1. Einleitung
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Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Heimatfront während des Ersten Weltkrieges. Dabei wurde der Fokus auf die weibliche Arbeiterschaft gesetzt. Zunächst jedoch wird der Begriff der Heimatfront in Kapitel 2 näher erläutert sowie deren Anspruch an die Gesellschaft analysiert. Es wird insbesondere der Frage nachgegangen, wieso die Heimatfront so wichtig für den Krieg war und welche Konsequenzen das Kriegsgeschehen auf die Gesellschaft hatte. Darauf aufbauend ist es in Kapitel 3 von Bedeutung, die Familie während des Krieges zu betrachten, um ein einheitliches Bild von der Situation jenseits des Kriegsschauplatzes zu bekommen. Kapitel 4 behandelt eine Vor- und Gegenüberstellung traditioneller und neuer Berufe, in denen Frauen während des Ersten Weltkrieges arbeiteten. Die Verbreitung der neuen Arbeitsberufe, sowie die Arbeitsverhältnisse und gesundheitliche Folgen werden außerdem dargestellt. Der Fokus soll dabei besonders auf diesen neuen Berufen liegen. Das Kriegsende implizierte nicht nur den Frieden, sondern auch die Rückkehr der männlichen Familienangehörigen und somit auch die Rückkehr der Arbeiter. In Kapitel 5 wird der Frage nachgegangen, ob somit noch Platz für die weiblichen Arbeitskräfte in den neu erlernten Berufen und den damit besetzten Arbeitsplätzen war.
In Kapitel 6 wird Aufschluss darüber gegeben, inwiefern die Frauen nach dem Kriegsende eine Veränderung erlebt haben und wie diese aussah. Im Anschluss daran folgt eine kurze Zusammenfassung der behandelten Thematik. Insbesondere wird in dieser Arbeit auch auf die französischen, österreichischen und britischen Frauen an der Heimatfront eingegangen, um einen breiteren Überblick zu schaffen und um zusätzlich die Unterschiede zwischen den beteiligten Ländern zu verdeutlichen.
1 Daniel, Ute: Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie, Politik im Ersten Weltkrieg,
Göttingen 1989, S. 13 (im Folgenden zitiert als: Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft).
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2. Die Heimatfront der Anspruch an die Gesellschaft
Die Heimatfront bezeichnete den Einbezug der in der Heimat gebliebenen Gesellschaft in das Kriegsgeschehen in Form von Arbeit für die Kriegsindustrie und der Anpassung des Alltagslebens an die Kriegsverhältnisse. Bereits vor der Mobilmachung am 1. August 1914 wurden Frauen beauftragt, die eingezogenen Soldaten an den Bahnhöfen zu betreuen. In der Regel wurde die
Frauenvereine folgten diesem Beispiel bereits Mitte August 1914. 2 Zu dieser Zeit stand nahezu die gesamte Bevölkerung hinter dem Krieg. Der Burgfriede 3 war bezeichnend und implizierte die Solidarität der gesamten Bevölkerung zum Kriegsgeschehen. 4 Wohlfahrtspflege zur Verbesserung der Versorgung und Familienarbeit gehörten zwar bereits vor dem Krieg zu gängigen Unterstützungen, jedoch kennzeichnete die Wohlfahrt während des Krieges eine eher praktische Ausrichtung unter anderem wurden Kriegskochkurse oder Informationsveranstaltungen zur Säuglingspflege angeboten. 5 wurde am 31. Juli 1914 eingerichtet und bedeutete den Zusammenschluss aller Frauenvereine im Deutschen Reich. Hauptaufgaben waren die Nahrungsmittel-versorgung, Betreuung von Familien und die Arbeitsbeschaffung. 6 Frauen galten zu dieser Zeit durch die Kompensierung des Arbeitskräfteausfalls als . 7 Wären Frauen nicht zahlreich in
die kriegswichtige Industrie abgewandert, so hätte die deutsche Front besonders in Frankreich während der Kämpfe an der Somme und in Verdun nicht die Mittel gehabt, den Krieg weiter zu führen; denn für die Herstellung und Instandsetzung von Munition und sonstigem Frontbedarf waren während des Krieges hauptsächlich die Frauen zuständig. 8
2 Hering, Sabine: Die Kriegsgewinnlerinnen. Praxis und Ideologie der deutschen Frauenbewegung im
Ersten Weltkrieg, Pfaffenweiler 1990, S. 27f. (im Folgenden zitiert als: Hering, die
Kriegsgewinnlerinnen).
3 Der Burgfriede bezeichnet zu dieser Zeit die Beilegung internationaler Konflikte bis zum Ende des
Krieges.
4 Hering , die Kriegsgewinnlerinnen, S. 32f.
5 Eifert, Christiane: Frauenpolitik und Wohlfahrtspflege. Zur Geschichte der sozialdemokratischen
Arbeiterwohlfahrt, Frankfurt am Main 1993, S. 13f. (im Folgenden zitiert als: Eifert, Frauenpolitik und
Wohlfahrtspflege).
6 Eifert, Frauenpolitik und Wohlfahrtspflege, S. 24.
7 ter Weltkrieg, Paderborn
2003, S. 116f. (im Folgenden zitiert als: Daniel, Frauen).
8 Daniel, and family: Germany 1914-
The upheaval of war: family, work and welfare in Europe 1914-1918, S. 273 (im Folgenden zitiert als:
Daniel, W and family).
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Dies verdeutlicht die besondere Stellung und den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kriegsschauplatz und Heimatfront, welche sich zur Aufgabe gesetzt hatte, die eigenen Bedürfnisse zugunsten des Vaterlandes zurückzustellen. Der Krieg sollte nur drei Monate andauern und man ging davon aus, dass die Soldaten an Weihnachten wieder bei ihren Familien sind. 9 Mit dem Ausbleiben des Kriegsendes stieg auch die wirtschaftliche und soziale Problematik, die der nur so kurz erwartete und geplante Krieg mit sich führte. Die Verknappung der Rohstoffe, die damit verbundene Rationierung und Teuerung der Lebensmittel, sowie Kriminalität, Armut und gesundheitliche Probleme waren mitunter einige der Folgen, die der Krieg der Gesellschaft entgegenbrachte. 10 Die Heimatfront bedeutete für die Frauen erstmalig einen schrittweisen Einbezug in die Arbeitswelt und Verwaltung des öffentlichen sowie privaten Lebens. Dadurch kam es zu einer Aufgabenumverteilung innerhalb der bisher üblichen Familienstrukturen, da die Frauen die Erziehung der Kinder sowie die Erhaltung des Lebensunterhaltes sichern mussten. 11
An dieser Stelle sollte vorweg erwähnt werden, dass, im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, die deutsche oder britische Zivilbevölkerung nicht unmittelbar am Kriegsgeschehen teilnahm, da sich die Bombenangriffe und das allgemeine Kriegsgeschehen auf die Frontländer Frankreich, Belgien und Russland beschränkte. 12
Nicht nur für die Frauen bedeutete die Heimatfront einen Wandel in Beruf und Selbstständigkeit; für die gesamte Familie war der Krieg mit einem sozialen und wirtschaftlichen Umschwung verbunden. Darauf soll im nächsten Kapitel näher eingegangen werden.
9 Hering , die Kriegsgewinnlerinnen, S. 33.
10 Aigner, Christa Hämmerle (Hg.):
Kindheit im Ersten Weltkrieg, Wie die aus der Not
geborene Idee, Sparkocher zu bauen
11 Hering , die Kriegsgewinnlerinnen, S. 35.
12 Molthagen, Dietmar: Das Ende der Bürgerlichkeit? Liverpooler und Hamburger Bürgerfamilien im Ersten
Weltkrieg, Göttingen 2007, S. 113.
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3. Die Familie im Ersten Weltkrieg
Zu Beginn des Krieges wurde der Krieg vom Militär und von den Soldaten im
13
Hauptaufgabe der Frauen vor dem Ersten Weltkrieg war die Familie. Der Krieg forderte jedoch eine zu verändernde Struktur des Alltagsgeschehens. Der wohl ausschlaggebendste Punkt dieser Veränderung war die Einberufung der Männer für den Kriegsdienst. Dies bedeutete zum einen die Trennung der Soldaten von der Familie, zum anderen fiel mit dem Vater der Hauptversorger der Familie aus, sodass insbesondere das Geld fehlte, um die Familie entsprechend versorgen zu können. Durchschnittlich 172.500 Männer wurden während des Krieges pro Monat an die Front geschickt. Insgesamt macht dies bis zum Kriegsende 13,3 Millionen Männer, die den Frontdienst leisteten. 14 Somit nahm die Zahl der männlichen mitwirkenden Personen in der Familie ab. Daraus ergibt sich, dass Frauen die Arbeit der Männer häufig übernommen haben. 15 Hinzu kommen die schlechten Ernteerträge von 1916 in England und Deutschland, was zu einem weiteren Rohstoffmangel führte. Ebenso versenkten beispielsweise deutsche U-Boote britische Nahrungsschiffe, sodass keine Rohstoffe auf die Insel importiert werden konnten. 16 Die Kohlrübe als Hauptnahrung des Winters 1916 steht ebenso sinnbildlich für Hunger und Kälte. 17
Den Familien, welche durch die Einziehung der Väter, Söhne und Ehemänner nicht mehr eigenständig für ihre Existenzgrundlage sorgen konnten, wurde vom Staat eine Kriegsunterstützung gewährt. Diese bestand aus einem Unterstützungsgehalt von bis zu 9 Mark täglich für Familien Der Satz für ledige Frauen und Kinder, welche vorher von einem eingezogenen Soldaten unterstützt wurden, lag bei 6 Mark. 18 Auch kann man erkennen, dass sich die Gemeinden aktiv an der Unterstützung für die bedürftigen Familien beteiligten. Beispielsweise baten sie die Vermieter, die Mieten zu senken; die Gemeinden
13 Daniel, Frauen, S. 121
14 Oltmer, Jochen: Oltmer, Jochen: Bäuerliche Ökonomie und Arbeitskräftepolitik im Ersten Weltkrieg:
Beschäftigungsstruktur und Arbeitsverhältnisse und Rekrutierung von Ersatzarbeitskräften in der
Landwirtschaft des Emslandes 1914-1918, Bentheim 1995, S. 22.
15 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 136.
16 Gill, Thomas: Life on all fronts. Women in the First World War, Cambridge 1989, S. 19. (Im Folgenden
zitiert als: Gill, Life an all fronts).
17 Hering, die Kriegsgewinnlerinnen, S.39.
18 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 29f.
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kamen außerdem für den Mietausfall auf. Hatten die Frauen Arbeit, so wurde ihnen nur die sich daraus ermittelte Differenz zu der Kriegsunterstützung ausgezahlt. 19 Die Unterstützung wurde im Jahr 1915 von 6 auf 9 Mark im Sommer und von 9 auf 12 Mark im Winter erhöht und auch Verwandte und uneheliche Kinder bekamen nun die staatliche Hilfeleistung. 20 Fest steht jedoch, dass Frauen und Kinder im fortschreitenden Krieg nicht mehr alleine von der Familienunterstützung leben konnten, 21 da das gesamte Familien- und Sozialverhalten im Alltag einen erhöhten Bedarf an finanziellen Mitteln
23 der Familien sprechen.
Durch den Mangel an Lebensmitteln wie Kartoffeln, Milch und Eier, sowie durch deren Teuerung und spätere Rationierung, waren die Frauen gezwungen, die Nahrungszubereitung für die Familie an die Kriegsverhältnisse anzupassen. 24 Da auch Putzutensilien und Kleidung nicht mehr leicht zu erhalten waren, weil Baumwolle nicht importiert werden konnte und die Inhaltsstoffe der Putzmittel in der chemischen Kriegsindustrie gebraucht wurden, litt die Reinheit von Wohnung und Kleidung. Auch blieb kaum Zeit für das Reinigen der Wohnung, da die Arbeit und das lange Anstehen für die Nahrungsmittel die gesamte Zeit aller Familienmitglieder in Anspruch nahm. 25 Die zunehmende Verelendung der Familien zeigte sich häufig durch schmutzige und defekte Kleidung oder durch Schuhmangel. Dieser war im Sommer nicht problematisch, da es warm genug war, barfuß zu laufen. Im Winter jedoch wurden Provisorien aus Zeitung und Stoff angefertigt, welche aber dennoch zu dünn waren. 26 Erste Streiks gegen die Teuerung und Rationierung der Lebensmittel, gegen schlechte Löhne und Arbeitszeiten sowie gegen den Krieg gab es bereits 1915. Ihren Höhepunkt erreichten sie besonders in Frankreich, Österreich und
19 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 63.
20 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 172f.
21 us der Not geborene Idee, SparHämmerle (Hg.):
Kindheit im Ersten Weltkrieg, Wien 1993, S. 212.
22 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 77.
23 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 33.
24 Davis, Bel , in: Karen
Hagemann & Stefanie Schüler- Springorum: Heimat- Front. Militär- und Geschlechterverhältnisse im
Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt am Main 2002, S. 129.
25 Augeneder, Sigrid: Arbeiterinnen im Ersten Weltkrieg. Lebens- und Arbeitsbedingungen proletarischer
Frauen in Österreich, Wien 1987, S. 139f. (im Folgenden zitiert als: Augenender, Arbeiterinnen im Ersten
Weltkrieg).
26 Augenender, Arbeiterinnen im Ersten Weltkrieg S. 164.
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Deutschland im Winter 1916/1917. Vor allem Frauen waren sehr aktiv. 27 So veröffentlichten beispielsweise Berta Thalheimer und Clara Zetkin, Mitglieder des sozialdemokratischen Vereins Groß-Stuttgart, am 6. November 1915 ein Flugblatt an die württembergische Staatsregierung und forderten unter anderem, dass
1. eine einheitliche Regelung der Lebensmittelversorgung durch das ganze Reich erfolgt,
2. daß einheitlich im ganzen Reiche Grundpreise für die Lebensmittel festgesetzt werden und daß deren Verteilung an die Bevölkerung zu Preisen erfolgt, die je nach Steuerklassen durch Abschläge und Zuschläge abgestuft sind. 3. daß eine allgemeine Beschlagnahme sämtlicher Lebensmittel im ganzen Reich vorgenommen wird.
4. daß durch entsprechende Maßnahmen auch der Aufkauf und die Einfuhr von ausländischen Lebensmitteln der Privatspekulation entzogen wird. 28
Dies verdeutlicht, dass insbesondere die Frauen mit dem Kriegsgeschehen und der Lage an der Heimatfront bereits 1915 nicht zufrieden waren. Langsam entwickelte sich aus der patriotischen Kriegsbegeisterung ein aktiver Widerstand gegen die Regierung der Länder und gegen die Preiswucherer, welche das Leben der Familien sehr schwer gestalteten.
Während des Krieges gab es weniger Eheschließungen, da die Männer eingezogen waren und so ein geringes Angebot für die Frauen bestand. Zu Kriegsbeginn kam es vermehrt zu vorgezogenen Eheschließungen. Fest steht jedoch, dass es im Vergleich zu den Jahren vor dem Krieg mehr junge, unverheiratete Frauen gab. Ebenso verursachte der Kriegstod junger Männer eine veränderte Geschlechterproportion. 29 Auch kam es durch den Ersten Weltkrieg zu einem Rückgang der Geburten. Dies kann man auf die oben genannten Faktoren zurückführen, jedoch kam es ebenso häufiger zu Fehlgeburten wegen der Unterernährung und Erschöpfung der arbeitenden Frauen. Dennoch gab es einen gesonderten Mutter- und Säuglingsschutz. Dieser war bei den kriegsbedingten Problemen wie beispielsweise mangelnder Nahrung und Kleidung sehr wichtig. Bis zu vier Wochen nach der Geburt wurde der Mutter ein Krankengeld ausgezahlt. Jedoch war der Satz des Krankengeldes sehr gering, sodass die Mütter
27 Davis, Belinda: Home fires burning. Food, politics and everyday life in World War I Berlin, Michigan
2000, S. 71.
28 Schwerin, Kerrin Gräfin: Frauen im Krieg. Briefe, Dokumente, Aufzeichnungen, Berlin 1999, S. 49ff. (im
Folgenden zitiert als: Schwerin, Frauen im Krieg)
29 Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 131f.
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Arbeit zitieren:
Sarah Rütjes, 2010, Arbeiterinnen im Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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