1. EINLEITUNG 3
2. AUTOBIOGRAPHIE 5
2.1 GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 6
3. AUTOBIOGRAPHIE ALS LITERARISCHE GATTUNG. 13
3.1 AUTOBIOGRAPHIE VOM 20. JAHRHUNDERT BIS HEUTE. 13
3.2 LITERARISCHES ERZÄHLEN. 17
3.2.1 DIE PROBLEMATIK VON FAKTIZITÄT UND FIKTION. 17
3.2.2 VIELFALT DER LITERARISCHEN FORMEN DER AUTOBIOGRAPHIE. 20
3.2.3 STRUKTUR UND AUFBAU VON AUTOBIOGRAPHIEN 24
3.2.4 ERINNERUNG, VERGESSEN UND GEDÄCHTNIS 30
4. LITERARISCHES ERZÄHLEN IN VIVIR PARA CONTARLA. 32
4.1 ERZÄHLSTRUKTUR IN VIVIR PARA CONTARLA 33
4.2 RHETORISCHE FIGUREN 43
4.3 FIKTIONALITÄT DURCH NARRATIVITÄT 48
4.4 INTERTEXTUALITÄT. 53
4.5 HISTORIOGRAPHISCHE ELEMENTE 58
4.6 ERINNERN 67
4.7 KOLLEKTIVES GEDÄCHTNIS 75
4.8 MIKRO- MAKROKOSMOS. 79
5. FAZIT 82
6. BIBLIOGRAPHIE. 87
6.1 PRIMÄRLITERATUR 87
6.2 SEKUNDÄRLITERATUR 87
6.2.1 ZITIERTE LITERATUR 87
6.2.2 KONSULTIERTE LITERATUR. 92
2
1. Einleitung
Die Autobiographie, eine bei der Leserschaft beliebte und auf dem Buchmarkt etablierte literarische Textsorte, kann auf eine überaus lange Geschichte zurückblicken. Wenngleich die
Autobiographieforschung ihren Beginn um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert hat, ist das wissenschaftliche Interesse in den neueren Philologien allerdings erst in den vergangenen drei Jahrzehnten schlagartig angestiegen. 1 Aufgrund neuer theoretischer Ansätze wird die Autobiographie seitdem aus anderen Perspektiven und unter neuen Kriterien betrachtet.
Das Besondere an der Gattung Autobiographie ist zum Einen deren Authentizität und zum Anderen, was das spannende an ihr ist, das Phänomen, dass sie in so zahlreichen, unterschiedlichen Formen auftritt. Nach einem entwicklungsgeschichtlichen Überblick der Autobiographie im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soll im Hauptteil Gabriel García Márquez’ Autobiographie Vivir para contarla textanalytisch in Bezug auf den ersten Teil untersucht werden. Der Rahmen dieser Arbeit lässt leider keinen erschöpfenden und ausführlichen geschichtlichen Überblick zu, sodass dieser nur grob dargestellt wird. Beginnend in der Antike soll von Platons’ Apologie des Sokrates über die häufig in eine hermeneutische Reihe gestellten Confessiones, die Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen Confessions und Wahrheit und Dichtung, aus dem 19. Jahrhundert, von Aurelius Augustinus, Jean-Jacques Rousseau und Johann Wolfgang von Goethe, das 20. Jahrhundert erreicht werden. Das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts ist gezeichnet von wissenschaftlichem Interesse an Autobiographien und hat die Forschung nachhaltig verändert. Diese in Betracht ziehend soll anschließend Gabriel García Márquez’ Vivir para contarla analysiert werden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf literarisches Erzählen gelegt wird. Es soll untersucht werden, inwieweit
1
Günter Niggl,
Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung,
Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 1.
3
in Gabriel García Márquez’ Autobiographie die zuvor vorgestellten Stilmittel des literarischen Erzählens sowie deren Gebrauchsweise aufzufinden sind. Des Weiteren soll herausgefunden werden, ob sein Werk einen Anspruch auf literarische Gestalt erheben kann. Zur Untermauerung der Argumente werden diverse wissenschaftliche Arbeiten hinzugezogen die alle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstammen, als der Autobiographie langsam ein neues Interesse zugestanden wurde. Diese reichen bezüglich der Autobiographie von Aichinger, Bruss, de Toro, Gusdorf, Lejeune, Misch, Niggl, Probst, Shumaker, Starobinski über Wagner-Egelhaaf bis hin zu diversen anderen Literaturwissenschaftlern. Auch werden historische Werke herangezogen, um sie später mit García Márquez’ historiographischen Elementen zu vergleichen, sowie wissenschaftliche Aufsätze, um Thesen und Argumentationen zu unterstützen.
Das wissenschaftliche Interesse an Autobiographien ist in den letzten Jahrzehnten zwar enorm angestiegen, dennoch existieren diverse Unstimmigkeiten, besonders literaturwissenschaftlicher Natur: Welche Definition trifft für den Begriff der Autobiographie am besten zu? Wo wird sie als eigene Gattung von ihren Nachbargattungen abgegrenzt? Insbesondere das Verhältnis der Autobiographie zur Fiktion scheint von großer Problematik zu sein, klaffen dort die Meinungen und Theorien der Wissenschaftler am deutlichsten auseinander. Die Forschung ist hier noch weit von einer gänzlich befriedigenden, einheitlichen Lösung entfernt. Des Weiteren bezieht sich die bisherige Forschungsliteratur bezüglich der Autobiographie als literarischer Gattung zum größten Teil auf europäische Schriftsteller. Im Folgenden soll daher der Versuch unternommen werden, die im ersten Teil erarbeiteten theoretischen Aspekte und Konzepte, im Hauptteil auf einen lateinamerikanischen Autobiographen, den Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, zu beziehen. Im Anschluss soll im Fazit ein Ergebnis präsentiert und erörtert werden.
4
2. Autobiographie
Der vorliegenden Arbeit soll folgende Definition des
Forschungsgegenstandes zugrunde liegen: Die Autobiographie soll als Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto) aufzufassen sein. 2 Beim Befassen mit dem Forschungsgegenstand Autobiographie muss zunächst geklärt werden, dass sie, anders als benachbarte Gattungen, nicht seit den Anfängen der Erzähltradition existiert und sie auch nicht in allen Kulturen zu finden ist 3 . Die Autobiographie scheint ein Phänomen der okzidentalen Bevölkerung zu sein, so geht Georges Gusdorf soweit, dass er von einer „geistigen Kolonisation“ 4 spricht. Gemeint sind Autoren in kolonisierten Bevölkerungen, die entgegen ihrer eigenen, ursprünglichen Mentalität das Verlangen haben, autobiographische Texte zu verfassen. Dass dieses so natürlich scheinende Bedürfnis, sein eigenes Leben zu rekapitulieren und zu erzählen, kein allgemeines und weltweites Verlangen ist, wird offensichtlich, wenn, wie im Folgenden ausgeführt, in Betracht gezogen wird, seit wann und vor allem wo auf der Welt autobiographische Texte existieren.
Soll als erste nennenswerte Autobiographie also die Confessiones von Augustinus bestimmt werden, weil sie die literaturwissenschaftliche Forschung geprägt hat und eine Art Vorbild für die folgenden Autobiographien war? Können nicht aber auch schon Platons Die Apologie des Sokrates oder Isokrates’ Antidosis als autobiographisch, bzw. zumindest partiell als autobiographisch betrachtet werden? Es soll im Folgenden ein knapper Umriss der Geschichte der Autobiographie gegeben werden, der als unvollständig zu betrachten ist, da eine
2 Georg Misch, „Begriff und Ursprung der Autobiographie“, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 38.
3 Georges Gusdorf. „Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie“, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 121.
4 Gusdorf, 122.
5
ausführliche, vollständige Darstellung nicht Gegenstand dieser Arbeit sein soll und den Rahmen derselben sprengen würde.
2.1 Geschichtlicher Überblick
Soll die Geschichte der Autobiographie dargestellt werden, ist bis in die Antike zurückzugehen. Hier war sie zwar noch keine eigenständige Gattung und kam in unterschiedlichen Erscheinungsformen vor, wenngleich sie nicht von jedem geschrieben werden konnte: Zur Rechtfertigung durften beispielsweise Politiker Gebrauch von autobiographischen Schriften machen, um ihr Handeln zu erklären oder zu propagieren; Schriftsteller durften auf diese Weise ihr Leben und ihr Werk präsentieren; Personen, die glaubten, erwähnenswerte und für Leser interessante Erfahrungen gemacht zu haben, konnten diese in Memoiren und Reiseberichten verewigen; Angeklagte haben ihre Verteidigungsrede als Rechtfertigung bzw. Selbstdarstellung genutzt, wie auch in den allseits bekannten Fällen von Sokrates (470-399 v. Chr.) und Isokrates (436-338 v. Chr.). 5 Während die Apologie des Sokrates von Sokrates’ Schüler Platon (427-347 v. Chr.) geschrieben wurde, dafür aber historisch der Wahrheit entsprach, schrieb Isokrates seine Antidosis selber, wenn auch der Inhalt des Werkes fiktive Elemente enthielt. 6 Isokrates möchte sich gänzlich offenbaren und die komplette Wahrheit über seine Wesensart und seine Bildung preisgeben, während Sokrates wegen Gotteslästerung (und folglich dem Verderben der Jugend) angeklagt war und sich zu verteidigen suchte, indem er sich immer wieder auf sein Leben als eine Einheit berief: „Ich bin etwas Besonderes - Anspruch auf Individualität; Ich bin stets derselbe gewesen - Anspruch auf Identität“. 7 Der Individualität bei Sokrates, dem wiederholten Berufen auf das semper idem, steht die
5 Vgl. Manfred Fuhrmann, „Rechtfertigung durch Identität - Über eine Wurzel des Autobiographischen“, in: Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik VIII: Identität, München: Wilhelm Fink Verlag, 1979, 685.
6 Vgl. ebd. 685.
7 Ebd. 686.
6
literarische Unübertroffenheit Isokrates’ gegenüber, „[D]as ihn Auszeichnende liegt, wie er selbst zu betonen nicht müde wird, auf literarischem Felde.“ 8 Individualität und das semper idem der platonischen Apologie des Sokrates (Rechtfertigung) wird abgelöst von dem Thema der Selbstfindung bei Aurelius Augustinus (354-430): Als erste gattungsgeschichtlich wichtige Form der Autobiographie werden Augustinus’ Confessiones genannt, die als ein „Leitparadigma“ 9 der Autobiographiegeschichte gesehen werden können. Wenngleich schon Platon und Isokrates autobiographische Elemente in ihre Schriften eingebaut haben, so gelten die Confessiones als erste in die spätere Reihe“ 10 „hermeneutische gehörende Autobiographie. Autobiographieforscher halten Augustinus’ Werk für
„gattungskonstitutiv.“ 11 In einer kontinuierlichen Darstellung seines Lebenszusammenhangs, die mit einem Abriss seiner frühen Kindheit beginnt, schildert Augustinus darin seine Bekehrung zum Christentum. Diese beschreibt er als den Wendepunkt seines Lebens und somit macht die Bekehrung den Höhepunkt der Autobiographie aus. Damit legt Augustinus den Grundstein für viele folgende Autobiographien: Nämlich den eigenen Werdegang oder zumindest einen bestimmten Lebensabschnitt 12 zu verschriftlichen, in dem der Autor auf der Suche nach seinem eigentlichen Ich umherirrt, bis das erinnerte Ich am Ende
9 Martina Wagner-Egelhaaf, Autobiographie, 2. Auflage, Sammlung Metzler, Bd. 323, Stuttgart und Weimar: J.B. Metzler, 2005, 112.
10 In eine hermeneutische Reihe werden in der Autobiographieforschung meist Aurelius Augustinus’ Confessiones, Jean-Jacques Rousseaus Confessions und Johann Wolfgang von Goethes Dichtung und Wahrheit gestellt. Vgl. hierzu auch Wagner-Egelhaaf, 112; des Weiteren zeigt Rudolf Probst, dass auch literaturwissenschaftlich prägende Werken wie Dürrenmatts Labyrinth diese drei Autobiographien erwähnen. Rudolf Probst, (K)eine Autobiographie schreiben: Friedrich Dürrenmatts „Stoffe“ als Quadratur des Zirkels, Zur Genealogie des Schreibens, Bd. 8, Paderborn: Fink, 2008, 47. Ingrid Aichinger, „Probleme der Autobiographie als Sprachkunstwerk”, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 176.
11 Wagner-Egelhaaf, 112.
12 Hier sei zu erwähnen, dass dieser in einer Autobiographie beschriebene Lebensabschnitt in seinem Verlauf deutlich erkennbar sein muss, dass die Länge des Textes jedoch vom Autor völlig frei zu bestimmen ist: der Autor kann seine autobiographische Schrift auf einer Seite darstellen, ebenso kann er ein Buch damit füllen, oder sein Werk auf mehrere Bände erstrecken. Vgl. hierzu auch Jean Starobinski, „The Style of Autobiography“, in: Trev Lynn Broughton (Hrsg.), Autobiography: Critical Concepts in Literary and Cultural Studies, Vol. I, London et al.: Routledge, 2007, 158.
7
seine „Bestimmung“ gefunden hat. 13 Während sich also in Augustinus’ Confessiones alles um ein „religiöses Bekehrungserlebnis“ 14 dreht und somit der Bezug zu Gott im Vordergrund steht, steht bei Jean-Jacques Rousseaus (1712-1778) postum erschienenen Confessions der Bezug zu sich selbst an primärer Stelle. Verfasst im 18. Jahrhundert, in welchem die Anthropologie an Bedeutung gewinnt, 15 geht es nicht mehr um die Wahrheit Gottes, sondern um die Wahrheit des Menschen. 16 Hierzu schreibt Hans Robert Jauss:
Sein [Rousseaus, Anm. d. V.] Buch, mit dessen Niederschrift sich die ästhetische Einstellung der religiösen Ausdrucksform der Lebensbeichte bemächtigt, macht die geheimsten Antriebe des menschlichen Herzens transparent und setzt derart die Selbstoffenbarung des Mitmenschen an die Stelle der Instanz, die Gott allein in der augustineschen Selbsterfahrung zugekommen war. 17
Wenn Jauss vom „Transparentmachen des Herzens“ und der „Selbstoffenbarung der Mitmenschen“ spricht, wird sowohl das anthropologische Gedankengut Rousseaus hervorgehoben, als auch der autobiographische Wandel von der augustineschen Autobiographie, in deren Zentrum sich einst ausschließlich Gott befand und nun der Mensch im Mittelpunkt steht.
Trotz des bereits erwähnten Wandels der Autobiographie und der folglich bestehenden Unterschiede zwischen beiden Formen, weist der Titel Confessions unabdingbar einen Bezug zu Augustinus’ Confessiones auf, doch wird von Rousseau selbst ausdrücklich erwähnt, dass dieses Werk „kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird“. Des Weiteren möchte
13 Probst, 48; Für eine ausführlichere Darstellung, siehe auch Wagner-Egelhaaf, 112ff.
14 Probst, 48. Für weitere Informationen in Bezug auf Bekehrung und Identität siehe auch Manfred Sommer, „Zur Formierung der Autobiographie aus Selbstverteidigung und Selbstsuche (Stoa und Augustinus)“, in: Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik VIII: Identität, München: Wilhelm Fink Verlag, 1979, 699-702.
15 Vgl. Wagner-Egelhaaf, 153.
16 In diesem Fall geht es um die Wahrheit Rousseaus. Vgl. Wagner-Egelhaaf, 164.
17 Hans-Robert Jauss, „Gottesprädikate als Identitätsvorgaben in der Augustinischen Tradition der Autobiographie“, in: Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik VIII: Identität, München: Wilhelm Fink Verlag, 1979, 712.
8
Rousseau „vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein“. 18 Einmal mehr wird verdeutlicht, dass die Schlüsselbegriffe jetzt Wahrheit und Natur sind, und zwar die Wahrheit des Menschen. 19 Um seine Leser von der Wahrhaftigkeit seines Werkes zu überzeugen, bezieht sich seine Selbstdarstellung nicht wie bei vielen anderen Autobiographen auf einen bestimmten Lebensabschnitt, sondern auf die Gesamtheit seines Lebens. Dabei benutzt er die besondere Technik, wie Probst sie treffend formuliert hat, „alles zu sagen und nichts zu beurteilen“. 20 Darüber hinaus betont er wiederholt seinen allumfassenden Wahrheitsanspruch, der jedoch von einem ganz entscheidenden Thema eingeschränkt wird: dem Thema des Erinnerns und des Vergessens. 21 Schon bei Augustinus wird deutlich, dass das Erinnern, also die Funktion des Gedächtnisses, eine ausschlaggebende und unverzichtbare Rolle spielt, ohne die das verfassen einer Autobiographie nicht möglich wäre. 22
Anders als Augustinus, der im Dialog mit Gott steht, richtet sich Rousseau in einer neuen Form der Rechenschaftsablegung an die Leser mit dem Ziel, sich selbst für die Nachkommenschaft in ein bestimmtes Licht zu rücken: Er rechtfertigt nicht sein zurückliegendes Handeln, sondern vielmehr die „Art und Weise“ des Geschriebenen. 23 Im 19. Jahrhundert erlangt die Autobiographie einen neuen Standpunkt in der Wissenschaft: Bezüglich der Geisteswissenschaften erhält sie einen völlig neuen Untersuchungswert. Das Interesse entfaltet sich nun von psychologischen über geschichtliche Aspekte. Besonders der Eigenwert der Gattung an sich wird nun von Wissenschaftlern im Spezifischen untersucht. 24 Auch für die literaturhistorische Forschung
19 Dass es sich hierbei um die Wahrheit des Individuums Jean-Jacques Rousseau selber handelt, wird in jenen Zeilen der Confessions deutlich, in denen er von sich in der 3. Person Singular schreibt. Vgl. Probst, 50.
20 Probst, 50.
21 Ebd. 51.
22 Vgl. ebd. 49. An dieser Stelle soll nicht näher auf Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen eingegangen, sondern auf die Kapitel 3.2.4 und 4.6 verwiesen werden, da diese Thematik im Forschungsgegenstand Autobiographie eine so entscheidende Rolle spielt, dass ihr ein gesonderter Platz eingeräumt wird.
23 Wagner-Egelhaaf, 164.
24 Misch, 35.
9
ist die Autobiographie von neuem Interesse, werden nun sowohl einzelne autobiographische Schriften verschiedener Nationen 25 in Betracht gezogen, als auch „Probleme“ des modernen Romans, die Misch in Balzacs Aussage „Les romans les plus touchants sont des études autobiographiques ou des récits d’événements enfouis dans l’océan du monde“ angedeutet findet. 26
Die Autobiographie ist also fortan aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten: Einerseits, nach wie vor, als Selbstzeugnis eines Menschen, und andererseits, und das ist im 19. Jahrhundert neu, als eigene literarische Gattung. 27
Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) bereits erwähnte Dichtung und Wahrheit 28 galt, neben Augustinus’ Confessiones und Rousseaus Confessions, ebenfalls als ein Musterbeispiel für nachfolgende Autobiographien und übernahm somit auch eine Vorbildfunktion. 29 Auf den ersten Blick wirkt der Titel Dichtung und Wahrheit paradox, so stellt man sich doch unter Dichtung „Erfundenes“ und unter Wahrheit „Wahrhaftiges“ vor. Doch begründet Goethe die Wahl des Titels unter anderem damit, dass Leser von Autobiographien meist an deren Wahrheitsgehalt zweifeln. Um der Skepsis der Leserschaft von vornherein entgegenzuwirken, nannte er sein Werk Dichtung und Wahrheit: Er war aufrichtig bemüht, sein Leben unverfälscht darzustellen, doch sei dies im Nachhinein ohne den Gebrauch der Erinnerung und folglich der Einbildungskraft nicht möglich. Zwangsweise müsse Gebrauch von der Dichtkunst gemacht werden und „so [sei] es klar [sic!] daß man mehr die Resultate und, wie wir uns das Vergangene jetzt denken, als die Einzelheiten, wie sie sich damals ereigneten, aufstellen und hervorheben werde.“ 30 Goethe beruft sich also auf die Notwendigkeit von ‚Dichtung’, um ‚Wahrheit’ zu schreiben.
25 Sei es im Italienischen Dantes Vita Nuova, im Französischen Rousseaus Confessions, oder im Deutschen Goethes Dichtung und Wahrheit. Vgl. hierzu auch Misch, 35.
26 Misch, 35f.
27 Vgl. ebd. 36; 45.
28 Genau genommen lautet der Titel Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit.
29 Vgl. Wagner-Egelhaaf, 174.
30 Ausschnitt aus einem Brief (1829) Goethes an König Ludwig von Bayern, zitiert nach Wagner-Egelhaaf, 169. Für weitere Erklärungen Goethes zu seiner Titelwahl, siehe auch Probst, 53.
10
Dass dieses sich gegenseitig bedingende Wechselverhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit unumgänglich ist, wird auch deutlich, wenn Martina Wagner-Egelhaaf Folgendes treffend erklärt:
Um diese Wahrheit zu erkennen, bedarf es der Dichtung, die das Einzelne in einen Zusammenhang rückt und deutet. ‚Dichtung’ und ‚Wahrheit’ sind auf diese Weise unmittelbar aufeinander bezogen, sie ergänzen und bestimmen sich wechselseitig, weil sie beide in einem übertragenen Sinn verwendet werden. Dabei bewegen sie sich gewissermaßen aufeinander zu: Die ‚Dichtung’ treibt die ‚Wahrheit’ hervor, die ‚Wahrheit’ wird nur als ‚Dichtung’ fassbar. 31
Steht bei Augustinus also die Wahrheit Gottes im Zentrum des Geschehens und bei Rousseau die Wahrheit des Menschen, so ist der Leitgedanke in Goethes Dichtung und Wahrheit das stete Wechselverhältnis zwischen Wahrheit und Dichtung. Mit der Thematisierung der Wahrheit knüpft Goethe augenscheinlich an seine Vorläufer Augustinus und Rousseau an, doch fügt er den Aspekt der Dichtung hinzu und bringt somit die erste bewusst unternommene Vermischung von Fiktion und Faktizität in die Autobiographie, 32 was von nun an viele Nachahmer findet. 33 Des Weiteren betont Goethe, anders als Rousseau, bei dem die Autarkie der einzelnen Person hervorgehoben wird, dass der Mensch im Zusammenhang mit dem Weltgeschehen gesehen werden muss. Er wird also nicht als Person allein, sondern im historischen Kontext durchleuchtet, da dieser den Menschen in seiner Entwicklung stark beeinflusst. So sieht Goethe ein weiteres Wechselwirken zwischen der Selbstbestimmung des Menschen für sich und der Fremdbestimmung von äußeren Einflüssen, was er bereits in seinem Brief an König Ludwig von Bayern nachhaltig zum Ausdruck bringt, indem er schreibt: „Bringt ja selbst die gemeinste Chronik notwendig etwas von dem Geiste der Zeit mit, in der sie geschrieben wurde.“ 34 Es geht hier also um einen Prozess, in Goethes
31 Probst, 54. Vgl. hierzu auch Wagner-Egelhaaf, 168.
32 Dies zu betonen scheint mir unumgänglich, da, wie weiter oben erwähnt, bereits bei Platon und Isokrates eine Vermischung von Fiktion und Faktizität stattgefunden hat, wenn deren Anliegen auch nicht das Niederschreiben ihrer Lebensgeschichte war.
33 Probst, 52.
34 Zitiert nach Wagner-Egelhaaf, 169.
11
Fall um einen Entwicklungs- und Bildungsprozess, der von äußeren Faktoren abhängt, dennoch entelechisch konzipiert ist, das heißt, durch seinen angeborenen Entwicklungsplan bleibt das Individuum gleich, doch verändert es sich durch die äußeren Bedingungen, 35 was in Goethes oft zitierter Definition verdeutlicht wird:
Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, in wiefern ihm das Ganze widerstrebt, in wiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet, und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abgespiegelt. [...] ein Jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein. 36
Wenn nun also von einem Entwicklungs- und Bildungsprozess ausgegangen wird und von einer „literarisch vorbildliche[n] Realisierung eines gelungenen Sozialisierungs- und Identitätsbildungsprozesses“ 37 die Rede ist, so endet dieser Prozess bei Goethe mit dem Verlassen Frankfurts, da seine Autobiographie hier endet und der Sozialisierungsprozess somit abgeschlossen ist. Auch Bernd Neumann schließt sich der These an, dass die Autobiographie die Darstellung eines Entwicklungsprozesses und mit dem Finden seiner eigenen sozialen Stellung abgeschlossen ist: „Memoiren setzen eigentlich erst mit dem Erreichen der Identität, mit der Übernahme der sozialen Rolle ein, die Autobiographie endet dort.“ 38 Neumann unterscheidet folglich Autobiographien als Werdegang eines noch nicht sozialisierten Menschen und seiner Entwicklung zu ebensolchem von Memoiren, deren Autoren bereits sozialisiert sind. Diese These dürfte aber in Frage gestellt werden, denn, wie bereits Rudolf Probst erkannt hat, 39 bedeutete dies, dass Schriftsteller wie beispielsweise Rousseau, die anstelle eines bestimmten Lebensabschnittes ihr gesamtes Leben
35 Vgl. Wagner-Egelhaaf, 171 und Probst, 56.
36 Vom Verfasser gekürzt zitiert nach Wagner-Egelhaaf, 171.
37 Probst, 58.
38 Zitiert nach Probst, 57.
39 Ebd. 57.
12
niedergeschrieben haben, sich niemals sozialisiert hätten und bis zuletzt ohne bestimmte Rolle in der Gesellschaft umhergeirrt sind.
3. Autobiographie als literarische Gattung
Wie weiter oben erwähnt, erfreute sich die Autobiographie bereits im
19. Jahrhundert eines neuen Interesses und wurde aus divergierenden Blickwinkeln betrachtet. Im 20. Jahrhundert kamen noch weitere Perspektiven und Untersuchungsansätze hinzu, von denen in den folgenden Kapiteln die Rede sein soll.
3.1 Autobiographie vom 20. Jahrhundert bis heute
Beim Abhandeln des Themas Autobiographie darf Philippe Lejeunes „Autobiographischer Pakt“ nicht unerwähnt bleiben. Ist seine These heute zwar zu hinterfragen, sind gewisse Grundprinzipien doch zeitlos in der hier behandelten Gattung wiederzufinden, und viele wissenschaftliche Überlegungen bauen auf seinem Pakt auf, hat er doch in der wissenschaftlichen Forschung einen Grundstein gelegt. Sein Versuch einer Definition der Autobiographie 40 führt ihn zu folgenden Kategorien, die alle zutreffen müssen, wenn es sich tatsächlich um eine Autobiographie handeln soll: 41
1. Form der Sprache
a) Bericht
b) Prosa
40 „Rückblickender Bericht in Prosa, den eine wirkliche Person über ihr eigenes Dasein erstellt, wenn sie das Hauptgewicht auf ihr individuelles Leben, besonders auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.“ Philippe Lejeune, „Der Autobiographische Pakt“, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 215.
41 Folgendes Schema ist Lejeune entliehen, 215.
13
2. Behandelter Gegenstand
Individuelles Leben, Geschichte einer Persönlichkeit.
3. Situation des Autors
Identität des Autors (dessen Name auf eine wirkliche Person verweist) und des Erzählers.
4. Position des Erzählers
a) Identität des Erzählers mit der Hauptfigur,
b) Rückblickende Perspektive des Berichts.
Folgende der Autobiographie am engsten verwandte Gattungen können daher aufgrund mindestens eines Nichtübereinstimmens der obigen Kategorien klar abgegrenzt werden: Memoiren behandeln nicht ein individuelles Leben, im Zentrum des Interesses steht ein historischer Kontext, in dem der Erzähler neben diversen anderen Figuren eher eine Nebenrolle spielt; in der Biographie stimmt die Identität des Erzählers nicht mit der Identität der Hauptfigur überein; in einem persönlichen Roman ist die Identität des Autors nicht die des Erzählers; ein autobiographisches Gedicht ist nicht in Prosa geschrieben; das intime Tagebuch hat nicht die rückblickende Eigenschaft einer Autobiographie, sondern hat die Eigenschaft des hic et nunc und schreitet vielmehr mit den beschriebenen Tagen fort; auch dem Selbstportrait und dem Essay fehlen die Retrospektive, des Weiteren sind sie nicht in Form eines Berichtes verfasst. 42 Grundlegend kann, laut Lejeune, gesagt werden, dass eine Namensidentität zwischen Autor, Erzähler und Figur gegeben sein muss, um der Gattung Autobiographie anzugehören. 43 Der Erzähler geht also mit dem Leser einen „Pakt“ ein, indem er diese Identität gewährleistet und klarstellt, dass der Autor im vorliegenden Text von sich als „realer Person“ 44 sprechen möchte. Dies kann entweder durch erwähnen der Namen geschehen (der Erzähler gibt der Figur, also sich selbst, den Namen des Autors, der auf dem Titelblatt steht) oder der Textanfang muss eindeutig schlussfolgern lassen, dass es sich bei Autor, Erzähler und Figur um dieselbe Person handelt (und
43 Ebd. 232.
44 Vgl. auch Probst, 43.
14
zwar so überzeugend, dass dem Leser alle Zweifel an dieser dreifachen Identität genommen werden). Eine weitere Möglichkeit sei ein eindeutiger Hinweis des Autors, beispielsweise im Titel des Buches, aus dem hervorgeht dass es sich um eine Autobiographie handelt (z.B. „Mein Leben“, „Meine Kindheit in Hamburg“, etc.). 45 Für moderne Autobiographien erweisen sich Lejeunes Überlegungen zum Autor-Erzähler-Figur-Verhältnis allerdings als unzureichend, da zumindest ein weiterer Aspekt bedacht werden muss, nämlich der Aspekt der Autorfunktion, welche, nach Probst, nicht notwendigerweise mit dem Erzähler zusammenfallen muss. 46 Eine weitere Kritik an Lejeunes Autobiographischem Pakt ist der Begriff der Identität: wird er im Allgemeinen philosophischen Verständnis gesehen, d.h. „als Übereinstimmung sämtlicher Merkmale und Eigenschaften“ 47 , bleibt es zweifelhaft zu behaupten, dass ein Mensch, auch wenn er sein Leben lang im selben Körper wohnt, im Greisenalter noch derselbe ist wie in frühen Kinderjahren. Stimmt die Identität des älteren Autobiographen, der über seine Kindheit schreibt, denn noch mit der Identität des Kindes überein? Diese philosophischen Überlegungen scheint Philippe Lejeune außer Acht zu lassen, wenn er dies als notwendige Bedingung für einen autobiographischen Text ernennt. Die Definition von Identität müsste also unterteilt werden: Rudolf Probst schlägt hier den treffenderen Begriff der „Identitätsrelation“ 48 vor. Ferner stellt Elizabeth Bruss in ihrem Aufsatz „Die Autobiographie als literarischer Akt“ fest, dass Lejeunes Pakt in der heutigen Zeit keine hundertprozentige Geltung finden kann, da es einem Leser des 20. Jahrhunderts ja offenkundig nicht möglich sei, einen Pakt mit einem Schriftsteller des 18. Jahrhunderts zu schließen. Bruss glaubt nicht, dass die Haltung des heutigen Lesers mit der des damaligen Lesers übereinstimme, und
45 Lejeune, 232.
46 Probst, 43. Die Autorfunktion beschreibt er hier nach Michel Foucault, der sie als ein „principe d’une certaine unité d’écriture“ bestimmt: Anstatt Subjekte des Textes, sind Autor und Autorfunktion- die sich aus dem Text erschließen lässt- nach Foucault Textobjekte.
47 Ebd. 44.
48 Ebd. 44.
15
ebenso könne der damalige Schriftsteller wohl kaum voraussehen, wie der Leser zwei Jahrhunderte später sein Werk aufnimmt. 49 Den Aufbau der Autobiographie betrachtend, beginnen laut Shumaker mindestens achtzig Prozent der Autobiographien mit den Vorfahren, der Geburt oder der Kindheit des Autors. 50 Ausgehend von der aristotelischen Dramengliederung 51 in Anfang, Mitte und Ende, stellt den Anfang in den meisten Autobiographien nun also das Erzählen von den Vorfahren, der eigenen Geburt oder spätestens der Kindheit dar. Wenn dies nun den Anfang ausmacht, bedeutet es nicht automatisch, dass das Ende der Tod oder gar der Ausblick auf Nachfahren sein muss, sondern im Allgemeinen macht das Ende das Erreichen einer geistigen Beständigkeit aus, ohne die das Verfassen einer Autobiographie gar nicht erst möglich wäre. 52 Folgt man Shumakers Aussage, „[d]ie Autobiographie beginn[e] bezeichnenderweise mit dem Schrei eines Kindes und ende[...] mit dem Stuhl, der gegen eine sonnige Mauer gerückt ist“, 53 so bleibt die Frage nach dem Dazwischen. Ausgehend von einem Entwicklungsprozess, der, wie weiter oben schon erwähnt, in der Autobiographie zum Vorschein kommt, wird die aristotelische Mitte also mit den vom Autobiographen ausgewählten Geschehnissen gefüllt, die vom Anfang (Vorfahren, Geburt oder Kinderjahre) bis hin zum Ende (in dem die geistige Stabilität erreicht ist) die Entwicklung und das Hingelangen zu dieser Stabilität beschreiben. 54
49
Elizabeth Bruss, „Die Autobiographie als literarischer Akt”, in: Günter Niggl (Hrsg.),
Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung,
Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 259.
50 Wayne Shumaker, „Die englische Autobiographie: Gestalt und Aufbau”, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 106.
51 Diese Aufteilung kann durchaus auch auf in Prosa geschriebene Texte bezogen werden, unterscheidet sich die Autobiographie durch das beschreiben eines fortlaufenden Ereignisses- das Leben- doch grundlegend von einem statischen, philosophischen Text. Vgl. Shumaker, 105.
52 Vgl. ebd. 109.
53 Ebd. 109.
54 Vgl. Ebd. 109.
16
3.2 Literarisches Erzählen
3.2.1 Die Problematik von Faktizität und Fiktion
Da die oben erwähnte aristotelische Mitte nun also mit einzig vom Autoren ausgewählten Geschehnissen ausgefüllt wird, haben alleine diese Geschehnisse schon eine fiktionalisierende Funktion, da der Autor die Handlungen der Vergangenheit nach Belieben eliminieren oder einbringen und betonen kann. 55 Martin Löschnigg konstatiert hierzu:
Obviously, such a conception of the autobiographical act as a creative rather than a mimetic process raises profound questions about the generic status of autobiography, since autobiography then oscillates between the factual and the fictional: although it is basically a nonfictional genre, the dynamics of memory as well as those of selection and of narrative structuring provide it with a strong element of fictionality. 56
Als Folge der Vermischung von Fiktion und Faktischem ist die Abgrenzung der drei sich äußerst nahe stehenden Gattungen Geschichtsschreibung, Autobiographie und Roman nicht leicht und die Grenzen verschwimmen immer mehr. Insbesondere der Roman und die Autobiographie scheinen sich anzunähern, da die Autobiographie, wie Goethe es seinerzeit schon vormachte, immer mehr fiktionale Elemente beinhaltet und der Roman im Gegenzug immer persönlicher wird. 57 Shumaker untermauert diese These, indem er die Behauptung anstellt
Niemand, der sich in der Autobiographie des 19. und 20. Jahrhunderts auskennt, wird die Behauptung anzweifeln, daß
55 Vgl. Seite 61 dieser Arbeit.
56 Martin Löschnigg, „Narratological Perspectives on ‚Fiction and Autobiography’“, in: Sabine Coelsch-Foisner und Wolfgang Görtschacher (Hrsg.), Fiction and Autobiography: Modes and Models of Interaction, Salzburg Studies in English Literature and Culture; Bd.3, Frankfurt am Main: Lang, 2006, 2.
57 Vgl. Shumaker, 85f.
17
persönliche Lebensbeschreibungen häufig, wenn nicht allgemein, immer mehr die Techniken des Romans annehmen. Umgekehrt kann niemand, der auch nur ein wenig in der zeitgenössischen fiktionalen Literatur belesen ist, bezweifeln, daß der Roman in den letzten Jahren häufig vorgab, autobiographisch zu sein. 58
Unter dieser Entwicklung hat am meisten die Glaubwürdigkeit des Wahrheitsgehaltes in Autobiographien zu leiden: Wenn die Tendenz zur Fiktionalisierung also steigend ist, ist es den Lesern nicht mehr möglich, Fiktives von Faktischem zu unterscheiden, und die logische Konsequenz ist, dass der Text angezweifelt wird. Besonders Zeitgenossen eines Autobiographen befinden sich in der Position, geschichtliche Begebenheiten in Frage zu stellen, sofern sie dieselben miterlebten, sie jedoch aus einer anderen Perspektive betrachten: Schließlich bewertet der Schriftsteller schon während des Erinnerns die Geschehnisse und interpretiert diese möglicherweise ganz anders, als ein Zeitgenosse sie interpretieren würde. Dieses Problem umgeht Theodor Fontane beispielsweise in Meine Kinderjahre, indem er dem Titel „vorsichtigerweise“ den Untertitel „autobiographischer Roman“ gibt, weil er „nicht von einzelnen aus jener Zeit her vielleicht noch Lebenden auf die Echtheitsfrage hin interpelliert werden möchte. Für etwaige Zweifler also sei es ein Roman.“ 59 Damit beugt er möglichen, im Prinzip zahlreich vorhandenen, Fehlerquellen vor, die bereits zum Vorschein kommen können, wenn der Autobiograph eine Auswahl dessen treffen muss, was erwähnenswert ist und was nicht. Des Weiteren hat sich die eigene Selbstauffassung über die Jahre hinweg vielleicht (sogar wahrscheinlich) verändert. Eine genaue Wiedergabe der Geschichte ist mit Hilfe der Sprache ohnehin nicht möglich, sondern kann ausschließlich vermittelt werden 60 , und zwar aus der Erinnerung heraus, die nun bekanntermaßen nicht unendlich und grenzenlos ist.
58 Shumaker, 119.
59 Zitiert nach Günter Waldmann, Autobiografisches als literarisches Schreiben: kritische Theorie, moderne Erzählformen und -modelle, literarische Möglichkeiten eigenen autobiografischen Schreibens, Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2000, 62.
60 Wulf Segebrecht, „Über Anfänge von Autobiographien und ihre Leser”, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 160.
18
Generell erwartet der Leser einer Autobiographie, dass sich der Erzähler des Werkes als nichtfiktiv erweist, dennoch muss dies nicht bedeuten, dass auf „ästhetische Qualitäten“ verzichtet werden muss. 61 Lange Zeit ging man davon aus, dass Autobiographie (mit ihrem dokumentierenden, realitätsentsprechenden Charakter) und Fiktion (mit ihrem erfinderischen und phantasievollen Charakter) nicht kompatibel seien, sich sogar ausschlössen. 62 Auch wenn die Beziehung zwischen Autobiographie und Fiktion keine einfache ist, so ist doch dank der modernen psychologischen Gedächtnisforschung heute bekannt, dass sich Autobiographie und Fiktion durchaus nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich einander sogar bedingen. 63 Nach Lejeunes autobiographischem Pakt wären nur die in traditioneller Form geschriebenen konventionellen Autobiographien als Autobiographien anzuerkennen, da seiner Meinung nach die Identität der Trias Autor -Erzähler - Figur gegeben sein muss. 64 Lejeune verschärft diese Aussage noch, indem er hinzufügt: „Hier gibt es weder Übergänge noch Spielraum. Eine Identität ist vorhanden oder sie ist es nicht. Es gibt keinen möglichen Abstufungsgrad, und jeder Zweifel hat einen negativen Befund zur Konsequenz.“ 65 Demnach wären also modernere autobiographische Schriften wie beispielsweise Martin Walser’s Springender Brunnen nicht als solche anzuerkennen: Der Autor Martin Walser, dessen Name auf dem Buchtitel zu finden ist, nennt den Erzähler „seiner“ Geschichte Johann. Dies allein ist nach Lejeune Grund genug, eine Identität der Trias zu negieren: Ist der Protagonist auch mit einem fiktiven Namen versehen, kann es nichtsdestoweniger durchaus sein, dass der Leser gewisse Parallelen zwischen Autor und Protagonist erkennt und die Geschichte des Protagonisten für die des Autoren hält. „Tatsache bleibt [jedoch] letztlich, daß ein dergestalt produzierter Text keine Autobiographie ist“ 66 sondern als autobiographischer Roman betrachtet werden muss und damit als
61 Vgl. Segebrecht, 160.
62 Waldmann, 104.
63 Auf das Thema der Erinnerung wird im nächsten Kapitel näher eingegangen.
64 Lejeune, 217.
65 Ebd. 217.
66 Ebd. 229.
19
Arbeit zitieren:
Anna-Carina Müller, 2009, Literarisches Erzählen in Gabriel García Márquez' Autobiographie "Vivir para contarla", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
E-Mail Klassenkorrespondenz als Weg zur Lernerautonomie
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Magisterarbeit, 98 Seiten
“Superficial Americans” vs. “Unfriendly Germans”?
Contrastive and interlanguage ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Gleich und trotzdem verschieden : Der dimensionale Kulturvergleich bei...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
What is Postmodernity / Postmodernism?
Anglistik - Kultur und Landeskunde
Referat (Ausarbeitung), 7 Seiten
Sprachwandel in den Medien: Print und TV - Eine empirische Untersuchun...
Magisterarbeit, 102 Seiten
Lexikologie und Semantik des hispanoamerikanischen Spanisch
Romanistik - Didaktik Spanisch
Hausarbeit, 16 Seiten
The Most Productive Word Formation Processes of the English Language
Hausarbeit, 16 Seiten
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Referat (Ausarbeitung), 7 Seiten
Lexikalischer Wandel im heutigen Englisch - eine Untersuchung anhand d...
Magisterarbeit, 95 Seiten
Anna-Carina Müller hat einen neuen Text hochgeladen
Gabriel Garcia Marquez: An Annotated Bibliography, 1947-1979
Margaret Eustella Fau, Gabriel Garcia Marquez, Unknown
Bibliographic Guide to Gabriel Garcia Marquez, 1992-2002
Nelly S. Gonzalez, Nelly Sfeir de Gonzalez
0 Kommentare