1.) Fragestellung/ Zielsetzung
In den 70ern rückte die starke soziale Selektivität des österreichischen Bildungssystems in den Fokus gesellschaftspolitischer Diskussionen. In der Folge wurde versucht, durch sozialpolitische Maßnahmen (Einführung von Studienbeihilfe, ect…) den Anteil der Studierenden aus bildungsfernen Schichten (ArbeiterInnen- und BäuerInnenkinder) zu erhöhen. Seitdem, so die politisch dominierende Darstellung, herrsche Chancengleichheit im Bildungssystem und ein offener, sozial durchlässiger Hochschulzugang sei gegeben. Jeder, der sich anstrenge, könne sozial aufsteigen. Ich werde in meiner Arbeit diesem herrschenden Mythos von der sozialen Durchlässigkeit des Bildungssystems widerlegen und die Mechanismen und Kriterien der insbesondere informellen Selektion bis zur Hochschule und an ebendieser darstellen.
2.) Argumentation
2.1.) Schichtspezifische Selektion
Die soziale Reproduktion ist im Bildungssystem unvermindert gegeben. So ist der wichtigste Einflussfaktor auf das spätere Bildungsniveau und den späteren Bildungserfolg der Kinder der Bildungsstatus der Eltern. Je höher dieser, desto höher sind auch das Bildungsniveau und Schulerfolg der Kinder. Weitere relevante Faktoren für Selektion im Bildungssystem sind: „soziale Herkunft (also Einkommen und Beruf der Eltern), regionale Herkunft (es besteht ein Bildungsgefälle zwischen städtischen Zentren und ländlicher Peripherie), Geschlecht“ und Schulwahl. (vgl. Vater, Stefan: Bildungsinstitutionen als soziales Sieb. Selektionseffekte im österreichischen Bildungssystem. In: Kuba, Sylvia (Hrsg.)(2007): Im Klub der Auserwählten. Soziale Selektion an der Universität, Löcker; Wien, S. 15) Die Unterrepräsentation von Kindern aus bildungsfernen Schichten will ich mit folgenden Statistiken verdeutlichen:
Drei Viertel der Kinder aus gehobener sozialen Verhältnissen besuchen eine Hochschule, während nur 11% der Kinder aus den unteren Schichten studieren; obwohl der Anteil dieser Kinder an der Gesamtgesellschaft fast drei Mal so hoch ist wie jener der Kinder aus sozial gehobenen Verhältnissen. (vgl. Institut für Höhere
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Studien (2006): Soziale Aspekte des Hochschulzugangs und Durchlässigkeit des Bildungssystems; Wien, S. 79)
Für ein österreichisches Mädchen vom Land, deren Eltern höchstens über einen Pflichtschulabschluss verfügen, besteht, selbst nach bestandenen Matura, nur eine 2%ige Wahrscheinlichkeit eine Universität zu absolvieren. Dahingegen erlangen beinahe 2/3 der Kinder aus städtischen AkademikerInnenfamilien nach bestandener Matura einen Universitätsabschluss. (vgl. Spielauer, Martin et al. (2003): Familiy and Education; Wien In: Erler Ingolf: Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. In: Erler, Ingolf (Hrsg.) (2007): Keine Chance für Lisa Simpson?, Mandelbaum; Wien, S. 11) Österreich hat gemeinsam mit Frankreich und Belgien eines der sozial reproduktivsten Bildungssysteme aller Länder, die an der PISA- Studie teilnahmen. Der maßgebliche Grund dafür wird im gegliederten Schulsystem, in der frühen Trennung zwischen AHS- Unterstufe und Hauptschule gesehen. Während Kinder aus höheren Bildungsschichten meistens eine AHS- Unterstufe besuchen, besuchen Kinder aus bildungsfernen Schichten tendenziell eine Hauptschule. Dies führt dazu, dass die Kinder aufgrund eines sie umgebenden homogeneren
Schulzusammensetzung durch das gegliederte Schulsystem, ihre milieubedingten Defizite schwerer aufholen können als in Ländern mit Gesamtschulkonzept. Diese frühere Entscheidung für eine Schullaufbahn und deren Konsequenzen können im späteren Bildungsverlauf nur mehr schwach ausgeglichen werden. Während die AHS als AkademikerInnenproduktionsstätte fungiert (fast 70% studieren nach der AHS), beginnen weit weniger MaturantInnen aus berufsbildenen höheren Schulen, nämlich nur 30%, ein Studium. Und gerade in diesen BHS finden sich überdurchschnittlich viele Kinder aus bildungsfernen Schichten. (vgl. Eckl, Martha: Universitäten- offen für Berufstätige? In: Kuba, Sylvia (Hrsg.)(2007): Im Klub der Auserwählten. Soziale Selektion an der Universität, Löcker; Wien, S. 48) Und über den zweiten Bildungsweg (Berufsreifeprüfung, Externistenreifeprüfung, Studienberechtigungsprüfung) schaffen es nur 3,4% an die Universitäten und 7,6% an die Fachhochschulen. (vgl. Schlögl, Peter: Berufliche QuereinsteigerInnen an den Hochschulen. In: Erler, Ingolf (Hrsg.) (2007): Keine Chance für Lisa Simpson?, Mandelbaum; Wien, S. 130)
Doch auch in Ländern, in denen das Bildungssystem weniger sozial selektiv ist, ist auch dort keineswegs die Sozialstruktur entschichtet worden. Soziale Positionen werden weiterhin vererbt. Die Bildungsexpansion der letzten Jahre hat zwar das allgemeine Bildungsniveau erhöht, die Matura hat ihre Exklusivität eingebüßt, und vor
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allem Frauen zählen zu den Gewinnerinnen der Bildungsexpansion, doch muss berücksichtigt werden, dass sich die durchschnittlichen Bildungsabschlüsse aller gesellschaftlicher Gruppen um eine Bildungsstufe erhöht haben, dadurch aber Selektionsmaßnahmen nicht verringert wurden und diese Selektionsmaßnahmen unvermindert zur Reproduktion der Sozialstruktur führen. (vgl. Ribolits, Erich: Lernen statt revoltieren? In: Kuba, Sylvia (Hrsg.)(2007): Im Klub der Auserwählten. Soziale Selektion an der Universität, Löcker; Wien, S. 37)
Zu alledem determinieren Geschlecht und soziale Herkunft auch die Studienwahl. Frauen und Kinder aus bildungsfernen Schichten wählen überdurchschnittlich oft jene Studienrichtungen, welche von den gesellschaftlichen Machtpositionen weit entfernt sind und in der akademischen Hackordnung als Orchideenfächer gelten, also in der Hierarchie der Studienrichtungen ganz unten angesiedelt sind und deshalb finanziell unterversorgt und vernachlässigt und personell defizitär besetzt sind :nämlich Geisteswissenschaften (wodurch Kinder aus bildungsfernen Schichten und Frauen später überdurchschnittlich von AkademikerInnenarbeitslosigkeit betroffen sind); was mit den fachinternen Habitus von Studienrichtungen zu tun hat. Geistes- und sozialwissenschaftliche Studienrichtungen zeichnen sich durch einen geringeren Formalisierungsgrad und das Vorhandensein flacherer fachinterner Hierarchien aus und eine gewisse Lockerheit im Auftreten und Umgang auf, während als Kontrast hierzu in Medizin und Rechtswissenschaft ein Habitus herrscht, „der dem Lebensstil der oberen, herrschenden Schichten entspricht“; deshalb ArbeiterInnenkinder in diesen Studienrichtungen stark unterrepräsentiert sind, diese Studienrichtungen also wenig sozial durchlässig sind. (siehe Sinnreich, Dominik: Multiple Choice? Die Grenzen der freien Studienfachwahl. In:: Erler, Ingolf (Hrsg.) (2007): Keine Chance für Lisa Simpson?, Mandelbaum; Wien, S. 144) Auch ist die soziale Herkunft von ProfessorInnen in diesen Studienrichtungen signifikant höher als jene der geistes- und sozialwissenschaftlichen Professuren.
2.2) Gründe für soziale Reproduktion
Die Sozialstruktur der Gesellschaft wird also durch das Bildungssystem reproduziert und zementiert. Warum aber schaffen es, abgesehen von den finanziellen Hürden eines Studiums z.B. durch die Nichtdeckelung des Existenzminimums durch die österreichische Höchststudienbeihilfe, so wenige Kinder aus ArbeiterInnenfamilien und bildungsfernen Schichten an die Universität? Alle Theorieansätze darzustellen
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Arbeit zitieren:
Katharina Bergmaier, 2006, Soziale Gerechtigkeit an Universitäten?, München, GRIN Verlag GmbH
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