Inhalt
Abk ürzungsverzeichnis 3
Vorbemerkung................................................................................................................. 4
1. Einleitung. 6
Teil 1. 7
2. Begriffsklärung und Forschungsstand. 7
2.1 Begriffsklärung 7
2.2 Forschungsstand. 10
3. Armut und Unterentwicklung in Entwicklungsländern. 10
3.1 Armut ein Definitionsversuch. 10
3.2 Merkmale und strukturelle Probleme der Entwicklungsländer. 15
3.3 Ursachen der Unterentwicklung und der Armut. 16
4. Neuere Theorien der Entwicklungspolitik 18
4.1 Theorieentwicklung: Von den Klassikern zu den neueren Theorien. 19
4.1.1 Die Klassiker: Smith, Marx und Keynes 19
4.1.2 Neuere Entwicklungstheorien: Modernisierungstheorien,
Dependenztheorie und Institutionenökonomik. 21
5. Verschiedene Entwicklungsstrategien 26
5.1 Endogene wachstumsorientierte Entwicklungsstrategien. 28
5.1.1 Strategie des gleichgewichtigen Wachstums 28
5.1.2 Strategie des ungleichgewichtigen )Wachstums 29
5.2 Exogene Dissoziationsstrategie (Abkopplungsstrategie) 30
5.3 Grundbedürfnisstrategie und das Recht auf Entwicklung. 31
5.4 Die Vier Dekaden der Entwicklungspolitik 33
5.4.1 1960er Jahre: Entwicklung durch Wachstum 34
5.4.2 1970er Jahre: Die Grundbedürfnisstrategie 35
5.4.3 1980er Jahre: Die neo-liberale Schocktherapie 35
5.4.4 1990er Jahre: Die Jahre der UN-Konferenzen 36
Teil 2. 37
6. Aktuelle konträre Ansätze in der Entwicklungspolitik. 37
6.1 Big Push und Big Trap 38
6.1.1 Der Gedanke des Big Push. 38
6.1.2 Wo ist Afrika? In der „Armutsfalle“ oder am Wendepunkt? 40
6.2 Jeffrey Sachs und die Millennium Development Goals 42
6.2.1 Jeffrey Sachs: Klinische Ökonomik 42
6.2.2 Die Millennium Development Goals -
Leitlinien für die internationalen Entwicklungspolitik. 43
6.3 William Easterly: Ordnungspolitischer Ansatz 46
7. Vergleich der unterschiedlichen Ansätze und Bewertung 49
7.1 Gegenüberstellung der kontrovers diskutierten Ansätze 49
7.2 Überprüfung der Anwendbarkeit des Ansatzes von Sachs 51
7.3. William Easterly - Bewertung eines theoretischen Ansatzes 56
8. Neubelebung alter Theorien und Rahmenbedingungen für eine neue
erfolgreiche Entwicklungspolitik. 62
8.1 Die Grundüberzeugungen hinter den Ansätzen 62
8.2 Anforderungen für einen neuen entwicklungspolitischen Ansatz. 66
9. Konklusion. 68
Anhang 70
Quellenverzeichnis 75
2
Abkürzungsverzeichnis
APEC AU BMZ BIP
BSP CfA DAC DIE EL EP EU EZ G8-Länder
GATT
GDI
GTZ HWWI IB IL ILO IMF IPÖ IWF KKP KfW KMU LICs LDCs MDGs MERCOSUR NAFTA NEPAD NIC NGO
ODA
OECD
SILIC
TED Conference TZ UN UNDP UNMP
3
Vorbemerkung
In der vorliegenden Master Arbeit werden unter anderem die aktuellen entwicklungspolitischen Ansätze in Bezug auf das subsaharische Afrika bewertet. Andere Entwicklungsländer, die nicht zu den 48 Ländern des subsaharischen Afrikas gehören, werden nicht be-handelt. Mit dem Begriff „Afrika“ sind im Folgenden also jene 48 Länder gemeint. Unter den westlichen Ländern werden im Folgenden allgemein die industrialisierten Länder der nördlichen Hemisphären verstanden.
Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird die Grundlage für die anschließende Darstellung, den Vergleich und die abschließenden Bewertung der neueren aktuell diskutierten Ansätze gelegt. Dadurch ist insbesondere der erste Teil eher grundlegender Natur. Die unterschiedlichen Entwicklungstheorien und -strategien sind bestimmten Dekaden zuzuordnen, sie basieren auf den jeweils verschiedene Konzepten über die Ursachen von Armut. Deshalb wird zunächst der Begriff der Armut ausführlicher skizziert. Danach werden die Entwicklungstheorien und -strategien dargestellt. Im Anschluss daran beginnt der zweite Teil mit der Vorstellung der beiden unterschiedlichen Ansätze von Jeffrey Sachs und William Easterly. Danach werden diese miteinander verglichen und bewertet. Abschließend wird der Frage nachgegangen, welche theoretischen Überlegungen den neueren Konzepten zu Grunde liegen, um zum Schluss Kriterien für einen erfolgreichen Ansatz liefern zu können.
Wegen der Fülle und Komplexität des Themengebiets können manche Tatsachen nur angeschnitten werden, andere bleiben allgemein und undifferenziert. Der Fokus liegt vor allem auf der Bewertung internationaler entwicklungspolitischer Ansätze. Spezifisch nationale und regionale Programme sowie die Arbeiten der Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) werden nicht berücksichtigt. Ziel dieser Master Arbeit ist es, ein größeres Verständnis für die Vorgehensweisen der aktuell diskutierten und praktizierten Ansätze zu bekommen, um diese bewerten zu können.
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1. Einleitung
Am 12. Februar 1980 legte Willy Brandt, damaliger Leiter der Nord-Süd-Kommission der United Nations (UN), dem UN-Generalsekretär einen Bericht 1 mit dem Titel „Das Überleben sichern“ vor. Heute, 30 Jahre später, ist der Titel aktueller denn je: Die Weltwirtschaftskrise trifft nicht nur die Industrieländer, sondern insbesondere auch die ärmsten Länder dieser Welt; anders als die wohlhabenden Nationen haben sie wenig finanziellen Spielraum, um sich vor den Folgen zu schützen. Nach Schätzungen der Weltbank breitet sich die Armut in den rund 60 besonders armen Staaten der Erde so schnell aus, dass ca. 400.000 Kinder „zusätzlich ihren fünften Geburtstag nicht mehr erleben können.“ 2 Entwicklungsökonomen prognostizieren nicht nur eine rasante Erhöhung der Kindersterblichkeit, sondern auch eine enorme Zunahme sozialer Unruhen. Experten und Politiker warnen vor zivilen Unruhen, welche sogar in Kriegen enden könnten und das, obwohl die Mitglieder der (Organisation for Economic Co-operation and Development) mehr als 100 Mrd. Euro für Entwicklungszusammenarbeit jährlich ausgeben. 3 Hat die Entwicklungspolitik der westlichen Länder also versagt? Über die Antwort streiten nicht nur Vertreter von internationalen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und politisch Verant-wortlichen, sondern zunehmend eine breite Öffentlichkeit in den westlichen Ländern, aber auch in den Entwicklungsländern selbst.
Vereinfacht kann man aktuell (etwa seit dem Jahr 2000) von zwei konträren Hauptströmungen sprechen, die unter den Schlagwörtern ODAPlus und Homegrown Development zusammengefasst werden können. Die Anhänger des ODAPlus Ansatzes fordern einen Big Push - eine massive Erhöhung der finanziellen Mittel der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (ODA: Official Development Assistance). Bekanntester Vertreter dieses Ansatzes ist Jeffrey Sachs. Er ist Direktor des Earth Institute an der Columbia Universität in New York, wo er zugleich auch Professor für nachhaltige Entwicklung, Gesundheitspolitik und Gesundheitsmanagement ist. Als Sonderberater arbeitet er für die Vereinten Nationen. 4 Die Anhänger des Homegrown Development Ansatzes lehnen hingegen einen Big Push kategorisch ab und fordern stattdessen das Ende der Entwicklungshilfe in Form von hohen finanziellen Zuwendungen. Die Meinungen divergieren dabei zwischen der Streichung jeglicher finanzieller Hilfe bis zu deren Gewährung, sofern die Rahmenbedingungen vor Ort stimmen. Diese Sichtweise vertritt z.B. William Easterly. Er ist Professor für Ökonomie und Afrikastudien an der New York Universität und leitet dort das Development Research Institute.
1 Auch bekannt als Brandt-Bericht.
2 Vgl. Fischermann (2009).
3 Vgl. Anmerkung der OECD (2009): Das sind mehr als 90 Prozent der aus öffentlichen Mitteln finanzierten Entwicklungshilfe weltweit.
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Beide Ansätze haben ihre Befürworter: Easterlys Ansatz stößt vor allem bei afrikanischen Wirtschaftsexperten wie dem Kenianer James Shikwati oder der aus Sambia stammenden Dambisa Moyo auf große Resonanz. Aber auch westlichen Regierungsvertretern, denen ein radikaler Sparkurs verordnet wurde, kommen die Argumente gegen einen Big-Push-Ansatz sehr entgegen. Befürworter einer massiven Erhöhung der ODAs finden sich vor allem bei der UN und Vertretern der Mitgliedsstaaten.
Die beiden Ansätze schließen sich nicht völlig aus. Die Vertreter der ODAPlus Strategie fordern selbstverständlich auch eine Verbesserung der Regierungsführung, jedoch nicht als zwingende Voraussetzung für die Erhöhung der ODA. Gleichzeitig lehnen die meisten Vertreter der Homegrown Development Strategie Entwicklungshilfe in Form von Kapitalzuwendungen nicht generell ab. Jedoch sind die Herangehensweisen beider Ansätze und die Überzeugungen dahinter völlig unterschiedlich. So drängt sich die Frage auf, welcher Ansatz der „richtige“ ist und auf welchem Nährboden (Entwicklungstheorie) sich der jeweilige Ansatz gründet.
Teil 1
2. Begriffsklärung und Forschungsstand
2.1 Begriffsklärung
Es gibt eine Fülle an Definitionen zum Themenbereich Entwicklungspolitik, eine Klärung der Begriffe ist zur besseren Orientierung daher unerlässlich. Deshalb werden in diesem Kapitel die wichtigsten Terminologien definiert und, wo notwendig, in Verbindung gebracht. Der Begriff der Armut wird im Kapitel 3 gesondert behandelt.
Einer der markanten Begriffe in der Entwicklungspolitik ist Entwicklung selbst. Er tritt nicht nur in zusammengesetzten Substantiven auf (Entwicklungs -hilfe, -politik,zusammenarbeit, -strategien, -ziele), sondern spielt auch für sich genommen eine große Rolle. Der Begriff Entwicklung ist ein Begriff der Industrieländer und Menschen in den betroffenen Ländern können oft wenig mit dem Terminus Entwicklung anfangen. So berichtet Bertrand Schneider (1995), dass laut einer Umfrage unter Dorfbewohnern in Lateinamerika, Asien und Afrika noch in den 1970er Jahren kaum jemand etwas mit dem Wort Entwicklung anfangen konnte. Eine junge Frau aus Kamerun hat auf die Frage, was sie unter Entwicklung verstehe, wie folgt geantwortet: „Entwicklung, das weiß ich nicht, was das ist. Aber ich weiß, in welcher Gesellschaft ich leben und meine Kinder erziehen möch-
4Seit Sachs Berater bei den Vereinten Nationen und mitverantwortlich für das Millennium Development Project ist, wurde Sachs noch bekannter und einflussreicher als zuvor. Zusammen mit seinem Team arbeitet er an der Konkretisierung der Millennium Development Goals. Siehe auch Sachs (2005b).
7
te.“ 5 Dieter Nohlen (1998) definiert Entwicklung als „eigenständige Entfaltung der Produktivkräfte zur Versorgung der gesamten Gesellschaft mit lebensnotwendigen materiellen sowie lebenswerten kulturellen Gütern und Dienstleistungen im Rahmen einer sozialen und politischen Ordnung, die allen Gesellschaftsmitgliedern Chancengleichheit gewährt, sie an politischen Entscheidungen mitwirken und am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand teilhaben lässt.“ 6 Beim Begriff Entwicklung geht es demnach nicht nur um das ökonomische Wachstum eines Landes, z.B. im Hinblick auf die Nahrungsmittelversorgung oder den technologischen Fortschritt, sondern er ist umfassender: Der Mensch bildet das Zentrum dieser Anschauung; es geht um alle Dimensionen, um seine Würde, um seine Rechte und um seine Fähigkeiten wie Kreativität oder Entscheidungsfreiheit. Eine quantitative sowie qualitative Betrachtung von Entwicklung gehören zusammen und bilden die zwei Seiten der Medaille Entwicklung.
Unterentwicklung ist folglich, vereinfacht gesagt, das Gegenteil von Entwicklung und damit ein Nichtvorhandensein der beschriebenen Inhalte von Entwicklung. Der Begriff selbst ist problematisch, da er in Verbindung mit Rückständigkeit und Mangel häufig abwertend gebraucht wird. Folglich könnte es nahe liegen, den Begriff Unterentwicklung durch Armut ersetzen zu wollen. Doch nach Frank Nuscheler besteht ein entscheidender Unterschied in der Bedeutung der beiden Termini Unterentwicklung und Armut: „Unterentwicklung ist ein Strukturproblem, Armut eine Folgeerscheinung.“ 7 In der vorliegenden Arbeit wurde die Definition von Unterentwicklung nach Franz Nuscheler gewählt. Er definiert den Begriff folgendermaßen: „Unterentwicklung ist die unzureichende Fähigkeit von Gesellschaften, die eigene Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und lebenswichtigen Dienstleistungen zu versorgen.“ 8 Es herrscht demnach eine doppelte Nicht-Befriedigung: Eine Nicht-Befriedigung von Grundbedürfnissen (basic needs oder first-floor needs) und eine Nicht-Befriedigung der gesellschaftlich-kulturellen Bedürfnisse (basic human needs oder second-floor needs). Entwicklungspolitik hat deshalb zum Ziel, die Unterentwicklung in den betroffenen Ländern zu minimieren, wenn möglich sogar zu beseitigen. In Deutsch-land ist Entwicklungspolitik aktive Außenpolitik mit den Zielen Armutsbekämpfung, Befriedigung der Grundbedürfnisse, Wirtschaftsförderung und in jüngster Zeit auch Friedenssicherung, Konflikt- bzw. Terrorprävention sowie die Reduzierung der Umweltverschmutzung. Neben diesen hehren Zielen, welche vielen westlichen Ländern gemein sind, wird Entwicklungspolitik leider auch allzu oft missbraucht, indem die individuelle Herrschaftsstabilisierung und die persönliche Bereicherung auf die Plätze der Armutsbekämpfung und Wohlstandsförderung der Entwicklungsländer rücken. 9
5 Schneider (1995), S. 80.
6 Nohlen (1998), S. 218.
7 Nuscheler (2004),S. 186.
8 Nuscheler (2004), S. 186.
9 Vgl. dazu auch Scholz (2006), S. 13.
8
Nach Dieter Nohlen ist unter Entwicklungspolitik „die Summe aller Mittel und Maßnahmen zu verstehen, die von Entwicklungsländern und Industrieländern eingesetzt und ergriffen werden, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Entwicklungsländer zu fördern, das heißt die Lebensbedingungen der Bevölkerung in den Entwicklungsländern zu verbessern.“ 10 Damit ist klar, dass Entwicklungspolitik mehr als nur Entwicklungszusammenarbeit oder der umgangssprachliche Begriff Entwicklungshilfe ist. Oftmals wird in der Literatur auch der Begriff der Nord-Süd-Politik anstelle von Entwicklungspolitik verwendet. Der Begriff ist jedoch irreführend, da er suggeriert, dass der Norden den Süden entwickelt. Oder etwas zugespitzter formuliert: Aus der Kolonialvergangenheit wird eine koloniale Gegenwart. Die Geberländer sind die belehrenden und die Empfängerländer die belehrten Staaten. Aufgrund dieser Problematik wird auf den Begriff der Nord-Süd-Politik verzichtet und konsequent der Begriff der Entwicklungspolitik gebraucht.
Die Inhalte der Entwicklungspolitik variieren je nach den Interessen der Akteure. Allgemein können jedoch in Anlehnung an Franz Nuscheler vier Zieldimensionen von Entwicklungspolitik unterschieden werden: 1. Die Zieldimension der sozialen Gerechtigkeit, die zum Ziel hat, armutsminderende Rahmenbedingungen und einen sozialen Ausgleich zu schaffen. 2. Die Zieldimension der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, die ein armenorientiertes Wachstum und die wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken soll. 3. Die Zieldimension der politischen Stabilität, die die Gewährleistung von Frieden, Menschenrechten, Demokratie und Gleichberechtigung zum Inhalt hat. 4. Die Zieldimension eines ökologischen Gleichgewichts, bei dem es um das Bewahren der natürlichen Ressourcen als Lebensgrundlage geht. 11
Die Wege zur Realisierung der Zieldimensionen sind verschieden, denn sie werden durch die jeweils gewählte Strategie bestimmt.
Die Entwicklungsstrategien sind die politischen Instrumente der Entwicklungspolitik zur Erreichung der jeweiligen Entwicklungsziele. Die Beantwortung der Frage nach den Gründen der Unterentwicklung ist Aufgabe der Entwicklungstheorien. Da auch hier keine Lehrmeinung die Zustimmung aller Richtungen findet und als allgemeingültig erklärt werden könnte, ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Entwicklungstheorien entstanden. Im Fokus dieser Arbeit stehen die Theorien, die die Bereiche Wirtschaft und Politik in Zusammenhang bringen, da die für diese Arbeit gewählten neueren Ansätze entwicklungsökonomischer Natur sind. Hier wird der Bogen zur Internationalen Politischen Ökonomik (IPÖ) geschlagen, die sich mit der Beziehung zwischen Politik und Wirtschaft, also zwischen Staaten und Märkten beschäftigt. Anders formuliert geht es im Kern der IPÖ um
10 Nohlen (2000), S. 224.
11 Vgl. Nuscheler (2004), S. 76.
9
Wohlstand und Armut und darum, wer was im internationalen System bekommt. 12 Sowohl die Entwicklungsstrategien als auch die Entwicklungstheorien werden im weiteren Verlauf noch detaillierter behandelt.
2.2 Forschungsstand
Die aktuelle entwicklungspolitische Forschung beschäftigt sich hauptsächlich mit der rein ökonomischen Analyse beider Hauptströmungen: Big Push - Ja oder Nein? Auch in der vorliegenden Abhandlung werden die Argumente dafür bzw. dagegen bewertet. Aber es wird noch einen Schritt weiter gegangen, indem nicht nur die unterschiedlichen Strategien beleuchtet werden, sondern auch der Frage erörtert wird, aus welcher Theorie die beiden Ansätze gespeist werden. Dieser Ansatz ist neu. Dadurch wird ein wichtiger entwicklungspolitischer Beitrag für die aktuelle Diskussionen in der Entwicklungspolitik geleistet.
3. Armut und Unterentwicklung in Entwicklungsländern
3.1 Armut; ein Definitionsversuch
Mahatma Gandhi sagte einmal: „Die Armut ist die fürchterlichste Form der Gewalt.“ Über fünfzig Jahre später formuliert es der Friedensnobelpreisträger Yunus Muhammad ähnlich. Er sieht den Weltfrieden durch die Armut bedroht, da sie eine wesentliche Triebkraft für Kriege darstelle. 13 Dem Kernauftrag der Entwicklungspolitik die Armut in der Welt zu mindern, stimmen die entwicklungspolitischen Protagonisten weltweit zu. Uneinigkeit herrscht jedoch hinsichtlich der Definition von Armut im historischen Verlauf, was sich in der Herausbildung unterschiedlicher Entwicklungstheorien niedergeschlagen hat. 14 Die Unterscheidung in relative und absolute Armut galt in den vergangenen Jahren als kleinster gemeinsamer Nenner. Dabei versteht man unter relativer Armut die Lebenslage von Bevölkerungsgruppen, die im Verhältnis zum allgemeinen Wohlstandsniveau am unteren Ende der Einkommens- und Wohlstandspyramide leben. Die relative Armut berücksichtigt das gesellschaftliche Umfeld und setzt Armut in Bezug zum Einkommen anderer Mitglieder einer Gesellschaft. 15 Absolute Armut hingegen ist die ungenügende Versorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen und die mangelnde Teilhabe an Gütern, die das Leben lebenswert machen. 16 Der Begriff der absoluten Armut geht auf die berühmte Nairobi-Rede des damaligen Weltbankpräsidenten Robert McNamara im Jahr 1973 zurück. Folgende Definition wurde von der Weltbank für absolute (extreme) Armut festgelegt: „Als absolut arm gelten alle Personen, die gemäß ihrer Kaufkraftparität (KKP) mit
12 Siehe Schirm (2007), S. 9 und S. 15.
13 Vgl. Yunus (2008) Kapitel 10: Risiken des Wohlstands, S. 245ff.
14 Siehe dazu auch Kapitel 4 und 5.
15 Vgl. Nuscheler (2004), S. 144.
16 Vgl. Nuscheler (2004), S. 146.
10
weniger als einem bestimmten US-Dollarwert am Tag auskommen müssen.“ 17 Oftmals wurde in der Vergangenheit von Armut nur im materiellen Sinne gesprochen. So beispielsweise in der Definition des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Jahr 2001: „Menschen sind arm, wenn sie nicht über das Minimum an monetärem und nicht-monetärem Einkommen verfügen, welches zur Deckung des Nahrungsmittelbedarfs und zur Befriedigung der übrigen Grundbedürfnisse erforderlich ist.“ 18 Auch die Weltbank sah im Fehlen materieller Ressourcen den Kern der Armut. 19 Eine „Erweiterung“ des Armutsbegriffs setzte vor allem mit den Arbeiten von Armatya Sen in den Achtzigerjahren ein; Armut wurde hier nicht länger als Zustand, sondern als Prozess verstanden. Sen untersuchte anhand der drei Merkmale Verfügungsrechte, Chancen und Fähigkeiten das Armutsphänomen. Daraus ergab sich für ihn folgende Definition von Entwicklung: „Expanding the capabilities of people (…) that is the substantive freedom he or she enjoys to lead the kind of life he or she values.“ 20 Die Weltbank nahm seinen Ansatz in ihrer Studie „Voices Of The Poor“ auf. Im Rahmen dieser Studie aus dem Jahr 2000 wurden über 60.000 Menschen, die in extremer Armut lebten, danach gefragt, was für sie Armut sei. 21 Das Resultat waren fünf Schlüsselerkenntnisse darüber, was für die Betroffenen Armut in ihrem täglichen Leben bedeutet:
1. Armut ist vielschichtig: Anhaltende Armut ist mit einem Netzwerk immer wiederkehrender Faktoren verbunden. Nicht nur der Mangel an Hunger, sondern auch sich der daraus ergebene Mangel beispielsweise an Gesundheit zeichnet Armut aus.
2. Staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut waren weitgehend wirkungslos: Die Armen erkennen die Rolle des Staates bei der Entwicklung von Infrastrukturen, Gesundheitsversorgung und Bildungseinrichtungen durchaus an, sind jedoch der Ansicht, dass diese Maßnahmen viel weiter gehen müssten. 3. Korruption und Misstrauen treten als wesentliche Probleme der Armut hervor: Arme Menschen misstrauen oftmals den Vertretern ihrer jeweiligen Regierungen und fühlen sich ihnen gegenüber machtlos.
4. Familien leiden unter den Belastungen der Armut: Männer fühlen sich oft als "Versager", wenn es ihnen nicht gelingt, unter den schwierigen wirtschaftlichen Umständen ein angemessenes Einkommen nach Hause zu bringen. Familiäre Gewalt und Alkoholismus ist leider viel zu oft die Folge von Armut. 5. Sozialer Zusammenhalt, die einzige "Versicherung" der Armen, löst sich auf: Der soziale Zusammenhalt — auf Gegenseitigkeit und Vertrauen begründete Bande,
17 Vgl. Weltbank (2010).
18 Vgl. BMZ (2001).
19 Vgl. Weltbank (3) (2000).
20 Sen (1999), S. 87.
21 Einige ausgewählte Antworten auf die Frage: Was ist Armut? befinden sich im Anhang 1: „Voices of the Poor“.
11
von denen die Armen in Ermangelung materieller Güter vollkommen abhängen — ist im Begriff sich aufzulösen. 22
Der Bericht konnte zeigen, dass Armut nicht länger durch die Schablone ausschließlich monetärer Kennwerte wahrgenommen werden darf, sondern weit mehr Faktoren in die Messung mit einbezogen werden müssen. Als arm bezeichnen sich beispielsweise Menschen, die sich nach Sicherheit sehnen, weil sie unter ständiger Bedrohung leben. Gleichzeitig nennen sich auch solche Menschen arm, denen die Chance auf Bildung verwehrt bleibt. Das vorherrschende eindimensionale Verständnis wurde also durch ein multidimensionales abgelöst. Zu dieser Einsicht gelangte nicht nur die Weltbank, sondern auch die OECD/DAC (Development Assistance Committee). In den DAC-Guidelines zur Armutsbekämpfung von OECD/DAC werden die neueren Erkenntnisse aus der Armutsforschung sehr gut zusammengefasst. Armut wird dort als Mangel an wesentlichen ökonomischen, menschlichen, politischen, sicherheitsbezogenen und soziokulturellen Fähigkeiten definiert. 23 Jeder dieser Mängel entspricht einer Armutsdimension, die in einer engen Wechselbeziehung zu den anderen steht. So führt beispielsweise geringes Einkommen (ökonomische Dimension) zu Defiziten in Ernährung und Gesundheitsversorgung (menschliche Dimension). Auch bietet gleichzeitig jede einzelne Armutsdimension Ansatzpunkte für Entwicklungsstrategien.
Zu den fünf Armutsdimensionen gehören auch die Themen Umwelt- und Ressourcenschutz, da Umweltschutz oft zu einer nachhaltigen Verbesserung der Armut führen kann. Leider sind gerade die ärmsten Bevölkerungsschichten am meisten von Naturkatastrophen betroffen. Beispiele hierfür sind Überschwemmungen in Bangladesch oder die Ausbreitung der Wüsten und damit die steigende Unfruchtbarkeit der Böden in Niger. Dieser mehrdimensionale Ansatz der Armutsdefinition fand in den vergangenen Jahren breite Zustimmung unter den entwicklungspolitischen Akteuren, denn man erkannte, dass die Überwindung der Armut eine notwendige Bedingung von Entwicklung ist. So postuliert z.B. auch Armatya Sen (2002), dass Entwicklung möglich ist, wenn man die Mangelerscheinungen von Fähigkeiten, Chancen und Freiheiten überwindet. Diese Erkenntnis steht allerdings diametral zum früheren Verständnis, das davon ausging, dass die Entwicklung die notwendige Bedingung für eine Armutsüberwindung sei. 24 Im Folgenden sollen die einzelnen Dimensionen der DAC Guidelines näher beleuchtet werden, um so im weiteren Verlauf dieser Arbeit neuere Ansätze der Entwicklungspolitik besser deuten zu können.
22 Vgl. Weltbank (2) (2000).
23 OECD/DAC (2001), S. 31f.
24 Vgl. Durth (2002), S. 8f.
12
Die ökonomische Dimension der Armut: Konsum, Einkommen, Vermögen Einkommen befähigt dazu, die eigenen Grundbedürfnisse zu befriedigen, Besitz zu erwerben und Güter zu konsumieren. Ein Indikator für wirtschaftlichen Wohlstand ist beispielsweise das Pro-Kopf-Einkommen. Dieses zeigt anhand von Kaufkraftparitäten an, welche Güter in einem Land für einen vorgegebenen Geldbetrag erworben werden können. Vor allem die Länder der Subsahara sind stark von Armut betroffen und in diesen Ländern hat keine positive Veränderung im Vergleichszeitraum stattgefunden. Der Schwellenwert für die so genannte Armutsgrenze wird durch die Konsumausgaben für einen minimalen Warenkorb gemessen. Durch das Festlegen der Armutsgrenze lässt sich die absolute Armut bestimmen. Die ursprüngliche Grenze eines Tageseinkommen von weniger als einem US$ (KKP) hat die Weltbank im Jahr 2008 um 0,25 US-$ auf 1,25 US$ erhöht. Dadurch stieg die Anzahl der von absoluter Armut betroffener Menschen e-norm. 25
Die menschliche Dimension der Armut: Bildung, Gesundheit und Ernährung: Damit der Mensch sich in seinen menschlichen Fähigkeiten entfalten kann, benötigt er neben Gesundheit den Zugang zu Bildung, zu sauberem Trinkwasser und zu medizinischen Einrichtungen. Er muss außerdem die Möglichkeit haben, sich ausgewogen und ausreichend ernähren zu können.
Die politische Dimension der Armut: Politische Freiheiten und Einflussmöglichkeiten Die Umfrage der Weltbank zeigte, dass Menschen sich aus dem Gefühl einer Machtlosigkeit gegenüber dem politischen System heraus als arm bezeichnen. Besteht ein Mangel an elementaren politischen Rechten wie Menschenrechten oder Mitspracherechten und anderen Einflussmöglichkeiten, sind Menschen politisch arm, weil sie willkürlich z.B. der Gewalt durch die Polizei oder anderen Institutionen ausgesetzt sind und keine Möglichkeit haben, sich zur Wehr zu setzen. Die Funktionsfähigkeit und Stabilität solcher Staaten ist in Frage zu stellen.
Die schutzbezogene Dimension der Armut: Sicherheit
Die Wehr- und Schutzlosigkeit gegenüber innerer und äußerer Bedrohung ist ein weiteres Kennzeichen für Armut. Nicht nur die Bedrohung der Sicherheit durch Gewalt oder Kriminalität, also einer politischen Dimension von Armut, sondern vor allem auch die Bedrohung der Sicherheit durch Krankheiten, Kriege, Ernteausfälle, etc. sind ein Merkmal für Armut. Die Sicherheit der Menschen in Entwicklungsländern ist vor allem deshalb nicht gegeben, weil soziale Sicherungssysteme wie beispielsweise Krankenversicherungen fehlen.
25 Die Dokumente der UN-Millenniumskampagne beziehen sich jedoch auf die Armutsgrenze von einem US$, da die Entwicklungsziele bereits im Jahr 2000 festgelegt worden sind. Siehe UN-Millenniumkampagne Deutschland (2007).
13
Die soziokulturelle Dimension der Armut: Ansehen und Würde
Soziokulturelle Fähigkeiten schaffen Akzeptanz innerhalb einer sozialen Gemeinschaft und ermöglichen die Partizipation in dieser Gruppe. Fehlt die Möglichkeit zur Ausübung dieser Fähigkeit, sind Missachtung von Ansehen und Würde die Folge. Auch Arbeitslosigkeit kann zur sozialen Ausgrenzung führen. Die Gründe des Mangels an soziokulturellen Fähigkeiten ist oft Andersartigkeit aufgrund religiöser oder ethnischer Minderheit wie beispielsweise zusehen am Kastenwesen in Indien oder aufgrund von Krankheiten (Aids, Behinderung), Alter, Verwaisung oder Verwitwung.
Ein einprägsames Beispiel für die Interdependenz zwischen Bildung und der soziokulturellen Dimension ist das Folgende: Fehlt Menschen der Zugang zur Bildung, werden sie auch aus dem sozialen Netzwerk der gebildeten Bevölkerung ausgeschlossen. Es gibt für die Menschen, die sich Bildung leisten können, keinen Grund, Ungebildeten einer Gesellschaft auf gleicher Augenhöhe zu begegnen.
Die Aufgabe des Staates ist es, Spannungen zwischen den sozialen Gruppen zu reduzieren und die Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Miteinander zu schaffen.
Der Komplexität und Vielschichtigkeit der Armut muss Rechnung getragen werden. So reicht es zum Beispiel nicht aus, nur ökonomische oder soziale Aspekte der Armut in den Blickpunkt zu nehmen. Vielmehr ist die Vernetzung untereinander erforderlich und es werden Strategien benötigt, bei denen alle Dimensionen berücksichtigt werden. Darüber hinaus darf auch der Zusammenhang zwischen Armut und Bevölkerungsentwicklung nicht vernachlässigt werden, denn auffallend ist, dass gerade die ärmsten Länder der Welt die höchsten Geburtenraten aufweisen, wie dies auch Tabelle 1 verdeutlicht.
Tab. 1: Weltbevölkerungsentwicklung und Aids im Jahr 2009; eigene Darstellung
14
Jährlich nimmt die Weltbevölkerung um 83 Millionen zu. Auf die ärmsten Entwicklungsländer fällt ein Anteil von 99 Prozent, wovon Afrika am stärksten davon betroffen ist. Leider ist dort auch die Aidsrate, vor allem unter Erwachsenen, am höchsten. 26 Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und den unterschiedlichen Armutsdimensionen ist evident. So führt die enorme Zunahme der Geburtenrate bei gleichzeitig hoher Aidsrate zu einer extremen Verjüngung: Immer mehr Kinder müssen durch eine immer geringer werdende Zahl von Erwachsenen versorgt werden. Bei steigender Kinderzahl nehmen die ohnehin geringen finanziellen Ressourcen durch Ausgaben für Nahrung, Be-handlung von Krankheiten oder für Schulbesuche immer weiter ab, da es für eine wachsende Anzahl von Personen reichen muss. Aids dient somit als Beschleuniger des Negativtrends.
Was sind nun die typischen Merkmale von Unterentwicklung in den Entwicklungsländern und was sind die Ursachen für Armut und Entwicklung? Diesen beiden Fragen soll nun in den nächsten zwei Punkten nachgegangen werden.
3.2 Merkmale und strukturelle Probleme der Entwicklungsländer
Die Schwierigkeit bei der Suche nach typischen Merkmalen (Symptomen) von Entwicklungsländern ist die, dass es unterschiedliche Listen von Indikatoren gibt und diese Indi-katoren nicht nur auf Entwicklungsländer zutreffen müssen, sondern auch charakteristisch für Transformations- und Schwellenländer (Newly Industrialised Countries) sein können. Es lassen sich fünf Merkmalsgruppen identifizieren, die die zentralen strukturellen Probleme der Entwicklungsländer klassifizieren. 27 Die Merkmalsgruppen erinnern an die Armutsdimensionen der OECD/DAC, weswegen zunächst einiges vertraut klingt. Gleichzeitig erkennt man, wie nah die Begrifflichkeiten beieinander liegen und wie diffizil und notwendig es zugleich ist, eine gemeinsame Basis der Begrifflichkeiten zu finden.
Die erste Merkmalsgruppe, die ökonomischen Merkmale, beinhalten Symptome wie ein zu geringes Pro-Kopf-Einkommen, extrem ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung, niedrige Spar- und Investitionstätigkeit, hohe Arbeitslosigkeit, passive Handelsbilanz, einseitige Exportpalette, hohe Auslandsverschuldung, schlechte Infrastruktur und starke regionale Disparitäten. Auch wird dem primären und informellen Sektor eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Eine weitere Gruppe sind die ökologischen Merkmale wie Umweltzerstörung durch unkontrollierte Verstädterung, unzureichende Umweltstandards, Bodendegradation und Desertifikation, Bedrohung der Biodiversität, unkontrolliertes Abholzen von (Tropen-)Wäldern, Grund- und Trinkwasserbelastung sowie Luftverschmutzung. Die dritte Gruppe bilden die demographische Merkmale wie eine hohe Geburtenrate, hohe
26 Vgl. Population Reference Bureau (1) (2009).
27 Anmerkung: eigene Gliederung in Anlehnung an Bender, Fuchs (1996) und in Abstimmung mit Prof. Hubert Job von der Universität Würzburg.
15
Kinder- und Säuglingssterblichkeit, hohes und unkontrolliertes Bevölkerungswachstum, geringe durchschnittliche Lebenserwartung, extreme Verjüngung der Bevölkerungsstruktur und unkontrollierte Binnenmigration. Zu der vierten Merkmalsgruppe, den soziokulturellen Merkmale, werden Eigenschaften wie die Benachteiligung von Frauen, geringe so-
ziale Mobilität, Kinderarbeit, unzureichende Bildung, hohe Analphabetenquote sowie volksgesundheitliche Merkmale wie unzureichende Ernährung, mangelhafte Trinkwasser-versorgung, unzureichende medizinische Versorgung und unkontrollierte Ausbreitung von Pandemien gezählt. Unter der letzten Merkmalsgruppe werden politische Merkmale wie mangelnde Effizienz und Stabilität der politischen Institutionen, Korruption, Verletzungen der Menschenrechte, gewaltsame Konflikte mit Nachbarstaaten, Klientilismus und Bürgerkrieg oder bürgerkriegsähnliche Zustände gefasst.
Treten die Symptome dieser fünf Merkmalsgruppen in einem Land auf, so kann man davon ausgehen, dass es sich um ein Entwicklungsland handelt. Jedoch lässt sich aufgrund der Klassifizierung noch nichts über die Ursachen der Armut oder der Unterentwicklung sagen.
3.3 Ursachen der Unterentwicklung und der Armut
Die beschriebenen Symptome werfen nun die Frage nach den Ursachen der Entwicklungsdefizite auf. Ein bekannter Erklärungsversuch stammt von Paul Collier. Er nennt in seinem Buch „Die unterste Milliarde“ folgende vier Armutsfallen als Ursache für Armut: 28 Die Governance-Falle, die von der Schwäche der politischen Systeme und Regierungs-formen herrührt. Die Herrschaftsausübung erfolgt hier oftmals nur durch kleine Gruppen. Schlechte Regierungsführung geht in einem kleinen Land oftmals Hand in Hand mit Korruption.
Die Konfliktfalle: Diese Länder haben eine lange Geschichte gewaltsamer Konfliktaustragung. Es gibt genügend Anreize, am bisherigen Muster der Gewalt festzuhalten. Häufig sind sie gezeichnet durch fortwährende Bürgerkriege. 29
Die Natürliche Ressourcenfalle: Die reichlich sprudelnden Geldquellen, die durch den Verkauf natürlicher Rohstoffe wie Erdöl entstehen, können Entwicklung und Demokratie blockieren. 30
Die Geographische Lage: Länder, die keinen Zugang zum Meer haben, sind von der Entwicklung und der Kooperationsbereitschaft ihrer Nachbarn abhängig. Sind diese beiden
28 Vgl. Collier (2008).
29 Collier (2008), S.33: „73 Prozent der Menschen in den Ländern der untersten Milliarde haben in jüngster Zeit einen Bürgerkrieg erlebt oder sind aktuell in einen verstrickt.“
30 Collier (2008), S.59: „Rohstoffexporte haben zur Folge, dass die inländische Währung gegenüber anderen Währungen an Wert gewinnt, was zur Einschränkung der Wettbewerbsfähigkeit anderer Exportgüter führt.“
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Bedingungen nicht vorhanden, haben diese Länder kaum Chancen, sich aus ihrer desolaten Situation zu befreien. 31
In Anlehnung an das anschließende Kapitel „Entwicklungstheorien“ werden die beschriebenen Armutsfallen von Collier nicht näher beleuchtet. Stattdessen werden die Ursachen der Armut durch die Unterscheidung in exogene, das heißt äußere, und endogene, also innere Ursachen, erfolgen. Exogene Ursachen sind im entwicklungspolitischen Kontext Ursachen, die nicht von einem Land selbst ausgelöst werden. Vielmehr sind die Ursachen der Armut in das Land importiert worden. Endogene Ursachen werden dagegen von den Menschen in einer Gesellschaft selbst erzeugt. Dabei sind natürliche Gegebenheiten weder endogen noch exogen. Sie bilden dadurch eine dritte Gruppe der Ursachenanalyse für Armut und sind vorgegebene Bedingungen. Zu ihnen zählen unter anderem Rohstoffmangel und Klima. Im Gegensatz zur Ressourcenfalle von Collier kann aber auch ein Nichtvorhandensein von Rohstoffen negativ für die Entwicklung eines Landes sein. Dies ist jedoch keine negativ determinierende Tatsache, wie Vergleiche mit anderen rohstoffarmen Ländern beispielsweise der Schweiz oder Taiwan verdeutlichen. Ein ungünstiges Klima sowie nichtvorhandene Rohstoffe, können eine negative Korrelation für die Entwicklung eines Landes bedeuten. So kann der Ertrag in der Landwirtschaft zu einem hohen Maß durch das vorherrschende Klima (Sahara oder Grönland) bestimmt sein. Trotzdem muss auch ein unwegsames Klima nicht der blockierende Faktor für die Entwicklung eines Landes sein.
Zu den internen (endogenen) Faktoren wird unter anderem das Bevölkerungswachstum gerechnet, da ein zu hoher Anstieg der Bevölkerung die Entwicklung nicht verhindert, dennoch aber belasten kann. Umgekehrt weiß man, dass technischer Fortschritt in einem Land eine Verringerung der Geburtenrate zur Folge hat. Ein Beispiel hierfür ist die rapide Abnahme der Geburtenrate nach der Industrialisierung in England. 32 Ferner zählt man vorherrschenden Kapitalmangel als Determinante für Entwicklungsdefizite. Die Vertreter, die in den internen Faktoren die Ursache für Armut sehen, sind der Meinung, dass in den Entwicklungsländern zu wenig Kapital vorhanden ist, was ein Fehlen von notwendigen Sachinvestitionen zur Folge hat. Es wäre aber falsch zu sagen, dass eine Beseitigung des Kapitalmangels als Garantie für eine breite gesellschaftliche Entwicklung zu sehen ist, was die einkommensstarken Ölexportländer belegen. Oft werden auch die Tradition und
31 Dazu auch Collier (2008), S. 78-83: Collier attestiert den Binnenstaaten eine Reduzierung der Wachstumsrate um 0,5%. Der Grund dafür sind unter anderem die hohen Transportkosten, die ein Binnenstaat wegen seiner Lage zusätzlich aufbringen muss. Außerdem besteht eine hohe Abhängigkeit von der Infrastruktur zum Meer des Nachbarstaates. „Bleibt ein Binnenstaat beim Transport seiner Waren an die Küste auf miserablen Verkehrsanbindungen der Nachbarstaaten angewiesen (…), kann er seine Güter nur unter stark erschwerten Bedingungen auf den Weltmarkt bringen.“ S. 79.
32 Vgl. Buchheim (2003).
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Arbeit zitieren:
Mirjam Eisele, 2010, Entwicklung ohne Fortschritt?, München, GRIN Verlag GmbH
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