1. Einleitung
Die historische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den 60er Jahren ist nicht nur interessant, weil der Minirock und die Antibabypille starke Verbreitung fanden, sondern vielmehr ein weltpolitisch neuer Kurs angesteuert wurde, bei dem der westliche Biedermann dem brandstiftenden Kommunisten vertrauensvoll die Tür öffnete. Darauf basierend soll sich diese Arbeit mit der Außen- und Deutschlandpolitik der Bundesrepublik Deutschland (BRD) von 1966 - 1969 unter der Großen Koalition auseinandersetzen. Bewegt durch die Ereignisse der 60er Jahre, fand in der Politik der BRD nach dem Mauerbau der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine Abkehr vom Mythos Adenauer statt, die den Weg zu einer Öffnung gen Osten ebnete und die „Neue Ostpolitik“ gebar. Es soll herausgearbeitet werden, ob die „Neue Ostpolitik“ seitens der BRD nur im Rahmen der bipolaren, von den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und der Sowjetunion (UdSSR) aufoktroyierten Entspannungspolitik verlief, oder ob sie vielmehr Mittel zum Zweck, ergo eine bewusste Strategie war, die
einen endogenen Schock des gesamten sozialistischen Ostblocks hervorrufen sollte. 1 Aufgrund der Tatsache, dass die 60er Jahre unter dem kulturellen und gesellschaftlichen Aspekt das wohl bedeutsamste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts gewesen sind, lassen sich eine Fülle von Informationen sammeln, die die Auswirkungen der revolutionären Veränderungen von althergebrachten Traditionen auf das Tagesgeschäft der Politik verdeutlichen und die
Signifikanz der 60er Jahre für die heutige Zeit hervorheben. 2
Die Methodik dieser Arbeit soll deduktiv geprägt sein, da sich die Außen- und Deutschlandpolitik der BRD nicht isoliert, sondern expressis verbis nur im Kontext globaler Politik der beiden Weltmächte betrachten lässt. So soll die Arbeit eingangs der Frage nach einer externen oder exogenen Politik der beiden Weltmächte nachgehen und anhand der Verortung der USA und UdSSR in ihren jeweiligen Macht- und Einflusssphären die jeweiligen Positionen kontrastiert werden. Darüber hinaus wird mit Hinblick auf die Außen- und Deutschlandpolitik der BRD der Versuch unternommen, anhand der einführenden globalen Gegebenheiten, Auswirkungen auf die Reaktionen der BRD zu verdeutlichen. Diese Reaktionen zielen ab auf die Veränderungen bundesdeutscher Auffassungen von Politik, die sich in der von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der nach ihrer Metamorphose Mitte der 60er Jahre neu aufgestellten Freien Demokratischen Partei (FDP) propagierten „Neuen Ostpolitik“, sowie der Deutschlandpolitik widerspiegelten.
1 Vgl. Griffith, William E.: Die Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1981, S. 230f.
2 Vgl. Schildt, Axel: Vor der Revolte: Die sechziger Jahre, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 22-23, 2001, S.9f.
1
Abschließend soll sowohl ein innen- als auch ein außenpolitisches Resümee bezüglich der Hinterlassenschaften der Großen Koalition gegeben werden.
2. Externe oder exogene Politik?
Durch ein deduktives Vorgehen, das dieser Arbeit innewohnt, soll zu Beginn untersucht werden, inwiefern die bestimmende Politik der beiden Protagonisten des Kalten Krieges - den USA und die UdSSR - Einfluss auf die Politik der BRD nehmen konnte. Als Untersuchungs-gegenstand werden dabei die kontrastierende Stellung der USA und UdSSR, sowie die sich daraus ergebende Musik der Weltpolitik herangezogen. Inwieweit die BRD nach der Musik der Weltpolitik tanzte oder vielmehr eine autonome Politik führte, soll im Verlauf dieser Arbeit behandelt und beantwortet werden.
2.1 Amerikanischer Globalismus vs. sowjetischem Imperialismus
Die Weltpolitik des letzten Jahrhunderts basierte auf der Kontrastierung der Stellung der USA in der North Atlantic Treaty Organization, dem Nordatlantikpakt (NATO) - ein politisches und militärisches Bündnis von westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten - und die der UdSSR im Warschauer Pakt, dem Pendant zur NATO, bestehend aus den sozialistischen Staaten des Ostblocks. „Die NATO [.] galt als ein System prinzipiell gleicher Alliierter, innerhalb dessen den USA als dem bei weitem größten und stärksten Partner eine herausgehobene Bedeutung zukam.“ 3 Aus dieser Stellung heraus propagierte die USA den amerikanischen Globalismus, der aufbauend auf der Truman-Doktrin drei Zielvorstellungen beinhaltete und besonders für den eurasischen Doppelkontinent von potentiell vitaler Bedeutung sein
sollte. 4 So wurde zum einen versucht, einen liberal-kapitalistischen Weltmarkt aufrechtzuerhalten. Zum anderen sollten unter dem Sicherheitsaspekt ein pro-amerikanisches Gleichgewicht in der Welt aufrechterhalten und die Entstehung feindlicher Hegemonialmächte, die langfristig die Sicherheit der westlichen Welt - das Sanktuarium der USA - gefährden könnten, auf dem eurasischen Kontinent verhindert werden. Darüber hinaus galt das globale Gebot, die Demokratie und repräsentative, aus freien Wahlen hervorgegangene Regierungen zu för-
dern, fordern und zu unterstützen. 5 Die UdSSR demgegenüber ist von Satellitenstaaten umge-
3 Münkler,Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, 2. Aufl., Berlin 2005, S. 19
4 Vgl. Junker, Detlef: Die internationalen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein neues Verständnis des Kalten Krieges, in: Hertle, Hans-Hermann u.a. (Hrsg.): Mauerbau und Mauerfall, Berlin 2002, S. 21
5 Vgl. ebd. S. 23
2
ben gewesen, deren Bewegungen von Moskau - dem Zentrum - bestimmt wurden. Es muss hierbei differenziert werden zwischen der Hegemonie - der Vorherrschaft der USA - innerhalb einer Gruppe formal gleichberechtigter politischer Akteure und eines sowjetischen Imperiums, das die - zumindest formale - Egalität der politischen Akteure auflöste und die Unterlegenen auf den Status von Satelliten reduzierte, ergo das Recht auf Selbstbestimmung und
Mitsprache verweigerte. 6 Die Satellitenstaaten standen in einer mehr oder weniger erkennbaren Abhängigkeit - siehe das Beispiel DDR und Rumänien - von Moskau und unterlagen Regeln, nach denen innerhalb dieses Raumes Politik gemacht wurde. Darüber hinaus erhob Moskau Anspruch auf die Kontrolle des Raumes bezüglich der sozialen und wirtschaftlichen
Entwicklungsrhythmen. 7
Die erhöhte Brisanz für die BRD ergab sich nun aus der Tatsache, dass die einstige Demarkationslinie - eine vorläufige Grenzlinie, die völkerrechtlich keine Staatsgrenze bildete - zwischen der BRD und der DDR gleichzeitig die Außengrenze des Sowjetimperiums darstellte. Die logische Konsequenz war ein erhöhtes Bestreben seitens der USA in puncto bedingungsloser Unterstützung der BRD und ihre totale Integration in die NATO.
2.2 Die Musik der Weltpolitik
China, seit Mitte der 60er Jahre Atommacht, stellte für beide Weltmächte eine große Heraus-forderung dar. Die prosperierende Großmacht, die zunehmend Moskaus Einflusssphäre infrage stellte, leistete sich Feuergefechte mit der UdSSR am Grenzfluss Ussuri und drang gleichzeitig auf eine Normalisierung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen. Die UdSSR ihrerseits hatte im eigenen Lager mit rumänischen Eigenständigkeiten, ultralinken Kulturrevolutionären in China und Reformkommunisten aus der Tschechoslowakei zu kämpfen, die einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus ergründeten und ging in puncto Europa mit der USA auf Tuchfühlung, da die Westfront nicht zusätzlich geschwächt werden sollte. Demgegenüber waren die USA tief im Vietnam-Krieg verstrickt, eine zusätzli-che Konfrontation mit der UdSSR war demnach ebenfalls unerwünscht. 8 „Aber die wachsende Erkenntnis, dass das nukleare Gleichgewicht eine umsichtige Diplomatie der Sowjetunion gegenüber erforderte, unterstrich auch die Notwendigkeit, Krisenherde in Europa zu ent-
6 Vgl.Münkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, 2. Aufl., Berlin 2005, S. 18f.
7 Vgl. Münkler, Herfried: Nutzen und Nachteil des amerikanischen Imperiums, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 45, 2005, S. 3
8 Vgl. Altrichter, Helmut und Bernecker, Walther L.: Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 341f.
3
schärfen. Es setzte sich im Westen die Überzeugung durch, dass konstruktive und entspannungsfördernde diplomatische Projekte [...] ungefügige und kaum lösbare [...] ersetzen müssten.“ 9 Das Ergebnis beiderseitigen Einvernehmens war das Diktum einer bipolaren Entspannungspolitik, die von nun an Einkehr in jegliche politische Prozesse halten sollte. Das Jahr 1968 ging als annus mirabilis in die Annalen ein. Es sollte sich ein globaler und entscheidender Umbruch in der Geschichte der Weltpolitik abzeichnen. Das Signal von Reykjavik - initiiert von der NATO - vom 25. Juni 1968, wonach militärische Sicherheit und eine Politik der Entspannung keinen Widerspruch, sondern eine gegenseitige Ergänzung darstellte,
galt als Initialzündung für entsprechend folgende Tendenzen und Verhandlungen. 10 Alexander Dubþek - Erster Sekretär der tschechoslowakischen KP - sein neuer Kurs beispielsweise, der einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ propagierte und eine Lockerung der Gängelung in der Tschechoslowakei vorsah, ließ eine intellektuelle, literarische und künstlerische Szene entstehen, die sich als Keim einer Zivilgesellschaft verstand und entspre-
chende Freiheits- und Partizipationsrechte anmahnte. 11 „Endlich wurde im Lande frei gesprochen: über den Mangel an Freiheit und Demokratie, den Terror der Stalinzeit, die Bevormundung durch die Sowjetunion, [...].“ 12 Am 21. August 1968 jedoch fielen Truppen des Warschauer Paktes auf Initiative der UdSSR in Prag ein. Die Invasion Prags stellte gleichzeitig die Begründung der Brešþnev-Doktrin dar, die es den Staaten des sozialistischen Lagers verbat, außen- und innenpolitisch eigene Wege zu gehen. Der Status quo in Europa sollte zementiert und die Vormachtstellung der UdSSR gesichert werden. Dieser sowjetische Eingriff in die tschechoslowakische Souveränität sollte jedoch nur sehr verhaltene Reaktionen bei den Westmächten auslösen, da zum einen die zarten Ansätze der Entspannungspolitik nicht gefährdet werden sollten und zum anderen es innenpolitisch große Hürden zu überwinden galt. Jeder war „mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, der Kalte Krieg nicht mehr die alles und jedes bestimmende Kraft: 13
In den USA hatte Lyndon B. Johnson mit Rechtfertigungsgründen bezüglich des Vietnam-Krieges zu kämpfen, da die Tet-Offensive des Vietkongs die Heimatfront ins Wanken brachte und infolge dessen die US-Strategen ihre Truman-Doktrin überdenken mussten; Rassenunruhen - der Tod M. L. Kings - und Proteste an den Hochschulen verstärkten diesen endogenen
9 Hanrieder, Wolfram F.: Deutschland, Europa, Amerika - Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949-1994, 2. Aufl., Paderborn 1995, S. 177
10 Vgl. Schöllgen, Gregor: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland - Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999, S. 95
11 Vgl. Altrichter, Helmut und Bernecker, Walther L.: Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 295
12 Wolle, Stefan: Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 22-23, 2001, S. 42
13 Altrichter, Helmut und Bernecker, Walther L.: Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2004, S. 299
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Alexis Demos, 2006, Die Außen- und Deutschlandpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1966 - 1969, München, GRIN Verlag GmbH
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