Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Bemerkungen 2
2. Schumacher und Grotewohl im Vorfeld der Konferenz 3
3. Zum Konferenzverlauf 5
3.1. Die Konferenz der britischen Zone 5
3.2. Informelles Treffen der ZA-Delegation mit anderen Konferen- 6
teilnehmern
3.3. Zonale Vorstände oder Zentralleitung? 8
4. Die Aufspaltung der SPD in zonale Einheiten 11
5. Politische Konsequenzen und Auswirkungen 17
1
1. Einleitende Bemerkungen
Mit der am 10. Juni 1945 durch die SMAD erfolgten frühzeitigen Zulassung von Parteien in Berlin und der SBZ 1 fühlte sich der Zentralausschuss (ZA) der SPD in Berlin dazu berufen, den Neuaufbau der SPD in Gesamtdeutschland zu organisieren. 2 Die Berliner SPD-Zentrale verband mit den alliierten Beschlüssen der Potsdamer Konferenz, dass auch in den westlichen Besatzungszonen die Bildung von Parteien erlaubt wird. Bis Ende August 1945 verfügte der ZA über wenig Informationen zum Stand des Aufbaus der SPD-Parteiorganisationen in den westlichen Zonen und von Kurt Schumachers Bemühungen, die überregionale Reorganisation der SPD in den Westzonen von Hannover aus zentral zu koordinieren. 3
Unabhängig vom ZA der SPD in Berlin hatte sich nach der Befreiung durch die Westmächte in Hannover das SPD-Büro Schumacher gebildet. In den Folgemonaten nutzte Kurt Schumacher seine persönlichen Verbindungen zu ehemaligen führenden Sozialdemokraten der Weimarer Republik, um von den formell noch nicht zugelassenen Bezirks- und Landesorganisationen der SPD in den drei westlichen Besatzungsgebieten ein schriftliches Mandat zur politischen und organisatorischen Führung der Partei im ganzen Reich zu erlangen. 4 Diesen Anspruch verwarf er alsbald und konzentrierte sein Hauptaugenmerk auf den Aufbau der SPD in den Westzonen, in strenger Abgrenzung zum Zentralausschuss in Berlin und der SBZ-SPD, obschon zwischen Schumacher und dem ZA in politischen Grundpositionen ein hohes Maß an Übereinstimmung bestand: a. In der Frage der Bewahrung der Reichseinheit 5 , b. in der Ablehnung der von der KPD propagieren Kollektivschuldthese 6 , in der Forderung der Einführung des Sozialismus als politisches Nahziel 7 und im Anspruch auf die politische Führungsrolle der SPD 8 .
Für Schumacher war die Spaltung Deutschlands mit nur militärischer Natur, sondern auch politisch. Wollte der ZA die SPD als Führungskraft in der neuen Parteienlandschaft und politische Klammer für die politische und wirtschaftliche Einheit Deutschlands etablieren und eine SPD-Reichsorganisation aufbauen, um den politischen Führungsanspruch der SPD,
1 Befehl Nr. 2 der SMAD, in: Ulrich Gill: FDGB, Köln 1990, S. 87f.
2 Manuskriptergänzungen zu Seite 67 (Mitte), in: Archiv der sozialen Demokratie (künftig: AdsD),
Nachlass Gniffke, 11/1.
3 Bericht Gniffkes zur Besprechung mit Franz Dahlem, 28.08.1945, in: AdsD, Nachlass Gniffke, 32.
4 Willy Albrecht (Hg.): Kurt Schumacher, Berlin, Bonn 1985, S. 90ff.
5 Politische Richtlinien für der S.P.D. in ihrem Verhältnis zu anderen politischen Faktoren (25.8.1945)
Hannover o.J., S. 3.
6 Ebd., S. 19.
7 Ebd., S. 1.
8 Ebd., S. 22f.
2
durchzusetzen 9 , plädierte Schumacher für einen getrennten Organisationsaufbau, solange die zonale Teilung Deutschlands bestand. Auch lehnte er eine weitgehende Zusammenarbeit und eine Vereinigung mit der KPD, beides befürwortete der ZA 10 , entschieden ab. Diese Haltung Schumachers spiegelte sich in seinen Einladungsschreiben zur von ihm einberufenen SPD-Konferenz in Wennigsen bei Hannover wider. In den Schreiben grenzte er die West-SPD gegen die SBZ-SPD ab und präjudizierte die Trennung der Parteieinheiten in eine West- und Ost-SPD, was der ZA vor dem Hintergrund der Verfestigung der zonalen Strukturen in Deutschland durch das Potsdamer Abkommen verhindern wollte. 11 Darauf soll im Weiteren näher eingegangen werden.
2. Schumacher und Grotewohl im Vorfeld der Konferenz
Im Schreiben an die Parteibezirke in der US-Zone vom 21.08.1945 berichtete Schumacher über seine Absicht, alsbald eine „´Reichskonferenz` für die gesamten nicht russischen besetzten Gebiete“ einzuberufen. 12 Schumacher erwog keine Teilnahme von Mitgliedern des ZA. Er richtete sein Hauptaugenmerk auf den Aufbau der SPD im Westen, der nach seinen Vorstellungen und Richtlinien erfolgen sollte. Im Einladungsschreiben vom 28. Augustberichtete von seinen Anstrengungen, mit dem ZA in Berlin in Kontakt zu kommen. 13
Als Schumacher den ZA in seinem Schreiben vom 30. August 1945 14 zur Teilnahme an der Wennigsener Konferenz einlud, war sein Büro in Hannover bereits von den meisten provisorischen SPD-Bezirksvorständen in den Westzonen als zentrale Führungsinstanz anerkannt und somit auch sein politisches Konzept bestätigt. Bei kritischer Wertung des Einladungsschreibens fällt auf, dass er kein überzonales SPD-Führungsgremium vor der Abhaltung eines Reichsparteitages etablieren wollte und bevorzugte die Aufteilung der politischen Ver-antwortungs- und Einflussbereiche. Er begründete die Notwendigkeit der Trennung dazu so: „Genau wie es der Wunsch aller Sozialdemokraten ist, ein deutsches Reich zu erhalten, wollen wir die einheitliche Sozialdemokratische Partei Deutschlands. (...) Trotzdem ergeben sich
9 Vgl. Matthias Loeding: Politischer Führungsanspruch, Reichs- und Parteieinheit. Zur Rede Otto
Grotewohls auf dem 1. Bezirksparteitag der SPD Leipzig am 26. August 1945, in: Jahrbuch für For-
schungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 5 (2006), S. 86 - 97.
10 Vgl. Matthias Loeding: Der Zentralausschuss (ZA) der SPD und das Aktionseinheitsabkommen
zwischen KPD und SPD vom 19. Juni 1945, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 44
(2002), S. 19-36.
11 Vgl. Matthias Loeding: Der Zentralausschuss der SPD, Berlin als Viermächtestadt und das Pots-
damer Abkommen, in: BzG, 46 (2004), S. 101-115.
12 Schreiben Kurt Schumachers an die sozialdemokratischen Parteibezirke in Hessen-Nassau, Hes-
sen, Würt-temberg und Baden, 21.08.1945, in: Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Nachlass
Kurt Schumacher, 162.
13 Einladung zu einer Art ´Reichskonferenz` in Hannover am 5., 6. und 7. Oktober 1945, 28.08.1945,
in: Albrecht, S. 288f. (Anm. 4).
14 Brief Kurt Schumachers an den „Zentralausschuss der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“,
30.08.1945, in: AdsD, Nachlass Kurt Schumacher 162.
3
zwangsläufig eine Reihe von Schwierigkeiten aus verschiedenartigen Verhältnissen, wie sie aus den Differenzierungen in der Praxis der Besatzungsmächte resultieren. (...) Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, soweit sie die Besatzungszonen der Westmächte umfasst, hat nicht auf dem Punkt der Bezirksorganisationen stehen bleiben können. Im Interesse der geistigen und taktischen Ausrichtung, wie auch der organisatorischen Angleichung hat sie sich in Hannover eine vorläufige zentrale Stelle schaffen müssen. (...) So wie ihr für die russisch besetzte Zone einen parteipolitischen Lebensmodus habt finden müssen (...) arbeiten wir auch an der Gemeinsamkeit für die westlichen Besatzungszonen. Zu diesem Zweck haben wir für das gesamte Gebiet eine Konferenz der drei Westgebiete zusammengerufen.“
Diese Worte belegen Schumachers Entschlossenheit, seinen Anspruch zur alleinigen politischen Führung der West-SPD. Das Einladungsschreiben wurde dem ZA von Hans Etzkorn übergeben. Hierüber setzte Schumacher die West-Bezirkvorstände in einem Rundschreiben vom 15.09.1945 in Kenntnis. 15 Darin stufte er den vom ZA in Berlin erhobenen Führungsanspruch kraft der ungleichen Umstände in den Westzonen und der Sowjetzone „als politisch gefahrvoll“ ein. Diesen „zentralen Geltungsanspruch für das ganze Reich“ des ZA galt es abzuwehren. Schumacher erblickte im ZA die Instanz jener Sozialdemokraten, die eine baldige Verschmelzung mit der KPD propagierten. Dass der ZA in dieser Haltung spätestens mit den Reden Otto Grotewohls vom 14.09.1945 eine Wendung vollzogen hatte, ignorierte Schumacher. In seiner Wertung war sie gar auf die KPD zugeschnitten. 16
Für Schumacher scheint allein die Andeutung einer politischen Abhängigkeit des ZA eine Bestätigung seiner Annahme gewesen zu sein, dass die SBZ-SPD über keinen politischen Freiraum verfügte, sondern nur ein Instrument sowjetischer Besatzungspolitik sei.
Im Unterschied zu Schumacher wollte der ZA auf der Wennigsener Konferenz konkrete Maßnahmen zur Beseitigung der Zonengrenzen eingeleiten: a) Der ZA sollte durch Hinzuziehung von Sozialdemokraten aus den Westzonen und dem Exilvorstand zur provisorischen nationalen Führungsinstanz ausgebaut werden und b) ein Übereinkommen zur Einberufung eines Reichsparteitages geschlossen werden, auf dem ein neuer Parteivorstand gewählt und eine Entscheidung zur Vereinigung mit der KPD herbeigeführt werden sollte. Auf der Sitzung des ZA am 1.10.1945 erstatte Grotewohl einen Bericht über den Stand der Vorbereitungen zur Fahrt nach Wennigsen bei Hannover. 17
15 Rundschreiben des Büros Schumacher an die Bezirksvorstände der SPD, 15.09.1945, in: AdsD,
Nachlass Schumacher, 162.
16 Vgl.: Aktennotiz, 20.9.45, in: Ebd., 144.
17 Tagesordnung zur Sitzung des Zentralausschuss am 1.10.1945, in: SAPMO-BArch, DY 28, II/2/1,
Bl. 29.
4
3. Zum Konferenzverlauf
3.1. Die Konferenz der britischen Zone
Die offizielle Konferenz in Wennigsen bei Hannover wurde am Morgen des 5. Oktober 1945 eröffnet. 18 Zutritt hatten nur 33 Delegierte aus den Parteibezirken der britischen Besatzungszone und die Vertreter des Londoner Exilvorstands Erich Ollenhauer, Fritz Heine und Erwin Schöttle. 19
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Wennigsen am Abend des 4. Oktober 1945 fand zwischen Vertretern des ZA, Otto Grotewohl, Gustav Dahrendorf und Max Fechner, und der Abordnung des Londoner Exilvorstands ein vertrauliches Gespräch statt, das bis in die Morgen-stunden andauerte. Dabei versuchten die Mitglieder der Berliner SPD-Führung, Unterstützung für ihre Forderung zu erlangen, den ZA als provisorische Reichsinstanz der SPD unter Hinzuziehung von Sozialdemokraten aus den Westzonen und dem Exil zu erweitern. Die Londoner Exilvertreter lehnten dies ab. 20
Die offizielle Versammlung für die britische Zone eröffnete Kurt Schumacher mit einem Referat, in dem er seine Grundsatzpositionen wiederholte, die bereits in seinen Richtlinien vom 25. August 1945 und seinen Rundschreiben zum Ausdruck gekommen waren. Das betraf das Verhältnis der SPD zur KPD und besonders seine organisationspolitischen Zielsetzungen für die SPD im Vierzonendeutschland, auf die hier näher eingegangen werden soll. Schumacher leitete seine Ausführungen zur Frage des organisatorischen Aufbaus der SPD im Reichsmaßstab mit folgender Feststellung ein: „Die Einheit der Sozialdemokratischen Partei im nationalen Rahmen ist uns ebenso wert wie die Reichseinheit. Aber die Einheit des Reiches lebt zur Zeit nur als Idee, denn Deutschland zerfällt in verschiedene Besatzungszo-
18 LuvioCaracciolo: Alba di guerra fredda, Roma 1986, S. 147. Über den Ablauf der Tagungen existie-
ren diverse und sich teilweise widersprechende Berichte. Vgl.: G. Markscheffel, Erster Parteitag der
in den Westzonen aktiv tätigen Sozialdemokraten in Hannover am 6./7. Oktober 1945, in: AdsD,
Nachlass Hertz, Film XXIV (künftig: Bericht Markscheffel); Bericht von Alfred Kubel über die Dele-gierten-Konferenz der SPD am 5. und 6. Oktober 1945 in Wennigsen bei Hannover, 15.10.1945, in:
AdsD, Nachlass Kubel, 4; Brief Jupp Kappius` an Willi Eichler, 19.10.1945, in: AdsD, Bestand
IJB/ISK, 61; Brief Erwin Schoettles an Karl Frank, 25.11.1945, in: Landesarchiv Berlin (LAB), E-Rep.
300-33, K 85, O 304. Zudem sind Tagungsberichte von britischen Beobachtern der Zusammenkünf-
te vorhanden: Report by Lt. E. Thompson on SPD Conference in the Hannover Area on 5 and 6. Oc-
tober 1945, 13.10.1945, in: LAB, E-Rep. 300-33, K 28, O 94 ( Thompson Report); Report of the So-
cial-Democratic Meeting verfasst von Major N.G.L. Hammond, 8.10.1945, in: Ebd. (Hammond Re-
port).
19 Die nationale Konferenz sozialdemokratischer Führer (3.11.1945), in: Zwischen Befreiung und Be-
satzung, Wuppertal, S. 208 - 229, hier: S. 212.
20 Brief Schoettles an Frank (Anm. 17).
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Dr. Matthias Loeding, 2010, Otto Grotewohl und die Wennigsener Konferenz 1945, München, GRIN Verlag GmbH
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