3. Wechsel von den Sätzen zu Satzsystemen
Wissenschaftstheoretisches Problem: Die Bedeutung von Einzelsätzen genügt den Ansprüchen der Empirie nicht. Bereits Pierre Duhem hat darauf hingewiesen, dass die deduktive Strategie, von der Geltung der Folge auf die Richtigkeit der Voraussetzung zu schließen, logisch nicht haltbar ist: Dieselben Schlussfolgerungen können sowohl aus wahren, als auch aus falschen Prämissen folgen. Quine stellt daran anknüpfend fest, dass jede beliebige Hypothese theoretisch unterbestimmt sei, weil der empirische Datensatz jeder wissenschaftlichen Theorie prinzipiell stets durch völlig andere, mit dieser Theorie nicht zu vereinbarenden Aussagen erklärt werden kann. (Duhem-Quine-These).
Analog dazu verweist Quine auf den holistischen Anspruch empiristischer Theorien: Kollidiert ein Einzelsatz einer wissenschaftlichen Theorie mit den gewonnenen Beobachtungsdaten, so problematisiert dies die Gesamtaussage dieser Theorie. Die Bedeutung einer wissenschaftlichen Theorie ist die Summe der einzelnen Satzbedeutungen dieser Theorie. Wohl haben wissenschaftliche Einzelaussagen eine Bedeutung, wir sollten uns aber davor hüten, diese isolieren zu wollen. 4. Methodologischer Monismus
Die Konsequenz aus den vorangegangenen Überlegungen besteht laut Quine darin, wissenschaftliche Arbeitsmethoden aus einem bestimmten Prinzip heraus zu erklären. Bislang basierte der Empirismus (insbesondere von Carnap) auf einer Unterscheidung zwischen Aussagen, welche auf Tatsachen beruhen („analytisch“), und Aussagen, welche nicht auf Tatsachen beruhen („synthetisch“). Aber diese Trennung ist illusorisch, weil alle Aussagen auf extern eingeleiteten Sinnesreizungen basieren. Dies ist der Hauptgegenstand von Quines Kritik in Zwei Dogmen des Empirismus: a) Kritik des ersten Dogmas
„Analytische Wahrheiten“ sind Zuschreibungen von Wahrheitswerten zu atomaren Aussagen.
Solche Zustandsbeschreibungen funktionieren aber nur dann, wenn die atomaren Aussagen von einander unabhängig sind und nicht auf außerlogische Synonyme rekurrieren.
1. Paraphrase: „Atomismus“ der Aussagen. Knappe Zusammenfassung vieler Begriffe in wenigen Begriffen.
2. Explikation: „Holismus“ der Aussagen. Anhand der grammatischen Richtlinien wird das Vokabular ergänzt.
Carnaps Modell erweist sich als zu einfach, weil wir neben den „logischen Wahrheiten“ (1. Klasse) auch noch Aussagen mittels Verwendung von Synonymen (2. Klasse) treffen. Diese 2. Klasse wird in der Carnaps Aussagenlogik nicht berücksichtigt.
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Die Austauschbarkeit von Termen (salva veritate) garantiert nicht die Verwendung angemessener Synonyme.
Definitionen sind i.d.R. Paraphrasen von Thermen durch andere Therme aus einem vertrauten Vokabular. Hier werden also Synonyme eingeführt. Eine Paraphrase reicht aber nicht aus; es kommt darauf an, die Bedeutung einer Definition zu verfeinern bzw. zu ergänzen b) Kritik des zweiten Dogmas
Carnap hat versucht, die Wissenschaft auf Terme aus der direkten Erfahrung zu reduzieren. Die Aussagenlogik lässt jedoch eine direkte Übersetzung von Aussagen über die physikalische Welt in Aussagen über unsere direkte Erfahrung nicht zu.
Die wissenschaftlichen Überzeugungssysteme sind kohärent, stehen aber nur am Rande mit direkter Erfahrung in Berührung. Die logische Verteilung von Wahrheitswerten auf einzelne Aussagen entspricht der Struktur der wissenschaftlichen Systeme. Die Aussagen bleiben unterbestimmt und lassen daher unterschiedliche Auswertungen empirischer Datenerhebungen zu. (Vgl. Duhem-Quine-These).
Die Theorie (der „Mythos”) bestimmt, mit welchen epistemologischen Methoden wir arbeiten. Kein Empirismus kommt ohne theoretische Vorannahmen aus.
Die Dichotomie „analytisch-synthetisch“ ist somit defekt. Die Systematik des Empirismus basiert nicht nur auf „analytischen“ Sätzen, und der empirische Gehalt von Aussagen ist auf das gesamte System der Empirie verteilt, nicht nur auf „synthetische“ Sätze. 5. Naturalismus
These (Quine): Wir müssen das System bzw. die Satzsysteme von innen heraus verbessern. Da alle uns zur Verfügung stehenden Daten und Informationen durch Oberflächenreizungen von Außen zustande kommen, ist Wissenschaft grundsätzlich etwas Eingegrenztes. Dennoch funktioniert Wissenschaft erstaunlich gut. Wir sollten daher vollständig darauf verzichten, wissenschaftliche Aussagen mit
Kontextdefinitionen zu verknüpfen. Ein fruchtbarerer Ansatz scheint nämlich darin zu bestehen, sich auf holistische und systemzentrierte Ansprüche zu beschränken; sie reichen für brauchbare Forschungsergebnisse völlig aus. Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen befruchten sich gegenseitig; ihre Hypothesen können empirisch korrigiert werden. Ein „überwissenschaftliches Tribunal“ würde nicht funktionieren und ist zur Rechtfertigung wissenschaftlichen Arbeitens nicht erforderlich.
Quines Argumentation läuft auf eine neue, revolutionäre Interpretation von Empirie hinaus: Indem er für einen undogmatischen Empirismus plädiert, grenzt Quine wissenschaftliche Erkenntnisprozesse, welche durch eine sinnliche Konfrontation mit der Außenwelt zustande kommen, von allen erkenntnistheoretischen Modellen ab, welche eine scharfe Trennung zwischen gedanklicher Reflexion und experimenteller
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Methode voraussetzen. Die „Welt“ ist gemäß Quines holistischem Ansatz bereits im Schema der Hypothesenbildung enthalten. Da aber jede Hypothese theoretisch unterbestimmt ist, bleibt jede wissenschaftliche Aussage prinzipiell revidierbar. Ein Empirismus ohne Dogma im Sinne Quines ist somit stets offen für Korrekturen und Ergänzungen. Literaturverzeichnis
Quine, Willard Van Orman: Von einem logischen Standpunkt: Neun logischphilosophische Essays, Frankfurt a.M. / Berlin / Wien: Ullstein Verlag, 1979 Ders.: Theorien und Dinge, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1991
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Arbeit zitieren:
Ulrich Goetz, 2009, Über W.V. Quines Essay "5 Marksteine des Empirismus", München, GRIN Verlag GmbH
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