Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Problemstellung und Zielsetzung. 3
2. Die Spannung zwischen Lebenswelt und Wissenschaft 5
3. Vom Nutzen der Naturwissenschaften 7
4. Vom Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften. 12
5. Führen die Wissenschaften zu einer besseren Gesellschaft? 15
6. Zusammenfassung. 17
7. Bibliographie. 18
2
1. Einleitung - Problemstellung und Zielsetzung
„Habe nun, ach! Philosophie/ Juristerei und Medizin,/ und leider auch Theologie/ Durchaus studiert, mit heißen Bemühn./ Da steh ich nun, ich armer Tor,/ Und bin so klug als wie zuvor!“ 1
Viele Wissenschaft studiert zu haben und sich trotzdem unwissend zu fühlen - das ist der Lebensschmerz mit dem Johann Wolfgang Goethes Faust in dem gleichnamigen Theaterstück zu kämpfen hat. „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ 2 - das zu erkennen, ist, was Faust will und dieser Wissensdurst ist es dann auch, der ihn dazu verleitet, einen fatalen Pakt mit dem Teufel Mephistopheles einzugehen.
Auch der Astronom und Naturwissenschaftler Isaac Newton mit seinen bahnbrechenden Entdeckungen wie das Gravitationsgesetz und die Bewegungen der Planeten fühlte sich Zeit seines wissenschaftlichen Lebens „wie ein Kind […], das am Strand spielen und sich an den dort gefundenen Muscheln erfreuen konnte, während der riesige Ozean noch unerforscht vor ihm lag.“ 3
In dem Paradox, dass „mit zunehmendem Wissen der anvisierte Horizont des Nichtwissens nicht näher kommt, sondern weiter wegrückt“ 4 , steckt jedoch auch das Versprechen der Wissenschaft als ein endloses Abenteuer der Menschheit.
Max Planck spricht in seinem Vortrag Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaften von 1941 von der Fähigkeit zu wundern, die beim Kind am ausgeprägtesten ist und dem Forscher gut erhalten bleibt: „Für den wissenschaftlichen Forscher ist es immer ein beglückendes Ereignis und ein frischer Antrieb zur Arbeit, wenn er auf ein neues Wunder stößt, ganz nach der Art des Kindes, und er bemüht sich um dessen Aufklärung durch vielfache Wiederholung der nämlichen Experimente mittels seiner feinen Messungsinstrumente nicht anders als das Kind mit seiner primitiven Klapperbüchse.“ 5 Auch Marc Alexa sieht zuvorderst den Wissensdurst und den Erkenntnisdrang als Voraussetzungen für ein ungebremstes und unvoreingenommenes Forschen, das nicht eher aufhört, bis es eine Lösung gefunden hat. 6 Ob der Wissenschaftler bei all der Forschungslust nicht die Lebenswirklichkeit aus den Augen verliert, ist u.a. Gegenstand der Schrift Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie des Philosophen Edmund Husserl aus dem Jahr 1936.
1 Goethe, 29. Hamburger Leseheft, S. 15, V. 354-359
2 ebd. S. 15, V. 382-383
3 Fischer (2007) S. 17
4 ebd. S. 18
5 Planck (1971) S. 13
6 vgl. Alexa, In: Nida-Rümelin (Hg.), (2006), S. 230
3
Seine Gegenüberstellung von Lebenswelt und Wissenschaft löste eine
Debatte über das Verhältnis der beiden zueinander aus. Zwei Ereignisse
inspirierten Husserl zu seinem Werk: Das eine war das Erscheinen von
Heideggers ‚Sein und Zeit’, in dem in ähnlicher Weise bereits die
Wissenschaft als entfremdeter Abhub von der Lebenswelt ihr
gegenübergestellt wurde; das andere war das Dritte Reich, hier vor allem die
Frage, wie es zu der moralischen Korrumpierung so vieler angesehener
deutscher Wissenschaftler auch in den Naturwissenschaften gekommen ist. 7
Nach Husserl sind die Wissenschaften in eine Krise geraten durch eine Umkehr ihrer Bedeutung an der Jahrhundertwende. Die Wissenschaften seien zu Tatsachenwissenschaften verkommen, bei denen nicht mehr klar ist, was sie für das menschliche Leben bedeuten könnten. 8 Die Wissenschaften kehrten sich von den Fragen ab, „die für ein echtes Menschentum die entscheidenden sind. […] [D]ie Fragen nach Sinn und Sinnlosigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins.“ 9
Auch Ludwig Wittgenstein sieht in seinem Tractatus logico-philosophicus (1918 vollendet) die Wissenschaft nicht in der Lage existenzielle Krisen zu lösen: „Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ 10
Beide Philosophen schrieben ihre Werke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, augenfällig in schwierigen gesellschaftlichen Zeiten, von denen diese tendenziell pessimistische Wissenschaftsauffassung vermutlich herrührt.
Deshalb soll in der vorliegenden Hausarbeit gefragt werden, ob dieses Wissenschaftsbild der Wahrheit entspricht.
Gehen die Wissenschaften wirklich - auch heutzutage - noch an der Lebenswelt vorbei? Wie verhält es sich mit ihren praktischen Nutzen für die Menschheit? Besitzen die Naturwissenschaften mehr Zweckmäßigkeit als die Geisteswissenschaften? Können die Wissenschaften wirklich nicht „die Fragen nach Sinn und Sinnlosigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins“ 11 beantworten? Wenn nicht, was bleibt den Menschen dann noch? Diese Fragen sollen im Zuge der Hausarbeit diskutiert werden. Zunächst soll auf das Spannungsfeld zwischen den Wissenschaften und der Lebenswelt eingegangen werden. In Kapitel 3 wird den Nutzen der Naturwissenschaften eingegangen; anschließend folgt eine Auseinandersetzung mit der Zweckmäßigkeit von Geistes- und Sozialwissenschaften.
7 Brinkmann (1993) S. 20
8 vgl. Husserl (1996) S. 4
9 ebd. S. 4f.
10 zit. nach Eagelton (2008) S. 134
11 Husserl (1996) S. 4f
4
Kapitel 5 widmet sich der Frage, ob die Wissenschaften zu einem guten Leben und einer besseren Gesellschaft verhelfen können.
2. Die Spannung zwischen Lebenswelt und Wissenschaft
Bevor auf den Nutzen einzelner Wissenschaften im Speziellen eingegangen werden soll, ist es notwendig, worin der Unterschied zwischen lebensweltlichen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Der von Edmund Husserl geprägte Begriff der Lebenswelt schlug in der Philosophie des 20. Jahrhunderts große Wellen und wurde auch in anderen Fachbereichen wie der Soziologie, Pädagogik oder der Umweltethik zu dem Schlagwort schlechthin. 12
Nach Husserl ist die Lebenswelt die „personale Welt bzw. […] Welt des tätigen und leidenden lebendigen Subjektes, des motivierten und motivierenden Ichs, wobei die subjektiv-personale Welthabe gelegentlich auch als die ‚natürliche’ bezeichnet wird.“ 13 Es ist die Welt, in der wir uns mit einem Alltagsbewusstsein bewegen, welches uns individuelles Handeln ermöglicht: „Praktisches Handeln im Alltag setzt voraus, dass die jeweiligen Situationen bekannt sind, im Sinne der jeweiligen subjektiven Besonderheiten interpretiert und in Handlungsperspektiven/Alternativen übersetzt werden können.“ 14 Beim alltäglichen Handeln geht es in erster Linie um „Situationsbewältigung und Identitätsbalance; Objektangemessenheit und -zentrierung sind dabei sekundäre Kriterien.“ 15 Erstere erwirbt der Mensch im Laufe seines Lebens über die Erfahrung als eine „erworbene Fähigkeit sicherer Orientierung, als Vertrautsein mit oder das Sich-Auskennen in bestimmten Handlungs- und Sachzusammenhängen ohne Rekurs auf ein davon isolierbares ‚theoretisches’ Wissen.“ 16 Lutz Wingert fügt in seinem Aufsatz Lebensweltliche Gewissheit versus wissenschaftliches Wissen? den oben genannten Merkmalen der lebensweltliche Überzeugungen noch die der Intersubjektivität und des unspezifischen Gehalts hinzu. 17 Er nennt diese Überzeugungen auch Alltagswissen, und stellt dieses konträr zu dem wissenschaftlichen Wissen, welches sich durch „sehr starke Invarianz der epistemischen Qualität rechtfertigender Gründe bei Transformation der Genese der Überzeugung“ 18 auszeichnet. Auf diesen Umstand beruhe auch die Annahme, dass wissenschaftliches Wissen gerechtfertigter und wahrer sei als das Alltagswissen. 19
12 vgl. Held, In: Gethmann (Hg.) (1991) S. 79
13 van Kerckhoven, In: Archiv für Begriffsgeschichte, Bd. XXIX, 1985, S. 186
14 Schülein, In: Schratz (Hg.) (1988) S. 13
15 ebd. S. 14
16 Mittelstraß, In: Gethmann (Hg.) (1991) S. 120
17 Wingert, In: Deutsche Zeitung für Philosophie 55 (2007) S. 913
18 Wingert, In: Deutsche Zeitung für Philosophie 55 (2007) S. 915
19 ebd. S. 915
5
Zu den Eigenschaften wissenschaftlicher Erkenntnis gehören „die Reproduzierbarkeit eines Sachverhaltes, die vollständige Angabe relevanter Sachverhalte, die Unabhängigkeit des herbeigeführten Sachverhaltes von bestimmten Untersuchungsverfahren oder zumindest die ‚herausrechenbare’ Abhängigkeit vom Untersuchungsverfahren.“ 20
Sie setzt sich zum Ziel, die reine Wirklichkeit zu erkennen, durch die Abstraktion der Materie mithilfe des Verstandes, der sich eine Wirklichkeit denken kann, „die idealer ist als die bestehende, durch unmittelbare Erfahrung erkennbare.“ 21
Die spannungsgeladene Differenz zwischen Lebenswelt und Wissenschaft liegt also in der unterschiedlichen Empirie.
Ein einfaches Beispiel: Jahrtausendelang glaubten die Menschen die Sonne drehe sich um die Erde, schließlich konnten sie jeden Tag beobachten, wie sie abends hinter dem Horizont ab-und am nächsten Morgen wieder auftaucht. Die unmittelbare optische Erfahrung ließ nur den Schluss zu, die Sonne bewege sich um die Erde. Erst Nikolaus Kopernikus begründete im 16. Jahrhundert mithilfe eines mathematischen Modells das heliozentrische Weltbild und enttarnte die vermeintliche Bewegung der Sonne als Täuschung. Lebensweltliche Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis klaffen hier weit auseinander.
Ähnlich verhält es sich mit der radioaktiven Strahlung, welche mit menschlichen Sinnen nicht wahrzunehmen ist, lediglich mit Messinstrumenten könne sie erfassen, nichtsdestotrotz ist sie eine immense Gefahr für die menschliche Gesundheit. 22
Es können noch weitere Fälle genannt werden, in denen sich lebensweltliche Überzeugungen und wissenschaftliche Erkenntnisse gegenseitig beißen 23 , doch dies soll aus Platzgründen unterlassen werden.
Zwar klaffen lebensweltliche Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zum Teil weit auseinander, andererseits betont Max Planck, dass die Sinneseindrücke das einzige sind, worauf sich die exakte Wissenschaft stützen kann: „Man spricht zwar auch von Sinnestäuschungen, aber niemals in der Bedeutung, als ob die betreffenden Sinnesempfindungen unrichtig oder auch nur zweifelhaft wären. […] Daher ist der Inhalt der Sinneseindrücke die geeignete und die einzige unangreifbare Grundlage für den Aufbau der exakten Wissenschaft.“ 24
Husserl sah in seiner Krisis die „europäische Rationalität […] vor allem durch die bislang undurchschauten Gefahren des Objektivismus und Skeptizismus, die beide Ausprägungen
20 ebd. S. 915
21 Brinkmann (1993) S. 3
22 ebd. S. 1
23 vgl. Winkert, In: Deutsche Zeitung für Philosophie 55 (2007) S. 915f.
24 Planck, (1971) S. 8
6
Arbeit zitieren:
Jana Richter, 2010, Der Sinn und Nutzen der Wissenschaften in der Lebenswelt, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Vereinten Nationen - Ausarbeitung einer Unterrichtsstunde für eine...
Unterrichtsentwurf, 23 Seiten
Die Vereinten Nationen im Menschenrechtsdilemma
Der Konflikt in Darfur im Spie...
Politik - Internationale Politik - Thema: Völkerrecht und Menschenrechte
Hausarbeit (Hauptseminar), 54 Seiten
Unterrichtsstunde: Friedenssicherung am Beispiel Afghanistan
Politik - Didaktik, politische Bildung
Unterrichtsentwurf, 12 Seiten
Unterrichtsentwurf: Argumentation und das Verfassen einer Einleitung f...
Deutsch - Erörterungen und Aufsätze
Unterrichtsentwurf, 24 Seiten
Fertigkeit Lesen - Aufgabenkonzept zum Text "Rauchen - Griff nach...
Seminararbeit, 19 Seiten
Schriftliches Erzählen in der Zweitsprache
Mehrsprachigkeit in der Grunds...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Hausarbeit, 15 Seiten
Der Schriftspracherwerb im mehrsprachigen Kontext: Texterschließung, ...
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Husserls Kritik an Descartes im Hinblick auf die Grundlegung der natur...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Examensarbeit, 73 Seiten
Deutsch als Zweit- und Fremdsprache - Kommentierte Arbeitsblätter &quo...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Unterrichtsentwurf, 12 Seiten
Basiskonzepte der politischen Bildung und ihre theoretische Fundierung
Eine kritische Zwischenbilanz ...
Gemeinschaftskunde / Sozialkunde
Hausarbeit, 24 Seiten
Ist die Poppersche Falsifikation zu extrem?
Ein Essay über die Wissenschaf...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Essay, 10 Seiten
Jana Richter hat einen neuen Text hochgeladen
Beiträge zu einer prekären Bez...
Christine Pieper, Frank Uekötter
The Everything Irish History & Heritage Book: From Brian Boru and St. ...
Amy Hackney Blackwell, Ryan Hackney, Amy Hackney Blackwell
Farben der Sinne - Gelebte Rituale in Tibet. Buch und DVD-Video
Uwe Bräutigam, Alexander Ribowski, Joanne Windaus
0 Kommentare