A. Einleitung
Brasilien ist der flächen- und bevölkerunsmäßig fünftgrößte Staat der Erde und mit über 186 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat Südamerikas. Die derzeitige demographische Struktur zeigt, dass die Bevölkerung sehr jung ist. 28,2% der Einwohner sind unter 15 Jahren. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist in kaum einem Land so groß wie in Brasilien. Die dunkelhäutigen Afrobrasilianer sind in der armen Bevölkerung überdurchschnittlich häufig vertreten und durch die herrschende soziale Ungleichheit stark benachteiligt.
„Als „soziale Ungleichheit“ bezeichnet man Lebensbedingungen (Arbeitsbedingungen, Einkommen, Vermögen, Bildungsgrad, etc.), die es Menschen erlauben, in ihrem alltäglichen Handeln allgemein geteilte Ziele eines „guten Lebens“ (wie z.B. Gesundheit, Sicherheit, Wohlstand, Ansehen) besser als andere Menschen zu erreichen.“ (Hradil 2004, S. 195).
Die sozialen und ökonomischen Auswirkungen sozialer Ungleichheit werden vielfach in der Soziologie untersucht und sollen in dieser Hausarbeit anhand eines brasilianischen Elendsviertels dargestellt werden, nachdem dieses beschrieben wurde. Des weiteren wird auf die Veränderung der sozialen Lage von Betroffenen und der damit verbundene Eingriff in das Gefüge des Viertels durch das deutsche Hilfsprojekt, „Casa Legal“ (tolles Haus) eingegangen, das ich mitbetreue und im Jahre 2006 auch für längere Zeit besucht habe.
B. Hauptteil
1. Beschreibung des Viertels Nova Esperan ç a 1.1 Äußere Beschaffenheit und natürliche Umwelt
Nova Esperança ist Teil der Stadt Cariacica im brasilianischen Bundesstaat Espiríto Santo („Heiliger Geist“) und liegt nahe der Hauptstadt Vitória (s. Anhang 2, Abb. 1). Ins Deutsche übersetzt bedeutet Nova Esperança sinngemäß „Neue Hoffnung“. Anders als die Favelas¹ in den großen Städten von Brasilien, kann das Viertel als „arme Gemeinde“ oder Elendsviertel kategorisiert werden.
¹ Als Favela werden die meist in Randlagen der Großstädte Brasiliens liegenden Armenviertel bezeichnet. Die Bewohner verfügen
nicht über legalen Grundbesitz, deshalb werden die Siedlungen auch als informell bezeichnet. Die Behausungen in Favelas bestehen
aus Stein und Holz, wie auch aus Abfallprodukten. Sie werden oft als „Stadt in der Stadt“ bezeichnet und sind weitgehend
unabhängig von der offiziellen Stadtverwaltung organisiert, oft unter der Leitung des Anführers des dortigen Drogenrings. Deshalb
gestaltet sich die Lebensqualität der Bewohner in den einzelnen Favelas auch durchaus unterschiedlich. Der Ursprung der
Bezeichnung für die Armenviertel kommt von einer brasilianischen Kletterpflanze, welche den Namen Favela trägt. Ähnlich wie die
Kletterpflanze siedeln sich die Armenviertel in Rio De Janeiro und anderen Großstädten an den Bergen an und "klettern diese hoch"
- daher der Name. Ähnliche informelle Siedlungen bestehen auch in vielen anderen Entwicklungsländern unter anderen
Bezeichnungen. Favelas als Slums zu bezeichnen, ist begrifflich nicht ganz richtig, da sie nicht durch den Verfall städtischer Zonen,
sondern durch unkontrollierte Besiedlung entstehen. (vgl. Blum/Neitzke 2004, S.8-16)
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Es ist außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen und zählt zu den Randbezirken. Geographisch liegt Nova Esperança ca. 30 km von der Ostküste entfernt im Landesinneren in grün bewachsenem Hügelland. Das Klima ist sehr heiß und stickig, im Sommer werden Temperaturwerte bis 40°C erreicht. Eine Verbindung durch Busverkehr in die Stadt ist vorhanden, jedoch existiert kein regelmäßig eingehaltener Fahrplan. Seit ungefähr einem Jahr ist die Hauptstraße, die sich durch das Viertel zieht, als einzige Straße geteert. Der Rest der Straßen sind orange-rote Sandwege, die von biologischen und industriellen Abfällen gesäumt sind, z.B. Essensreste, kaputte Möbel, tote Tiere oder auch benutzte Windeln. Die Straßenlaternen und Strommasten an den Straßenrändern sind durch unzählige Kabel verbunden, die die Familien mit Strom versorgen sollen. An den gespannten Leitungen in der Luft hängen Reste von Papierdrachen. Sie sind Zeugnis des beliebten Kinderspielzeugs, selbstgebaut aus einfachem Papier und dünnen Holzstäbchen, auf das auch die Erwachsenen und Jugendlichen nicht verzichten. Am Rande der Siedlung ist ein kleiner Teich, obwohl das Wasser schlammig und voller Algen ist, wird er von den Kindern des Viertels häufig zum Baden genutzt. Die Häuser der armen Gemeinde wirken einfach in der Bauweise und sind nach europäischen Maßstäben ärmlich und unzureichend ausgestattet. Meist bestehen sie aus Ziegelsteinwänden und einem Wellblechdach, häufig sind es auch improvisierte Holzbaracken (s. Anhang 2, Abb. 2). Vollständig fertig gestellt und verputzt sind nur wenige. Über einen Wasseranschluss verfügen mittlerweile alle Häuser, jedoch nicht zwangsweise über Sanitäranlage mit Wasserzufluss. Das Wasser wird zum Duschen in Eimer gefüllt und über den Körper geschüttet, die Toilletenspülung funktioniert gleichermaßen. Das Abwasser sickert entweder in einer verschlossenen Grube hinter dem Haus in die Erde oder wird direkt auf die Straße vor dem Haus geleitet, da es kein öffentliches Abwassersystem gibt. Eine typische Küche besteht aus einem Gasherd, einem kleinen Geschirrschrank und einem außerhalb des Hauses angebrachten Spülbecken, das auch zum Waschen der Kleidung benutzt wird. Elektrische Geräte, wie sie in Deutschland in keinem Haushalt fehlen, kennen viele der Bewohner nicht. Nur im Bereich der Unterhaltungsmedien, wozu Fernsehen und Radio zählen, sind die Familien versorgt, da solche Geräte im Müll gefunden und repariert werden oder von Schrotthändlern billig erworben werden können. Um das Haus herum ist meist ein Stacheldraht gespannt, der das Grundstück markiert und als Wäscheleine dient. Hinter dem Haus, zwischen exotischen Obstbäumen und bunte Blumen, hat nahezu jede Familie ihr persönliches Schrottdepot.
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1.2. Die Bewohner
1.2.1. Ethnische Herkunft und äußeres Erscheinungsbild
Die Bewohner Nova Esperanças sind in der Regel dunkelhäutig mit lockigem oder krausem Haar. Ihre Herkunft ist sehr unterschiedlich und reicht von indigenen Urvölkern Brasiliens, über afrikanische, portugiesische bis zu vereinzelt italienischer und deutsch-pommerischer Abstammung. Die ethnischen Herkunftsgruppen haben sich mittlerweile so vermischt, dass so genannte „Negros“ (Afrobrasilianer) mit blauen oder grünen Augen und blondem Haar zu finden sind. 50 % der Einwohner sind Kinder, ca. 30 % Frauen und 20 % Männer, wobei in Brasilien Kinder nur bis zum 12. Lebensjahr als solche erfasst werden. Die Kleidung der Menschen besteht meist aus industriell gefertigtem Polyesterstoff in bunten Farben. Ältere Menschen tragen häufig die ursprüngliche, ländlich einfache Bauernkleidung. Streng gläubige Christen pflegen Anzüge mit Hemd und Krawatte zu tragen, Frauen tragen knielange Röcke und lange Haare. Jugendliche Mädchen tragen knappe Kleidung und gelen ihre Haare glattgezogen zu einem Pferdeschwanz zusammen. Natürlich offen getragenes Haar gilt als ungepflegt. Mit selbstgebauten Tatowiermaschinen, die aus einer Gabel als Grundgerüst und Halter, einer Nähnadel an der Spitze und einer Tintenpatrone (meist Kugelschreiber) bestehen und mit einem Motor von Spielzeugautos betrieben werden, lassen sich Erwachsene und Jugendliche Schriftzeichen oder Bilder in die Haut stechen.
1.2.2. Geographische Herkunft
Der Bundesstaat Espiríto Santo zählt aufgrund seiner guten geographischen Lage am Atlantischen Ozean und seinen reich vorhandenen Bodenschätzen in Brasilien zu den vermögenden Gegenden. Die angrenzenden Nachbarstaaten Bahia und Minas Gerais sind deutlich ärmer und dadurch weniger attraktive Siedlungsgebiete. Deshalb erfolgt eine stetige Zuwanderung speziell in die Stadtnähe Vitórias, der Hauptstadt von Espiríto Santo, wozu auch Nova Esperança als Randgebiet zählt. So kommt es immer mehr zu einer Urbanisierung des Gebietes, einer Verstädterung durch die zusätzlich stattfindende Land-Stadt-Wanderung der Menschen. Dieses enorme Wachstum der Städte stellt die Verwaltungen vor nahezu unlösbare Schwierigkeiten, wie z.B. die Versorgung mit Trinkwasser, Unterkünften und anderen bedürfnisbefriedigenden Maßnahmen und die Lösung der sich aus der Zuwanderung ergebenden demographischen und wirtschaftlichen Folgen. (Höpflinger 1997, S. 107 und S.136). Die Migranten haben die
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Hoffnung ihre finanzielle Situation verbessern und ihr Leben noch einmal neu beginnen zu können, doch angekommen müssen sie feststellen, dass die Bedingungen für die arme Bevölkerungsschicht auch in der neuen Heimat nicht besser sind. Viele können nicht, wie erwartet, von der besseren wirtschaftlichen Lage profitieren und bleiben arbeits- und mittellos. Ohne Geld jedoch können sie nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren. Da das Viertel schon vor mehr als 50 Jahren durch illegale Ansiedlung entstand, leben auch viele der Einwohner seit Kindheitstagen an dort und haben die nähere Umgebung teilweise noch nie verlassen. Den ca. 30 km entfernten Strand und das Meer haben die wenigsten von ihnen jemals gesehen.
2. Soziale Ungleichheit
Nach diesem Überblick über das Habitat² der Bewohner und ihre örtliche und ethnische Herkunft, werde ich im folgenden Teil auf die sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen eingehen, deren Auswirkungen erörtern und die ungleiche Zugangsmöglichkeit zu Ressourcen beleuchten.
2.1. Definition und Erläuterung des Begriffs
„Soziale Ungleichheit im weiteren Sinne (strukturierte soziale Ungleichheit) liegt überall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zuganges zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/oder sozialen Positionen, die mit ungleichen Macht- und/oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden.“ (Kreckel 2004, S. 17)
Soziale Ungleichheit beschreibt also die ungleiche Verfügung über zentrale Ressourcen und die ungleiche Zugangsmöglichkeiten zu diesen. Nach Stefan Hradil liegt sie dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung im sozialen Beziehungsgefüge von den „wertvollen Gütern³“ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten (Hradil 2001, S. 30). In dieser Arbeit soll nicht auf die Gewinner dieser Umstände (diejenigen, denen mehr Ressourcen zur Verfügung stehen) eingegangen werden, sondern auf die Benachteiligten, denen es an ausreichend Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse fehlt. Ein Bedürfnis ist ein interner Zustand weg vom für den Organismus befriedigenden Zustand (Wohlbefinden). Durch dieses entsteht ein Spannungszustand, der das Individuum zu einer Reaktion auf das entstandene Defizit motiviert und dadurch ein nach außen gerichtetes Verhalten bezweckt (Staub-Bernasconi 2007, S. 170).
² „Ort, an dem ein Organismus anzutreffen ist.“ (Germain/Gitterman 1999, S. 34)
³ dazu zählen: Geld, die Berufsstellung, Bildungsabschlüsse, Lebens- und Arbeitsbedingungen oder auch Macht
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Arbeit zitieren:
Matthias Riepl, 2009, Auswirkungen sozialer Ungleichheit, München, GRIN Verlag GmbH
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