Inhalt
Vorwort. 3
1. Einleitung 4
1.1 Hinführung zum Thema. 4
1.2 Vorgehensweise. 5
1.3 Themenrahmen 6
2. Partnerschaft und Ehe im Wandel der Zeit 8
2.1 Raum-zeitlicher Horizont. 8
2.1.1 Ehe und Familie bei den Erzvätern. 9
2.1.2 Eheschließung zu Zeiten Jesu und im Urchristentum. 10
2.1.3 Augustinus von Hippo und Thomas von Aquin zum Ehesakrament. 13
2.1.4 Neue Ansichten im Zeitalter der Reformation 15
2.1.5 Verdrängung der Kirche als Moralinstanz seit der Aufklärung 16
2.2 Zukunftsperspektiven. 19
2.3 Problembestimmung und religionspädagogische Relevanz. 21
3. Kontextanalyse - Zeitgenössische Moral zwischen Zweck und Würde 26
3.1 Die rechtliche Dimension von Partnerschaft und Ehe. 26
3.2 Die Rolle und das Bild der Frau 28
3.3 Lebensformen und Lebensstile im Wandel. 30
3.4 Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zur Instabilität der Ehe. 33
3.5 Die „Erlebnisgesellschaft“ 35
3.6 Interkulturelle Eindrücke zum Ehe- und Familienleben. 37
3.7 Lebensformen und ihre Vielfalt. 40
3.8 Sozialpsychologische Erkenntnisse zum Sozialverhalten. 42
4. Mögliche Verhaltensoptionen im Entwurf und ihre didaktische Relevanz 44
4.1 Menschliches Zusammenleben ist nicht beliebig 44
4.2 Religionsunterricht und Wertevermittlung 46
5. Bausteine für ein gelingendes Zusammenleben 47
5.1 Voraussetzungen. 47
5.1.1 Prinzipien, Normen und Tugenden. 47
5.1.2 Werte und Gewissen 48
5.1.3 Freiheit 51
5.1.4 Das Gerüst der Ehe - Treue, Institution, Verheißung. 53
1
5.1.4.1 Treue 53
5.1.4.2 Institution. 58
5.1.4.3 Verheißung 61
5.2 Glaubensinhalte 63
5.2.1 Zur Ehe und Partnerschaft in den Bekenntnisschriften. 63
5.2.2 Der Katholische Katechismus zur Ehe. 64
5.2.3 Warum noch heiraten? 65
5.3 Die „Früchte“ der Ehe. 67
5.3.1 Freiheitsmoment Glück und Liebe 67
5.3.2 Freiheitsmoment Dauerhaftigkeit, Gegenseitigkeit und Vergebung 71
5.3.3 Freiheitsmoment Kinderwunsch, Elternschaft und Familie. 73
5.3.4 Sexualität und Treue 75
6. Welche Verhaltensoptionen können universell gelten? 76
6.1 Familie - Heimat und Ort der ersten Sozialisation. 78
6.2 Warum ist es für viele Menschen heute so schwer sich festzulegen? 80
6.3 Der Inhalt des christlichen Ethos und das Gelingen einer Partnerschaft 81
6.4 Lerninhalte und Lernziele für den Unterricht - Christliches Ethos. 83
6.4.1 Die Tugend der Empathie und Solidarität. 85
6.4.2 Produktives Konfliktmanagement 86
6.4.2.1 Der Konflikt. 86
6.4.2.2 Kommunikationsmodelle 88
6.4.3 Nächsten- und Feindesliebe - Ethos der Einseitigkeit. 90
7. Verhaltensorientiertes Fazit 91
Literaturverzeichnis. 96
2
Vorwort
Auszug aus Krieg und Frieden von Tolstoi:
„’Heirate niemals, niemals, mein Freund! Dies ist mein Rat: Heirate erst dann, wenn du dir sagen kannst, dass du alles getan hast, was in deiner Kraft steht, erst dann, wenn du aufgehört hast, die Frau zu lieben, die du dir auserwählt hast, erst dann, wenn du sie klar erkannt hast. Sonst irrst du dich grausam, und das ist nicht wiedergutzumachen. Heirate, wenn du uralt bist, wenn du zu nichts mehr taugst. Sonst geht alles Hohe und Gute in dir verloren. …’“ 1
Gedanken junger Menschen 100 Jahre später
Als junger Mensch steht einem alles offen. Karriere und Weiterbildung, Reisen, Partys, Nachtleben, neue Dinge ausprobieren. Freiheit, Unabhängigkeit und unendlich viele Optionen. Man braucht nicht einmal viel Geld, nur eine Portion Mut und Spontaneität. Es ist toll mit Freunden etwas zu unternehmen, viele Eindrücke aus der ganzen Welt zu sammeln, unterschiedliche Menschen kennen zu lernen und persönlich zu wachsen. Einfach das Leben genießen! Liebe und Familie ist ein schwieriges und komplexes Thema. Man braucht es schon irgendwie, aber oft lässt es sich mit der Schnelllebigkeit und Veränderlichkeit des Lebens schwer vereinbaren. Ob es den perfekten Partner überhaupt gibt, ist fraglich. Man wünscht es sich zwar, aber lieber man hält an seinen Zielen fest und konzentriert sich auf den eigenen Lebenslauf. Das Thema Familiengründung wird erst aktuell, wenn die magische «Dreißig» näher rückt. Kinder sind schon irgendwann geplant, aber dafür sind erst einmal eine solide Partnerschaft, gute Referenzen und berufliche Stabilität nötig, um seinen Kindern auch etwas bieten zu können. Unabhängigkeit ist für die persönliche Entwicklung vorerst das Beste. Vergleicht man beide Ansichten, kann man viele Parallelen ziehen, obwohl über 100 Jahre dazwischen liegen. Die Bindung an eine andere Person erscheint als Einschränkung der persönlichen Freiheit. Doch heute haben im Vergleich zu damals auch Frauen die Möglichkeit, sich für eine individualistisch orientierte Lebensgestaltung zu entscheiden. Heute wird eine Familiengründung von vielen jungen Paaren als eine Option in ferner Zukunft gesehen, der die persönliche Entfaltung vorangestellt wird. Die Lebensphase zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr birgt eine Menge an Aufgaben: Schulabschluss, Berufsausbildung oder Studium, gefolgt vom Streben nach beruflichem Erfolg. Partnerwahl und Familiengründung sollen nebenbei bewältigt werden. Allerdings muss man sachlich fragen, welches Maß an Belastung die persönliche Psyche und eine Partnerschaft verträgt und
1 Tolstoi, Krieg und Frieden, 35.
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ob es sinnvoll und gut für Partnerschaften ist, wenn der Beruf uneingeschränkte Mobilität verlangt.
Was den Wert der Ehe betrifft, scheiden sich die Geister. Für einige ist die Ehe selbstverständlich, manche schließen eine spätere Ehe ganz aus, andere lassen es einfach auf sich zukommen. Eine glückliche Partnerschaft wünschen sich aber die meisten. Bleibt jedoch die Selbstverwirklichung oder die berufliche Karriere das zentrale Ziel beider Partner, scheitern junge Paare schnell auf Grund von unangepassten Lebensumständen, da sich die Wege und Vorstellungen trennen. Ob diese Lebenspraxis zu mehr Glück führen kann, bleibt fraglich. Fest steht, dass die Liebe und Partnerschaft ein ethisches Feld darstellt, das uns alle tangieren und angehen sollte, was allerdings auf Grund der Komplexität und Subjektivität des Themas eine große Herausforderung bedeutet.
Ursprünglich sollte die Arbeit hauptsächlich Liebe, Treue und Sexualität behandeln, jedoch wurde im Verlauf der Recherche klar, dass Liebe und Sexualität in Anbetracht christlicher Wertevorstellungen und darüber hinaus, nach Dauer und Verbindlichkeit streben, deshalb läuft diese Arbeit auf die Betrachtung von Ehe und Familie hinaus.
„Das Menschsein des Menschen steht auf dem Spiel.“ 2 - So beendet Horst Georg Pöhlmann seinen Aufsatz Ehe und Sexualität im Strukturwandel unserer Zeit. Dieses Resümee folgert Pöhlmann aus ethischen Problemfeldern verschiedenster Lebensbereiche, wie beispielsweise der Bioethik am Lebensanfang (Schwangerschaftsabbruch, IVF, Status des Embryos, PND, PID, Klonen, etc.), oder am Lebensende (Patientenverfügung, Euthanasie, Organtransplantation, etc.). Das Zentrum der Problematik, welches das „Menschsein“ bedroht, liegt nach Pöhlmann in der „Funktionalisierung und Instrumentalisierung des Menschen in unserem technischen Zeitalter“ 3 . In der Diskussion um Embryonen wird dies sehr deutlich, da menschliches Leben in ethisch bedenklicher Weise benutzt wird. Im Bereich Familie und Partnerschaft wird die Gefahr der Instrumentalisierung oft unterschätzt. Ulrich Eibach hinterfragt in diesem Zusammenhang das Fundament der romantischen Liebesehe, „ausgerichtet am Modell einer individuellen Selbstverwirklichung“ 4 , das vorwiegend nach persönlichem Glück und Gewinn strebt. Diese Bezogenheit auf sich selbst und den eigenen
2 Pöhlmann, Ehe und Sexualität, in: Bayer (Hg.), Ehe-Zeit zur Antwort, 56.
3 Ebd., 56.
4 Eibach, Ehe und Selbstverwirklichung, in: Bayer (Hg.), Ehe - Zeit zur Antwort, 64.
Vorteil stelle in der Marktwirtschaft ein zunehmendes soziales Problem dar, da schwächere Menschen (Kinder, Alte, Behinderte, etc.) in solch einer Gesellschaft stark benachteiligt und gefährdet seien. Eine solche Haltung würde in Partnerschaften eine auf den Augenblick konzentrierte und reduzierte Treue fordern, die aufgegeben werden kann, sobald sich ein Partner für sich keinen Vorteil oder Gewinn mehr verspricht. Würde sich diese Philosophie in der Gesellschaft durchsetzen hätte dies für Familien und generell die Gesellschaft verheerende Folgen, da Menschen im Laufe ihres Lebens immer wieder auf andere angewiesen sind. Das wohl eindeutigste Beispiel für ein völlig altruistisches, selbstloses Verhalten spiegelt sich in der Mutterliebe wieder, welche für die gesunde körperliche und geistige Entwicklung des Neugeborenen unabdingbar ist. Diese Art von Liebe ist im Leben von Menschen ein wesentlicher Faktor des Lebensglückes.
Die christliche Sicht bezüglich Liebe, Partnerschaft und Familie unterstreicht deutlich die dauerhafte Verbindung, die Menschen verantwortungsvoll gemeinsam schließen. Den Ort der Partnerschaft sieht die traditionelle Theologie in der Ehe, die als äußere Gestalt eine schützende Institution darstellt und im Inneren durch Liebe und Treue von den Partnern ausgefüllt wird. Dabei hat das „Füreinander Vorrang vor der Selbstverwirklichung des Ich“ 5 , was in kollektivistischen Sozialordnungen, in denen besonders der Schwächeren gedacht wird, eine Tugend darstellt. Ob die Krise der Ehe, von der seit Jahrzehnten die Rede ist, nun auf die Lebensform Ehe an sich im Wandel der Zeit oder auf der Krise der Institution gründet, bleibt eine zentrale Streitfrage in der Ethik. Fakt ist, dass die Ehe nicht mehr selbstverständlich ist. Warum sie jedoch wichtig und sinnvoll ist, soll in dieser Arbeit dargestellt werden.
1.2 Vorgehensweise
Das Skelett der Problembehandlung ist an dem Grundriss des Urteilsverlaufs angelehnt, den Heinz Eduard Tödt in seinem Werk Perspektiven theologischer Ethik dargelegt hat. Demnach gliedert sich die Urteilsfindung in sechs Schritte: Problemwahrnehmung, Situationsanalyse, Verhaltensentwurf, Auswahl und Durchsicht von Normen, Prüfung der Verbindlichkeit von Verhaltensmöglichkeiten und schließlich der Urteilsfindung, welche mit Blick auf die Schule didaktisch entfaltet wird. Dieses Vorgehen erscheint sinnvoll und in Anbetracht komplexer Sachverhalte als eine große Hilfe der Strukturierung. Es ergeben sich folgende Fragen: a) Problemwahrnehmung
Welchen Beitrag liefern theologische Befunde zu Partnerschaft und Ehe? Was sagt die Bibel zur Ehe?
5 Ebd., 70.
5
Welche Aufgabe hat der Religionsunterricht als Vorbereitungshilfe auf das spätere Familienleben?
b) Situationsanalyse
Inwieweit hat sich das persönliche Verständnis von Liebe, Ehe und Familie verändert? Hat die Ehe für viele Menschen an Bedeutung verloren? Sind Partnerschaften zunehmend instabil? Welche Folgen und Probleme wirft die Abwendung von der Ehe auf?
c) Verhaltensentwurf
Wie sollen/müssen wir uns in Partnerschaft und Liebe verhalten, nachdem wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft analysiert haben?
Welchen Stellenwert und welche Funktion hat das Gespräch über Liebe und Partnerschaft im Religionsunterricht?
d) Auswahl und Durchsicht von Normen
Wie kann ein gelingendes Zusammenleben (basierend auf christlichen Werten) definiert werden - was macht es aus?
e) Prüfung der Verbindlichkeit von Verhaltensmöglichkeiten
Können die ausgewählten Verhaltensoptionen auch universell gelten?
f) Urteilsfindung
Wie müssen wir uns verhalten um eine gute und sittliche Partnerschaft zu führen? 6
1.3 Themenrahmen
Die Begriffe Ethik und Moral werden je nach Wissenschaftsraum anders definiert und im Sprachgebrauch nicht eindeutig verwendet. Deshalb sollen, um Ungenauigkeit zu vermeiden, vorweg relevante Bedeutungen der Begriffe erläutert werden, die dieser Arbeit zu Grunde liegen.
„Ethik ist die Disziplin, die Begriffe, Probleme und Theorien des Guten untersuchtdarunter besonders des guten Handelns und Lebens. Eine Hauptaufgabe der Ethik ist es, die Grundsätze guten und gerechten Handelns zu begründen oder zu rechtfertigen sowie die herrschende Moral kritisch zu untersuchen.“ 7
Aus dieser Definition kann man folgern, dass Moral das ist, was allgemein und durchschnittlich üblich ist. Dies ist auch vom lateinischen Wortstamm mos, mores (Sitten) abzuleiten. Gegenüber der Moral ist Ethos zu unterscheiden. Vom gleichen Wortstamm wie Ethik kommend, meint Ethos die innere Gesinnung eines Einzelnen oder einer Gruppe. Weiterhin können nach Henry David Aiken vier moralische Betrachtungsebenen
6 Buchtitel, feste oder fremdsprachliche Ausdrücke, sowie Eigennamen wurden im Text kursiv gesetzt. Als Bibel wurde die Lutherbibel von 1984 verwendet. Zitate aus englischsprachiger Literatur wurden im Original belassen.
7 Lenk, Einführung in die angewandte Ethik, 6.
6
unterschieden werden. 8 Die expressiv-evokative Ebene (spontan, impulsiv, unkritisch), die moralische Ebene (praktische Rechtfertigung in bestimmter Situation: Was soll ich tun?), die ethische Ebene (kritische Betrachtung von Argumenten eines ethisches Urteils) und schließlich die meta-ethische Ebene (das Was, Wozu, Wie eines ethischen Urteils). Der behandelte Themenbereich lässt sich makroethisch betrachtet in die Individualethik, Sozialethik, die Verantwortungsethik oder auch dem Prinzip der Verantwortung nach Hans Jonas zuordnen. Die Schwerpunkte liegen jeweils anders. Die Individualethik fragt danach, wie der einzelne Mensch in der Ehe glücklich werden kann, die Sozialethik kümmert sich um das gesellschaftliche Strukturmoment mit seinen Rechten und Pflichten, die Verantwortungsethik sowie auch das Prinzip der Verantwortung, das von Hans Jonas begründet wurde, geht schließlich weiter und denkt auf der Grundlage der Ethik der Pflicht in die Zukunft hinein und prüft die Folgen eigener Handlungen für die nachfolgenden Generationen. Betrachtet man dies, aus der Perspektive der angewandten Ethik, ist die Kategorie der Ehe- und Familienethik zu nennen. Zusätzlich sollte man unterscheiden, ob eine Argumentation in den Bereich der Moral und Pflicht oder in den der Tugend und des Ethos fällt. So fragt man bei der Moral nach den allgemeinen Gesetzen, Rechten und Regeln, beim Ethos nach der Geltung für ein Individuum oder eine bestimmte Gruppe und deren Vorstellungen von einem guten Leben. Eine Frage diesbezüglich könnte sein, ob eine Ehe geschlossen wird, damit es gerecht zugeht, oder damit Glück erreicht wird. Aufgabe einer christlichen Ethik auf der Ebene des Ethos ist, zu prüfen, was der Wille Gottes ist, da dieser aus christlicher Sicht das Vernünftigste ist.
Um das Themenfeld einzugrenzen, ist zu sagen, dass wenn über Partnerschaft und Liebe die Rede ist, die monogame, heterosexuelle Partnerschaft gemeint wird. Problemfelder, welche die Würde des Menschen moralisch und nach dem Gesetz verletzen, wie etwa der psychische und physische Missbrauch, werden in dieser Arbeit nicht explizit behandelt. Grenzen, welche die Würde und die Unversehrtheit von Erwachsenen und Kindern garantieren, sind im Grundgesetz verankert und werden in weiteren Betrachtungen vorausgesetzt. Die Fragestellungen sollen sich eher um die Frage drehen, was in der menschlichen Lebenspraxis gut ist und warum die Stabilität einer Partnerschaft zu einem guten Leben gehört. Schließlich sollten Verhaltensweisen als Konsequenz einer evangelischen Gesinnung herausgearbeitet werden. Wie Schleiermacher sagte: „Was muss werden, weil das religiöse Selbstbewusstsein ist?“ 9 Da die Definition eines Problems immer nur subjektiv bestimmt werden kann, ist in den
8 Vgl. Ebd.
9 Tödt, Perspektiven theologischer Ethik, 71.
weiteren Ausführungen zu bedenken, dass die Fragestellungen und die Verhaltensoptionen in der Perspektive junger Erwachsener gestellt wurden, geprägt durch ein pluralistisches, westliches und stark von Medien beeinflusstes Weltbild.
2. Partnerschaft und Ehe im Wandel der Zeit
Mit der Betrachtung der Vergangenheit und Zukunft soll versucht werden, ungelöste Spannungen oder Konflikte des Themas aufzudecken, um das Problemfeld besser begreifen zu können. Wie kann die Instabilität von Partnerschaften aus Vergangenem und im Blick auf die Zukunft verstanden und interpretiert werden, oder was hat die Partnerschaft zwischen Mann und Frau früher ausgemacht und was kann man von ihr erwarten?
2.1 Raum-zeitlicher Horizont
Die Ehe gilt als eine auf Dauer angelegte Verbindung von zwei (Monogamie) oder mehreren (Polygamie) Menschen verschiedenen Geschlechts. „Monogamie ist heute die vorherrschende Form der Ehe. Polygynie und Polyandrie (mit dem Oberbegriff Polygamie bezeichnet) wurden früher in vielen Teilen der Welt praktiziert, scheinen jedoch immer seltener zu werden. Gruppenehen waren von jeher selten.“ 10 Linguistische Quellen deuten auch auf die Dauerhaftigkeit hin. Der althochdeutsche Begriff ewe, bedeutet Gesetz, im Griechischen heißt heiraten γαµέω und γάµος Eheschließung. Das Lateinische grenzt das concubinatum (außerehelicher Verbindung) vom coniugium als eheliche Verbindung und dem matrimonium, der rechtmäßigen Ehe ab. 11
Die Ehe hat religiösen, rechtlichen, öffentlichen und sozial-sittlichen Bezug. „Die Ordnung der Ehe ist von den sittlichen und religiösen Grundlagen abhängig, auf denen die einzelnen Gesellschaften beruhen.“ 12 Äußere Umstände, wie gesellschaftliche Wertvorstellungen, wirtschaftliche Verhältnisse, ethische Überzeugungen, Sitte und Brauchtum oder religiöse Deutungen prägen die Ehe. Das heißt, sie ist sehr wandelbar, je nach Kulturraum. Jedoch hat dies ihren Bestand nie wirklich gefährdet. In der Institutionenlehre nach Haurriou und Dombois stiftet Gott in der (1) actio die, und der Mensch nimmt diese Stiftung in der (2) reactio humanis als (3) status an. 13 Der Hochzeitsritus als reactio humanis, der in die Institution als status hinführt hat neben dem religiösen noch öffentlichen Wert, indem die
10 Magnus-Hirschfeld-Archiv. Formen und Bedeutung der Ehe.
11 Vgl. Honecker, Grundriss der Sozialethik, 153.
12 Brockhaus Multimedial, Ehe.
13 Vgl. Honecker, Grundriss der Sozialethik, 154.
8
Gemeinschaft von Menschen oder Gesellschaft die Institution akzeptiert. Heute spricht man von der Krise der Ehe. Was hat früher Partnerschaften und Ehen ausgemacht, und welcher Ethik haben sie sich unterworfen?
2.1.1 Ehe und Familie bei den Erzvätern
„Die Israelitische Familie und Sippe in alttestamentlicher Zeit ist endogam, patrilinear, patriarchalisch, patrilokal und polygyn strukturiert.“ 14 Es durfte also nur innerhalb eines Stammes geheiratet werden, der Erbfolge der väterlichen Linie folgend, unter männlicher Vorherrschaft und in Clannähe lebend. Die Familie bestand aus mehreren Frauen, die einem Mann zugehörig waren und ihren Kindern. Nach den Schöpfungsgeschichten in Genesis ist Mann und Frau für immer verbunden (Vgl. Gen 1, 27f; 2, 24). Im Judentum ist es auch heute noch so, dass erst die Ehe die beiden Partner zu vollwertigen Gemeindemitgliedern macht. Die Ehe ist im Judentum ein Ereignis der ganzen Gemeinde als Zeichen für den Fortbestand des Volkes Israel. Das Eheversprechen ist nicht wie im Christentum auf einem gemeinsamen Konsens beruhend, sondern geht vom Bräutigam aus, der seiner Frau verspricht „sie zu ehren, für sie zu arbeiten, für ihren Unterhalt zu sorgen und sie mit allem zu versehen, was nötig ist.“ 15 Dies ist auf die patriarchalisch geprägte Tradition der Erzväter zurückzuführen. Dementsprechend ist die rechtmäßige Scheidung nur vom Mann her einseitig möglich, denn man war der Auffassung die Frau würde die Ehe von innen her brechen, der Mann von außen, bzw. ein Mann bricht eine andere Ehe von außen auf. Heute noch ist es so, dass der Mann, der Frau eine Scheidungsurkunde gibt und sie erst dann rechtlich geschieden ist. 16 Auf Ehebruch stand damals die Todesstrafe, was den herrschenden Wert der Ehe sehr deutlich macht. Der Dekalog (Ex 20, 14; Dtn 5, 18) als Regelwerk für ein gelingendes Zusammenleben 17 ,
beinhaltet das Ehebruchsverbot. In Ex 20,14 und Dtn 5,18 heißt es: ֹא ל .ס ׃ ָף ְא ִנ ּ ת ֹא ל bedeutet soviel wie nicht. ָף ְא ִנ ּ ת kommt vom Wortstamm נאף : Ehebrechen. Mit dem Suffix ּ ִ ת entspricht es dann der Bedeutung: du wirst nicht ehebrechen, du hast nicht Ehe zu brechen oder du sollst nicht ehebrechen. 18 Der jüdische Exeget M. Buber übersetzte das Verbנאף mit dem veralteten deutschen Verb „buhlen“ 19 , womit schon der Versuch eines sexuellen Übertritts eingeschlossen ist. Eine Buhlschaft ist ein Liebesverhältnis, ein Buhler ist ein Geliebter oder
14 Ebach, Frau II, in: TRE, 422.
15 Baumann, Was jeder vom Judentum wissen muß, 90.
16 Vgl. (Autor unbekannt) Israel heute. Jüdisches Fenster. Scheidungsecht reformiert, Artikel vom 24.03.2009.
17 Vgl. Deuser, Die Zehn Gebote, 9
18 Vgl. Jenni, Lehrbuch der hebräischen Sprache des Alten Testaments, 230f.
19 „(veraltet) um jmds. Gunst buhlen“. Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Duden, 2000.
9
eine Geliebte. Ginge man von dieser Übersetzung aus, würde das Gebot einen völlig anderen Charakter erhalten. Jegliche sexuelle Buhlerei, in der um die Gunst eines anderen geworben wird, wäre betroffen, unabhängig von der Ehe. Buber könnte damit auf die Sexualkulte, die Tempelprostitution, die in der damaligen Zeit betrieben wurden, Bezug genommen haben. E. Nielson bestätigt diese Auslegung in seinem Werk Die Zehn Gebote indem er dem Verb נאף jegliche Form sexueller Versündigung und religiösen Abfalls zuschreibt. 20 Diese weite Fassung des Gebotes ist auch in Martin Luthers Auslegung im Kleinen Katechismus zu finden.
Diese Auffassung ist im 21. Jahrhundert in Anbetracht der Entwicklungen des späten 20. Jahrhunderts, beispielsweise der Studentenbewegung in den 1970er Jahren, der sexuellen Revolution, dem gestiegenen Bedürfnis nach Individualismus, des starken Medieneinflusses und der in der westlichen Welt gelebten Freizügigkeit kaum als allgemeine Regel festlegbar. Die Ehe, in soziologischer Betrachtung, war ursprünglich an den Zweck der Zeugung von Nachkommen gekoppelt. Keine Kinder zu haben, stellte einen sozialen Makel, sowie ein wirtschaftliches Problem dar. Weiterhin war die Ehe ein Rechtsgeschäft, wobei ökonomische und wirtschaftliche Überlegungen der Sippe eine Rolle gespielt haben. Die Verliebtheit und die subjektive Entsprechung der Ehepartner waren dabei sekundär. Es stand der Bundesgedanke im Vordergrund, der die Ehe als Gleichnis für den Treuebund zwischen Jahwe und Israel (Hos 1-3) verstand. 21 Die Monogamie, die aus diesem Verständnis von Ehe folgt, war eine theologisch motivierte Abgrenzung gegenüber kanaanäischen, ägyptischen und hellenistischen Kulten. 22 Die Monogamie war gleichzeitig eine Aufwertung der Frau. Relevant für die Diskussion heute ist die theologische Motivation hinter den verschiedenen Lebensformen.
2.1.2 Eheschließung zu Zeiten Jesu und im Urchristentum
Die christliche Ehevorstellung, die vom Judentum übernommen wurde, war stark von herrschenden Moralvorstellungen im Imperium Romanum beeinflusst. Viele rechtliche und sittliche Tatsachen brachten damals eine ablehnende Haltung der Ehe gegenüber hervor, wie z.B. die Eheverbote, die vor Einführung des allgemeinen Bürgerrechts 212 n.Chr. vielen im Weg stand. Andere Einflussfaktoren, so Urs Baumann, waren "die wachsende Verelendung der Massen" im Vergleich zum maßlosen Luxus und Hedonismus der Reichen, "die
20 Vgl. Nielsen, Die Zehn Gebote, 84
21 Vgl. Honecker, Grundriss der Sozialethik, 155-157.
22 Vgl. Deuser, Die Zehn Gebote, 96.
10
erniedrigende Stellung der Frau, Familienüberdruß und latente Kinderfeindlichkeit". 23 Sklaverei, Homosexualität, Pädophilie, Götzendienst, Magie, Vergeudung staatlicher Mittel im Zuge des Hedonismus gehörten zum Alltag und trugen letztlich auch ihren Teil zu späteren asketischen Bewegungen des Christentums bei, wie z.B. die Hochschätzung der Jungfräulichkeit im Christentum.
Auf Grund damaliger lockerer Scheidungsgesetze war die Trennungsrate enorm, so dass der römische Staat schließlich sogar Strafgelder für Ehelose oder Wiederverheiratungspflicht für Verwitwete und Geschiedene verhängte um zur Eheschließung zu bewegen. „Nach der Ansicht der Schule Hillers durfte der Mann die Frau aus jedem Grund verstoßen, selbst wenn sie bloß das Essen hatte anbrennen lassen. Rabbi Akiba gestattete die Scheidung schon, wenn der Mann eine andere Frau vorzog. Strenger war die Schule Schammajs, die als Scheidungsgrund nur den Ehebruch der Frau zuließ.“ 24 320 n.Chr. schaffte Konstantin der Große diese Ehegebote sofort ab, wobei der Beweggrund nicht das moralische Hinterfragen der Zwangsverordnungen war, sondern das Ideal der Jungfräulichkeit. A. Öpke äußert sich kritisch zur Ehemoral des frühen Christentums, die sowohl die jüdische Gesetzesstrenge als auch die hellenistische Ablehnung der Körperlichkeit und später der Sexualität aufnahm. 25 Ursprünglich war im römischen Reich die Ehe ein rituelles Ereignis (confarreatio) und sakrale Handlung, was den Übergang der Braut in die Neue Sippe des Mannes symbolisieren sollte. Eine andere alte Sitte war die so genannte „Vertragsehe“, bei der die neue Rechtsstellung der Frau und das neue Besitzverhältnis festgehalten wurden, denn die Frau ging vom Besitz des Vaters in den des Mannes über. Gebräuchlicher war damals die Usus-Ehe, die auf gemeinsamen Konsens baute. Dies übernahm das Christentum aus dem römischen Recht. 26
Erst mit den Lehren Jesu kam man der Gleichstellung zwischen Mann und Frau näher. Jesus bezog seine Aussagen zu Scheidung oder dem Besitzrecht (Frau ist nicht Besitz des Mannes, sondern Partner) sowohl auf Mann als auch Frau. „Damit durchbricht er die patriarchalische Ordnung, ohne sie allerdings programmatisch zu beseitigen und abzuschaffen.“ 27 Es wird die Fürsorge des Mannes für seine Frau betont, also die personale Beziehung. 28 Bezüglich der Ehescheidung gilt nach Jesus grundsätzlich das Scheidungsverbot für Frau und Mann, denn „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das
23 Baumann, Die Ehe - ein Sakrament?, 170f.
24 Honecker, Grundriss der Sozialethik, 157; vgl.: Schrage, Ethik des Neuen Testaments, 97-105.
25 Vgl. Baumann, Die Ehe - ein Sakrament?, 172.
26 Vgl. Ebd., 170.
27 Honecker, Grundriss der Sozialethik. 157.
28 Vgl. Schrage, Ethik des Neuen Testaments. 158.
soll der Mensch nicht scheiden!“ (Mt 19, 6) Jesus erklärt den mosaischen Scheidungsbrief als Scheidung der Härte des Herzens wegen (Mt 19, 8). Ein hartes Herz ist „der Wille zu sich selbst, der Gottes Wirken und Gottes Gaben nicht wahrnimmt, der nicht mehr fragt, was Gott noch mit uns vorhat, und wie die Geschichte weitergehen kann.“ 29 Ein hartes Herz versperrt die Sicht auf den Nächsten und ist auf die eigene Person konzentriert. Jesus jedoch sagte seinen Jüngern:
„Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist's nicht so gewesen. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, und heiratet eine andere, der bricht die Ehe.“ (Mt 19, 8)
Wenn man einen Menschen kennen und lieben lernt, beginnt eine Geschichte mit dieser Person. 30 Die Erfahrungen und Erlebnisse, die man geteilt hat, das Lachen, das Weinen, die Gespräche, werden Teil von einem selbst. Bindungen und Verstrickungen mit Personen können eigentlich nicht rückgängig gemacht werden, sie verändern sich nur. Verbindungen zwischen Menschen können nicht gekündigt werden wie eine Wohnung oder ein Bankkonto. Gekündigte Partnerschaften sind genauso Teil eines Menschen wie die gelungenen und gelingenden Partnerschaften. Geht man eine Ehe ein, so sollte man alles dafür tun, damit sie nicht scheitert und in Nächstenliebe nach der Goldenen Regel 31 leben und handeln. Ein Scheitern ist natürlich nie ausgeschlossen, in diesem Fall ist die Scheidung ein Neuanfang für ein Leben ohne Streit und Hass, falls das Verhältnis tatsächlich zu verfahren ist und kein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann. Jesu Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe ist dabei unverrückt, denn Streit und Hass dürften nicht entstehen, würde man sich mit dem Ziel der Einheit an das Eheversprechen halten. Eheversprechen werden von den Eheleuten selbst gewählt. So könnte beispielsweise ein Trauspruch aussehen: Jeden Tag aufs Neue möchte ich Dir zeigen, was mir unsere Verbindung bedeutet. Ich will sie täglich pflegen und schützen, will geduldig und nachsichtig sein im Vertrauen und mit Hoffung. Jeder Tag bietet eine neue Chance, unsere Beziehung wieder zu entdecken, das Buch fortzuschreiben, das wir gemeinsam begonnen haben.
29 Ulrich-Eschemann, Lebensgestalt Familie, 89.
30 Vgl. Ulrich-Eschemann, Lebensgestalt Familie, 85.
31 „Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ (Lk 6, 31) oder das Sprichwort: Was du nicht willst das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.
2.1.3 Augustinus von Hippo und Thomas von Aquin zum Ehesakrament
Aurelius Augustinus (354-430) ist zwar einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und verdient daher vollsten Respekt, allerdings hat er „die in der spätantiken christlichen Theologie lange schwebenden negativen Wertungen und Vorstellungen von der Ehe als Geschlechtsgemeinschaft aufgenommen, …“. 32 Die zu Grunde liegende Lehrmeinung, welche die Spätantike prägt, ist die dualistische Denkweise, die aus Platons Ideenlehre stammt und als zweigeteiltes Weltbild von verschiedenen philosophischen und religiösen Strömungen weitergedacht wurde. Dementsprechend war das „ursprünglich geistige und lichtvolle Wesen[s] in der Materialität von Leib und Sinnenwelt, verursacht durch irgendeinen Unglücks- oder Sündenfall“ 33 gefangen.
Augustin grenzte sich in seinen philosophisch-theologischen Betrachtungen sowohl von der Schule des Manichäismus, welcher er sich in der Frühzeit als Hörer verbunden fühlte und welche das Leiblich-sexuelle konsequent ablehnte, als auch der Schule des Pelagianismus ab, welche das Leiblich-sexuelle als von Gott gegeben und nicht als Sündenfall betrachtete. Er wollte den Wert der Ehe gegenüber beiden Positionen als etwas Ursprüngliches verteidigen, da es die Verbindung zwischen Mann und Frau schon vor dem Sündenfall gab, und auch als etwas, das nicht dem sexuell-animalischen Trieb unterliegt. Den Trieb und das Begehren der Menschen zur Lustbefriedigung in allen seinen Facetten, nicht nur im sexuellen Bereich, ordnet Augustinus den Folgen des Sündenfalls zu. 34 Die Ehe, die nicht auf Erotik und Sexualität verzichtet, ist nach dieser Auffassung also sündhaft, allerdings kann man sie nach Paulus Aussagen in 1. Kor 7, 1-9 erlauben um Unzucht zu vermeiden. Die Werte der Ehe sind proles, fides und sacramentum (Nachkommenschaft, Treue und Sakrament), was im Glauben gelebt wird. „Mann und Frau durch ihre unlösbare eheliche Verbindung sind Zeichen für die Einheit der Kirche, das ist das eigentlich Neue an Augustins Entwurf, und sie können ihre Ehe nicht lösen, ohne die Realität ihres Christseins aufs Spiel zu setzen.“ 35 Proles bezieht sich auf den naturrechtlichen Zweck der Fortpflanzung, Fides bezieht sich auf die Treue und Keuschheit der Partner zueinander und Sacramentum (mystérion) bezieht sich auf den unauflöslichen Bundcharakter und die Einheit der Kirche. Scheidung heißt in dieser Logik der Bruch mit dem Glauben, vor allem wenn man die Ehe in Analogie
32 Baumann, Die Ehe - ein Sakrament, 180f.
33 Ebd., 181.
34 Vgl. Ebd., 182f.
35 Ebd., 203.
13
mit Christus zu seiner Gemeinde sieht (Vgl. Eph 5, 32). Die heutige Ehesakramentsdefinition der katholischen Kirche ist nicht mit Augustins Vorstellung des Sacramentums identisch. In der Alten Kirche zählte man die Ehe schließlich auf Grund des rituellen Charakters und der Hochschätzung der Liturgie zu den Sakramenten, was später nicht mehr rückgängig gemacht wurde.
Er stellte in seinen Überlegungen zu den Sakramenten, somit auch zur Ehe, die sieben Sakramente nicht mehr in Frage, sondern versuchte sie zu begründen. 36 Ein Sakrament ist nach Thomas ein Zeichen einer heiligen Sache, das dazu dient „unsere Heiligung anzuzeigen“ 37 . Zeichen meint hier sinnlich erfahrbares Mittel zur Erkenntnisgewinnung. Durch das Bezeichnen und Empfangen des Zeichens in liturgischer Feier wird das Heilige bestimmt und angenommen. Sein Argumentationsmuster steht in der Tradition der Scholastik, die mit ihm an ihrem Höhepunkt war. Die aristotelischen Begriffe Form und Materie wendet Thomas auf die Ehe an und folgert für die Form die „Worte, die den Ehewillen zum Ausdruck bringen“ und für die Materie den „gegenseitige(n) Konsens zur ehelichen Lebensverbindung“. 38
Zentral und deckungsgleich bei den beiden führenden Kirchenvätern ist das Verständnis der Ehe als unauflösliche Verbindung und die Analogie zwischen der Treue Christi zu den Menschen und der Treue zwischen den Ehepartnern.
Am Rande ist die auf den platonischen Irrtum 39 zurückzuführende Haltung gegenüber der Frau als schwächeres Geschlecht zu betonen, welche mit ihrer Generalisierung von führenden Philosophen und Theologen in der Geschichte mehrfach zur Sprache gebracht wurde. So von Aristoteles, Boethius, Juvenal, im frühen Christentum (1.Tim 2, 11-15; 1.Kor 14, 33) 40 , Thomas von Aquin im Mittelalter (im Rückgriff auf Aristoteles und Boethius), sowie schließlich von Kant in der Neuzeit. Thomas weist dabei darauf hin, dass die Frau schwerer gesündigt hat als der Mann, denn dieser hätte nur aus einer Gefälligkeit gegenüber der Frau gegen Gott gesündigt. 41 Betrachtet man die Kirchengeschichte historisch-kritisch sollte man darauf hinweisen, dass die Frau zur Zeit der Kirchenväter eine untergeordnete Stellung einnahm. Luther gilt nach den Ausführungen von Max Liedtke zu einem Vertreter der
36 Man muss hier bemerken, dass Thomas zum Ehesakrament kein Fazit gezogen hat, da er vorher verstarb. Sein größtes Werk, die Summa Theologiae wurde schließlich ergänzt. Vgl. Baumann, Die Ehe - ein Sakrament, 230.
37 Ebd., 241.
38 Ebd., 263.
39 Vgl. Politeia 455 d; Liedtke, Der weite Schulweg der Mädchen, 27.
40 strittig ob paulinisch oder nicht.
41 Vgl. Liedtke, Der weite Schulweg der Mädchen, 25-37.
Gegenbewegungen zum tradierten platonischen Irrtum. 42 Dies ist im relevanten geschichtlichen Kontext im Hinterkopf zu halten.
2.1.4 Neue Ansichten im Zeitalter der Reformation
Luther teilte die augustinsche Meinung, dass die Ehe zu bejahen ist, damit „Unzucht“ vermieden wird. Unzucht und Keuschheit bezieht Luther nicht nur auf das Geschlechtliche. Keuschheit heißt für ihn eine bewusste „Persönlichkeitshaltung, die erarbeitet und eingeübt werden muss; zu umschreiben mit Selbstdisziplin, Anständigkeit, Zurückhaltung - um Liebe und Sexualität nicht zu zwingen, nicht beliebig ausnutzbar oder zur banalisierten Ware werden zu lassen.“ 43 Der Wortsinn wird besonders deutlich wenn man das ursprüngliche lateinische Wort conscius hernimmt, was soviel heißt wie bewusst. Vor dem Hintergrund ethischer Denkmodelle könnte man mit conscius das Konzept der vollen Autonomie in Verbindung bringen, was Selbstkontrolle und Selbstbestimmung impliziert. Man lebt in voller Autonomie, was der höchste Freiheitsgrad eines Menschen ist, „wie man leben will“, bzw. man lebt nach den Regeln auf die man sich freiwillig festlegt und ist „Herr seiner Selbst“. 44 Den Wert der Ehe, in Anbetracht der immensen Hochschätzung der Jungfräulichkeit und asketischen Lebensweise im Mittelalter, betont Luther vehement, da er die Verbindung von Mann und Frau als etwas Natürliches und Ursprüngliches sieht, die nicht negativ sondern positiv zu bewerten ist. Luthers Ansichten müssen zusätzlich vor dem Hintergrund mittelalterlicher Eheverbote gesehen werden, insbesondere des „päpstlichen Achtzehn-Punkte-Katalog von Ehehindernissen“ (Zölibat). Gegen Bezahlung waren allerdings Ausnahmen möglich. 45 Jesus selbst hat die Geschlechtlichkeit als etwas Natürliches gesehen, mit dem der Mensch (Mann und Frau) erschaffen wurde. Die Geschlechtlichkeit als eine qualitative Abwertung oder als Folge des Sündenfalls zu sehen, ist eine harte Position. Dualistisch argumentiert macht sie zwar Sinn, da nach dieser Theorie die Existenz in der materiellen Sinnenwelt als eine Gefangenschaft des ursprünglich Geistigen gesehen wird, aber dem Argument, dass der Mensch schon immer seine Geschlechtlichkeit als Mann und Frau besessen hat, hält dies trotzdem nicht stand. 46
Luthers Ansichten waren mit starker Sozial- und Kirchenkritik verbunden, die sich vor allem gegen die Obrigkeit richtete, denn gegen Bezahlung war sehr viel möglich. Scheidungen und
42 Vgl. Ebd., 27.
43 Deuser, Die Zehn Gebote, 98.
44 Tugendhat, Wie sollen wir handeln?, 149-160.
45 Vgl. Wannenwetsch, Die Freiheit der Ehe, 119.
46 Vgl. Schrage, Ethik des Neuen Testaments, 100.
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Wiederverheiratungen waren trotz dogmatischer Verwerfung keine Seltenheit. Der Doppelmoral, die den Menschen ihre Sündhaftigkeit immer wieder bewusst machte, daraus Profit schlug und den Menschen schließlich nicht half sich ihrer seelischen Belastung zu entledigen, trat Luther entgegen. Luthers Botschaft zur Ehe war, dass sie zu den weltlichen Angelegenheiten gezählt und auf gewisse Weise radikalisiert werden sollte, beispielsweise verwirft Luther schon Blicke des Begehrens. Auf dem Hintergrund von Luthers Freiheitsverständnis tritt bei der Ehe, wie auch in anderen Lebensbereichen, die der Mensch nie vollkommen ohne Verfehlung leben kann, die Gnade in den Vordergrund.
2.1.5 Verdrängung der Kirche als Moralinstanz seit der Aufklärung
In der europäischen Neuzeit kann man sowohl einen Wandel in der Zusammensetzung und Rollenstruktur, als auch eine Veränderungstendenz innerhalb Beziehungen zwischen Familienmitgliedern erkennen. Gegenstand der Betrachtung sind Entwicklungstendenzen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können, z.B. "Scholarisierung mit all ihren Auswirkungen auf das Familienleben". 47 48 Die Familienforschung hat festgestellt, dass die Großfamilie nicht von der Generationentiefe bestimmt war, sondern von der Größe der Hausgemeinschaft an sich, zu der auch nicht verwandte Mitglieder zählten. Alteuropäische Familien bestanden aus verwitweten Elternteilen, mit Geschwistern, sonstigen Verwandten, Ziehkindern, nicht verwandtem Gesinde und anderen Mitbewohnern, was eine gemeinsame Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft ausmachte. Die starke Zunahme an Zwei-und
Einpersonenhaushalten seit dem 20. Jahrhundert ließ die Rollenvielfalt in Familien sehr schrumpfen. Im Mittelalter gab es hauptsächlich zwei Formen des Zusammenlebens: 1. Der Sohn/die Söhne heirateten und blieben im Haushalt des Vaters unter seiner Autorität. 2. Nur ein Sohn auf dem Hof durfte heiraten, was relativ spät geschah. Die anderen Söhne und Töchter blieben als Mägde oder Knechte im Familienagrarbetrieb. Eigentums- und Autoritätsverhältnis gingen über an die neuen Besitzer, wobei gleichzeitig die Altersvorsorge der Eltern vertraglich festgelegt war. Diese Form war typisch für die bäuerliche Bevölkerung Mittel-, Nord- und Westeuropas. 49 Die Vorstellung der glücklich vereinten Großfamilie, die oft als Gegenpol zu Industriegesellschaft und Individualisierung vorgebracht wird, kann nach
47 Vgl. Mitterauer, Entwicklungstrends der Familie in der europäischen Neuzeit, in: Nave-Herz; u.a. (Hg.), Handbuch der Familien- und Jugendforschung. Band 1, 180.
48 Zum Folgenden vgl., Ebd., 181-187.
49 Ebd., 181.
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diesem Forschungsbestand nicht nur romantisch gesehen werden. Typisch war es jedoch nicht, dass die erwachsenen Kinder mit den alten Eltern zusammenlebten, denn einerseits lebte man nicht so lange wie heute und andererseits heiratete man später, das heißt die Eltern starben meist bevor die Kinder eine eigene Familie hatten. Im 19. und 20. Jahrhundert kam weiterhin ein neues Leitbild der Familienstrukturen in der bürgerlichen Familie auf. Wenn es früher ganz normal war, dass nicht verwandte Personen, z.B. Magd, Knecht, Dienstmädchen, Page, Kutscher, etc., Teil der Familie waren, ging der Trend immer zur „familiale(n) Intimität". 50 Außerdem veränderte sich die Anzahl und Lebenszeit der geborenen und überlebenden Kinder pro Haushalt, sowie die Ehedauer und allgemeine Lebenserwartung. Bezüglich der Verhältnisse zwischen den Ehegatten sind deutliche Altersunterschiede bis ins 18. Jahrhundert zu erkennen. Auf Grund der hohen Sterblichkeit, z.B. Kindesbetttod der Mutter oder Seuchen, und der Abhängigkeit des Familienbetriebs von der Arbeitskraft, wurde oft wieder geheiratet. Sowohl in der Stadt als auch auf dem Land waren Altersunterschiede von mehreren Jahrzehnten keine Seltenheit. Die Familienwirtschaft hielt die Ehe aus ökonomischen und religiösen Gründen zusammen und garantierte Stabilität. Die Verwitwung und somit die Wiederverheiratung ging ab dem 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung und Urbanisierung zurück. Doch nicht nur die neuen ökonomischen Verhältnisse in der Gesellschaft änderten sich im 19. Jahrhundert, es war vor allem in den Städten eine Säkularisierung zu bemerken, welche die Kirche als Moralinstanz immer mehr verdrängte. Der Bildungsbürger richtete sein Augenmerk auf Fortschritt und Wissenschaft. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass die sinkende Einflussnahme von Gemeinde und Glaube die steigenden Scheidungszahlen beeinflusst hat. So wurde aus einer „sukzessiven Polygamie“ nach Verwitwung, eine „sukzessive Polygamie“ nach Scheidung. 51 Allerdings sollte man eher von serieller Monogamie sprechen als von Polygamie.
Der Individualismus brachte unter anderem das Postulat der Liebesheirat hervor. Das Individuum sollte nicht länger von außen bestimmt werden und die familiäre Gruppenidentität veränderte sich hin zu einer Ich-Identität. „Der Übergang zur individuellen Lohnempfängergesellschaft der Moderne“ 52 schaffte dabei die dazu nötige ökonomische Unabhängigkeit. Der liberale Freiheitsstaat wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zum sozialen Wohlfahrtsstaat. Die Partnerwahl konnte selbst bestimmt vollzogen werden, weil andere Menschen, wie beispielsweise in bäuerlichen Agrargemeinschaften, nicht mehr in dem Maße von den persönlichen Entscheidungen betroffen waren. Die Folge einer Ehe, die auf Liebe und
50 Vgl. Ebd., 183.
51 Vgl. Ebd., 186.
52 Ebd., 187.
psychologischer Intimität gründet, ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Gleichberechtigung heißt in diesem Sinne die Befreiung der Frau von ihrer Unterwerfung im Haushalt, in der Kindererziehung und im Sexualleben. Dieser Vorstellungslinie über Grundlagen der Ehe folgen auch Rousseau, Kant, Hegel, Mill und Bentham. 53 Die emotionale Übereinstimmung mit dem Partner, die zur Prämisse der Partnerschaft und Ehe wurde, brachte zum einen Freiheit und Glück, zum anderen wurde die Ehe dadurch jedoch auch instabiler, da ihr stärkster Qualitätsparameter die Gefühle sind. Gleichzeitig hat sich die Zielvorstellung einer Ehe auf Nachwuchs hin geändert. Das Zentrum ist die persönliche und sexuelle Übereinstimmung, denn diese bilden nach moderner Vorstellung die Grundlage einer Partnerschaft.
Diese beiden Bereiche (persönliche und körperliche Übereinstimmung) konnten nach Erfindung und Verbreitung der Pille und der steigenden Verbreitung und Produktion von Kondomen ab Mitte des 20. Jahrhunderts getrennt betrachtet werden. Bislang kann man als eine Folge dieser relativ jungen Entwicklung feststellen, dass sexuelle Aktivität vor einer Ehe dadurch immer früher einsetzt. Der Heiratsgrund wegen Schwangerschaft ist durch die effektive moderne Verhütung größtenteils weggefallen.
Kurz anzumerken ist noch die Stellung der Frau zum Mann und umgekehrt. Grundsätzlich muss man den anatomischen Unterschied nennen, der dem Mann einen erheblichen Vorteil an schnell zu aktivierender Muskelkraft gegenüber der Frau einräumt. Weiterhin ist entscheidend welch geringen Zugang zu Bildung Frauen noch bis ins 20. Jahrhundert hatten. Ursprünglich konnte man diesbezüglich von keiner Benachteiligung sprechen. Die Aufgabe des Mannes war der Außendienst, in dem Schrift- und Lesekenntnis erforderlich waren, die Frau war im Binnendienst tätig. 54 Verschiedene Arbeiten waren durch die erforderliche Muskel- und Körperkraft fixiert, bis schließlich, vor allem durch Erfindungen des 19. Jahrhundert, die körperliche Anstrengung an Bedeutung abnahm. Heute sind in Europa und vielen Teilen der Erde Frauen und Männer in nahezu allen Berufsfeldern mehr oder weniger partnerschaftlich vertreten und durch ein gut ausgebautes soziales Netz mit Krabbelgruppen und Kinderhorten ist die Frau auch zunehmend dem Mann gleichgestellt, wobei feministische Kritikerinnen, z.B. Susan Moller Okin ungerechtfertigte durchschnittlich geringere Bezahlung von Frauen und die unbezahlte Arbeit von Frauen in Haushalten stark anprangert. 55 Diese Tatsache erfordert eine Paarbindung, die auf persönliche und emotionale Eignung ausgerichtet ist, da durch die
53 Vgl. Houlgate, Morals, marriage, and parenthood, 92-94.
54 Vgl. Liedtke, Der weite Schulweg der Mädchen, 37.
55 Vgl. Houlgate, Morals, marriage, and parenthood, 94.
offenen Rollenschemata täglich Kompromisse und Einigung im Zusammenleben erreicht werden müssen.
Für die theologische Ethik stellt sich die Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass eine zwischenmenschliche Partnerschaft nicht losgelöst von äußeren und inneren Bindungen, sowie gesellschaftlichen Verpflichtungen existiert. Aus theologischer Sicht stehen sich Frau und Mann ebenbildlich gegenüber, gehören zusammen und sind ethisch gesehen füreinander verantwortlich, auch wenn die Kirche gesellschaftlich als Moralinstanz an Bedeutung verloren hat.
2.2 Zukunftsperspektiven
Was erhoffen wir für die Zukunft? Wollen wir eine Welt, in der eine Partnerschaft keine Verbindlichkeit fordert, da es primär um die eigene Bedürfnisbefriedigung geht? Oder wollen wir eine Welt, in der ein starrer Sittenkanon gefordert wird? Heute ist es schwer und problematisch ein Urteil über Lebenskonzepte zu fällen, denn spätestens seit Ende des 20. Jahrhundert, in dem verschiedenste Kulturen und Religionen, sowie Lebenseinstellungen, die auf dieser Erde existieren, immer näher zusammenrücken, stehen viele verschiedene Wahrheiten nebeneinander. In Deutschland leben wir in einem Staat, der gegenüber Weltanschauungen und Religion neutral zu bleiben hat. Man spricht von „Pluralismus der Weltanschauungen und Religionen“ 56 , also deren Ebenwürdigkeit. Als Christ, gilt es innertheologisch den Wahrheitsanspruch für die eigene Einstellung zu finden, um im Pluralismus begründen zu können, was die Vorraussetzungen und Ursachen für den persönlichen Standpunkt sind. Im Pluralismus kann nur nach innen ein Wahrheitsanspruch gestellt werden, nicht nach außen, denn sonst kann weder ein Nebeneinander, noch ein Miteinander der Weltanschauungen und Religionen bestehen. Pluralismus ist kein Relativismus, der allen Wahrheitsanspruch ausschließt. Jedoch sollte auf die einheitliche, nicht relativierende Haltung der christlichen Kirche Wert gelegt werden, in einem liberalen und säkularen Staat.
„Gerade mal drei Jahre nach der Ausstrahlung in den USA vermittelt Sex and the City (…) das Neue, spaßig-spießige Frauenbild von der modern-selbstbewussten Karrierefrau, die auf wohlgeformt-pumpsbeschuhten Beinen mitten im Leben steht.“ 57 Beraten von Idolen wie Sex and the City - Protagonistin Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw, orientieren sich selbstbewusste dynamische Menschen - modebewusst, beliebt, schön - an einer Ethik des
56 Ulrich-Eschemann, Karin, "Was heißt Kirche sein?", 5.
57 Schiessl, TV-Serien: Der Club der bösen Mädchen.
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Glücks, welche primär das unabhängige Individuum in den Mittelpunkt stellt. Der Familienersatz sind die Freunde, d.h. die Wahl eines sozialen Milieus, in dem man seine Freizeit gestaltet. Lebensabschnittsgefährte - so heißt der intime Partner, mit dem man für eine mehr oder weniger lange Zeit eine Beziehung in einer bestimmten Lebensform hat. Karin Ulrich-Eschemann wies darauf hin, dass mit dem Begriff Beziehung schon impliziert ist, dass es sich nur um eine Begegnung handelt, die sich im Vergleich zu Bestimmungen innerhalb einer Familie nicht näher definiert. 58 Die einen wohnen unverheiratet zusammen, die anderen in getrennten Wohnungen, wieder andere führen aus beruflichen Gründen eine Fern- und Wochenendbeziehung, weiterhin gibt es immer mehr Patchworkfamilien. Den Beziehungsformen sind keine Grenzen gesetzt.
Nach dem neusten Sex and the City - Film jedoch, findet man die Protagonistinnen nicht mehr allein stehend vor. Ihre Suche nach ‚dem Traummann‘ gelangte an das Ziel einer romantischen Heirat und der Erfüllung des Kinderwunsches, der auch der modernen modebewussten Großstadtfrau des 21. Jahrhunderts nicht ausbleibt. Bei näherer Betrachtung von stark am Individualismus verhafteten Lebensformen tun sich Spannungen auf. Einerseits wird nach Selbstverwirklichung gestrebt und andererseits bleibt der Mensch verhaftet an das anthropologische Bedürfnis nach Gemeinschaft. Das Milieu, in dem man sich bewegt, ist der Familienersatz und gleichzeitig wird der Single von vielen als nicht vollständig betrachtet. Nicht ohne Grund genießen Flirthomepages und andere Kontaktbörsen große Popularität. Nicht nur das menschliche Bedürfnis nach einer Partnerschaft, auch die Grundwerte des Zusammenlebens sind stabil, obwohl sich die Formen des Zusammenlebens geändert haben. Treue und Vertrauen werden von den meisten Partnern als Eckpfeiler einer Lebensgemeinschaft gesehen. Bernd Wannenwetsch spricht von einer Zirkelstruktur der Vergebung und Treue, die durch den Konflikt wächst und somit kontinuierlich an Intimität gewinnt. Nach dieser Vorstellung wächst die Partnerschaft durch Auseinandersetzung miteinander. In der Intimität mit einer anderen Person wird auf Dauer nie ohne Auseinandersetzungen und Streit auszukommen sein, weil zwei verschiedene Persönlichkeiten so eng zusammen stoßen. Die Herausforderung besteht darin, die Konflikte zu lösen und an der Partnerschaft zu arbeiten. Dies kann nur durch Vertrauen, Treue und Vergebung geschehen, denn fehlerfrei ist niemand. Die sexuelle Untreue eines Partners muss demnach nicht unbedingt das Ende bedeuten, wenn Liebe und Vergebung in der Gemeinschaft diesen Fehler ausgleichen.
58 Vgl. Ulrich-Eschemann, Lebensgestalt Familie, 37.
Muss also ein Lebenskonzept, das nach Selbstverwirklichung strebt und sich am Individualismus orientiert, grundsätzlich dem Konzept der Ehe widersprechen? Um sich selbst nicht untreu zu werden, sollten beide Partner um ihrer selbst willen einander treu sein. Denn die Untreue zum Partner würde der Partnerschaft und somit dem eigenen Lebensraum schaden. Die gelebte Treue und die Stärkung des Vertrauens innerhalb einer Ehe entsprechen demnach dem Selbstverwirklichungskonzept. Leitbilder, die suggerieren, man müsse offen für alles Neue sein und könne alle Entscheidungen noch einmal überdenken und neu anfangen, sind irreführend. Die überhastete Beendigung eine Partnerschaft geht oft nur Konflikten und Ängsten aus dem Weg.
Wo bleibt in eben genanntem Denkmuster aber die Familie? „Wer dagegen verlernt, mit Kindern zu leben, versteigt sich in den Wahn, er lebe für sich allein.“ 59 . Mit diesem Satz beendete Bischof Huber einen Artikel in DER ZEIT 15/2006. Jeder Mensch hat eine Herkunftsfamilie, auch jeder Single. Grundlagen in Familien sollten Liebe und Freiheit, aber auch Verlässlichkeit und Verantwortung sein, welche Sinn machen und Sinn geben, denn allein soll der Mensch nicht sein, denn für die Einsamkeit ist der Mensch nicht geschaffen. Dabei sind Konflikte wichtig und sie festigen persönliche Verhältnisse, wenn sie gemeinsam gemeistert werden. Besonders Eltern haben die Verantwortung ihren Kindern gegenüber sich darauf einzulassen und den gemeinsamen Weg zu gestalten.
Was in der Betrachtung noch fehlt, ist die Frage nach Gott. Gerade im Hinblick auf die Zukunft und alle künftigen Wandlungen, kann sich Partnerschaft und Ehe ihres Bestandes am sichersten sein, wenn sie sich einer höheren Instanz verschreibt statt Güterabwägungen oder positiven Erlebnissen. Die Partnerschaft, die im Willen Gottes stets an Bestand gewinnt, muss in dieser Konsequenz die Ehe sein. Nach Luther besitzt und fordert die Ehe den Glauben, nichteheliche Gemeinschaften sind gezwungen sich immer wieder zu qualifizieren und vor der Gesellschaft zu rechtfertigen.
2.3 Problembestimmung und religionspädagogische Relevanz
Was genau fordert nun die evangelische Ethik auf, sich mit dem Thema zu beschäftigen und es im Religionsunterricht zu behandeln? Partnerschaft und Ehe sind ein zentrales Feld der Lebensführung. Trutz Rendtorff führt über die Ethik an, dass eine ethische Argumentation bei den Grundstrukturen der Lebensführung beginnt, in denen eine Stellungnahme gefordert ist. 60
59 Huber, Kein Job wie jeder andere, in: DIE ZEIT 15/2006.
60 Vgl. Rendtorff, Ethik, 15.
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Bianka Stierhof, 2009, Die Ehe - Freiheit zu, durch und in Grenzen, München, GRIN Verlag GmbH
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