Sachanalyse
Goethes Prosaerzählung mit der charakteristischen Bezeichnung „Novelle“ stellt ein literarisches Werk dar, das sich gesellschaftskritisch sowie politisch äußert, bekannte Legendenmotive sowie biblische Elemente aufgreift und integriert sowie den Menschen in seinen Widersprüchen und Konflikten zwischen Frieden und Jagd, Schöpfertum und Zerstörertum zeigt. 1 Trotz oder gerade wegen dieser Vielschichtigkeit gab es seit dem Erscheinen der Novelle im Jahre 1828 die unterschiedlichsten Stellungnahmen. Während sie unter den Zeitgenossen fast ausnahmslos hohen Respekt genoss, wurde die Kritik nach dem Tod des Autors immer lauter. G. G. Gervinus tat sie als „unsäglich geringfügige Produktion“ 2 ab und G. Benn erklärte sie für eine „lächerlich(e) [...] Karikatur“. 3 Die gegenwärtige Forschung, welche vergleichsweise selten Notiz von der „Novelle“ nimmt, zeigt, dass Bewunderung und Ablehnung einer allgemeinen Gleichgültigkeit gewichen zu sein scheinen. 4 Den Stoff für die Novelle bereits im Jahre 1797 entworfen - damals noch in Form eines epischen Gedichtes mit dem Titel „Die Jagd“ - ließ Goethe ihn auf Raten seiner Freunde Schiller und von Humboldt fallen, um ihn fast 30 Jahr später (1826) wieder aufzunehmen, diesmal allerdings als Prosaerzählung. Zwei Jahre später schließlich erschien Goethes „Novelle“ erstmals im 15. Band der sogenannten „Ausgabe letzter Hand“ zusammen mit weiteren Werken des Dichters. 5 Warum Goethe sein Werk nach der epischen Kurzform Novelle benannt hat, mag daran liegen, dass sie von ihm selbst zum Muster ihrer Gattung erklärt wurde. 6 Der Titel charakterisiert daher weniger den Inhalt des Textes, als dass er vielmehr „auf den Anspruch des Werkes verweist, diese Textsorte mustergültig auszugestalten und gleichzeitig auf deren spezifisches Verständnis zu verweisen.“ 7 Und tatsächlich weist sich der Text als typische Novelle aus: So beginnt er quasi realistisch, indem eine Jagdgesellschaft vorgestellt wird, die kurz vor dem Aufbruch steht. Damit knüpft der Text an das zeitgenössische Verständnis einer Novelle an, die eine Neuigkeit vorstellt, wie sie in einer Zeitschrift stehen könnte. 8 Im Werk zeigen sich gleich mehrere unerhörte Begebenheiten: Zunächst der Ausbruch eines Feuers in der Stadt, welcher zum Entfliehen der wilden Tiere führt, dem vermeintlichen Angriff der Fürstin durch den Tiger und der anschließenden friedlichen Zähmung des Löwen allein durch einen musizierenden Knaben.
1 Vgl. SCHULZ, S. 412-413.
2 SCHULZ, S. 210.
3 Ebd.
4 Vgl. MERKL, S. 209-210.
5 Vgl. BÖHM.
6 Vgl. ebd.
7 BÖHM.
8 Vgl. BÖHM.
2
Interessant scheint, dass dem tatsächlichen Feuer eine Analepse bereits im ersten Drittel der Novelle vorgeschaltet ist, in der das traumatische Branderlebnis des Oheims geschildert wird. Diese Rückwendung auf ein Geschehen in der Vergangenheit wirkt, wenn man den weiteren Verlauf der Geschichte betrachtet, gleichzeitig als vorausdeutendes Mittel, um auf das kommende Unglück hinzuweisen. Die wichtigste Funktion des wirklichen Brandes ist die Freisetzung der Tiere und die Nötigung des Fürsten zum Abbruch der Jagd, alle weiteren Details über die Brandkatastrophe sind für die Erzählung uninteressant. In der Jagd des Tigers durch Honorio gipfelt zum ersten Mal die Erzählung in einem Spannungshöhepunkt. Bei der späteren Zähmung des Löwen durch das Kind geschieht dies ein zweites Mal. Tiger und Löwe gelten dabei als Symbole der Entsagung. 9 Auch der strenge Aufbau des geschlossenen kleinen Werks, welcher auf die Nähe zum Drama verweist, sowie die klare Erzählung der einfachen, wenngleich außergewöhnlichen, Geschichte kennzeichnen den Text als typische Novelle. 10
Ebenfalls charakteristisch für Novellen ist das Vorhandensein von nur sehr wenigen Figuren. In Goethes „Novelle“ treten sieben Personen aktiv in den Vordergrund. Die eine Hauptperson kann nicht ohne Zweifel festgestellt werden. Bei dieser Novelle müssten man wohl eher von mehreren Hauptpersonen sprechen: Fürstin, Oheim, Honorio und vielleicht sogar die Mitglieder der Schaustellerfamilie. Mit Ausnahme von Honorio und des Fürsten Friedrich wird der Leser von den Namen der anderen Figuren nicht in Kenntnis gesetzt. Diese Anonymität bezieht sich ebenfalls auf Zeit- und Ortsangaben. Konträr dazu treten aber auch genaue und realitätsgetreue Beschreibungen auf, wie etwa bei der Akkumulation „der glatte Ahorn, die rauhe Eiche, die schlanke Fichte“, 11 um die Bäume zu beschreiben, die die alte Ruine umranken. So ist die Realität der „Novelle“ genau gezeichnet, Goethe geht es aber ganz offensichtlich nicht um einen dokumentarischen Realismus. 12
Welche von den sieben Personen die Heldenrolle übernimmt, ist nicht leicht auszumachen. Die Fürstin immerhin ist diejenige Gestalt, die mit 85% am häufigsten im Text erwähnt wird. 13 Der Autor beschreibt sie als interessierte, Anteil nehmende Frau von „tätig-lebhaftem Charakter“ 14 mit der Absicht sich bei einem Ausritt „weit in der Welt umzusehen“. 15 Mit Betrachtung auf die zwei bis drei Kilometer Entfernung zur Stammburg erscheint dieser Satz unsinnig, fast ironisch. Die Integration dieser Aussage könnte aber auch als proleptisches
9 Vgl. KLOTZ, S. 13-15.
10 Vgl. SCHULZ, S. 381 & MERKL, S. 211.
11 GOETHE, S. 6.
12 Vgl. SCHULZ, S. 389.
13 Vgl. ebd., S. 400.
14 GOETHE, S. 3.
15 Ebd., S. 8.
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Signal des auktorialen Er-Erzählers verstanden werden, der zu diesem Zeitpunkt ja bereits weiß, dass der Fürstin in der Tat weitaus mehr „Welt“ begegnet, als es für einen üblichen Spazierausritt typisch ist. Zum Zeitpunkt des Auftretens der unerhörten Begebenheiten verhält sich die Fürstin jedoch relativ passiv, gemäß ihrer Geschlechterrolle, während Honorio als Ritter stilisiert „herangesprengt, wie ihn die Fürstin oft im Lanzen- und Ringspiel gesehen hatte“ 16 und das Untier erschießt. Doch auch er kann nicht als Held der Novelle gelten, denn ironischerweise ist das erlegte Tier ein zahmes, sattes Tier und „die Gefährlichkeit des Feindes (hat) sich als Einbildung er(wiesen)“ 17 . Untersucht man das Werk eingehend, gibt es dafür einige Hinweise: So heißt es z.B., dass die Fütterungsstunde, als die Landedlen die Bude passieren, herangekommen schien und später der verschreckte Tiger der flüchtenden Fürstin „nicht mit heftiger Schnelle“ 18 folgt. 19 Es geht Goethe also nicht um die Heldenfrage, sondern vielmehr darum „zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwungen werde [...]“. 20 Dies wird in der Novelle durch den Schausteller-Knaben personifiziert, der durch sein Flötenspiel ohne Melodie und Gesetz den Löwen besänftigt und zähmt. Die rührende, fast kitschig anmutende Schlussszene wird zum Melodrama und vereinigt Legenden aus Christentum und Antike, wie etwa „Daniel in der Löwengrube“, „Hieronymus“ und „Androkles“. Allesamt entwickeln sie das Ideal der wunderbaren Versöhnung von Mensch und Kreatur als reizendes Trugbild. 21 Der Aufbau der „Novelle“ lässt sich mit Hilfe eines Gleichnisses von Goethe zusammenfassen: „so denken Sie sich aus der Wurzel hervorschießend ein grünes Gewächs, das eine Weile
aus einem starken Stengel kräftig grüne Blätter nach den Seiten austreibt und zuletzt mit
einer Blume endet. - Die Blume war unerwartet, überraschend, aber sie mußte kommen;
ja das grüne Blätterwerk war nur für sie da und wäre ohne sie nicht der Mühe wert gewesen.“ 22
Die Blume selbst steht für das Ideelle: die Löwenzähmung durch das Kind. Warum Goethe einen ideellen Vorgang an das Ende seines Werkes setzt, hat mit seiner Einstellung zum Realen zu tun: Durch das Reale kann man laut Goethe zwar von gewissen Dingen eine deutlichere Erkenntnis erlangen, aber durch das Ideelle wird dem Menschen erst aufgezeigt, dass Denken und Handeln auch anders möglich ist. 23 Durch die Idee der „Apotheose des Friedlichen und Harmonischen“ 24 lösen sich übrigens tatsächlich alle Konflikte in seiner
16 Ebd., S. 17.
17 MERKL, S. 218.
18 GOETHE, S. 17.
19 Vgl. MERKL, S. 219.
20 WOLFF, S. 57.
21 Vgl. SCHULZ, S. 385 & MERKL, S. 209.
22 WOLFF, S. 57.
23 Vgl. SCHULZ, S. 386.
24 SCHULZ, S. 387.
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Arbeit zitieren:
Theresa Hiepe, 2010, Johann Wolfgang v. Goethes "Novelle", München, GRIN Verlag GmbH
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