Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung 1
B. Hauptteil 2
1. Definition: Der Zwischenruf - das vielgepriesene Salz in der Suppe’? 2
2. Funktionen parlamentarischer Zwischenrufe 3
3. Zum Forschungsstand - Der Beitrag von Armin Burkhardt 4
4. Zum verwendeten Quellenmaterial mit einem
Exkurs zu den Aufgaben der Bundeswehr 7
5. Die Zwischenruftypologien nach Armin Burkhardt 10
5.1 Typologie der Zwischenruftechniken 10
5.2 Syntaktische Typologie 14
5.3 Typologie der Mittel zur Erzeugung von Textkohärenz 17
5.4 Typologie der Provokationen (Präsuppositionen und Reizwörter) 21
5.5 Sprechhandlungstypologie 23
C. Zusammenfassung 33
D Quellen- und Literaturverzeichnis S 34
A. Einleitung
Waltraud Lehn (SPD): Ich bitte Sie. Unwahrheiten kann man nicht durch Zwischenrufe heilen. (aus: Deutscher Bundestag. 14. Wahlperiode. 190. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 27. September 2001).
Es ist interessant zu sehen, wie Abgeordnete auf ein Teilphänomen ihrer parlamentarischen Praxis - den Zwischenruf - reagieren. In Waltraud Lehns Äußerung schwingt viel von der Ambivalenz dieser Kommunikationsform mit. Der Zwischenruf ist die wohl auffälligste Erscheinung der parlamentarischen Sprache - an seinem Auftreten und seiner Ausgestaltung bemessen sich Kreativität und Souveränität eines Parlaments. Zwischenrufe sind für das Herzstück der demokratischen Willensbildung charakteristisch, manchmal sind sie sogar spektakulär. Trotz seiner Popularität ist der Zwischenruf aber lange Zeit von Seiten der Linguistik unbeachtet geblieben. Erst Mitte der 70er Jahre vollzog sich die sog. `pragmatische Wende´, die u.a. die politische Kommunikation ins Blickfeld der Wissenschaft rückte. Es entstand die Gesprächsanalyse, die das kategorielle und methodische Instrumentarium für die Untersuchung der Zwischenrufe bereitstellte. Bis dahin war der Zwischenruf aber alles andere als unbekannt. Sammlungen populärer Zwischenrufe sorgten für Aufregung - und auch heute noch dominieren Bücher oder Internetforen, die lediglich die belustigende Seite von Zwischenrufen zeigen. Nur wenige Veröffentlichungen widmen sich einer wissenschaftlichsystematischen Behandlung dieses Phänomens.
Ausführliche Beachtung findet der Zwischenruf in Armin Burkhardts Werk `Zwischen Monolog und Dialog´ aus dem Jahre 2004. Der an der Magdeburger Universität lehrende Linguist schreibt ausführlich zur Theorie, Typologie und Geschichte des Zwischenrufs im deutschen Parlamentarismus. Im folgenden soll es daher die Grundlage bilden für den Schwerpunkt dieser Arbeit - eine Klassifizierung der Zwischenrufe aus drei Parlamentsdebatten, die zum Thema Auslandseinsatz deutscher Soldaten im Bundestag geführt worden sind. Auf den ersten zehn Seiten wird das Phänomens Zwischenruf zunächst einmal definiert und seine Funktionen werden herausgearbeitet. Abschnitt 3 gibt einen Überblick zum Forschungsstand. Im Anschluss daran wird das verwendete Quellenmaterial vorgestellt.
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B. Hauptteil
1. Definition: Der Zwischenruf - das vielgepriesene `Salz in der Suppe´?
Nach Armin Burkhardt kommen im Deutschen Bundestag etwa ein bis anderthalb Zwischenrufe auf jede Minute Redezeit. 1 Das ist eine Menge, bedenkt man, dass Zwischenrufe in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages kaum Beachtung finden. 2 Der Politologe Rüdiger Kipke definiert sie als eine durch Gewohnheit legitimierte Äußerungsform im politisch- parlamentarischen Diskurs, die eine Ausnahme zu dem Grundsatz darstellt, daß niemand ohne ausdrückliche Worterteilung durch den Präsidenten im Plenum reden darf. 3
Zwischenrufe sind demnach eine inoffizielle parlamentarische Sprachform, die in die Rede eines anderen hineingeworfen werden. Es handelt sich um unmittelbare, mehr oder minder spontane Reaktionen, die generell kurz gehalten werden und über die Länge von zwei gleichgeordneten Hauptsätzen selten hinaus gehen. Manchmal entwickeln sich aus Zwischenrufen eine Art Zwiegespräch (sog. Mini- Dialoge) 4 , die aus mindestens einem Zwischenruf und einer Gegenrede des aktuellen Redners bestehen. Zwischenrufe weisen Personen- oder Sprechhandlungsbezug auf. Nur im letzteren Fall liegt Textkohärenz vor. Da Zwischenrufe zur alltäglichen Praxis der Plenardebatte gehören, finden sie, ebenso wie andere Zwischenrufsignale (Gelächter, Beifall, Unruhe, etc.), Einzug in die stenographischen Berichte. Bereits im ersten demokratischen Zentralparlament - der Deutschen Constituirenden Nationalversammlung (Paulskirchenversammlung) von 1848/ 49wurden Zwischenrufe im Protokoll verzeichnet. Sie sind gewissermaßen das Salz in der Zwischenrufe beleben die Verhandlung.
Verhandlungssuppe, […] 5 - äußerte der damalige Vizepräsident Adolph Schönfelder in der 3. Sitzung des Parlamentarischen Rates am 9. September 1948. Rüdiger Kipke sieht dies
1 Burkhardt, Armin (1990): „Zur Sache Schätzchen!“ Chauvi- Sprüche im Parlament., in: Sprachreport, Heft 2, S. 1.
2 Lediglich § 119 der GO befasst sich ausdrücklich mit Zwischenrufen. Er bestimmt, dass Zwischenrufe in die Plenarprotokolle aufzunehmen sind. Dazu: Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages unter www.bundestag.de
3 Kipke, Rüdiger (1995): Der Zwischenruf - ein Instrument parlamentarischer Kommunikation?, in: Dörner/ Vogt (Hrsg.). Sprache des Parlaments und Semiotik der Demokratie. Studien zur politischen Kommunikation in der Moderne. Berlin, S. 107.
4 Zum Phänomen der Mini- Dialoge siehe Kapitel 9. 2. in Burkhardt, Armin (2004): Zwischen Monolog und Dialog. Zur Theorie, Typologie und Geschichte des Zwischenrufs im deutschen Parlamentarismus, Tübingen.
5 Parlamentarischer Rat. Stenographische Berichte über die Plenarsitzungen. Bonn 1948/ 49. Reproduktion nach der Originalausgabe von 1949. Bonn 1969. PR 36, damalige Vizepräsident Schönfelder in der 3. Sitzung des Parlamentarischen Rates am 9. September 1948.
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kritischer. Für ihn reicht das Niveau und die intellektuelle Qualität der zugerufenen Beiträge
vielfach nicht aus, um Zwischenrufe als besondere Würze der Plenardebatte 6 zu bezeichnen. Zwischenrufe stellen eine Form der Interaktion zwischen Rednern und Zuhörern dar. Jedoch handelt es sich hierbei um eine begrenzte Zuhörerschaft, denn Zwischenrufe erfolgen anders als die Debattenrede prinzipiell nicht zum Fenster hinaus. 7 Nur in Ausnahmefällen dringen Zwischenrufe über die Medien zu einem breiteren Publikum vor- ihres besonderen Unterhaltungswertes wegen, weniger wegen ihrer politischen Wirkung. 8
2. Funktionen parlamentarischer Zwischenrufe
Zwischenrufe wurden in Deutschland schon früh als wichtiger Faktor der parlamentarischen Debatte angesehen. Bereits 1898 beschrieb der Linguist Hermann Wunderlich parlamentarische Zwischenrufe und ihre Funktion: Es ist im Wesentlichen der Zwischenruf der Zuhörer, die den Redner aus dem Irrgarten des Schwulstes und der Verzückung in die
Wirklichkeit zurückruft, […] ihn zur verständlichen schlichten Sprache mahnt. 9 Der Zwischenruf ist nicht mit einer bestimmten politisch- institutionellen Rolle verbunden. Sowohl regierungstragende als auch die Oppositionsfraktionen machen von ihm Gebrauch, und sie tun das in funktional gleicher Weise.
Grundsätzlich wird dem Zwischenruf eine die Parlamentsdebatte belebende Wirkung zugeschrieben. Er vereinigt in sich sowohl verhandlungsfördernde als auch verhandlungsstörende Aspekte. Rüdiger Kipke spricht in diesem Zusammenhang von der politischen und der unpolitischen Funktion von Zwischenrufen. Zwischenrufe mit rein beleidigender Absicht, die auf die Person des Redners abzielen und keinen politischen bzw. politikbezogenen Beitrag leisten, gehören zur Kategorie des unpolitischen. Sie sind Ausdruck menschlicher Emotionen wie Zorn, Aggression oder Ohnmacht gegenüber Attacken, denen man sich mangels Rederecht nicht anders zu erwehren weiß. Andere Zwischenrufe sind schlicht und einfach das Ergebnis von Debatten, die monoton geführt werden und denen es an
Spontaneität fehlt. 10
6 Kipke, Rüdiger (1995), S. 108.
7 Kipke, Rüdiger (1995), S. 109.
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Zu erwähnen wären etwa die Zwischenrufe Herbert Wehners, die so unterhaltsam waren, dass sie veröffentlicht wurden in: Unglaublich, Herr Präsident. Ordnungsrufe / Herbert Wehner von Ralf Floehr und Klaus Schmidt, Krefeld 1983.
9 Wunderlich, Hermann (1898): „Deutsche Redekunst im Jahr 48.“, in: Das litterarische Echo, Halbmonatszeitschrift für Litteraturfreunde, Erster Jahrgang, Heft 4 vom 15. November 1898, Spalte 207.
10 Bei der parlamentarischen Debatte handelt es sich eigentlich um ein Scheingespräch, das sich vorrangig an die medienvermittelte Öffentlichkeit richtet. Allerdings entsteht im Plenum der Eindruck, dass es sich um einen dynamisch- dialektischen Prozess der Auseinandersetzung von Meinung und Gegenmeinung handelt, mit dem
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Oftmals soll der politische Gegner beim Versuch öffentlicher Selbstdarstellung behindert werden. Massiv gehäufte Zwischenrufe, viele davon destruktiv- unsachlich, verwirren hierbei
den Gedanken- und Redefluss des Vortragenden.
Zwischenrufe mit politischer Intention stellen den parlamentarischen Normalfall dar. Sie gehören wie die Debattenrede oder Zwischenfrage zum kommunikativen Verhaltensrepertoire der Parteien im Konfliktmuster von regierungstragender Mehrheit und Opposition. Die Quantität der Zwischenrufe hängt dabei wesentlich vom Gegenstand der Debatte und vom Grad des politischen Dissenses unter den Parteien ab. Untersuchungen haben gezeigt, dass Haushaltsberatungen und `Aktuelle Stunden´ besonders konfliktträchtig sind und dementsprechend viele redebegleitende Reaktionen aus dem Plenum aufweisen. Idealerweise ist parlamentarisches Sprechen Dialog. Der Zwischenruf fördert den punktuellen dialogischen Austausch zwischen unterschiedlichen Positionen, wenn er konstruktiv- sachlich ist.
Häufig wird der Zwischenruf aber auch zur Eigenprofilierung gegenüber Fraktionskollegen und der Fraktionsführung eingesetzt. Vor allem Parlamentsneulinge, die gut beraten sind sich auf dem parlamentarischen Parkett zunächst einmal im Hintergrund zu halten und mit ihren dienstälteren Fraktionskollegen nicht um Ämter, Redezeit und Medienaufmerksamkeit zu konkurrieren, wählen die Form des Zwischenrufs, um auf sich aufmerksam zu machen. Rüdiger Kipke spricht dabei von der intrakommunikativen Funktion des Zwischenrufs. 11 Abschließend lässt sich sagen, dass sowohl die konstruktiv- sachliche als auch die destruktivunsachliche 12 Verwendung von Zwischenrufen diesen zu einem wichtigen Mittel der parlamentarischen Auseinandersetzung machen. Auch gilt der Zwischenruf heute als einer der wichtigsten Indikatoren, um die Veränderungen der parlamentarischen Sprachkultur und damit der politischen Streitkultur insgesamt zu beschreiben.
3. Zum Forschungsstand - Der Beitrag von Armin Burkhardt
Mit der Paulskirchenversammlung von 1848/ 49 ist das Phänomen parlamentarischer Zwischenruf in Deutschland bekannt geworden. Seitdem haben sich nicht nur Linguisten mit ihm beschäftigt, sondern auch Publizisten, Stenographen und Politologen. Viele Beiträge
Ziel, den politischen Kontrahenten durch bessere Argumente zu überzeugen und zu einem Entscheidungskonsens zu kommen. Tatsächlich aber sind die politischen Entscheidungen bereits in den Ausschuss- und Fraktionssitzungen getroffen worden. Die Argumente des politischen Gegners einschließlich seiner Formulierungen sind also schon bekannt, was schnell Langeweile aufkommen lässt und zu entsprechenden Zwischenrufen führt.
11 Kipke, Rüdiger (1995), S. 110.
12 Einteilung nach Burkhardt, Armin (2004), S. 2.
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behandelten Zwischenrufe aber eher unzureichend. Aus feuilletonistischer Sichtweise ist der Zwischenruf lediglich Indikator für Humor oder auch für schlechtes Benehmen und dient - im Falle seines besonders geistreichen Gelingens - vor allem zur Profilierung des Rufers. Das Interesse der Presse galt und gilt ausschließlich den Stilblüten des Parlaments, die sich in Sammlungen amüsanter Bonmots und scherzhafter Dialoge 13 niederschlägt. Die ersten Veröffentlichungen dieser Art waren das 1894 erschienene Buch von J. Szafranski 14 oder etwa die kleine Sammlung des Paulskirchen- Stenographen Julius Woldemar Zeibig 15 aus dem Jahre 1900. In jüngerer Zeit erschienen ist eine Darstellung der - zu Ordnungsrufen geführten - Zwischenrufe Herbert Wehners von Floehr/ Schmidt von 1983. Alle Beiträge
bedienen das gängige Vorurteil, dass Zwischenrufe vor allem als Störfaktor ansieht, d.h. als Mittel parlamentarischer Aggression seitens des jeweiligen politischen Gegners. Die Beiträge der Stenographen widmeten sich vor allem der Frage nach dem Sinn und den
Prinzipien der Aufnahme von Zwischenrufen in die Sitzungsprotokolle. Sie betonen vor allem die den Zwischenrufen innewohnenden Eigenschaften wie Punktualität, Spontaneität, Dialogizität und ihre relative inhaltliche Eigenständigkeit. Diskutiert wird im brancheneigenen Organ, der `Stenographischen Praxis´. Hervorzuheben wären hier der Beitrag von Rudolf Dowerg 16 , der in seinem 1910 erschienenen Aufsatz `Behandlung der
Zwischenrufe´ Zwischenrufe von den Selbstgesprächen unterscheidet und dafür plädiert bedeutungslose oder gar läppisch wirkende Zwischenrufe und Verbesserungen von bloßem Versprechen von den Aufzeichnungen auszunehmen. Oder Karl Stettner, der bereits 1977 das Phänomen der parlamentarischen Mini- Dialoge analysierte. 17
Den Politologen geht es vor allem um die Beschreibung der Funktionen von Zwischenrufen.
Für Ronald Hitzler ist der Zwischenruf ein Element symbolischer Politik 18 , der gegen die
monologischen Grundregeln parlamentarischen Sprechens verstößt. Seine Aufgabe ist es die parlamentarische Debatte als Diskussion zu inszenieren. Rüdiger Kipke hingegen sieht den Zwischenruf als eine Art mentales Ventil 19 und Mittel zur innerparteilichen Profilierung. Darüber hinaus wagte Dolf Sternberger bereits 1952 eine erste, wenn auch völlig
13 Burkhardt, Armin (2004), S. 36/ 37.
14 Szafranski, Telesfor (Hrsg.) (1894): Humor im Deutschen Reichstage. Aus den amtlichen stenographischen Berichten über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages von 1871- 1893. - Berlin.
15 Zeibig, Julius Woldemar (1900): Der letzte Stenograph der Nationalversammlung zu Frankfurt. Lebenserinnerungen eines alten Burschenschafters. Nach Tagebuch- Aufzeichnungen. - Dresden.
16 Dowerg, Rudolf (1910): „Die Behandlung der Zwischenrufe“, in: Stenographische Praxis 4, S. 36- 39.
17 Stettner, Karl (1977): „Zwischenrufe im Parlament.“, in: Neue Stenographische Praxis 25, Heft 3, S. 41- 47.
18 Hitzler, Ronald (1990): „Die Politik des Zwischenrufs. Zu einer kleinen parlamentarischen Form“, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 21, Heft 4, S. 619- 630.
19 Dazu Abschnitt 2.
5
unzureichende, Klassifikation von Zwischenrufen, indem er a) kolllektive Zwischenrufe, b)
Spott- Rufe und c) individuelle polemische Zurufe unterschied. 20 Ausführlicher bearbeitet wurde und wird das Thema von linguistischer Seite. Von Interesse sind vor allem Fragen nach Form, Funktion und Distribution von Zwischenrufen. Peter Kühn stellt den Begriff der Mehrfachadressiertheit von Zwischenrufen zur die Diskussion, und bescheinigt ihnen zugleich eine adressatenspezifische Mehrfachfunktionalität. 21 Inge Fetzer-Wolf versucht in ihrer Staatsexamensarbeit erstmalig, parlamentarische Zwischenrufe
handlungstheoretisch zu klassifizieren und weist ihnen 20 verschiedene Funktionen zu. 22 Ein großer Schritt, denn bisher wurden Zwischenrufe, vor allem von den Politologen, lediglich
ein FÜR- GEGEN- Raster zugrundegelegt. 23 Auch Ina Neukirchen weist auf die Polyfunktionalität und damit Ambiguität von Zwischenrufen hin und bescheinigt ihnen initiativen und reaktiven Charakter. 24 Juha Matti Ketolainen stellt sich die Frage, ob Zwischenrufe eine eigene Textsorte darstellen - und muss dies verneinen. 25 Zwischenrufe stellen keine eigenständige Handlung des Sprechers dar, sondern sind eine Reaktionsform des Hörers und damit Teil eines Gesamttextes. Zwischenrufe gelten insofern als eine spezifische Form der Rückmeldung, wie Armin Burkhardt in seinem Werk `Zwischen Monolog und Dialog´ aus dem Jahre 2004 richtig bemerkt. 26 Der fast 700 Seiten umfassende Band liefert die erste umfassende systematische Behandlung von Zwischenrufen und markiert das vorläufige Ende der Reihe linguistischer Arbeiten. Burkhardt stellt nicht nur eine Klassifizierungsmöglichkeit vor- sondern fünf. Als Quellenbasis dienen ihm die Zwischenrufe
der sog. `Nachrüstungsdebatte´ der 35. und 36. Sitzung des Deutschen Bundestages aus der 10. Wahlperiode. Im Mittelpunkt seiner Analyse steht - wie auch schon bei den Linguisten vor ihm - die Handlungstypologie bzw. Funktionstypologie, da sich mit ihrer Hilfe historische Entwicklungslinien der Funktionen von Zwischenrufen und ihrer Frequenz besonders gut nachzeichnen lassen. In Anlehnung an Inge Fetzer- Wolf, jedoch stringenter,
20 Sternberger, Dolf (1952): „Macht, Recht und Kunst des Zwischenrufs.“, S. 77, in: Sternberger, Dolf: Sprache und Politik, in: Sternberger, Dolf: Schriften XI., Frankfurt am Main und Leipzig 1991.
21 Kühn, Peter (1983): Der parlamentarische Zwischenruf als mehrfachadressierte Sprachhandlung., in: Jongen / De Knop/ Nelde/ Quix (Hrsg.): Sprache, Diskurs und Text. Akten des 17. Linguistischen Kolloquiums Brüssel 1982. Band 1. Tübingen (Linguistische Arbeiten 133), S. 239- 251.
22 Fetzer- Wolf, Inge (1981): Zwischenrufe im Landtag von Baden- Württemberg. Staatsexamensarbeit. -Tübingen.
23 So auch Peter Kühn, der Zwischenrufe auf die Funktionen „jmdn. bloßstellen/ blamieren“ und „sich herausstellen/ loben“ reduziert.
24 Neukirchen, Ina (o. J.): Der Zwischenruf in der politischen Debatte. Eine empirische Analyse öffentlicher Kommunikation. Magisterarbeit. - Bonn.
25 Ketolainen, Juha Matti (1990): Erbarmen mit den Stenographen! Zwischenrufe im Deutschen Bundestag. Pro-Gradu- Arbeit. - Universität Helsinki.
26 Burkhardt, Armin (2004), S. 77.
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M.A. Kathleen Bärs, 2008, Parlamentarische Zwischenrufe und ihre Funktion am Beispiel der Bundestagsdebatten zum Einsatz deutscher Soldaten in Mazedonien, Afghanistan und dem Irak, München, GRIN Verlag GmbH
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