Gliederung:
1. Einleitung
2. Spanisch in Argentinien
2.1. Die Eroberung Argentiniens
2.2. Einflüsse auf die Entstehung des argentinischen Spanischs
2.2.1. Die Ausgangslage
2.2.2. Die Eroberer und weitere Einflüsse
2.2.3. Masseneinwanderung und europäische Kontaktsprachen
2.2.4. Sprachliche Besonderheiten
3. Lunfardo und Tango
4. Cumbia Villera
4.1. Tango und Cumbia Villera
4.2. Deutlichkeit und Degradation der Sprache
4.3. Selbstbild und Selbsterfahrung des villeros
5. Analyse ausgewählter Liedertexte
5.1. Verrat des villero-Daseins
5.2. Sozialkritische Thematik
5.3. Der Alltag eines pibe chorro in der Cumbia Villera
5.4. Frauen und Cumbia Villera
6. Tumberos und täglicher Sprachwandel
7. Schlussfolgerung
8. Bibliographie
1. Einleitung
Buenos Aires, Stadt am Rio de la Plata, deren abgeblätterte imposante Fassade von längst vergangenem Reichtum erzählt. Wo einst vor allem Tangoklänge durch die Gassen und Straßen ertönten und sich Matrosen und Geschäftsmänner in Bordellen und später in riesigen Tangosälen mit den Frauen auf einen Tanz trafen, hat sich das Gesicht der Stadt geändert. Wer genau hinsieht, erkennt die sogenannten Villas miserias, zum Teil riesige Slums aus Wellblechhütten und ausgetretenen Pfaden, die sich durch die ganze Stadt und ihre Provinzen ziehen.
Hier ertönen ganz andere Klänge, es ist die Cumbia Villera, Musik der Ärmsten der Stadt, die heute die Rolle des Tangos übernommen hat. Ihre Sprache bezieht sich vor allem auf den Lunfardo.
In dieser Arbeit möchte ich die Herkunft und Kultur der Cumbia Villera beschreiben, die Etymologie verschiedener Worte in den Liedtexten erläutern und somit den Wandel der Umgangssprache in Buenos Aires in den letzten Jahren verdeutlichen. Alle angeführten Definitionen sind, soweit nicht anders vermerkt, dem Novísimo diccionario lunfardo von José Gobello entnommen.
2. Spanisch in Argentinien
Argentinien ist räumlich gesehen das größte spanischsprachige Land und besitzt eine große Vielfalt an regionalen und sozialen Dialekten, allen voran die berühmte habla porteña aus Buenos Aires, Prototyp des argentinischen Spanischs für den Rest Hispanoamerikas.
2.1. Die Eroberung Argentiniens
Obwohl sich das Territorium Argentiniens seit der Unabhängigkeit 1810 nicht groß
verändert hat, wurden während der Kolonialisierung verschiedene Umgestaltungen im Verwaltungsbereich vorgenommen, was großen Einfluss auf die regionalen Dialekte hatte. Insgesamt lässt sich die Kolonialisierung Argentiniens in drei Stufen einteilen, von denen jede einzelne einen anderen Sprachkontakt mit sich brachte und damit nachhaltig Einfluss auf die sprachliche Entwicklung hatte.
Von Europäern wurde die La Plata Mündung zuerst durch Juan Díaz de Solís im Jahre 1516 entdeckt, doch dieser traf wahrscheinlich auf die einheimischen Charrúa und kam mit den meisten seiner Männer ums Leben. Zwanzig Jahre später sandte Spanien seine größte Expedition (11 Schiffe, 1500 Mann) unter Pedro de Mendoza. Dieser gründete 1536 die Festung “Puerto de Nuestra Señora del Buen Ayre“, Buenos Aires, und die breite trichterförmige Mündung des Rio Paraná und Rio Uruguay bekam den Namen Río de la Plata, da man hoffte flussaufwärts riesige Vorkommen des begehrten Metalls zu finden. Nach der Vertreibung aus Buenos Aires und Rücksiedlung nach Asunción durch feindlich gesinnte Indios aus der Pampa einige Jahre später, wurde Buenos Aires erst 1580 von einer Handvoll spanischer Siedler neugegründet. Aus Asunción heraus folgte die Errichtung der Stützpunkte Santa Fé (1573) und Corrientes (1588). Eine weitere Expedition kam aus Peru, welche die Städte Córdoba (1573), Salta (1582) und Jujuy (1593) nach gleichem Muster gründete. Von Santiago de Chile heraus wurden die heutigen Provinzen Mendoza, San Juan und San Luis erobert und die fehlenden Landstriche in Patagonien und dem Süden des Landes folgten im 19. Jahrhundert durch die Feldzüge des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires, Juan Manuel de Rosas (Güida 1993: 14ff). 1617 wurde Buenos Aires Hauptstadt der Rio-de-la-Plata-Provinz, wodurch sie immens an Bedeutung und Einfluss gewann und als zweitgrößte Stadt der westlichen Hemnisphäre zum sozialen und kulturellen Zentrum Südamerikas wurde (Lipski 1996: 185).
2.2. Einflüsse auf die Entstehung des argentinischen Spanischs
2.2.1. Die Ausgangslage
Heutzutage wird oft angenommen, dass Argentinien keine indigene Bevölkerung hat. Betrachtet man das Land jedoch genauer, zeigt sich eine ganz anderes Bild. Der
nordwestlichste Teil Argentiniens lag einst unter der Herrschaft der Inka. Deren Sprache, das Quechua, hatte sich in der Provinz Santiago del Estero weit ausgebreitet und die lokalen Sprachen verdrängt. Die indigene Bevölkerung in diesem Gebiet Argentiniens war den Besatzern friedlich gesinnt, und so entstand unter der spanischen Herrschaft ein starker sprachlicher Kontakt. Der Einfluss des Quechua ist daher bis heute noch in einigen regionalen Dialekten stark zu merken (Lipski 1996: 187). Auch durch bolivianische Immigration hat sich das Quechua auf die Provinzen Salta und Jujuy ausgeweitet, und der sprachliche Einfluss auf das Spanische ist demzufolge in der nordwestlichen Region Argentiniens erhalten geblieben.
Während des Aufenthaltes in Asunción kamen die Eroberer das erste Mal in Kontakt mit dem Guaraní. Durch die folgenden Eroberungswege in den Süden des Landes wurde diese indigene Sprache bis nach Buenos Aires, Santa Fé und Entre Rios getragen. Im Nordosten Argentiniens, in den Provinzen Corrientes, Misiones und Resistencia, sowie im Osten der Provinzen Chaco und Formosa wird heute noch Guaraní gesprochen. Den größten Einfluss hatte die Sprache auf die Lexik des argentinischen Spanischs (Güida 1993: 13).
Das Mapuche oder Araukanische erstreckte sich einst bis über die Provinzen Córdobas, La Pampa und Neuquén bis zur Grenze Chiles hin (Güida 1993: 14). Die in der Pampa ansässigen Indios wurden jedoch unter der Regierung von Präsident Julio Argentino Roca (1880-1886) während der "ethnischen Säuberung" der Pampa gnadenlos ausgerottet, um Platz für die vielen neuankommenden Siedler zu schaffen. So ist es auch zu erklären, warum das Mapuche sehr viel weniger Einfluss auf das argentinische Spanisch hatte, als die beiden anderen indigenen Sprachen.
2.2.2. Die Eroberer und weitere Einflüsse
Es lässt sich nicht genau bestimmen, wer die ersten Siedler in Argentinien waren. Sicher ist jedoch, dass die einzige Festung, die von Madrid aus gegründet wurde, die erste Gründung der Stadt Buenos Aires war. Insofern war die Anzahl der Spanier, die direkt von der Iberischen Halbinsel kamen, sehr gering. Es gab eine große Anzahl von Mischehen, aus denen Mestizen hervorgingen. Deshalb ist anzunehmen, dass die ersten Siedlungen durch
Criollos, Nachkommen spanischer Einwanderer, gegründet wurden. Diese wurden auf dem neuen Kontinent geboren und lernten Spanisch fern ihres Mutterlandes und mit einem starken Kontakt zu indigenen Sprachen. Eine Korruption des Spanischen blieb also demnach nicht aus.
Seit Beginn der Kolonialzeit wurden Sklaven nach Argentinien importiert. Durch ihren sozial niedrigen Status war ihr Einfluss auf das argentinische Spanisch eher gering. Trotzdem beeinflussten auch ihre Dialekte das heutige Spanisch, vor allem in Buenos Aires, wo die meisten Sklaven gehalten wurden. So ist beispielsweise das Wort mucama ('Hausmagd'), ein Wort afrikanischen Ursprungs, typisch für die Rio-de-la-Plata Region (Güida 1993: 18ff , Lipski 1996 :187f).
2.2.3. Masseneinwanderung und europäische Kontaktsprachen
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg gelangte eine riesige Zahl europäischer Einwanderer an den Hafen von Buenos Aires. Mit dem Einwanderungsgesetz von 1876, das die Immigration aus europäischen Ländern anregen sollte, gelangten zuerst einmal nicht-hispanophone Emigranten nach Argentinien. Laut einer Tabelle von Fontanella de Weinberg lag die Zahl der spanischen Einwanderer hinter der der italienischen:
Población del país por nacionalidad en 1914
Argentinos Italianos Españoles Hispanoamericanos Rusos Franceses Alemanes Austro-húngaros Otomanos Portugueses y brasileños Ingleses y estadounidenses Otros extranjeros
Total: 7.885. 237 (Weinberg, Beatriz 2000)
Trotz der zahlenmäßigen Dominanz der italienischsprachigen Einwanderer, ersetzte Italienisch das Spanische nicht als Landessprache. Das lag daran, dass ein Großteil der Spanier aus Galizien, gefolgt von den Provinzen Asturien und Katalonien stammte und die Italiener hingegen aus allen Gebieten Italiens kamen. Italien hat eine enorm große dialektale Zersplitterung und die meisten der italienischen Einwanderer waren arm. Viele stammten aus der Arbeiterklasse, von denen die meisten Analfabeten waren, die regionale Dialekte und kein Hochitalienisch sprachen. All dies und die Tatsache, dass beides romanische Sprachen sind, trug dazu bei, dass Italienisch der Dominanz des Spanischen niemals gefährlich wurde. Die Interferenzen zwischen Spanisch und Italienisch äußerten sich in beiden Richtungen. Am deutlichsten aber sind die gegenseitigen Einflüsse im 'Cocoliche rioplatense', einer italo-hispanischen Mischsprache, bestehend aus regionalen, italienischen Dialekten verbunden mit dem Pigeon-Spanisch, welches von den italienischen Einwanderern der ersten Generation gesprochen wurde, zu erkennen. Mit der fortschreitenden Hispanisierung verlor das Cocoliche zunehmend an Bedeutung, bis es schließlich mit der zweiten Generation der Immigranten, die schon in Argentinien geboren wurden und Spanisch als erste Sprache lernten, verschwand. Geblieben ist der 'Lunfardo', eine ehemalige Gaunersprache und heute Jargon der Arbeiterklassen von Buenos Aires.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die Einwanderungszahlen rapide ab. Heute gibt es in Argentinien trotz wirtschaftlicher Instabilität Einwanderung aus anderen lateinamerikanischen Ländern wie Peru, Bolivien und Uruguay, sowie aus asiatischen Ländern wie Korea und Taiwan (Güida 1993: 21ff).
2.2.4. Sprachliche Besonderheiten
Typisch für das argentinische Spanisch ist der eísmo: [] statt [y]. Teilweise, und vor allem in
den südlicheren Teilen von Buenos Aires, ist die desonorisierte Form, der eísmo, vorherrschend: [] statt [y]. Gleichzeitig ist ein durchgängiger seseo zu finden.
Für das /s/ gibt es unterschiedliche Realisierungen, zum einen als /s/ wie in vas a dejar: /vasadejar/. Zum andern wird, außer in der Region Santiago del Estero, das finale /s/
Arbeit zitieren:
Sarah Pabst, 2009, Cumbia Villera, München, GRIN Verlag GmbH
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