Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der Krisenbegriff und die Kategorie der Endlichkeit. 2
3. Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung. 3
4. Das Charisma 6
5. Der Bewährungsmythos 8
6. Fazit 9
7. Literaturverzeichnis 10
1. Einleitung
Was ist Identität und wie entwickelt sie sich? - Goffman definiert Identität als Unverwechselbarkeit des Individuums, die sich aus seiner organischen Einmaligkeit und seinen spezifischen lebensgeschichtlichen Daten ergibt. 1 Erikson, der die Triebtheorie von Freud weiterentwickelte, bestimmt Identität mit seinem psychoanalytischen Persönlichkeitskonzept dadurch, daß sich ein „Ich“ einer bestimmten Gruppe zuordnet und gleichzeitig ein Bewußtsein von sich als selbständiges Individuum hat. 2 Der Prozess der Identitätsbildung vollzieht sich laut Erikson vor allem während der Pubertät und Adoleszens, also zwischen dem 16. und 21. Lebensjahr. Die entwickelte Identität bleibt dann konstant und ist keiner weiteren Veränderung unterlegen. 3
Einen weiteren Ansatz Identität zu erklären, liefert Mead mit dem „Symbolischen Interaktionismus“. Identität ist demnach die Fähigkeit eines Subjekts, sich zu sich selbst wie zu einem anderen Subjekt zu verhalten, indem die Subjekte bei der Interaktion die Einstellungen des Interaktionspartners antizipieren und sich aus dessen Perspektive wahrnehmen. 4 Identität beinhaltet also einerseits die Summe der Erwartungen der anderen und andererseits die Reaktionen des Ichs auf diese Erwartungen. 5 Habermas bestimmt Identität als Balance zwischen persönlicher und sozialer Identität, wobei persönliche Identität die unverwechselbare Lebensgeschichte des Individuums ist und soziale Identität aus der Zugehörigkeit des Individuums zu bestimmten Bezugsgruppen resultiert. 6
Ulrich Oevermann behandelt in seinem Beitrag „Modell der Struktur von Religiosität“ das objektiv gegebene Strukturproblem der Individuierung. Mit diesem Beitrag liefert er gleichzeitig eine Möglichkeit die Entwicklung von Identität zu erklären. Wie sich Identität nach Oevermann nun entwickelt, soll das zentrale Thema dieser Hausarbeit sein.
1 Prechtl P. u. Burkhard F.P.(Hg.): Metzlers Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2. erw. u.
akt. Aufl., Stuttgart/Weimar: Metzler Verlag, 1999, S. 250
2 ebd.
3 Fuchs, W. u.a. (Hg): Lexikon zur Sozialogie. 2. verb. u. erw. Aufl., Opladen: Westdeutscher Verlag,
1988, S.327
4 ebd.
5 ebd.
6 ebd.
1
2. Der Krisenbegriff und die Kategorie der Endlichkeit
Ein zentraler Punkt in Oevermanns Strukturmodell von Religiosität ist die „Dialektik von Endlichkeit und Unendlichkeit“. 7 Er trifft die Feststellung, daß der Übergang von Natur zu Kultur durch die „Emergenz der Sprachlichkeit und des darin konstituierten regelgeleiteten Handelns geprägt ist“. Die durch die Sprachlichkeit in die Welt getretene Bedeutungsfunktion und die darin eingebettete Aufspaltung von Welt in präsente und repräsentierende Wirklichkeit zieht nun das Hier und Jetzt einer Praxis unmittelbar gegebener Wirklichkeit und eine diese Wirklichkeit überschreitende hypothetisch konstruierte Welt von Möglichkeiten nach sich. 8
Die Konstruierbarkeit hypothetischer Welten erzwingt logischerweise ein Bewußtsein der Endlichkeit des Lebens. Aus dem Bewußtsein über die Endlichkeit des eigenen Lebens resultiert, dass vor dem eigenen Leben schon anderes Leben in Form der Eltern existiert hat und nach dem eigenen Leben auch anderes Leben in Form der eigenen Kinder existent sein wird. 9 Das Endlichkeitsbewusstsein führt damit zu der Existenzfrage: Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich? 10 Nach Oevermann liefert das Bewußtsein über die Endlichkeit des eigenen Lebens, das sich in der dreifachen Identitätsfrage verlängert, nun auch die Möglichkeit zur „Grenzüberschreitung“, d.h. der Überschreitung der Endlichkeit und damit das Bewußtsein über die Knappheit, Begrenztheit und Wertigkeit der Praxiszeit als Quelle lebenspraktischen Handlungsdrucks. 11
Der Krisenbegriff den Oevermann entwickelt geht davon aus, dass die Krise eine Entscheidungskrise in der konkret ablaufenden Lebenspraxis ist. Das Individuum ist durch die ihm bewußte Endlichkeit seiner Lebenszeit zwingend zur Entscheidung angehalten. Die geistige Vorwegnahme des eigenen Todes als „point of no return“ läßt das „Zur-Autonomie-Verurteilt-Sein“, also für die eigene Zukunft selbst verantwortlich
7 Oevermann, U.: Ein Modell der Struktur von Religiosität. Zugleich ein Strukturmodell von
Lebenspraxis und von sozialer Zeit. (S.34) in: Biographie und Religion. Zwischen Ritual und
Selbstsuche. M. Wohlrab-Sahr (Hg). Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, 1995
8 ebd. (S.34)
9 ebd. (S.34-35)
10 ebd. (S.35)
11 ebd. (S.35)
2
Arbeit zitieren:
Ron Klug, 2003, Identität, Krise und Bewährungsmythos, München, GRIN Verlag GmbH
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