Inhaltsverzeichnis
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1. Margarita Teresa in Blau 3
2. Bella gerant alii, tu felix Austria nube 5
3. Wege zum Bild I - Kunsttheorie 7
4. Wege zum Bild II - Werkvergleich 9
5. Anhang 13
5. 1 Abbildungen 14
5. 2 Literaturverzeichnis 21
5. 3 Abbildungsverzeichnis 22
2
1. Margarita Teresa in Blau, 1659
Das Bild der "Infantin Margarita Teresa im blauen Kleid", geschaffen von Diego Velázquez im Jahre 1659, mit den Maßen 127,5 cm x 107,5 cm, ist mit Öl auf Leinwand gemalt worden und steht im Zentrum der Betrachtungen der vorliegenden Arbeit. Es befindet sich im Kunsthistorischen Museum in Wien, Inventarnummer 2130. 1 Bevor eine Analyse des Bildes erfolgen kann, müssen die Details herausgearbeitet und beschrieben werden. Das ganzfigurige Porträt ist im Dreiviertelprofil angelegt und ihre Gestalt konstituiert den Großteil des Bildraumes. Ihr ovales, volles Gesicht besitzt ein sehr helles Inkarnat. Die Augen des Mädchens, welches durch den Bildtitel als die spanische (acht-jährige) Infantin Margarita Teresa (1651 - 1673) bekannt ist, sind von einem dunklen, wässrigen Blau und sehr groß. Die Nasenflügel sind etwas gebläht, die blassroten Lippen zwar klein, aber voll. Eine deutliche Röte ist auf ihren pausbäckigen Wangen zu sehen. Eingerahmt wird das Gesicht von dem langen, etwas aufgebauschtem blonden Haar, das mit einem rechten Seitenscheitel frisiert ist. Die linke Haarpartie ist mit einer großen dunkelblauen Rüsche sichelförmig zurück gesteckt. Außerdem sind noch zwei weitere, etwas kleinere Rüschen in ihrem Haar. Um den Hals trägt sie eine sehr kurze silberfarbene Kette mit tropfenförmigem Anhänger. Ihre Kleidung wird als „Guarda infantes“ bezeichnet, eine speziell spanische Eigenart 2. Bei dem Kostüm im Bild sind Corps piqué und Basquina miteinander zur Schoßjacke verschmolzen. Eigentlich wird die Basquina unten an das Corps piqué angenäht. Zum besseren Verständnis werden hier jedoch beide Begrifflichkeiten beibehalten. Die Basquina ist dabei ungewöhnlich stark verlängert und - durch den Reifrock - vor allem auch verbreitert. Sie ist von nahezu demselben Blau wie die Augen der Infantin. Die Blankscheite des Corps piqué sind silbergolden verbrämt und stellen einen gleichwertigen Farbakzent zu dem Blau dar. Der palatine Schulterkragen ist von schillernder weißer Farbe und wird in der Mitte von einer großen blauen Schleife verziert. Die Schleife hat dieselbe Farbe wie die Schoßjacke. In der unteren Hälfte der Schleife befindet sich eine Brosche. Diese hat ein ovales Innenfeld, das in den Farben Hellblau und Blassrot gehalten ist und ein breites goldfarbenes Außenfeld besitzt, welches eine gekräuselte Struktur aufweist. Von der linken Schulter aus zur rechten Hüfte verläuft ein durchsichtiges und mit goldenen Fäden durchwirktes dünnes Band über das Mieder. Die Enden des schärpenartigen Bandes liegen auf dem horizontalen rechten Bereich der Basquina auf. An die Schoßjacke sind wattierte Ärmel mit Zierschlitzen angesetzt. Die
1 Demus, Klaus; Schütz, Karl: Velázquez. Die Infantin Margarita Teresa in blauem Kleid. In: Einführungen und
Betrachtungen zu ausgewählten Werken des Kunsthistorischen Museums, 1, S. 3.
2 Ebenda S. 5.
Ärmel bestehen aus mehreren Partien, die aus jeweils einem weißen, einem blauen und einem weißen Streifen aufgebaut sind. Zwischen diesen Partien quillt aus den Schlitzen weißer voluminöser Stoff. Die Ärmelabschlüsse sind durch blaue und vor allem weiße Engageantes gekennzeichnet. Weiterhin trägt die Infantin einen bodenlangen, glockenförmigen, Verdugado. Die ovale Grundform mit Abflachung an der Vorder- und Hinterseite ist ein weiteres Charakteristikum der „Guarda infantes“. 3 Der Verdugado besitzt in der unteren Hälfte sieben Falbel, die von derselben Farbe sind wie die Verbrämungen der Blankscheite. Insgesamt dominiert in der Bekleidung also ein dunkles Blau sowie als Kontrast ein weißsilbriggoldener Ton. Zu dem Kostüm zählen jedoch noch die beiden Gegenstände in den Händen der Infantin. In der linken Hand hält sie ein rechteckiges braunes Objekt, allem Anschein nach ein Pelzmuff. Ihre Rechte greift nach einem nicht näher bestimmbaren Gegenstand, der hellblau und stark gerüscht zu sein scheint. Offenbar ist an diesem Gegenstand irgendeine Art von Griff befestigt, da die Infantin es nicht direkt berührt. Der Hintergrund ist maßgeblich durch die Farbe Braun bestimmt, wobei ein Intensitätsgefälle von links nach rechts zu beobachten ist. Zur Rechten des Mädchens steht ein dunkelbraunes Tischchen, welches helle Intarsien besitzt, die besonders an der Tischkante ausgearbeitet sind, sich aber auch an den Tischbeinen befinden. Die Beine des Tischchens verbreitern sich unmittelbar über dem Boden. Auf dem Tischchen befindet sich laut Palomino, einem Zeitgenossen von Velázquez und darüber hinaus einer seiner ersten Biographen, eine Uhr 4 , die von zwei Löwen getragen wird. Im derzeitigen Zustand des Bildes, zumal wenn es nur durch Photos betrachtet werden kann, ist dies kaum noch zu erkennen. Hinter dem Kopf der Infantin ist außerdem ein goldener Rahmen zu sehen, dessen Inhalt jedoch ebenfalls nicht zu identifizieren ist.
Die Figur der Infantin zeichnet sich durch geschlossene Konturen aus und bildet kompositorisch ein Dreieck. Dies liegt an der Form des Kleides, der Haltung der Arme und natürlich auch an der Haartracht, die die Form des Kleides wiederholt. Durchbrochen wird diese Struktur durch den rechteckigen Rahmen hinter dem Kopf der Infantin sowie durch die ebenfalls rechteckige Grundstruktur der Uhr auf dem Tisch. Auf dem Bild in seiner Originalfassung wird das eindrucksvoller zu sehen gewesen sein. Nach seiner Wiederentdeckung in der Wiener Hofburg 1923 5 wurde es restauriert, die ovale Form, auf die es im 18. Jahrhundert zurückgeschnitten wurde, wieder in die rechteckige zurückgeführt und fehlende Stücke wieder angesetzt. Wie José López-Rey jedoch schon formuliert, „fehlt die Illusion von
3 Loschek, Ingrid: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Suttgart 1999, S. 392.
4 Harris, Enriqueta: Velázquez. Stuttgart 1982, S.168.
5 Demus, S. 3.
Tiefe, die das Werk ursprünglich ausgezeichnet haben muss“. 6 Vielleicht ist das mit ein Grund für das merkwürdige Mit- und Gegeneinanderwirken des Hinter- und Vordergrundes, das hauptsächlich durch Farbkontraste konstituiert wird. Die hintere Ebene mit dem stumpfen Braunton lässt die große Fläche des dunklen Blaus strahlen und bringt damit auch die Silber-und Goldakzente zur Geltung. Eine Verknüpfung von beiden Bildebenen wird jedoch realisiert durch den braunen Pelzmuff, die braunen Schattierungen im Kleid sowie durch die goldenen Löwen an der Uhr.
Velázquez Technik, die sehr verknappend als malerisch bezeichnet werden kann, besteht im Wesentlichen darin, Farbtupfen zu einer homogenen Einheit, einem Strichgefüge zu verschmelzen. Der Gesamteindruck steht somit über der Detailgenauigkeit.
2. Bella gerant alii, tu felix Austria nube!
In welchem historischen Kontext ist das Bild nun zu sehen? Mit welchem Anspruch, welcher Absicht wurde es erstellt? Und vor allem: Für wen wurde es gemalt?
Das Entstehungsjahr des Bildes, 1659, fällt in die Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und der Rezession in Spanien. Inflation und Lohnverfall führten zu einer nahezu einmaligen Situation im Europa des 17. Jahrhunderts: es existierte keine bürgerliche Mittelschicht in Spanien, stattdessen standen sich extreme Armut und extremer Reichtum gegenüber. Erst 1652 kam es zum dritten Staatsbankrott in kaum mehr als 30 Jahren. 7 Um die Monarchie stand es nicht besser: Von vier legitimen Söhnen erreichte nur Carlos, Karl II. (1661 - 1700), das Erwachsenenalter. Da zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes Prinz Carlos noch nicht auf der Welt und Prinz Phillip Prosper (1657 - 1661) nicht nur skrofulös, sondern auch Epileptiker war und somit ständig mit seinem Ableben gerechnet wurde, befürchtete man das Aussterben der spanischen Habsburgerdynastie. Gemäß dem Wahlspruch „Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ 8 suchten auch die Spanier auf diese Weise der drohenden Gefahr zu begegnen. Aber nicht nur das bedurfte dringender Aufmerksamkeit. Auch beachtet werden musste der Umstand, dass Spanien sich seit 1635 im Krieg mit Frankreich befand und auch immer wieder militärische Auseinandersetzungen mit den Niederlanden bestreiten musste. Entsprechend des wirtschaftlichen Zustands Spaniens konnte es nicht länger davon ausgehen, den Krieg mit Frankreich erfolgreich aufrecht erhalten zu können. Eine Niederlage war
6 López-Rey, José: Velázquez. Maler der Maler. Sämtliche Werke. Köln 1997, S. 225.
7 Müller, Klaus: Phillip IV. In: Hamann, Brigitte (Hrsg.): Die Habsburger. Ein biographisches Lexikon. München
1988, S. 395.
8 Jech, Bettina: Die Habsburger von Rudolf bis Karl. In: P.M. History, 9/2007, S. 27.
absehbar, der Verlust des spanischen Kernlandes an Frankreich sollte jedoch um jeden Preis vermieden werden. Was aber blieb dem finanziell ruinierten und noch zusätzlich von den Gefechten mit den Niederländern geschwächten Spanien? In beiden Fällen lautet die Antwort Heiratspolitik. Damit laufen die beiden Linien zusammen, die zum Leitfaden dieser Politik wurden. Und damit ergibt sich als Konsequenz auch nur ein Adressat für das Bild der Infantin Margarita Teresa: Kaiser Leopold I.
Im Wesentlichen beschränkten sich die möglichen Heiratspartner für die zwei zu vergebenden Töchter von Phillip IV., Maria Teresa und Margarita Teresa, auf zwei Herrscher: den schon erwähnten Leopold I. und Ludwig XIV. Beide erstrebten die Heirat mit Maria Teresa, der älteren Infantin, die unmittelbare Erbansprüche besaß (In Spanien galt die Lex Salica nicht.). Spanien erschien es opportun, Maria Teresa mit Ludwig XIV. zu verheiraten. Aus vielerlei Gründen. Eine Verbindung mit Frankreich war wünschenswerter, weil sie der Friedenssicherung zwischen beiden Ländern diente und den Krieg beendete, den Spanien eigentlich schon längst nicht mehr führen konnte. Zudem würde diese Heirat auch das zweite Problem vielleicht nicht lösen, so aber doch zumindest lindern. Mit der Einheiratung einer Habsburgerin in ein mehr oder weniger fremdes Königshaus (Maria Teresa und Ludwig XIV. waren Cousin und Cousine), wurde sozusagen ein Nebenzweig dieser Dynastie geschaffen. Solcherlei politisch-dynastischen Vorzüge hatte Leopold I. nicht aufzuweisen und so musste er mit der jüngeren Infantin vorlieb nehmen.
Letztlich erwies sich die Heiratspolitik jedoch als gescheitert, sowohl bei Margarita Teresa als auch bei Maria Teresa. Maria Teresa verzichtete bei der Heirat mit Ludwig XIV. auf ihre Erbansprüche, bekam dafür aber eine hohe Mitgift zugesprochen. 9 Diese wurde nie wirklich ausgezahlt, was Ludwig XIV. zum Anlass nahm, Maria Teresas Verzicht für nichtig zu erklären. Da Leopold I. ebenfalls Anspruch auf Spanien erhob (Margarita Teresa hatte nicht verzichtet), um das Erbe „angesichts des drohenden Aussterbens der spanischen Habsburger“ 10 zu sichern, kam es zum spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714). Das Entstehungsjahr des Bildes fällt somit in das Jahr des Pyränenfriedens, also dem offiziellen Kriegsende zwischen Spanien und Frankreich. Gleichzeitig wurde in diesem Friedensvertrag aber auch die Hochzeit zwischen Maria Teresa und Ludwig XIV. festgeschrieben, nachdem noch während der Kampfhandlungen Porträts ausgetauscht worden waren. Das hier besprochene Bild entstand also unmittelbar zu dem Zeitpunkt, als Leopold I. nicht mehr eine Heirat mit Maria Teresa, sondern höchstens noch eine mit Margarita Teresa offen stand. Es liegt somit die Vermutung nahe, dass das Bild den verärgerten Leopold I.
9 Müller, Klaus: Maria Teresa. In: Hamann, 1988, S. 340.
10 Press, Volker: Leopold I. In: Hamann, 1988, S. 253.
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2010, Diego Velázquez: Margarita Teresa in Blau - ein Meisterwerk subtiler Diplomatie, München, GRIN Verlag GmbH
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