Die Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, beschäftigt Soziologen und Sozialphilosophen seit jeher. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich diese Problematik nicht erledigt: Sozialer Wandel schreitet voran, Gesellschaftsformen lösen sich auf, neue entstehen. Begreift man diesen Prozess im Sinne Parsons, nämlich dass Modernisierung zum Zweck des Zugewinns an Wohlstand als Motor der gesellschaftlichen Veränderung fungiert, so kann vermutet werden, dass einmal ein Sättigungspunkt erreicht wird und kein weiterer Fortschritt mehr möglich ist. Die vorerst letzte Stufe sozialer Evolution findet somit ihren Ausdruck in der Transformation zur postindustriellen Gesellschaft: Die „knowledge society“ als vorläufiger Endpunkt gesellschaftlicher Entwicklung.
Diese zugegeben etwas harsche Behauptung, die vielfach kritisiert wurde als selbstgefällige Affirmation, wir wären schon in der Zukunft angekommen , findet jedoch so viel Beachtung in der sozialwissenschaftlichen Diskussion wie kaum ein anderer Diskurs um konkurrierende Begrifflichkeiten wie Risikogesellschaft, Kommunikationsgesellschaft, Erlebnisgesellschaft oder Multioptionsgesellschaft. Damit wird die zentrale Fragestellung im Hinblick auf die moderne Gesellschaft deutlich: Leben wir tatsächlich in einer Wissensgesellschaft?
Die vorliegende Arbeit wird sich also mit dem Prozess des gesellschaftlichen Wandels zur gegenwärtigen Gesellschaft beschäftigen und versuchen, diese als Wissensgesellschaft zu identifizieren. Es geht dabei im Wesentlichen um den Zusammenhang von Wissen und sozialem Wandel: Welchen Einfluss hat Wissen auf die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Strukturen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Idee von der Wissensgesellschaft
2.1 Bell: Die postindustrielle Gesellschaft
2.2 Stehr: Gesellschaftliche Transformation durch Wissen
3 Das Phänomen Wissen
3.1 Zur Bedeutung von Wissen – Ein Erklärungsversuch
3.2 Die zunehmende Bedeutung des Gutes „Wissen“
4 Leben wir in einer Wissensgesellschaft?
4.1 Die Wissensbasierung der Gesellschaft
4.2 Mensch und Wissen im 21. Jahrhundert
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den soziologischen Wandel zur gegenwärtigen Wissensgesellschaft, indem sie die theoretischen Ansätze von Daniel Bell und Nico Stehr analysiert und kritisch hinterfragt, ob die moderne Gesellschaft tatsächlich als Wissensgesellschaft identifiziert werden kann.
- Theoretische Fundierung der Wissensgesellschaft durch Bell und Stehr
- Definition und systemische Einordnung des Wissensbegriffs
- Analyse der ökonomischen und sozialen Strukturtransformation
- Die Rolle des Individuums als Wissensverwalter und "Unternehmer seiner selbst"
- Kritische Reflexion der Wissensgesellschaft als gesellschaftliches Paradigma
Auszug aus dem Buch
3.1 Zur Bedeutung von Wissen – Ein Erklärungsversuch
Wissen muss zunächst, ganz nüchtern betrachtet und ohne die Beimessung einer bestimmten Bedeutung, in Abgrenzung zu weiteren, oftmals synonym verwendeten Begriffen betrachtet werden. Die Unterscheidung bezieht sich auf die Trias Daten, Informationen und Wissen, die zueinander in einer engen systemischen Beziehung stehen.
Daten sind als nüchterne Zeichen (Buchstaben, Zahlen, Symbole) zu verstehen, [die] durch Beobachtung zustande gekommen und in Zahlenreihen, Texten oder Bildern codiert [sind], ohne eigene Bedeutung [sind] oder Hinweise auf ihre Verwendbarkeit bzw. Brauchbarkeit [geben].31 Daten teilen also von sich aus nichts mit, sie müssen erst in einen Kontext gerückt werden, in dem sie Sinn ergeben. In diesem Moment kann von Informationen gesprochen werden: es wird eine kontextdeterminierte Mitteilung gemacht, gleichsam ein Sachverhalt erklärt. Dabei kommt es stets auf den Rezipienten an, denn Information ist erst das, was einen Informationsträger aus der Sicht des Interpreten relevant macht.32 Es hängt also vom Menschen selbst ab, was er als Information aufnehmen will. Auf diese Weise entsteht Wissen: Indem der Mensch Informationen in seinen Erfahrungskontext, seine Denk-, Gefühls-, Handlungs- und Wollensstruktur aufnimmt, sie auswählt, vergleicht und bewertet und sie mit abgespeichertem Wissen vernetzt, werden Informationen Bestandteil persönlichen Wissens.33
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Prozess des sozialen Wandels und führt die zentrale Forschungsfrage ein, ob die moderne Gesellschaft zutreffend als Wissensgesellschaft bezeichnet werden kann.
2 Die Idee von der Wissensgesellschaft: Dieses Kapitel stellt die theoretischen Grundpfeiler von Daniel Bell zur postindustriellen Gesellschaft sowie die ergänzenden Ansätze von Nico Stehr zur Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Teilbereiche vor.
3 Das Phänomen Wissen: Der Autor nähert sich hier dem Begriff Wissen durch eine systemische Unterscheidung von Daten, Informationen und Wissen und definiert den Stellenwert von Wissen als persönliches Eigentum.
4 Leben wir in einer Wissensgesellschaft?: Dieses Kapitel prüft anhand ökonomischer und sozialer Kriterien, wie die Wissensbasierung die moderne Gesellschaft prägt und welche neuen Anforderungen sich an das Individuum im 21. Jahrhundert stellen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen, reflektiert die kritischen Einwände gegen den Wissensgesellschafts-Begriff und bewertet die Bedeutung des Wandels für die gegenwärtige soziale Struktur.
Schlüsselwörter
Wissensgesellschaft, Wissensbasierung, Postindustrielle Gesellschaft, Daniel Bell, Nico Stehr, Sozialer Wandel, Information, Lebenslanges Lernen, Wissensmanagement, Strukturwandel, Soziologie, Kompetenzanforderungen, Wissensökonomie, Tertiarisierung, Handlungsfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der soziologischen Identifikation der modernen Gesellschaft als Wissensgesellschaft und dem damit einhergehenden sozialen Wandel.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Transformation zur postindustriellen Gesellschaft, die Bedeutung von Wissen als Produktionsfaktor und die veränderte Rolle des Menschen innerhalb dieses Systems.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab zu klären, ob die moderne Gesellschaft tatsächlich als Wissensgesellschaft bezeichnet werden kann und welchen Einfluss Wissen auf die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf den Modellen von Daniel Bell und Nico Stehr basiert und diese durch aktuelle Stellungnahmen und Begriffsdefinitionen erweitert.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von Bell und Stehr erörtert, gefolgt von einer begrifflichen Herleitung des Wissensbegriffs und der Analyse, wie sich die Wissensbasierung in Ökonomie und Gesellschaft manifestiert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe "Wissensbasierung", "postindustrielle Gesellschaft", "sozialer Wandel" und die "Verwaltung des Gutes Wissen".
Wie unterscheidet der Autor zwischen Daten, Informationen und Wissen?
Daten werden als reine Zeichen ohne Bedeutung definiert, Informationen als kontextbezogene Aussagen, während Wissen die individuelle Verarbeitung und Einbindung dieser Informationen in die eigene Handlungsstruktur darstellt.
Warum wird das Individuum als "Unternehmer seiner selbst" bezeichnet?
Durch den gesellschaftlichen Wandel und die steigende Anforderung an Flexibilität muss das Individuum Eigenverantwortung übernehmen und sich ständig an neue Wissensanforderungen anpassen, ähnlich einem unternehmerischen Handeln.
Welche Rolle spielt die "Zerbrechlichkeit" in Stehrs Theorie?
Stehr beschreibt damit, dass moderne Gesellschaften zwar mobiler und flexibler sind, aber durch ihre Abhängigkeit von selbst geschaffenen, wissenbasierten Strukturen gleichzeitig anfälliger für Instabilitäten werden.
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- Eike Christoph Windscheid (Author), 2009, Road to knowlegde society, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152807