1. Neue Formen
Für Prince Charles ist jedes Hochhaus in London ein Dorn im Auge. Der Finanzdistrikt besteht seiner Meinung nach aus einem „rempelnden Gedränge von Wolkenkratzern, die untereinander um Aufmerksamkeit kämpfen.“ (1) Andere sehen in der Entwicklung der heutigen Architektur Gefahren der Selbstrepräsentation der Bauherren und Architekten und den Verlust des gesellschaftlichen Bezuges. SPIEGEL redet von „Architektonischen Höhenflügen“ und schreibt, dass die Gebäude entworfen werden um Aufsehen zu erregen um sich besser zu vermarkten, was man an der Entwicklung in Dubai und in Asien erkennen kann. Die Formen werden immer radikaler und skurriler. (2) Der Swiss Re Tower war noch vor seiner Fertigstellung Gegenstand vieler Diskussionen. (3) Seine revolutionäre Form, die wie kein anderes Hochhaus die Skyline Londons prägte, war höchst bestritten. Ob die Welt dafür schon bereit war oder nicht sei dahingestellt, die Frage ist, ob das Gebäude die Selbstverwirklichung einiger weniger oder ein Werk vom Menschen, für den Menschen ist und die gesellschaftlichen, sozialen und ästhetischen Aspekte gleichwertig behandelt oder nicht.
2. Entwicklung des Projekts
Das Projekt 30 St Mary Axe hatte in den 90iger Jahren seine Anfänge und viele Etappen waren zu bewältigen, bevor es 2004 fertig gestellt wurde. Eins der größten Rückversicherungsunternehmen weltweit, die Swiss Reinsurance Company, das 1863 gegründet wurde und mittlerweile 8000 Menschen weltweit beschäftigt, hatte das Bestreben seine fünf Zentren in London zusammenzuführen, um Interaktion und Ideenaustausch in der Firma zu ermöglichen. Nach langem Suchen, hatte man sich schließlich für einen Platz entschieden, auf dem sich vorher der Baltic Exchange befand. 1903 von den Architekten T.H. Smith und William Wimble fertig gestellt, diente das viktorianische Gebäude als Handelsplatz für Seehändler. Das aus teuerem Material gebaute Handelszentrum, das 1992 bei einem Bombenanschlag der IRA unreparabel zerstört wurde (Abb.1), sollte lange Zeit nicht zum Abriss freigegeben werden. Die Stadt kämpfte für den historischen Bau, jedoch
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blieben die Investoren für das kostspielige Projekt aus. Obwohl das Architektenbüro GMW (Gollins, Melvins, Ward) 1995 die Baugenehmigung für ihren Entwurf erlangte, der die Fassade des Baltic Exchange integrieren würde, hat sich kein Interessent gefunden, der das unvorteilhaft projektierte Gebäude okkupieren würde. Nachdem die Swiss Re Company Ende 1997 Interesse an dem Grundstück zeigte, hat man sich schließlich gegen den GMW- Entwurf und für den renommierten Architekten Norman Foster entschieden. (4)
Die Entwicklung der Form des Gebäudes wurde unter enger Zusammenarbeit mit der Stadtplanung und dem English Heritage vorgenommen. Aus dem ursprünglich 1996 von Foster entworfenen 400 Meter hohem London Millennium Tower (Abb.2) entstand nach einer dreijährigen Entwicklungsphase, bei der die Höhe teilweise bis auf 100 Meter hinunterging, das heutige 180 Meter hohe Modell. (5)
3. Baubeschreibung
Das 30 St Mary Axe Gebäude befindet sich unweit vom Zentrum im östlichen Teil von London im Finanzdistrikt, wo sich weitere Bürogebäude befinden. Der Osten der Stadt eignet sich gut für Hochbauten, da er außerhalb des denkmalgeschützten Gebietes liegt. (Abb.3) Der 180 Meter hohe Tower steht zwar auf einem dicht bebauten Platz, ist aber trotzdem allumsichtig und freistehend. Von weitem ist das Gebäude nie als Ganzes zu sehen, da es immer teilweise durch Nachbarbauten verdeckt wird. Wie in den meisten Metropolen, herrscht auch in London ein städtebaulicher Stilmix aus verschiedenen Epochen, was sich auch an den umgebenden Bauten des Towers widerspiegelt. Dazu zählen der aus den 60iger Jahren stammende Commercial Union Tower, der futuristisch wirkende Richard Rogers Lloyd’s of London von 1986 und das Holland House von 1916, das den stärksten Kontrast zum im Jahre 2004 fertig gestellten gläsernen Versicherungsgebäude bildet. (Abb. 4-6)
Von den Stadtbewohnern als erotische Gurke bezeichnet (6), ist das Hochhaus mittlerweile ein fester Bestandteil der Skyline und ein oft abgebildetes Wiedererkennungsmerkmal der Weltmetropole. (Abb.7) Das wahrscheinlich markanteste Charakteristikum des Gebäudes ist seine kurvige Form. Die Glassäule wird entasisartig zur Mitte des Gebäudes dicker und verjüngt sich nach oben zur
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Spitze. Die netzartige Stahl-Glasfassade, die aus 7429 teils dreieckigen, teils rauteförmigen Glaselementen besteht, erinnert an ein Drahtgeflecht, das die elyptische Säule umspannt. (Abb.8,9) Durch getönte Glaselemente an der Fassade, entstehen spiralförmige, sich um das Gebäude windende Linien, die das längsachsensymmetrische, nach außen gewölbte Gebäude durch ihre Asymmetrie auflockern. (Abb.10)
Das Gebäudekonstrukt besteht außen aus gegeneinander gekippten Stahlrohren und horizontalen Stahlbalken und einem zylindrischen Schacht im Zentrum des Baus. Verbindende Stahlelemente zwischen den Rohren haben die Funktion, diese zusammenzuhalten und ermöglichen die Variation der Radien der Etagen, wodurch die kurvige Form ermöglicht wird. Die horizontalen Balken fangen den Außendruck ab und halten den Bau zusammen. Vier diagonal montierte Rohren ergeben jeweils eine Raute, die über vier Etagen geht. (Abb.11)
Die Ummantelung der Stahlrohre, aus den das Hauskonstrukt besteht, hat ein rauteförmiges Hohlprofil. Die Aluminiumverkleidung lässt durch die Farbwahl ein scheinbares rauteförmiges Gitter entstehen. Alle horizontalen Balken des Außenskeletts sind blauschwarz, während alle diagonalen in weiß gehalten sind, wodurch die Diagonalen hervorgehoben werden und der Eindruck eines übergespannten Netzes entsteht. (Abb.12)
Das von weitem durch die gewählten Materialien, Stahl und Glas, leicht und elegant wirkende Bauwerk überrascht bei näherem Betrachten. Die Gewaltigkeit der Stahlelemente findet bei dem Portal ihre Wirkung. Die acht unverglasten zweigeschossigen A-förmigen Konstruktteile, die den Eingang repräsentieren, lassen zusammen eine stumpfe Pyramide entstehen auf der eine verglaste Spitze basiert. Die nackten weißen zu ca. 30° gekippten Pfeiler wirken im Verhältnis zu den kleineren rauteförmigen Glaselementen der Fassade riesig und erfüllen damit ihre repräsentative Funktion. (Abb.13)
Die Raute und das diagonale Gittersystem werden sowohl in der Stahlkonstruktion, als auch in der Glasverkleidung zum Leitmotiv. Dabei ergibt sich aus der konvexen, organisch wirkenden Form des Turms und dem Rautemotiv ein interessantes Zusammenspiel, das die Dramatik des Baus steigert. Die unkonventionelle diagonale Fassadengliederung, die keine vertikalen und kaum horizontale Elemente aufweist und die doppelhäutige Glasverkleidung erschweren die Vermutung über das Innere. Wand und Fenster überschneiden sich in ihren Funktionen und verschmelzen zu
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einem Ganzen - der Glasfassade. Die einzigen Elemente, die die innere Aufteilung an der Außenfassade andeuten, sind die verdunkelten Streifen hinter denen sich Lichtschächte befinden.
Die Etagenfläche ist um den Gebäudekern herum in jeweils sechs gleichgroße, rechteckige Sektionen eingeteilt, zwischen denen sich dreieckige Aussparungen befinden. Der Grundriss der Etagen ähnelt einem Zahnrad oder einer Blume. (Abb.14) Diese Aufteilung hat zwei Vorteile zur Folge. Einerseits lassen sich rechteckige Räume besser vermieten als runde, andererseits wird mit den Atrien eine Balkonsituation erzeugt, die sich über jeweils sechs Stockwerke erstreckt und damit das Tageslicht weiter in das Innere des Gebäudes eindringen lässt. Durch die leichte Rotation der Etagenebenen ergibt sich eine spiralförmig geschwungene Form der Lichtschächte, die das Fassadenmuster bestimmt. (Abb.15) Die Atrien bieten Platz für soziale Interaktion und Grünpflanzen, außerdem sind sie ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems des Gebäudes. Die offenen Arbeitsflächen, die eine maximale Tageslichtausnutzung bieten, wurden durch die Außenskelettkonstruktion und damit die Vermeidung von stützenden Elementen gewährleistet. Der Kern des Gebäudes ist ein Zylinder, der wie eine Aorta die Energie- und Wasserversorgung beherbergt. In dem krönenden Abschluss des Turms, der Spitze, befindet sich ein zweigeschossiges Restaurant, das einen Panoramablick auf die zu Füßen liegende Millionenstadt bietet.
Die Etagen werden durch verbindende Treppen und gestaffelte Balkone in den Atrien zu jeweils sechs Stockwerk hohen „Oficcegemeinschaften“ zusammengefasst, die starken interkommunikativen Charakter haben. Die offenen Büroflächen unterstreichen den demokratischen Charakter des Baus. Das Innere des Bürogebäudes ist in einem schlichten Stil gehalten. Das zweigeschossige Eingangsportal wirkt durch die Größenverhältnisse trotz seiner Prunklosigkeit repräsentativ. Die großzügige Höhe wird durch die komplett verglasten Eingangswände, die kanellürenartige vertikale Gliederung der hellgrauen Aluminiumverkleidung der Wände und die glänzenden silbergrauen Stahlsäulen verstärkt. (Abb.16) Die im Eingangsbereich dominierende Schlichtheit, klare einfache Formen und eine in grau und schwarz gehaltene Farbpalette, sind ein Vorgriff auf das restliche Interieur des Gebäudes. In den Büroetagen wird helles Holz mit schwarzen Sitzmöbeln kombiniert, dunkelgrauer Teppichboden mit weißen Wänden. Der minimalistische Stil unterstreicht die Einfachheit und Klarheit des
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Arbeit zitieren:
Elizaveta Petcheniouk, 2008, 30 St Mary Axe London – “Swiss Re Tower”, München, GRIN Verlag GmbH
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