Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 FEHLER-THEORIE. 4
3 PHYSIKALISMUS 5
4 RESONANZ-ABHÄNGIGKEIT 5
5 IRREDUZIBLER REALISMUS. 6
6 FAZIT. 6
7 LITERATURVERZEICHNIS. 7
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1 Einleitung
Philosophische Debatten in den Disziplinen Metaphysik, Epistemologie und Sprachphilosophie erfordern früher oder später eine präzise Auseinandersetzung mit der Frage, was „Realismus“ eigentlich bedeutet. Die verschiedenen philosophischen Strömungen / Schulen bilden dabei jeweils eigene Methodiken und Fachtermini aus, so dass hier zunächst zu klären ist, mit welcher konkreten Definition von „Realismus“ im Folgenden gearbeitet werden soll. In diesem Kontext stehen auch die Definitionen von „Realismus“ und „Anti-Realismus“, wie sie von Stuart Brock und Edwin Mares in ihrer Abhandlung Realism and Anti-Realism vorgeschlagen worden sind:
x Realistisch seien im Folgenden solche philosophischen Positionen genannt, welche von Fakten 1 ausgehen, die in ihrer Existenz unabhängig von subjektiver Wahrnehmung sind.
x Anti-realistisch seien im Folgenden zwei verschiedene Arten von philosophischen Positionen genannt: Solche, welche davon ausgehen, dass die Existenz von Fakten abhängig von subjektiver Wahrnehmung ist, und solche, welche abstreiten, dass es Fakten überhaupt gibt.
Es bietet sich Brock und Mares zufolge an, diese Definitionen stärker auszudifferenzieren, indem wir sie in direkten Bezug zum Phänomen der Farbwahrnehmung setzen. Ohne Farben könnten wir die Konturen bzw. die räumliche Struktur der „Objekte“ unserer „Außenwelt“ gar nicht erkennen. (Selbst wenn ein Objekt transparent ist, so erkennen wir es doch durch das Durchscheinen der Farben anderer Objekte.) Diese Feststellung geht philosophisch betrachtet über einen rein physikalischen Erklärungsansatz von Farbwahrnehmung hinaus: Wenn es Fakten über eine unabhängig von uns existente Außenwelt gibt, dann haben Farben etwas mit diesen Fakten zu tun. Was also sind Farben wirklich? Was für Fakten können wir ggf. in Bezug auf Farben festhalten? Brock und Mares stellen zur Beantwortung dieser Fragen vier verschiedene Theorien vor, welche ich im Folgenden diskutieren werde:
1 Hier: Aspekte der äußeren Welt, welche durch bestimmte Aussagesätze vollständig beschrieben
werden können.
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2 Fehler-Theorie
Vertreter dieser Theorie sehen in den oben genannten Fragen zur Farbwahrnehmung das Resultat einer systematischen Fehlannahme. Unsere visuelle Wahrnehmung ist ohnehin anfällig für optische Täuschungen (z.B. wenn wir einen Stift betrachten, welcher in einem halb gefüllten Wasserglas steckt und dadurch für uns gekrümmt aussieht, obwohl er dies nicht ist). Konstitutiv für die „Fehler-Theorie“ sind aber zwei darüber hinausgehende Argumente: 2.1. Erstens ist Einfachheit ein wichtiges Kriterium wissenschaftlicher Theorien (vgl. „Ockhams Rasiermesser“). Naturwissenschaftliche Theorien kommen aber prinzipiell ohne eine Erklärung von Farbwahrnehmungen aus:
(P1) Farben sind überflüssig für unsere Erklärungsbedürfnisse.
(P2) Wenn Farben überflüssig für unsere Erklärungsbedürfnisse sind, dann gibt es keine Farben. o Es gibt keine Farben.
2.2. Zweitens gibt es gute wissenschaftliche Erklärungen von Farbwahrnehmungen, welche nicht auf der Annahme basieren, die Farben von Objekten entsprächen 1 : 1 unseren Farbwahrnehmungen. Eine physikalisch-neurologische Erklärung von Farbwahrnehmung etwa kann sich auf die Fotorezeptoren der menschlichen Netzhaut (Stäbchen und Zapfen) beziehen. Es können drei verschiedene Arten von Zapfen unterschieden werden, welche jeweils für eine bestimmte Wellenlänge von Lichteinwirkungen (kurz, mittel und lang) zuständig sind. Die Zapfen konvertieren das Licht seiner Wellenlänge entsprechend in neuronale Signale, welche wir als unterschiedliche Farbwahrnehmungen erleben. Zwar können bestimmte Objekte lokalisiert werden, welche das auf unsere Fotorezeptoren treffende Licht reflektieren, aber dies sagt nichts Faktisches darüber aus, ob diese Objekte unabhängig von unserer subjektiven Wahrnehmung farbig sind bzw. was eine Farbe wirklich ist.
Wir unterliegen diesem Erklärungsmodell entsprechend also nicht nur einer temporären Täuschbarkeit unserer Augen, sondern wir werden vielmehr permanent getäuscht, solange wir glauben, unsere (visuelle) Wahrnehmung sei dazu geeignet, die äußere Welt 1 : 1 wiederzugeben. Die Hauptthese der Fehler-Theorie besteht also darin, dass wir bisher keinerlei Möglichkeiten gefunden hätten, die Welt „objektiv“ zu erkennen. Sie ist somit anti-realistisch im Sinne von Brock und Mares.
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3 Physikalismus
Ein gutes Beispiel für eine realistische Theorie der Farbwahrnehmung ist der Physikalismus. Physikalisten setzen eine Korrelation zwischen den Farben von Objekten und unseren Farbwahrnehmungen voraus: Alle Eigenschaften von Objekten seien physikalische Eigenschaften. Eine im Physikalismus weit verbreitete These besagt daher, dass Farben identisch mit den physikalischen Ursachen unserer Farbwahrnehmungen seien. Als außerphysikalische Entität stehen Farben daher für viele Physikalisten außerhalb der kausalen Zusammenhänge. Einige Physikalisten vertreten ferner die These, Farben seien identisch mit der Disposition 2 eines Objektes, Licht in bestimmten Wellenlängen zu reflektieren. Der Physikalismus stimmt daher mit der Fehler-Theorie insofern überein, als dass beide Theorien implizieren, Entitäten außerhalb physikalischer Kausalzusammenhänge seien „überflüssig“ bzw. nicht existent ( vgl. 2.1.). Im Gegensatz zur Fehler-Theorie geht der Physikalismus aber davon aus, dass es zumindest möglich ist, die Ursachen von Farbwahrnehmung „objektiv“ zu beschreiben bzw. diesbezügliche Fakten zu nennen. Eine physikalistische Identitätstheorie der Farbwahrnehmung ist allerdings aus mindestens zwei Gründen problematisch: Erstens liefert eine rein physikalische Erklärung der Kausalbedingungen von Farbwahrnehmung keine befriedigende Antwort auf die Frage, was Farben wirklich (also unabhängig von subjektiver Wahrnehmung) sind (vgl. 1. und 2.2.). Zweitens bedeutet ein Identitätsverhältnis zwischen Farbe und der physikalischen Ursache von Farbwahrnehmung nicht zwingend, dass wir diese Ursachen auch als solche erkennen und auf der richtigen Beschreibungsebene wiedergeben können. Wer z.B. Clark Kent sieht, der sieht zugleich Superman, ohne dafür wissen zu müssen, dass Clark Kent und Superman ein- und dieselbe Person sind. Man würde also ggf. Superman sehen, ohne dies zu erkennen. Wir können analog dazu theoretisch eine bestimmte Farbe sehen, ohne damit zugleich die Ursache dieser Farbwahrnehmung zu sehen.
4 Resonanz-Abhängigkeit
Die Resonanz-Abhängigkeit ist ein weiteres Beispiel für eine anti-realistische Theorie. Vertreter dieser Theorie sind davon überzeugt, dass die Disposition von Objekten, eine bestimmte Farbe zu haben, nicht allein in der physikalischen Struktur dieser Objekte, sondern auch in den Standardbedingungen der Wahrnehmung normaler Menschen liege. Wenn diese
2 Dispositionelle Eigenschaften: Fähigkeit oder Neigung eines Objekts oder Subjekts, unter
bestimmten Umständen ein bestimmtes Verhalten zu zeigen (z.B. das Auflösen in Wasser oder das
Zerbrechen). Diese Eigenschaften sind das Gegenteil von manifesten Eigenschaften.
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These korrekt ist, dann ist es unmöglich, die Standardbedingungen von Farbwahrnehmung zu ändern, ohne dadurch zugleich die farblichen Dispositionen von Objekten zu ändern. Es läge dann eine Supervenienz der Farbwahrnehmung vor. Beispiel: x Definition von Röte: „X ist genau dann und nur dann rot, wenn X die Disposition hat, für normale Menschen unter Standardbedingungen rot auszusehen.“ Wir erfahren dementsprechend also nur anhand der Resonanz von Subjekten, welche Farben welchen Objekten zuzuordnen sind.
Diese Theorie ist problematisch, weil hier gewissermaßen versucht wird, etwas Objektives in die Subjektivität hineinzuschmuggeln: Anhand welcher Kriterien sollen wir festlegen, was normal bzw. Standard ist? Durch welche Argumente soll in diesem Kontext die These gestützt werden, es gäbe ein Identitätsverhältnis zwischen farblichen Dispositionen und den Ursachen von Farbwahrnehmung? Diese Fragen bleiben offen.
5 Irreduzibler Realismus
Der irreduzible Realismus ist das denkbar einfachste Beispiel einer realistischen Theorie: Farben seien genau das, als was wir sie wahrnehmen. Sie seien Entitäten, die „an sich“ existieren und sich vollständig in unserer Wahrnehmung offenbaren. Eine mögliche Schlussfolgerung aus diesen Annahmen besteht darin, es sei prinzipiell unzulässig, Farben auf ihre physikalischen Eigenschaften reduzieren zu wollen. In diesem Sinne wären die beiden Theorien „Physikalismus“ und „irreduzibler Realismus“ zu einander inkommensurabel, obwohl sie beide realistisch sind. Für Physikalisten sind Farben inexistente oder irrelevante Entitäten, weil sie nichts zur Erklärungsleistung naturwissenschaftlicher Theorien von Farbwahrnehmung beitragen. Nicht Farben „an sich“, sondern die kausalen Vorbedingungen von Farbwahrnehmung sind interessant. Für Vertreter des irreduziblen Realismus hingegen ist es absurd, die Entität „Farbe“ durch eine rein physikalische Erklärung von „Farbwahrnehmung“ ersetzen zu wollen: Wenn es Farben gar nicht wirklich gibt, weshalb gibt es dann eine Wahrnehmung von Farben?
6 Fazit
Brock und Mares haben offen gelassen, welche Theorie die beste Erklärungsleistung erbringen kann. Obgleich jede der oben skizzierten Theorien problembehaftet ist, bietet jede von ihnen auch brauchbare Denkansätze. Die Fehler-Theorie rückt unser Unvermögen, die
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Wahrnehmung eines Gegenstandes (bzw. seiner Farbe) mit dem postulierten Gegenstand selbst zu vergleichen, ins Zentrum der philosophischen Betrachtung. Der Physikalismus macht explizit, dass es höchstwahrscheinlich Korrelationen zwischen unserer Wahrnehmung und unserer (physikalischen) Außenwelt gibt. Die Resonanz-Abhängigkeit macht uns darauf aufmerksam, dass besagte Korrelationen Veränderungen unterworfen sind, wenn sich die Beobachtungssituation ändert. Der irreduzible Realismus schließlich ruft uns ins Gedächtnis, dass wir intuitiv mit unserer Umwelt interagieren und dass - allen theoretischen Problemstellungen zum Trotz - unsere Wahrnehmung im Alltag erstaunlich gut funktioniert. Die von Brock und Mares postulierte Dichotomie „Realismus vs. Anti-Realismus“ jedoch ist ihrerseits aus mindestens zwei Gründen problematisch: Erstens müssen Erklärungsmodelle, welche dem Realismus kritisch gegenüber stehen, nicht zwangsläufig aus einer „antirealistischen“ Position heraus formuliert werden, denn genau diese Kategorisierung unserer Wahrnehmung in Begriffe wie „realistisch“ oder „antirealistisch“ kann Gegenstand der Kritik sein. Zweitens variiert die Bedeutung von Begriffen wie „Realität“ oder „Faktum“ in „antirealistischen“ Theorien. Es macht einen großen Unterschied, ob etwa ein Solipsist („Farben sind nur ein Produkt meines Geistes“), ein Relativist („Wir können prinzipiell keine Gewissheit darüber haben, was Farben sind.“) oder ein (radikaler) Konstruktivist („Wir können nur diverse Modelle von Farben entwickeln, die situationsabhängig mehr oder weniger brauchbar sind.“) von „Fakten“ spricht.
„Fakten“ im „realistischen“ Sinne sind ein postulierter Übergang von der Sprache zur „objektiven Wahrheit“. Doch welches Vokabular ist aus welchen Gründen dazu geeignet, die Korrelate zwischen Farbwahrnehmung und Außenwelt sprachlich zu repräsentieren? Solange auf diese Frage keine präzise Antwort gefunden wird, bleibt jeder „realistischen“ Position eine Erklärungslücke inhärent.
7 Literaturverzeichnis
Brock, Stuart / Mares, Edwin: Realism and Anti-Realism, Montreal / Kingston / Ithaca: McGill-Queen`s University Press, 2007
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Arbeit zitieren:
Ulrich Goetz, 2009, Realismus und Antirealismus: Farben, München, GRIN Verlag GmbH
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