Elke Loepthien
Matrikel 220531 Vorwort
Im Oktober 2008 erschien in den USA ein neues Handbuch zur Umweltbildung: „Coyote’s Guide to Connecting Children with Nature“ (YOUNG et al. 2008). Bestseller-Autor RICHARD LOUV, der vor einigen Jahren mit seinem Buch über „Nature Deficit Disorder“ - die Natur-Defizit-Störung bei Kindern und Erwachsenen (Übers. dr.d. Verf.) - internationale Beachtung erlangte, schreibt im Vorwort zum Coyote’s Guide, dass das Buch die Leser von vertrauten Wegen weg locke und ermutige, mit kreativen Techniken zu experimentieren, um Kinder wieder zur Natur zu bringen. Mentoren würden von den jahrzehntelang erprobten Methoden und Herangehensweisen inspiriert werden, ihre „weiß-ich-schon“-Mentalität über Bord zu werfen und die Natur auch selbst mit ganz neuen Augen zu betrachten. Spiel und Geschichten würden mit Wissenschaft und Fakten verschmelzen können und wir „[…]könnten uns auf innige und bedeutungsvolle Weise mit der Natur […] verbinden“ (LOUV, R. , in: YOUNG et al. 2008, S. xii).
In der vorliegenden Belegarbeit soll eine Säule des „Coyote Mentoring“ auf ihre potentielle Wirksamkeit in der Umweltbildung untersucht werden, konkret die Interaktion und Kommunikation mit Natur als wäre sie menschlich. Durch eine Auswertung thematisch relevanter Literatur soll aufgezeigt werden, inwieweit diese Herangehensweise eine emotionale Ver-bundenheit mit Natur - eine Umweltbindung - erzeugen und stärken kann.
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Elke Loepthien
Inhaltsverzeichnis
Warum „Naturverbundenheit“ ein Ergebnis ganzheitlicher Umweltbildung sein sollte 5
Der Begriff „Bindung“ 5
Der Bindungsbegriff in Übertragung auf die Mensch-Natur-Beziehung 8
Bindung aus Sicht der Humanethologie 9
Rituale freundlicher Begegnung 10
Die Mensch-Natur-Beziehung in indigenen Kulturen. 12
Die Buschleute der Kalahari 12
Die Koyukon in Alaska 12
Animistisches und anthropomorphes Denken im westlichen Kulturkreis 15
Positive Auswirkungen von Anthropomorphismen 18
Bewusster Umgang mit Anthropomorphismen 19
Das Fleisch der Welt - Über den gegenwärtigen Wandel der naturwissenschaftlichen Sicht auf
Anthropomorphismus 20
Empfehlungen für die Umweltbildung 23
Die Verwendung von Anthropomorphismen im Independent Studies „KAMANA“ Naturalist Training
Program 23
Der Natur danken - The Thanksgiving Address 23
Tierimitationen zur Schulung der Wahrnehmung - The Sense Meditation 26
Literaturrecherche mit allen Sinnen - Mind’s Eye Journalling 26
Bedeutung der Erkenntnisse vor dem Hintergrund des aktuellen gesellschaftlichen Wandels 28
Zusammenfassung 30
Forschungsbedarf 31
Ausblick 33
Quellen 34
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Warum „Naturverbundenheit“ ein Ergebnis ganzheitlicher Umweltbildung sein sollte
Zahlreiche Untersuchungen der vergangenen Jahre haben sich mit dem Zusammenhang von Wissen und Umwelthandeln auseinander gesetzt. Ihr Ergebnis zeigt eindeutig, dass ein gutes kognitives Verständnis natürlicher Phänomene allein keine Bereitschaft erzeugen kann, sich aktiv für den Erhalt von Natur einzusetzen. Die Grundvoraussetzung für Umwelthandeln ist vielmehr eine emotionale Verbindung zur Natur (GEBHARD 2001). Beispielsweise wurde von EIGNER & SCHMUCK (1998) in einer Analyse von Interviews mit 16 UmweltaktivistInnen, verglichen mit neun sozial engagierten Personen aufgezeigt, dass die verbreitete Diskrepanz zwischen hohem Umweltbewusstsein einerseits und entsprechend umweltunfreundlichem Verhalten andererseits vor allem an einem Mangel an als positiv erfahrenen Naturerlebnisse in der Kindheit liegen könnte, welche die Wertschätzung für Natur erhöhen. Die befragten UmweltaktivistInnen „engagieren sich heute im Umwelt- oder Naturschutz aus der Motivation heraus, die in der Kindheit liebgewonnene intakte Natur wiederherzustellen. Demgegenüber hatten Vorbilder, Schule, Eltern und sonstige Anregungen bestenfalls unterstützende, in keinem Fall jedoch ursächliche Bedeutung für das Umweltengagement“ EIGNER&SCHMUCK (1998).
Der Begriff „Bindung“
Geprägt wurde der Begriff „Bindung“ in der Psychologie vor allem durch die Bindungspsy-chologie oder Bindungstheorie, die durch den britischen Kinderpsychiater JOHN C. BOWLBY begründet wurde. In der Nachkriegszeit behandelte er viele Kinder, die durch die Kriegswir-ren früh von ihren Eltern getrennt worden waren und zum Teil schwerwiegende Persönlich-keitsstörungen aufwiesen. BOWLBY konnte weder in den Modellen des Behaviorismus noch in der klassischen Psychoanalyse befriedigende Erklärungen für die Probleme dieser Klienten finden. Die von ihm entwickelten Theorien wurden später in Zusammenarbeit mit der Kana-dierin MARY AINSWORTHY empirisch bewiesen (HEEREN UND GLASER 2008). Das beobachtbare Verhalten wird in der Bindungstheorie sowohl aus ethologischer, als auch aus psychologischer Sicht erklärt. Dabei geht man davon aus, dass die Entwicklung einer si-cheren und starken emotionalen Bindung zwischen einem Kleinkind und dessen primärer Bezugsperson in der Kindheit eine grundlegende Voraussetzung dafür bildet, im Erwachse-nenalter stabile und intime soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Menschen haben die FH Eberswalde, FB Landschaftsnutzung und Naturschutz 5
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Fähigkeit, von intensiven Gefühlen getragene Beziehungen zu anderen zu entwickeln. Es entsteht dabei ein gefühlsgetragenes Band, das über Raum und Zeit hinweg erhalten bleibt und sehr spezifisch auf bestimmte Personen ausgerichtet ist, die nicht austauschbar sind (HEEREN UND GLASER 2008).
Die Bindungstheorie sieht die Neigung zur Bindung als primäres menschliches Grundbedürfnis an. Bereits das Neugeborene verfügt über ein immer umfangreicher werdendes Repertoire an kommunikativen Verhaltensweisen, mit denen es versucht, die Beziehung zur Bezugsperson herzustellen (Anklammern, Schreien, Weinen, Lächeln). Andere Bedürfnisse des Kleinkindes stehen in einer Wechselbeziehung zu seinem Bindungsverhalten. So lange die Bezugsperson als verfügbar und prinzipiell bereit wahrgenommen wird, überwiegt das sogenannte „Explorationsverhalten“, eine autonome Zuwendung zur Umwelt. Bei Krankheit, Unsicherheit oder Gefahren reagiert das Kind jedoch mit Rückzug und Bindungsverhalten. Ein Mangel an engen Beziehungen hat verheerende negative Auswirkungen auf die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes, vor allem auf die Empathiefähigkeit und soziale Kompetenz, den Umgang mit den eigenen Kindern, die Anfälligkeit für psychopathologische Störungen, die Gestaltung von Liebesbeziehungen sowie die Entwicklung von metakognitiven, reflexiven Fähigkeiten (HEEREN UND GLASER 2008).
In der Bindungstheorie wird davon ausgegangen, dass Kinder auf der Basis wiederholt erfahrener typischer Interaktionsmuster mit ihren primären Bezugspersonen Erwartungen über zukünftige Interaktionen ausbilden. Die reifende Person entwickelt eine mentale Repräsentation von Bindung, ein sogenanntes „Arbeitsmodell“, in dem vergangene Erfahrungen gespeichert werden und dafür genutzt werden, zukünftiges Erleben vorherzusagen. Auf diese Weise determinieren die frühen Bindungserfahrungen des Kindes inwieweit es im Erwachsenenalter Nähe und Sicherheit erwartet und sich selbst wertvoll genug fühlt, um Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit sowie Nähe zulassen zu können, und mit welcher Strategie die Person potentiellen Bindungspersonen gegenüber tritt. Die Arbeitsmodelle enthalten sowohl kognitive als auch affektive Komponenten und schließen bewusstes und unbewusstes Wissen über Bindungserfahrungen ein. Außerdem sind in ihnen Vorstellungen und Erwartungen über die Vertrauenswürdigkeit der Umwelt enthalten sowie darüber, wie liebenswert die eigene Person angesehen wird (HEEREN UND GLASER 2008).
Ideal ist der sogenannte „sicher gebundene“ Typus. Sicher gebundene Kinder haben in Situa-tionen, die sie als bedrohlich erlebt haben, durch ihre Bezugsperson eine konsistent verläss- FHEberswalde, FB Landschaftsnutzung und Naturschutz 6
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liche, verständnisvolle, sensitive, feinfühlige Unterstützung erfahren. Sie vertrauen auf die Verfügbarkeit ihrer Bezugsperson und erleben sich selbst als liebenswert. Diese Kinder können auch ein Gefühl der Selbstbestimmung entwickeln, weil sowohl ihre Bindungswünsche verstanden, als auch ihre Neugier unterstützt wird. Bei Trennungen sind sie in der Lage, ihre Betroffenheit offen zu äußern und es gelingt ihnen, die schmerzhafte Erfahrung in ihre insgesamt positive Erwartung zu integrieren. Bei Rückkehr der Bezugsperson wird diese mit großem Interesse und offenkundiger Freude begrüßt, die Kinder beruhigen sich schnell und gehen bald wieder zu Explorationsverhalten über. Im Allgemeinen wirken sicher gebundenen Kinder ausgeglichener, weinen seltener, sind weniger aggressiv und ängstlich und eher bereit auf Ge- und Verbote zu hören (HEEREN UND GLASER 2008).
Störungen können in Form von unsicher-vermeidender Bindung, unsicher-ambivalenter Bindung und unsicher-desorganisierter Bindung auftreten, auf die ich im Rahmen der Belegarbeit nicht näher eingehen werde.
Die internalen Arbeitsmodelle existieren zum Teil außerhalb des Bewusstseins und neigen zu deutlicher Stabilität. Sie bestimmen zukünftige Erwartungen und das Erleben intimer Beziehungen, so dass auch neue Erfahrungen zumeist stabilisierend auf die internalen Repräsentanzen zurückwirken.
Interessant ist auch, dass Arbeitsmodelle prinzipiell offen für neue Erfahrungen sind, so dass neue bedeutsame Beziehungserfahrungen, Selbstreflexion, psychotherapeutische Behandlungen und auch kritische Lebensereignisse Veränderungen bewirken können (HEEREN & GLA- SER 2008).Obwohl Bindung primär in den ersten Lebensjahren erlebt werden muss, bleibt das Potential dazu zeitlebens erhalten, wenn auch eingeschränkt durch die persönlichen auf Erfahrungen basierenden Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster.
Das in der Bindungstheorie behandelte Konzept von Bindung erscheint vor dem Hintergrund dieser Erläuterungen zunächst grundlegend verschieden von dem zu sein, welches der Na-turverbundenheit zugrunde liegen könnte, zumal es als ausschließlich menschliches Phänomen betrachtet wird. Es stellt sich also die Frage, ob man im Mensch-Natur-Kontext überhaupt den Begriff „(Umwelt-) Bindung“ verwenden sollte. Tatsächlich können jedoch mehr Parallelen gefunden werden, als auf den ersten Blick zu vermuten sind, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.
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Arbeit zitieren:
Elke Loepthien, 2008, Von der Umweltbildung zur Umweltbindung, München, GRIN Verlag GmbH
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