Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Probleme einer extensionalen Semantik 2
2 Mögliche Welten: erste Schritte in Richtung einer intensio-
nalen Semantik 3
2.1 In der Welt von Sherlock Holmes. 6
2.2 Bezüge zur Bewertungswelt und Quantifikation über mögliche
Welten 9
3 Modalsemantik 12
3.1 Modalverben als Quantoren über mögliche Welten 12
3.2 Kontingenz, Ambiguität und Kontextabhängigkeit 14
3.3 Das Samariter-Paradox 18
4 Schluss 20
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1 Einleitung: Probleme einer extensionalen Semantik
Eine rein extensionale Semantik, wie sie in Heim u. Kratzer (1998) entwickelt wird, ist mit Problemen konfrontiert, die schon Frege erkannte und durch die Spaltung in Sinn und Bedeutung aufzulösen versuchte: (1) Das Problem des unterschiedlichen Erkenntniswertes für Identitätssätze mit korefenten Ausdrücken: a. Der Morgenstern ist der Morgenstern. b. Der Morgenstern ist der Abendstern.
(2) Das Problem der Nicht-Ersetzbarkeit koreferenter Ausdrücke in propositionalen Einstellungssätzen: a. Lois Lane glaubt, dass Clark Kent Clark Kent ist. b. Lois Lane glaubt, dass Clark Kent Superman ist. Morgenstern und Abendstern referieren auf denselben Gegenstand, die Venus. Doch während (1a) eine bloße Tautologie ausdrückt, ist (1b) für einen astronomischen Laien durchaus informativ - beide Sätze haben unterschiedlichen Erkenntniswert. Propositionale Einstellungssätze - d.h. Sätze, die die Einstellung (glauben, wissen, hoffen, wünschen etc.) einer Person gegenüber einer Proposition ausdrücken - werfen ähnliche Probleme auf: Obwohl die Eigennamen Clark Kent und Superman denselben Referenten besitzen und beide eingebetteten Sätze wahr sind, sind sie in „ungeraden“ bzw. intensionalen Kontexten wie (2a) und (2b) nicht salva veritate ersetzbar. Dass Lois Lane glaubt, ihr Kollege Clark Kent sei Clark Kent, ist eine Tautologie, eine logische Wahrheit. Dass sie darüber hinaus glaubt, ihr Kollege Kent besitze Superkräfte und rette in unregelmäßigen Abständen die Einwohner von Metropolis vor dem sicheren Tod, ist eine kontingente Behauptung, die sich als falsch herausstellen kann. Hier liegt scheinbar eine Verletzung des Kompositionalitätsprinzips vor: Der Wahrheitswert eines komplexen Satzes ergibt sich aus den Wahrheitswerten seiner Teilsätze sowie der Art ihrer syntaktischen Verknüpfung. Wie ist es also möglich, dass (2a) und (2b) verschiedene Wahrheitswerte besitzen können, obwohl die eingebetteten Nebensätze beide wahr sind und der Einbettungskontext sich nicht ändert? Eine rein extensionale Semantik, die die Bedeutung von Eigennamen (und definiten Kennzeichnungen) mit ihrem Referenten und jene von Sätzen mit ihrem Wahrheitswert identifiziert, kann intensionalen Phänomenen wie in (1) und (2) nicht gerecht werden, weil sie weder den offensichtlich unterschiedlichen Informationsgehalt von (1a) und (1b) noch den ungerechtfertigten Schluss von (2a) auf (2b) zu erklären imstande ist. Frege trug den oben
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geschilderten Problemen Rechnung, indem er vorschlug, zu jedem sprachlichen Ausdruck neben seiner Bedeutung „noch das verbunden zu denken, was ich den Sinn des Zeichens nennen möchte.“ (Frege, 1892, S. 24) Obwohl Morgenstern und Abendstern, Clark Kent und Superman gleichbedeutend (koreferentiell) sind, unterscheiden sie sich in ihrer Art des Gegebenseins - dem „individuellen Konzept“, welches ihren Referenten festlegt. Wenn man der Comicserie glaubt, erfasst Lane zwar den Sinn sowohl des Eigennamens Clark Kent, der den bebrillten Journalisten des Daily Planet als seinen Referenten herausgreift, als auch jenen des Namens Superman; ist jedoch nicht in der Lage, die Koreferenz beider Namen festzustellen. Als Sinn eines Satzes identifiziert Frege den Gedanken: Gleichbedeutende Sätze, d.h. Sätze von demselben Wahrheitswert, können verschiedene Gedanken oder Propositionen ausdrücken. Entsprechend drücken die beiden Identitätssätze in (1), die die Form a = a und a = b aufweisen, verschiedene
Gedanken aus, obwohl die in ihnen enthaltenen Eigennamen auf denselben Gegenstand, die Venus, referieren. Für in intensionale Kontexte eingebettete Sätze ist deshalb nicht die Extension (= Wahrheitswert), sondern ihre Intension (= Sinngehalt) relevant. Ein Kontext ist intensional (opak), wenn koreferente Determinansphrasen oder äquivalente Teilsätze nicht austauschbar sind, ohne den Wahrheitswert des vollständigen Satzes zu beeinflussen. Doch wie lassen sich Intensionen im Rahmen einer formalen Semantik repräsentieren?
Die vorliegende Arbeit versucht, diese Frage zu beantworten. Abschnitt 2 erläutert an einem Beispiel aus dem Bereich der Fiktion, wie die extensionale Semantik nach Heim u. Kratzer (1998) schrittweise erweitert werden kann, um Äußerungen in intensionalen Kontexten handhaben zu können. Abschnitt 3 behandelt mit Modalverben intensionale Phänomene, die nicht dem Bereich des Fiktiven angehören. Es wird gezeigt, dass Modalverben starke logische Parallelen zu Quantoren aufweisen und als All- und Existenzoperatoren über mögliche Welten analysiert werden können, die in zweifacher Hinsicht kontextabhängig sind. Die Arbeit orientiert sich in Inhalt und Aufbau an von Fintel u. Heim (2005); die Beispiele wurden nur geringfügig verändert.
2 Mögliche Welten: erste Schritte in Richtung einer intensionalen Semantik
Die Beispiele in Abschnitt 1 beschreiben intensionale Phänomene bei weitem nicht erschöpfend, aber sie lassen den Reichtum unserer Sprache an ähnlichen Konstruktionen erahnen. Die natürliche Sprache verfügt über die Eigenschaft
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des Displacement. (Vgl. von Fintel u. Heim, 2005, S. 1f.) Ihre Ausdrucksmöglichkeiten erschöpfen sich nicht im Diskurs über das faktische Hier und Jetzt, sondern ermöglichen die Bezugnahme auf vergangene Ereignisse (tem-poral displacement), kontrafaktische oder bloß mögliche Situationen (modal displacement). Einige Beispiele für modales Displacement: (3) Kontrafaktische Konditionale:
Wenn Frank-Walter Steinmeier die Bundestagswahl gewonnen hätte, wäre der Bundeskanzler der BRD ein Sozialdemokrat. (4) Modale Hilfsverben:
a. In Karlsruhe und Umgebung muss es wohl schneien. b. Marianne muss heute Abend zum Geschäftsessen. c. Damit das Wasser siedet, musst du es auf 100 ◦ C erhitzen.
d. Nach dem „Sandmännchen“ musst du ins Bett gehen. e. Ich muss niesen. (5) Modaladverbien:
a. Möglicherweise wird es morgen in Stuttgart schneien. b. Notwendigerweise erschien Karl mit Krawatte beim Sektempfang. (6) Einstellungverben (Propositionale Einstellungssätze): a. Hans glaubt, dass er von einem Spion observiert wird. b. Peter wünscht sich, dass an seinem Geburtstag die Sonne scheint. (7) Substantive:
Es besteht keine Notwendigkeit, Tierversuche für die Kosmetikindustrie durchzuführen.
Wie die Beispiele (3) - (7) zeigen, ist unsere Sprache reich an modalen Konstruktionen, die intensionale Kontexte erzeugen. Modale Hilfsverben wie müssen, können, wollen, sollen, dürfen oder brauchen können einer Proposition verschiedene Arten modaler Bedeutung verleihen. Wie die Beispielsätze in (4) zeigen, scheinen 1 modale Hilfsverben ambig zu sein; das Modalverb müs-
sen erlaubt verschiedene Lesarten: In (4a) ist die epistemische Lesart naheliegend. Unter Voraussetzung von physikalischem Hintergrundwissen und verfügbarer Evidenz - beispielsweise Schneereste auf einem PKW mit Karlsruher Kennzeichen - kann eine Person der gerechtfertigten Überzeugung sein, dass es in Karlsruhe schneien muss. (4b) drückt eine Verpflichtung aus; das
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Ob man bei Modalverben tatsächlich von einer Ambiguität ausgehen muss, wird in Abschnitt 3 diskutiert.
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muss hat deontische Bedeutung. (4c) nennt das notwendige Mittel zu einem Ziel oder Zweck; hier erzeugt das Hilfsverb eine teleologische Modalität. Betrifft die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Handlung oder eines Zustands die Wünsche oder Vorlieben einer Person, so spricht man von buletischer Modalität. (4d), von einer besorgten Mutter gegenüber ihrem Sprössling geäußert, erzeugt eine buletische Lesart. Wird vor dem Hinter-grund einer bestimmten kontingenten Menge von Umständen von Notwendigkeit oder Möglichkeit gesprochen, so bezeichnet man dies als circumstantielle oder dynamische Modalität. Wird (4e) beispielsweise von einem Allergiker an einem Frühlingstag geäußert, so weist der Satz auf den Um-stand des starken Pollenflugs hin, der das Niesen für einen Pollenallergiker notwendig macht. Von alethischer oder metaphysischer Modalität schließlich spricht man vor dem Hintergrund des logischen Status von Aussagen: Ein logisch wahrer Satz (eine Tautologie) ist notwendig wahr, eine kontingente Aussage ist möglicherweise wahr und eine Kontradiktion notwendigerweise falsch bzw. unmöglich wahr. 2
Verben wie glauben, hoffen, wünschen, wähnen oder meinen drücken die Einstellung einer Person gegenüber einer Proposition aus und erzeugenwie die Adverbien notwendiger- und möglicherweise sowie modale Adjektive und Substantive - intensionale Kontexte. Aber was ist die Intension eines Satzes? Einer weithin akzeptierten Auffassung zufolge sind Intensionen Funktionen, die jeder möglichen Welt w die Extension (= Wahrheitswert) eines sprachlichen Ausdrucks α in der jeweiligen Welt zuweisen: λw.α w,a . Alternativ kann man die Intension eines Satzes auch als charakteristische Menge darstellen, deren Elemente jene möglichen Welten bilden, in denen die Proposition wahr ist. Am Beispiel der kontrafaktischen Konditionale (3) wird der Begriff der möglichen Welt deutlich: Häufig nehmen wir auf bloß mögliche Sachverhalte Bezug - wir formulieren Antworten auf die Frage „Was wäre gewesen, wenn ...?“ Eine mögliche Welt ist also ein Modell dessen, wie unsere Wirklichkeit hätte beschaffen sein können; sie ist eine rational denkbare Alternative zur aktualen Welt, die sich von unserer wirklichen Welt in einem Detail oder in mehreren Aspekten unterscheidet, ihr andererseits im Hinblick auf fundamentale logische Prinzipien gleicht. Chaotische Welten, in denen die Gesetze der Aussagenlogik außer Kraft gesetzt werden, sind also kein Element der Menge möglicher Welten - dennoch sind potentiell unendlich viele verschiedene Welten denkbar.
2 Die hier vorgenommene Klassifizierung von Modalität orientiert sich an von Fintel (2006) und wird von einigen weiteren Autoren unterschiedlich vorgenommen. Beispielsweise unterscheidet Kratzer (1991) nur epistemische, deontische und circumstantielle Modalität.
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts (B.A.) Inga Bones, 2010, Formale Semantik und mögliche Welten - erste Schritte in Richtung einer Modalsemantik, München, GRIN Verlag GmbH
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