1 Einleitung
Bevor ich entfalten möchte, warum dieser große Theologe, Prediger und Denker in zunehmenden Maße Menschen beschäftigt, ja begeistert, möchte ich ein paar nüchterne Fakten über seinen äußeren Lebensweg nennen: Meister Eckhart von Hochheim wurde um 1260 geboren und stammte, wie Martin Luther, aus Thüringen. Seine wichtigen weiteren Lebensstationen waren Köln (erster theologischer Lehrstuhl in Deutschland überhaupt), sowie Straßburg und Paris. Er war Dominikaner und ihm oblag im Laufe seiner Arbeit bald die Leitung mehrerer Ordensprovinzen in Deutschland. Wichtig für das Verständnis von Eckeharts Mentalität ist, dass ihm dabei die geistliche Leitung der Frauenklöster oblag. Dadurch kam er in enge Berührung mit der mystischen Herangehensweise, die seit dem Mittelalter stets eine Domäne der Frauen war. Es hatte sich bei Klosterfrauen eine sehr sinnlich geprägte Richtung entwickelt, die auch unter dem Begriff „Brautmystik“ bekannt wurde. Es mag durchaus eine Rolle spielen, dass die seit jeher von Männern dominierte Kirche schon deshalb in ihm eine gewisse Gefahr sah. Man gestatte ihm später gerade noch, in Klöstern zu predigen, doch bitte nicht zum gemeinen Volk. So wurde ein Prozess wegen Ketzerei gegen ihn eröffnet, der mit dem Ergebnis endete, dass eine größere Zahl von Sätzen -zumindest zunächst- als häretisch bezeichnet wurde. Das Ende dieses großen Lese- und Lebemeisters Eckhart liegt im Dunkeln...Er war über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten und rückte erst im 19. Jahrhundert wieder mehr ins allgemeine Bewusstsein. Dies mag mit der damals beginnenden allgemeinen Öffnung zu anderen Kulturen zusammenhängen. Auch schien mit der sehr ausgeprägten Säkularisierung des Lebens seit der Aufklärung der Wunsch stärker geworden zu sein, die verborgene nicht-rationale Seite des Lebens nicht länger zu übergehen. Eckhart, der gelegentlich auch Eckehart geschrieben wird, entwickelte eine Lehre und Lebenshaltung, die Zugänge von verschiedenen Religionen und Philosophien her erlaubt. Diese Abhandlung wird daher durchaus nicht im „Theologischen“ verbleiben. Wenn ein umfassender Wahrheitsanspruch gestellt wird, muss sich ein universaler Geist auch dem Feld der Philosophie stellen. Hierbei ist allerdings eine nah am Leben orientierte Denkweise gemeint, keine Katheder-Philosophie. Und dass Eckhart dieser mehrfache Brückenbau zu gelingen scheint, das hat der österreichische Kulturhistoriker Egon Friedell so bestätigt: Meister Eckhart ist einer der universellsten Köpfe, die Deutschland hervorgebracht hat. Er war ein kristallklarer Denker und Dichter von unvergleichlicher Wucht, Plastik und Originalität der Bildsprache- er war ein religiöses Genie. -Einführungstext bei Diogenes, DPT- Diebleibende Nachfrage und spirituelle Unruhe, die Meister Eckhart heute erzeugt, hat offensichtlich etwas mit ihm selbst und mit seiner Brücke zwischen Wissenschaftlichkeit bzw. Intellektualität und faszinierender Wegweisung in den herzgetönten Predigten zu tun. Offenbar taucht das Bedürfnis nach Mystik in den Schwellenzeiten, an den gefährlichen, aber auch spannenden Übergangsstellen der Kultur- und Kirchengeschichte auf. In einer solchen Zeit befinden wir uns wohl heute wie eben auch Eckhart in seiner Zeit.
2 Vorbereitende Klärung des Gottesbildes und Hinführung zu
Meister Eckharts Lehre
Gott ist in diesem Verständnis nicht gut und nicht gerecht, nicht vollkommen und nicht allmächtig, Gott ist nicht Vater und nicht Mutter, nicht Geist und nicht Person. Eine solche Feststellung ist für viele Christinnen und Christen verstörend - und doch ist es im Kern eine jüdische, christliche und muslimische Grundposition.
2
Es geht im Folgenden also nicht um eine esoterische Lehre oder theologische Spitzfindigkeiten. Die grundlegende Erkenntnis steht vielmehr am Ausgangspunkt, dass jede Rede von Gott letztlich unangemessen ist: ER entzieht sich unvermeidlich all unseren Vorstellungen und all unseren Versuchen, ihn zu begreifen. »Wenn du begreifst, ist es nicht Gott«, formulierte der Kirchenlehrer Augustinus knapp. Gott lässt sich eben nicht begreifen. Wer meint, ihn verstanden zu haben, kann gewiss sein: Gott ist es nicht. Hier berühren wir einen Ansatz, der in unseren Zeiten als Negative Theologie bekannt wurde.
Aber bekennen nicht Juden, Christen und Muslime Gott als den allmächtigen Schöpfer? Glauben Christen nicht an den dreieinigen Gott, an Vater, Sohn und Geist? Ja, aber für alle diese Bekenntnisse gilt, woran der Theologe Karl Rahner in seinem letzten Vortrag erinnerte: »Wir reden von Gott, von seiner Existenz, von seiner Persönlichkeit, von drei Personen in Gott ... Aber bei diesem Reden vergessen wir dann meistens, dass eine solche Zusage immer nur dann einigermaßen legitim von Gott ausgesprochen werden kann, wenn wir sie gleichzeitig auch immer wieder zurücknehmen, die unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzigen festen Punkt unseres Erkennens aushalten ...«
(Rahner, Schriften IX, Einsiedeln 1970, 114).
Vielleicht bringt Dionysius Areopagita, ein anerkannter Kirchenlehrer, den Eckhart schätzte und oft zitierte, ein weiter erhellendes Zitat zu dieser schwierigen Materie: Mein Freund, wenn du dich mit Mit der mystischen Schau beschäftigst, dann lasse alles hinter dir zurück, alles, was wahrgenommen und gedacht wird, alles, was ist und was nicht ist, und brich auf, um eins zu werden mit dem, was mehr ist als alles Sein und Erkennen. Mühlstedt. S.1
Wir wollen nun gleich die Sprachkraft Eckharts erklingen lassen und eben dieses Zentrum seiner Lehre als Vision ausgedrückt hören.
Das ist das allerbeste Werk, das man vollbringen kann: dass man sich hinrichte (!) und ausrichte auf die Vereinigung mit dem gegenwärtigen Gott und auf sie warte mit Fleiß. Das ist das Allerbeste: m i t G o t t e i n s w e r d e n. KOS, S.133 In seinem Buch „Weltengeheimnis“ beschreibt Karl Jellinek den Vorgang der Einswerdung im Sprachbild der Bergwanderung, die dem Gipfel der Einheit entgegenstrebt. Es wird nicht zufällig in einer Abhandlung über den Meister aus Hochheim angeführt:
Es lässt sich wohl auch sagen, dass Menschen Wanderern vergleichbar sind, die einen hohen Berg erklimmen, auf dessen Gipfel die Gralsburg erglüht. Am Fuße des Berges und in den unteren Regionen ist die Aussicht vielfach beschränkt, und je nach dem Standpunkt des Wanderers ist sie eine verschiedene. Je höher die Wanderer hinaufklimmen, desto größer, klarer, einheitlicher und freier wird die Aussicht. Von Mystikern sagt man, sie haben diesen Gipfel erreicht. Er sieht in Wahrheit. In ihm ist das titanische Denken erwacht, ist der geistige Riese, der in jedem von uns schlummert, aufgestanden, ist der göttliche Funke zur hell lodernden Flamme erwacht, hat das kosmische Erleben eingesetzt. Zitiert bei K.O. Schmidt, in Dir ist das Licht, S. 194
3
Wir wollen das genaue Verhältnis von Gott und Mensch in diesem Geiste noch näher betrachten: Der spätere Eckhart-Schüler Cusanus, der sogar in höchste Kirchenämter aufstieg, umschreibt dieses so:
Das Menschenwesen umfasst in menschlich beschränkter Weise das ganze All. Der Mensch ist Gott, jedoch nicht absolut, weil er Mensch ist. Er ist also ein menschlicher Gott. Der Mensch ist auch der Kosmos, aber nicht das konkrete Universum, weil er Mensch ist. So umfasst die Region des Menschlichen Gott und die gesamte Welt in ihrer menschlichen Weise. Cusanus, S. 154
In fast noch höhere Höhen philosophisch-theologischen Formulierens führt nun das Original-Zitat, bei dem das Verhältnis Gottes zu höchstem Wissen und dem Sein an sich skizziert wird:
Sage ich weiter von der Gottheit: Gott ist weise, so ist das auch nicht die Wahrheit. Sage ich ferner: Gott ist etwas S e i e n d e s , so ist auch das nicht wahr; vielmehr ist die Gottheit ein ü b e r s e i e n d e s N i c h t - S e i n. KOS, S. 191
Ein wichtiges Bindeglied ist an dieser Stelle, wo die Nähe Gott- Mensch sehr betrachtet wird, die Übertragung des alten griechischen Ziels der Philosophie: „Erkenne Dich selbst“ mit dem Nachsatz zu verstärken: denn dann erkennst Du auch, was Gott ist oder eben nicht ist! Kreisen wir noch ein wenig weiter um diesen Kern der mystischen Schau: Es ist offenbar eine Art geistiger Tiefenblick notwendig, um ihn zu verstehen. E. sieht alle Vielfalt des Seins im all-unendlichen Sein aufgehoben und zu Einem verschmolzen. Er steuert eine „Geburt des Wortes“ an in der Erfahrung und Überzeugung, dass der Wesenskern der menschlichen Seele und Gott irgendwie von gleicher Art sein müsse. Mensch und Gott sind in einer, im letzten Kern nicht ausdrückbaren Weise, einander verbunden, ja, es besteht das Ziel, dass sie zur Einheit verschmelzen. -DPT 22- Andiesem zentralen Punkt seiner Lehre wird bereits deutlich, dass die kirchliche Seite ihre erheblichen Schwierigkeiten mit ihm haben musste. Hier wird der fundamentale Abstand zwischen Gott und Mensch, den die Kirchenlehre betont, auf eine zudem für Manche schwer verständliche Weise erheblich verringert. So ist der Vorwurf der Vergottung des Menschen in dieser Lehre von Vielen außerhalb und innerhalb des kirchlichen Milieus häufig zu hören. Doch letztlich dürfte es sich bei dieser Kritik um ein Missverständnis handeln. Davon wird später noch zu reden sein.
2.1 Wie nähern wir uns der Sphäre dieses speziellen Zugangs zu Gott nach
Eckhart?
Die Techniken von Meditation und Stille-Werden, im Hier- und -Jetzt-Sein, helfen uns auf dem Weg in diese Höhenluft. Im Blicke sollten wir vor allem den Abbau unseres Egos aus Fleisch und Blut haben. In dem Maße, wo wir quasi als individuelle Person „abnehmen“, kann das Göttliche in uns zunehmen, übernehmen die rein geistigen Seelenkräfte die Oberhand. Und so kann auch ein Bibelsatz von Johannes dem Täufer im neuen Lichte verstanden werden. Über Jesus sagte er: “Er darf zunehmen, ich aber muss abnehmen.“ Die äußeren Türen, so heißt es an anderer Stelle, müssen geschlossen werden, damit sich die inneren Türen öffnen können. Es handele sich allerdings hier um keine Vorstellung von Gott, sondern um „Gott selbst“. Darauf wollen wir später noch genauer eingehen. Vielleicht würde man modern-sprachlich auch von einem erweiterten Bewusstsein sprechen, das Voraussetzung für diese Zugänge ist.
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2.2 Was macht sein Verständnis vom Christentum „existenziell“?
Eckehart ist in einem ganz wichtigen Punkt kein üblicher christlicher Theologe: Jener vollzieht aus seiner Sicht wohl eine Entkoppelung der Wahrheit von ihrem Subjekt. So entsteht dort ein „gedachter Gott“, der nun ganz notwendig nur über eine „Erlösungslehre“ erklärt und verstanden werden kann. Es könnte ein wichtiges Ziel der Rückbesinnung auf Meister Eckhart sein, dem heutigen Christentum wieder den Rang einer Lebensform zurückzugeben. Das Christentum als Lebenslehre aufzufassen war wohl durch die Jahrhunderte lediglich als eine Unterströmung einiger „Stiller im Lande“ erkennbar. (K.O. Schmidt erwähnt speziell die sog. Gottesfreunde, die über Jahrhunderte den Weg stillen, unauffälligen Wirkens gingen.) Sollten wir vielleicht in der oft allzu lärmenden, weltlich geprägten Jetztzeit wieder mehr auf solche Ansinnen zu Stille und Transzendenz hören? Ebenfalls bedeutsam ist die Rolle, die Christus im Verständnis des Thüringer Meisters einnimmt. Sie kann als „christologisch“ bezeichnet werden; die Bibel etwa dreht sich letztlich ausschließlich um die Gestalt des Gottessohnes, der aber im Kern wohl uns nur vorausgegangen scheint. Letztlich können wir durchaus zu einer vergleichbaren Form der Gotteskindschaft gelangen. Dabei greift auch ein universeller Aspekt bei seiner Sicht des Nazareners: Eckhart sagt an einer Stelle, Christus sei „für alle und alles“ gekommen. Sein Anspruch sei nicht der eines „konfessionellen“ Heilsbringers, der nur seiner auf ihn geeichten Anhängerschaft etwas zu sagen habe.
2.3 Eckharts Haltung zum Denkprozess
In unserm allgemein-üblichen Verständnis dient Denken allein der Reflexion. In der Sicht von Philosophen wie Eckhart jedoch wird die Ebene der Intuition mit hineingenommen, was im anderen Zusammenhang auch gerne als „Herzdenken“ oder „Herzensbildung“ bezeichnet wird. Manche bezeichnen auch die Intuition als die „irrationale“ Komponente des Erkennens. Anders ausgedrückt: Sinnlichkeit wird hier als Weg der Wahrheitsfindung mit einbezogen. Joseph Beuys hat hier von einer höheren Form des Denkens gesprochen, die ihm als Künstler über die kreativen Eingebungen existenziell vertraut war. Denken dient also mit den anderen Zugangswegen als eine Art Organ der Wahrnehmung. Ernst von Bracken meint in seinem Eckehart-Buch, dass der islamische Denker Avicenna jenen eckehartschen Aspekt sehr gut formuliert hat. Ich möchte ihn hier mit eigenen Worten zusammenfassen: Avicenna kann als der Typus eines Mystikers angesprochen werden, der das Erlebnis der Intuition eingehend beschreibt. Der Begriff der „praeparatio“ ist dafür bezeichnend; er ist das Gegenbild zum aristotelischen Schlussverfahren. Während sich bei diesem der Schluss mit logischer Notwendigkeit aus den Prämissen ergibt, gesteht der Mystiker diesem Vorgang lediglich den Charakter eines ungewissen, ruhelosen Suchens zu, das den Boden bereite, auf den der Blitz der Intuition unvermutet und unberechenbar niedergeht. Ich möchte zur Verdeutlichung ein Bild verwenden: Logische Schlussfolgerungen und denkerisches Grübeln, um etwas zu „erkennen“, sind in dieser Sichtweise nicht mehr als das Lockern und das Graben im Boden, in den der Same der Intuition dann besser hineinfallen und Frucht bringen kann.
Um diesen wichtigen Gedanken noch fokussierter darzustellen: Hier ist die fließende Grenzregion des „Wahr-Nehmens“ berührt, bei der die Vernunft allmählich zur menschlichen Form der Intuition wird.
Doch bei aller Bedeutung des Denkens betont er auch dessen Grenzen, wenn es lediglich in der Ebene der Theoriebildung und Lehrmeinung verbleibt.
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Arbeit zitieren:
Hellmut Bölling, 2010, "Der Funken im Urgrund der Seele" - Zum 750. Geburtstag von Meister Eckehart, München, GRIN Verlag GmbH
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