Vorstellungsgesprächen eingeladen und haben weniger Netzwerke und Beziehungen, um in die Arbeitswelt einzusteigen.“ 3 2,3 Millionen der 9,5 Millionen 15- bis 25 jährigen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Mit 12,6 % sind fast doppelt so viele Migranten erwerbslos wie Nichtmigranten. Jeder Dritte lebt von Hartz IV. Im öffentlichen Dienst arbeiten rund 3%, in anderen Ländern sind es 10%. In Deutschland würden Verliererbiografien oft auf die nächste Generation vererbt. 4 Spätestens hier zeigt sich das Problem als ein Soziales, das herkunftsunabhängig ist.
Schulverweigerung und sozialer Abstieg
An den „Restschulen“ 5 entwickelte sich das Problem der Schulverweigerer seit den 1980er Jahren zu einem riesigen, ohne dass es nachhaltig in den Fokus der Öffentlichkeit geriet. Fehlende Schulabschlüsse und Schuleschwänzen sowie die anschließende kriminelle Karriere gehören unweigerlich zusammen. Oft führt aufsässiges Verhalten und Widerstand der Pubertisten zu Schulausschlüssen, Schulwechseln bis zur Schulverweigerung. Da sich kaum einer diesen Jugendlichen gegenüber gewachsen sieht- sie brauchen ein Höchstmaß an Autorität- ist dieses Problem oft hausgemacht. Schnell gelten diese durchaus intelligenten Jungen- Mädchen holen auch hier auf- als unbeschulbar. Private Träger der blühenden Integrationsindustrie sollen später richten, was dann kaum mehr zu reparieren ist. Es geht jedoch nicht darum, bei diesen Jugendlichen den Integrationsgedanken zu entfachen, sondern darum, sie teilhaben zu lassen, ihnen den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Da diese Jugendlichen aber ohne Ende nachwachsen, leben diese öffentlich geförderten Träger von ihnen, ohne Erfolgsgarantie. Wer dort nicht funktioniert fliegt auch da raus. Es stehen genug junge Menschen Schlange oder werden von den Jugendgerichten zugewiesen. Auch mangelndes Interesse an Fehlzeiten der Schüler durch das Personal hat manchmal Folgen. Wer fehlt, kann nicht stören!
Die Jugendlichen müssen später großen Ehrgeiz und Willen entwickeln, um kompensieren können, was sie versäumt haben. Sie können zwar Schulabschlüsse nach machen, wobei der Hauptschulabschluss heute auf dem Arbeitsmarkt fast wertlos ist. Das haben viele längst begriffen und aufgegeben. Diese Willenskraft ist nicht jedem gegeben und führt zu den Dropouts der Gesellschaft, weltweit zu beobachten.
Immer wieder wird die Schuldfrage gestellt, die Eltern trügen die Verantwortung. Wie soll man folgendes Beispiel bewerten? Ich habe in meiner jahrzehntelangen Berufspraxis nie Eltern kennen gelernt, die ihren Kindern den Weg zu Transferleistungen nahe legten, wohl aber viele Kinder, die ihre Eltern damit provozierten und hilflos machten, wenn sie es nicht eh schon waren, erziehungsunfähig. Heute hat das Unterschichtfernsehen diese Klientel entdeckt, schickt die Super-Nanny, den Super-Sozialarbeiter nach Hause oder zeigt Erziehungscamps zum Zuschauen.
Eine deutsche sechsköpfige Familie lebte in der Gropiussiedlung, 1964 eingeweiht als soziales Vorzeigeprojekt, nun im sozialen Umbruch und in Schieflage geraten. Als der Vater als Maler arbeitslos wird, der Alkoholkonsum steigt, gerät die Familie mit ihren vier pubertierenden Kindern immer mehr ins Abseits. Zu Hause wird nur noch geschrien, jeder Zusammenhalt geht verloren. Die Familie zerbricht an ihren Problemen, wohnt aber weiter unter einem Dach. Gemeinsame Gespräche gibt es schon lange nicht mehr. Dafür kommt alle halbe Jahre die Sozialarbeiterin. Die weiß gut Bescheid, hat besonders zur Tochter einen
3 Siehe Tagesspiegel vom 15.5.2010: Doppelt benachteiligt: DGB Studie zu jugendlichen Migranten von Sara Schurmann
4 Siehe Tagesspiegel vom 15.5.2010, Doppelt benachteiligt- DGB Studie zu jugendlichen Migranten von Sara Schurmann
5 Als „Restschulen“ bezeichne ich die Hauptschulen, die keine Schüler mehr nach unten durchreichen können, wie die anderen. Schwänzt dort einer lange genug, macht er automatisch den Abstieg im Schulsystem durch.
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guten Kontakt, aber ändern kann sie nichts. Ins Heim möchte kein Kind, das ist noch schlimmer und die soziale Ausgrenzung noch größer. Besonders die Tochter leidet unter den Hänseleien ihrer Brüder und ritzt sich immer wieder. Alle Kinder verweigern sich mehr und mehr der Schule. Bei dem Ältesten ist es besonders gravierend. Er trifft sich mit Kumpels und die klauen das, was sie nicht haben oder setzen das Diebesgut in Geld um. Autoradios oder Schnaps eignen sich besonders gut. Die Radios nimmt der Trödler, den Schnaps die vielen Imbissbuden in Nord-Neukölln. Mit Hilfe der Sozialarbeiterin landet der eine Junge im Schulverweigerer-Projekt unserer Schule. Auch hier wird der Schulbesuch nicht regelmäßig, ihn interessieren als Pubertisten andere Sachen; er ist wortkarg und verachtet seine Mutter, die durch Armut und Alkohol gezeichnet ist. So will er nicht werden. Er hat einen Kompromiss zu Hause gefunden: Wenn er nicht zur Schule will, bleibt er zu Hause und sieht fern, zieht nicht mit seinen Kumpels herum. Die Mutter kommentiert schnörkellos: „Da bin ick schon froh und glücklich drüber, denn dann weeß ick doch dass der keenen Mist baut.“ Erziehungsunfähigkeit ist kein Phänomen der Unterschicht. Mittelstandseltern machen eher die Schulaufgaben für ihre Kinder, die durch ständige Leistungsmessungen zu Bulimielernen angehalten sind. Sie lernen kurzfristig etwas auswendig, was dann schnell in Vergessenheit gerät, da es bedeutungslos, nur der Hürde Prüfung geschuldet ist. Es gibt überall Elternzirkel, die sich mit ihren Kindern auf den MSA 6 vorbereiten. Die Kinder rufen häufig ohne die Antwort abzuwarten: „ Mama, ich komme heute etwas später zum MSA, geht das?“ Ihr Ziel ist das Abitur, das andere nur eine lästige Hürde. Das nennt man, effizient arbeiten. Die Mittelschicht hat Angst vor dem sozialen Abstieg, was ihre pubertierenden Kinder nicht nachvollziehen können.
Nun regt sich auch die Wirtschaft immer mehr, möchte „ungenutzte Potentiale erschließen“, wie es der IHK Präsident Berlins Eric Schweitzer formuliert. Zukünftig befürchtet man, 460.000 Arbeitsplätze allein in Berlin nicht besetzen zu können. Bislang befänden sich hier 60%(!!) der Schulabgänger nicht in Lehrstellen, sondern in Warteschleifen, in sogenannten berufsvorbereitenden Maßnahmen. In Berlin läuft die Kampagne „Berlins Wirtschaft braucht Dich“. Im öffentlichen Dienst habe sich die Zahl der Auszubildenden mit Migrationshintergrund fast verdreifacht und lag Ende 2009 bei 19,5%. 7 Immerhin.
Ist Holland ein Modell?
Claudia Keller schwärmt im Tagesspiegel vom 16.5.2010 8 von den Anstrengungen des ersten allochtonen Bürgermeisters in Westeuropa, der in Rotterdam für Integration steht und sich um sie bemüht. Hier ihr Bericht, den ich gekürzt habe.
„Sein Vater war Imam, in Marokko, in einem kleinen Dorf im Rif-Gebirge. Eine angesehene Position. Das Geld reichte trotzdem nicht. Also wanderte der Vater aus, um Geld zu verdienen. Er ging nach Algerien, nach Frankreich, nach Holland. Hier machte der Imam den Dreck der Einheimischen weg. Er arbeitete tagsüber, er arbeitete nachts und oft auch am Wochenende. Als die Großmutter in Marokko starb, holte er Frau und Kinder nach. Ahmed Aboutaleb, der Sohn, war 15 Jahre alt, als er in Den Haag aus dem Zug stieg. Das war 1976. Er hatte nichts, kein Geld, er konnte kein Holländisch, nicht mal Fahrrad fahren. Seit eineinhalb Jahren ist Ahmed Aboutaleb Bürgermeister von Rotterdam, der erste aus einer Einwandererfamilie und der erste Muslim in einem solchen Amt in ganz Westeuropa. Rotterdam hat 600 000 Einwohner. Jeder zweite hat ausländische Wurzeln, 2017 werden es zwei Drittel sein. Auch Berlin und andere Großstädte entwickeln sich in diese Richtung. Ahmed Aboutaleb ist 49 Jahre alt. Er hat demütigende Erfahrungen gemacht. Ich wollte unbedingt raus aus dieser elenden Lage.“ Tagsüber jobbte er, abends lernte er Holländisch,
6 Mittlerer Schulabschluss, auch Voraussetzung, um die Oberstufe des Gymnasiums zu besuchen.
7 Siehe Tagesspiegel vom 18.5.2010: Gegen Fachkräftemangel von Hadija Haruna
8 Der Tagesspiegel vom 16.5.2010: Ein Muslim für Rotterdam
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besuchte nicht nur einen Kurs, sondern mehrere gleichzeitig. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte den Schulabschluss nachholen, aber sein Vater sagte: „Tut mir leid, ich kann dir das nicht bezahlen.“ Das sei ein dramatisches Gespräch gewesen, Ahmed Aboutaleb setzt sich auf die Sesselkante. Er wollte es schaffen, unbedingt. Er arbeitete, ging auf die Schule, man entdeckte seine mathematische Begabung, er wurde Ingenieur, Journalist, Ministeriumssprecher, Schuldezernent. Ging für die sozialdemokratische Arbeitspartei (PvdA) in die Politik und wurde Staatssekretär für Soziales. Und als der langjährige Rotterdamer Bürgermeister 2008 aufhörte, bewarb sich Ahmed Aboutaleb um das Amt. Draußen vor dem Rathaus kreischen Möwen. Der Hafen ist nicht weit. Und auch nicht der Binnenweg, die längste Straße Rotterdams. Läuft man ihn vom Anfang bis zum Ende, merkt man, wie gespalten die Stadt ist. Hier im Stadtzentrum, wo die Straße „Oude“, „Alter“ Binnenweg heißt, bieten Schreibwarengeschäfte Montblanc-Füller an und Juweliere teure Uhren. Hier kaufen die alteingesessenen Holländer ein, die sie hier „Weiße“ nennen. Die meisten von ihnen haben Arbeit, gehören zur Mittelschicht. Weiter Richtung Westen, über Grachten hinweg, wird der „Oude“ zum „Nieuwe“ Binnenweg. Hier heißen die Frisörläden „Afro Queen“, nebenan gibt es Falafel, Kebap und Shisha-Pfeifen, die brasilianische Cocktail-Bar reiht sich an die Halal-Metzgerei, das Curry House an Telefonshops, in denen man billig in die Welt telefonieren kann. Etliche Läden stehen leer. „Weißen“ Holländern begegnet man hier kaum, wohl aber vielen „Schwarzen“. Das sind die neuen Holländer, sie stammen aus Marokko, der Türkei, aus Surinam, von den Antillen und den Kapverden. Sie haben überdurchschnittlich häufig keine oder schlechte Schulabschlüsse und wenig Chancen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Ahmed Aboutaleb will Vertrauen schaffen, er will sie zusammenbringen, die Weißen und die Schwarzen, die Menschen vom alten und vom neuen Binnenweg. Damit sie sich nicht abschotten in Misstrauen und Hass. „Schauen Sie, beide Seiten haben ja die gleichen Ängste“, sagt Aboutaleb in seinem Wildledersessel im Rathausbüro. „Die Angst, ihre Identität zu verlieren.“
Geht man die Rathausstraße ein Stück weiter, kommt man auf die Erasmusbrücke. Sie führt über die Maas auf die südliche Seite Rotterdams und trennt Reich von Arm. Dort auf der Rückseite der ehemaligen Docks reihen sich enge rote Backsteinhäuser aneinander. Die Stadt hat sich die Sanierung der Viertel viel kosten lassen, ganze Straßenzüge wurden abgerissen, um neue Spielplätze und Grünflächen anzulegen. Die Mieten sind billig geblieben, 100, 200 Euro für drei Zimmer. Wer Arbeit und Einkommen hat und hier herzieht, muss weniger Steuern zahlen. So will man die Mittelschicht locken, damit sich die Viertel mischen und nicht nur die sozial Schwachen hier leben, die Einwanderer.
Aboutalebs Lebensthema ist Bildung, auch politisch. „Jeder hat ein Talent, also leg los, statt zu jammern. Sie werden die Zukunft sein. Sie werden die Politiker stellen, die Mathematiker, die Polizisten. Also erzähl mir nicht, du seist ein Opfer!“ Das schärft er den Jugendlichen ein, wo immer er sie trifft, in Schulen, im Fußballclub, in Moscheen. Es müsse nicht jeder Terminalanlagen bedienen, es würden auch Klempner gebraucht. „Ich will von jedem einen Beitrag, sei er noch so klein.“
Wer sich nicht bewegen will, dem wird nachgeholfen. Eltern von Schulschwänzern wird das Kindergeld gestrichen. Wer zwischen 18 und 27 Jahren alt ist, keinen Ausbildungs-, Studien-oder Arbeitsplatz hat, muss den Job annehmen, den ihm das Arbeitsamt anbietet. Auch wenn es Straßenkehren ist. Wer sich weigert, verliert den Anspruch auf Arbeitslosengeld. „Keiner muss den Anfangsjob ewig machen. Jeder kann aufsteigen, wenn er sich anstrengt“, sagt Aboutaleb. Auch das Arbeitsamt hat Druck und muss dem Arbeitslosen innerhalb von acht Wochen einen Job besorgen. Sonst muss es zahlen, was dann eine Strafe ist für die Stadt. So haben sie in fünf Jahren die Arbeitslosenzahlen von 50 000 auf 40 000 gedrückt.“
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Arbeit zitieren:
Brigitte Pick, 2010, Sind die sozialen Aspekte der Integrationsfrage nur marginal?, München, GRIN Verlag GmbH
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