Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Klärung der Begrifflichkeiten 4
2.1 Jugendkultur 4
2.2 Subkultur 5
2.3 Szene. 6
2.4 Stil. 8
3. Warum Heavy Metal? 9
3.1 Heavy Metal als Therapeutikum. 10
3.2 Die Aggressivität und das Extreme 11
3.3 Ehrlich und echt. 13
3.4 Kritik und Abgrenzung. 15
4. Heavy Metal - Musik und Subkultur 16
5. Wikinger. 17
5.1 Bands - Die Musik 17
5.1.1 Viking Metal. 17
5.1.2 Folk Metal 18
5.1.3 Pagan Metal 19
5.1.4 Viking Death Metal 20
5.2 Thematik. 20
5.2.1 Wikinger 20
5.2.2 Götter 22
5.2.3 Rechte Tendenzen. 24
5.2.4 Spaß und Alkohol 25
5.3 Symbolik und Stil 25
6. Satanisten 28
6.1 Bands - Die Musik 28
6.1.1 Die Anfänge. 28
6.1.2 Death Metal 30
6.1.3 Black Metal 30
6.2 Thematik. 31
6.2.1 Satanismus als Image 32
6.2.2 Satanismus 32
1
6.2.3 Philosophischer Satanismus - LaVey 33
6.2.4 Gegen die Kirche und das Christentum. 35
6.2.5 Rechte Tendenzen. 36
6.2.6 Fantasy, Tod und Krieg 37
6.3 Symbolik und Stil 39
7. Helden 43
7.1 Bands - Die Musik 43
7.2 Thematik. 44
7.2.1 Der Heavy Metal feiert sich selbst 44
7.2.2 Geballte Männlichkeit 46
7.2.3 Fantasy-Helden. 48
7.2.4 Emotionen. 49
7.3 Symbolik und Stil 50
7.4 Entfremdung des Heldenpathos. 53
8. Fazit 54
9. Literatur- und Quellenverzeichnis. 56
2
1. Einleitung
Der Heavy Metal 1 ist in seinen musikalischen Facetten sehr vielschichtig und Anhänger dieser Musikrichtung können je nach Präferenz aus einer breiten Palette von sanften Klängen und harten Tönen wählen. Es kann deshalb nicht den Heavy Metal-Fan geben, da eine immer stärkere Ausdifferenzierung der Musikstile dem Einzelnen unterschiedlichste Wahlmöglichkeiten eröffnet, welche jeweils individuell wahrgenommen werden. Mit den verschiedenen musikalischen Stilrichtungen des Heavy Metal ist aber auch eine große Vielfalt der subkulturellen Identifizierungsangebote verbunden, was bedeutet, dass es genauso wenig die Subkultur des Heavy Metal geben kann. Das Anliegen dieser Arbeit ist es nun, anhand von Thematik und Symbolik in verschiedenen Subgenres dieser Musik drei unterschiedliche subkulturelle Identifizierungsangebote aufzuzeigen. Dazu sollen zunächst die Begrifflichkeiten „Jugendkultur“, „Subkultur“, „Szene“ und „Stil“ geklärt und in Bezug zum Thema gesetzt werden, bevor die verschiedenen Wirkungen dieser Musikrichtung und auch mögliche Gründe für eine Präferenz des Heavy Metal und seiner Subgenres erörtert werden. Die musikalischen Subgenres, welche als Ausgangspunkt der jeweiligen subkulturellen Stilbildung dienen, werden dann in den folgenden Kapiteln zum besseren Verständnis jeweils kurz erläutert. Auf eine ausführliche Entwicklungsgeschichte des Heavy Metal soll jedoch verzichtet werden, da die jahrzehntelange Ausdifferenzierung sich als sehr umfangreich erweist. Eine Unterscheidung der drei subkulturellen Strömungen, die hier betont klischeehaft als „Wikinger“, „Satanisten“ und „Helden“ betitelt werden, die jedoch kein erschöpfendes Bild der Subkulturen im Heavy Metal zeichnen können, sondern lediglich einen Ausschnitt aus der Gesamtmenge darstellen, soll anhand der von den Bands 2 in ihren Liedern behandelten Thematik erfolgen. So zeigen sich in unterschiedlichen Subgenres des Heavy Metal durchaus verschiedene Weltsichten bei der Behandlung von Lebensthemen in den Liedern und auch durch den bloßen Fokus auf bestimmte Thematiken. Die von Musikern und Fans verwendete Symbolik lässt schließlich eine weitere Unterscheidung zu und trägt mit zur subkulturellen Stilbildung bei.
1 „Heavy Metal“ soll hier als Oberbegriff für alle Stilrichtungen dieser Musik verwendet werden.
2 Bandnamen werden im Weiteren zur besseren Übersichtlichkeit kursiv dargestellt.
3
2. Klärung der Begrifflichkeiten
Einführend sollen hier die weiter verwendeten Begrifflichkeiten geklärt und in Bezug zur Thematik gesetzt werden, um zu verdeutlichen dass es sich bei Heavy Metal nicht nur um eine musikalische Kunstform sondern um eine Subkultur handelt, die ihrerseits in eigene Unterkulturen unterschieden werden kann und muss und in deren jeweils eigenen Szenen von den Szenegängern ihre individuell eigenen Lebensstile ausgebildet werden können.
2.1 Jugendkultur
Die Bedeutung von Jugendkulturen zeigt sich, wenn vormalige Identifikationsangebote und Zugehörigkeitsmöglichkeiten weniger relevant werden oder nicht mehr vorhanden sind. Als Beispiel nennt Janke hierzu „ehemals tragende Begriffe wie Leistung, Kirche, Sitte, Fortschrittsglaube“, die wie andere „Institutionen und Werte“ an Einfluss verlieren und nicht mehr als Orientierungsmöglichkeiten genutzt werden. 3 Die Lücken die dadurch entstehen, können dann durch einen Anschluss an jugendkulturelle Szenen geschlossen werden. 4
Es bleibt ferner umstritten, auf welchen Altersbereich genau sich die „Jugend“ bezieht, da diese und somit auch das Leben in einer Jugendkultur im individuellen Lebensverlauf immer länger andauern. 5 „Jugendstudien wie die Shell oder IBM beziehen daher die Phase der so genannten Postadoleszenz - die 20- bis 29jährigen - ein, wenn sie über Jugend reden“ 6 , es orientieren sich demnach Menschen in einer hohen Altersbandbreite an jugendkulturellen Angeboten. Also ist „der Begriff der Subkultur[…]faktisch nicht von dem der Jugendkultur zu trennen. Auch Erwachsene orientieren sich an subkulturellen Stilen und soziokulturellen Bewegungen“ 7 . Heavy Metal kann also nicht nur als jugendkulturelles Identifikationsangebot gesehen werden, sondern ist als Subkultur zu verstehen, da sich nicht nur Jugendliche, welcher Altersgruppe auch immer, sondern auch Erwachsene in dieser Kultur wiederfinden lassen.
3 Vgl. Janke: Echt abgedreht, S. 13-14
4 Vgl. Ebd. S. 16
5 Vgl. Ebd. S. 10
6 Ebd. S. 13
7 Richard: Todesbilder, S. 92
4
2.2 Subkultur
Das ursprüngliche Verständnis von der Subkultur als einer Gegenkultur, die sich im krassen Gegensatz zur Mehrheitskultur sieht und mit starkem Änderungswillen und Widerstandsbestreben bürgerlichen Normen und Werten trotzen wollte, ist längst überholt. 8 So definiert Schwendter vom lateinischen „sub“ (unter) ausgehend, die Subkultur als eine Unterkultur, die gewisse Schnittmengen mit der Mehrheitskultur aufweist. 9 Dieses Verständnis wird auch von Vollbrecht unterstützt, indem er schreibt: „Spätestens seit den 80er Jahren ist es nicht mehr möglich, Jugendkulturen generell als Gegenkulturen aufzufassen“, denn das Protestbestreben und der Änderungswunsch an gesamtgesellschaftlich vorherrschenden Normen und Werten sei bei vielen Jugendkulturen so nicht mehr gegeben. 10
Natürlich unterscheiden sich Subkulturen von der Mehrheitskultur, und müssen dies auch um zur Subkultur zu werden, aber „sie können immer nur eine partielle Lösung von der Gesamtgesellschaft sein“ 11 , wenn sich ihre Angehörigen nicht vollständig vom Gesellschaftlichen Leben ausschließen wollen. In diesem Sinne definiert Schwendter die Subkultur als: „[…]Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet.“ 12
Subkulturen sind und bleiben also andersartig, sie „[…]sind eine spezifische Form abweichenden Verhaltens, das sich durch symbolische Regelverletzung bemerkbar macht.“ 13 Subkulturen mit ihrem kreativen Eigenpotential deuten Normen und Werte um, sie gebrauchen Symbole für ihre Zwecke, sie zweckentfremden, und „die neue Gestaltung von Gegenständen und Handlungen, die im Rahmen allgemeingültiger Normen „sinnlos“ erscheinen, fordern das normative Gefüge heraus“ und provozieren so Unverständnis oder Widerwillen in der Mehrheitskultur, zwingen damit aber auch zu einer Beschäftigung mit ihren Anliegen. 14 Diese Andersartigkeit und Provokation greift zumeist aber nur für eine gewisse Weile, da die Angehörigen einer Subkultur „[…]mit der Gesamtgesellschaft verbunden sind und nur kurze Zeit eine Insel mit einer völlig
8 Vgl. Richard: Todesbilder, S. 93
9 Vgl. Schwendter: Theorie der Subkultur, S. 13-14
10 Vgl. Vollbrecht: Von Subkulturen zu Lebensstilen. In: Fiske, Kursbuch JugendKultur, S. 27
11 Richard: Todesbilder, S. 94
12 Schwendter: Theorie der Subkultur, S. 11
13 Richard: Todesbilder, S. 94
14 Vgl. Ebd. S. 94-95
5
fremd erscheinenden Kultur darstellen, bevor die Vermarktung einsetzt und die Erwachsenen wieder partiell an dieser Kultur teilnehmen.“ 15 So geschehen auch beim Heavy Metal an sich, der in seinen Ursprüngen zunächst als Rock oder Hardrock eine Gegenbewegung zur friedlich-sanften Grundstimmung der Hippies in den 60er Jahren darstellte, wie Roccor schreibt: „Der harte Rock befand sich auf einem Feldzug gegen die verlogene Welt der seichten Popliedchen, des profitorientierten Mainstreams[…].“ 16 Nun ist er durchaus salonfähig geworden, wodurch die Grenzen zur allgemeinen Kultur verwischt werden, da diese Teile der Subkulturen assimiliert. 17 Ein Beispiel hierfür ist der Auftritt der Monster-Rocker der Band Lordi beim Eurovision Song Contest 2006, die mit ihren Horror-Masken per Fernsehübertragung weltweit Millionen Zuschauer begeisterten und so den Sieg davontrugen, 18 während sie im Jahre 2003 noch vor relativ kleinem Publikum auf einer Zeltbühne auf dem Wacken Open Air, einem Heavy Metal Festival, aufgetreten waren. 19
2.3 Szene
Die Szenen als Teile der Jugendkultur sind „Thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln.“ 20 Sie sind also soziale Organisa-tionsformen, die sich jedoch von der Organisationsform der „Clique“ oder „Gruppe“ dahingehend unterscheiden, dass Szenen an sich weniger fest gefügt sind und sich die Angehörigen einer Szene nicht unbedingt untereinander kennen, sondern als Gleichgesinnte an spezifischen Orten aufeinander treffen und so weitere Kontakte knüpfen können 21 , „denn eine Szene-Clique ist eine Teilmenge der Gesamtszene. Sie bildet sich, wo Angehörige dieser Szene einander namentlich kennen, mündlich oder fernmündlich miteinander kommunizieren und regelmäßige Treffen abhalten.“ 22 Janke misst den Szenen eine sehr hohe Bedeutung bei, denn „sie ordnen eine immer unübersichtlicher
15 Richard: Todesbilder, S. 96
16 Roccor: Heavy Metal, S. 30
17 Vgl. Vollbrecht: Von Subkulturen zu Lebensstilen. In: Fiske, Kursbuch JugendKultur, S. 27
18 Vgl. Internetpräsenz der Band Lordi. URL: http://lordi.fi/
19 Bei diesem Auftritt war die Verfasserin zugegen und kann sich so ein Bild von der Zuschauerrelation
machen.
20 Hitzler: Leben in Szenen, S. 20
21 Vgl. Stock: Die Szene von innen, S. 240
22 Janke: Echt abgedreht, S. 21
6
werdende Welt in homogene Sinnsysteme, die dem einzelnen Orientierung und Halt geben in einer komplexer werdenden Gesellschaft, in einer immer größeren Vielfalt der Werte-, Konsum- und Lebensstilangebote.“ 23 Szenen bieten also in einer globalisierten Welt Halt und Identifizierungsangebote, und „Persönliche Orientierungen des Einzelnen werden innerhalb solcher Szenen ausgebildet“ 24 , es entwickelt sich ein persönlicher Stil. Hierbei kann man durchaus mehreren Szenen angehören, und sich aus verschiedenen Inhalten, Normen und Werthaltungen seine Präferierten heraussuchen und individuell zusammenstellen. 25
Wenn sich also Jugendkultur und hiermit verbunden die Musikkultur in Szenen abspielt, bedeutet dies „[…]ein multimediales, strategisch geplantes, hochtechnisiertes Ereignis“ 26 das mit verschiedenen Faktoren einhergeht. So bildet sich „[…]ein Ensemble, das Sehen und Hören, Mode, Ausstattung und Gesehen-Werden, Gefühlsausdruck in Sprache, Tönen und Bewegung, Expertenschaft, Gruppenzugehörigkeit[…]“ 27 auf Seite der Konsumenten in der Szene, und von Produzentenseite „[…]industrielle Ausrüstung, Lautstärke, Visualisierung, Show und Techniken der Massenbeeinflussung miteinander verknüpft.“ 28
Janke betont hierbei in der Szeneentwicklung die Äußerlichkeiten und bei diesen vor allem die Kleidung als wichtig „[…]denn was man außen auf der Haut trägt, ist ein Symbol der inneren Befindlichkeit und dient dazu, Identitäten zu schaffen und sich abzugrenzen“ 29 , eine Sichtweise die für die Heavy Metal-Szenen als zutreffend beschrieben werden kann. So ist viel vom Darstellungsgehalt des Heavy Metal, sowohl auf Fanseite als auch auf Musikerseite, Äußerlichkeiten wie Kleidung oder Gestik zuzuschreiben, welche die Musik begleitend unterstützen.
Jedoch ist für diese Arbeit der Begriff der Szene nicht weitreichend genug, denn selbst wenn sich ob gesteigerter Mobilität überregionale Szenen bilden können 30 , soll hier die Bedeutung der Netzwerkartigkeit der Szene beibehalten werden, und somit vom Heavy Metal und seinen Subkulturen die Rede sein, auch um ihre globale Bedeutung hervorzuheben.
23 Janke: Echt abgedreht, S. 20
24 Ebd.
25 Vgl. Ebd.
26 Hettlage: Musik-Szene. In: Lipp: Gesellschaft und Musik, S. 350
27 Ebd.
28 Ebd.
29 Janke: Echt abgedreht, S. 23
30 Vgl. Ebd. S. 19
7
2.4 Stil
Für die Behandlung der Subkultur Heavy Metal ist der Stilbegriff unerlässlich, denn „Stil ist das Medium zur Bildung einer Subkultur, wobei der musikalische Stil den Anstoß gibt. Die Musik ist das wichtigste Stilelement, der ästhetische und kulturelle Kern subkultureller Lebensformen“ 31 , was in den Kapiteln 5, 6 und 7 verdeutlicht werden wird, wenn die Ausbildung unterschiedlicher Subkulturen im Heavy Metal entlang unterschiedlicher musikalischer Stilrichtungen dieses Genres aufgezeigt wird. Es bilden sich also in den Subkulturen entlang des musikalischen Stils in komplexen Prozessen und „einem schwierigen Balanceakt zwischen eigener Kreativität und Kon-formität“ bestimmte Charakteristika heraus, die dann den jeweiligen Stil konstituieren. 32 Hier nennt Richard z.B. „Tanz, Kleidung, Habitus, Idole oder Interaktionsformen“ die durch das Prinzip der „Bricolage“ gebildet werden. 33 „Bricolage meint, Gegenstände gegen vorgeschriebene Bedeutungen und Gebrauchsmöglichkeiten zu benutzen oder die Kombination von Gegenständen aus unterschiedlichen Gegenstandsbereichen.“ 34 Dieses Spiel mit Symbolik und Gegenständen funktioniert im Austausch der Subkulturen mit der Mehrheitsgesellschaft, denn eine Aktion wie die Verfremdung eines Objektes erfährt ihre Sinnhaftigkeit erst durch eine darauf gezeigte Reaktion. 35 Durch diese Reaktion, besonders durch eine negative, gelingt die Abgrenzung zur Masse und somit die Herausbildung eines individuellen Stils, denn „Vor allem für die Subkulturen bedeutet der Stil Widerstand und die Behauptung von Individualität.“ 36 Durch diese Abgrenzung nach außen wird gleichermaßen nach innen ein Zusammenhalt erzeugt: Man grenzt sich gemeinsam ab, Werte werden geteilt, und „Das Gefühl, dazuzugehören, in eine Gruppe integriert zu sein und sich gleichzeitig von den Außenstehenden demonstrativ abzuheben, erneuert sich ständig in der Pflege des gemeinsamen Stils“ 37 , der in gewissen Teilen im Heavy Metal so schon seit Jahrzehnten besteht. So können für die Subkultur Heavy Metal als Gesamtheit zutreffende stilistische Eigenheiten gefunden werden, allerdings werden auch gravierende Unterschiede in Kleidung oder Werthaltung deutlich, wenn unterschiedliche musikalische Stilrichtungen und hiermit verbunden Lebensstile im Heavy Metal betrachtet werden. Den Kombinations-
31 Richard:Todesbilder, S. 101
32 Vgl. Ebd. S. 101-102
33 Vgl. Ebd. S. 102
34 Ebd. S. 102-103
35 Vgl. Ebd. S. 104
36 Ebd. S. 100
37 Stock: Die Szene von innen, S. 235
8
und Entfremdungsmöglichkeiten zur Stilbildung sind und werden hier kaum Grenzen gesetzt, und feine Unterschiede sind zumeist nur für Eingeweihte zu entschlüsseln. Der Stil mit seinen Gebräuchen, Normen und Werten kann sich „[…]bis zur Weltanschauung verdichten und erweitern. Dieser Schritt wird von den Jugendlichen, die sich eines Stils bemächtigen, relativ spät und auch keinesfalls von allen vollzogen“ 38 , so bleiben viele „ihrem Stil“ auch - oder gerade - im Erwachsenenalter treu, eine Tendenz die so auch im Heavy Metal beobachtet werden kann. Es vollzieht sich unter Umständen ein Festhalten an Normen und Werten, an Kleidungsgewohnheiten, an Umgangs-formen und spezifischen Institutionen. Die Musik und ihre Identifizierungsangebote werden von einer bloßen Freizeitgestaltung zu einem persönlich ausgebildeten Stil, der von Eingeweihten auch außerhalb des Szenekontextes erkannt werden kann.
3. Warum Heavy Metal?
Wie bereits erläutert ist Musik für die subkulturelle Stilbildung ein zentrales Element. Hier geht es nun darum, Erklärungsmöglichkeiten dafür aufzuzeigen, wieso ausgerechnet der Heavy Metal mit seinen vielen unterschiedlichen Ablegern seit Jahrzehnten zahlreiche Anhänger findet. Es muss etwas für diese Musikrichtung sprechen, sie muss bei ihren Fans etwas bewirken, eine gewisse Anziehungskraft besitzen, ihnen gut tun; auch wenn ihr das oft abgesprochen wird. „Jede populäre Musikrichtung hat ihre glühenden Anhänger - doch kein Stil kann auf so viele Feinde verweisen wie der Heavy Metal“ 39 , schreibt Roccor etwas überspitzt und trifft damit doch die Sicht der Mehrheitsgesellschaft, in der sowohl die Fans als auch die Musiker von Heavy Metal Bands vielfach verkannt werden. Sie kritisiert, dass Heavy Metal als „Synonym für Geschmacklosigkeit, Debilität und dumpfe Aggression“ 40 verwendet wird, und dass lange Zeit nur wenige, wirklich sachlich argumentierende Untersuchungen zum Thema existierten 41 , denn „wer, egal in welchem Land, über dieses Thema schrieb, tat das fast immer in der Absicht, vor den Gefahren dieser Musik zu warnen.“ 42 Die Sicht auf den Heavy Metal als eine Gefahr für Leib und Seele der Fans, eine Bedrohung für das öffentliche Leben, äußert sich nach wie vor von verschiedener Seite, besonders häufig
38 Stock: Die Szene von innen, S. 235
39 Roccor: Heavy Metal, S. 9
40 Ebd. S. 11
41 Vgl. Ebd. S. 14
42 Ebd.
9
allerdings von kirchlichen Rockmusikgegnern 43 , und gipfelt dann nicht selten in „Zensur oder Einschränkungen für die Auftritte[…]“. 44 Auch besorgte Familienmitglieder werden aktiv, wie in der amerikanischen Elternbewegung PMRC (Parents’ Music Resource Center), die 1985 eine Kenntlichmachung von Alben mit anstößigem Inhalt durch einen Aufkleber durchsetzte, wobei über den Sinn oder Unsinn solcher Maßnahmen zu streiten bliebe, denn diese Kenntlichmachung förderte eher noch den Absatz der betroffenen Alben, die in den Augen der Jugendlichen somit besonders interessant erschienen. 45
Dennoch soll eine gewisse Assimilation dieser Musikrichtung, vor allem ihrer sanfteren Ausprägungen, durch die Mehrheitsgesellschaft nicht verschwiegen werden. Wie bereits erläutert erfahren alle Schockmomente irgendwann Abschwächung und bis zu einem gewissen Ausmaß wird auch der „Heavy Metal[…]zur Hintergrundmusik in gepflegten Boutiquen entschärft. Der Tabubruch wird normal, Exzessivität wird diffus“ 46 , was aber auch dazu führt, dass immer neue, immer extremere Spielarten und stilistische Mittel von den Machern und den Konsumenten dieser Musik herangezogen werden. Der Heavy Metal erfindet sich ständig neu, um nicht langweilig zu werden und um seine vielfältigen Wirkungen auf die Fans beizubehalten. Wie im Einzelnen diese Wirkungen sein können, und welche Funktionen der Heavy Metal für seine Fans erfüllt, soll im Folgenden aufgezeigt werden.
3.1 Heavy Metal als Therapeutikum
Die Bedeutung von Musik für den einzelnen Menschen variiert und es hängt von persönlichen Präferenzen ab, ob sie nun Hintergrundberieselung oder Lebenszweck ist, festzuhalten ist aber: „Eine Gesellschaft ohne Musik ist ebenso wenig bekannt wie eine ohne Sprache oder Religion. Musik ist folglich, wie Anthropologen wiederholt feststellten, kein Luxusartikel, sondern lebensnotwendiger Gebrauchsgegenstand“ 47 , was die Allgegenwärtigkeit der Musik im menschlichen Lebensumfeld verdeutlicht und ihre Wichtigkeit hervorhebt. Je intensiver die Begeisterung für eine Musik und ihren Genuss, desto ausgeprägter sind auch die Funktionen die sie somit für den Hörer erfüllen kann. Rösing nennt die emotionale Kompensation, die Konfliktbewältigung, die
43 Vgl. Roccor: Heavy Metal, S. 162
44 Nolteernsting: Heavy Metal, S. 90
45 Vgl. Christe: Höllen-Lärm, S. 131-136
46 Hettlage: Musik-Szene. In: Lipp: Gesellschaft und Musik, S. 364
47 Rösing: Musik als Lebenshilfe? In: Lipp: Gesellschaft und Musik, S. 329
10
Entspannung aber auch die Aktivierung und die Unterhaltung als wichtigste psychische Funktionen der Musik 48 , wo natürlich der Heavy Metal einzuschließen ist, denn: „Musik wirkt als therapeutisches Mittel in vielen Lebenslagen, gerade im Jugendalter, und das gilt zweifellos auch für die Metal-Musik“ 49 , gerade wegen der Vielfalt der einzelnen musikalischen Stile die zu jeder Gefühlslage das passende Lied bereithalten. 50 So werden die Freuden, aber auch die Probleme des alltäglichen Lebens von manchen durch sportliche Betätigung oder den Genuss von Drogen verarbeitet, und von anderen also durch die Musik 51 , wobei zu beachten bleibt, dass auch diese hier kein Allheilmittel darstellt und genauso wenig die vorhandenen Probleme des Individuums löst wie der exzessive Drogengenuss, doch sie „[…]hilft, aussichtslos erscheinende Situationen zu überstehen oder manchmal auch nur Rückzugsmöglichkeiten zu eröffnen.“ 52 Auf der physischen Seite hat Musik ebenfalls verschiedene Auswirkungen auf den Menschen, da die psychische Verfassung auch den Körper beeinflusst. So können durch den Genuss von lauter Musik nahezu ekstatische Zustände erreicht werden, 53 eine Tatsache die sich schnell bestätigt, bedenkt man, was vor allem bei Konzertbesuchen oder in Discotheken zum Tragen kommt, die Bewegung des eigenen Körpers, denn „nicht die Trennung, sondern der Zusammenhang von körperlicher Bewegung und Musik scheint also in der Natur des Menschen verankert zu sein.“ 54 Die Musik geht sprichwörtlich „ins Blut“, sie reißt mit und erlaubt in der Bewegung, im Außersichgeraten, im Tanz einen Ausdruck der eigenen Befindlichkeit, ein Katalysieren der inneren psychischen Verfassung und ist somit laut Helsper: „[…]eine Quelle starker Selbstvergewisserung“ 55 , gerade auch im Jugendalter.
3.2 Die Aggressivität und das Extreme
„Mit der enormen Bandbreite des Metal findet prinzipiell mittlerweile jede Stimmung ihren Ausdruck:[…]“ 56 , was natürlich nicht nur positive Gefühle von Spaß und Lebensfreude, sondern auch Negative wie Wut, Trauer oder Hass einschließt. Kritik an
48 Vgl. Rösing: Musik als Lebenshilfe? In: Lipp: Gesellschaft und Musik, S. 316
49 Nolteernsting: Heavy Metal, S. 68
50 Vgl. Roccor: Heavy Metal, S. 121
51 Vgl. Nolteernsting: Heavy Metal, S. 74
52 Ebd. S. 68
53 Vgl. Blaukopf: Musik im Wandel der Gesellschaft, S. 219
54 Ebd. S. 221
55 Helsper: Okkultismus, S. 154
56 Nolteernsting: Heavy Metal, S. 39
11
Arbeit zitieren:
Anja Mankel, 2009, Wikinger, Satanisten, Helden. Subkulturen im Heavy Metal, München, GRIN Verlag GmbH
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