Gliederung
1. Einleitung 1
1.1. Problemstellung 1
1.2. Forschungsstand 2
1.3. Aufbau 5
2. Historisch-geschichtlicher Rahmen 6
2.1. Tauwetter in Sowjetunion 6
2.2. Tauwetter in der DDR 8
3. Die Liberalisierung und ihr schnelles Ende 12
3.1. Der Liberalisierungsprozess 12
3.2. Ende der Freiheit 16
4. Schlussbetrachtung 18
5. Bibliographie 21
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
„Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ 1 , ob diese bekannte Parole der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) der DDR auch auf die Zeit der Tauwetterperiode in der Sowjetunion zutrifft, soll in dieser Arbeit herausgefunden werden. „Zu keiner Zeit vorher oder nachher hat die SED die kulturpolitische Orientierung auf die Sowjetunion so intensiv betrieben wie in den frühen fünfziger Jahren.“ 2 Gab es in der DDR eine Tauwetterperiode ähnlich der in der Sowjetunion in den frühen fünfziger Jahren? Vor allem im Bereich der Kunst und Kultur taten sich für die Intelligenz der Sowjetunion nach Stalins Tod ungeahnte Freiheiten auf. Gab es eine solche Phase künstlerischer Freiheit in der DDR in den Jahren nach Stalins Tod ebenfalls? ! Für die Sowjetunion ist der Zeitraum, der als Tauwetterperiode bezeichnet wird, relativ genau einzugrenzen. Mit Joseph W. Stalins Tod am 5. März 1953, spätestens mit Chruschtschows Geheimrede zum XX. Parteitag der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) vom 14. bis 26. Februar 1956, begann für die russische Gesellschaft und vor allem für die russische Intelligenz eine Periode der Erleichterungen, Freiheiten und Entstalinisierung. Diese positive Entwicklung erhielt im Oktober desselben Jahres einen ersten Dämpfer mit der militärischen Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn. Spätestens die Ablösung Nikita Chruschtschows durch Leonid Breschnew im Oktober 1964 beendete diese Tauwetterperiode. ! In der DDR stellt sich die Situation ein wenig anders dar. Zum einen lässt sich keine so eindeutige zeitliche Eingrenzung vornehmen, zum anderen sind keine so klar erkennbaren Freiheitsgewinne auszumachen wie in der Sowjetunion. Der Tod Stalins stellte in der DDR ebenfalls eine Zäsur dar, allerdings mit weniger starken Auswirkungen als in der UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken). Auch wenn es sich bei der DDR um einen zu der Zeit noch sehr von der Sowjetunion abhängigen Staat handelte, so spiegelte sich die sowjetische politische
1 Groth, Joachim-Rüdiger: Widersprüche : Literatur und Politik in der DDR 1949-1989 : Zusammenhänge, Werke, Dokumente, Frankfurt am Main 1994. S. 24.
2 Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR : 1945-1990, Köln 1995. S. 69.
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Entwicklung doch nicht vollkommen wider. Eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Stalindiktatur fand kaum statt, im Gegenteil. „Am kaltschnäuzigsten verhielt sich Walter Ulbricht. [Er] … schien sich nicht vorstellen zu können, was in den Menschen vorging…. Er erwies sich insofern als Schüler Stalins, als er meinte, man müsse den ganzen Komplex gar nicht zur Sprache bringen.“ 3 Zu dieser Zeit bildeten die Hauptthemen der Diskussion wirtschaftliche und ideologisch Probleme. ! Der Bereich Kunst und Kultur, vor allem im Bezug auf aktive politische Instrumentalisierung, war noch relativ unbedarft. Zwar sollten die Künstler, vorrangig die Schriftsteller, dabei helfen den Sozialismus aufzubauen und dem Volk schmackhaft machen, aber wie später gezeigt wird, war vor allem das Politbüro der Überzeugung, dass dies bisher mit mäßigem Erfolg geschah.
1.2. Forschungsstand
Die Tauwetterperiode Russlands stellte für unzählige Forschungsarbeiten bisher das Schwerpunktthema dar. Eine zusätzliche Verbreiterung der Literaturlage, liefert die historische Analyse und Forschung um Ilja Ehrenburgs Roman „Tauwetter“ 4 von 1954. Dieser Roman ist bekanntlich Namensgeber für die Periode der Entspannung und Liberalisierung in der sowjetischen Politik nach Stalins Tod. Die Möglichkeit einer genauen Eingrenzung des zeitlichen Rahmens führte dazu, dass die Forschung bzgl. der politischen und freiheitlichen Entwicklungen wesentlich umfangreicher ist als für die DDR. Die DDR-Forschung scheint sich auf den ersten Blick vor allem mit dem Unrechtsstaat, seinem Ende und der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung auseinanderzusetzen. Politisch wie auch kulturell ist diese Zäsur in der Sowjetunion wesentlich besser zu erkennen und zu fassen. Gerade dank Chruschtschows Geheimrede zum XX. Parteitag der KPdSU 5 , die ebenfalls zum Gegenstand diverser Analysen wurde, kann man auch die politische Veränderung sehr gut nachvollziehen.
3 Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen : Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945-2000, Leipzig 2001. S. 134. 4 Ėrenburg, Ilʹja Grigorʹevič: Tauwetter : Roman, 2. Aufl., Berlin 1957.
5 Chruščev, Nikita Sergeevič: Die Geheimrede Chruschtschows : über den Personenkult und seine Folgen : Rede des Ersten Sekretärs des ZK der KPdSU, Gen. N. S. Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, 25. Februar 1956 ; Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU über die Überwindung des Personenkults und seiner Folgen : 30. Juni 1956, Berlin [-Ost] 1990.
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Für die DDR stellt sich die Situation problematischer dar. Zwar wurde auch hier viel und umfassend die Literatur und Kunstentwicklung erforscht, allerdings wird die Zeit zwischen Stalins Tod und Breschnews Amtsantritt, sowie die ersten Jahre seiner Herrschaft kaum erwähnt und wenn, dann nur ganz kurz. ! Als Standardwerk der DDR-Literatur(Politik) sei hier „Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000“ 6 von Werner Mittenzwei hervorgehoben. In diesem Werk erschließt Mittenzwei nicht nur die literarischen Entwicklungen der DDR, sondern stellt auch anschaulich dar, wie stark die Kunst von dem System instrumentalisiert wurde. Zu welchen teils grotesken Auswüchsen der Selbstkritik und auch des Lobes, sowie der Verteufelung ein und desselben Künstlers seitens der Regierung es in der DDR kam, wird an mehreren Stellen deutlich aufgezeigt. ! Als zweiten Autor möchte ich auf Wolfgang Emmerich und dessen „Kleine Literaturgeschichte der DDR“ 7 verweisen. Ebenso wie Mittenzwei ist Emmerich ein DDR-Bürger gewesen. Beide analysieren anhand eigener Erfahrungen. Dies birgt neben dem Vorteil des besseren Verstehens und Nachvollziehens die Gefahr der Subjektivität. Wolfgang Emmerich beschreibt und erläutert in mehreren Auflagen die Entwicklung der Literatur- und Kunstgeschichte/-politik der DDR. Dabei ist besonders zu beachten, dass die erste Auflage 1981 zu DDR-Zeiten und in der DDR veröffentlicht wurde. Vor dem Hintergrund, dass er DDR-Bürger war, ist diese Ausgabe systemunkritischer formuliert als die späteren Ausgaben. An vielen Stellen der weiteren Auflagen, mir lag die erweiterte Neuausgabe von 1996 vor, erklärt Emmerich, warum er heute bestimmte Interpretationen unter anderem Blickwinkel sieht und einige Stellen vollkommen neu formuliert wurden. ! Das dritte Werk, welches die Tauwetterperiode in der DDR-Kultur über mehr als nur ein paar Absätze analysiert, ist Eberhart Schulzʻ Hochschulschrift „Zwischen Identifikation und Opposition. Künstler und Wissenschaftler der DDR und ihre Organisationen von 1949 bis 1962“ 8 . Wie der Titel schon andeutet, liegt das Hauptaugenmerk in dieser Analyse auf der organisatorischen Struktur und den einzelnen Organisationsebenen der Künstler. Speziell der Einfluss der SED auf Organisationen der Künstler, sowie die Schaffung solcher, wird von Schulz analy-
6Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen : Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945-2000, Leipzig 2001.
7 Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR, Erw. Neuausg, Leipzig 1996.
8 Schulz, Eberhart: Zwischen Identifikation und Opposition. Künstler und Wissenschaftler der DDR und ihre Organisationen von 1949 bis 1962, Köln 1995.
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siert. Auch er ist DDR-Bürger, scheint mir aber kritischer zu analysieren als Emmerich. ! Wenn man bei der Recherche die Werke der DDR-Literatur mit einbezieht, fällt auf, dass diese Periode des Tauwetters in der Sowjetunion kaum und die in der DDR gar nicht erwähnt wird. In keinem der mir vorliegenden DDR-Lehrbücher zur Literatur scheint in der besagten Dekade in Kunst und Kultur Erwähnenswertes geschaffen oder errungen worden zu sein. Weder die „Kurze Geschichte der Deutschen Literatur“ 9 unter Leitung von Kurt Böttcher und Hans Jürgen Geerdts herausgegeben, noch die Lehrbücher des Schulunterrichts, konkret „Literatur im Überblick“ 10 und „Lehrbuch für den Literaturunterricht in den Klassen 8-10. Zu Entwicklung der Literatur und die bedeutender Dichterpersönlichkeiten“ 11 widmet sich mit dieser Periode in der DDR. Sie wird regelrecht übersprungen. Nach umfangreichen Analysen der Aufbauliteratur und der Literatur der Entnazifizierung gehen diese Bücher direkt in die Untersuchung des Bitterfelder Wegs über. Dass zwischen Aufbauliteratur und Bitterfelder Weg ca. zehn Jahre liegen, unterschlagen sie dabei. ! Das in der BRD erschienene „DDR Lesebuch. Stalinisierung 1949-1955“ 12 setzt sich hingegen ausführlich mit der Tauwetterperiode auseinander. Die Herausgeber Ilse Spittmann und Gisela Helwig versuchen unter Zuhilfenahme von Originaldokumenten, Zeitungsberichten und ähnlichen Quellen die kulturpolitische Entwicklung in der DDR seit 1949 nachzuzeichnen. Sicher ist ihre Analyse in dem 1991 erschienenen Lehrbuch vom Fall der Mauer gekennzeichnet, ermöglicht aber eine etwas andere Sicht auf die Situation, wie sie sich in den zu analysierenden Jahren darstellte. Vor allem die Aneinanderreihung von Quellen und das nahezu vollständige Fehlen von Erläuterungen eröffnet dem Leser eine ganz andere Art die Veränderungen zu erfassen, als es die anderen Werke ermöglichen. Statt zu erklären, wie sich die Lage änderte, wird diese Veränderung beim Lesen der offiziellen Dokumente, Gedichte und Roman-/Zeitungsausschnitte für den Leser erkennbar. Die von den Autorinnen verwendeten Primärquellen stellen einen großen Querschnitt durch die BDR- und DDR-Tageszeitungen, offizielle Dokumente, Kir-
9Böttcher, Kurt u.a.: Kurze Geschichte der deutschen Literatur, Berlin[-Ost] 1981.
10 Bütow, Wilfried: Literatur im Überblick, Berlin 1990.
11 Zacharias, Prof. Dr. Ernst-Ludwig: Lehrbuch für den Literaturunterricht in den Klassen 8-10. Zur Entwicklung der Literatur und bedeutender Dichterpersöhnlichkeiten, Berlin 1974.
12 Sittmann, Ilse; Helwig, Gisela (Hrsg.): DDR-Lesebuch. Stalinisierung 1949 - 1955, Köln 1991.
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Arbeit zitieren:
Hendryk Zihang, 2009, Tauwetter in der DDR?, München, GRIN Verlag GmbH
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