Medien auftauchen, Angst und Unsicherheit verbreiten und uns im Subtext sagen wollen, dass wir etwas tun müssen, damit wir gesund werden, weil wir eigentlich alle krank sind. Exemplarisch wird dieses Phänomen bei einer Studie von Wittchen und Jacobi sichtbar, welche Untersuchungen zur psychischen Gesundheit in der Europäischen Union anstellten und dabei 27 Studien zu dem Thema untersuchten.
Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 27% der EU Bürger zwischen 18 und 65 Jahren in den letzten 12 Monaten (ausgehend von 2005) eine psychische Störung erlitten. 9 Außerdem stellten sie fest, dass auf Basis der möglichen Klassifizierungen nach DSM IV und ICD-10 nur ein Bruchteil der Störungen in der Studie Beachtung gefunden hatte, diese jedoch immerhin einen Chronifizierungsgrad von 40% besaßen. 10 Es liegt also die Vermutung nahe, dass es sich um weit mehr Störungen handeln dürfte, die Dunkelziffer also wesentlich höher ist. Damit eröffnet sich der Gesundheitsindustrie ein sehr umfangreicher neuer Absatzmarkt, denn interpretiert und klassifiziert man diese Störungen nun als Krankheiten, so kommen nicht nur auf das Gesundheitssystem ungeheure Aufgaben zu, sondern auch auf die betroffenen Individuen. Allein in Deutschland ist die psychische Störung bei Frauen und Männern seit 2003 gleichermaßen der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung 11 und die Auftretenshäufigkeit ist seit 2003 sogar noch weiter gestiegen.
Theoretisch mag die Studie gut begründet sein, sie zeigt aber, dass der Gesundheits-und Krankheitsbegriff sehr ungenau ist, denn wenn man basierend auf der Studie eine Prognose erstellt, so käme man auf erschreckende Zahlen. Jedes Jahr 27% psychische Störungen, davon 40% mit chronischem Verlauf? Betrachtet man dabei die mittelfristigen Auswirkungen, so kann man schlussfolgern, dass es sich hierbei um Größenordnungen pandemischen Ausmaßes handelt. Es wären somit nicht nur einzelne Personen oder Gruppen, sondern auch ganze Gesellschaften als krank zu betrachten. Gibt es hier nun einen Trend, eine wirkliche Bedrohung, vor der die Europäer stehen, oder liegt der Fehler im Abstand zwischen Theorie und Praxis? Die Möglichkeit Krankheit und Gesundheit durch Klassifizierungen nach DSM IV und
9 Wittchen/ Jacobi, 2005, S. 357.: “On the basis of meta-analytic techniques as well as on reanalyses
of selected data sets, it is estimated that about 27% (equals 82.7 million; 95% CI: 78.5-87.1) of the
adult EU population, 18-65 of age, is or has been affected by at least one mental disorder in the past
12 months.”
10 vgl. Zurhorst, 2008, S. 7f.
11 vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit in Deutschland. Berlin: Juli 2006, S. 60.
8
ICD-10 zu definieren, scheint zunächst eine rein dichotome Praxis zu unterstützen, in der es nur noch Gesunde und Kranke geben kann.
Gottschalk-Mazouz schlussfolgert, dass ein einheitlicher Krankheitsbegriff nötig ist, und nennt dabei neben dem hier gezeigten Problem der Pathologisierung von psychischen Störungen noch drei weitere Anwendungsgebiete: Die Früherkennung/ Screening, die Interaktion gegenüber Dritten (beispielsweise die Abrechnung bei den Krankenversicherungen) und Diskussionen um gesundheitsförderliches Handeln („Public Health Promotion“). 12 Die Notwendigkeit einer einheitlichen Begriffsklärung ist zunächst also gegeben, doch warum wurde dies noch nicht oder in unzureichendem Maße getan? Gadamer ist hier der Auffassung, dass es die Gesundheit selbst ist, die sich auf „eigentümliche Weise“ der „modernen Naturwissenschaft“ entzieht und somit nicht bei einer Untersuchung ans Licht tritt, sondern etwas ist, „das gerade dadurch ist, dass es sich entzieht.“ 13
Gesundheit ist also ein scheinbar unfassbarer Begriff, der in unterschiedlichem Verhältnis zur Krankheit stehen kann, aber von uns Menschen als erstrebens- und erhaltenswert angesehen wird und dies gesetzlich sogar als Pflicht impliziert. Er lässt sich zunächst nicht einfach aus der Summe der Krankheiten ableiten, ist aber auch nicht unabhängig von ihnen, wie bereits Nietzsche sagte.
Im Folgenden soll nun versucht werden, die verschieden Perspektiven zur Gesundheit zu fokussieren, um zu sehen, wie verschiedene Interpretationen von Gesundheit unterschiedliche Auswirkungen auf unsere Lebenspraxis haben können.
2.1 Gesundheit als Schweigen des Körpers
Die Gesundheit als ein nicht bewusst erlebter Zustand, der sich erst zeigt, wenn wir ihn nicht mehr besitzen, ist ein altes Motiv. Bereits Descartes schrieb 1649 in einem Brief an Chanut: „Obschon sie [die Gesundheit] das größte aller den Körper betreffenden Güter darstellt, [ist sie] dennoch dasjenige […], über das wir am wenigsten nachdenken, und das wir am wenigsten genießen. Die Erkenntnis der Wahrheit ist wie die Gesundheit der Seele: wenn man sie hat, denkt man nicht mehr
12 vgl. Gottschalk-Mazouz, 2008, S. 66.
13 Gadamer, 1994, S. 126.
9
daran.“ 14 Auch Leibnitz schrieb in Theodizee: „Aber gerade der Schmerz lehrt den Wert der Gesundheit erkennen, wenn wir ihrer beraubt sind.“ 15 Im Anschluss formulierte Diderot 1751: „Wenn wir uns wohlfühlen, unterrichtet uns kein Teil des Körpers von seiner Existenz.“ 16 Auch Kant schrieb 1798 zur Gesundheit in ähnlicher Weise im Streit der Fakultäten: „Man kann sich gesund fühlen (aus dem behaglichen Gefühl seines Lebens urteilen), nie aber wissen, ob man gesund sei […]. [D]aher der Mangel dieses Gefühls [krank zu sein] keinen anderen Ausdruck des Menschen für sein Wohlbefinden verstattet, als daß er scheinbarlich gesund sei.“ 17 Kant stellt damit die Gesundheit „[…] außerhalb des Felds des Wissens […]“. 18 Somit ist „Gesundheit […]kein wissenschaftlicher Begriff, sondern ein Gemeinbegriff.“ 19 Und auch Charles Daremberg schrieb 1865 in Anknüpfung an diese Denktradition, dass „man im Zustand der Gesundheit die Bewegungen des Lebens nicht verspürt. Alle Funktionen vollziehen sich stillschweigend.“ 20 So wird auch im 20. Jahrhundert noch die Gesundheit im „Schweigen der Organe“ gesucht, wie es René Leriche tat: „Die Gesundheit ist das Leben im Schweigen der Organe.“ 21 Auch Paul Valéry schrieb: „Die Gesundheit ist der Zustand, in dem die notwendigen Funktionen sich unmerklich oder mit Vergnügen vollziehen.“ 22
Diese Theorien des schweigenden Körpers als Indikator für Gesundheit, welche durch ihre Negation erfahrbar wird, finden auch heute noch in manchen Schriften Beachtung. 23 Die Gesundheit entzieht sich in allen Modellen unserem Wissen und wird nur durch ihre Abhandenheit und dem Vorhandensein einer Stimme des Körpers erfahrbar. Wie diese Stimme repräsentiert ist, variiert jedoch von Zitat zu Zitat. Für Leibnitz ist es der Schmerz, während es hingegen für Diderot das Unwohlfühlen ist. Bei Kant ist das Wohlbefinden dafür verantwortlich, dass wir glauben, scheinbar gesund zu sein. Die nicht genau erfassbare Stimme des Körpers wird vom Menschen also selbst noch einmal interpretiert, denn Wohlgefühl und Wohlbefinden negieren zwar in aller Regel mit dem Schmerz, jedoch ist das
14 zit. n. Canhuilhem, 2004, S. 54.
15 zit. n. Canhuilhem, 2004, S. 53.
16 zit. n. ebd., S. 52.
17 zit. n. ebd., S. 53.
18 ebd., S. 54.
19 ebd.
20 zit. n. ebd., S. 51f.
21 zit. n. ebd., S. 51.
22 zit. n. ebd.
23 Beispiel: Reuter, 2002.
10
Abhandensein von Schmerz keine hinreichende Bedingung, dass wir uns wohlfühlen oder -befinden. Un-wohlsein kann auch auftreten, wenn man Angst hat, ausgegrenzt wird oder unzufrieden mit etwas ist, kurz, dem Auf und Ab des Lebens ausgesetzt ist. Andersherum gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, die dafür Sorge tragen können, dass wir uns wohlfühlen. Man denke dabei an Alkohol, Drogen oder die Erfüllung materieller Wünsche. Sind diese Mitteilungen der Stimme des Körpers geeignet, uns über unsere Gesundheit aufzuklären? Man kann es nicht ausschließen, wenn man nicht genau weiß, was die Autoren unter der Stimme des Körpers verstanden. Unser heutiger Begriff von Wohlsein oder Wohlgefühl ist, wie es auch Kant schon andeutet, 24 interindividuell unterschiedlich, so muss Gesundheit als ebenso individuelles Verständnis interpretiert werden und wäre damit für justiziable Definitionen, welche mehrere Menschen betreffen würden, ungeeignet. Die heutige Medizin lässt jedoch noch eine weitere Möglichkeit zu, die Stimme des Körpers auf andere Weise „hörbar“ zu machen, denn oft sind auch schweigende Organe krank. Wodurch kommt das?
Wir sind mit bildgebenden Verfahren mittlerweile in der Lage, jede noch so kleine Unregelmäßigkeit im Körper zu erkennen. Wir haben Laboratorien, die uns über die Werte in unserem Blut und anderen Säften aufklären und uns Daten zugänglich machen, die mit anderen Daten vergleichbar scheinen. Wir müssen nicht mehr warten, bis sich das Organ meldet und uns sein Versagen ankündigt oder wir Schmerzen haben, sondern wir können präventiv tätig werden. Wir scheinen bereits krank zu sein, wenn die Gefahr einer Krankheit hochpotentiell wird. Doch „Die Verbreitung einer medizinischen Ideologie des Spezialistentums führt dazu, daß der Körper oft erlebt wird, als ob er eine Ansammlung von Organen wäre.“ 25 Was folgt ist die Frage nach der Notwendigkeit mancher Behandlungen, da überlegt werden muss, welche Erscheinungen berechtigt sind, behandelt zu werden und somit als krank definiert werden. Es muss daraus folgernd eine Einschränkung auf den Krankheitswert hin getroffen werden, doch woran kann man diesen fest machen? Christopher Boorse versuchte dies in seiner Schrift: Health as a Theoretical Concept. Dabei teilte er Teile der Körperlichkeit in verschiedene Funktionsklassen ein und unterscheidet somit ihren Nutzen. 26 Dieses Effizienzdenken schränkt den
24 „(aus dem behaglichen Gefühl seines Lebens urteilen)“
25 Canhuilhem, 2004, S. 57.
26 dazu mehr unter 2.3.1
11
Gesundheitsbegriff jedoch nicht auf eine phänotypische Leidensabhängigkeit ein, da nun auch die Stimme überhört werden muss, wenn es sich um keine relevante Funktionsstörung handelt. Krank zu sein obliegt dann nicht mehr dem Wohlbefinden oder Auftreten von Schmerz, sondern der Beurteilung durch Dritte. Die Messbarkeit der Faktoren, welche zur Krankheit führen könnten und ihre Hierarchisierung verleiten zu dem Eindruck, dass die Gesundheit ein naturwissenschaftlicher Begriff sei, der auch durch das Minimieren von Risikofaktoren hergestellt werden kann.
Tatsächlich lässt sich somit die Gesundheit im Lebensvollzug mit der Sichtweise als das Schweigen des Körpers nicht mehr allein realisieren, da neben den interindividuellen Unterschieden des Wohlbefindens als Stimme des Körpers, nun auch die Organe im Schweigen einen Krankheitswert erhalten können. Die Möglichkeit der Krankheit kann nicht überwunden werden. Hinzu kommt in der modernen Gesellschaft und Medizin, dass das Phänomen der psychischen Gesundheit und ihrer Störung so stark in dem Mittelpunkt gerät, dass heute Gesundsein nicht mehr nur durch das Funktionieren des Leibes gedacht werden kann. Bereits Nietzsche machte auf die Erweiterung dieses Paradigmas aufmerksam, als er die Gesundheit über die Körperlichkeit hinaus differenzierte und die Gesundheit des Leibes in Abhängigkeit zur Gesundheit der Seele stellte. 27 Im Folgenden soll nun gezeigt werden, wie Gesundheit heute verstanden wird und inwiefern dabei Krankheit durch die Naturwissenschaften bestimmt werden kann.
2.2 Gesundheit als mehrdimensionales Paradigma
Wie unter 2.1 gezeigt wurde, kann Gesundheit heute nicht mehr als Paradigma verstanden werden, bei dem wir erst glauben nicht mehr gesund zu sein, wenn der Körper bereits Alarmsignale aussendet oder wir uns schlecht fühlen. Gesundheit wird heute mehrdimensional begriffen, sie ist ein Paradigma geworden, welches in Abhängigkeit zu vielerlei Faktoren steht. Es wird bei Fragen der „Gesundheit und Krankheit von einem >>bio-psycho-sozial-kulturellen Paradigma<< ausgegangen […] (Engel 1978; Perrez u. Baumann 2005, S. 34; W. Stroebe u. M. Stroebe 1998, S.
27 vgl. Caysa, 2000. In: Ottmann, 2000, S. 243.
12
21; Milz 1996, S. 86ff.).“ 28 Das Verständnis dieses mehrdimensionalen Paradigmas ist jedoch nicht einheitlich 29 , so treffen sich „synthetische Erklärungen vom Molekül an aufwärts und reduktionistische Analysen vom Gedanken an abwärts […] nicht.“ 30 Dennoch findet man dieses Paradigma in allgemeiner Anwendung bei der Definition der Gesundheit.
Es gibt also nicht den Gesundheitsbegriff, sondern es gibt eine Reihe von Auffassungen zur Gesundheit, welche je nach Faktor variieren. Beispielsweise zeigt die Kulturabhängigkeit, dass Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen sich verändern können. Zurhorst zitiert an dieser Stelle Bergdolt mit seinen „umfangreichen kulturgeschichtlichen Untersuchungen“: „Es ist aber
[…]bezeichnend, ja muss zu denken geben, dass bisher jedes vorherrschende Paradigma der Gesundheitslehre, ja der Heilkunde überhaupt, durch ein anderes, meist kohärentes Angebot abgelöst wurde.“ 31 Ihm zufolge lässt sich über die Entwicklung des Gesundheits- und Krankheitsparadigmas feststellen, dass es drei Ebenen gibt, welche mit und gegeneinander spielen können. Zum einen sei das die klinische Ebene in der Form von Nosos, also Krankheit, die naturwissenschaftliche Ebene als Pathos, das Leiden, und die subjektiv-personalistische Ebene als Aegritudo, also dem Unwohlsein. 32
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert in ihrer Verfassung die Gesundheit wie folgt: „Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens [Wohlbefindens] 33 und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ 34 Dadurch, dass in dieser Definition mehrere Faktoren für die Gesundheit aufgenommen werden, lehnt sich die WHO an die Vorstellung eines bio-psycho-sozial-kulturellen Paradigmas (BPS) an. Allerdings steht für die WHO das Wohlergehen im Mittelpunkt, womit die subjektivpersonalistische Ebene zentriert wird. Diese verweist damit auch auf das Problem des „Spannungsverhältnisses von objektivem >>Befund<< und subjektivem
28 Zurhorst 2008, S. 9.
29 vgl. ebd.
30 Lehmkul, 2001, S. 666: zit. n. Zurhorst, 2008, S. 10.
31 Bergdolt, 1999, S. 316: zit. n. ebd.
32 vgl. ebd.
33 ebd. S. 11.
34 Schweizer Eidgenossenschaft: http://www.admin.ch/ch/d/sr/0_810_1/ (20.12.09)
13
>>Befinden<<“ 35 , macht aber, so Zurhorst, das Ganze damit nicht außer- oder unwissenschaftlich. 36
Gesund-sein gelingt nicht nur durch die körperliche Potenz, das Leben zu vollziehen, sondern gesund-sein heißt hier unter anderem auch psychisch gesund zu sein, also das Leben erleben zu können. Die unterschiedlichen Faktoren hängen dabei aber in starkem Maße zusammen und bedingen sich gegenseitig, wie allein die Rolle der Psyche zeigt. „Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit. […] Auf individueller Ebene bildet die psychische Gesundheit die Voraussetzung dafür, dass der Einzelne sein intellektuelles und emotionales Potential verwirklichen und seine Rolle in der Gesellschaft, in der Schule und im Arbeitsleben finden und erfüllen kann. Auf gesellschaftlicher Ebene stellt die psychische Gesundheit eine Ressource für den sozialen Zusammenhalt sowie für ein besseres Sozialwohl und wirtschaftlichen Wohlstand dar und erleichtert den Übergang der EU zur Wissensgesellschaft.“ 37 Die soziale Gesundheit, in diesem Fall also das Aufgehen in der individuellen Rolle, wird hier direkt von anderen Faktoren, wie der psychischen und sicherlich auch der physischen Gesundheit beeinflusst. Neben dieser Erkenntnis offenbart das Zitat aber auch noch eine weitere Dimension. Gesundheit bezieht sich nicht nur auf Individuen, sondern kann sich ebenso auf Gesellschaften beziehen, 38 welche ein ideales Ziel verfolgen, wie in diesem Beispiel den „Übergang der EU zur Wissensgesellschaft“ und dabei wird die Gesundheit als Ressource gesehen.
Allein die psychische Gesundheit zeigt, dass nicht mehr nur die Medizin oder das Individuum selbst die Verantwortung trägt, sich gesund zu erhalten, sondern dass die Definitionen der WHO so weitläufig sind, dass unter der Fahne der Gesundheit die WHO jedem weisungsberechtigt scheint, welcher der Erreichung eines solchen Zieles im Wege steht. Dies wurde mit der Ottawa-Charta von 1986 noch einmal bekräftigt: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes
35 Zurhorst, 2008, S. 10.
36 vgl. ebd., S. 11.
37 WHO/ EU 2005: zit. n. ebd., S. 7.
38 Etwas differenzierter stellt dies Gottschalk-Mazouz dar, der davon ausgeht, dass sich Krankheiten
auf folgende Entitäten beziehen können: „Organe, Körperteile […], Individuen […], Gruppen […]
oder Gesellschaften […].“ siehe Gottschalk-Mazouz, 2008, S. 71f.
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Steffen Bergmann, 2010, Ist Enhancement gesund? - Zur Problematik des Gesundheitsbegriffs in Hinblick auf Optimierungen am Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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