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fördern, seinen Anfang nimmt, verdeutlicht eine briefliche Bemerkung Edith Steins an den „Göttinger“ Fritz Kaufmann aus dem Jahre 1919: „Überall, wo ich nicht auf persönliches Wohlwollen rechnen kann, werde ich (...) den guten Rat bekommen: Gehen Sie doch nach Freiburg! Auch das dürfen Sie meinetwegen Husserl sagen - aber ich warne Sie entschieden vor der Debatte, die das auslösen würde.“ 4
Hanna-Barbara Gerl, in ihrem Werk Unerbittliches Licht sagt es treffend: „Mit dem Abweisen ihrer insgesamt vier Habilitationsversuche wurde eine einzigartige historische Möglichkeit vertan: eine Frau auf einem philosophischen Lehrstuhl der 20er Jahre!“.
Existentialphilosophie Heideggers 5 II.
Das Verhältnis von Heidegger zur Sprache ist so eigentümlich, dass man seine „Grundgedanken“ oder „Grundlehre“ wirklich getreu nur in seinen Worten wiedergeben kann. Die echtesten Einflüsse, die er, neben den Griechen erlebte, kamen von zwei Dichtern: Hölderlin und Nietzsche. Im Denken Heideggers geht es um die Fragestellung der Urfrage. Wie wir bereits schon gehört haben, bezog sich die Frage bei Husserl auf die Erfahrung der „Sachen“. In Heidegger geht es aber um die Seinsfrage, die für ihn die Frage der Fragen, die erste und letzte aller Fragen ist. Frage nach dem Sein des Seienden. Warum gibt es etwas und nicht nichts? Dies ist sein Grundzug: Sein „Warum“ betrifft nicht das Nichts, sondern das Sein (Im Gegensatz dazu könnte man Bergson nennen; der sich fragte, ob und wie das Nichts überhaupt denkbar ist). Die Grundfrage nach dem Sein des Seienden ist in anderen Worten die Frage nach der Wahrheit, wobei diese Wahrheit sich nicht mit einer adaequatio einem Seienden gegenüber begnügen darf, sie muss aletheia 6 sein, das, was nicht mehr verborgen ist. Oder anders ausgedrückt die Entschleierung des Seins. D. h., für Heidegger bedeutet Wahrheit nie eine rationale Kohärenz, sondern ein „Sehen“ des zunächst von den „zuhanden Werkzeugen“ verschleierten. In Heidegger ist auffallend, dass das Objekt, die Objektivität, das objektive Wissen, immer nur als Hindernis nach dieser Suche des Seins verstanden wird. Erinnern wir uns an eine Aussage von Johannes
4 Edith Stein: Selbstbildnis in Briefen I, 46 (Brief 23).
5 Martin Heidegger (1889-1976), Süddeutscher und blieb in dieser Gegend verwurzelt. In Freiburg in Breisgau studierte er Theologie (vier Semester, brach es anschl. ab, schrieb sich dann bei der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät ein, Husserl kam nach Freiburg und 1919 wird H. Husserls Assistent), war Privatdozent und wurde dort (nach einer kurzen Zwischenzeit an der Universität von Marburg) Professor. Frühling 1933, Hitler kam an die Macht, und Heidegger wurde Rektor der Universität. Ein Jahr lang, dann gab er das Amt ab und blieb politisch stumm. Wie gesagt, die grösste Zeit verbrachte er im Schwarzwald, und vielleicht versteht man den Hintergrund des Titels Holzwerke - also Wege, die von den Holzfällern zum Schlagen der Bäume angelegt werden.
6 adaequare=gleichmachen, gleichkommend, übereinstimmend. Eine Vorstellung ist a., wenn sie mit der Gegebenheit, auf die sie sich bezieht, übereinstimmt. In diesem Sinne sagt Thomas von Aquin, die Wahrheit sei die Übereinstimmung (adaequatio) von Gegenstand und Einsicht.
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vom Kreuz: „Ôtez tout, que j’y voie“. Die Frage ist, was sich jenseits der Objektivität nun als Sein zeigt. Und vor dem Sein haben die meisten geschwiegen.
Das ursprüngliche Staunen gilt dem Sein des Seienden. Dabei wird vorausgesetzt, dass Erfahrung nicht im wissenschaftlichen Sinn verstanden werden soll. Es ist eher ein Ergreifen oder ein Ergriffenwerden nötig, das „vor“ allem Urteilen sich vollzieht. Nicht das Urteilen führen zu dieser Ergriffenheit (hier werden nur die Schlüsse möglich), sondern es geht um die existentielle Ergreifung: Ich staune über das Sein von Seiendem, wenn Existenz erwacht ist. Existenz für Heidegger bedeutet „existere“, ek-sistere was nichts anders heisst als auftauchen aus..., emporsteigen aus... Existenz für Heidegger ist also ein Entreissen (das Sein des Daseins). Woraus? Aus dem Selbstverständlichen, Gewöhnlichen, aus der Zuhandenheit mit der Welt, die uns umgibt. In dieser Loslösung ergibt sich nun die Möglichkeit. Ich habe also Möglichkeiten, und unter diesen Möglichkeiten ist eine entscheidend, nämlich die des Sein als Sein zum Tode. Der Tod für Heidegger ist nicht „nur“ ein zukünftiges Ereignis, das eventuell auf uns lauert, der Tod ist nicht bevorstehend. Er ist als Möglichkeit schon jetzt für den Existierenden relevant. Dabei geht es nicht nur über den Tod nachzudenken, sondern um ein Besitzergreifen. In diesem „Sich-Losreissen“ entdecket der Existierende nicht nur sein Sein-zum-Tode, sondern, dass er sich in einer besonderen, bestimmten Situation, in einem Ort, und in einer Zeit, befindet. Dies heisst für Heidegger In-der-Welt-sein. Und diese Befindlichkeit in der Welt ist die Geworfenheit, einem Dasein, dass er zu übernehmen hat, ohne um den tieferen Grund des „Woher“ zu wissen. Dasein ist gleichbedeutend mit „Mensch“, d. h. der entdeckt, dass er da-ist: in die Welt, an einem Ort, in eine Situation geworfen. Es heisst auch vor dieser Frage des Daseins gestellt zu sein, auch wenn man von ihr weglaufen möchte 7 , bleibt man da, nämlich im Modus der Flucht vor sich selbst, d. h. vor dem Dasein. In seinem Werk Sein und Zeit redet H. eine ziemlich klare Sprache. Dem Dasein geht es um das eigene Sein, und damit ist das „Sein-Können“ gemeint, für das sich das Dasein zu entscheiden hat. Wie sieht die Beziehung zwischen der allgemeinen Seinsfrage und der nach dem eigenen Sein aus? Primär ist grundsätzlich die Sorge um das eigene Sein, das eigene Selbst. Dieses Sein ist nun einmal vom Tode gezeichnet (nicht cogito sum, sondern sum moribundus ist die Grundgewissheit des Daseins, sagte Heidegger am Ende einer Vorlesung vom Sommersemester 1925). Wir sind „da“, aber nur für eine Zeit. Das Dasein bleibt so von seinem Sein-zum-Tode beschattet, der ihm natürlich eine wahre Angst einflösst, da es kein Entrinnen vor dem Entrinnen gibt. Angst wird in Sein und Zeit als eine Stimmung verstanden, die ihrerseits als „Befindlichkeit“ gefasst wird. Diese wiederum wird als die ursprüngliche Weise gedeutet, in der
7 Hier wäre interessant zu schauen, wie Heidegger zu Augustinus steht, bzw. ob in Heidegger augustinesche Einflüsse zu sehen sind. Es geht ja um die Erfahrung der hermeneutischen Wahrheit. Diese Wahrheit, die zum Sinn des Daseins gehört, davon ist ja auch Augustinus überzeugt. Die Motivation für Augustinus ist religiös: Die mich betreffende Wahrheit ist die, die den Sinn meines Lebens angeht und d. h. die mich sogar rettet, auch wenn ich vor ihr nicht bestehen kann (vgl. Confessiones).
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das menschliche Dasein sich vorfindet. Die „Angst“ nun ist „eine ausgezeichnete Befindlichkeit“ 8 In dieser Angst erfährt der Mensch die „Unheimlichkeit des Dasein.“ 9 Die Frage der Angst entwickelt Heidegger weiter in seiner Schrift Was ist Metaphysik?“ Hier beginnt er damit, „eine bestimmte metaphysische Frage“ 10 aufzuwerfen: die „Frage nach dem Nichts“. Heidegger ist ein Denker, der Fragen stellte, der laut dachte und es in Kauf nahm, dass er dabei nur missverstanden werden konnte. Er war von der Form der confessiones fasziniert. Können wir also Heidegger als ein grosser Gott-Sucher definieren? Das Daseinsverständnis in Heidegger ist ein Dasein, das auf die bisherige Sicherheit verzichtet und eine Wachsamkeit gegenüber der tentatio des Beherrschenswollens ausbildet. Die grösste tentatio sei nämlich die, dass sich das Dasein selbst versteckt. Das Motiv kennen wir alle, des „Man“, dass schlussendlich niemand ist. Heidegger führte ein Selbstgespräch vor Gott. Hat er Werke hinterlassen oder nicht eher Wege?
III. Stellungnahme Edith Stein
Im Werk Welt und Person 11 nimmt Edith Stein Stellung zur Existentialphilosophie von Heidegger. Sie ist nicht zimperlich mit der Kritik oder den Fragestellungen!
„Das Ziel des ganzen Werkes war nichts anderes als die Frage nach dem Sinn des Seins richtig zu stellen. Ist nun die Frage, in die es ausklingt, eben diese Frage, auf die es abgesehen war, oder kommt darin ein Zweifel zum Ausdruck, ob der eingeschlagene Weg der rechte war? Es wird nicht möglich sein, in diesem Rahmen, sämtliche Gedankegänge Steins anzuschauen. Ich picke nur zwei heraus: a) die Frage des Daseins und b) die Frage des Todes. a) Dasein
Stein anerkennt, worum es Heidegger mit dem Dasein geht. Auch um das Wesen des Menschen, dass die Existenz sei. „D. h. nichts anderes, als dass für den Menschen etwas in Anspruch genommen wird, was nach der philosophia perennis Gott allein vorbehalten ist: das Zusammenfallen von Wesen und Sein.“ Positiv ist, dass der Mensch nicht an die Stelle Gottes gesetzt wird; unter Dasein ist nicht das Sein verstanden, sondern nur die Seinsweise. Sie kritisiert, dass von Gott nur gelegentlich gesprochen wird: „das göttliche Sein als etwas, was für die Klärung des Sinnes von Sein überhaupt Bedeutung haben könnte, bleibt völlig ausgeschaltet.“
8 Sein und Zeit, 188.
9 idem, 189.
10 Was ist Metaphysik (M), 24.
11 Beitrag zum christlichen Wahrheitsstreben, Freiburg, 1962.
Arbeit zitieren:
lic.theol. Daniel M. Bühlmann, 2002, Edith Stein und Martin Heidegger, München, GRIN Verlag GmbH
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