Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung 3
2.Gedichtanaylse 4
2.1 Form 4
2.2 Gegenwart 5
2.3 Vergangenheit 8
2.4 Zukunft 10
2.5 Mögliche Bezüge zu Brecht 11
3. Schlussbemerkungen 12
An die Nachgeborenen 14
Literaturverzeichnis. 17
Videographie 20
2
1.Einleitung
Eugen Bertold Friedrich Brecht (1989-1956) gilt als einer der einflussreichsten deutschen Lyriker und Dramatiker des 20. Jahrhunderts und Begründer des epischen Theaters. 1 Von vielen Gegnern
2 und später als Kommunist, Brecht der Stalinist usw. 3 diffamiert. Unbestritten (von vielen Kritikern) ist jedoch, dass es ihm wie keinem anderen Dichter gelang, der Epoche des Faschismus und deren unsagbaren Verbrechen eine angemessene kritische Stimme zu verleihen. 4 Brecht, der von den Nationalsozialisten 1933 ins Exil verbannt wurde, machte dieses politische Thema zum allgemeinen Gegenstand seiner Lyrik und Werke. 5 Während er im dänischen Exil festsitzt und Wirkungsbereich ihren
, 6 zieht der kämpferische Dichter 7 in der Elegie An die Nachgeborenen Bilanz über das Zeitgeschehen. Auf den Punkt gebracht beschreibt es, ein Leben in finsteren Zeiten 8 und beinhaltet einen Appell An die Nachgeborenen. 9
Das Gedicht reiht sich im Zyklus der Svendborger Gedichte ein, - eine Gedichtsammlung, die im Wesentlichen als Faschismuskritik gedacht war - und in den Jahren zwischen 1933 bis 1939 im dänischen Exil entstanden ist. 10 An die Nachgeborenen, das letzte in der Sammlung der Svendborger Gedichte, sollen nach Brechts testamentarischer Verfügung auch die letzten und einzigen Abschiedsworte sein, die bei seiner Bestattung am Grab vorgelesen werden dürfen. 11 Hat das Gedicht somit für Brecht eine tiefere Bedeutung gehabt und wollte er durch das Gedicht vielleicht eine bewusste Schlusskadenz setzen? Um diese Fragen beantworten zu können, muss das Gedicht analysiert und bewertet werden. Nach Brechts Bewertungstheorie soll jedes Gedicht nach ihrem Gebrauchswert hin beurteilt werden. 12 Der Gebrauchswert äußert sich in der Nützlichkeit und
1 Das Literarische Quartett 2006 (Video) 2 Berg u. Jeske: Bertolt Brecht (Einführung: VII)
3 Ebd.
4 Vgl. Wagner: Kritik des Faschismus S.12-13
5 Ebd. S.45
6 Ebd. S.237
7 Vgl. Brecht, Brief n Slatan Dudow vom 19.IV.38, Nr.359
8 Z.1
9 Vgl.Z.61-79 u. Trefzer: Svendborger Gedichte S.6
10 Vgl. Trefzer: Svendborger Gedichte S.3
11 Vgl. Kleinschmidt: Zukunft der Nachgeborenen S.6
12 Vgl. Brecht: Gesammelte Werke S.50
3
Wirkung, 13 die es für die Gesellschaft und den Rezipienten 14 haben. In der Gedichtanalyse sollen diese Kriterien berücksichtigt werden. Das Gedicht soll dabei werkimmanent nach seiner Form, Sprache und Inhalt, aber auch unter den externen Gesichtspunkten Entstehung, Absicht, geschichtlicher-, epochaler- und biographischer- Hintergrund analysiert und beschrieben werden. In diesem Kontext liefert die dreiteilige Struktur des Gedichtes eine Gliederung für die Hausarbeit, die durch eine Formbeschreibung zu Beginn und eine vertiefende Diskussion am Ende ergänzt werden soll.
2.Gedichtanaylse
2.1 Form
Das reimlose Gedicht besteht aus drei Teilen, die durch römische Ziffern gekennzeichnet sind. Der erste Teil (bestehend aus fünf Versgruppen) und dritte Teil (bestehend aus vier Versgruppen) weisen eine unregelmäßige Versanzahl auf. Der zweite Teil (bestehend aus vier Versgruppen) hebt sich jedoch durch seine regelmäßige Versanzahl (von jeweils sechs Versen) ab. Nach Marsch ist dieser mittlere Teil wahrscheinlich als erstes entstanden. 15 Ebenso unterscheidet sich der mittlere Abschnitt in der Metrik, rhythmisch-, 16
von der des ersten und dritten Teils. Diese Auffälligkeit ist für die Interpretation jedoch irrelevant. 17 Die reimlose Form und sonst freie Rhythmik des Gedichts sind typisch für Brechts Exillyrik. 18 Sie stehen im Einklang mit der chaotischen Epoche und sind damit auch ein Ausdruck der Moderne. Die dreiteilige Struktur des Gedichtes wird durch die unterschiedliche Benutzung der Verbtempora (I: Präsens, II: Präteritum, III: Futurum) akzentuiert. Dadurch erhält das Gedicht die drei Zeitdimensionen der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
Die Gegenwart und Vergangenheit wird durch einen Ich- Sprecher vorgestellt. Während die Zukunft von einem Wir-Sprecher dargestellt wird, der sich mit einem Appell An die Nachgeborenen (in Form der -Anrede) wendet.
Ein Formgesetz wird dadurch gegeben, dass jeder Abschnitt (in allen drei Teilen) durch eine Redewendung bzw. durch eine Exklamination eingeleitet wird, die in den anschließenden Versen
13 Wagner: Kritik am Faschismus S.224
14 Ebd.
15 Marsch: Brecht Kommentar zum lyrischen Werk S.291
16 Holtz: Gedichte und Interpretationen S.377
17 Ebd. S.378
18 Vgl. Trefzer: Svendborger Gedichte. S.10
4
näher bestimmt wird. 19 Dadurch entsteht die Struktur einer Zwiesprache, die nicht als expliziter Dialog verstanden werden darf. 20 Das Zwiegespräch besteht indessen aus kritischen Implikationen. Um den tieferen Gehalt des Gedichtes erfassen und die oberflächliche Struktur des Gedichtes durchdringen zu können, wird der Leser aufgefordert - zur gelingenden Rezeption des Gedichtessich mit diesen impliziten Äußerungen kritisch auseinanderzusetzen und diese auszuformulieren. 21 Bei solch einer tieferen Betrachtung wird ein weiterer roter Faden, der sich durch fast alle Strophen und alle drei Teile windet, sichtbar. Dieser äußert sich in den Diskrepanzen und Widersprüchen 22 23 .
Sprachlich wird das Gedicht durch einen mahnenden und klagenden Ton untermalt, der durch einen biblischen Sprachgestus - was für Brecht nicht untypisch ist 24 - zustande kommt. Dieser Eindruck wird durch bestimmte wiederholende Phrasen ich lebe in finsteren Zeiten 25 und meine Zeit 26 sowie durch die Wörter 27 28 und
weitere biblische Andeutungen bestätigt. Der dunkle und eher restriktive Redegestus verleiht dem Gedicht einen elegischen Stil. 29
2.2 Gegenwart
Der erste Teil (die Gegenwart) wird von der wiederholenden Klage des lyrischen Ichs: eingerahmt. Dabei stellt sich einerseits die Frage, wer mit dem lyrischen Ich gemeint ist und, ob Bezüge zu der Exilsituation Brechts in dem darstellenden Ich gedeutet werden können oder nicht. Anderseits fragt sich der Leser, worin die Umstände der finsteren Zeit bestehen, die in Zeile 2 bis Zeile 30 angedeutet werden. Nach Schlenstedt bezieht sich das lyrische Ich, das im
19 Vgl. Holtz: Gedichte und Interpretationen S.374
20 Ebd.
21 Vgl. Ebd.
22 Die Lehre der Widersprüche bzw. die Kunst der Dialektik gehört bei Brecht zu einer lernbaren Denkweise, die notwendig ist, um die bestehenden Verhältnisse in der Welt zu verändern. Vgl. Schlenstedt: Brecht und die Zukunft S.10
23 Holtz: Gedichte und Interpretationen S.378
24 Emmerich: Brechts Glaube S.38
25 Z.1 und Z.30
26 Z.35- Z.36 und Z.53-Z.54
27 Z.55
28 Z.67
29 Vgl. Holtz: Gedichte und Interpretationen S.381 und Vgl. Schlenstedt: Brecht und die Zukunft S. 46
5
ersten und zweiten Teil vorkommt, und auch das lyrische Wir im dritten Teil nicht auf irgendwelche Dichter und Schriftsteller, sondern ist von allgemeiner Natur: 30
Es stellen sich zu
den Sich- Empörenden zählten, den Kampf gegen das Unrecht, die Passivität, die Niedrigkeit, die Herrschenden aufnahmen, das Ziel einer anderen Welt setzten. 31
Eine andere Position vertreten Mayer und Geißler, die in dem sprechenden Ich in den Versen des ersten Teils den personalen Bertolt Brecht identifizieren können, der im dänischen Exil festsitzt, und sich an seine Zeitgenossen richtet. 32 Dafür spricht u.a. die Entstehung des Gedichtes, die im Zyklus der Svendborger Gedichte steht und somit als Kritik des dritten Reiches gedacht war. 33 Brecht als
35 kein Feld 36 ausließ, leidet um 1938 und 1939 mit Zunahme des Faschismus - der inzwischen fast ganz Europa erfasste und somit auch zur drohenden Gefahr für andere Exilanten wurde - 37 vollständiger . 38 Dieses bedrückende Gefühl des Autors spiegelt sich auch in dem dunklen Ton der Elegie wieder.
Der ausbreitende Faschismus zwingt Brecht u.a. auch zu einer Revision seiner Kunstmethode, die 39 zu einer modifizierten Methode 40 heranreift. 41 Um den
Verbrechen des NS-Regimes sprachlich nahe zukommen und deren gezielte Vernichtung von progressiver Kunst zu entkommen, greift Brecht u.a. auf traditionellen Elemente der Naturlyrik
30 Schlenstedt: Brecht und Zukunft S.45
31 Ebd.
32 Vgl. Mayer: An die Nachgeborenen. S.26f. / Geissler: Bertolt Brecht. S.111
33 Vgl. Hausarbeit: Kapitel 1 S.3
34 Vgl. Trefzer: Svendborger Gedichte S.6 35 Benjamin: Versuche über Brecht. S. 134
36 Benjamin plädierte für die Nichtaufnahme der Kinderlieder, die er als disparate Reihe im Zyklus der Svendborger Gedichte ansah. Brecht kam diesen Vorschlag nicht nach und entschied sich für die Einfügung, da er kein Feld -und damit waren gerade die Kinder gemeint, die eine bessere Zukunft gestalten könnten - im Kampf gegen den Faschismus auslassen wollte. Vgl. Wagner: Kritik am Faschismus S.230
37 Vgl. Berg u. Jeske: Bertolt Brecht. S.38
38 Wagner: Kritik am Faschismus S.237 39 Benjamin: Versuch über Brecht. S.134
40 Die neue Methode wird hierbei als modifizierte betrachtet, weil sie die Grundprinzipien des epischen Lehrstückes beibehält. Die Intention der daraus resultierenden variierenden Kunstformen kann durch den Montagecharakter nur im Gesamtzyklus und in der Bewertung aller Werke vollständig verstanden werden. Vgl. Wagner: Kritik am Faschismus. S.232
41 Wagner: Kritik am Faschismus S.46-47
6
Arbeit zitieren:
Steffen Schulze, 2010, Gedichtanalyse und Interpretation von Bertold Brechts "An die Nachgeborenen" im Zyklus der "Svendborger Gedichte", München, GRIN Verlag GmbH
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