INHALTSVERZEICHNIS
I INHALTSVERZEICHNIS 1
1 Einleitung. 3
2 Die Grüne Revolution 5
2.1 Der Ablauf der Grünen Revolution am Beispiel Philippinen 5
2.1.1 Ausgangslage 5
2.1.2 Der Ablauf der Grünen Revolution 6
2.2 Die Grüne Revolution in Afrika 7
2.3 Kritik an der Grünen Revolution 9
2.3.1 Ausschluss der Landbevölkerung von Saatgutzucht 10
2.3.2 Abhängigkeit von Düngemittel 10
2.3.3 Einsatz von Spritzmitteln 11
2.3.4 Quantität statt Qualität 13
2.3.5 Verlust an Agrarbiodiversität 14
3 Zwischenfazit 15
4 Gentechnik in der Landwirtschaft 16
4.1 Die wichtigsten Verfahren in der Gentechnik. 18
4.1.1 Insektentoleranz 18
4.1.2 Herbizidtoleranz 19
4.1.3 Stresstoleranz 20
4.1.4 Erhöhter Nährstoffgehalt 20
5 Akteure der Gentechnik 21
5.1 Private Firmen 21
5.1.1 Monopolstellung der Firmen 22
5.1.2 Hybridsaatgut und Terminator-Technologie 24
5.2 International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications 25
(ISAAA) 25
6 Aktuelle Situation 26
6.1 Bebaute Fläche und Anzahl der Landwirte 26
6.2 Angebaute Pflanzen 29
6.3 Der Goldene Reis 30
6.3.1 Initiatoren des „Goldener Reis Projekts“ 31
6.3.2 Entwicklung des Goldenen Reises 32
6.3.3 Gründe, die einen Anbau von gentechnisch verändertem Reis.
verzögern 33
6.4 Regionale Entwicklung 34
6.4.1 China 34
6.4.2 Indien 34
6.4.3 Südamerika 36
6.4.4 Afrika 37
6.4.4.1 Südafrika 38
6.4.4.2 Andere Länder innerhalb Afrikas 39
7 Argumente der Gentechnikbefürworter 41
7.1 Armutsbekämpfung durch höhere Gewinne 42
7.2 Gesundheitliche und Ökologische Vorteile durch Einsparung chemischer
Pflanzenschutzmittel 45
7.3 Schnellere Reaktion auf Veränderungen 46
7.4 Gentechnisch veränderte Pflanzen als Klimaschützer 50
8 Kritik an der Gentechnik 51
8.1 Institutionen und Personen 52
8.2 Gefährdungspotential der Grünen Gentechnik 52
8.2.1 Gesundheitliche Risiken für den Menschen 52
8.2.2 Biologische Gefährdung durch Gentransfer 54
8.2.3 Gefährdung der Biodiversität 56
8.2.4 Keine Hungerbekämpfung durch G-MPflanzen 57
9 Öffentliche Diskussion um die Gentechnik 60
10 Abschließende Bewertung 62
II LITERATURVERZEICHNIS 66
Einleitung
Die Welt hat sich in den letzten 100 Jahren stärker verändert als in den fünf Jahrhunderten zuvor. Die Bevölkerung hat in den letzten 50 Jahren rasant zugenommen und wächst vor allem in Entwicklungsländern noch immer sehr stark (UNO 2010). Elektrizität, fließendes Wasser und Nahrungsmittel stehen nur einem Teil der Weltbevölkerung konstant zur Verfügung. Der Großteil der Menschheit aber, muss auf diese Annehmlichkeiten verzichten. Die Erde ist aufgeteilt in Industriestaaten und Entwicklungsländer. Die Erklärungen, wie es zu einem solchen Unterschied kommt sind so unterschiedlich wie die Lösungsansätze für einen Weg aus der Armut. Zu den ohnehin schon schwierig zu lösenden Problemen der Unterentwicklung und Nahrungsmittelknappheit in einigen Regionen der Erde kommt seit einigen Jahren die Befürchtung eines bevorstehenden Klimawandels. Prognosen gehen davon aus, dass einige Regionen der Erde trockener werden, während Andere an zu häufigen und starken Niederschlägen leiden werden (UNFCCC 2010). Die Aussicht auf ein baldiges Aufbrauchen fossiler Brennstoffe sorgt nicht nur für steigende Preise auf den Rohstoffmärkten, sondern führt auch zu steigenden Preisen bei Lebensmitteln. Der Grund dafür liegt unter Anderem darin, dass landwirtschaftliche Flächen, die ursprünglich für die Versorgung mit Nahrungsmitteln gedacht waren, für den Anbau von Pflanzen für Biotreibstoff benutzt werden. Die Landwirtschaft ist in einem besonderen Maße von Veränderungen betroffen und Teil eines interagierenden Geflechtes. Fast drei Milliarden Menschen arbeiten als Landwirtinnen und Landwirte und auch wenn sich ein großer Teil der Weltbevölkerung scheinbar von der Landwirtschaft gelöst hat, so müssen die Überschüsse aus der Landwirtschaft die restliche Bevölkerung ernähren (FAO 2010 a). Für das Jahr 2050 wird eine Weltbevölkerung von 9,1 Milliarden Menschen vorhergesagt (FAO 2010 a). Die Landwirtschaft steht unter enormem Druck, mit einer steigenden Weltbevölkerung, einem sich verändernden Klima, und einer Welt, die auf der Suche nach alternativen Energiequellen ist, fertig zu werden. In den Medien ist eine Diskussion entbrannt, wie man den bevorstehenden Herausforderungen am besten gerecht werden kann. Der Ruf nach einer Revolution der Landwirtschaft zur Verbesserung und Steigerung der Erträge wird laut. Doch diese Forderung ist keineswegs neu. Die Landwirtschaft hat sich schon immer einem ständigen Wandel unterzogen, um sich einer verändernden Umwelt sowie einer im Laufe der Zeit gestiegenen Nachfrage anzupassen. Eine erste geplante, überregionale
Agrarrevolution begann bereits in den 1960er Jahren. Die sogenannte Grüne Revolution hat die Landwirtschaft vor allem in Asien nachhaltig verändert. „Since the mid-1960s the world has managed to raise cereal production by almost a billion tonnes. Over the next 30 years it must do so again” (FAO 2010 b). Inzwischen steht die Welt erneut vor einer Revolution der Landwirtschaft: der gentechnischen oder auch gelben Revolution. Auf sie werden große Hoffnungen gesetzt und Befürworter versprechen, dass es durch die Gentechnik möglich sein wird, nachhaltig und ökologisch zu produzieren, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sowie Armut und Hunger weltweit zu bekämpfen. Die Kritiker der Gentechnik sehen dagegen eine ökologische und gesundheitliche Katastrophe auf die Menschheit zukommen. Unabhängig von beiden Meinungen zeigen Statistiken, dass gentechnisch veränderte Pflanzen in einigen Ländern der Erde auf dem Vormarsch sind, während andere Länder sich weigern eine Zulassung für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zu erlassen. Die Fronten zwischen Gentechnik Befürwortern und Gegnern sind verhärtet. Die vorliegende Arbeit wird sich vor allem auf die Situation in Entwicklungsländern beziehen und soll dazu beitragen, die Diskussion um die Gentechnik als Hilfe zur Armuts- und Hungerbekämpfung sowie das Für und Wider einer Anwendung in der Landwirtschaft, sachlich zu betrachten. Um die aktuelle Situation zu verstehen, ist es nötig einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und das Vorgehen, sowie das Ausmaß der Grünen Revolution in Entwicklungsländern zu untersuchen. Es wird versucht, etwaige Parallelen zwischen der Grünen und der Gelben Revolution zu ziehen. In einer sachlichen Sichtweise sollen die Argumente der Befürworter sowie der Kritiker der Gentechnik dargestellt und analysiert werden. Eine Betrachtung der aktuellen Situation bezüglich Anbau und Akzeptanz von Gentechnik in Entwicklungsländern soll zeigen, in wie weit diese neue Art der Pflanzenzucht bereits zur Realität geworden ist. Natürlich ist es nicht möglich in dieser Arbeit eine gesamte Bestandsaufname darzustellen. Vielmehr wird versucht, durch Betrachtung und Analyse einzelner Ausschnitte, einen Einblick in die Diskussion und ihre Auswirkungen bezüglich der Gentechnik zur Armuts- und Hungerbekämpfung in Entwicklungsländern zu ermöglichen. Abschließend soll keine Empfehlung dargebracht werden, sondern eine sachliche Betrachtung von Vor- und Nachteilen dazu beitragen, die aktuellen Vorgänge und Diskussionen zu verstehen.
2 Die Grüne Revolution
Unter der Grünen Revolution versteht man eine „Agrarentwicklungsstrategie, die auf Ertragssteigerung von Nahrungspflanzen durch kombinierten Einsatz von Hochertragssaatgut […], Agrochemikalien und Bewässerung abzielt“ (SPIELMANN 1989). Die Forschung nahm ihren Anfang in den 1930er Jahren in den USA, wo gezielt Hochertragssaatgut (High Yielding Varieties: HYV) gezüchtet wurde. Die Rockefeller Stiftung mit Sitz in New York initiierte erstmals in den 1940er Jahren Projekte zur Entwicklung ertragreicherer Mais- und Weizensorten, mit dem Ziel, die Nahrungsmittelversorgung in Entwicklungsländern zu verbessern (The Rockefeller Foundation 2010). In den 1960er Jahren wurde auf den Philippinen das Internationale Reisforschungsinstitut gegründet, das die Entwicklung von Hochertrags-Reissorten zur Aufgabe hatte. Die Grüne Revolution hatte zur Folge, dass sich sowohl die Ernteerträge bestimmter Grundnahrungsmittel, als auch die Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika und Asien fast verdoppelten (Rockefeller Foundation 2010, SPIELMANN 1989). Die Grüne Revolution ist als Paket von Strategien zu sehen, dass nicht nur die landwirtschaftliche, sondern auch die ländliche Entwicklung zum Ziel hatte und noch immer hat.
2.1 Der Ablauf der Grünen Revolution am Beispiel Philippinen
Am Beispiel Philippinen soll verdeutlicht werden, wie die Grüne Revolution nachhaltig ein ganzes Land veränderte. Die Philippinen stehen hierbei als Paradebeispiel für viele andere asiatische Länder. Die Grüne Revolution hat sich zwar in jedem Land anders abgespielt, jedoch können viele Parallelen gezogen werden.
2.1.1 Ausgangslage
Das Grundnahrungsmittel auf den Philippinen war und ist Reis. Da das Land nicht in der Lage war selbst genügend Reis zu produzieren, wurde Reis jahrhundertelang importiert (PELEGRINA 2001: 23). Wie Tabelle 1 zeigt, wurde aus dem Reis-Import-Land im Zuge der Grünen Revolution ein Reis-Export-Land. Im Folgenden soll diese Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Landwirtinnen und Landwirte näher betrachtet werden. Wie bereits erwähnt, werden aufgrund der besonders guten Untersuchung viele Bespiele aus den Philippinen verwendet, die sich aber in ähnlicher Weiße auch in anderen Entwicklungsländern vollzogen haben.
Tab. 1: Deckung des Landesbedarfs an Reis der Philippinen
durch Eigenproduktion und Import
Verändert nach PELEGRINA 2001: 24
2.1.2 Der Ablauf der Grünen Revolution
Die Regierung der Philippinen gründete 1960 in Kooperation mit der Rockefeller Stiftung das International Rice Research Institute (IRRI), das die Erforschung und Neuzüchtung von besseren Reissorten zur Aufgabe hatte. Im Jahre 1962 wurde von der philippinischen Regierung das Reisprogramm initiiert, das eine Eigenversorgung der Bevölkerung mit Reis und Mais zum Ziel hatte. Der Reisertrag sollte um 30 Prozent erhöht werden. Die Strategie zum Erreichen dieses Zieles beinhaltete unter anderem eine gesicherte Saatgutversorgung, den Einsatz von chemischen Düngemitteln und Pestiziden sowie umfangreiche Kredit- und Beratungsprogramme für die ländliche Bevölkerung (PELEGRINA 2001: 24-26). Dem IRRI gelang es durch Einkreuzen verschiedenster asiatischer Reissorten, eine Sorte zu züchten, die weniger hoch wuchs, dafür aber schneller und mehr Ertrag brachte als andere Reissorten. 1966 wurde mit der intensiven Produktion von Saatgut der Reissorte, die IR8 genannt wurde, begonnen. Weitere Hochertragssorten folgten. (HARGROVE & COFFMANN 2006: 37). Damit HYVs wie etwa die IR8 Reissorte mehr Ertrag abwerfen als konventionelle Reissorten, bedarf es Investitionen bezüglich Düngemittel und Maschinen. Die Regierung der Philippinen gewährte den Kleinbauern Kredite mit einer Verzinsung von einem Prozent, ohne dass diese Land oder andere Besitztümer als Sicherheiten vorweisen mussten, solange die Bauern Technologien der Grünen Revolution anwendeten. Dieses Kreditvergabesystem wurde unter dem Namen Masagana 99 vermarktet. Der Name wurde bewusst ausgewählt. Masagna ist das philippinische Wort für „Überfluss“, während die Zahl 99 für den angestrebten Ertrag steht (99 Sack ungeschälter Reis pro Hektar) (PELEGRINA 2001: 26). Die Philippinen wurden innerhalb von drei Jahren von einem traditionellen Importeur zu einem
Nettoexporteur von Reis. Die Hochertragssorten können, bei richtigem Anbau, einen Ertrag von bis zu sechs Tonnen pro Hektar erbringen. Die traditionell angebauten Sorten auf den Philippinen schafften dagegen nur etwa 1,7 Tonnen pro Hektar (PELEGRINA 2001: 25-26). Das Ziel der Grünen Revolution schien erreicht, da das Land sich selbst versorgen konnte und die Bäuerinnen und Bauern aufgrund höherer Ernteerträge auch auf ein höheres Einkommen hoffen durften. Wie auf den Philippinen hat die Grüne Revolution auch in anderen Entwicklungsländern dazu beigetragen, die Ernteerträge vor allem bei Reis zu erhöhen. „Überall, wo die Grüne Revolution gezielt gefördert wurde, stieg die Produktionsmenge signifikant an“ (LEISINGER 1987: 18). Moderne Reissorten wurden im Jahr 2000 in Süd- und Ostasien auf etwa 80 Prozent der Anbaufläche angebaut, während es im Jahr 1970 weniger als 10 Prozent waren (Weltentwicklungsbericht 2008: 60). Die HYVs haben sich durchgesetzt und können, betrachtet man die mengenmäßige Steigerung, durchaus als Erfolg betrachtet werden. Es gibt allerdings auch Stimmen, die die Grüne Revolution als gescheitert ansehen, da sie angeblich mehr Probleme aufgeworfen hat, als es vor der Umstellung der Landwirtschaft gab. Zudem wird kritisiert, dass nicht alle Teile der Welt gleichermaßen von den Vorteilen der Grünen Revolution profitiert haben. Vor allem in Afrika, so die Kritiker, hat die Grüne Revolution nur wenig Positives bewirken können.
2.2 Die Grüne Revolution in Afrika
Während in Asien und Lateinamerika sowohl die Erträge je Hektar, als auch die Pro Kopf Produktion anstiegen, ist der Ernteertrag je Hektar im südlich der Sahara gelegenen Afrika kaum gestiegen. Bei Betrachtung der Pro Kopf Produktion ist sogar eine Verschlechterung zu verzeichnen. Afrika wurde im Zuge der Grünen Revolution nicht etwa vernachlässigt, vielmehr wirkten geplante Verbesserungen dort nicht oder anders als in Asien und Lateinamerika. Die Ursachen hierfür liegen in völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen der afrikanischen Bevölkerung zu Beginn der Grünen Revolution. Afrika besitzt eine viel komplexere Agrarökologie als Asien und Lateinamerika und es werden mehr Anbaumethoden praktiziert als dies in Entwicklungsländer auf anderen Kontinenten der Fall ist. Die Landbevölkerung lebt teilweise zerstreuter als in Asien oder Lateinamerika. Während in Subsahara Afrika 29 Einwohner pro Quadratkilometer leben, sind es in vielen Gebieten Asiens fast zehnmal so viele Menschen (Weltentwicklungsbericht 2008, 63).
Abb. 1: Getreideernte in Tonnen je Hektar und prozentuale Veränderung der
Nahrungsmittelproduktion pro Kopf seit 1961
Quelle: TOENNIESSEN et al 2008: 235.
Zum Teil ist diese geringe Bevölkerungsdichte auch der Grund dafür, dass es nur wenige oder schlechte Straßen und ein nur spärlich ausgebautes Schienennetz in Afrika gibt. Ein großer Teil der Bevölkerung hat keinen Marktzugang und somit auch keine Absatzmöglichkeiten für Ihre Produkte. In Asien waren zu Beginn der Grünen Revolution bereits eine ausreichende Infrastruktur und genügend Straßen vorhanden, was die Transaktionskosten und Marktrisiken anders als in Afrika niedrig hielt. In Subsahara-Afrika liegt der Prozentsatz der Bevölkerung mit schlechtem Marktzugang auch heute noch bei 30 Prozent, während die Zahl in Südasien bei nur 5 Prozent und in Ostasien bei etwa 17 Prozent liegt (Weltentwicklungsbericht 2008: 64-65) (vgl. Abb. 14 S. 58). Die fehlende Infrastruktur und die schlecht entwickelten Märkte sind mit Schuld daran, dass Afrika auch im Bereich des Düngemitteleinsatzes hinterher hinkt. „Im Schnitt müssen die Bauern in Subsahara Afrika doppelt so viel Getreide verkaufen wie asiatische oder lateinamerikanische Bauern, um bei hohen Düngerpreisen ein Kilo Düngemittel zu kaufen“ (Weltentwicklungsbericht 2008: 63). Ein weiterer Grund für das Scheitern der Grünen Revolution in Afrika ist die Tatsache, dass in Afrika die Methode des Bewässerungsanbaus nur wenig verbreitet war und ist. Viele HYVs jedoch, können nur mit intensiver Bewässerung kultiviert werden. Während in Subsahara-Afrika vor der Grünen Revolution etwa vier Prozent der Anbaufläche bewässert wurden, waren es in Asien 34 Prozent (Weltentwicklungsbericht 2008: 63). Die Investitionskosten, die für eine Umstellung der Landwirtschaft auf Bewässerungsfeldbau nötig gewesen wären, konnten von Afrika nicht getragen werden. Die Strategien der Grünen Revolution, die die
Produktion in Asien und Lateinamerika steigerten, waren für die eher homogene Landwirtschaft in Asien und Lateinamerika geeignet (FRISON 2008: 190). Für Afrika waren diese Strategien aufgrund der heterogenen Landwirtschaft und den gänzlich anderen Bedingungen eher unpassend. Noch immer ist die Landwirtschaft in Afrika verglichen mit anderen Regionen eher unproduktiv. Die HYVs, die man im Zuge der Grünen Revolution einführte, wurden in internationalen Agrarforschungszentren entwickelt und nationalen Instituten zur Verfügung gestellt. Diese Sorten sollten dann durch Kreuzung mit einheimischen Sorten an die örtlichen Verhältnisse angepasst werden. In Afrika gibt es aber seit Jahrzehnten keine oder nur unzureichende, öffentliche Agrarforschung, die diese Aufgabe übernehmen könnte. Der Anteil der Landwirtschaft an den öffentlichen Ausgaben betrug in Afrika 1980 etwa 6 Prozent, in Asien dagegen 15 Prozent. Im Jahr 1998 sind die Ausgaben auf fünf Prozent in Afrika gesunken, in Asien auf etwa zehn Prozent (HOERING 2007: 33). Weitere Gründe sind laut Kritikern das historische Erbe des Kolonialismus und die Agrarsubventionen in den Industrieländern (HOERING 2007: 32-33). Alle Faktoren im Detail zu erläutern würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, zumal es unterschiedliche Meinungen bezüglich der Grünen Revolution in Afrika gibt. Deshalb beschränkt sich diese Arbeit auf den Hinweis, dass es viele Faktoren sind, die in Afrika zusammenspielen und den Erfolg, den die Grüne Revolution in anderen Regionen erzielte, deutlich schmälern. „What Africa needs is a ‘rainbow’ of crop improvement revolutions that combine productivity growth for many different crops and place greater emphasis on farmer participation, local adaption, strengthening national and local institutions, and the building of agricultural value chains that enables farmers to generate profits from surplus production” (TOENNIESSEN et al. 2008: 235).
2.3 Kritik an der Grünen Revolution
Wie bereits erwähnt, sind die Ernteerträge durch die Grüne Revolution vor allem in Asien stark angestiegen. Dies kann als positives Ergebnis der Grünen Revolution angesehen werden. Es muss jedoch auch erwähnt werden, dass es berechtigte Kritik gibt. Teilweise sind die negativen Seiten der Grünen Revolution erst verspätet bekannt geworden oder machten sich schleichend bemerkbar, so dass sie in älterer Literatur nicht zu finden sind, wohl aber als Ergebnisse neuerer Untersuchungen. Im Folgenden sollen einige dieser negativen Auswirkungen dargestellt werden.
2.3.1 Ausschluss der Landbevölkerung von Saatgutzucht
Anfang der 1970er Jahre stellte sich auf den Philippinen heraus, dass viele neue Hochertragssorten anfälliger gegenüber Krankheiten und Schädlinge waren, als herkömmliche Landsorten. Die Bauern waren gezwungen nach sinkenden Ernteerträgen, verbessertes Saatgut zu kaufen (PELEGRINA 2001: 29). Dass Saatgut gekauft werden musste war neu. „Saatgut ist das entscheidende Bindeglied zur Produktion, wer die Kontrolle über Saatgut hat, kontrolliert die gesamte Landwirtschaft und damit das Leben der Bäuerinnen und Bauern“ (PELEGRINA 2001: 29). Während früher Saatgutzucht ausschließlich in der Hand der Bäuerinnen und Bauern lag, waren sie mit Beginn der Grünen Revolution von Zucht, Verteilung und Herstellung des Saatgutes praktisch ausgeschlossen. Eine Abhängigkeit von zunehmend privatisierten Saatgutfirmen war und ist die Folge. Zudem findet die Zucht von HYVs in Laboren oder Forschungseinrichtungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vor der Grünen Revolution wurden lokale Besonderheiten, wie etwa der Geschmack oder das Aussehen von Feldfrüchten bei der Auslese und Zucht berücksichtigt. Heute haben sich die Landwirtinnen und Landwirte von der Sortenzucht weitgehend getrennt und die Zucht wird Saatgutfirmen überlassen (PELEGRINA 2001: 28-30; LIPTON & LONGHURST, 1989: 34-42).
2.3.2 Abhängigkeit von Düngemittel
Hochertragssorten sind so gezüchtet, dass sie Nährstoffe effizienter nutzen als herkömmliche Sorten. Die Pflanzen holen sich die Nährstoffe aus dem Boden und verwenden sie unter Anderem bei der Produktion ihrer Samenkörner. Mit jeder Ernte werden Körner entnommen, die aus Nährstoffen, welche im Boden lagerten, gebildet wurden. Der Boden verliert durch diese konstante Entnahme an wichtigen Mineralien, die wieder zugefügt werden müssen, wenn die Ernte nicht geringer ausfallen soll. Es gibt verschiedene Maßnahmen um eine Regeneration des Bodens zu erreichen. Auf den Philippinen war es beispielsweise üblich, den Anbauzyklus den Regenzeiten, mit längeren Perioden der Brache dazwischen anzupassen. Auch wurden Leguminosen gepflanzt, die nicht nur eine wichtige Proteinquelle darstellten, sondern auch eine entscheidende Rolle in der Bodenregeneration spielten. Die Knöllchenbakterien, mit denen die Wurzeln der Leguminosen eine Symbiose eingehen, reichern den Boden mit Stickstoff an. Eine Düngung des Bodens mit künstlich hergestelltem Stickstoff ist daher in den meisten Fällen nach dem Anbau
oder der Mischkultur mit Leguminosen nicht mehr nötig. Diese traditionelle Behandlung des Bodens änderte sich im Zuge der Grünen Revolution in vielen Entwicklungsländern grundlegend. Mit Hilfe von künstlicher Bewässerung war es nun möglich Reis ununterbrochen und ohne Brachezeiten anzubauen. Der Anbau von Hülsenfrüchten wurde als nicht lukrativ angesehen und in vielen Gebieten fast gänzlich eingestellt. Der Entzug von Nährstoffen machte es nötig, den Boden künstlich zu düngen. Ein intensiver Einsatz von Harnstoff als alleiniger Dünger zur Aufwertung des Bodens mit Stickstoff war die Folge. Diese Düngung führte dazu, dass dem Reis im Laufe der Zeit wichtige Spurenelemente wie Zink und Schwefel fehlten (PELEGRINA 2001: 30). „Trotz dieser Erkenntnis empfahl die Weltbank in einem 1980 veröffentlichten Memorandum die Verdoppelung des Harnstoffeinsatzes auf 60 Kilogramm pro Hektar und gleichzeitig den vierfachen Einsatz an Phosphat, das heißt 30 Kilogramm pro Hektar“ (PELEGRINA 2001: 30). Vor der Grünen Revolution gab es in den meisten Entwicklungsländern keinen Markt für mineralische Düngemittel. Auf den Philippinen etwa wurden vor 1960 keine Düngemittel verwendet, deren Basis Mineralien waren. Im Zuge der Grünen Revolution stieg der Verbrauch sprunghaft an. Der Import von Dünger erhöhte sich von 21 Millionen US-Dollar im Jahr 1976, auf 87 Millionen US-Dollar im Jahr 1980 (PELEGINA 2001:31). Da die philippinische Landwirtschaft nicht mehr ohne Dünger auskam und die wichtigsten Lieferanten von Dünger-Ausgangsstoffen die USA und Japan sind, wurden die Philippinen immer abhängiger von diesen Ländern und deren Düngerpreisen. Auch hier stehen die Philippinen als regionales Beispiel, dass sich in anderen Entwicklungsländern ähnlich abgespielt hat. Der großzügige Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft machte sich nicht nur wirtschaftlich bemerkbar. Die langfristige Anwendung führte auch zu sauren Böden, dem Auslaugen von Nitraten in die Wasserläufe und Felder und damit zu großen Umweltproblemen. Diese Verschmutzungen können sich negativ auf die Ernährung von Tieren und Menschen auswirken (PELEGINA 2001:32).
2.3.3 Einsatz von Spritzmitteln
Wie auch beim Dünger, gab es vor der Grünen Revolution in den meisten Entwicklungsländern keinen Markt für Pestizide. Auf den Philippinen beispielsweise wurde es erst durch das Masagana-99-Programm den Bäuerinnen und Bauern möglich, Pestizide zu erwerben. Die aufwändige Methode des Absammelns von Schädlingen wurde durch Pestizide und das Jäten von Unkräutern per Hand durch
chemische Mittel ersetzt. Die meisten Pestizide, die eingesetzt werden, sind Breitbandpestizide und vernichten nicht nur Schädlinge sondern auch nützliche Insekten und Mikroorganismen im Boden. Eine langzeitliche Anwendung bewirkt in vielen Fällen, dass die Schädlinge eine Resistenz entwickeln, was wiederum zur Ursache hat, dass das Pestizid in höheren Dosen ausgebracht werden muss, um zu wirken. Schleichende Vergiftungen, die durch langfristigen Pestizideinsatz hervorgerufen werden, sind nur schwer nachzuweisen, da die Symptome wie etwa Epilepsieen, Gehirntumore und Schlaganfälle nicht eindeutig dem Einsatz von Spritzmittel zugeordnet werden können (PELEGRINA 2001: 30). Aus einer philippinischen Untersuchung geht allerdings hervor, dass es eine hohe Korrelation zwischen der Sterblichkeitsrate der Landbevölkerung und dem erhöhten Einsatz von Pestiziden gibt (CONWAY & BARBIER 1990: 49-51). Der Meinung einiger Kritiker der grünen Revolution zufolge benötigt man beim Anbau von Reis in den Tropen viel geringere Mengen an Pestiziden, als derzeit ausgebracht werden. Anders als in den gemäßigten Zonen soll es beim Reisanbau in den Tropen keinen ökonomischen Schwellenwert von Schädlingen geben, bei dem eine chemische Bekämpfung sinnvoll wäre (PELEGRINA 2001: 34, SHIVA 2000: 122). Unter dem ökonomischen Schwellenwert ist das Ausmaß der Schädlingspopulation gegenüber nützlichen Insekten gemeint, das zu einem signifikanten Verlust an Ertrag führen würde. Aufgrund des vorherrschenden Klimas erreichen Schädlingspopulationen entweder den Schwellenwert gar nicht oder sinken sofort nach Erreichen wieder ab (PELEGRINA 2001: 34). Diese Tatsache ist erst seit kurzem bekannt, doch noch immer werden große Mengen an Pestiziden ausgebracht. Der Grund hierfür liegt laut Kritikern im mangelnden Willen zur Aufklärung und ist nicht verwunderlich, angesichts der Strukturen und Zusammenhänge im Bereich der Pestizidhersteller. Die Philippinen zum Beispiel werden fast ausschließlich von lokalen Niederlassungen ausländischer Pestizidhersteller beliefert. Diese Pestizidfirmen sind oftmals gleichzeitig Düngemittelhersteller oder Tochtergesellschaften von Düngerhersteller (PELEGRINA 2001: 31). „Das IRRI erforscht und entwickelt neue Reissorten, die über private Verteilerkanäle produziert werden, die ihrerseits wieder an Pestizid und Düngemittel produzierenden Agrochemieunternehmen beteiligt sind“ (PELEGRINA 2001: 31). Die Grüne Revolution hat dazu geführt, dass mehr giftige Substanzen in der Landwirtschaft verwendet werden, die von den Landwirtinnen und Landwirten erst bezogen werden müssen. Eine reine Subsistenzwirtschaft ist daher nicht mehr möglich.
2.3.4 Quantität statt Qualität
Ein weiterer Kritikpunkt an der Grünen Revolution besteht darin, dass sich zwar die Menge an Nahrung erhöht, die Qualität der Nahrung aber gleichzeitig verringert hat. Durch die Grüne Revolution ist die Produktion von Getreide gestiegen. Dies hat zu einem prozentualen Anstieg von Nahrung geführt, die vor allem viele Kalorien- und Proteine enthält. Im gleichen Maß ist allerdings der Anteil der Nahrung, welcher reich an Vitaminen und Spurenelementen ist, gesunken. Vor allem der Verzehr von Obst und Gemüse ist zurück gegangen (Grain 2001: 64-65). Die Grüne Revolution hatte zur Folge, dass Reis und andere Getreidearten in Monokulturen angebaut wurden. Arbeitsintensive Mischkulturen, beispielsweise mit Leguminosen und Hausgärten galten als rückständig und wurden in den Hintergrund gedrängt. Gerade diese Mischkultur und vor allem die in den Hausgärten zu findenden Obst- und Gemüsearten stellen eine wichtige Quelle von Vitaminen und Spurenelementen dar (SHIVA 2000: 122).
Abb. 2: Zugang zu Obst und Gemüse in Bangladesch in Kg/Kopf/Jahr
Quelle: Grain 2001: 66
Wie in Abb. 2 ersichtlich, sank der Konsum von Gemüse in Bangladesch ab dem Jahr 1968 um ein Drittel, bei Obst um die Hälfte. Dieser Rückgang fällt genau mit der Einführung neuer Hochertragssorten durch die Grüne Revolution zusammen. Der Konsum von Reis stieg in Bangladesch von 300g pro Tag und Person im Jahre 1965 auf 500g Getreide pro Tag und Person im Jahr 1997 an (Grain 2001: 64). Somit wurde durch die Grüne Revolution zwar eine erhöhte Kalorienzufuhr erreicht, das Problem von Mangelerscheinungen durch einseitige Ernährung wurde jedoch nicht
gelöst. Einige Kritiker sind der Meinung dass die Grüne Revolution die Ernährungssituation eher verschlechtert hat. „Von rund zehn Millionen Kindern, die jährlich im Alter von unter fünf Jahren in Entwicklungsländern sterben, fallen Schätzungen zufolge fast 60 Prozent […] versteckten Hunger zum Opfer - und nicht dem klassischen Kalorienmangel“ (FRISON 2008: 190).
2.3.5 Verlust an Agrarbiodiversität
Die Gefahren eines Anbaus in Monokultur liegen auf der Hand. Wird nur eine Sorte im großen Stil angebaut, so ist bei einem Schädlingsbefall, einer Krankheit oder schlechten klimatischen Bedingungen die gesamte Ernte in Gefahr. Beim Anbau vieler Sorten verringert sich dieses Risiko, da in der Regel nicht alle Sorten gleich auf den Ungunstfaktor reagieren. Allein die Philippinen waren vor der Grünen Revolution Heimat von mindestens 3000 bekannten Reissorten (PELEGRINA 2001: 34). Diese Vielfalt entstand durch jahrhundertelanges Züchten von sogenannten Landsorten. „Diese zeichnen sich dadurch aus, dass es sich um lokal angebaute Sorten handelt, die durch LandwirtInnen in einem langen Prozess an die speziellen Umweltbedingungen des jeweiligen Gebietes angepasst wurden“ (WULLWEBER 2004: 20). Nicht nur die Umweltbedingungen sondern auch die lokalen Essgewohnheiten wurden bei der Züchtung der Landsorten berücksichtigt. Diese Vielfalt ist unersetzlich für die moderne Pflanzenzucht auf der gesamten Erde. „Landsorten haben den Vorteil, dass sie eine ganze Anzahl an möglichen Resistenzen enthalten können, da sie sich in der Natur gegen den Angriff vieler Schädlinge und Krankheiten behauptet haben“ (WULLWEBER 2004: 25). Gerade diese Eigenschaften sind es, die die Landsorten so wertvoll für die moderne Landwirtschaft machen. Die Pflanzenzüchtung ist regelmäßig auf neue genetische Ressourcen, also das Einkreuzen von noch nicht hochgezüchteten Landsorten, angewiesen. „Von vielen Getreidepflanzen haben wir die ursprüngliche Variation der Wildform heute nicht mehr vorliegen, so dass die Pflanzen neuen Herausforderungen wie globaler Erwärmung, Änderung in der UV-Strahlung oder Widerstand gegen neue Krankheitserreger, mit einem eingeschränkten genetischen Inventar
gegenüberstehen“ (STREIT 2007: 98). Nicht nur Hochleistungsreis ist auf ständiges Einkreuzen von Genen angewiesen, auch andere Kulturpflanzen sind davon betroffen. Die HYVs sind durch das Einkreuzen von verschiedenen Landsorten entstanden, verdrängen aber gleichzeitig die Sortendiversität in den Tropen und auf der ganzen Welt. Auf den Philippinen werden auf 80 Prozent der Anbaufläche nur
Arbeit zitieren:
Steffen Bauer, 2010, Gentechnologie als Beitrag einer modernen Agrarrevolution zur Hunger- und Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern, München, GRIN Verlag GmbH
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