Literarischer Kontext
In den Kapiteln 21-23 kündigt Jeremia Gericht an: Zuerst richten sich seine Worte gegen Weiter
Kontext
Jerusalem, das sich so sicher wähnt und trotzdem vernichtet wird, weil es nicht aufhört Böses zu tun (Kap 21). Dann greift er die Könige Schallum (Joahas), Jojakim und Konja (Jojachin) an (Kap 22): Gott wird ihrem Treiben nicht lange tatenlos zusehen, sondern eingreifen und Verderber schicken (22,7). Als nächstes wird das Urteil über die bösen Hirten gesprochen (23,1-8): Weil sie sich nicht um ihre Herden, das Volk, gekümmert haben, werden sie bestraft und durch einen gerechten Hirten ersetzt. Zum Schluss richtet sich Jeremias Anklage gegen die falschen Propheten (23,9-40), die das Volk in die Irre geführt haben und ihre eigenen Fantasien als Gottes Reden ausgeben. Die meisten Ausleger sehen Jer 23,9-40 eine Sammlung von mehreren Anklageschriften, Enger
Kontext
die unter der Überschrift „Wider die Propheten“ (23,9) zu einer thematischen Einheit zusammengefasst worden sind. Die Unterteilung variiert ein wenig, es werden vier (Lamparter 1 ), fünf (Thompson 2 und Fischer 3 ) und sechs (Wanke 4 ) Abschnitte vorgeschlagen. Grob kann man sagen, dass am Anfang, wie in einer Bestandsaufnahme, der katastrophale Zustand des Landes aufgezeigt wird: Es ist voller Ehebrecher, die Propheten sind ruchlos und von ihnen breitet sich Bosheit und Sünde über das ganze Land aus (9-15). Im nächsten Abschnitt (16-22) finden wir die Hauptanklage an die Propheten: Gottes Strafe wird sie treffen, weil sie das Volk durch Prophetien verführen, obwohl sie nicht gesandt wurden und Gottes Willen nicht kennen. Anschließend (23-32) wird das Wesen der wahren Prophetie deutlich: Es ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Sein Ursprung liegt bei Jahwe, der Himmel und Erde erfüllt. Weil die Lügenpropheten sich anmaßen, diesem Gott ihre eigenen Worte in den Mund zu legen, wird sie sein Zorn treffen. Der letzte Teil des Kapitels (33-40) grenzt sich inhaltlich und stilistisch stärker vom Rest ab und beschäftigt sich mit einer Redewendung, die anscheinend bei den Menschen üblich geworden ist: Ihr Reden nämlich als „Last-Spruch des Herrn“ zu bezeichnen. In der Exegese werde ich auf die Verse 16 bis 32 eingehen, dem Höhepunkt der Anklage Text-grenzen
Jeremias und seiner Darstellung des Kontrastes zwischen wahrhaft göttlicher Prophetie und menschlichen Träumen.
1 Vgl. Lamparter, Helmut: Prophet wider Willen, Stuttgart: Calwer Verlag 1964, S. 206-218 2 Vgl. Thompson, J. A.: The Book Of Jeremia, Grand Rapids (Mi): William B. Eerdmans Publishing Co., 2 1989, S. 493 3 Vgl. Fischer, Georg: Jeremia 1-25, Freiburg: Herder Verlag, 2005, S. 688f 4 Vgl. Wanke, Günther: Jeremia, Zürich: Theologischer Verlag, 1995, S. 208-219
2/10
SEMINARJEREMIA: EXEGESE ZU JER 23,16-32 ABEL HOFFMANN
Historischer Kontext
Propheten
Schon zur Zeit Samuels (1Sam 10,5ff) gab es Prophetengruppen, die sog. „Nabis“. Ihre Sorge war eigentlich die Reinherhaltung des israelitischen Glaubens von den Einflüssen durch den kanaanäischen Baalskult. Auch wenn in der Geschichte positive Einflüsse von ihnen ausgingen, waren sie davon überzeugt, dass Gott für das Wohlergehen und Gedeihen seines auserwählten Volkes zuständig war und unter keinen Umständen zulassen konnte, dass ihm Schaden zustieß. Hinzu kam, dass diese Propheten zur Zeit Jeremias immer mehr in die Abhängigkeit des Königshauses gerieten und dazu neigten, aus ihrem Erwählungsglauben heraus, die nationalen Wunschziele durch Offenbarungen und Prophetien zu bestätigen. So gaben sie das weiter, was man von ihnen hören wollte, anstatt die Übertretungen des Volkes aufzudecken und wirklich auf Gottes Reden zu hören 5 .
In Kap 23 sehen wir, dass Propheten Jeremias größte Widersacher sind. Auch wenn Politiker, Stammesführer und sogar der König Jeremia von Zeit zu Zeit Gehör schenken, so arbeiten die Propheten die ganze Zeit gegen ihn, verführen die, denen Jeremias Warnungen gelten und versuchen, Jeremia zum Schweigen zu bringen. Das Schlimme dabei ist, dass sie sich, genau wie Jeremia, auf Gottes Reden berufen und Außenstehende so gar nicht klar erkennen können, ob Gott wirklich durch Jeremia, oder doch durch die Propheten spricht.
II. KOMMENTAR
1 Hört nicht auf die Propheten, sie kennen Gottes Willen nicht und wurden
nicht von ihm gesandt (16-22)
Mit der Botenformel „So spricht der Herr“ wendet sich Jeremia an das ganze Volk und macht
deutlich, dass nicht er es ist, der jetzt spricht. Die Aufforderung, die folgt ist seltsam, weil Gott sein Volk bisher aufforderte, auf seine Propheten zu hören und nicht umgekehrt. Jeremia begründet, seine Aufforderung aber sofort: Diese falschen Propheten betrügen euch, indem sie verkündigen, was aus ihrem eigenen Herzen kommt. Anstatt Sünde aufzudecken, ermutigen sie Gottlose dazu, weiter zu sündigen. Und das passiert nicht einmalig, sondern fortwährend: Das Verb „sagen“ in V. 17 drückt im hebräischen Dauer aus. Die EÜ übersetzt passend mit „immerzu sagen sie“.
5 Vgl. Lamparter, Helmut: Prophet wider Willen, Stuttgart: Calwer Verlag 1964, S. 207
3/10
SEMINARJEREMIA: EXEGESE ZU JER 23,16-32 ABEL HOFFMANN
Das Problem an den Propheten ist nicht, dass sie Frieden und Heil verkündigen, dass
machen auch andere (und zwar rechtmäßig: Jer 23,5f; Jer 30-33; Jes 52,7), sondern dass Gott sie gar nicht in seine Entscheidungen mit hinein genommen hat. Sie waren nicht in seiner „Ratsversammlung“ dabei und können gar nicht wissen, dass Gott für die Frevler etwas ganz anderes plant, als Frieden und Wohlergehen. Der Vers ist direkt an die Propheten adressiert und soll nicht allgemein ausdrücken, dass Gott sich keinem mitteilt (Jeremia ist ja selbst das beste Gegenbeispiel) - vielmehr wird deutlich, dass die entscheidende Berechtigung für das Weitergeben von Offenbarungen fehlt: persönlich von Gott in seine Pläne eingeweiht worden zu sein 6 .
In den Versen 19-20 taucht die erste von den zwei Gerichtsankündigungen in diesem
Textabschnitt auf, sie ist gegen beide: die Gottlosen und die Propheten gerichtet. Ihre Erfüllung wird letztendlich (am Ende der Tage) auch die falschen Prophetensprüche als Lügen entlarven: Statt Frieden und Heil wird Gottes Zorn wie ein Unwetter über sie hereinbrechen und nicht eher aufhören, als bis die Strafe vollständig ausgeführt ist. Diese Ankündigung tritt noch einmal leicht abgewandelt in Kap 30,23f auf und ist ein Beispiel für Jeremias bildhafte Ausdrucksweise, bzw. ein Beleg dafür, wie bildhaft und plastisch Gottes Offenbarungen an Jeremia sind: Gottes Zorn ist wie ein Wirbelsturm, etwas wovor man sich fürchtet, das man nicht abwenden kann, dem man machtlos ausgeliefert ist. Dieser Sturm wird über die Köpfe der Frevler hereinbrechen. Unwillkürlich mögen sich die Hörer bei den Worten geduckt haben, es gibt aber kein Entrinnen - der Sturm wird erst aufhören, wenn das Urteil vollstreckt ist.
Die Verse 21-22 führen die Anklage an die Propheten in der 1. Pers. Sg. direkt als Gottes
Reden weiter. Nur er selbst - kein Mensch - kann wissen, ob jemand in seine Absichten eingeweiht ist. Nicht Jeremia unterscheidet hier zwischen echter und unechter Prophetie, sondern Gott. Gottes Reden in der 1. Pers. Sg. zieht sich von hier bis V. 32 durch. Wenn man diese Verse mit der Berufung Jeremias vergleicht, fällt einiges auf: Jeremia wird von Gott persönlich gesandt zu gehen (Jer 1,7.9) - diese Propheten wurden nicht gesandt und laufen sogar, Gott selbst hat Jeremia befohlen, zu reden - die Propheten haben keinen solchen Auftrag erhalten, weissagen aber sogar 7 . Obwohl Jeremia von Gott beauftragt ist, handelt er zurückhaltend, diese Menschen haben keinen Auftrag und stürzen sich förmlich darauf, als Propheten aufzutreten. Es wird deutlich, wieso es unmöglich ist, dass diese selbsternannten Propheten Gottes Absichten kennen: Sie würden Umkehr predigen, wenn sie seinen Willen wirklich erfahren hätten.
6 Vgl. Lamparter, Helmut: Prophet wider Willen, Stuttgart: Calwer Verlag 1964, S. 211
7 Vgl. Fischer, Georg: Jeremia 1-25, Freiburg: Herder Verlag, 2005, S. 697
4/10
Arbeit zitieren:
Abel Hoffmann, 2005, Jeremia 23,16-32 (Falsche Propheten), München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Lessings Rückbezug auf Aristoteles in seiner Dramentheorie am Beispiel...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 17 Seiten
Form und Produktivität der sekundärsprachlichen Endung "-(at)ion&...
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Lessings "Emila Galotti" als aristotelisches Drama
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Konzept zum interkulturellen und interreligiösen Dialog
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Referat (Ausarbeitung), 15 Seiten
Interreligiöses Lernen im englischen und deutschen Religionsunterricht
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Seminararbeit, 31 Seiten
Praktikumsbericht: Planung und Durchführung einer Unterrichtsstunde: S...
Theologie - Religion als Schulfach
Unterrichtsentwurf, 17 Seiten
Stationenarbeit zu Zerlegungen der Zahl 10 unter Einbeziehung bekannte...
Unterrichtsentwurf, 28 Seiten
Abel Hoffmann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare