betastet, prüft, durchreflektiert“. Der Gegenstand des Essays ist deshalb das Neue als Neues, nicht in das Alte der bestehenden Formen Zurückübersetzbares, und dadurch entsteht die Koordinierung von Gedanken statt Sublimierung. Er nimmt Gedanken reflektierend ins eigene Verfahren hinein. So will der Essay nicht das Ewige im Vergänglichen aufsuchen, sondern er verewigt das Vergängliche.
Er ist eine Art Abwehr: anstatt wissenschaftlich etwas leisten oder künstlerisch etwas schaffen, spiegelt seine Anstrengung noch die Muße des Kindlichen wider. Der Essay reflektiert auf das Geliebte und Gehasste, Glück und Spiel sind ihm wesentlich, wodurch der Essay auch einen spielerischen, leichten Charakter hat.
Ein Essayist redet außerdem ohne Hintergründe und bricht ab, wenn er will. Dadurch entsteht eine Fruchtbarkeit von Gedanken, wo Momente sich „teppichhaft“ verflechten, nämlich die Gedanken schreiten nicht einfach fort.
Ein Essay hat außerdem ein kritisches Verhältnis zu seinem Thema und zieht Konsequenz aus der Kritik am System, er beinhaltet also immanente Kritik geistiger Gebilde, eine Art Ideologiekritik. Es ist auch bemerkenswert, dass der Essay auf sich selbst auch reflektiert. Adorno erwähnt noch, dass der Essay gegen die vier Regeln von Descartes (Discours de la methode) auftritt, nämlich er fordert das Ideal der clara ez disticta perceptio (was wir klar verstehen ist wahr) und zweifelsfreie Gewissheit; statt Zerlegung des Objekts beinhaltet er Ganzheit und geht nicht vom Einfachsten, sondern vom Komplexen aus; statt vollzählige Aufzählungen, allgemeine Übersichten wählt er die Gegenstände nur nach Intention des Erkennenden aus, er findet seine Einheit durch Brüche hindurch; und der Essay ist eine Vorstellung von Wahrheit als eine Wirkungszusammenhang.
Die Literaturwissenschaftler sind nicht immer derselben Meinung darüber, wann der Essay als literarische Form geboren ist. Übrigens spielte der Essay bis die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts keine wichtige Rolle. Im Jahre 1925, im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte wurden schon mehrere Sätze über diese Form geschrieben, für die Literaturwissenschaft wurde aber der Essay nur später interessant. Zum Beispiel erschienen in den siebziger und achtziger Jahren im Jahrbuch für internationale Germanistik schon kritische Schriften über diese Form. Obwohl der Begriff „Essay“ von Hermann Grimm im Jahre 1859 eingeführt wurde, benennen die meisten Essayisten und Wissenschaftler ihre Werke noch nicht als Essay und betrachten sich nicht als Essayisten. Nach der Meinung von den meisten Literaturwissenschaftlern hat der Essay englische und französische Herkunft, und
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der dreißigjährige Krieg (1618-48), die Religion, aber besonders der Humanismus und die Aufklärung haben dazu beigetragen, dass diese Form nach Deutschland gekommen ist. Der Essay als literarische Form oder Gattung geht zu dem französischen Autor Michel de Montaigne (1533-1592) zurück, der den Essay aus dem Werk Adagia (geschrieben von Erasmus von Rotterdam) entwickelte. Was zunächst noch eine Sammlung von Sprüchen, Aphorismen und Weisheiten war, wurde von Montaigne nun mit Kommentaren und Kritik beschrieben. Dabei stellte er seine Erfahrungen dem scholastischen Absolutheitsanspruch entgegen. Montaigne tritt als ein Fragesteller auf, der nach Antworten sucht, ohne sie letztlich zu finden. Ein guter Essay wirft neue Fragen auf oder umreißt ein neues Problem. Erkenntnisse und Forderungen werden oft nur so weit ausgeführt, dass der Leser sie selbst assoziieren und als eigene Gedanken betrachten kann, nicht als eine dogmatische Lehrmeinung. Montaignes Bekenntnis zur Subjektivität und sein Zweifel an der Existenz absoluter Wahrheit widersprechen freilich der offiziellen Lehrmeinung des Vatikans. Sein Nachfolger, der Engländer Francis Bacon erweiterte die Gattung des Essays in Richtung einer belehrenden, moralisierenden Form mit deduktiver Beweisführung; in der Folge pendelt der Essay zwischen diesen zwei Ausrichtungen.
Die Spuren des Essays sind aber schon seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland zu finden. Nämlich die Humanisten, die Vertreter der Reformation und die Vertreter der Gegenreformation schrieben schon Essay-verwandte Werke, wie Tischreden von Luther, die mit dem persönlichen Verhältnis zum Thema schon einige Merkmale des Essays zeigen. Im Jahre 1687, Christian Thomasius schrieb das Werk Discours Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle?, das schon mehr Gemeinsamkeiten mit dem Essay von Montaigne und Bacon hat. Er wirft zum Beispiel wichtige kulturelle Fragen auf und eine ironische Verhaltensweise ist auch bemerkbar. Die wichtige Rolle von Leibnitz in der deutschen Aufklärung ist weit bekannt. Sein essayistisches Werk "Ermahnung an die Teutschen, ihren Verstand und Sprache besser zu üben" ist wieder ein kulturkritisches Werk, das statt für Benutzung von Französisch, Englisch oder Italienisch, für die Verbreitung der deutschen Nationalsprache argumentiert. Danach, im 18. Jahrhundert begann eine Verbreitung von Zeitschriften, die auch einen Einfluss an den Essay hatte. Die Gedanken von Thomasius und Leibnitz wurden von Johann Christoph Gottsched, Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger weitergeführt. Wichtige Werke, die zu der Entwicklung des Essays beitrugen, sind Die Discourse der Mahlern (Bodmer/Breitinger, 1721-23), Die vernünftigen Tadlerinnen (Gottsched, 1725-27) und Der Biedermann (Gottsched, 1727-29). Es ist wichtig zu bemerken, dass in der Zeit der
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Arbeit zitieren:
Enikő Jakus, 2009, Der Essay, München, GRIN Verlag GmbH
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