Das Irrationale in der Literatur
2 Das Irrationale in der Literatur
2.1 Verwendung
Viele berühmte Romane, Novellen, Dramen oder andere Lektüren drehen sich um Irrationales, um eine Idee, die über die Grenzen des Möglichen hinausragt. Berühmte Beispiele sind „Harry Potter“, „Macbeth“ oder „Der Herr der Ringe“. Aber auch ganze Kategorien, wie beispielsweise Märchen oder Fabeln, thematisieren irrationale Figuren, Fähigkeiten oder Schauplätze. Ebenso spielen Romane deutscher Autoren mit der menschlichen Vorstellungskraft, zum Beispiel „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende.
Viele Werke, die Irrationales beinhalten, entstehen durch die Phantasien des Autors. Schriftsteller können ihre volle Inspiration oft nur dann vollständig ausschöpfen, wenn sie über die Grenzen der Realität hinausgehen und in ihren Werken Welten erschaffen, die jenseits der menschlichen Vernunft liegen.
Gestalten wie Hexen, Drachen, Vampire, Elfen oder ähnliche irreale Figuren treten in beinah jedem Fantasy-Roman auf und sind in der irrationalen Literatur nicht wegzudenken. Sie sind es, die einem literarischen Werk das Besondere verleihen. Sie unterscheiden ein gewöhnliches Buch von einer lyrischen Phantasiereise. Ebenso gibt es Werke, die nur kleine versteckte Irrationalitäten enthalten. Durch gekonntes Einsetzen wird eine scheinbar reale Handlung zu einer irrealen Geschichte, wobei der Leser sie meist dennoch als realisierbar empfindet. Beispielsweise José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“, der durch das Einsetzen der Massenblindheit zwar einerseits irreal wirkt, andererseits durch die Menschlichkeit der Charaktere möglich erscheint. Der Leser befindet sich dabei auf einer abstrakten Ebene zwischen Phantasie und Wirklichkeit und kann all seinen Gedanken freien Lauf lassen.
Das Irrationale in der Literatur
2.2 Zweck
„An dieser Aufgabe werden die Künstler, die Dichter und Schriftsteller einen wichtigen Anteil haben, denn ihre Aufgabe ist es, dem Leben Zauber und Geheimnis zu verleihen“ 3 , dieses Zitat von Michael Ende beschreibt den wesentlichen Zweck des Irrationalen in der Literatur. Es soll Abwechslung und Gedankenfreiheit bieten. Außerdem soll es dem Leser etwas Außergewöhnliches und Mystisches zeigen. Dadurch kann dieser die Realität für den kurzen Augenblick des Lesens vergessen.
Die meisten Menschen nehmen ein Buch zur Hand, weil sie Unterhaltung suchen, aber auch, um dem stressigen Alltag oder plagender Langeweile zu entkommen. Das Ziel eines Buches sollte es nun sein, den Leser in eine andere Welt zu entführen, ihn zu begeistern und zu fesseln, anstatt ihm die täglichen Probleme der Welt vorzuhalten. Außerdem sollte es ihm ermöglicht werden, aus seinem Alltag auszubrechen, dabei seinen Horizont zu erweitern und träumen zu können.
Es ist nicht zwingend notwendig, dem Leser etwas zu vermitteln. Schon Michael Ende sagte: „Dieses Hinausstarren auf die Botschaft ist eine unselige Erfindung der Literaturprofessoren und Essayisten…“ 4 Außerdem sagte er: „Man schreibt, weil einem zum Thema etwas einfällt, und nicht, weil man die Absicht oder den Drang verspürt, dem Publikum eine wichtige weltanschauliche Lehre zu erteilen.“ 5 Mit diesen beiden Zitaten verdeutlicht Michael Ende die wahre Absicht eines irrationalen Buches, nämlich die Unterhaltung und die Freude, die man beim Lesen verspüren soll. Nicht die Botschaft oder die Moral steht im Vordergrund, sondern das Vergnügen. Als wichtigste Beispiele dafür nennt Ende die Stücke Shakespeares, die Odyssee, Tausendundeine Nacht und der Don Quixote 6 und sagt: „Die größten Werke der Literatur haben keine Botschaft.“ 7
Besonders für Kinder bieten Geschichten mit irrationalen Inhalten eine passende Grundlage zur Erweiterung ihrer Kreativität. Insbesondere Märchen und Fabeln können Kleinkindern helfen, ihre Phantasie zu vergrößern und den Spaß an Büchern zu entdecken.
3 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_unendliche_Geschichte, Interpretation, Text vom 30.03.2010 4 Ebenda
5 Ebenda
6 Ebenda
7 Ebenda
Das Irrationale in der Literatur
3 Stephenie Meyer: Bis(s) zum Morgengrauen
3.1 Inhalt
Nach der Scheidung ihrer Eltern lebt die 17-jährige Isabella Marie Swan, genannt Bella, bei ihrer Mutter in Phoenix. Aufgrund der geplanten Karriere ihres Stiefvaters beschließt sie jedoch, zu ihrem Vater nach Forks zu ziehen. Dort angekommen, findet Bella zunächst alles schrecklich - den ewigen Regen, das kleine Haus ihres Vaters und vor allem die riesige Entfernung zu ihrer Mutter. Doch schon bald lernt sie die ersten Freunde in der Schule kennen, wobei ihr besonders ein Mitschüler, Edward Cullen, ins Auge sticht. Nach einem Unfall auf dem Schulparkplatz, bei dem Edward ein heran rutschendes Auto mit seiner Hand stoppt, hat Bella den Verdacht, dass er ein mysteriöses Geheimnis verbirgt. Durch ein Gespräch mit ihrem guten Freund Jacob erfährt sie, dass Edward und seine Familie Vampire sind. Als Bella ihn darauf anspricht, offenbart er ihr sein Geheimnis. Trotz der Tatsache, dass Edward ein Vampir ist, verliebt sich Bella in ihn und auch Edward erwidert Bellas Gefühle. Die beiden beginnen eine feste Beziehung, ganz zum Erstaunen ihrer Mitschüler und gegen den Willen von Edwards Familie. Würde er Bella etwas antun, würde die gesamte Familie mit in dieses Unglück gezogen werden. Doch als Edward sie mit zu sich nach Hause nimmt, wird Bella herzlich empfangen und von allen ins Herz geschlossen. Als Isabella mit der Familie ihres Freundes zum Baseball in die Berge fährt, treffen sie auf drei weitere Vampire Laurent, James und Victoria. Einer der Vampire, James, riecht Bellas Duft und wird wie besessen von ihr. Um Bella zu beschützen, fahren sie und zwei von Edwards Geschwistern nach Phoenix, um sie dort in Sicherheit zu bringen. Doch James verfolgt ihre Spur und lockt Bella durch einen Vorwand in ein altes Ballettstudio. Es kommt zum finalen Kampf zwischen Edward und James, bei dem James von den Cullens getötet wird. Obwohl Edward von Bella verlangt, zurück nach Phoenix zu ziehen, beschließt sie, in Forks und bei Edward zu bleiben. Und sie hat noch einen anderen Entschluss gefasst: Sie will ebenfalls ein Vampir werden.
Das Irrationale in der Literatur
3.2 Verwendung und Funktion des Irrationalen
Im Roman treten, neben dem Vampirismus, viele irrationale Eigenschaften und Charakterzüge der Figuren auf. Im Gegensatz zur bisherigen Vorstellung von Vampiren, schafft die Autorin ein modernes, neues Bild der Fantasiewesen. Sie erneuert Assoziationen wie Särge und Kerker als Schlafgemächer oder spitze Eckzähne und schwarze Umhänge durch eine moderne, helle Wohnatmosphäre und menschliches Aussehen. Auch die Vorstellungen, dass Vampire in der Sonne verbrennen oder kein Spiegelbild haben werden von der Autorin nicht übernommen. Auf den ersten Blick erkennt der Leser die Fähigkeiten der Familie Cullen nicht. Lediglich hinter der Fassade lassen sich die Eigenschaften dieser Vampire finden: Unsterblichkeit, unglaubliche Schnelligkeit und Kraft, eiskalte Haut, die im Sonnenlicht funkelt, oder das Wechseln der Augenfarbe. Aber auch ihre Verhaltensweise, nämlich, dass sie niemals schlafen, essen oder trinken, ist oberflächlich nicht zu erkennen.
Die Autorin wählt das menschliche Aussehen und das moderne Haus der Vampire gezielt aus, da dadurch die irrationale Handlung einen realen Charakter erhält. Der Roman passt damit optimal in die heutige Zeit, da die Handlung in der Gegenwart spielt und somit den fortschrittlichen Verhältnissen angepasst ist. Somit können sich vor allem jugendliche Leser gut in die Handlung hineinversetzen. Die Autorin schafft eine Ebene zwischen Wirklichkeit und Phantasie, auf der der Leser selbst entscheiden kann, was er für real und was er für irreal hält. So wird eine individuelle Gedankenfreiheit geschaffen.
„Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm“ 8 , das wohl bekannteste Zitat des Romans zeigt die scheinbar unerreichbare Liebe zwischen dem unsterblichen Vampir und der jugendlichen Schönheit, die ihm jederzeit zum Opfer fallen könnte. Es ist außerdem die Übertragung der irrationalen Handlung auf die Realität, in der eine Beziehung zwischen einem Löwen und einem Lamm unmöglich ist. Ebenso unmöglich scheint auch die Beziehung zwischen Edward und Bella, was die Autorin mit dieser Metapher ausdrücken will. Sie überträgt die Schwierigkeit ihrer Liebe auf
8 Stephenie Meyer, Bis(s) zum Morgengrauen Carlsen Verlag GmbH Hamburg, Ausgabe 2008 (Erstausgabe 2005)
Seite 290
Das Irrationale in der Literatur
die rationale Ebene, wodurch dem Leser die Distanz zwischen dem starken Vampir und dem zarten Mädchen verdeutlicht wird.
„Wieder ein Ende. Egal, wie perfekt ein Tag ist, er endet immer“ 9 . Das Alter und die Unsterblichkeit der Vampire spielen im Roman eine sehr wichtige Rolle, da es die größten Hindernisse zwischen Edward und Bella sind. Während er ewig jung bleiben wird, wird sie altern und eines Tages sterben. Daher wünscht Bella sich, ebenfalls ein Vampir zu werden, um ewig mit Edward zusammen sein zu können:„Hauptsächlich träume ich davon, für immer mit dir zusammen zu sein“ 10 . Das Phänomen der Unsterblichkeit wird im Buch als übertragbar dargestellt, da lediglich der Biss eines Vampires ausreicht, um ewiges Leben zu erlangen. Die Autorin schafft dadurch eine Grundlage zum Phantasieren für den Leser und lässt dabei genug Raum für individuelle Gedanken. Das Phänomen der Unsterblichkeit akzentuiert Stephenie Meyer nicht alleine wegen der allgemeinen Vorstellung von Vampiren, sondern ebenso wegen der enormen Wirkungskraft auf die Leser, vor allem diejenigen, die die Vergänglichkeit des Lebens als ein Übel ansehen.
3.3 Wirkung des Irrationalen
„Den Tod zu überwinden, ist natürlich ein uralter Traum der Menschheit“ 11 . Und eben diesem Traum ist Bella zum Greifen nah. Ihre Gedanken und ihre Gefühlswelt übertragen sich auf den Leser, sodass sich dieser mit Bella identifizieren kann. Ihre ersehnte Unsterblichkeit ist ein Wunschgedanke, den viele Menschen beim Lesen verspüren. Ewige Jugend und Schönheit werden im Roman als möglich dargestellt. Jedoch unterscheidet sich die Wirkung des Irrationalen auf den Leser je nach Geschlecht und Altersklasse. Überwiegend bei jungen Leserinnen erzeugt das Versetzen in Bellas Lage das Verlangen, sich ebenfalls in ihrer Situation zu befinden. Es weckt die Sehnsucht nach Liebe und Abenteuern. Aber auch der Schutz, welcher Bella durch Edward gewährt ist und seine damit verbundene Zuneigung erwecken ein Verlangen nach Zuwendung. Dadurch wünschen sich hauptsächlich junge Leserinnen einen Partner, der sie ebenso sehr liebt und beschützt wie Edward es bei
9 Ebenda, Seite 507
10 Ebenda, Seite 511
11 Zitat: Dr. Wolfgang Achnitz, Tageblatt Buxtehude: „Ein Wissenschaftler mit Biss“ (siehe Anhang)
Das Irrationale in der Literatur
Bella tut. Demgegenüber lösen die Merkmale des Vampirs eher bei jungen, männlichen Lesern den Wunsch nach überirdischen Fähigkeiten aus. Beispiele dafür sind unendliche Kraft, niemals benötigter Schlaf oder die Eigenschaft, Gedanken lesen zu können. Die Vorstellung, über eine solche Begabung zu verfügen, löst in manchen jungen Lesern das Verlangen nach Stärke aus.
Dadurch, dass die Autorin die Vampire der heutigen Zeit anpasst und die Handlung in der Gegenwart spielt, erhält der Roman trotz des irrationalen Inhalts eine reale Kontur. Das kann möglicherweise bei jungen Jugendliche zu der Überlegung, ob es solche Wesen auch in unserer realen Welt gibt und wir sie lediglich nicht sehen oder nicht als solche erkennen können. Somit entfacht der Roman nicht nur ein Wunschdenken, sondern regt auch die Phantasie des Lesers an.
Die irrationale Komponente des Romans ermöglicht besonders erwachsenen Lesern eine kurzzeitige Abwechslung zum Alltag. Sie dient zur Unterhaltung und zur Entspannung. Grade erwachsene Leser nehmen sich gerne ein solches Buch zur Hand, um nicht mit dem Alltäglichen konfrontiert zur werden. Das Irrationale des Romans wirkt auf sie wie ein Ausbruch aus dem Alltagsleben und zeigt Dinge, die nur in der Phantasie des Lesers möglich sind.
Aufgrund der Tatsache, dass der Roman sehr facettenreich ist, spricht er mehrere Zielgruppen an. Er enthält Auszüge eines Liebesromans und eines Fantasy-Romans, aber auch Action und Abenteuer sind enthalten, was letztendlich den überragenden Erfolg des Buches ausmacht.
4 Leo Perutz: Das Mangobaumwunder
4.1 Inhalt
Kurz vor einer Urlaubsreise erhält der Toxikologe Dr. med. Kircheisen einen dringenden Anruf des Barons Vogh, dem er sofort nachkommt. In der Villa angekommen führt ihn der Baron, ein alter gebrechlicher Mann, zu dem Patienten, seinem Gärtner Ulam Singh, der von einer hochgiftigen Schlange gebissen wurde. Auf dringliche Bitte des Barons beschließt Dr. Kircheisen, seine Reise abzusagen und tut alles um den Gärtner zu retten. Am darauffolgenden Tag erblickt der Doktor
Das Irrationale in der Literatur
die Baronesse Gretl, eine junge Dame, die spielend im Garten sitzt. Aus einem Gespräch mit Fräulein Ziegler, der Verlobten des Barons, geht jedoch hervor, dass die junge Dame, die er für Gretl hielt, gar nicht die Baronesse sei. Dr. Kircheisen schöpft den Verdacht, dass es sich bei dem alten Greis in der Villa nicht um den Baron Vogh handle. Der Plan, den alten Mann zu überführen, scheitert jedoch. Als sich der Zustand des Gärtners verschlechtert, bittet der Baron Dr. Kircheisen um einen großen Gefallen: Er hat von einem Wundermittel, dem Karasin-Serum, gehört, welches einen im Koma liegenden Patienten für einige Minuten zum vollen Bewusstsein führen kann. Nun wünscht sich der Baron, dass der Doktor dieses Mittel auch für seinen Gärtner anwendet. Zunächst verweigert dieser ihm das Serum, als er jedoch ein Gespräch zwischen dem Baron und seinem Diener Phillip belauscht, beschließt er, ihm zu helfen. Am nächsten Tag spritzt er Ulam Singh das Serum, welcher daraufhin aufwacht und gemeinsam mit dem Baron ins Treibhaus verschwindet. Bei deren Rückkehr ist der Baron plötzlich ein junger sportlicher Mann und seine Tochter Gretl ein kleines Kind. Der junge Baron erzählt Dr. Kircheisen von seiner Geschichte: Während einer Indienreise traf er auf Ulam Singh, der in der Lage war, ein bestimmtes Experiment durchzuführen. Dabei konnte ein Lebewesen oder eine Pflanze für einen geringen Zeitraum altern und kurz darauf wieder in junger Schönheit erstrahlen. Aus Neugierde ließ er das Experiment bei sich und seiner Tochter durchführen. Während der Positur wurde dieser jedoch von einer Schlange gebissen und war so nicht mehr in der Lage, das Experiment rückgängig zu machen. Durch das Karasin-Serum war es Ulam Singh nun möglich gewesen, die Positur zu beenden - das letze, was er in seinem Leben getan hatte.
4.2 Verwendung und Funktion des Irrationalen
„Es war ein alter Herr, von ziemlich schlankem, hagerem Wuchs“, 12 der zu Beginn der Lektüre Dr. Kircheisen in seiner Villa empfängt. Die Situation des Arztes scheint zunächst nicht außergewöhnlich. Das eigentlich alltägliche Behandeln des Patienten stellt sich erst dann als mysteriös heraus, als Dr. Kircheisen das Gespräch
12 Leo Perutz, Das Mangobaumwunder
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München, Taschenbuchausgabe August 1998
Seite 12
Das Irrationale in der Literatur
mit Fräulein Ziegler führt. Die vorgetäuschte Krankheit des Barons und die scheinbar falsche Person der Baronesse wecken in dem Arzt die ersten Zweifel gegenüber Herrn Vogh. Bereits hier wird auf den irrationalen Inhalt der Lektüre indirekt hingewiesen. Die Geschichte des Arztes dient als Einlass zu den mysteriösen Vorfällen in der Villa des Barons. Aber auch Dr. Kircheisen wird ein irrationales Merkmal zugeschrieben: das Karasin-Serum. Dieses hat die Fähigkeit, dass es einen Komapatienten „für eine halbe Stunde lebendig machen kann.“ 13 Die Injektion dieses Mittels ist jedoch so verheerend, dass sie „zumeist mit dem Tode infolge Herzlähmung endet.“ 14 Die Wirkung eines solchen Wundermittels ist in der Realität nicht möglich, wodurch dieses Serum den irrationalen Charakter des Buches verdeutlicht. Es dient als Gegenspieler zum Tod, den das Mittel zwar nicht verhindert, jedoch kurzweilig aufhalten kann. Das Spiel mit versteckter Irrationalität ist typisch für den Autor Leo Perutz. Während des Lesens scheint die Injektion nicht unmöglich, da der Autor diese gekonnt mit einem realen Umriss umgibt. Erst bei genauerer Betrachtung wird die Irrealität des Mittels deutlich. Mit der Injektion des Karasin-Serums beginnt die eigentliche irrationale Handlung der Lektüre. Die kurzzeitige Heilung des Gärtners ist der Wendepunkt der unglaublichen Geschichte und das Geheimnis des Barons wird aufgedeckt. Hinter dem Aussehen des Greises verbarg sich ein junger, sportlicher Mann, dessen Körper nun wieder in voller Jugend erstrahlt. Auch die Baronesse ist nun vielmehr ein kleines Kind, als eine junge Erwachsene. Die Verjüngung der Beiden ist der Höhepunkt der zuvor angedeuteten Irrationalität. Das kindische Verhalten der Baronesse und die Kletterreise des Barons finden nun eine plausible Erklärung. Das Experiment, das der Gärtner bei Herrn Vogl und dessen Tochter durchführt, zeigt den irrationalen Spielraum des Alters. Trotz des alt aussehenden Körpers, ist der Geist des Barons immer noch der des jungen Mannes. „…So waren meine eigenen geistigen Kräfte, Gefühle und Empfindungen jung und stark geblieben und nur in einen siechen, greisen Körper gesperrt.“ 15 Der Autor lässt hier eine klare Differenz zwischen Körper und Geist erkennen, wobei der Körper lediglich als eine Hülle des Geistes dargestellt wird. Durch das sekundenschnelle Altern des Barons und der Baronesse wird die Vergänglichkeit des Menschen deutlich. Es zeigt, dass dem Menschen das Erwachsenwerden und das Greisenalter immer bevorstehen. Demzufolge scheint das
13 Ebenda, Seite 76
14 Ebenda, Seite 77
15 Ebenda, Seite 170
Das Irrationale in der Literatur
Leben sehr kurz, da die Endlichkeit der Kindheit und der Jugend deutlich wird. Der Schlangenbiss, der den Gärtner verletzt, wirkt wie eine Bestrafung für den Baron, da dieser wegen seiner Neugierde das lebensgefährliche Experiment bei sich und seiner Tochter durchführen lässt. Durch die plötzliche Gefährdung Ulan Singhs wird deutlich, dass die Ungeduld des Herrn Vogh sein eigenes Verderben bedeuten könnte. „Ja, Übermut war es, Tollheit, Selbstmord!“ 16 Diese Klimax verdeutlicht die anfängliche Hoffnungslosigkeit des Herrn Vogh. Durch die Heilung des Gärtners ist die Verjüngung des Barons möglich. Dadurch wird diesem die Möglichkeit gegeben, sein Leben, ab dem Zeitpunkt des Experiments neu zu ordnen und jeden Augenblick seiner Lebzeiten zu genießen.
4.3 Wirkung des Irrationalen
Betrachtet man die Wirkung des Irrationalen auf den Leser, so muss ein wichtiger Aspekt beachtet werden. Die 1916 erschienene Erstausgabe 17 der Lektüre mag auf die damaligen Leser anders gewirkt haben, als auf die Leser der heutigen Zeit. Beispielsweise das Karasin-Serum wurde als ein undenkbares Mittel zur Heilung der Kranken angesehen. Dessen Wirkung, das Leben ein wenig zu verlängern, schien sehr abstrakt und ließ den Roman daher besonders unglaubwürdig erscheinen. Auf den heutigen Leser wirken die Folgen der Injektion zwar weiterhin zweifelhaft, durch die moderne Medizin und die fortschrittliche Heilkunde jedoch durchaus vorstellbar. Das Leben durch Medikamente zu verlängern, ist in der Gegenwart beinahe alltäglich. Das Karasin-Serum wirkt daher auf den Leser der heutigen Zeit eher wie eine Zukunftsvision statt einer unvorstellbaren Illusion.
Im Gegensatz dazu wirken das Altern und die plötzliche Verjüngung des Barons und der Baronesse auf alle Leser im gleichen Maße irrational. „Ich habe immer mein eigenes Tempo gehabt im Altwerden. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo: der eine beeilt sich, der andere lässt sich Zeit“ 18 . Durch das Experiment wird die Vergänglichkeit des Lebens und vor allem die Flüchtigkeit der Schönheit deutlich.
16 Ebenda, Seite 172
17 http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz , Erste Erfolge und Krieg, Text vom 14.04.2010
18 Leo Perutz, Das Mangobaumwunder
Das Irrationale in der Literatur
Die Angst vor dem Altern und dem Tod treibt viele Menschen zum Wunschgedanken für immer jung zu sein. Durch die Verwandlung des jungen Barons in einen alten, gebrechlichen Mann werden die Ängste dessen auch indirekt auf den Leser übertragen. Herr Vogh befürchtet, nie wieder jugendlich sein zu können und sehnt sich nach seinem jungen Körper. Eben diese Sehnsucht nach Schönheit und Jugend verspüren auch manche Menschen, die sich dem Greisenalter nähern. Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Baron schlagartig gealtert ist, während der Leser schrittweise dem Alter entgegen geht. Daher wirkt die plötzliche Wandlung des Herrn Vogh nicht als nahende Bedrohung, jedoch wird sich der Leser mehr über seine eigene Zukunft und sein Alter bewusst. Trotz des Reichtums und des hohen Standes kann auch der Baron den Lauf des Lebens nicht aufhalten. Mittels des Experimentes kann der Baron zwar einen Blick auf seine Zukunft werfen, kann sie jedoch trotz seiner Verjüngung im Wesentlichen nicht verhindern. Dies zeigt dem Leser, dass jeder Mensch demselben Lebenslauf ausgesetzt ist. Durch die Beendigung des Experimentes wird dem Baron ein Neubeginn ermöglicht. Infolgedessen merkt dieser erst, wie kostbar das Leben ist. Die Geschichte des Barons soll dem Leser vermitteln, dass dieser jeden Augenblick seines Lebens genießen sollte und nicht neugierig in die Zukunft blicken sollte. Denn die Zukunft kommt immer, die Vergangenheit jedoch kehrt nie wieder zurück.
5 Vergleich der Werke
5.1 Vergleich des Irrationalen und dessen Wirkung
Bei der Gegenüberstellung beider Werke fallen einige Differenzen besonders auf. Trotz dessen, das sich beide Bücher mit dem Thema des Alterns und der Vergänglichkeit befassen, wird eben diese Materie sehr differierend behandelt. In Stephanie Meyers Roman „Bis(s) zum Morgengrauen“ werden das Alter und der Tod durch die Unsterblichkeit der Vampire als umgänglich dargestellt.
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München, Taschenbuchausgabe August 1998
Seite 81
Das Irrationale in der Literatur
„Ich hatte gehofft, dass du deine Meinung vielleicht geändert hast und mich doch verwandeln würdest“ - „Du bist also schon […] bereit für das Ende deines Lebens, obwohl es gerade erst begonnen hat.“ 19 Das Leben als Vampir und die damit zusammenhängende Unsterblichkeit werden im Roman als Ende des menschlichen Lebens bezeichnet. Der Tod erhält dadurch einen sehr positiven Charakter, da er von den Vampiren als ein unerreichbares Gut angesehen wird. Anders als im Roman „Das Mangobaumwunder“ scheint der Tod etwas Schönes zu sein. Während sich der Baron in dem Roman vor dem Alter und dem Lebensende fürchtet, wünscht sich Edward, eben die Eigenschaft des Alterns besitzen zu können. Für ihn ist die Unsterblichkeit eher ein Fluch, als ein Gut, während der Baron die Sterblichkeit als Unglück ansieht.
„Ich liebe dich mehr als alles andere in der Welt. Ist das denn nicht genug? Doch […] Genug für alle Zeiten“ 20 , durch die unbegrenzte Zeitangabe des Zitates wirkt das menschliche Leben in „Bis(s) zum Morgengrauen“ sehr langandauernd und der Tod rückt dadurch in weite Ferne. Auch hier zeigt sich wieder die große Differenz zwischen beiden Romanen. Das Leben in „Das Mangobaumwunder“ scheint durch den plötzliche Alterswandel des Barons sehr kurz zu sein. Obwohl sich zwar beide Romane mit dem Leben des Menschen beschäftigen, wird eben dieses sehr unterschiedlich dargestellt.
Jedoch gibt es auch einige Gemeinsamkeiten, die beide Lektüren verbinden. „Ich bin mit dir zum Ball gegangen, […] weil ich nicht will, dass du irgendetwas verpasst.“ 21 Im Roman „Bis(s) zum Morgengrauen“ will Edward, dass Bella jeden Augenblick ihres menschlichen Lebens genießt. Daher wird hier, ebenso wie im Roman „Das Mangobaumwunder“, dem Leser die Kostbarkeit des Lebens zu vermitteln versucht. Die Wirkung des Irrationalen ist bei beiden Romanen sehr ähnlich. Im Roman „Bis(s) zum Morgengrauen“ wird durch das scheinbar perfekte Glück Bellas der Wunsch entfacht, sich ebenfalls in ihrer Situation zu befinden. Diese würde Schönheit, Liebe und Unsterblichkeit bedeuten. „Machen Sie mich wieder jung!“ - „Der alte Traum der Menschheit!“ 22 Auch in Leo Perutz Roman
19 Stephenie Meyer, Bis(s) zum Morgengrauen
Carlsen Verlag GmbH Hamburg, Ausgabe 2008 (Erstausgabe 2005) , Seite 509/510
20 Ebenda, Seite 511
21 Ebenda, Seite 508
22 Leo Perutz, Das Mangobaumwunder
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München, Taschenbuchausgabe August 1998
Das Irrationale in der Literatur
wird die Sehnsucht nach ewiger Jugend und ewigem Leben deutlich. Durch das Unglück des Barons wirken auch dessen Ängste auf den Leser. Der Tod scheint dadurch eher negativ und weckt auch hier den Wunsch der Unvergänglichkeit. Abschließend lässt sich feststellen, dass das Leben in beiden Romanen zwar unterschiedlich dargestellt wird, die Wirkung auf den Leser jedoch viele Parallelen aufweist. Dies lässt erschließen, dass das Irrationale schon immer ein beliebtes Literaturthema war. Der 1916 geschriebene Roman „Das Mangobaumwunder“ befasst sich mit denselben Motiven wie der moderne Fantasy-Roman „Bis(s) zum Morgengrauen“. Dies zeigt, dass sich Autoren bereits vor sehr langer Zeit mit dem Übernatürlichen beschäftigten und dieses niemals an Beliebtheit verliert.
6 Fazit
Literatur mit irrationalem Inhalt bietet nicht nur Unterhaltung und Abwechslung sondern zeigt auch eine Phantasiewelt, in die man sich in seinen Gedanken hineinversetzen kann. Am Beispiel der beiden Romane ist die Wirkung der Irrationalität in Lektüren sehr gut zu erkennen. Solche Werke dienen besonders zur Unterhaltung, lassen den Leser jedoch auch oft über die Grenzen des Lebens hinausdenken. Durch die zeitlich weit auseinanderliegenden Werke wird auch die Standhaftigkeit der irrationalen Literatur deutlich. Während der 1916 erschiene Roman auf die Leser durch das Karasin-Serum noch unmöglich wirkte, ist dessen Wirkung heute eher vorstellbar. Im Gegensatz dazu scheint die Unsterblichkeit, nicht im Sinne des Vampir-seins, sondern im Sinne der menschlichen Ewigkeit unmöglich. Ein Werk des 18. Jahrhunderts, welches von einer Weltraumreise oder einem Mittel gegen Krankheiten gehandelt hätte, wäre als ein irrationales Werk bezeichnet worden. Durch Forschung und neue Techniken wird es den Menschen gelingen, immer weitere Irrationalitäten zu verwirklichen. Diese, die bis heute noch nicht möglich sind, werden in der Phantasie oder auf dem Papier festgehalten und eines Tages wird die irrationale Literatur von heute vielleicht Wirklichkeit werden.
Seite 32
Arbeit zitieren:
Ivana Kettern, 2010, Das Irrationale in der Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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