Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Form und Hintergründe 4
II.1. Historische Wurzeln des Nibelungenliedes 4
II.2. Zur Entstehung des Nibelungenliedes 5
II.3. Strophenform und Metrik 6
III. Textüberlieferung 7
III.1. A, B oder C - der Handschriftenstreit 7
III.2. Nôt oder Liet - Die Fassung C 8
IV. Hagen und Kriemhild 10
IV.1. Hagens untriuwe 11
IV.2. Kriemhild. 15
IV.2.1. Kriemhilds Rache 15
IV.2.2. Kriemhilds triuwe. 19
IV.2.3. Der Königinnenstreit 19
IV.2.4. Kriemhild, die vâlandinne 21
V. Resümee. 22
VI. Literatur 23
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I. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit wird auf Differenzen zwischen der nôt- und der liet-Fassung des Nibelungenliedes eingegangen anhand der „geradezu tendenziös“ 1 unterschiedlichen Bewertung der beiden Figuren Kriemhild und Hagen.
Das Nibelungenlied ist eine aus vormittelalterlichen Sagenkreisen miteinander verwobene, mittelalterliche Dichtung, die aus 39 (C 38) Aventiuren besteht und zwischen der 19. und 20. Aventiure in zwei Hauptteile untergliedert werden kann. Obgleich im ersten Teil Siegfried und im zweiten Teil Hagen handlungstragend sind, stellt Kriemhild das verbindende Element zwischen den beiden Hauptteilen des Nibelungenliedes dar. 2 Sie ist die erste Protagonistin, die genannt und vorgestellt wird (B2, C2) 3 und die letzte die am Ende erschlagen wird und stirbt (B 2377,1f., C 2437,1f.). Kriemhilds Rachewille aufgrund der Ermordung ihres geliebten Mannes Siegfried durch Hagen führt letztlich zum Untergang der Nibelungen 4 . Was in mittelalterlichen Texten außerhalb des Nibelungenliedes über den Sagenstoff gesagt wird, verbreitet ganz überwiegend das Bild von einer skrupellosen, männer-mordenden, verräterischen Frau. 5 Bei Wilhelm Grimm findet sich der Beleg für das mittelalterliche Sprichwort „ze Kriemhild hochzit laden“ mit der Bedeutung: eine hinterlistige Tat ausführen. 6 Im Nibelungenlied wird dieses Bild von Kriemhild als dem Inbegriff des Verräterischen und
1 Werner Hoffmann: Das Nibelungenlied. Sammlung Metzler Bd. 7. 6. überarb. und erw. Aufl. des Bd. „Nibelungenlied“ von Gottfried Weber und Werner Hoffmann. Stuttgart 1992. S. 86.
2 Edward R. Haymes gibt zu bedenken, das Kriemhild nicht die Hauptfigur des Epos ist (obgleich sogar zwei ma. Handschriften ihren Namen als Titel für das ganze Werk benutzen), sondern eine eher sekundäre Funktion innehat. „Diejenigen, die Kriemhilt zur Hauptfigur einer Tragödie machen wollen, sind der Frau zum Opfer gefallen, der auch Sîvrit verfallen ist.“ Vgl. Edward R. Haymes: Das Nibelungenlied. Geschichte und Interpretation. München 1999. S. 117ff. Zitat auf S. 122. Elisabeth Lienert gibt ihm indirekt recht, wenn sie davon spricht, dass Kriemhild nur verschiedene Rollen durchläuft aber (im Ggs. zu Siegfried und Hagen) keine Entwicklungsstadien. Vgl. Elisabeth Lienert: Perspektiven der Deutung des Nibelungenliedes. S. 91ff. In: Joachim Heinzle / Klaus Klein / Ute Obhof (Hg.): Die Nibelungen. Sage - Epos - Mythos. Wiesbaden 2003. S. 91-108.
3 Da ich in dieser Arbeit auf Unterschiede zwischen der Handschrift B und der Handschrift C des NL eingehen werde, werde ich Textzitate immer entsprechend kennzeichnen. Alle B-Zitate werden nach Bartsch-de Boor-Grosse 1997 zitiert, alle C-Zitate nach Schulze 2005. Die Übersetzungen sind von mir. Auf eine Kennzeichnung der Redaktionen mit Asterisk (*A,...) wird wo nicht unbedingt nötig verzichtet. Diese Strophe ist in B nach Bartsch-de Boor-Grosse und C die zweite, obgleich sie in der erhaltenen St.Gallener Hs. B die erste Strophe ist, da sie die berühmte Einleitungsstrophe: „Uns ist in alten maeren...“ nicht enthält.
4 Als Nibelungen werden die jeweiligen Hortbesitzer bezeichnet. Als Siegfried Schilbung und Nibelung besiegt und den sagenhaften Nibelungenhort gewinnt, bleibt der Name der Nibelungen mit ihm verbunden, wenngleich er nirgends im Lied direkt als Herr der Nibelungen bezeichnet wird. Nach seinem Tod geht der Hort in Kriemhilds Besitz über und schließlich durch den Raub am Ende des ersten Teils des Nibelungenliedes in den Besitz Hagens und der drei Könige. Im zweiten Teil des Nibelungenliedes wird der Name Nibelungen synonym für Burgunden verwendet.
5 S. Jan-Dirk Müller: Sage - Kultur - Gattung - Text. S. 124. In: Christoph Fasbender (Hg.): Nibelungenlied und Nibelungenklage. Neue Wege der Forschung. Darmstadt 2005. S. 123-137.
6 Wilhelm Grimm: Die deutsche Heldensage. 4. Auflage. Darmstadt 1957. S. 324.
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Bösen in Frage gestellt. Hier wird ihr Verrat und Mord an ihren Verwandten auf eine höchst komplizierte Vorgeschichte zurückgeführt, an deren Anfang ein vil edel magedîn heranwächst, der erst ein übergroßes Leid zugefügt wird, bevor sie zur grausamen Rächerin mutiert. In der Handschrift C wird mehr noch als in der Handschrift B versucht Kriemhild zu entlasten und zu entschuldigen. Im Gegensatz dazu wird in C Kriemhilds Gegenspieler Hagen von Tronje belastet und als böse und treulos dargestellt.
Der Fokus dieser Arbeit soll auf den unterschiedlichen Bewertungen Hagens und Kriemhilds in der B- und der C-Fassung liegen. Ich werde also, nachdem ich kurz auf Form und Hintergründe des Nibelungenliedes eingehe, ein stärkeres Augenmerk auf die textliche Überlieferung werfen und dabei v.a. auf Unterschiede zwischen der B- und der C-Fassung, also zwischen der nôt- und der liet-Version des Nibelungenliedes, die exemplarisch an der unterschiedlichen Bewertung von Hagen und Kriemhild festgemacht werden.
II. Form und Hintergründe
Heldenepik enthält einen historischen Kern.
U. Schulze
Das Nibelungenlied ist ein in strophenform verfasstes Heldenepos, in dem mündlich überlieferte, historisch verbriefte - aber nicht notwendigerweise miteinander in Beziehung gestanden habende - Ereignisse dichterisch miteinander verwoben und auf menschliches Handeln und Versagen rückgeführt und damit für ein Publikum begreifbar und erklärbar gemacht werden. Historische Wurzeln lassen sich v.a. im zweiten Teil des Nibelungenliedes finden.
II.1. Historische Wurzeln des Nibelungenliedes
Die drei Burgundenkönige, Gunther, Gernot und Giselher können historisch zurückgeführt werden, ebenso Hunnenkönig Etzel und sein Bruder Blödel und Dietrich von Bern. Eine Schlacht um 436, in der die Burgundenkönige Gibica, Gundomaris, Gislaharius und Gundaharius vom weströmischen Heermeister Aëtius auf den Katalaunischen Feldern vernichtend geschlagen und große Teile ihres Volkes getötet wurden, ist in der Chronica Gallica und in der Lex Burgundionum dokumentiert.
Hinter Etzel steht Hunnenkönig Attila 7 , der seit 434 - nach der Ermordung seines Bruders Bleda - bis zu seinem Tod durch Blutsturz in der Brautnacht mit seiner germanischen Frau
7 Aus Attila wird Etzel: Das i der zweiten Silbe bewirkt den Primärumlaut. Die zweite „hochdeutsche“ LV verschiebt tt zu tz. Außerdem tritt die mhd. Nebensilbenabschwächung ein.
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Hildico 8 im Jahr 453 Alleinherrscher über das Volk der Hunnen ist. Er war damit ein Zeitgenosse Gundahars hat aber erst im Jahr 451 auf den Katalaunischen Feldern gekämpft und zwar seinerseits gegen Aëtius, der in diesem Jahr von Hilfstruppen aus dem umgesiedelten restlichen Stamm der Burgunden unterstützt wurde. Hinter Dietrich von Bern steht Theoderich der Große (493 - 526), dessen Vater Theodemer gegen die Söhne Attilas kämpfte und dazu beitrug die germanischen Stämme von der hunnischen Herrschaft zu befreien. Obgleich Gunther und Attila sich möglicherweise nicht einmal gekannt haben und beide Dietrich von Bern zu Lebzeiten gar nicht kennen konnten, wurden alle drei Sagenkreise schon in früheren Geschichtsschreibungen miteinander verwoben 9 . Für den ersten Teil des Nibelungenliedes ist es schwieriger eine historische Grundlage auszumachen. Verschiedene historische Persönlichkeiten ließen sich an der Siegfried- und auch an der Brünhild-Figur festmachen. Sowohl die fränkische Geschichtsschreibung als auch nordische Sagen bieten Stoff dafür. Die meisten Versuche bleiben jedoch spekulativ 10 .
II.2. Zur Entstehung des Nibelungenliedes
Über die Entstehung und Überlieferung des Nibelungenliedes herrscht in der Forschung auch heute noch Uneinigkeit. Allerdings dominiert die Ansicht, dass, nachdem die verschiedenen Sagen(kreise) über die Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert und damals schon miteinander verwoben wurden, ein Dichter sie im 12. Jh. zu der heute überlieferten Nibelungendichtung verbunden und verschriftlicht hat, der von Hans Fromm sogenannte buoches meister. Er bleibt, wie es für Heldenepik „gattungscharakteristisch“ 11 ist, anonym, da er sich als Teil einer (mündlichen) Überlieferungstradition versteht. Trotzdem kann er als Dichter des Nibelungenliedes verstanden werden, da er (wohl als erster) die beiden Hauptteile, die Siegfried-Brünhild-Sagenkreis und den Untergang der Burgunden miteinander verknüpft hat 12 .
Weiterhin wird angenommen, dass Passau der Entstehungsort des Nibelungenliedes ist 13 , und
8 mögliche Diminutivform von -hild: „Hildchen“.
9 Vgl. Hoffmann: S. 43f.
10 Vgl. Ursula Schulze: Das Nibelungenlied. Stuttgart 2003. S. 63f.
11 vgl. Hoffmann: S. 101.
12 Fest steht und am Text festmachen lässt sich allerdings, dass es sich um einen homo litterarus gehandelt haben muss, Fritz Peter Knapp hält ihn zweifellos für einen clericus, jemanden, der sich auf der Höhe der geistigen und geistlichen Bildung seiner Zeit befunden hat, nicht nur was deutschsprachige, sondern auch was französische und mittellateinische Dichtungen anbelangt. Darüber hinaus lässt sich nichts beweisen, weder sein Name, noch sein Stand, noch sein Geschlecht.
13 Passau wird in allen Hss. des Nibelungenliedes genannt, ohne jedoch ein bestimmender Ort für die Handlung zu sein. Bischof Pilgrim von Passau, bei dem Kriemhild und später ihre Brüder auf der Reise ins Hunnenland einkehren, ist deren Onkel. Die Ortskenntnisse des Verfassers sind in der Passauer Gegend unbestritten gut. Ein biscof Pilgerîn von Pazowe (v 4295) wird als Auftraggeber des Nibelungenliedes in der Klage erwähnt, ist aber als Auftraggeber nicht zu beweisen, bei diesen Versen könnte es sich auch um einen topischen
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zwar während der Amtsjahre des Passauer Bischofs Wolfger von Erla (1191-1204), der als Literaturmäzen bekannt ist.
Damit wäre auch der Entstehungszeitraum des 'originalen' Nibelungenliedes auf Wolfgers Amtsjahre einzugrenzen. Dieser zeitliche Rahmen ist auch dann plausibel, wenn man annimmt, dass Wolfram von Eschenbach die nachträgliche Bearbeitung und heute als C-Fassung des Nibelungenliedes bekannte Version bei seiner Arbeit am Parzival um 1205/06 bereits bekannt war 14 . Die bis heute erhaltene vollständige Handschrift C des Nibelungenliedes wird von der Paläographin Karin Schneider ins zweite Viertel des 13. Jhs. datiert.
II.3. Strophenform und Metrik
Die Nibelungenstrophe besteht aus vier paargereimten Langzeilen, unterteilt in zwei Halbzeilen, dem An- und dem Abvers. Teilweise finden sich auch bei den Anversen Binnenreime. Der Anvers ist vierhebig und endet meist in einer zweisilbig klingenden Kadenz. Die ersten drei Abverse sind dreihebig und enden meist mit einer ein- oder zweisilbig vollen Kadenz. Der vierte Abvers ist ebenfalls vierhebig, er besitzt die metrische Funktion, die Sinneinheit der Strophe hörbar zu machen. An ihm zeigt sich besonders deutlich die Verbindung von Aussage und metrischer Beschaffenheit. Oft wird die letzte Strophenzeile vom Verfasser für inhaltlich wichtige Dinge benutzt, um innere Spannung 15 und düstere Vorahnungen zu erzeugen, und für Prophezeihungen, beispielsweise dass die beschriebene Freude bald in großes Leid umschlagen wird.
Der Verfasser hat Strophenform und Reimschema recht konsequent durchgeführt, wenngleich es durchaus Abweichungen von der Idealform gibt, bsp. durch Kadenzwechsel. Auch hat der C-Redaktor manche metrischen Unstimmigkeiten in seiner Fassung geglättet, so hat er z.B. als dreisilbig lesbare letzte Abverse zu normalen Vierhebern umgeformt:
(B 200,4b) nâch Helchen grôziu leit
(B 1389,4b) Rekurs auf Augenzeugenberichte zur Wahrheitsbeteuerung handeln. Möglich ist, dass damit Wolfger von Erla, der nach seiner Teilnahme am Kreuzzug 1197/98 selbst als Pilger zu bezeichnen war, eine Huldigung dargebracht werden sollte.
14 Festgemacht wird dies v.a. an zwei Punkten: Einmal an Küchenmeister Rumolt, der von Liddamus im Parzival zitiert wird, und zweitens anhand der beiden orientalischen Namen Zazamanc und Azagouc, die in beiden Werken auftreten. Beide Punkte werden jedoch kontrovers diskutiert, vgl. Hoffmann: S. 104ff.
15 Zum Unterschied zwischen innerer und äußerer Spannung vgl. Hoffmann: S. 116.
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Arbeit zitieren:
Marion Lichti, 2008, Dô der strît niht anders kunde sîn erhaben, München, GRIN Verlag GmbH
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