SEMINAR 1. KORINTHER: EXEGESE ZU 1. KOR. 11,17 - 34 ABEL HOFFMANN
Ich habe mich für die Neue Genfer Übersetzung entschieden, weil sie sie es sehr gut schafft, die Aussageabsicht, die Paulus in dem Text verfolgt, sprachlich verständlich zu verdeutlichen, ohne gleichzeitig Neues in den Text hinein zu interpretieren.
Die NGÜ hilft, den Text so zu verstehen, wie er gemeint ist und lenkt die Gedanken des Lesers in die richtige Richtung (z. B. V. 34: „Wenn jemand so hungrig ist, ‚dass er nicht warten kann’“).
Die Fußnoten sind hilfreich, um die Aussagen besser zu verstehen und zeigen verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten sinnvoll auf.
II. EINLEITUNG
Text Der erste Korintherbrief, wie wir ihn heute kennen, ist wohl Paulus’ zweites Schreiben an die Korinther und wurde 54 nC in Ephesus verfasst, wo Paulus sich in im Zuge seiner dritten Missionsreise drei Jahre lang aufhielt 1 . Paulus schreibt ihn als Antwort auf Anfragen und Berichte, die ihm von den Korinthern zu Ohren gekommen sind und versucht wieder Ordnung in die von ihm gegründete Gemeinde zu bringen (Apg 18,1-17).
Die Exegese soll einen Überblick über die Missstände geben, die bei der Abendmahlsfeier Thema
der Korinther entstanden sind und dann näher auf Paulus’ Anordnungen zur Feier eines würdigen Abendmahls eingehen (1Kor 11,27-34).
Fragen Fragen, die in diesem Zusammenhang behandelt werden sind vor allem: Was ist das Problem der Korinther und welche Lösungsvorschläge gibt Paulus? Was meint Paulus mit „unwürdig essen“? (V. 27) Was heißt „sich selber prüfen“? (V. 28) Was bedeuten Paulus Anweisungen für die heutige Praxis der Abendmahlsfeier? Gibt es Gründe, sich vom Abendmahl zu enthalten?
III. ANALYSE
Literarischer Kontext
Nachdem sich Paulus gegen Streitigkeiten (Kap. 1-4) und Missstände (Kap 4-6) in der Weiter
Kontext
Gemeinde gerichtet und Anfragen, die aus der Gemeinde an ihn gestellt wurden (Kap 7-10), beantwortet hat, gibt er von Kapitel 11 bis 14 weitere Anweisungen, die das Gemeindeleben und das Miteinander der Christen regeln sollen.
1 Vgl. Mauerhofer, Erich: Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments 2, Neuenhausen-Stuttgart: Hänssler 1995, S. 82
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Nachdem er schon die Spaltungen angesprochen hat, die die Gruppierungen der Korinther um verschiedene Redner (Kap 3,5ff) und in diesem Zusammenhang die Fragen um Weisheit und Erkenntnis (Kap 3,18ff) sowie Libertinismus und Askese (Kap 5-7) verursachen, kommt hier ein weiteres Thema zur Sprache, das zu Spaltungen in der Gemeinde beiträgt: Das unwürdige und lieblose Abhalten des Abendmahls.
Auch die Kapitel davor und danach gehen auf das Thema „Gemeinschaft“ ein: In Kap 10 warnt Paulus davor, durch das Essen von Götzenopferfleich Gemeinschaft mit bösen Geistern zu haben und stattdessen durch die Teilnahme am Abendmahl die Verbundenheit der ganzen Gemeinde mit Christus auszudrücken („denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot“ 1Kor 10,17). In Kap 12 betont er, dass Christen zwar verschiedene Gaben haben und verschiedene Glieder am Leib Christi darstellen, aber durch den Heiligen Geist miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind, „damit keine Spaltung im Leib sei, sondern die Glieder dieselbe Sorge füreinander hätten“ (1Kor 12,25).
Ein durchgehendes Motiv der Kapitel 10 - 12 ist also immer wieder Wahrung und Wiederherstellung einer intakten Gemeinschaft sowie Warnung vor Spaltung.
Kann er die Korinther in Kap 11,2 noch loben, weil sie daran denken, was er ihnen gesagt
hat, sieht es beim Thema Abendmahl anders aus - hier kann er kein Lob aussprechen, sondern muss tadeln. Es geht dabei auch nicht um eine Sache der Sitte und Tradition, wie die Themen Kopfbedeckung und Haartracht der Frau im Abschnitt davor (11,16). Vielmehr muss Paulus hier befehlen (V. 17) und gibt die Anordnung als „vom Herrn empfangen“ (V. 23) weiter.
Zuerst erwähnt Paulus, was ihm zu Ohren gekommen ist und verurteilt die lieblose und egoistische Haltung der Korinther beim Abendmahl (Vv. 17-22). Indem er anschließend Jesu Einsetzungsworte zitiert, führt er den Korinthern die tiefe Bedeutung und Wichtigkeit des gemeinsamen Erinnerungsmahles vor Augen (Vv. 23-26) und leitet daraus seine Anordnungen für die Praxis der Feier ab (Vv. 27-34).
Obwohl der gesamte Abschnitt ab Kap 11,17 wichtig ist, um Paulus um das Abendmahlproblem der Korinther zu verstehen, werde ich mich vor allem auf die Verse 27-34 konzentrieren, weil gerade hier Fragen aufgeworfen werden, die auch für unsere heutige Praxis der Abendmahlsfeier von Bedeutung sind.
Historischer Kontext
Ich werde an dieser Stelle nicht näher auf den historischen Kontext der Stadt Korinth eingehen, da dieser bereits im Unterricht behandelt wurde.
Soziale Schichten in der hellenistischen Urgemeinde
Auch wenn sehr wenig über die soziologischen Aufbau der ersten Gemeinden bekannt ist und man die heutige 3-Klassen-Gesellschaft nicht ohne weiteres in die Antike übertragen kann (es gab eine viel stärkere Trennung in Ober- und Unterschicht), spiegelte die Verteilung von Arm und Reich in der Gemeinde wohl annähernd das Umfeld wieder, in dem sich die Gemeinde befand 2 . Die Gemeinden bestanden also nicht nur aus der Unterschicht,
2 Vgl. Gehring, Roger W.: Hausgemeinde und Mission, Gießen: Brunnen, 2000, S. 291ff
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sondern (bis auf wenige Ausnahmen, vor allem an der Spitze) aus allen Schichten, die in der Bevölkerung selber vorhanden waren. Vor allem in Korinth werden auch Gebildete, Einflussreiche, Patrone und reichere Hauseigentümer aus der Oberschicht dazu gehört haben, die ihre Häuser für Gottesdienste zur Verfügung stellten. So kam es, dass sich Mitglieder der Oberschicht gemeinsam mit Bauern, Händlern, Handwerkern, Soldaten mit Eigentum und teils Bürgerrechten, freigelassene Sklaven sowie Leibeigenen zum gemeinsamen Gottesdienst trafen. Dass es da aufgrund der Prägung durch die ansonsten eigentlich starre Ständegesellschaft schnell zu Spannungen kommen konnte, liegt auf der Hand.
Mahlzeiten
Neben dem Hauptaspekt der Sättigung und des Genusses von Speisen hatten Mahlzeiten in der Antike zusätzlich stärkere soziale und religiöse Identifikationen, als heute. Das gemeinsame Mahl konnte ein Ausdruck von Gastfreundschaft, Frieden und Einheit sein. Im Judentum war das Schlachten und Essen eines Tieres oft mit einem Opfer an Gott ver-bunden (3Mos 7,11ff), es war ein Ausdruck der intakten Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk.
Nach rabbinischer Überlieferung wurde eine gewöhnliche jüdische Mahlzeit vom Pater Familias mit einem Dank an Gott begonnen. Dabei hielt er ein Stück Brot in den Händen, das anschließend gebrochen und an die Tischgemeinschaft verteilt wurde. Zum Abschluss nahm das Familienoberhaupt einen Kelch in die Hand (wenn nicht gerade Besuch anwesend war, musste dieser nicht unbedingt Wein beinhalten), dankte Gott auch dafür und gab den Anwesenden zu trinken. 3 Auch wenn das nicht heißt, dass jede Mahlzeit strikt nach diesem Muster abgelaufen ist, so wird doch deutlich, dass Brot und Wein sowie Dank an Gott einen festen Platz in den Mahlzeiten hatten.
Auch die tägliche Hauptmahlzeit der Griechen und Römer (cena) war mit mehrfacher Anrufung der Götter und zum Teil auch mit Opferhandlungen verbunden. Gleichzeitig beinhalteten viele rituelle und sakrale Handlungen, wie Bündnis- und Friedensschlüsse, Heirat und Beerdigung in der Antike ein gemeinsames (Fest)essen, wobei ein Opfer die Bedeutung besonders unterstrich. 4
Eine besondere Form der Mahlzeit ist das Gastmahl. Bei den wohlhabenden Hellenisten, folgte es einer klaren Struktur, die Gäste waren persönlich geladen und es wurde auf Sauberkeit geachtet. Der erste Teil war dem Essen gewidmet, danach folgte das Symposion, ein Trinkgelage, bei dem ein Bankettmeister verschiedene Opferzeremonien leitete und den Wein einschenkte. Anschließend war Zeit für Geselligkeit bei Gesprächen, Musik und Schauspiel. Während das Gastmahl nur den Männern vorbehalten war, konnten in der letzten Phase auch Hetären (gebildete, sozial anerkannte Prostituierte) eingelassen werden 5 . Bekannt sind auch so genannte Totengedächtnismahlzeiten in Mysterienkulten, die zwar einige Parallelen, aber auch gravierenden Unterschiede zum Abendmahl aufweisen, so dass sie auf die Praxis der Christen keinen großen Einfluss gehabt haben dürften 6 .
3 Vgl. Marshall, I. Howard: Last Supper and Lord’s Supper, Exeter, Devon: Paternoster Press, 2 1993, S. 18f 4 Vgl. Stegemann, Ekkehard W, „Das Abendmahl im Kontext antiker Mahlzeiten“, Zeitschrift für Mission, Oktober 1990, S. 133
5 Cancik, Hubert (Hg): „Gastmahl“, Der Neue Pauly - Enzyklopädie der Antike (Epo-Gro), Stuttgart: J. B. Metzler 1998, S. 801
6 Vgl. Marshall, I. Howard: Last Supper and Lord’s Supper, a. a. O., S. 28
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Arbeit zitieren:
Abel Hoffmann, 2006, Exegese zum ersten Korintherbrief (Abendmahl) nach der Neuen Genfer Übersetzung, München, GRIN Verlag GmbH
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