Untergruppen, die vorerst den Zusammenhalt aller nicht beeinträchtigen, sondern der Arbeitsteilung 7 und Effizienzsteigerung dienen: Die jüngsten Kinder können zum Überleben der Gruppe nicht beitragen; sie benötigen den Schutz eines Älteren. Die älteren, gesunden Jungen teilen sich somit in eine Jäger- und eine Feuergruppe auf. Als Außenstehender bleibt ein Junge übrig, der aufgrund seiner Brille und seines Übergewichts den Spitznamen „Schweinchen“ erhält und die Aufgabe übernimmt, auf die Jüngsten aufzupassen. Hier wird schon deutlich erkennbar, dass seine Außenseiterrolle dem Jungen Jack, der ihn permanent hänselt und erniedrigt, eine gewisse Autorität verleiht, die sich im Verlaufe der Handlung verstärken wird. Beispielhaft kann für diese Autorität der Satz „Du redest zuviel, halt den Mund“ angeführt werden, mit dem Jack „Schweinchen“ gleich beim ersten Aufeinandertreffen zum Schweigen bringt. So tragen Jacks körperlichen Vorzüge und die damit verbundene, unabdingbare Leistungsfähigkeit zu seiner Möglichkeit bei, sich hierarchisch über dem asthmakranken Jungen zu positionieren und bei allen anderen die Angst zu schüren, ebenfalls in jene Rolle des Außenseiters gedrängt zu werden und somit auf soziale Anerkennung innerhalb der Gruppe verzichten zu müssen 8 . In der Anfangsphase wird durch den Satz „Wir brauchen einen Anführer“ deutlich, dass die Nichtbesetzung dieser Position zum Gefühl einer Vakanz führt. So stimmen die Jungen direkt demokratisch ab, dass ein Junge namens Ralph ihr „Anführer“ sein soll. Dieser ist zuzuordnen in die bereits erwähnte Feuergruppe; er betrachtet es als wichtigstes Ziel, ein großes Feuer an erhöhter Steller auf der Insel dauernd in Brand zu halten, um mit Rauchzeichen auf die schiffbrüchige Gruppe aufmerksam zu machen. Die Jägergruppe soll dafür zuständig sein, die Insel zu erkunden und erklärt sich bereit, auf die Jagd zu gehen. Die beiden herausgebildeten Gruppen verfolgen also zwei unterschiedliche Zielsetzungen, obwohl diese noch als Arbeitsteilung angesehen werden können: Auf der einen Seite die mögliche, aber nicht sichere Rettung von der Insel, die von Ralph verfolgt wird und die ich aufgrund ihrer Unsicherheit als abstrakte Zielsetzung bezeichnen würde. Jene Unsicherheit spielt im weiteren Verlauf eine enorme Rolle; so äußert Popitz zu diesem Aspekt, wer „glaubhaft Machtalternativen“ stelle, und dies ist ansatzweise schon in der ersten Arbeitsteilung der Gruppe erkennbar, „kann in der Regel auch die Ungewissheit alles Zukünftigen und die Ungewissheit aller Orientierung am Zukünftigen ausnutzen - und damit die Beweglichkeit antizipierender Phantasie“ 9 . Auf der anderen Seite steht die Befriedigung
7 Popitz sagt ebd., dass auch Arbeitsteilungen häufig mit Zugehörigkeitsstrukturen verbunden sind.
8 Nach Popitz findet hier bereits eine Machtaktion statt: Die Minderung sozialer Teilhabe/gesellschaftlicher
Integrität. Vgl. ebd.: 44.
9 POPITZ, 1992: 27.
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von Grundbedürfnissen wie Hunger und dem Bedürfnis nach Sicherheit, die von Jack verfolgt wird und die im Unterschied zur Rettung als direkt und zeitnah angesehen werden kann. Neben der Einforderung der Besetzung der Position des Anführers einigen sich die Jungen auch darauf, dass sie „Gesetze“ haben wollen. An dieser Stelle möchte ich kurz auf Popitz’ Definition der sozialen Norm eingehen, denn davon sprechen die Kinder, wenn sie „Gesetze“ fordern, auch wenn Normen teilweise weniger planvoll an Bedeutung gewinnen als im Film. Popitz sieht Verhaltensnormierung als ein Konstrukt, das auf „auf einer sozialen Verabredung über bestimmte Abstraktionen 10 “ beruht und den Mitgliedern einer Gesellschaft Orientierungs- und Handlungssicherheit verleiht, da sie aufgrund dieser Verabredungen Verhaltensregelmäßigkeit von ihren Mitmenschen erwarten, ein bestimmtes, normiertes Verhalten aber auch verlangen können. Die Abweichung von diesem erwarteten Verhalten ist mit Sanktionen verbunden. Das Bedürfnis nach Handlungssicherheit der Jungen wird im Film deutlich ausgesprochen; welche „Verabredungen“ die Jungen treffen und in welcher Hinsicht abweichendes Verhalten von diesen bestraft wird, soll im Laufe des Essays an den jeweils relevanten Stellen des Films herausgearbeitet werden. Die soziale Normierung der Gruppe sollte der Leser aber stets im Hinterkopf behalten, um die im Folgenden beschriebenen Vorgänge deuten zu können. Wichtig ist meines Erachtens nach daher auch die Voranstellung der Popitzschen Definition von Sanktionen: „Sanktionen nennen wir Reaktionen, die mit der Intention der Erkennbarkeit für den Betroffenen als negative (strafende) Antwort auf ein bestimmtes Verhalten vollzogen werden.“ 11 Wie also lässt sich anhand der Geschehnisse im Film erkennen, auf welche Weise Macht und Sanktionsgewalt zusammenhängen? Darauf soll nun weiter eingegangen werden.
Unter besagte „Gesetze“ fallen in erster Linie o.g. Aufgabenverteilung, aber auch die Benutzung einer großen Muschel, um Sitzungen zu strukturieren: Wer diese Muschel in der Hand hält, darf etwas sagen, ohne unterbrochen zu werden; die Jungen ordnen sich also anfangs nach einem demokratischen Grundprinzip. Was die Forderung von Gesetzen betrifft, so könnte dies einerseits darin begründet liegen, dass die Jungen auf sich gestellt nicht weiter von ihren Eltern in eine bereits sozial normierte Gesellschaft eingeführt werden und sie diesen Prozess nun selbstständig in der für sie neu entstandenen Gesellschaft weiterführen wollen; andererseits könnte sich hier auch lediglich kindliches Nachahmen der ihnen vertraut gewesenen Gesellschaft zeigen, in der „Gesetze“ und Regeln schon im Kindesalter ein (wenn auch abstrakter) Begriff sind.
10 POPITZ, 1980: 5.
11 Ebd.: 28.
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Die Jungen bauen zunächst Hütten und erschaffen eine Feuerstelle. Dieses „technische Handeln 12 “, wie Popitz es nennt, macht Menschen seiner These zufolge erpressbar, sodass sie sich in Machtgebilde einfügen: Ihr Zusammenleben ist durch Arbeitsteilung, Besitz und somit Macht bestimmt 13 . Macht äußert sich demnach nicht mehr nur in Anerkennung einer Autorität, also einem bestimmten Verhalten, sondern hat auch eine strukturelle Form. Macht kann sich so in Gewalt gegen Menschen oder Besitz äußern; Drohungen, eines der wichtigsten Mittel zur Konsolidierung von Macht, können sich nicht direkt auf das körperliche und seelische Wohl der eigenen Person beziehen, sondern auch indirekt durch die Entziehung von Lebensgrundlagen. Soziale Ordnungen sind schlicht auch Eigentumsordnungen.
Die bis zu diesem Punkt der Handlung vollzogene, rationale Organisation wird im Film dadurch beeinträchtigt, dass Angst eine große Rolle zu spielen beginnt. Es kursiert das Gerücht, ein „Biest“ sei aus dem Meer gekommen, oder aus dem Dschungel der Insel - die Jungen wissen es nicht genau, doch einig sind sie darin, dass dieses „Biest“ sie fressen will und wird. Diese Angst sowie das Bewusstwerden der eigenen Verletzlichkeit bestärkt die Zielsetzung der Jägergruppe, für Sicherheit sorgen zu wollen.
Zu einem Wendepunkt kommt es, als Jack die Anführerrolle Ralphs nicht länger akzeptieren will. Seine bereits erwähnte Autorität äußert sich in verschiedenen Begebenheiten, zum Beispiel, indem er ein Schwein schlachtet und so die Versorgung aller sicherstellt, ein Glas von „Schweinchens“ Brille zerschlägt und das Feuer für unwichtig erklärt. In diesem Interessenkonflikt ist er in der Lage, sich Ralph gegenüber durchzusetzen, der weiterhin Wachen für das Feuer abstellen will. Jack ist nun in der Lage, „seine“ Gruppe als attraktivere Option erscheinen zu lassen, da er weiterhin Schutz und Nahrungsbeschaffung verspricht. An diesem kritischen Punkt sticht die Figur des Jack nicht nur als Autorität, sondern auch als Normsetzer 14 hervor. Beides festigt seine individuelle Macht und seinen Einfluss auf die anderen Jungen in der Gruppe, da ihm mit zunehmender Normierungs- auch Sanktionsmacht zufällt.
Ganz deutlich wird dies in seiner Aussage in einem Gruppentreffen über Ralph: „Er hat uns nie Fleisch besorgt; er erwartet nur, dass man seinen Befehlen folgt - für nichts. Er ist wie ‚Schweinchen’, er redet sogar wie ‚Schweinchen’.“ Hier setzt Jack einerseits die Norm, dass
12 „Technisches Handeln“ meint nicht gleich technischen Fortschritt, sondern hier die Schaffung basaler
Lebensgrundlagen wie eben eines Hauses oder beispielsweise von Werkzeugen.
13 POPITZ, 1992: 161.
14 Normsetzern gelingt es laut Popitz, neue Normen durchzusetzen - das heißt „auf der niedrigsten Stufe der
Innovation nichts anderes als die Normierung bereits bestehender sozialer Gewohnheiten. Neu ist lediglich die
Sanktion von Abweichungen.“ Siehe POPITZ, 1980: 45.
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Arbeit zitieren:
Marina Schmidt, 2010, Prozesse der Machtbildung nach Popitz im Film "Herr der Fliegen", München, GRIN Verlag GmbH
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